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Geschichte des Peloponnesischen Krieges

Perseus Greek · Perseus Greek · 2,363 sections

  1. 1.126.1

    In der Zwischenzeit schickten die Lakedämonier wieder­ holt Gesandte nach Athen, um dort allerlei Beschwerden zu erheben, damit sie, wenn sie erfolglos blieben, um so besseren Vorwand zum Kriege hätten. Das erstemal ließen sie die Athener aufforden, den Frevel gegen die Göttin zu sühnen. Mit diesem Frevel aber hing es so zusammen.

  2. 1.126.2

    Vorzeiten lebte in Athen ein gewisser Kylon, ein angesehener Mann aus vornehmem Hause, der in Olympia gesiegt und eine Tochter des Tyrannen Theagenes in Megara zur Frau hatte. Dieser Kylon erhielt auf eine Anfrage beim delphischen Orakel vom Gotte die Antwort, er solle sich am größten Feste des Zeus der Burg von Athen bemächtigen. Mit Hilfe einer Hand­ voll Bewaffneter, die ihm Theagenes geschickt, und im Verein mit seinen Anhängern bemächtigte er sich denn auch in der Absicht, sich zum Tyrannen zu machen, der Burg zu der Zeit, wo im Peloponnes die olympischen Spiele gehalten wurden. Er nahm nämlich an, daS wäre das größte Fest des Zeus, und er zumal als Sieger in Olympia dürfe die Sache so an­ sehen. Ob aber dabei nicht etwa das größte Fest in Attika oder sonstwo gemeint gewesen war, daran hatte er nicht ge­ dacht, und auch das Orakel hatte sich darüber nicht ausge­ sprochen. In Athen nämlich gibt es auch ein Fest, die Diasia, das man das größte Fest des Zeus Meilichios nennt und außerhalb der Stadt feiert, an dem alle Welt opfert, viele freilich keine Opfertiere, sondern nur die landesüblichen Opfer­ kuchen. Er glaubte das Orakel eben richtig verstanden zu haben und führte sein Vorhaben aus. Kaum aber war das in Athen ruchbar geworden, als die Athener von den Feldern in hellen Haufen zusammenströmten, vor die Burg rückten und ihn und seine Anhänger darin belagerten. Als es ihnen mit der Belagerung dann aber doch zu lange dauerte, verlief sich die Menge, und man überließ die Bewachung der Burg und alle weiter erforderlichen Anordnungen den neun Archonten nach eigenem Ermessen. Damals nämlich lag das Stadtregiment so gut wie ganz in den Händen der neun Archonten. Kylon aber und seine Leidensgefährten gerieten infolge der Belage­ rung in große Not, da sie nichts mehr zu essen und zu trinken hatten. Ihm selbst und seinem Bruder freilich gelang es, zu entkommen. Die übrigen aber, soweit sie nicht bereits Hungers gestorben waren, setzten sich in der Verzweiflung auf den Burg­ altar. Als die Athener, welche die Wache hatten, sahen, daß sie hier an geweihter Stätte sterben würden, sicherten sie ihnen freies Geleit zu und führten sie hinaus, töteten sie aber hinterher dann doch. Einige, die sich unterwegs' auf die Altäre der hehren Göttinnen gesetzt hatten, wurden ebenfalls von ihnen umgebracht. Seitdem galten diese Leute und ihre Nachkommen als ein fluchbeladenes Geschlecht und als Frevler gegen die Göttin. Die Athener aber vertrieben dies fluchbeladene Ge-E schlecht, und später wurde es von dem Lakedämonier Kleomenes und der in den Verfassungskämpfen in Athen ans Ruder ge­ langten Partei abermals vertrieben, wobei diesmal nicht nur die Lebenden auSgetrieben, sondern auch die Gebeine der Toten ausgegraben und in alle Winde zerstreut wurden. NachmalS kehrte es dann freilich doch zurück, und es findet sich in seinen Nachkommen noch heute in der Stadt.

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    Diesen Frevel zu sühnen, verlangten die Lakedämonier also von den Athenern, angeblich, um die Götter zu versöhnen, in Wahrheit aber, weil sie wußten, daß Perikles, der Sohn des Xanthippos, durch seine Mutter mit jenem Geschlechte verwandt war, und sie nach dessen Vertreibung mit den Athe­ nern leichter fertig zu werden dachten. Und wenn sie auch nicht grade darauf rechneten, daß es wirklich dazu kommen l würde, so durften sie immerhin hoffen, seine Stellung in der Stadt würde darunter leiden, wenn es hieße, daß es doch mit um dieser Verwandtschaft wegen zum Kriege komme. Denn Perikles war zu der Zeit der mächtigste Mann und, solange er an der Spitze stand, stets ein Gegner der Lakedämonier. Von Nachgiebigkeit gegen sie wollte er nichts wissen, sondern die Athener zum Kriege treiben.

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    Demgegenüber verlangten die Athener aber auch von den Lakedämoniern, sie sollten den Frevel von Tainaron sühnen. Die Lakedämonier hatten nämlich früher mal Heloten, welche in dem Poseidontempel zu Tainaron Schutz gesucht, von dort abgeführt und getötet, und daS war auch nach ihrer eigenen Meinung die Ursache des großen Erdbebens in Sparta gewesen. Außerdem aber verlangten sie von ihnen die Sühne des Frevels gegen die Chalkioikos. Damit aber hatte es folgende Bewandt­ nis. Nachdem der Lakedämonier Pausanias von den Spar­ tanern das erstemal vom Oberbefehl am Hellespont ab­ berufen und in Untersuchung gezogen, aber freigesprochen war, wurde er von Staats wegen nicht wieder hinausgeschickt. Da­ gegen nahm er auf eigene Hand eine hermionische Triere und fuhr damit ohne Auftrag der Lakedämonier nach dem Hellespont, angeblich, um mit für die Griechen zu fechten, in der Tat aber, um dort die Geschäfte des Perserkönigs zu betreiben, wie er das früher auch schon getan hatte, weil er selbst König von Griechenland werden wollte. Eine Aufmerksamkeit, die er dem König erwies, war der erste Schritt gewesen, um mit ihm anzuknüpfen. Bei der Einnahme von Byzanz, damals bei seiner ersten Anwesenheit dort nach dem Abzüge von Cypern, waren unter der persischen Besatzung der Stadt auch mehrere nahe Verwandte des Königs in seine Hand gefallen. Diese schickte er, ohne daß die übrigen Bundesgenossen darum wußten, dem König heimlich zurück, indem er vorgab, sie seien ihm entflohen. Er bediente sich dazu der Hilfe des Eretriers Gongylos, dem er die Stadt Byzanz und die Gefangenen anvertraut hatte. Auch gab er Gongylos einen Brief an den König mit, in dem er ihm, wie sich das später herausstellte, folgendes ge­ schrieben hatte: „Ich, Pausanias, Spartas Oberfeldherr, will Dir eine Freude machen und schicke Dir deshalb diese meine Kriegsgefangenen. Sofern es auch Dir genehm ist, bin ich bereit, Deine Tochter zu heiraten und Sparta und ganz Griechenland unter Deine Herrschaft zu bringen. Dazu glaube ich im Bunde mit Dir imstande zu sein. Bist Du geneigt, darauf einzugehen, so schicke mir einen zuverlässigen Mann an die See, durch den wir weiter miteinander verhandeln können."

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    So viel ergab sich aus dem Briefe. Xerxes aber war über den Brief sehr erfreut und schickte Artabazos, Pharnakes' Sohn, an die See, den er zugleich an Stelle deS Megabates, des bisherigen Statthalters der Satrapie Daskylion, zu dessen Nachfolger ernannte. Auch befahl er ihm, ein ihm für Pau­ sanias mitgegebenes Antwortschreiben diesem unter Hinweis auf das Siegel schleunigst zustellen zu lassen und alle in An­ gelegenheiten des Königs ihm von Pausanias erteilten Befehle pünktlich zu befolgen. An seinem Bestimmungsorte angelangt, übersandte Artabazos den ihm erteilten Befehlen gemäß auch das Schreiben an Pausanias. Die Antwort lautete: „König Xerxes erwidert dem Pausanias folgendes: Der gute Dienst, den Du mir dadurch erwiesen, daß Du mir die Männer wohl­ behalten von drüben aus Byzanz zurückgesandt hast, soll Dir in unserem Hause für immer angeschrieben sein; auch bin ich mit Deinen Vorschlägen völlig einverstanden. Laß Dich Tag und Nacht nicht abhalten, Deinen mir angedeuteten Plan weiter zu verfolgen. An Gold und Silber und allem, was Du an Truppen dazu etwa bedarfst, soll es Dir nickt fehlen. Ich habe Dir Artabazos, einen zuverlässigen Mann, geschickt; ihm kannst Du trauen und mit ihm alles Weitere verabreden, wie es meinen und Deinen Interessen entspricht."

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    Pausanias, der schon vorher als Oberbefehlshaber bei Platää als großer Herr aufgetreten war, überhob sich nach Empfang dieses Schreibens erst recht; er meinte schon nicht mehr nach Landessitte leben zu können, legte persische Kleidung an, umgab sich nach dem Aufbruch von Byzanz auf dem Wege durch Thrakien mit einer aus Persern und Ägyptern bestehenden Leibwache, richtete seine Tafel persisch ein und vermochte auS seiner Gesinnung so wenig Hehl zu machen, daß er schon da­ mals im kleinen verriet, wie er es später im großen treiben würde. Nicht leicht erhielt man Zutritt bei ihm, und sein hochfahrendes Benehmen gegen jedermann ohne Unterschied machte jeden Verkehr mit ihm unmöglich. Hauptsächlich da­ durch wurden ja auch die Bundesgenossen den Athenern in die Arme getrieben.

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    Eben darum hatten ihn auch die Lakedämonier, als sie davon gehört, schon das erstemal abberufen, und diesmal, wo er ohne ihr Geheiß mit dem hermionischen Schiffe ausgefahren war, machte er es anscheinend wieder ebenso. Als ihm die Athener in Byzanz den Stuhl vor die Tür gesetzt hatten, war er nicht nach Sparta zurückgekehrt, sondern hatte sich nach Kolonai in Troas begeben und dem Vernehmen nach mit den Persern eingelassen, so daß man sich von seinem längeren Aufenthalt dort nichts Gutes versprechen konnte. Das wurde den Lakedämoniern schließlich doch zu viel, und die Ephoren schickten ihm einen Herold mit einem Bandschreiben und dem Befehl, im Geleit des Heroldes sofort zurückzukommen, widrigen­ falls ihm Sparta damit den Krieg erkläre. Er aber kehrte, um sich nicht noch verdächtiger zu machen, und in der Hoff­ nung, sich mit Geld aus der Schlinge ziehen zu können, zum zweitenmal nach Sparta zurück. Hier ließen die Ephoren ihn zunächst gefangennehmen, wozu sie auch den Königen gegenüber befugt sind; nachher aber setzte er dann doch seine Freilassung durch, indem er sich bereit erklärte, sich jedem, der ihm etwas beweisen wolle, vor Gericht zu stellen.

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    Auch hatten die Spartaner, weder die Regierung noch seine Feinde, keine genügenden Beweise in Händen, um einen Mann aus königlichem Hause, der zudem eben jetzt die höchste Würde bekleidete, zur Strafe ziehen zu können. Pausanias war nämlich ein Vetter und als solcher Vormund des noch minderjährigen Königs Pleistoanax, des Sohnes des Leonidas. Immerhin hatte er sich durch Verstoß gegen die heimische Sitte und die Annahme persischer Lebensweise in hohem Grade ver­ dächtig gemacht, daß er sich gegen die bestehende Ordnung auflehnen wolle, und man sah sich deshalb danach um, was er sich in dieser Beziehung etwa noch weiter habe zuschulden kommen lassen. So hatte er sich schon früher herausgenommen, auf den Dreifuß, den die Griechen von der Perserbeute nach Delphi gestiftet hatten, eigenmächtig folgende Inschrift zu setzen: Weil er als Führer der Griechen die Heere der Meder vernichtet, Weihte Pausanias dir, Phoibos, dieses Geschenk.

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    Diese Verse hatten die Lakedämonier auf dem Dreifuß damals gleich wieder beseitigen lassen und statt dessen die Namen der Städte daraus angebracht, von denen das Weihgeschenk nach ihrem gemeinsamen Siege über die Perser gestiftet worden war. Hatte man das Pausanias immer schon verdacht, so machte sein jetziges Gebaren eS vollends wahrscheinlich, daß er schon damals ähnliche Pläne gehabt habe. Weiter hieß es, er habe sich auch mit den Heloten eingelassen, und das war auch an dem; denn er hatte ihnen Freiheit und Bürgerrecht versprochen, falls sie sich auch empören und gemeinschaftliche Sache mit ihm machen würden. Aber wenn auch Aussagen einiger Heloten gegen ihn vorlagen, konnte man sich nach dem in Sparta stets befolgten Grundsatze, niemals übereilt und ohne die unzwei­ deutigsten Beweise einen Spartiaten scharf anzufassen, noch immer nicht zu einem auffallenden Schritt gegen ihn ent­ schließen, bis dann ja, wie es heißt, der Bote, welcher dem Artabazos seinen letzten Brief an den König überbringen sollte, ein junger Mensch aus Argylos, der früher mal sein Lieb­ ling und ihm bis dahin treu ergeben gewesen war, ihn an die Ephoren verriet. Dem war es aufgefallen, daß von den früheren Boten keiner wieder zurückgekommen war. Daraus hatte er Verdacht geschöpft und den Brief geöffnet, nachdem er vorher das Siegel nachgemacht, um sich nicht zu verraten, falls er einen falschen Verdacht gehabt haben sollte oder Pausanias, um etwas in dem Briefe zu ändern, ihn zurück- fordern würde. Und wie er etwas derart vermutet, stand auch wirklich darin, man solle ihn töten.

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    Als er den Brief den Ephoren gezeigt, waren diese im Grunde von der Schuld des Pausanias schon überzeugt, wünschten aber aus dessen eigenem Munde zunächst auch selbst etwas zu hören. Auf ihre Veranlassung begab sich der Mensch als Schutzflehender nach Tainaron, ließ sich dort eine Hütte mit einer Scheidewand darin bauen und ein paar Ephoren sich da­ hinter verstecken. Und hier konnten sie nun, als Pausanias ihn dort aufsuchte und nach dem Grunde seiner Flucht fragte, alles deutlich mit anhören. Wie der Mensch ihm vorhielt, was er seinetwegen in den Brief geschrieben, und alles Punkt für Punkt mit ihm durchging, - daß er ihn, wo immer er sich in den Verhandlungen mit dem Könige seiner Hilfe bedient, niemals bloßgestellt oder in Ungelegenheit gebracht habe und nun zum Lohn dafür wie alle seine anderen Boten obendrein die Ehre haben solle, getötet zu werden, - und wie Pausanias das alles zugab und ihn bat, ihm deshalb jetzt nicht weiter böse zu sein, auch sich dafür verbürgte, daß er sich ohne Gefahr aus dem Heiligtum entfernen könne, und ihn schließlich auf­ forderte, schleunigst abzureisen, damit die Verhandlungen nicht ins Stocken kämen.

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    Nachdem die Ephoren das alles mit angehört hatten und nunmehr von seiner Schuld völlig überzeugt waren, kehrten sie in die Stadt zurück, um ihn dort verhaften zu lassen. Allein, heißt es,, als man ihn auf der Straße hätte festnehmen wollen und er dabei einem der auf ihn zukommenden Ephoren die Absicht auf dem Gesicht angesehen, auch von einem anderen einen wohlgemeinten Wink erhalten habe, sei er ihnen ent­ sprungen und in das in der Nähe befindliche Heiligtum der Chalkioikos geflohen, wo er sich, um nicht unter freiem Himmel den Unbilden der Witterung ausgesetzt zu sein, in ein zum Tempel gehöriges kleines Haus zurückgezogen und ruhig zu­ gegeben habe. Die Ephoren waren diesmal allerdings zu spät gekommen. Hernach aber ließen sie das Dach und die Türen des Hauses abnehmen und ihn, nachdem sie aufgepaßt, daß er wirklich drin war, darin einmauern. Darauf stellten sie Wachen um das Haus, um ihn auszuhungern. Als sie merkten, daß es mit ihm zu Ende ging, brachten sie ihn, eben noch lebend, aus dem Bereich des Tempels ins Freie, wo er gleich darauf verschied. Anfangs wollten sie ihn wie andere Verbrecher in den Kaiadischen Schlund werfen, dann aber ließen sie ihn doch irgendwo in der Nähe begraben. Später gebot der delphische Gott den Lakedämoniern, das Grab an die Stelle zu verlegen, wo er gestorben war - und wo er noch jetzt, wie eine In­ schrift an den Säulen zeigt, im Vorhofe des Tempels liegt auch wegen des Frevels, dessen sie sich durch die Tat schuldig gemacht, der Chalkioikos für ein Mannsbild zwei wiederzu­ geben. Sie ließen denn auch zwei eherne Standbilder an­ fertigen und für Pausanias dort auftsellen.

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    Die Sühne dieses Frevels, wofür ihn ja auch der Gott selbst erklärt habe, verlangten die Athener also jetzt ihrerseits von den Lakedämoniern. Nach dem Tode des Pausanias schickten die Lakedämonier Gesandte nach Athen, um auch Themistokles zu beschuldigen, daß er sich, wie sich das in der Untersuchung gegen Pausanias herausgestellt, so gut wie dieser mit den Persern eingelassen habe, und verlangten, daß er dafür ebenso bestraft würde, wozu sich die Athener auch bereit er­ klärten. Themistokles aber war bereits durch den Ostrakismos verbannt und befand sich damals in Argos oder doch auf Reisen im Peloponnes. Sie sandten deshalb in Gemeinschaft mit den Lakedämoniern, die dazu gern die Hand boten, Häscher gegen ihn aus mit dem Befehl, wo immer sie ihn anträfen, sich seiner zu bemächtigen.

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    Themistokles aber erhielt davon rechtzeitig Wind und entfloh auS dem Peloponnes zu den Kerkyräern, deren alter Gönner er war, und als die ihm erklärten, sie könnten ihn nicht bei sich behalten, weil sie fürchten müßten, sich dadurch die Feindschaft der Lakedämonier und der Athener zuzuziehen, ließ er sich von ihnen nach dem benachbarten Festlande über­ setzen. Allein die Häscher blieben ihm auf der Spur und ver­ folgten ihn auch dahin, und nun wurde er durch einen un­ glücklichen Zufall genötigt, grade bei seinem Feinde, dem Molosserkönig Admetos, einzukehren. AdmetoS selbst war augen­ blicklich nicht zu Hause, seine Gemahlin aber nahm ihn in ihren Schutz und riet ihm, ihr und AdmetoS' kleines Söhnlein auf den Arm zu nehmen und sich mit ihm auf den Herd zu setzen. AlS Admetos bald darauf nach Hause kam, gab Themi­ stokleS sich ihm zu erkennen und bat ihn, wenn er auch damals, alS er sich um Hilfe nach Athen gewandt, gegen ihn gesprochen habe, ihn daS jetzt nicht entgelten zu lassen. ES würde seiner unwürdig sein, sich hier, wo er wehrlos sei, an ihm zu rächen; ein edler Mann greife nicht zum Schwerte, wo sein Gegner nicht in der Lage sei, ihm mit gleicher Waffe zu begegnen. Auch habe eS sich damals, wo er gegen ihn aufgetreten sei, ja nur um eine Kleinigkeit und nicht um Leben und Tod ge­ handelt; er aber müsse, wenn er ihn jetzt ausliefere, alle Hoff­ nung schwinden lassen, mit dem Leben davonzukommen. Und nun teilte er ihm mit, von wem und weswegen er verfolgt würde.

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    Hierauf hieß AdmetoS ihn vom Herde aufstehen mit feinem Sohne, den er als daS wirksamste Mittel, sich seinem Schutze zu empfehlen, noch immer auf dem Arme hatte. Und alS bald nachher die Lakedämonier und Athener kamen und ihm gewaltig in den Ohren lagen, lieferte er ihn ihnen nicht auS, sondern ließ ihn, weil er zum Könige wollte, über Land an die andere Küste nach Pydna, der Hauptstadt Alexanders, geleiten. Hier traf er ein Lastschiff, daS grade nach Jonien abgehen wollte, auf welchem er sich einschiffte, mit dem er dann aber an die athenische Flotte vor NaxoS verschlagen wurde. Bis dahin wußte niemand an Bord, wer er war. Jetzt aber in seiner Besorgnis teilte er dem Schiffer mit, wer er wäre und weshalb er verfolgt werde. Zugleich drohte er ihm, wenn er ihm nicht durchhülfe, würde er sagen, er habe sich bestechen lassen, ihn mitzunehmen. Seine Sicherheit er­ fordere, daß niemand das Schiff verließe, bevor es weiterführe. Würde er ihm aber zu Willen sein, so solle er zum Dank auch eine gute Belohnung haben. Der Schiffer ging auch darauf ein, blieb vierundzwanzig Stunden außer Bereich ders Flotte in offener See vor Anker liegen und kam nahcher glück­ lich in Ephesos an. Zum Dank aber machte ihm Themistokles ein ansehnliches Geldgeschenk. Inzwischen hatte er nämlich von seinen Freunden aus Athen und Argos sein dort hinter­ legtes Geld erhalten. Mit einem Perser aus dem Westen des Reiches machte er sich alsdann auf die Reise inS Innere und richtete unterwegs an König Artaxerxes, den kürzlich zur Re­ gierung gelangten Sohn des Xerxes, ein Schreiben, das also lautete: „Ich, Themistokles, komme jetzt hier zu Dir. Ich habe eurem Hause mehr Schaden zugefügt als irgendein Grieche, solange ich mich gegen die Angriffe Deines Vaters wehren mußte, ihm aber noch weit mehr Gutes getan, sobald ich nichts mehr von ihm zu befürchten, er aber die Gefahren des Rück­ zugs zu bestehen hatte, und dadurch habe ich Anspruch auf Dank erworben." - Hier berief er sich darauf, daß er den Rat zum Rückzüge von Salamis gegeben und den Abbruch der Brücke verhindert habe, ein Verdienst, das er sich freilich ohne Grund zuschrieb. - „Auch jetzt noch bin ich imstande, Dir gute Dienste zu leisten, und zu Dir gekommen, weil man mich in Griechenland als Deinen Freund verfolgt. Nach Jahres­ frist sollst Du von mir selbst hören, waS mich hergeführt hat."

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    Der König, sagt man, war darüber sehr erfreut und forderte ihn auf, seine Absicht auszuführen. Er aber benutzte die Zwischenzeit, um möglichst gut Persisch zu lernen und sich über die Verhältnisse des Landes zu unterrichten. Als er sich dann nach Ablauf des Jahres am Hoflager des Königs ein­ gefunden, gewann er bei ihm alsbald eine Stellung, wie sie außer ihm noch nie ein Grieche eingenommen hatte, teils in­ folge seines alten Ruhmes, teils weil er ihm Hoffnung auf die Unterwerfung Griechenlands machte, vor allen Dingen aber, weil er ihn als einen ungewöhnlich klugen Mann erkannte. Denn Themistokles war in der Tat ein Genie ersten Ranges und verdient in dieser Beziehung unsere höchste Bewunderung. Gelernt hatte er nichts und das auch später nicht nachgeholt, aber mit angeborenem Verstand traf er in jedem Augenblick nach kurzer Überlegung den Nagel auf den Kopf, und ebenso ging sein Urteil über das, was die Zukunft bringen würde, kaum jemals fehl. Was er auch in die Hand nahm, stetS stand ihm dabei das rechte Wort zu Gebote, und selbst in Dingen, bei denen er nicht hergekommen war, wußte er sich sogleich zurechtzufinden, wie er denn auch dem unscheinbarsten Wölkchen am politischen Horizont gleich ansah, ob Gutes oder Böses dahintersteckte; kurzum, er war ein Mann, der durch natürliche Begabung und Geistesgegenwart in den obwaltenden Schwierigkeiten immer das Beste traf. Er starb an einer Krankheit. Manche sagen allerdings, er habe sich selbst durch Gift das Leben genommen, weil er sich von der Unmöglichkeit überzeugt, dem Könige sein Versprechen zu erfüllen. Auf dem Markte zu Magnesia in Asien steht sein Denkmal; denn dort im Lande war er Statthalter. Der König hatte ihm nämlich Magnesia, das jährlich fünfzig Talente einbrachte, zu Brot ge­ geben, das damals durch seinen Weinbau berühmte Lampsakos zu Wein und Myus zu Gemüse. Seine Gebeine sind, wie seine Angehörigen behaupten, auf seinen Wunsch später in die Heimat gebracht und in Attika beerdigt, aber ohne daß die Athener etwas davon erfuhren; denn da er wegen Hochverrats verbannt war, durfte er dort nicht begraben werden. So endeten die ihrer Zeit berühmtesten Männer Griechenlands, der Lakedämonier Pausanias und der Athener Themistokles.

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    So viel über die erste Gesandtschaft der Lakedämonier und was sie dabei in betreff der Sühne des Frevels von den Athenern und diese demgegenüber von ihnen verlangt hatten. Nachher schickten sie dann noch mehrfach Gesandte nach Athen und verlangten die Aufhebung der Belagerung von Potidäa und die Anerkennung der Unabhängigkeit Hginas, namentlich aber auch, und zwar auf das bestimmteste, solle es nicht zum Kriege kommen, so müsse der Beschluß zurückgenommen werden, wonach die Megarer von den Häfen des athenischen Macht­ bereichs und vom attischen Markte ausgeschlossen waren. Die Athener gingen jedoch auf alle diese Forderungen nicht ein, hoben insbesondere den Beschluß nicht auf, beschwerten sich vielmehr ihrerseits darüber, daß die Megarer das Heilige Feld und die streitige Grenzflur bestellt und ihre entlaufenen Sklaven bei sich aufgenommen hätten. Zuletzt erschienen dann noch Rhamphias, Melanippos und Agesandros als Gesandte aus Lakedämon, beschränkten sich aber, ohne auf» die anderen, früher erörterten Punkte zurückzukommen, einfach auf folgende Erklärung: „Lakedämon will den Frieden, und den könnt ihr haben, wenn ihr die Unabhängigkeit der Griechen anerkennt." Nachdem die Athener in einer zu dem Ende berufenen Ver­ sammlung hierüber unter sich verhandelt hatten, wurde be­ schlossen, die Sache nunmehr ein für allemal abzumachen und den Lakedämoniern eine endgültige Antwort zu erteilen. Unter den zahlreichen Rednern, welche hierauf in der Versammlung auftraten, waren die Ansichten geteilt, die einen waren für den Krieg, während andere meinten, jener Beschluß dürfe den Frieden nicht hindern und müsse aufgehoben werden. Da aber trat auch Perikles auf, der Sohn des Xanthippos, derzeit der erste Mann in Athen, gleich groß als Redner wie als Staats­ mann, und redete sie also an:

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    „Ich bin nach wie vor der Ansicht, Athener, daß wir den Peloponnesiern nicht nachgeben dürfen, wenn ich auch weiß, daß man den Krieg leichter beschließt als durchführt, und daß mit dem Wechsel des Kriegsglücks auch die Stimmung zu wechseln pflegt. Aber auch jetzt kann ich euch nichts Besseres raten und bin gewiß, daß meine Freunde hier, wenn ihr ihn beschließt, mannhaft dafür eintreten, sollte uns das Glück auch mal im Stich lassen, wie sie es ja auch nicht ihrer Klugheit zuschreiben werden, wenn es uns lächelt. Denn das Glück ist so unberechenbar wie die Gedanken deS Menshcen, weshalb wir ja auch ein unverhofftes Mißgeschick dem Zufall in die Schuhe zu schieben pflegen. Offenbar führen die Lakedämonier schon lange Böses gegen uns im Schilde und vollends jetzt. Streitig­ keiten unter uns sollten ja doch vor ein Schiedsgericht gebracht werden und beide Teile sich dessen Ausspruch unterwerfen. Sie aber haben nie ein Schiedsgericht verlangt, gehen auch nicht darauf ein, wenn wir eins begehren, weil sie die Streitig­ keiten lieber durch Waffengewalt als in Güte entschieden sehen wollen. Und jetzt treten sie hier schon nicht mehr als Beshcwerde­ führer, sondern als Befehlende auf; befehlen sie uns doch, von Potidäa abzuziehen, die Unabhängigkeit Aginas anzuerkennen und den Beschluß wegen Megaras aufzuheben, und zu guter Letzt kommen nun noch gar diese Herren hier und verlangen, daß wir die Unabhängigkeit der Griechen anerkennen sollen. Glaubt nicht, daß es einer Kleinigkeit wegen zum Kriege kommt, wenn wir den Beschluß wegen Megaras nicht aufheben; mögen sie noch so viel sagen, wenn wir ihn aufhöben, würde es nicht zum Kriege kommen. Nein, ihr braucht euch keine Gewissens­ bisse zu machen, einer Kleinigkeit wegen Krieg angefangen zu haben. Diese Kleinigkeit ist nur die Kraftprobe, waS man euch bieten kann. Gebt ihr ihnen hierin nach, so werden sie gleich noch mehr von euch verlangen, überzeugt, daß ihr auch diesmal nur auS Furcht nachgegeben habt. Zeigt ihr ihnen aber die Zähne, so werden sie sich schon merken, daß ihr nicht die Leute seid, euch von ihnen befehlen zu lassen.

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    „Überlegt euch also, ob ihr klein beigeben wollt, ehe ihr zu Schaden kommt, oder ob wir, was ich für das beste halte, Krieg führen und, mögen sie viel oder wenig fordern, unter keinen Umständen nachgeben und unseren Besitz furchtlos be­ haupten wollen. Denn jede Forderung, ob groß oder klein, die man gegen seinesgleichen ohne Urteil und Recht durchsetzt, bedeutet Knechtschaft. Daß wir ihnen mit unseren Streitkräften und Hilfsmitteln gewahcsen sind, werde ich euch jetzt im ein­ zelnen auseinandersetzen. Hört zu. Die Peloponnesier sind Bauern, die von ihrer Hände Arbeit leben; Geld haben sie nicht, weder der einzelne noch der Staat. Auf lange, über­ seeische Kriege verstehen sie sich nicht, da sie ihrer Armut wegen untereinander immer nur kurze Kriege führen. Flotten aus­ rüsten können sie nicht und ebensowenig öfter mit Heeren ins Feld ziehen, weil sie sich dabei von Haus und Hof entfernen und auf eigene Kosten leben müssen und ihnen noch dazu die See verschlossen ist. Auch hält man einen Krieg leichter durch, wenn man einen vollen Staatsschatz hat und keine Steuer­ schraube dazu anzusetzen braucht. Der Bauer setzt im Kriege lieber seine Person ein als sein Geld, weil er darauf rechnet, selbst allenfalls mit heiler Haut davonzukommen, während er darauf gefaßt sein muß, sein Hab und Gut im Laufe deS Krieges draufgehen zu sehen, zumal wenn der Krieg, wie dies­ mal doch wahrscheinlich, sich über Erwarten in die Länge zieht. In einer einzelnen Schlacht können es die Peloponnesier und ihre Verbündeten mit ganz Griechenland aufnehmen, einen Krieg aber gegen einen besser gerüsteten Gegner vermögen sie nicht zu führen, solange sie keine einheitliche BundeSgewalt haben und deshalb zu rashcem Handeln unfähig sind; denn bei gleichem Stimmrecht und Stammesverschiedenheit, wobei jeder nur seine besonderen Interessen im Auge hat, kommt so leicht nichts Zweckdienliches zustande. Da will der eine diesem oder jenem zu Leibe gehen, der andere selbst nur möglichst ungeschoren bleiben. Auf ihren Tagsatzungen, wenn es wirklich mal dazu kommt, ist wohl hin und wieder auch von gemein­ samen Aufgaben des Bundes die Rede, zumeist aber handelt eS sich auch hier nur um Angelegenheiten und Sonderinteressen der Einzelstaaten. Jeder glaubt, es werde auch wohl ohne ihn gehen oder ein anderer werde die Sache für ihn schon mit­ besorgen, und eben weil das alle glauben, merken sie nicht, daß aus der Sache überhaupt nichts wird.

  19. 1.142.1

    „Das Wichtigste aber ist, daß ihnen der Mangel an Geld stets die Hände binden wird, solange sie sich so wenig beeilen, sich damit zu rechter Zeit zu versehen. Die Gelegenheiten im Kriege warten nicht. Auch vor ihren Trutzwerken und Flotten brauchen wir unS nicht zu fürchten. Ein Trutz-Athen zu bauen, würde ihnen schon im Frieden schwer werden, und nun gar in Feindesland, und wo auch wir unsere Grenzfestungen gegen sie haben. Sollten sie wirklich irgendeinen kleineren Platz befestigen, so könnten sie uns freilich von dort einen einzelnen Landesteil durch Streifzüge verheeren und unsere Leute zum Ausreißen verlocken, uns aber dadurch nicht hindern, ihnen zu Schiff ins Land zu fallen, um dort auch Festungen anzu­ legen und sie mit unserer überlegenen Flotte zu bekämpfen. Wir haben im Seekriege mehr für den Landkrieg gelernt als sie in ihren Festtandskriegen für den Krieg zur See. Und so leicht werden sie es-nicht dahinbringen, auch tüchtige See­ leute zu werden. Sind wir doch selbst hier in Athen, wo man sich schon seit den Perserkriegen auf die See geworfen hat, in dieser Beziehung immer noch in den Lehrjahren. Wie sollten denn diese Bauern, diese Landratten, gleich brauchbare Seeleute werden, zumal wenn wir mit unseren vielen Schiffen sie in ihre Häfen einsperren und es ihnen dadurch unmöglich machen, sich im Seedienst zu üben. Möglich, daß sie sich im Vertrauen auf ihre Überzahl mal zu einem Gefecht mit ein paar Blockadeschiffen herauswagen; aber einer großen Flotte gegenüber werden sie sich draußen nicht blicken lassen und deshalb bei dem Mangel an Übung immer Stümper bleiben, darum aber auch keine sonderliche Lust zum Fechten haben. Das Seemannshandwerk ist eine Kunst wie nur eine, die man nicht nur so gelegentlich nebenher treiben kann, sondern auf die man sich mit ganzer Kraft verlegen muß.

  20. 1.143.1

    „Sollten sie wirklich die Tempelschätze von Olympia und Delphi angreifen und versuchen, uns unser fremdes Schiffs­ volk durch höhere Löhne abwendig zu machen, so wäre daS freilich schlimm, wenn wir nicht unter unseren Bürgern und Schutzverwandten selbst die nötige Mannschaft für unsere Flotte hätten. Aber die haben wir auch, und, was die Hauptsache ist, unsere Steuerleute sind Athener, wie wir denn überhaupt eine zahlreichere und tüchtigere seemännische Bevölkerung haben als das ganze übrige Griechenland. Ja selbst von unserem fremden Schiffsvolk würde sich aus Furcht, heimatlos zu werden, so leicht keiner dazu verstehen, bei sonst schlechten Aussichten für ein paar Tage höheren Lohns in ihre Dienste zu treten. So etwa steht es meiner Meinung nach bei den Peloponnesiern. Bei unS aber sind nicht nur die bei ihnen angedeuteten Schwie­ rigkeiten nicht vorhanden, sondern wir befinden uns überhaupt in einer ungleich günstigeren Lage. Kommen sie uns zu Lande, so kommen wir ihnen zu Schiff, und es bedeutet mehr, wenn wir ihnen einen Teil des Peloponnes, als wenn sie uns ganz Attika verwüsten; denn sie haben weiter kein Land, auf das sie greifen könnten, sie müßten es denn erst erobern; wir aber haben auch sonst noch Land die Menge, auf den Inseln sowohl wie auf dem Festlande. Die See ist ein mächtiges Bollwerk. Nehmt mal an, wir wohnten auf einer Insel; wer könnte uns was anhaben? Dem müssen wir jetzt möglichst nahe zu kommen suchen, uns auf die Stadt und die See beschränken, das platte Land aber und unsere Besitzungen dort drangeben und uns ja nicht aus Verdruß darüber zu einer Schlacht mit den uns an Zahl überlegenen Peloponnesiern verleiten lassen; denn wenn wir die auch gewönnen, würden wir es alsbald mit ebensoviel Feinden wieder zu tun haben; würden wir aber geschlagen, so wäre es damit auch um unsere Bundesgenossen, das will sagen, um unsere Machtstellung geschehen; denn die stehen auf, sobald wir sie nicht mehr mit Waffengewalt nieder- halten können. Denken wir also nicht an Häuser und Felder, sondern an uns selbst; denn die sind der Menschen wegen, nicht aber die Menschen ihretwegen da. Ja, wenn ich nur hoffen dürfte, euch dazu zu überreden, so würde ich euch vor­ schlagen, gleich selbst hinauszuziehen und sie zu verwüsten, um den Peloponnesiern zu beweisen, daß sie euch damit nicht unter­ kriegen.

  21. 1.144.1

    „Nach meiner Überzeugung können wir noch aus manchen anderen Gründen darauf rechnen, als Sieger auS dem Kampfe hervorzugehen, nur dürft ihr nicht zugleich Krieg führen und neue Eroberungen machen wollen und euch dadurch nicht in weitere Gefahren stürzen. Unsere eigenen Fehler fürchte ich nämlich mehr als unsere Feinde. Doch davon ein andermal, wenn es wirklich zum Kriege kommt. Jetzt wollen wir zunächst die Gesandten abfertigen und ihnen folgende Antwort mit­ geben :

  22. 1.144.2

    Wir werden den Megarern unseren Markt und unsere Häfen öffnen, wenn auch die Lakedämonier es aufgeben, Athener und deren Bundesgenossen auszuweisen - unzulässig nach dem Vertrage ist eins so wenig wie das andere wir werden auch die Unabhängigkeit der Bundesgenossen anerkennen, so­ fern diese zur Zeit des Friedensschlusses unabhängig gewesen sind, wenn auch die Lakedämonier ihren Städten gestatten, sich nach eigenem Ermessen und nicht nur nach Belieben der Lake­ dämonier zu regieren. Auch sind wir bereit, uns in Gemäß­ heit des Vertrags einer schiedsrihcterlichen Entscheidung zu unterwerfen. Krieg werden wir nicht anfangen, uns aber zur Wehr setzen, wenn man uns angreift/ Das ist eine Ant­ wort, wie sie sich gehört und der Würde unserer Stadt ent­ spricht. Denn so viel kann ich euch sagen, um den Krieg kommen wir nicht herum. Die Feinde aber werden um so weniger darauf erpicht sein, je bereitwilliger wir sind, ihn aufzunehmen. Viel Feind, viel Ehr, daS gilt von Staaten wie von einzelnen. Haben es doch unsere Väter mit den Per­ sern aufgenommen, obgleich sie längst nicht die Mittel hatten wie wir, ja sogar Hab und Gut im Stich lassen mußten und es nicht etwa ihrem Glück und ihrer Macht, sondern allein ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit verdanken, daß sie die Fremden besiegt und Athen zu dem gemacht haben, was eS heute ist. Wir wollen es machen wie sie und alles dran­ setzen, uns unserer Feinde zu erwehren, um unsere Stadt auch unseren Nachkommen so groß und mächtig zu hinter­ lassen."

  23. 1.145.1

    So Perikles. Die Athener aber pflichteten ihm bei und nahmen seine Vorschläge an. Sie antworteten denn auch den Lakedämoniern in seinem Sinne, und zwar wörtlich so, wie er vorgeschlagen hatte, der Hauptsache nach also, sie ließen sich von ihnen nichts befehlen, seien aber bereit, unter Wahrung voller Rechtsgleichheit die Streitigkeiten in Gemäßheit des Ver­ trags schiedsrihcterlich austragen zu lassen. Damit reisten die Gesandten wieder ab, und die Lakedämonier schickten dann auch weiter keine mehr.

  24. 1.146.1

    Das waren die Beshcwerden und Streitigkeiten zwischen beiden Teilen vor Ausbruch des Krieges, welche gleich mit den Ereignissen von Epidamnos und Kerkyra einsetzten. Einstweilen war der Verkehr unter ihnen aber noch nicht abgebrochen. Man reiste noch ohne Heroldsgeleit hin und her, wiewohl man sich gegenseitig schon nicht mehr traute. Denn nach dem, waS vorgekommen, war der Bruch erfolgt und der Krieg in Sicht.

  25. 2.1.1

    Hier beginnt nun der wirkliche Krieg zwischen den Athenern und den Peloponnesiern und ihren beiderseitigen Bundesgenossen, in dem sie ohne Heroldsgeleit nicht mehr mit­ einander verkehrten und sich beständig in Waffen gegenüber- standen. Was sich darin im einzelnen ereignet hat, wird hier Jahr für Jahr nach Sommer und Winter der Reihe nach erzählt.

  26. 2.2.1

    Vierzehn Jahre hatte der nach der Eroberung von Euboia geschlossene dreißigjährige Friede vorgehalten. Im fünfzehnten Jahre aber, als Drysis ahctundvierzig Jahre Priesterin in Argos, Ainesios Ephor in Sparta und das Amtsjahr des Archon ^Pythodoros in Athen bis auf vier Monate abgelaufen war, im sechsten Monat nach der Schlacht bei Potidäa, zu Anfang des Frühlings überfiel eine Anzahl bewaffneter Thebaner, etwas über dreihundert Mann, unter den Böotarchen Pythangelos, Phyleides' Sohn, und Diemporos, Onetorides' Sohn, das mit Athen verbündete böotische Platää und drang, als die Einwohner eben im ersten Schlafe lagen, in die Stadt. Bürger von Platää, Naukleides und seine Anhänger, waren es, die sie gerufen und ihnen das Stadttor geöffnet hatten, weil sie, um selbst ans Ruder zu kommen, ihre Gegner in der Bürger­ schaft stürzen und die Stadt den Thebanern in die Hände spielen wollten. Eurymachos, Leontiades' Sohn, ein besonders einflußreicher Mann in Theben, hatte dabei den Mittelsmann gemacht. Denn da die Thebaner den Krieg kommen sahen, wollten sie Platää, ihre alte Feindin, lieber im Frieden, bevor es förmlich zum Kriege käme, noch schnell in ihre Gewalt bringen. So konnten sie auch um so leichter unbemerkt in die Stadt gelangen, da keine Wachen ausgestellt waren. Als sie hier auf dem Markte haltmachten, forderten ihre Freunde, die sie gerufen hatten, sie dazu auf, gleich in die Häuser der Gegner zu dringen und kurzen Prozeß mit ihnen zu machen. Darauf gingen sie jedoch nicht ein, beschlossen vielmehr, eine versöhnliche Kundgebung zu erlassen, um die Bürgerschaft zu einem gütlichen Vergleich zu bewegen, und ließen auch öffentlich ausrufen, alle guten Böotier, welche für den alten Bund wären, möchten sich waffnen und ihnen anschließen. Auf diese Weise hofften sie die Stadt leicht zu sich herüberziehen zu können.

  27. 2.3.1

    Als die Platäer gewahr wurden, daß die Thebaner ein­ gedrungen waren und ihre Stadt so im Handumdrehen erobert hatten, wurden sie bange, und weil sie die Zahl der Eingedrun­ genen im Dunkeln nicht deutlich erkennen konnten und für weit größer hielten, als sie wirklich war, verstanden sie sich zu einem Vergleich, gingen auf ihre Vorschläge ein und hielten sich ruhig, zumal man bis dahin noch keinem was zuleide getan hatte. Inzwischen überzeugten sie sich jedoch, daß die Thebaner gar nicht so zahlreich waren und durch einen entschlossenen Angriff anscheinend leicht überwältigt werden könnten; denn die große Mehrzahl der Platäer war keineswegs gemeint, sich von den Athenern zu trennen. Sie beschlossen also, sie an­ zugreifen, rotteten sich zusammen, indem sie, um auf der Straße nicht gesehen zu werden, die Wände zwischen den Häusern durchbrachen, verrammelten die Straßen durch ausgespannte Frachtwagen und trafen auch sonst alle ihnen in dem Augen­ blick zweckmäßig erscheinenden Maßregeln. Als alles so weit vorbereitet war, nahmen sie die Nacht oder doch die Dämmerung noch wahr, um aus den Häusern über sie herzufallen, denn bei Hellem Tage wären die Thebaner mutiger und nicht weiter im Nachteil gewesen, während sie so in banger Nacht bei ihrer Ortskenntnis den Fremden gegenüber im Vorteil waren. Auch kam es sogleich zum Angriff und damit zum Hand­ gemenge.

  28. 2.4.1

    Als die Thebaner sahen, daß sie überlistet waren, schlossen sie sich eng zusammen, um den Feinden nach allen Seiten die Spitze bieten zu können, schlugen auch zwei- oder dreimal einen Angriff ab. Da jedoch die Platäer von neuem ungestüm auf sie eindrangen und auch Frauen und Sklaven mit wildem .Geschrei ihnen Steine und Dachziegel von den Häusern auf die Köpfe warfen, dazu noch in der Nacht viel Regen gefallen war, kriegten sie es mit der Angst, ergriffen die Flucht und zerstreuten sich in der Stadt. Und da die meisten hier nicht Bescheid wußten und in Kot und Dunkelheit - denn es war Neumond - den rechten Weg nicht finden und ihren Ver­ folgern, denen jedes Gäßchen bekannt war, nicht entrinnen konnten, so kamen die meisten um. Auch das Tor, durch das sie eingedrungen, das einzige, welches offen war, verschloß ein Platäer, indem er den Schaft seines Spießes anstatt des Pflockes durch den Querbalken stieß, so daß man auch da nicht mehr hinaus konnte. Da man sie in der Stadt überall verfolgte, stiegen einige auf die Stadtmauer und ließen sich nach außen hinabfallen, kamen dabei aber meist ums Leben. Einige ge­ langten durch ein unbewachtes Tor, dessen Querbalken sie mit einem Beil, das ihnen eine Frau gegeben, zerschlagen hatten, unbemerkt ins Freie, allerdings nicht viele, da es bald bemerkt wurde. Auch wurde manchem, der sich in der Stadt verlaufen hatte, der Garaus gemacht. Der größte Haufe aber, der noch einigermaßen zusammenhielt, geriet in ein geräumiges Haus an der Stadtmauer, dessen Torweg zufällig offen stand, in der Meinung, es sei das Stadttor und habe auf der anderen Seite einen Ausgang ins Freie. Als die Platäer sahen, daß sie sich hier gefangen hatten, waren sie unschlüssig, ob sie das Haus anstecken und alle bei lebendigem Leibe dann verbrennen oder was sie sonst mit ihnen anfangen sollten. Schließlich kam es zu einem Abkommen, wonach sie und alle noch am Leben befindlichen, in der Stadt umherirrenden Thebaner die Waffen streckten und sich den Platäern auf Gnade und Un­ gnade ergaben. So endete der Überfall von Platäa.

  29. 2.5.1

    Als die anderen Thebaner, welche für den Fall, daß den Eindringlingen was in die Quere käme, schon in der Nacht mit ihrer Hauptmacht zur Stelle sein sollten, unterwegs die Nachricht erhielten, wie die Sache abgelaufen, beschleunigten sie ihren Marsch. Platää ist von Theben siebzig Stadien ent­ fernt, und da es über Nacht stark geregnet hatte, kamen sie nur langsam vorwärts. Der Asopos war hoch angeshcwollen. und schwer zu überschreiten. Und da sie im Regen marschieren mußten und beim Übergange über den Fluß viel Zeit verloren hatten, kamen sie zu spät, so daß ihre Landsleute entweder schon tot oder gefangen waren. Als sie das erfuhren, suchten sie die außerhalb der Stadt befindlichen Platäer einzufangen; denn da der Überfall so urplötzlich mitten im Frieden erfolgt war, waren noch Leute und Gerätschaften draußen auf dem Lande. Die eingefangenen Platäer aber sollten ihnen als Geiseln dienen für ihre noch am Leben befindlichen gefangenen Landsleute. Während sie sich die Sache noch überlegten, schickten die Platäer, die etwas der Art vermuteten und für ihre Leute draußen fürchteten, aus der Stadt einen Herold an sie ab und ließen ihnen sagen, es sei schon schweres Un­ recht gegen sie gewesen, mitten im Frieden einen solchen Ge­ waltstreich gegen ihre Stadt zu führen, und man solle sie jetzt draußen im Frieden lassen. Wo nicht, so würden auch sie die Gefangenen töten, denen sie bisher das Leben gelassen und die sie ihnen herausgeben würden, wenn sie ihr Gebiet räumten. So wenigstens sagen die Thebaner und versichern sogar, die Platäer hätten sich eidlich dazu verpflichtet. Die Platäer aber stellen in Abrede, die sofortige Herausgabe der Gefangenen versprochen zu haben, behaupten vielmehr, sie hätten sich dazu nur bereit erklärt, falls es auf Grund weiterer Verhandlungen zu einem Vergleich kommen würde, eidlich aber hätten sie sich überhaupt zu nichts verpflichtet. Die Thebaner räumten denn auch ihr Gebiet, ohne dort weiter Schaden zu tun. Die Pla­ täer aber brachten alles, was draußen war, schnell in die Stadt und töteten dann die Gefangenen auf der Stelle. Im ganzen waren es hundertundachtzig, unter ihnen auch Eurymachos, mit dem die Verräter die Sache eingefädelt hatten.

  30. 2.6.1

    Hierauf sandten sie einen Boten nach Athen, gaben den Thebanern ihre Toten unter freiem Geleit heraus und richteten sich in der Stadt einstweilen auf eigene Hand ein. Die Athener aber, welche von den Ereignissen in Platää gleich Nachricht erhalten hatten, ließen sofort alle Böotier in Attika festnehmen und schickten einen Herold nach Platää mit der Weisung, den gefangenen Thebanern nichts weiter zuleide zu tun, bis man sich auch in Athen ihretwegen schlüssig gemacht hätte; denn davon, daß sie bereits getötet waren, hatten sie noch keine Nachricht. Ein erster Bote war nämlich gleich nach dem Ein­ bruch der Thebaner an sie abgegangen, der zweite unmittelbar nachdem sie überwältigt und in Gefangenschaft geraten waren. Seitdem hatten sie nichts weiter gehört. So sandten sie denn auch jetzt ihren Herold ab, ohne zu wissen, wie die Dinge in Platää tsanden, und als dieser dort ankam, fand er die Ge­ fangenen schon nicht mehr am Leben. Darauf schickten die Athener Truppen nach Platää, versahen die Stadt mit Lebens­ mitteln und ließen eine Besatzung darin zurück, nachdem sie die nicht wehrfähigen Männer sowie die Weiber und Kinder hinausgeschafft hatten.

  31. 2.7.1

    Nachdem das Gewitter in Platää zum Ausbruch gekommen war, konnte natürlich vom Frieden keine Rede mehr sein, und die Athener rüsteten zum Kriege. Die Lakedämonier aber und ihre Bundesgenossen rüsteten ebenfalls. Auch schickten beide Teile gleich Gesandtschaften an den Perserkönig und solche barbarische Völkerschaften, von denen sie sich irgendwelche Hilfe versprachen, wie sie sich auch unter den unabhängigen Staaten nach Bundesgenossen umsahen. Die Lakedämonier wiesen die ihnen befreundeten Städte in Italien und Sizilien an, zur Verstärkung der auf fünfhundert Segel zu bringenden pelo­ ponnesischen Flotte je nach ihrer Größe eine Anzahl Schiffe einzustellen und sich auf bestimmte Geldleistungen einzurichten, im übrigen aber bis zur Vollendung der Rüstungen ruhig zu bleiben und auch die Athener, wenn sie nur mit einem einzelnen Schiffe kämen, nach wie vor in ihren Häfen zuzulassen. Die Athener aber musterten die Kräfte ihres Seebundes und be­ schickten namentlich auch die um den Peloponnes liegenden Orte, Kerkyra, Kephallenia, Akarnanien und Zakynthos, da ihnen einleuchtete, wenn sie mit denen auf gutem Fuße ständen, würden sie den Peloponnes von allen Seiten nachdrücklich bekämpfen können.

  32. 2.8.1

    Beiden standen die Gedanken nicht niedrig, und sie stürzten sich mit vollem Eifer in den Krieg. Anfangs will eben jeder hoch hinaus, und zumal die zahlreiche Jugend, die es damals im Peloponnes sowohl wie in Attika gab, welche den Krieg noch nicht kannte, brannte vor Kriegslust. Ganz Griechenland abei^schwebte in banger Erwartung, als die beiden ersten Staaten gegeneinander in die Schranken traten. Man hörte viel von Weissagungen, und überall ließen sich Propheten ver­ nehmen, nicht nur in den zum Kriege rüstenden Staaten, sondern auch anderswo. Dazu war die Insel Delos kürzlich von einem Erdbeben betroffen, wo bis dahin, soweit man in Griechenland zurückdenken konnte, noch nie ein Erdbeben ge­ wesen war. Auch das, so hieß es und glaubte man, deute auf die Dinge hin, die da kommen sollten. Und allem, was sich der Art etwa sonst zugetragen, wurde eifrig nachgeforscht. Die öffentliche Meinung aber war ganz überwiegend für die Lakedämonier, schon weil sie die Freiheit Griechenlands auf ihre Fahne schrieben. Alle Welt, einzelne wie Staaten, konnte sich nicht genugtun, ihnen mit Wort und Tat be­ hilflich zu sein, und jeder glaubte, er müsse auch mit dabei sein, wenn aus der Sache was werden solle. So allgemein war die Erbitterung gegen die Athener; die einen wollten ihre Herrschaft abschütteln, die andern fürchteten, unter ihre Fuchtel zu geraten.

  33. 2.9.1

    Mit solchen Rüstungen und Gesinnungen ging man in den Krieg. Bei Ausbruch des Krieges hatten beide Mächte folgende Bundesgenossen: Auf seiten der Lakedämonier waren sämtliche Peloponnesier innerhalb des Isthmus, mit Ausnahme der Argeier und der Achäer, die mit beiden in Frieden lebten. Nur die Pellener unter den Achäern nahmen gleich anfangs am Kriege teil, später dann aber auch alle übrigen. Außerhalb deS Pelo­ ponnes die Megarer, Phokier, Lokrer, Böotier, Amprakier, Leukadier und Anaktorier. Von diesen stellten die Korinther, Megarer, Sikyoner, Pellener, Eleer, Amprakier und Leukadier Schiffe, die Böotier, Phokier und Lokrer Reiterei, die übrigen Staaten Fußvolk. Das waren die Bundesgenossen der Lake­ dämonier. Auf seiten der Athener waren die Chier, Lesbier Platäer, die Messenier in Naupaktos, die meisten Akarnanier, die Kerkyräer, die Zakynther und die ihnen in den vershciedenen Ländern steuerplfichtigen Orte, das karische Küstenland, die Dorier an der karischen Grenze, Jonien, Hellespont, das thra­ kische Küstenland, die Inseln im Osten des Peloponnes bis Kreta und alle übrigen Kykladen außer Melos und Thera. Von diesen stellten die Chier, Lesbier und Kerkyräer Schiffe, die übrigen stellten Fußvolk und zahlten Geld. Das waren die Bundesgenossen und Kräfte, welche beiden Teilen für den Krieg zu Gebote tsanden.

  34. 2.10.1

    Gleich nach dem Vorfall von Platää ließen die Lakedämo­ nier an die Städte im Peloponnes und ihre auswärtigen Bundesgenossen den Befehl ergehen, ihre Truppen marschbereit zu machen und mit dem Bedarf für einen Feldzug außer Landes zu versehen, um nach Attika einzufallen. Als alle damit zur bestimmten Zeit fertig waren, vereinigten sich die sämtlichen Streitkräfte, aus jeder Stadt zwei Drittel der vorhandenen Mannschaft, auf dem Isthmus. Als das ganze Heer hier bei­ sammen war, berief der lakedämonische König Archidamos, der in diesem Feldzuge den Oberbefehl führte, die Feldhauptleute aller Städte sowie die höheren Beamten und sonst angesehenen Personen zu einer Versammlung und redete sie also an:

  35. 2.11.1

    „Peloponnesier und Bundesgenossen! Unsere Väter sind schon oft nicht nur im Peloponnes, sondern auch auswärts zu Felde gezogen, und die Älteren unter uns haben selbst auch schon mehrfach Kriege mitgemacht, allein mit einem so statt­ lichen Heere wie diesmal sind wir noch nie ins Feld gerückt. Aber es geht auch gegen eine mächtige Stadt, und darum treten auch wir so zahlreich und mit unseren besten Kräften auf den Plan. Ich darf erwarten, daß wir uns nicht schlechter zeigen werden als unsere Väter und unserem alten Ruhm auch diesmal Ehre machen werden. Denn ganz Griechenland sieht mit gespannter Erwartung auf diese unsere Unternehmung und wünscht uns dabei aus Haß gegen die Athener den besten Er­ folg. Wir dürfen uns jedoch nicht etwa im Vertrauen auf unsere Überzahl in Sicherheit wiegen und es in der Meinung, der Feind werde sich gar nicht an uns heranwagen, auf dem Marsche an der nötigen Vorsicht fehlen lassen, vielmehr muß nicht nur jeder Befehlshaber der verschiedenen Städte, sondern auch jeder einzelne Mann immer darauf gefaßt sein, daß es im nächsten Augenblick zum Gefecht kommen kann; denn im Kriege weiß man nie vorher, was kommt, und so ein Angriff erfolgt fast immer plötzlich und unangemeldet. Schon manch­ mal hat eine Minderheit, die auf ihrer Hut war, gegen einen überlegenen Feind glücklich gekämpft, weil dieser in seinem Übermut nicht aufgepaßt hatte. Bei einem Feldzuge in Feindes­ land muß man kühn, aber vorsichtig zu Werke gehen. Denn dann kann man den Feind herzhaft angreifen und hat von seinen Angriffen am wenigsten zu fürchten. Wir ziehen auch nicht gegen einen Feind, der sich nicht wehren könnte, sondern gegen eine Stadt, die in jeder Hinsicht vortrefflich gerüstet ist. Wir müssen also unbedingt darauf rechnen, daß es zur Schlacht kommen wird, und wenn sie sich dort auch nicht gleich dazu entschließen, solange wir noch in weiter Ferne sind, so doch ganz gewiß, wenn sie uns erst in ihrem Lande sengen und brennen und Hab und Gut vernichten sehen. Denn wer so was noch nicht erlebt, dem läuft die Galle über, wenn er es selbst mit ansehen muß. Und je weniger sich einer zu be­ herrshcen weiß, um so leidenschaftlicher wird er gleich drein­ schlagen. Von den Athenern aber muß man sich dessen be­ sonders versehen, da sie sich zwar berufen fühlen, andere zu beherrschen und fremde Länder zu verwüsten, aber nicht gewohnt sind, daß es ihnen auch so geht. Weil ihr denn gegen eine solche Stadt ins Feld zieht und dabei, je nachdem, euch und euren Vorfahren die größte Ehre oder aber die ärgste Schande machen werdet, so folgt euren Führern, wohin es auch geht, haltet vor allen Dingen auf Mannszucht und Wachsamkeit und tut stets willig, was euch befohlen wird. Nichts Schöneres und Verläßlicheres als solch ein großes Heer, das gleichsam von einem Willen und vom hohen Geiste der Ordnung be­ seelt scheint."

  36. 2.12.1

    Nach diesen Worten entließ Archidamos die Versammlung und schickte nun zunächst den Spartaner Melesippos, Dia­ kritos' Sohn, nach Athen, um zu sehen, ob man dort jetzt nicht schon eher mit sich handeln ließe, nachdem man sich über­ zeugt, daß das feindliche Heer bereits unterwegs war. Die Athener aber ließen ihn gar nicht in die Stadt und vor dem Volke auftreten; denn schon vorher hatte Perikles den Antrag durchgesetzt, daß weder ein Herold noch eine Gesandtschaft der Lakedämonier aus dem Felde angenommen werden sollte. Sie schickten ihn also, ohne ihn zu hören, wieder weg mit dem Befehl, noch an demselben Tage wieder über die Grenze zu sein und den Lakedämoniern zu sagen, wenn sie sonst was wollten, möchten sie erst wieder nach Hause gehen, ehe sie Gesandte schickten. Und damit er unterwegs mit niemand in Berührung käme, gaben sie ihm einige Leute zum Geleit mit. Als er an die Grenze gelangt und im Begriff war, sich von seinen Begleitern zu trennen, sagte er beim Abschied: „Dieser Tag wird für Griechenland der Anfang großen Herzeleids sein." Als er ins Lager zurückgekehrt war und Archidamos einsah, daß die Athener auf keinen Fall nachgeben würden, brach er unverzüglich mit dem Heere auf und rückte ihnen ins Land. Auch die Böotier ließen ihr Kontingent und ihre Reiterei zu den Peloponnesiern stoßen; mit ihren übrigen Truppen zogen sie nach Platää und verheerten das Land.

  37. 2.13.1

    Schon während die Peloponnesier sich auf dem Isthmus sammelten und auf ihrem Marsche noch nicht nach Attika ge­ langt waren, vermutete Perikles, Xanthippos' Sohn, damals selbzehnter Feldherr in Athen, als er den Einfall kommen sah, daß Archidamos, als sein Gastfreund, aus persönlicher Freund­ schaft seine Besitzungen außerhalb der Stadt schonen und viel- leicht nicht mit verwüsten würde, oder daß wohl gar die Lake­ dämonier ihm Befehl dazu erteilen könnten, um Mißtrauen gegen ihn zu erregen, wie sie ja auch schon vorher seinetwegen die Sühne des Frevels verlangt hatten. Er erklärte deshalb den Athenern in der Volksversammlung, wenn Archidamos auch sein Gastfreund sei, so solle das seinen Mitbürgern nicht zum Schaden gereichen, und falls etwa die Feinde seine Häuser und Felder nicht ebenso verwüsten würden wie die übrigen, so trete er sie, um nicht in Verdacht zu kommen, hiermit der Stadt zu Eigentum ab. Wie früher riet er ihnen auch jetzt wieder, sich auf den Krieg einzurichten, vom Lande alles in die Stadt zu schaffen und sich draußen auf keine Schlacht ein­ zulassen, sondern sich auf die Verteidigung der Stadt zu be­ schränken, namentlich aber die Flotte, worin denn doch ihre Stärke bestehe, in guten Stand zu setzen. Die Bundesgenossen müßten sie in der Hand behalten, denn deren Steuern seien das Rückgrat ihrer Macht, da im Kriege das meiste auf Klug­ heit und Geld ankomme. Übrigens brauchten sie sich keine Sorgen zu machen; denn abgesehen von sonstigen Einkünften nähme die Stadt allein aus Steuern der Bundesgenossen alle Jahre durchschnittlich sechshundert Talente ein, und außerdem befänden sich im Schatze auf der Burg sechstausend Talente geprägtes Silber. - Der höchste Betrag war neuntausendsieben­ hundert Talente gewesen, davon aber waren Auslagen für die Propyläen und andere Bauten betsritten. - Dazu kämen an ungeprägtem Gold und Silber, an öffentlichen und Privat­ weihgeschenken und an dem, was an heiligen Geräten für fest­ liche Aufzüge und Spiele, an Perserbeute und dergleichen vor­ handen sei, mindestens fünfhundert Talente. Nötigenfalls könne man auch noch auf recht ansehnliche Schätze in den übrigen Tempeln und, wenn alle Stricke reißen sollten, auf das goldene Gewand der Göttin greifen, an deren Standbilde, wie er ihnen nachwies, sich vierzig Talente reines Gold befänden, das alles abgenommen werden könne, später freilich, wenn man sich dessen in der Not bediene, voll ersetzt werden müsse. Auf diese Weise suchte er sie über die Zulänglichkeit ihrer Geldmittel zu be- ruhigen. Ihre Streitkräfte anlangend, rechnete er ihnen vor, sie hätten dreizehntausend Mann schweres Fußvolk ohne die Besatzungen in den festen Plätzen und die sechzehntausend zur Bewachung der Mauern. So viel aus den ältesten und jüngsten Jahrgängen und den Schutzverwandten entnommene Hopliten waren nämlich gleich anfangs für den Fall eines feindlichen Angriffs zum Dienst auf den Mauern bestimmt. Die Länge der phalerischen Mauer bis an die Ringmauer der Stadt betrug fünfunddreißig Stadien und die der Ringmauer selbst, soweit sie besetzt wurde, dreiundvierzig Stadien; denn ein Teil, das Stück zwischen der langen und der phalerischen Mauer, wurde nicht besetzt. Die langen Mauern nach dem Peiraieus, von denen jedoch nur die äußere besetzt wurde, waren vierzig Stadien lang. Die Mauer um den Peiraieus mit Einschluß von Muny­ chia war im ganzen sechzig Stadien lang, und etwa die Hälfte davon wurde besetzt. An Reiterei, gab er weiter an, hätten sie mit Einschluß der reitenden Bogenschützen zwölfhundert Mann, Bogenschützen zu Fuß sechzehnhundert, an Kriegsschiffen aber dreihundert seetüchtige Trieren. So viel und von allem mindestens so viel hatten die Athener damals in der Tat, als der erste Einfall der Peloponnesier bevorstand und sie in den Krieg gingen. Aber auch sonst sagte ihnen Perikles, wie bei jeder Gelegenheit, auch diesmal noch alles mögliche, um ihnen zu beweisen, daß sie den Krieg siegreich bestehen würden.

  38. 2.14.1

    Die Athener aber befolgten seinen Rat und schafften Weiber und Kinder, sowie alles, was sie an Hausgerät draußen hatten, ja selbst das Holzwerk der Häuser, die sie abbrachen, vom Lande in die Stadt. Schafe und Zugtiere brachten sie nach Euboia und den benachbarten Inseln hinüber. Es kam sie freilich hart an, so mit Sack und Pack abzuziehen, da sie meist gewohnt waren, immer auf dem Lande zu leben.

  39. 2.15.1

    Das war nämlich bei ihnen mehr als anderswo schon seit ältester Zeit Sitte gewesen. Unter Kekrops und den ersten Königen bis auf Theseus lebte man in Attika in einzelnen Ortschaften, die ihre eigenen Prytanen und Archonten hatten. Wenn nicht grade eine besondere Gefahr drohte, kam man auch nicht beim Könige zu gemeinsamer Beratung zusammen, sondern die einzelnen Gemeinden halfen und regierten sich selbst, führten wohl gar mal Krieg untereinander, wie die Eleusinier mit Eumolpos gegen Erechtheus. Als aber Theseus König geworden war, der, ein ebenso kluger wie mächtiger Herr, über­ haupt erst Ordnung im Lande schuf, machte er den Prytanen und Archonten in den einzelnen Ortschaften ein Ende und ver­ einigte diese zu der jetzigen einen Stadt mit nur einem Rat und Prytaneum für alle. Er ließ ihnen zwar die selbständige Verwaltung ihrer eigenen Angelegenheiten wie bisher, machte sie aber politisch zu einem Gemeinwesen, das damit, weil ihm nun alle angehörten, zu einer ansehnlichen Stadt wurde und als solche von Theseus auf seine Nachfolger überging. Darum feiern die Athener bis auf den heutigen Tag von Staats wegen noch ihr Eingemeindungsfest zu Ehren der Göttin. Früher bestand die Stadt nur aus der.Burg und dem südlich daran stoßenden Stadtteil. Das kann man noch daran sehen, daß die Tempel auch anderer Götter auf der Burg selbst oder doch vorzugsweise in diesem Stadtteil liegen, so der Tempel des olympischen Zeus, das Phythion, der Tempel der Ge und der ! des Dionysos im Brühl, dem zu Ehren am Zwölften des E Monats Anthesterion die alten Dionysien gefeiert werden, wie es auch bei den von den Athenern abstammenden Joniern noch jetzt gehalten wird. In dieser Gegend liegen noch mehrere andere alte Tempel. Auch die Quelle dort in der Nähe, welche, seit sie von den Tyrannen in jetziger Weise gefaßt wurde, Enneakrunos heißt, in älterer Zeit aber, wo sie noch ungefaßt war, Kallirrhoe genannt wurde, stand vor alters in besonderem Ansehen, und von der Zeit hat sich bis heute der Glaube er­ halten, daß man bei Hochzeiten und dergleichen feierlichen Ge­ legenheiten das Wasser aus dieser Quelle holen müsse. Und eben, weil man sich hier zuerst angebaut hatte, wird die Burg von den Athenern immer noch die Stadt genannt.

  40. 2.16.1

    Da die Athener so lange als ihre eigenen Herren auf dem Lande gelebt und auch nach ihrer Vereinigung sowohl in älterer Zeit als auch später noch bis zu diesem Kriege dort vielfach nach alter Gewohnheit nicht nur ihre eingerichteten Wohnungen gehabt, sondern auch wirklich gewohnt hatten, wurde ihnen dieser Aufbruch schwer genug, zumal sie sich dort nach dem Perserkriege eben erst wieder häuslich eingerichtet hatten. Es wollte ihnen nicht in den Sinn und war ihnen schmerzlich, sich von ihren Häusern und den ihnen aus der Zeit der älteren Verfassung immer ehrwürdig und teuer gebliebenen Heiligtümern zu trennen und sich völlig umleben zu müssen; ja es kam ihnen allen gradezu wie ein Abschied von der Heimat vor.

  41. 2.17.1

    Bei ihrer Ankunft in der Stadt fanden die wenigsten dort Wohnungen oder ein Unterkommen bei Freunden und Ver­ wandten. Die meisten behalfen sich auf den freien Plätzen der s Stadt oder quartierten sich überall in den Tempeln der Götter und Heroen ein, ausgenommen allein die Burg und das Eleu­ l sinion und was sonst etwa Schloß und Riegel hatte. Selbst das sogenannte Pelasgikon am Fuße der Burg richtete man jetzt notgedrungen zu Wohnungen ein, obgleich ein Fluch darauf stand, dort zu wohnen, und ein pythisches Orakel ausdrück­ lich davor gewarnt hatte, an dessen Schlüsse es hieß: „Doch besser, das Pelasgikon bleibt unbewohnt." Nach meiner Meinung freilich war das Orakel gar nicht so gemeint, wie man es damals verstand: nicht das unerlaubte Wohnen dort werde die Stadt in Not bringen, sondern der Krieg werde dermaleinst dazu nötigen, dort zu wohnen. Den hatte das Orakel allerdings nicht genannt, wohl aber vorher gewußt, daß nur die Not dazu zwingen würde, auch dort Wohnungen ein­ zurichten. Viele behalfen sich auch in den Türmen der Stadt­ mauer oder wo sie sonst ein Unterkommen fanden. Denn es '.fehlte in der Stadt an Platz für die vielen darin zusammen­ ! gepferchten Menschen, so daß später sogar die langen Mauern uund der größte Teil der Mauer um den Peiraieus zu Woh­ nungen eingerichtet werden mußten, um die Leute unterzubringen. Unterdessen wurden jedoch die Rüstungen fortgesetzt, die Bundes­ genossen aufgeboten und hundert Schiffe zu einer Fahrt nach dem Peloponnes in Dienst gestellt. So weit war man in Athen mit den Anstalten zum Kriege.

  42. 2.18.1

    Inzwischen gelangte das Heer der Peloponnesier auf seinem Marsche zunächst nach Oinoe, wo der Einfall erfolgen sollte. Hier machte es halt und schickte sich an, die Festung mit Sturm zu nehmen. Denn Oinoe, an der Grenze von Attika und Böotien, war Festung und diente als solche den Athenern, die, wenn es nach Krieg aussah, eine Besatzung hineinlegten. Man kam jedoch über die Vorbereitungen nicht hinaus und verlor hier unnütz seine Zeit. Dadurch aber zog Archidamos sich arge Nackenschläge zu. Meinte man, daß er sich schon vor Beginn des Krieges schwach und als Athenerfreund gezeigt habe, so wollte man ihm jetzt, nachdem das Heer beisammen, sein Zaudern auf dem Isthmus und die Langsamkeit des weiteren Vormarsches, namentlich aber den langen Aufenthalt bei Oinoe, erst recht nicht verzeihen. Denn unterdessen hatten die Athener alles in Sicherheit gebracht, während es, wenn er sich nicht so viel Zeit gelassen und seinen Marsch beschleunigt hätte, den Peloponne­ siern wahrscheinlich noch in die Hände gefallen wäre. So war man wegen dieses Aufenthalts im Heere auf Archidamos schlecht zu sprechen. Er aber hielt sich, wie es heißt, deshalb so lange dort aus, weit er immer noch darauf rechnete, die Athener würden nachgeben und es nicht auf die Verwüstung ihres Landes ankommen lassen.

  43. 2.19.1

    Da alle Versuche der Peloponnesier, das von ihnen be­ lagerte Oinoe zu nehmen, erfolglos blieben, auch die Athener sich nicht auf Verhandlungen einließen, brachen sie, etwa acht­ zig Tage nach dem Überfall von Platää durch die Thebaner, im Sommer, als das Korn zur Reife stand, von dort auf und rückten nach Attika ein. Archidamos, Zeuxidamos' Sohn, König der Lakedämonier, befehligte das Heer. Nachdem sie ein Lager bezogen, verheerten sie erst Eleusis und die Ebene von Thria, lieferten auch bei den sogenannten Rheitoi ein glückliches Ge­ fecht gegen athenische Reiterei. Darauf zogen sie weiter, das Gebirge Aigaleos zur Rechten, durch Kropeia nach Acharnai, i dem größten unter den sogenannten attischen Demen. Hier ! machten sie halt und schlugen ein Lager auf, von wo sie längere Zeit die Umgegend verheerten.

  44. 2.20.1

    Angeblich hat sich Archidamos damals, als er hier bei Acharnai schlachtbereit stehen blieb und bei diesem Einfall nicht weiter in die Ebene vordrang, die Sache so gedacht: Er nahm an, daß die Athener, mit ihrer zahlreichen jungen Mann­ schaft und zum Kriege gerüstet wie nie zuvor, sich sicherlich außerhalb der Stadt zur Schlacht stellen und der Verwüstung ihres Landes nicht ruhig zusehen würden. Nachdem es bei Eleusis und in der Ebene von Thria dazu nicht gekommen war, wollte er versuchen, ob sie sich jetzt nicht zu einem Angriff auf seine Stellung bei Acharnai verleiten ließen. Denn wie er einerseits Acharnai für einen besonders geeigneten Lagerplatz hielt, so glaubte er anderseits, die Acharner, die einen sehr ansehnlichen Teil der Bürgerschaft ausmachten und dreitausend Hopliten stellten, würden die Verwüstung ihrer Besitzungen schwerlich ruhig mit ansehen, sondern auch die übrigen zu einer Schlacht zu bestimmen suchen. Sollten die Athener trotzdem bei diesem Einfall nicht herauskommen, so würde er ihnen das nächste Mal um so unbedenklicher die Ebene verheeren und bis an die Stadt selbst rücken können; denn dann würden die Acharner, nachdem sie das Ihrige verloren, keine Lust mehr haben, ihre Haut für fremdes Gut zu Markte zu tragen, und die Athener sich infolgedessen untereinander in die Haare ge­ raten. In dieser Weise wird Archidamos bei Acharnai die Sache angesehen haben.

  45. 2.21.1

    Solange das feindliche Heer noch bei Eleusis und in der Ebene von Thria stand, durften die Athener immer noch hoffen, daß es nicht weiter vorrücken würde. Erinnerte man sich doch, daß auch König Pleistoanax, Pausanias' Sohn, als er vierzehn Jahr vor diesem Kriege mit einem peloponnesischen Heere in Attika bis nach Eleusis und Thria vorgedrungen, hier umgekehrt und wieder abgezogen war. Allerdings war er dafür auch aus Sparta verbannt worden, weil man glaubte, er sei zu diesem Rückzug? bestochen gewesen. Als sie aber das Heer schon bei Acharnai, sechzig Stadien von der Stadt, sahen, wurde es ihnen doch zu viel. Daß das Land so unter ihren Augen verwüstet wurde, wie das die Jüngeren noch nie, die Älteren nur in den Perserkriegen erlebt hatten, schien ihnen begreiflihcerweise entsetzlich, und namentlich die Jüngeren meinten, man könne das unmöglich länger mit ansehen, sondern müsse dem Feinde zu Leibe gehen. Immerhin waren die Mei­ nungen geteilt, und es kam zu lebhaften Erörterungen, indem die einen verlangten, man solle den Feind draußen angreifen, andere aber sich dagegen erklärten. Wahrsager ließen sich mit allerlei Prophezeiungen hören, die jeder sich auf seine Weise zurechtlegte. Die Acharner aber, die in Athen denn doch auch was zu bedeuten glaubten und nun die Verwüstung ihres Landes mit ansehen mußten, drängten am meisten zum Angriff. So herrschte in der Stadt allgemeine Aufregung und große Erbitterung gegen Perikles. Uneingedenk der guten Lehren, die er ihnen vorher gegeben hatte, schalten sie auf den Feld­ herrn, der sie nicht vor den Feind führen wolle, und betrachteten ihn als den Urheber aller ihrer Leiden.

  46. 2.22.1

    Perikles sah recht gut, wie widerwillig sie diesen Zustand ertrugen und wie schlecht sie auf ihn zu sprechen waren, blieb aber nach wie vor bei seiner Ansicht, daß man sich draußen auf keine Schlacht einlassen dürfe. Er ließ es deshalb weder zu einer Volksversammlung noch zu anderen Zusammenkünften kommen aus Furcht, daß eine so vielköpfige Versammlung, statt die Sache verständig zu erwägen, sich von ihrer Stimmung hinreißen lassen und Dummheiten machen könnte. Inzwischen ließ er jedoch die Stadt sorgfältig bewachen und die Ruhe möglichst aufrechterhalten. Auch schickte er beständig Reiter aus, um zu verhindern, daß feindliche Streifpartien in der Nähe der Stadt die Felder verwüsteten. Bei der Gelegenheit kam es bei Phrygioi mal zu einem Gefecht zwischen einer Ab­ teilung athenischer und thessalischer Reiter und der böotischen Reiterei, in dem sich die Athener und Thessaler gut hielten, bis sie sich dann doch zurückziehen mußten, weil den Böotiern schweres Fußvolk zu Hilfe kam. Die Athener und Thessaler hatten dabei einige Tote, die sie jedoch noch an demselben Tage auch ohne Waffenstillstand wieder mitnehmen konnten. Die Peloponnesier aber errichteten am Tage daraufein Siegeszeichen. Die Thessaler waren auf Grund des alten Bundesverhält­ nisses zu den Athenern gestoßen, infolgedessen sich Larisaier, Pharsaler, Parasier, Kranonier, Pyrasier, Gyrtonier und Pheraier bei ihnen eingefunden hatten. Ihre Anführer waren aus Larisa Polymedos und Aristonus, von jeder Partei einer, aus Pharsalos Menon, und ebenso hatten auch die übrigen alle ihre eigenen Befehlshaber.

  47. 2.23.1

    Da die Athener doch nicht zur Schlacht herauskamen, brachen die Peloponnesier von Acharnai auf und verwüsteten noch einige Deinen zwischen Parnes und Britessos. Während sie dort noch im Lande waren, gingen die Athener mit den hundert in Dienst gestellten Schiffen, tausend Hopliten und vierhundert Bogenschützen unter Karkinos, Xenotimos' Sohn, Proteas, Epikles' Sohn, und Sokrates, Antigones' Sohn, nach dem Peloponnes unter Segel und kreuzten damit in den dortigen Gewässern. Die Peloponnesier aber blieben in Attika, solange sie dort zu leben hatten; darauf zogen sie wieder ab, jedoch nicht auf dem Wege, auf dem sie gekommen waren, sondern durch Böotien. Unterwegs verwüsteten sie bei Oropos das sogenannte gra'ische Land, das von Oropiern unter athenischer Hoheit bewohnt wird. Als sie im Peloponnes wieder an­ gekommen waren, ging das Heer auseinander und jeder in seine Heimat.

  48. 2.24.1

    Nach ihrem Abzüge richteten die Athener über Land und See einen Wachdienst ein, wie sie ihn für die Dauer des Krieges beibehalten wollten. Auch beschlossen sie, aus dem Burgschatz tausend Talente als unangreifbaren Bestand zurück­ zulegen und die Kriegskosten nur aus dem übrigen zu bestreiten, auch jeden, der vorschlagen oder dafür stimmen würde, dies Geld anzugreifen, es sei denn, daß man die Stadt gegen den Angriff einer feindlichen Flotte verteidigen müsse, mit Todes­ strafe zu bedrohen. Weiter beschlossen sie, alljährlich aus den s hundert besten Trieren und den für sie bestimmten Befehls­ habern ein besonderes Geschwader zu bilden, von dem, wie von jenem Gelde, nur in solchem äußersten Notfall Gebrauch gemacht werden sollte.

  49. 2.25.1

    Die inzwischen noch durch fünfzig Schiffe aus Kerkyra und andere Bundesgenossen aus jener Gegend verstärkten Athener auf den hundert Schiffen kreuzten um die peloponnesischen Küsten und richteten dort mancherlei Schaden an. Sie landeten auch bei Methone in Lakonien und machten einen Angriff auf die nur schwach befestigte und unbesetzte Stadt. Zufällig be­ fand sich der Spartaner Brasidas, Tellis' Sohn, als Befehls­ haber eines Postens dort in der Nähe, der, als er davon hörte, den Einwohnern mit hundert Hopliten zu Hilfe kam. Auch gelang es ihm, sich durch die athenischen Truppen, die sich in der ganzen Gegend zerstreut und nur die Stadt im Auge hatten, mit Verlust nur weniger Leute nach Methone durchzuschlagen und die Stadt zu retten. Wegen dieser mutigen Tat war er auch der erste, der in Sparta in diesem Kriege öffentlich be­ lobt wurde. Die Athener gingen hierauf wieder unter Segel und fuhren weiter, zunächst nach Pheia in Elis, verwüsteten zwei Tage das dortige Gebiet und erfochten einen Sieg über eine dreihundert Mann starke auserwählte Schar, welche aus der Umgegend und dem hohlen Elis herbeigeeilt war. Da sich jedoch ein starker Wind aufmachte und sie an der hafenlosen Küste dem Wetter zu sehr ausgesetzt waren, gingen die meisten wieder an Bord und fuhren um das Vorgebirge Jchthys herum in den Hafen von Pheia; die Messenier aber und einige andere, welche die Schiffe nicht mehr hatten erreichen können,Marschierten zu Lande nach Pheia und besetzten die Stadt. Nachher nahmen die inzwischen dort angelangten Schiffe auch sie wieder an Bord und gingen, da auch die Hauptmacht der Eleer bereits im Anzüge war, von Pheia wieder in See. Die Athener aber fuhren fort, die peloponnesischen Küstengegenden von ihren Schiffen aus zu verwüsten.

  50. 2.26.1

    Um dieselbe Zeit schickten die Athener dreißig Schiffe in die lokrischen Gewässer, welche zugleich die Ausgabe hatten, Euboia zu decken. Den Oberbefehl darüber führte Kleopompos, Kleimas' Sohn. Er landete wiederholt an der Küste, ver­ heerte einige Ortschaften und eroberte Thronion, wo er sich von den Einwohnern Geiseln geben ließ; auch schlug er einen lokrischen Heerhaufen, der sich ihm bei Alope entgegenstellte, in die Flucht.

  51. 2.27.1

    In demselben Sommer vertrieben die Athener die Ägineten mit Weib; und Kind von ihrer Insel, da sie ihnen schuld gaben, sie seien die Hauptursache an diesem Kriege. Auch hielten sie es zu ihrer Sicherheit für besser, die so nahe am Peloponnes gelegene Insel Ägina mit eigenen Ansiedlern zu besetzen, die sie zu dem Ende denn auch bald darauf dorthin schickten. Die Lakedämonier aber räumten den vertriebenen Agineten Thyrea als Wohnort ein und wiesen ihnen dort Land an,, teils aus Haß gegen die Athener, teils mit Rücksicht auf die guten Dienste, welche die Ägineten ihnen zur Zeit des Erdbebens und des Helotenaufstandes geleistet hatten. Die Landschaft Thyreatis liegt zwischen Argolis und Lakonien und reicht bis an die See. Die Agineten ließen sich auch zum Teil dort nieder; die übrigen zerstreuten sich über ganz Griechenland.

  52. 2.28.1

    In demselben Sommer trat bei Neumond, wo es an­ scheinend auch allein möglich ist, nach Mittag eine Sonnen-' finsternis ein. Hinterher nahm die Sonne ihre vollständige Gestalt wieder an, nachdem sie eine Zeitlang wie eine Mond­ sichel ausgesehen hatte und auch einzelne Sterne sichtbar ge­ worden waren.

  53. 2.29.1

    In demselben Sommer machten die Athener auch Nympho­ doros, Pythes' Sohn, aus Abdera, dessen Schwester mit Sitalkes verheiratet war, und bei dem er viel galt, zu ihrem Staats­ gatsfreunde. Während sie ihn früher als ihren Feind angesehen hatten, luden sie ihn jetzt nach Athen ein, weil ihnen daran lag, den Thrakerkönig Sitalkes, den Sohn des Teres, als Bundesgenossen zu gewinnen. Dieser Teres, Sitalkes' Vater, hatte den Odrysen erst die Herrschaft über den größten Teil von Thrakien verschafft; gutenteils nämlich sind die Thraker immer noch unabhängig. Übrigens hat dieser Teres mit Tereus, welcher Prokne, die Tochter Pandions aus Athen, zur Frau hatte, nichts zu tun; beide waren gar nicht mal aus dem­ selben Thrakien. Denn Tereus lebte in Daulia, jener damals von Thrakern bewohnten Landschaft, welche jetzt Phokis heißt. Hier war es auch, wo die Weiber die Untat an Jtys verübten, wie denn auch manche Dichter, welche die Nachtigall erwähnen, diese den daulischen Vogel nennen. Wahrscheinlich gab doch auch Pandion seine Tochter lieber einem Manne in der Nähe zur Frau, wo beide was voneinander hatten, als einem dort in dem viele Tagereisen entfernten Odrysenlaude. Teres da­ gegen, der ja auch nicht mal denselben Namen mit ihm führte, war der erste mächtige König der Odrysen. Dessen Sohn Sitalkes also wollten die Athener gern zum Bundes­ genossen haben, weil sie auf seine Hilfe gegen Perdikkas und im thrakischen Küstenlande hofften. Nymphodoros kam auch wirklich nach Athen und brachte das Bündnis mit Sitalkes zustande. Er verschaffte dessen Sohne Sadokos das athenische Bürgerrecht und machte sich anheischig, dem Kriege an der thrakischen Küste ein Ende zu machen und Sitalkes zu be­ tsimmen, den Athenern ein aus Reiterei und leichtem Fußvolk gebildetes Heer zu Hilfe zu schicken. Auch söhnte er Perdikkas mit den Athenern aus, die sich dabei ihrerseits dazu verstanden, Therme an Perdikkas zurückzugeben, worauf dieser sich sogleich . mit Phormion und den Athenern zu einem Feldzuge gegen die Chalkidier vereinigte. So wurden Sitalkes, Teres' Sohn, der Thrakerkönig, und Perdikkas, Alexanders Sohn, König von Makedonien, Bundesgenossen der Athener.

  54. 2.30.1

    Die immer noch um den Peloponnes kreuzenden Athener auf den hundert Schiffen eroberten die korinthische Stadt Sollion und räumten Stadt und Land Akarnaniern, jedoch nur den Palaireern, zum Wohnsitz ein. Astakos, wo Euarchos Tyrann war, nahmen sie mit Sturm, vertrieben den Tyrannen und zwangen die Stadt, dem Athenischen Bunde beizutreten. Darauf fuhren sie nach der Insel Kephallenia, die sich ihnen ohne Schwertstreich ergab. Kephallenia liegt Akarnanien und Leukas gegenüber und besteht aus vier Stadtgemeinden, Paleis, Kranioi, Same und Pronnoi. Bald nachher fuhren die Schiffe nach Athen zurück.

  55. 2.31.1

    Gegen Ende dieses Sommers fielen die Athener mit ihrem ganzen Heere, Bürger und Schutzverwaudte, unter Perikles, Lanthippos' Sohn, nach Megaris ein. Als die auf ihrer Rück­ fahrt vom Peloponnes grade bei Hgina angelangten Athener auf den hundert Schiffen hörten, daß ganz Athen in Megaris wäre, hielten sie auch dahin ab und vereinigten sich dort mit ihren Landsleuten. Und so wurde dies das größte Heer, welches die Athener noch in ihrer Blütezeit vor Eintritt der Pest auf den Beinen gehabt haben; denn ganz abgesehen von den dreitausend bei Potidäa stellten die Athener selbst mindestens zehntausend Hopliten und ihre Schutzverwandten mindestens dreitausend; dazu kam dann noch die große Menge der Leicht­ bewaffneten. Nachdem sie einen großen Teil des Landes ver­ heert hatten, zogen sie wieder ab. Auch im weiteren Verlauf des Krieges machten die Athener alljährlich solche Einfälle nach Megaris, entweder bloß mit der Reiterei oder auch mit dem ganzen Heere, bis sie Nisaia genommen hatten.

  56. 2.32.1

    Gegen Ende dieses Sommers wurde auch die bisher un­ bewohnte Insel Atalanta an der Küste der opuntischen Lokrer von den Athenern besetzt und zur Festung ausgebaut, um räube­ rischen Unternehmungen aus Opus und dem übrigen Lokrien gegen Euboia einen Riegel vorzuschieben. Das waren die Ereignisse dieses Sommers nach dem Abzüge der Peloponnesier aus Attika.

  57. 2.33.1

    Im folgenden Winter überredete der Akarnanier Euarchos, der sich der Herrschaft in Astakos wieder bemächtigen wollte, die Korinther, ihn mit vierzig Schiffen und fünfzehnhundert Hopliten dahin zurückzuführen, wozu er selbst auch eine Anzahl Söldner geworben hatte. Euphamidas, Aristonymos' Sohn, Timoxenos, Timokrates' Sohn, und Eumachos, Chrysis' Sohn, befehligten den Zug. Sie führten Euarchos auch wirklich nach Astakos zurück und hofften, sich nun auch sonst noch eines oder des anderen Platzes an der akarnanischen Küste bemächtigen zu können, machten dazu auch einige Versuche. Da es ihnen damit jedoch nicht glückte, fuhren sie wieder nach Hause. Als sie aus dem Rückwege an Kephallenia vorbeikamen, landeten sie im Gebiet der Kranier, ließen sich durch deren scheinbare Unter­ werfung täuschen und verloren infolge eines unerwarteten Überfalls der Kranier eine Anzahl Leute. Sie machten des­ halb, was sie konnten, daß sie wieder unter Segel kamen, und fuhren nach Hause.

  58. 2.34.1

    In diesem Winter wurden in Athen, wie es dort altes Herkommen ist, die im ersten Kriegsjahre Gefallenen von Staats wegen feierlich bestattet, und zwar in folgender Weise: Drei Tage vorher werden die Gebeine der Gefallenen in einem dazu hergerichteten Zelte zur Schau gestellt, und jeder bringt seinem Toten, wie ihm ums Herz ist, eine Gabe dar. Wenn sich der Leichenzug in Bewegung setzt, werden Särge aus Zypressen holz zu Wagen hinausgefahren, für jede Phyle ein Sarg, in dem sich die Gebeine aller, die dieser Phyle angehört haben, befinden. Ein leeres, mit Teppichen belegtes Parade­ bett wird mit hinausgetragen für die Vermißten, die man nicht hat auffinden und mitnehmen können. Jeder, wer will, kann sich dem Zuge anschließen. Einheimische und Fremde; auch Frauen nehmen daran teil, um am Grabe ihrer An­ gehörigen zu weinen. Die Beisetzung erfolgt in dem Staats- grabe in der schönsten Vorstadt von Athen, wo die Athener ihre im Kriege gefallenen Toten immer bestattet haben mit alleiniger Ausnahme der bei Marathon Gebliebenen, welche! zu Ehren ihrer unvergleichlichen Tapferkeit auf der Walstatt, selbst beerdigt wurden. Ist das Grab zugeschüttet, so hält, jemand, den man dazu mit Rücksicht auf Befähigung und An-­ se hen von Staats wegen auswählt, eine Rede zu Ehren der Gefallenen, worin er ihre Verdienste gebührend hervorhebt. Darauf geht jeder wieder nach Hause. In dieser Weise ver­ läuft die Feier, und während des ganzen Krieges wurde es, sooft sie stattfand, immer so damit gehalten. Dies erste Mal war Perikles, Xanthippos' Sohn, zum Redner gewählt, und als es so weit war, trat er vom Grabe her auf eine hohe Bühne, die man dort errichtet hatte, damit man ihn in der Menshcen- menge möglichst weit verstehen könnte, und hielt folgende Rede:

  59. 2.35.1

    „Die Redner, welche vor mir an dieser Stelle gesprochen, sind in der Regel des Lobes voll darüber gewesen, daß man bei unserer Totenfeier auch diese Rede eingeführt habe, sei eS doch eine schöne Sitte, unsere gefallenen Helden durch eine Rede am Grabe zu ehren. Nach meinem Gefühl hätte man eS lieber dabei lassen sollen, die Verdienste, die sich diese Männer durch ihre Taten erworben, auch nur durch eine Tat zu ehren, ich meine, durch solch ein ehrenvolles Begräbnis, wie ihr es heute wieder mit angesehen habt, anstatt es für die Beginn­ bigung der Verdienste so vieler Helden darauf ankommen zu lassen, ob einer eine gute oder eine schlechte Rede hält. Eine solche Rede zu halten, ist schwer, und eS wird dem Redner kaum gelingen, seine Zuhörer zu überzeugen, daß er jene Ver­ dienste zutreffend gewürdigt habe. Denn wer selbst mit dabei gewesen und überhaupt ein guter Athener ist, wird die Rede im Vergleich zu dem, was er erwartet und von der Sache weiß, leicht zu matt finden, wer es aber nicht selbst miterlebt, wird manches für übertrieben halten, weil man keinem ein Lob für Leistungen gönnt, die man sich selbst nicht auch zu­ traut; denn soweit man es anderen noch gleichtun zu können meint, kann man das ihnen erteilte Lob allenfalls ertragen, darüber hinaus aber ist man gleich neidisch und will nicht daran glauben. Da man nun aber seinerzeit der Meinung gewesen ist, daß es so besser sei, so muß auch ich mich der eingeführten Ordnung fügen und werde versuchen, es jedem von euch möglichst nach Wunsch und Sinn zu machen.

  60. 2.36.1

    „Ich beginne mit unseren Vorfahren; denn wir sind es ihnen schuldig, und es geziemt sich, bei einer solchen Feier ihrer dankbar zu gedenken. Als alteingesessene, mit dem väter­ lichen Boden von jeher festverwachsene Bevölkerung dieses Landes haben sie dessen Freiheit von Geschlecht zu Geschlecht bewahrt und auf uns vererbt. Haben schon unsere Altvorderen Anspruch aus unseren Dank, so vollends unsere Väter. Denn sie haben zu dem altererbten Besitz noch das weite Reich, das jetzt unser ist, hinzuerworben und uns hinterlassen. Wir selbst aber, das jetzige Geschlecht, haben es dann freilich noch weiter vermehrt und die Stadt mit allem, was sie für Krieg und Frieden bedarf, überreichlich ausgestattet. Von den Helden­ taten, denen wir unsere heutige Machtstellung verdanken, und von der Tapferkeit, die wir selbst und unsere Väter in den Kämpfen mit Barbaren oder Hellenen bei jeder Gelegenheit bewiesen haben, will ich nicht weiter reden; es sind das ja euch allen genügend bekannte Dinge. Wohl aber will ich euch, bevor ich mich zur Ehrung unserer Toten wende, ein Wort über den Geist unseres StaatSwesens und der Einrichtungen sagen, worauf die Größe Athens beruht. Denn ich glaube, daß ein Wort darüber bei dieser Gelegenheit nicht unangebracht ist, und daß allen Anwesenden hier, Einheimischen und Fremden, damit gedient sein wird.

  61. 2.37.1

    „Wir haben bei unserer Verfassung keine fremden Ein­ richtungen zum Muster genommen; im Gegenteil, wir haben anderen eher als Vorbild gedient, als ihnen was nachgemacht. Und weil das Regiment bei uns nicht in der Hand weniger, sondern der Gesamtheit liegt, nennt man unsere Verfassung demokratisch. Denn wie in den Angelegenheiten der einzelnen gleiches Recht für alle gilt, so gibt auch in Beziehung auf Geltung und An­ sehen in Staat und Gemeinde nur persönliche Tüchtigkeit einen Vorzug, nicht aber Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse, und selbst Armut hindert keinen, der was kann, aus seiner Unansehnlichkeit zu Amt und Würden zu gelangen. Wir sind im öffentlichen Leben nicht engherzig und im täglichen Verkehr untereinander keine Duckmäuser, nehmen es unserem Nächsten nicht übel, wenn er mal über die Stränge schlägt, und machen darüber kein sauertöpfisches Gesicht, um ihn da­ durch, wenn auch nicht umzubringen, doch moralisch zu ver­ nichten. Im persönlichen Verkehr sind wir nichts weniger als Splitterrichter, im öffentlichen Leben aber schämen wir uns jeder Ungesetzlichkeit und gehorchen der jeweiligen Obrigkeit und den Gesetzen, vorzüglich den zum Schutz der Bedrängten gegebenen, und den, wenn auch ungeschriebenen Gesetzen, deren Übertretung jedermann für Schande hält.

  62. 2.38.1

    „Auch für Gelegenheit zur Erholung von Mühe und Arbeit ist bei uns reichlich gesorgt, durch Spiele und Feste, wie sie hier jahrein jahraus gehalten werden, aber auch durch unser schönes Familienleben, dessen tägliche Freuden die Sorgen vershceuchen. Bei der Größe unserer Stadt kommen die Er­ zeugnisse aller Länder hier zu Markte, die wir so gut als unser Eigentum ansehen können wie die Erzeugnisse unseres eigenen Landes.

  63. 2.39.1

    „Auch in Beziehung auf das Kriegswesen befolgen wir insofern andere Grundsätze als unsere Gegner, als wir niemand den Aufenthalt hier in der Stadt verwehren. Es kommt nie vor, daß jemand ausgewiesen oder daran gehindert wird, sich hier umzutun und zu belehren, aus Furcht, die Feinde könnten uns Geheimnisse absehen und sich zunutze machen. Denn wir verlassen uns nicht sowohl auf Vorsichtsmaßregeln und Überrashcungen als vielmehr auf den im Kampfe bewährten persönlichen Mut. Während man bei ihnen die Knaben schon von klein auf durch Anstrengung und Abhärtung zur Tapferkeit erziehen zu müssen glaubt, gehen wir auch ohne solche harte Zucht nicht minder entschlossen in den Kampf und können es dreist mit ihnen aufnehmen. Das steht man schon daraus, daß die Lakedämonier bei Einfällen in unser Land nicht allein kommen, sondern gleich alle ihre Bundesgenossen aufbieten, während wir unseren Nachbarn allein ins Land fallen und ste, obwohl ste für Haus und Hof fechten, in der Regel ohne große Mühe besiegen. Mit unserer ganzen Macht auf einmal hat es ein Feind noch nie zu tun gehabt, weil wir gleichzeitig immer Mannschaft für die Flotte bedürfen und auch zu Lande unsere Truppen an allen Ecken und Enden verwenden müssen. Kommen aber die Herren mal mit einem unserer Heeresteile ins Gefecht und schlagen sie dabei ein paar Athener aus dem Felde, so wird daraus gleich ein Sieg über das ganze athe­ nische Heer; sind sie dagegen von uns besiegt, so sind sie immer nur unserer ganzen Macht unterlegen. Wenn wir aber auch ohne solchen Zwang getrost in den Kampf gehen und uns dabei nicht auf künstlich gezüchtete Tapferkeit, sondern auf angebo­ renen Mut verlassen, so kommt uns nur das zugute; denn auch ohne unsere Kräfte vorher auszugeben, stehen wir nicht minder unseren Mann als unsere Gegner, die sich bis dahin beständig abgequält haben. Und deshalb bewundert man Athen mit Recht, aber freilich noch aus anderen Gründen.

  64. 2.40.1

    „Denn wir pflegen die Künste, aber nicht um eiteln Prunkes willen, und lieben die Wissenschaft, aber ohne uns dadurch verweichlichen zu lassen. Wir schätzen den Reichtum als ein Mittel, um nützlichen Gebrauch davon zu machen, nicht aber um damit zu protzen. Seiner Armut braucht sich niemand zu schämen, es sei denn, daß er sie durch Faulheit selbst verschuldet hat. Der Politiker kann sich bei uns auch seinen eigenen Angelegenheiten widmen und der Geschäfts­ mann, der sein Gewerbe treibt, dabei sehr wohl auf Politik verstehen. Nur hier hält man den, der sich nicht um Politik bekümmert, nicht für einen guten Bürger, sondern für einen Philister. Bei uns bildet sich jeder wenigstens ein Urteil über solche Fragen, wenn es auch zunächst den berufsmäßigen Poli­ tikern überlassen bleibt, über deren richtige Lösung nachzudenken. Wir glauben nicht, daß die Sachen darunter leiden, wenn man sich erst öffentlich darüber ausspricht; im Gegenteil, wir halten eS für verkehrt, eine Sache anzugreifen, ohne sich darüber vorher durch Rede und Gegenrede belehren zu lassen. Denn auch darin untershceiden wir uns von anderen, daß wir bei unseren Unternehmungen erst wägen und dann wagen, während sie dummdreist draufgehen und, wenn sie zur Besinnung kommen, den Mut verlieren. Der wahre Mut ist es denn doch, sich zu­ nächst klarzumachen, was man zu hoffen und zu fürchten hat, und dann doch nicht vor der Gefahr zurückzushcrecken. Auch über Wohltun deuten wir anders als die meisten; nicht durch Nehmen, sondern durch Geben suchen wir uns Freunde zu machen. Wer einem anderen eine Wohltat erweist, hält fester an der Freund­ schaft und sucht sich dessen Dankbarkeit durch fortgesetztes Wohl­ wollen zu erhalten; der durch eine Wohltat Verpflichtete da­ gegen läßt es schon eher darauf ankommen, weil er sich sagt, daß er sie nicht erwidert, um dem anderen eine Freude zu machen, sondern um eine Schuld abzutragen. Wir sind die einzigen, die nicht aus Berechnung und um eigenen Vorteils willen, sondern als freie Männer auch ohne Nebenabsichten vertrauensvoll und furchtlos anderen Wohltaten erweisen.

  65. 2.41.1

    „Mit einem Worte, ich sage, unsere Stadt ist die hohe Schule für ganz Griechenland, und glaube, daß auch der ein­ zelne Athener sich mit seiner Gewandtheit und Sicherheit in allen Lebenslagen in der Regel leicht zurechtfinden wird. Und daß ich damit nicht nur bei dieser Gelegenheit den Mund etwas voll nehme, sondern daß dem in der Tat so ist, beweist die große Stellung unserer Stadt, die wir solchen Eigenschaften verdanken. Sie allein ist, bei Lichte besehen, größer als ihr Ruf, die einzige, von der besiegt zu werden auch der Feind sich nicht schämt, der zu gehorchen ihre Untertanen nicht unter der Würde halten. Nach einer so glänzenden und wahrlich zur Genüge bezeugten Entfaltung unserer Macht und Größe kann uns die Bewunderung der Mit- und Nachwelt nicht fehlen. Wir brauchen zur Verherrlichung unserer Taten keinen Homer noch sonst einen Sänger, der für den Augenblick ent­ zückt, dessen Fabelwelt dann aber vor der Wahrheit nicht Stich hält. Über Land und Meer, soweit eines Menschen Fuß reicht, sind wir die Heldenbahn geschritten und haben überall bei Freund und Feind ein unvergängliches Andenken hinterlassen. Für diese Stadt haben auch diese Tapferen als deren treue Söhne ihr Leben gelassen, und auch unter uns Überlebenden hier ist gewiß keiner, der nicht mit Freuden für sie in den Tod gehen würde.

  66. 2.42.1

    „Darum bin ich auch auf die Verhältnisse unserer Stadt eingegangen. Ich wollte euch zeigen, daß für uns denn doch andere Dinge auf dem Spiel stehen als für Leute, bei denen es dergleichen wie hier bei uns nicht gibt, und dadurch zugleich das Verdienst der Männer, denen ich die Grabrede halte, um so Heller ins Licht setzen. Auch ist damit das Beste zu ihrem Ruhm bereits gesagt. Denn alles, was ich zum Ruhm der Stadt gesagt habe, verdankt sie eben der Tüchtigkeit dieser Männer und solcher Helden wie sie, und in ganz Griechenland wird man das nicht von allzuvielen, so wie von ihnen, ohne Übertreibung rühmen können. Ich meine, ein Tod wie ihrer beweist unter allen Umständen die Tüchtigkeit eines Mannes, mag er sie damit zum erstenmal bewähren oder vollends be­ siegeln. Selbst dem Taugenichts kommt es zugute, wenn er schließlich sein Leben auf dem Schlachtfelde fürs Vaterland einsetzt; denn durch solche Tapferkeit hat er seine Fehler be­ deckt und dem Gemeinwesen mehr genützt als durch sein früheres Lotterleben geschadet. Hier unter diesen Tapferen war keiner, der sich in Überfluß und Genußsucht verweichlicht oder in der Hoffnung, aus einem armen Schelm dermaleint snoch ein reicher Mann zu werden, lange besonnen hätte, der Gefahr ins An­ gesicht zu sehen. Sie alle hatten kein größeres Verlangen, als gegen den Landesfeind zu kämpfen, kannten keinen schöneren Tod als den fürs Vaterland und, ohne ihr Leben im Kampfe gegen die Feinde zu wagen, hatten auch andere Güter in ihren Augen keinen Wert. Während sie auf den Sieg, den immer ungewissen, nur hoffen konnten, gingen sie im Vertrauen auf ihre eigene Kraft in den Kampf. Und indem sie lieber tapfer kämpfen und sterben, als durch feige Flucht ihr Leben retten wollten, haben sie ihren Heldenmut durch die Tat bewiesen und brauchen keine Lästerzunge zu fürchten. So sind sie in kurzer Schicksalsstunde, vom höchsten Ruhmesglanz umstrahlt, den Heldentod gestorben.

  67. 2.43.1

    „Diese Tapferen haben ihre Schuldigkeit getan, indem sie für die Stadt ihr Leben ließen. Mögen die Überlebenden immerhin wünschen, daß es ihnen nicht auch das Leben kostet, darum aber doch nicht minder entschlossen sein, es mutig gegen den Landesfeind einzusetzen. Wozu, - das braucht ihr euch von einem Redner, der das nicht besser weiß als ihr, durch einen Vortrag über den Nutzen der Tapferkeit nicht erst aus­ einandersetzen zu lassen; nein, macht nur die Augen auf, um euch tagtäglich von der Macht und Schönheit unserer Stadt zu überzeugen und euch recht eigentlich in sie zu verlieben. Und wenn ihr euch dann ihrer Größe freut, so vergeßt nicht, daß kühne und von Ehrgefühl beseelte Männer, welche wußten, waS ihre Schuldigkeit war, uns das zuwege gebracht haben, Männer, die nicht nach jedem Mißerfolg den Mut sinken ließen, sondern immer wieder bereit waren, ihr Leben auf dem Altar des Vaterlandes zu opfern. Dafür aber, daß sie ihr Leben fürs Vaterland hingegeben haben, ist ihnen denn auch unsterb­ licher Ruhm und das herrlichste Grabmal zuteil geworden, nicht hier, mein' ich, wo sie beigesetzt worden sind, sondern überall da, wo ihr Ruhm fortlebt und sich ein Anlaß bietet, ihrer durch Wort oder Tat zu gedenken. Denn das Grabmal be­ rühmter Männer sind alle Lande, und nicht nur in der Heimat kündet die Inschrift auf dem Grabstein ihren Ruhm, sondern auch in der Fremde bleibt, wenn nicht ihre Tat, so doch ihr Mut auch ungeschrieben bei jedermann in lebendigem Ge­ dächtnis. Sie also nehmt euch zum Beispiel; erblickt auch ihr das Glück in der Freiheit, die Freiheit in der Tapferkeit, und steht auch ihr euren Mann, wenn euch von Feinden Gefahr droht! Denn wo man nur ein kümmerliches Dasein führt und nichts Besseres zu hoffen hat, hat man auch keinen Grund, sein Leben in die Schanze zu schlagen, wohl aber da, wo man bei einem Umschwung der Dinge was zu verlieren hat und ein unglücklicher Krieg so viel ausmacht. Dem Mutigen ist feige Jämmerlichkeit schmerzlicher als der Tod, den er im Hochgefühl der Kraft und in der Freudigkeit des Sieges als kein Übel empfindet.

  68. 2.44.1

    „Darum will ich auch euch, die hier anwesenden Eltern dieser Tapferen, nicht beklagen, sondern zu trösten suchen. Glück und Unglück, das wißt ihr, wechseln beständig im menschlichen Leben; glücklich, wem ein so schönes Ende wie ihnen oder eine so edle Trauer wie euch zuteil wird, wem nach einem glück­ lichen Leben auch ein glücklicher Tod beschieden ist. Ich weiß, es ist schwer, euch über einen Verlust zu trösten, an den ihr, wenn ihr andere ein Glück genießen seht, dessen ihr euch einst auch freuen durftet, immer von neuem erinnert werdet. Ein Glück, das man nie gekannt, zu entbehren, tut nicht weh, weh aber, ein Glück zu verlieren, an das man gewöhnt war. Wer von euch noch in dem Alter ist, daß er auf Kinder hoffen kann, mag sich an solcher Hoffnung aufrichten. Die neuen Kinder werden den Eltern ein Trost für die verlorenen sein, die Stadt aber wird davon den doppelten Vorteil haben, daß sie an Bürgern nicht ärmer wird und an Sicherheit gewinnt. Wer nicht selbst auch Kinder zu verlieren hat, dem wird da, wo es sich um Fragen des Gemeinwohls handelt, auch das volle Ver­ ständnis für die Gefühle und Interessen seiner Mitbürger fehlen. Ihr aber, die ihr über dies Alter hinaus seid, freut euch, daß ihr den größten Teil eures Lebens glücklich gewesen seid, und daß es bald mit euern Tagen zur Neige geht, und zehrt hinfort vom Ruhme eurer Söhne; denn nur der Ehrgeiz altert nicht, und das, woran sich das tatenlose Alter am meisten freut, ist nicht, wie man wohl behauptet, das Geld, sondern die Ehre.

  69. 2.45.1

    „Euch freilich, ihr hier anwesenden Söhne und Brüder dieser Helden, fürcht' ich, wird es schwer werden, mit ihnen um den Ruhmespreis zu ringen. Denn die Toten pflegt jeder zu rühmen, und auch bei der größten Tapferkeit wird man euch nicht für ihresgleichen, sondern für etwas weniger halten. Denn den Lebenden, der sich hervortut, beneidet man, dem Toten aber, der uns nicht mehr im Wege steht, gönnt man neidlos seine Ehre. Und wenn ich zuletzt auch noch ein Wort über die Tugenden der Frauen sagen soll, die jetzt in den Witwenstand versetzt sind, so kann ich mich ganz kurz auf einen guten Rat beschränken. Euer höchster Ruhm wird sein, echter Weiblichkeit nichts zu vergeben, und die wird für die beste gelten, von der in Lob und Tadel unter Männern am wenigsten die Rede ist.

  70. 2.46.1

    „Damit hätte ich nun, um der einmal eingeführten Ord­ nung zu genügen, zu Ehren dieser Toten auch eine Rede ge­ halten; durch die Tat aber sind sie bereits durch dieses Be­ gräbnis sowie dadurch geehrt, daß die Stadt ihre Kinder, bis sie zu ihren Jahren kommen, auf öffentliche Kosten erziehen läßt, eine Auszeichnung, womit die Stadt sie und ihre Hinter­ bliebenen für so hervorragende Leistungen zweckmäßig belohnt. Denn wo der Tapferkeit der höchste Lohn winkt, wird man auch die tapfersten Bürger haben. Nun noch eine Träne am Grabe eurer Lieben, und dann geht nach Hause."

  71. 2.47.1

    Auf diese Weise wurde die Leichenfeier in diesem Winter gehalten, mit dessen Ablauf das erste Kriegsjahr zu Ende ging. Gleich im Beginn des Sommers fielen die Peloponnesier und ihre Bundesgenossen wie schon das erstemal mit zwei Dritteln ihrer Mannschaft von neuem nach Attika ein, wo sie ein Lager bezogen und das Land verheerten. Den Oberbefehl führte Archidamos, Zeuxidamos' Sohn, König der Lakedämonier. Sie waren erst wenige Tage in Attika, als sich in Athen die ersten Anfänge der Pest zeigten, die, wie es heißt, auch früher schon mehrfach, namentlich in Lemnos und anderswo, aufgetreten war, aber, soweit man sich erinnerte, niemals so furchtbar ge­ wütet und die Menschen so massenhaft hingerafft hatte. Auch die Ärzte, die sie noch nicht kannten und anfangs nicht zu be­ handeln wußten, waren ihr gegenüber machtlos, ja, sie sielen ihr, weit sie beständig mit ihr in Berührung kamen, grade selbst am meisten zum Opfer. Auch andere menschliche Kunst half nichts dagegen. Alles Beten in Tempeln, alles Anfragen bei Orakeln und dergleichen war umsonst, und so unterließ man schließlich auch das und ergab sich in sein Schicksal.

  72. 2.48.1

    Entstanden sein soll sie zuerst in Äthiopien oberhalb Ägyptens, von wo sie sich dann nach Ägypten und Libyen und einen großen Teil des persischen Reiches verbreitete. Ganz plötzlich trat sie dann auch in Athen auf, und zwar kamen die ersten Erkrankungen im Peiraieus vor, ja, es hieß sogar, die Peloponnesier hätten die Brunnen vergiftet; denn damals gab es dort noch keine Röhrenbrunnen. Später kam sie auch in die obere Stadt, und nun erst fing das große Sterben an. Ich überlasse es jedem, er sei Arzt oder Laie, seine Meinung darüber zu äußern, woher sie wahrscheinlich entstanden ist und weshalb sie so merkwürdige Erscheinungen zur Folge haben konnte; ich will nur angeben, wie sie wirklich auftrat, und sie so beschreiben, daß man, falls sie mal wiederkommt, hin­ länglich über sie unterrichtet ist, um sie zu erkennen; denn ich habe sie selbst gehabt und auch andere, die von ihr befallen waren, selbst gesehen.

  73. 2.49.1

    So viel steht fest, daß in dem Jahre andere Krankheiten so gut wie gar nicht vorkamen, und daß, wenn einem was fehlte, immer diese Krankheit daraus wurde. Bei anderen, bis dahin völlig Gesunden, stellte sich ohne jede äußere Ver­ anlassung plötzlich große Hitze im Kopfe ein mit Röte und Entzündung der Augen. Inwendig wurden Schlund und Zunge gleich blutrot, der Atem widerlich und übelriechend, dazu kam Niesen und Heiserkeit, und nach kurzer Zeit drang die Krank­ heit in die Brust bei starkem Husten. Wenn sie sich auf den Magen warf, kehrte sie ihn um, und es erfolgten alle Ent­ leerungen der Galle, für welche die Ärzte einen Namen haben, und zwar unter großen Schmerzen. Meist kam es dabei zu einem leeren Würgen, verbunden mit heftigem Krampf, was bei einigen bald vorüberging, bei anderen aber erst nach längerer Zeit aufhörte. Äußerlich fühlte sich der Körper nicht übermäßig warm an; er war nicht blaß, sondern etwas gerötet, wie mit Blut unterlaufen, und überall mit kleinen Pusteln und Geschwüren bedeckt. Inwendig aber war die Hitze so groß, daß die Menschen es selbst in den leichtesten Kleidern und unter dem feinsten Leinen nicht aushalten konnten, sondern sich alles vom Leibe rissen und sich am liebsten in kaltes Wasser gestürzt hätten, und viele, die sich selbst überlassen waren, taten das auch und sprangen in die Brunnen, weil sie von unauf­ hörlichem Durst gequält wurden, sie mochten trinken, so viel sie wollten. Dazu litt der Kranke beständig an Unruhe und Schlaflosigkeit. Auch wenn die Krankheit länger anhielt, ver­ fiel der Körper dabei nicht, sondern zeigte sich unerwartet widerstandsfähig, so daß die Kranken meist noch ziemlich bei Kräften am neunten oder ; siebenten Tage an innerer Hitze tsarben. Überstanden sie das aber, so warf sich die Krankheit auf den Unterleib, es stellten sich Geschwüre und tsarker Durch­ fall ein, und dann starben sie meist an Entkräftung. Denn das Übel, das im Kopfe anfing, durchzog den ganzen Körper von oben bis unten. Hatte einer das Schlimmste überstanden, so zeigte sich das daran, daß die Krankheit die Extremitäten ergriff; sie warf sich dann auf die Scham teile, auf Finger und Zehen, so daß viele, die mit dem Leben davonkamen, diese Körperteile, manche auch die Augen einbüßten. Einige hatten, wenn sie die Krankheit überstanden, auch das Gedächtnis verloren und kannten sich selbst und ihre Angehörigen nicht mehr.

  74. 2.50.1

    Das Unheimliche und Auffallende an dieser Krankheit war, daß sie nicht nur die Menschen so grausam hinraffte, sondern daß auch Vögel und andere Tiere, welche sonst Leichen anfressen, die vielen unbeerdigt gebliebenen Toten überhaupt nicht anrührten oder^D^starben, wenn sie davon fraßen, wie sich das daran zeigte, daß solche Vögel gänzlich verschwunden waren und sich bei den Leichen gar nicht mehr sehen ließen. Am besten konnte man das an den Hunden beobachten, weil sie in Gemeinschaft mit den Menschen leben.

  75. 2.51.1

    Das war, abgesehen von mancherlei besonderen Er­ scheinungen, wie sie sich hier und da zeigten, im allgemeinen die Gestalt, in der die Krankheit auftrat. Andere gewöhnliche Krankheiten aber kamen in jener Zeit nicht vor, und wenn es etwa doch der Fall war, schlugen sie in diese um. Die Menschen starben, mochten sie sich selbst überlassen oder aufs beste ver­ pflegt sein. Es gab in der Tat kein Mittel, das man dagegen mit einiger Aussicht auf Erfolg hätte anwenden können; denn^ was dem einen nützte, schadete dem anderen. Der Krankheit gegenüber verschlug es nichts, ob einer von Haus aus eine feste Gesundheit hatte oder nicht; sie raffte alles hin auch bei der sorgfältigsten Behandlung. Das Schlimmste war die Mut­ losigkeit, wenn einer sich krank fühlte, daß er sich in der Ver­ zweiflung gleich völlig aufgab und keinen Widerstand mehr leistete, und daß infolge der Ansteckung die Menschen starben wie die Fliegen. Und das war grade ein Hauptgrund der großen Sterblichkeit. Denn wenn man es aus Furcht vor An­ steckung vermied, mit den Kranken in Berührung zu kommen, und niemand sich ihrer annahm, so starben diese, wie denn in der Tat manche Häuser, wo es an Pflege fehlte, völlig aus-^ starben. Wer aber die Kranken besuchte, war selbst ein Kind des Todes, und das traf grade vorzugsweise die Mutigen, die es für Pflicht hielten, ihren Mitmenschen hilfreich beizustehen. Denn die sahen es für Ehrensache an, sich selbst nicht zu schonen und ihre Freunde zu besuchen, da deren Angehörige, durch das grenzenlose Elend gebrochen, es schließlich müde wurden, an den Sterbebetten zu jammern. Am meisten aber^ erbarmten sich solche der Kranken und Sterbenden, welche die ^ Krankheit selbst bereits überstanden hatten, weil sie sie aus Erfahrung kannten und sich selbst jetzt davor sicher wußten. Denn zum zweitenmal kriegte sie niemand so, daß er daran gestorben wäre. Darum wurden sie von anderen glücklich ge­ priesen und waren selbst froh, daß sie für diesmal glücklich durchgekommen waren und immerhin hoffen durften, auch bei einer etwaigen neuen Erkrankung wenigstens mit dem Leben davonzukommen.

  76. 2.52.1

    Zu allem Elend kam dann noch der Zusammenfluß so vieler Menschen vom Lande in die Stadt, und diese selbst hatten darunter am meisten zu leiden. Denn da sie nicht Häuser genug vorfanden und die Sommerzeit in heißen und dumpfigen Buden zubringen mußten, trat unter ihnen ein grauenhaftes Sterben ein. So wie sie übereinander verreckten, blieben sie als Leichen liegen, oder sie wälzten sich halbtot auf den Straßen oder vor Gier nach Wasser um die Brunnen. Selbst die Tempel, in denen sie untergekommen und dann gestorben waren, tagen voller Leichen. Bei dem grenzenlosen Elend wußten die Menschen eben nicht mehr, was sie anfangen sollten, und kümmerten sich nicht länger um Religion und fromme Sitte. Auch über alles, was bis dahin bei Begräbnissen Rechtens ge­ wesen war, setzte man sich hinweg, und jeder begrub seine Toten, so gut er konnte. Manche gingen dabei gradezu scham­ los zu Werke, weil ihnen schon so viele gestorben waren, daß es ihnen an den nötigen Mitteln für ein Begräbnis fehlte. Sie legten ihre Toten auf fremde Scheiterhaufen und zündeten sie an, ehe die Leute, die sie aufgeschichtet hatten, dazu kamen, oder warfen die mitgebrachte Leiche auf den ersten besten, schon brennenden Scheiterhaufen und machten dann, daß sie wegkamen.

  77. 2.53.1

    Überhaupt war die Pest für Athen der Anfang mehr und mehr um sich greifender Gesetzlosigkeit. Dinge, denen man früher höchstens im geheimen gefrönt, trieb man jetzt mit schamloser Offenheit; hatte man doch die schnellen Glückswechsel vor Augen, wie die Reichen plötzlich starben und Leute, die bis dahin nichts gehabt, mit einmal in den Besitz ihres Ver­ mögens gelangten. Alles trachtete nach hastigem Genuß und stürzte sich in den Taumel der Sinnenlust, da es ja mit dem Leben wie mit dem Gelde über Nacht vorbei sein konnte. Für einen guten Zweck sich abzumühen, hatte keiner mehr Lust; denn wer sagte ihm, ob er nicht längst tot sein würde, bevor er ihn erreicht? Schon der Genuß an sich und alles, waS irgendwie dazu beitragen konnte, galt ohne weiteres auch für gut und löblich. Weder Furcht vor den Göttern noch menshc­ liches Gesetz wehrte dem Verbrechen; denn da man alle ohne Unterschied tserben sah, schien es ja doch einerlei zu sein, ob man die Götter fürchtete oder nicht, und niemand glaubte, daß er noch so lange leben würde, bis eine bürgerliche Strafe für seine Verbrechen über ihn verhängt werden könnte; schwebte doch schon ein weit schwereres Verhängnis über seinem Haupte, und bis das auf ihn hereinbrach, wollte er wenigstens sein Leben noch genießen.

  78. 2.54.1

    So waren die Athener damals in großer Not, in der Stadt starben ihnen die Menschen, und draußen verwüstete der Feind ihr Land. Kein Wunder, daß sie sich in dieser Not auch der Weissagung erinnerten, die ihnen, wie die alten Leute versicherten, vorzeiten mal verkündet worden war: „Es wird kommen der dorische Krieg und damit die Seuche." Nun entstand freilich Streit darüber, ob es in dem alten Spruche die Seuche (Loimos) oder die Hungersnot (Limos) geheißen habe. Unter den damaligen Umständen aber behielt natürlich die Ansicht die Oberhand, daß es die Seuche ge­ heißen, weil man ihn eben dem anpaßte, was man selbst er­ lebte; und ich glaube, wenn einmal wieder ein dorischer Krieg käme und dabei eine Hungersnot einträte, so würde man sich den Spruch wahrscheinlich auch danach zurechtlegen. Allen aber, denen sie bekannt geworden, fiel nun auch die Antwort ein, welche das Orakel den Lakedämoniern auf die Frage, ob sie Krieg anfangen sollten, erteilt hatte: „wenn sie den Krieg nachdrücklich führten, würden sie siegen und der Gott selbst werde auf ihrer Seite sein"; und da fand man nun, daß der bisherige Verlauf der Sache dem völlig entspräche. Denn gleich nach dem Einfall der Peloponnesier war die Pest aus­ gebrochen, der Peloponnes aber so gut wie ganz davon ver­ schont geblieben. Am ärgsten dagegen war sie grade in Athen und danach auch in anderen besonders volkreichen Orten auf­ getreten. So viel von der Pest und ihren Folgen.

  79. 2.55.1

    Nachdem die Peloponnesier die Ebene verheert hatten, zogen sie in das sogenannte Seeland bis nach Laurion, wo die Athener ihre Silberbergwerke haben, und verwüsteten es erst auf der nach dem Peloponnes gerichteten und dann auch auf der Euboia und Andres gegenüberliegenden Seite. Perikles, der auch dies Jahr noch Feldherr war, hielt wie beim vorigen Einfall immer noch an der Ansicht fest, daß die Athener sich außerhalb der Stadt auf keine Schlacht einlassen dürften.

  80. 2.56.1

    Schon als das feindliche Heer noch in der Ebene stand und noch nicht in die Küstengegend vorgedrungen war, hatte Perikles hundert Schiffe zu einer Fahrt nach dem Peloponnes rüsten lassen und ging damit, als alles fertig war, in See. Er hatte viertausend athenische Hopliten und außerdem auf alten, erst damals für Pferde eingerichteten Transportschiffen dreihundert Reiter an Bord. Auch Chier und Lesbier beteiligten sich mit fünfzig Schiffen an dem Zuge. Als die Athener mit dieser Flotte in See gingen, ließen sie die Peloponnesier im attischen Seelande ihr Wesen ruhig weitertreiben und wandten sich nach Epidauros im Peloponnes, wo sie das Land weit und breit verheerten und einen Angriff auf die Stadt unter­ nahmen. Sie machten sich auch Hoffnung, sie einzunehmen, aber das gelang ihnen nicht. Von EpidauroS fuhren sie weiter und verheerten das Gebiet von Troizen, Halieis und Hermione, alles Orte an der peloponnesischen Küste. Von dort gingen sie wieder in See und kamen nach Prasiai, einer an der See gelegenen Stadt in Latonien, und verheerten die Umgegend, nahmen auch die Stadt selbst ein und zerstörten sie. Danach fuhren sie wieder nach Hause, trafen aber die Peloponnesier, die inzwischen abgezogen waren, in Attika nicht mehr an.

  81. 2.57.1

    Während der ganzen Zeit, wo die Peloponnesier in Attika und die Athener zu Schiff waren, wütete die Pest unter den Athenern, sowohl auf der Flotte wie in der Stadt. Es hieß sogar, die Peloponnesier hätten das Land schneller geräumt aus Furcht vor der Pest, von deren Auftreten in der Stadt sie durch Überläufer hörten und sich auch durch die vielen Be­ gräbnisse überzeugen konnten. Übrigens waren sie bei diesem Einfall am längsten, nämlich etwa vierzig Tage, in Attika ge­ blieben und hatten das ganze Land verheert.

  82. 2.58.1

    Noch in demselben Sommer übernahmen Hagnon, NikiaS' Sohn, und Theopompos, Kleinias' Sohn, Perikles' Mitfeld­ herren, den Oberbefehl über dessen Heer und Flotte und fuhren damit nach der thrakischen Küste zum Kriege gegen die Chalkidier und Potidäa, das noch immer belagert wurde. Dort ange­ kommen, führten sie ihr Geschütz gegen Potidäa auf und ver­ suchten es auf jede Weise zur Übergabe zu bringen. Sie ver­ mochten es aber weder zu nehmen noch überhaupt Erfolge zu erringen, welche der Mühe wert gewesen wären. Denn auch hier machte die Pest, die sie mitgebracht, den Athenern große Not und räumte unter ihnen furchtbar auf, ja selbst ihre zuerst dorthin geschickten, bis dahin gesund gebliebenen Mann­ schaften wurden jetzt von Hagnons Truppen angesteckt. Phor­ mion mit seinen sechzehnhundert Mann war damals schon nicht mehr in Chalkidike. So kehrte auch Hagnon mit seiner Flotte nach Athen zurück, nachdem er von seinen viertausend Hopliten in etwa vierzig Tagen fünfzehnhundert an der Pest verloren hatte. Das alte Heer aber blieb da und setzte die Belagerung fort.

  83. 2.59.1

    Nach dem zweiten Einfall der Peloponnesier, bei dem ihr Land nun schon zum zweitenmal verwüstet und die Pest noch dazugekommen war, schlug die Stimmung der Athener um. Sie schalten auf Perikles, der ihnen zum Kriege geraten und all ihr Unglück verschuldet habe, und sehnten sich nach Frieden mit den Lakedämoniern. Auch schickten sie mal Gesandte an sie, die aber unverrichteter Sache zurückkamen. Nun zogen sie, völlig ratlos, wie sie waren, über Perikles her. Als der sah, daß sie, wie er das freilich nicht anders erwartet hatte, so schwer an ihrem jetzigen Zustande trugen, berief er, da er noch Feldherr war, eine Versammlung, um ihnen Mut einzusprechen, ihren Zorn zu beschwichtigen und sie überhaupt zu beruhigen, in der er auftrat und folgende Rede hielt:

  84. 2.60.1

    „Daß ihr mit mir unzufrieden seid, überrascht mich nicht; denn ich verstehe sehr wohl warum. Deshalb habe ich diese Versammlung berufen, um euch die Meinung zu sagen und eines Besseren zu belehren, sofern ihr keinen Grund habt, mir zu zürnen und im Unglück zu verzagen. Denn ich meine, auch dem einzelnen Bürger ist mit dem Bestände des ganzen Gemein­ wesens besser gedient' als mit individueller Wohlfahrt, bei der das Ganze zugrunde geht. Denn geht es dem einzelnen Bürger noch so gut, beim Untergange des Vaterlandes ist er doch mit­ verloren; geht es ihm aber kümmerlich, so wird er sich in einem blühenden Gemeinwesen immer noch am ersten durch­ schlagen. Vermag also der Staat dem einzelnen aufzuhelfen, nicht aber der einzelne dem Staat, müssen da nicht alle für ihn eintreten und es nicht machen wie ihr, die ihr, durch euer häusliches Leid gebrochen, Athen seinem Schicksal überlassen wollt und mich, der ich zum Kriege geraten habe und damit euch selbst, die ihr doch auch dafür gestimmt habt, mit Vor­ würfen überhäuft? Da scheltet ihr einen Mann wie mich, der, sollt' ich denken, doch wie einer imstande ist, zu beurteilen, worauf es ankommt und anderen seine Gründe auseinander­ zusetzen, einen Mann, der sein Vaterland liebt und für Geld nicht zu haben ist. Denn wer die Sache noch so gut versteht, sie aber anderen nicht begreiflich machen kann, ist nichts besser als einer, der selbst nichts davon versteht. Wer beides kann, aber kein Herz fürS Vaterland hat, wird niemals reden, wie es diesem frommt. Dem endlich, dem es auch daran nicht fehlt, der aber dem Gelde nicht widerstehen kann, wird für Geld alles feil sein. Wenn ihr euch also damals auf meinen Rat zum Kriege entschlossen habt, weil ihr mir jene Eigen­ schaften denn doch mindestens wie jedem anderen zutrautet, und mir darüber jetzt Vorwürfe machen wollt, so muß ich mir daS entschieden verbitten.

  85. 2.61.1

    „Gewiß, wenn man sonst gut zufrieden ist und die Wahl hat, wäre es töricht, Krieg anzufangen. Wenn man aber keine andere Wahl hat, als entweder klein beizugeben und sich fremder Herrschaft zu unterwerfen oder aber der Gefahr die Stirn zu bieten, um sich zu behaupten, so ist es schimpflich, sich aus Furcht vor der Gefahr vor ihr zu drücken. Ich bin noch der­ selbe und stehe auf meinem alten Standpunkt, ihr aber seid umgefallen. Damals im Glück folgtet ihr meinem Rat, jetzt aber im Unglück kriegt ihr es mit der Reue und meint in eurer Kurzsichtigkeit, ich hätte euch falsch beraten. Die augen­ blicklichen Nachteile empfindet ihr schon, die späteren Vorteile aber erkennt ihr noch nicht und denkt nicht hoch genug, um auch nach dem großen Glückswechsel, der euch so plötzlich be­ troffen, an euren Beschlüssen festzuhalten. Freilich, so völlig unerwarteten und unbegreiflichen Schicksalsschlägen erliegt der Mensch, und so ist es euch vor allem bei der Pest ergangen. Und doch solltet ihr als Bürger dieser stolzen Stadt, in deren Anshcauungen ihr aufgewahcsen seid, auch im größten Unglück den Mut nicht verlieren und euern Ehrenschild rein halten; denn mit gleichem Recht verachtet man den Feigling, welcher der ihm gebührenden Ehre was vergibt, wie man den Un­ verschämten verabscheut, der sich eine Ehre anmaßt, die ihm nicht zukommt. Darum verschmerzt auch ihr euer häusliches Leid und laßt das Vaterland nicht zugrunde gehen!

  86. 2.62.1

    „Und eure Furcht, es könnte uns mit den Lasten des Krieges zu viel werden, und wir würden ihn schließlich nicht durchhalten, - so sollte euch eigentlich genügen, was ich euch schon wiederholt über die Grundlosigkeit solcher Befürchtungen gesagt habe. Ich will jedoch noch einen Punkt hervorheben, den ihr anshceinend niemals in Betracht gezogen habt, und den auch ich früher noch nicht erwähnt habe, ich meine die Größe eurer wirklichen Macht. Und wenn ich euch nicht so entsetzlich niedergeschlagen sähe, würde ich das auch heute nicht tun, da es immer etwas nach Prahlerei aussieht. Ihr glaubt, daß ihr nur über eure Bundesgenossen herrscht; ich aber sage, daß ihr von den beiden Hälften der Erdoberfläche, die dem Menschen für seine Zwecke zu Gebote tsehen, von Land und See nämlich, die eine ganz und gar beherrscht, nicht nur so weit ihr sie schon jetzt mit euren Flotten befahrt, sondern auch darüber hinaus, so weit ihr nur wollt. Es gibt zurzeit niemand, der euch die Herrschaft zur See streitig machen könnte, weder einen König noch irgendein Volk. Was wollen denn dieser eurer Macht gegenüber die paar Häuser und Felder besagen, deren Verlust ihr so schmerzlich empfindet? Darum dürfen wir ihn nicht zu schwer nehmen und im Vergleich mit ihr diese Dinge nicht viel anders ansehen als etwa ein Gärtchen oder einen Luxus­ gegenstand, und bedenken, daß wir uns das, wenn wir glück­ lich durchkommen und uns behaupten, alles leicht wieder an­ schaffen können, während uns die Fremdherrschaft auch die Freude an dem früheren Besitz vergällen würde. Unseren Vätern wurde auch nicht alles ohne weiteres zuteil, sondern sie haben es im Schweiße ihres Angesichts selbst erworben und es dann auch weiterhin zusammengehalten und uns hinter­ lassen, und in beider Hinsicht gilt es zu zeigen, daß wir nicht schlechter sind als sie. Die Macht, die man hat, nicht be­ haupten zu können, ist schimpflicher als ein mißglückte? Versuch, sie zu erwerben. Den Feinden aber müssen wir nicht nur mit Selbstvertrauen, sondern auch mit Verachtung begegnen. Prahlen kann schließlich jeder Lump, der bei aller Dummheit mal Glück gehabt und den Hals nicht gebrochen hat; den Feind verachtet aber nur, wer sich seiner moralishcen Überlegenheit über ihn bewußt ist, und das ist unser Fall. Das Bewußtsein solcher Überlegenheit macht auch bei gleichem Glück den Mut unerschütterlicher; da gibt man sich keinen trügerischen Hofs­ nungen hin, sondern rechnet mit den vorhandenen Mitteln, auf die man sich verlassen kann.

  87. 2.63.1

    „Für die Ehre, welche unsere Stadt ihrer Machtstellung verdankt, auf die ihr euch so viel zugute tut, müßt ihr natür­ lich alle Kraft einsetzen und keine Beshcwerden scheuen, solange ihr überhaupt noch Wert auf Ehre legt. Glaubt nicht, daß es sich in diesem Kampfe einzig und allein um Knechtschaft oder Freiheit handelt; es handelt sich auch um den Verlust eurer Herrschaft und um die gefährlichen Folgen deS Hasses, den ihr euch durch eure Herrschaft zugezogen habt. Und diese aufzugeben, seid ihr gar nicht mehr in der Lage, sollte auch dieser oder jener dunkle Ehrenmann unter den jetzigen Um­ ständen um des lieben Friedens willen dazu raten. Denn sie ist längst Gewaltherrschaft geworden, die an sich zu reißen unrecht sein mag, aber wieder aufzugeben gefährlich ist. Solche Schwachköpfe mit ihrem guten Rat würden ein Gemeinwesen bald genug zugrunde richten, wenn sie in die Lage kämen, es auf ihre Weise zu regieren. Denn mit Friedensliebe um jeden Preis, der keine Tatkraft zur Seite steht, kommt man nicht durch; jedenfalls schickt sie sich nicht für eine Großmacht, sondern höchstens für einen Vasallenstaat, wo man nichts weiter ver­ langt als ein knechtisches Stilleben.

  88. 2.64.1

    „Laßt euch also durch solche Spießbürger nicht irremachen und seid mir, mit dem ihr ja selbst für den Krieg gestimmt habt, nicht böse, wenn die Feinde uns jetzt ins Land gekommen sind und es nur gemacht haben, wie eben nicht anders zu er­ warten war, wenn wir nicht zu Kreuze kriechen wollten. Dazu ist dann unerwartet noch die Pest gekommen, allerdings ein schweres Leiden, aber auch das einzige, worauf wir nicht ge­ faßt sein mußten. Ich weiß auch, daß ich ihretwegen noch besonders gehaßt werde, aber sehr mit Unrecht; ihr müßtet es denn auch mir zuschreiben, wenn euch mal ein unerwartetes Glück in den Schoß fiele. Was die Götter schicken, muß man mit Ergebung, was der Krieg bringt, mannhaft ertragen. So hat man die Sache hier in Athen immer angesehen, und so laßt es auch ferner bleiben. Unsere Stadt hat ja eben deshalb in der Welt den großen Namen, weil sie sich dem Unglück nie gebeugt und im Kriege weder Opfer an Menshcenleben noch Beschwerden gescheut hat und dadurch eine Macht geworden ist, wie sie bis dahin denn doch nie dagewesen. Und so wird sie auch für immer im Gedächtnis der Nachwelt fortleben, sollte es auch wirklich jetzt mit uns zurückgehen; denn die Bäume wachsen nun einmal nicht in den Himmel. Haben wir doch als Griechen über die meisten Griechen geherrscht, sowohl der Gesamtheit wie den einzelnen in gewaltigen Kriegen wider­ tsanden und unsere Stadt groß und blühend gemacht wie keine andere. Schlafmützen freilich werden davon nichts hören wollen; wer sich aber fühlt und es selbst zu was bringen will, wird uns nacheifern, und wenn ihm das nicht gelingt, uns wenigstens beneiden. Und wenn man uns jetzt haßt und gern los sein möchte, so ist das noch allen so gegangen, die das Zeug in sich fühlten, über andere zu herrshcen. Wer aber um den Preis von Ruhm und Größe auch Haß und Neid in den Kauf nimmt, macht kein schlechtes Geschäft; denn Haß währt nicht lange, der große Name aber, wenn man ihn mal hat, ist un­ sterblich. Nehmt also im voraus darauf Bedacht, was euch künftig Ehre und gegenwärtig keine Schande machen wird, und strebt danach, daß euch beides zuteil werde. Laßt euch mit den Lakedämoniern auf keine Verhandlungen ein, damit es nicht aussieht, als ob euch die jetzigen Beschwerden zu viel würden. Je weniger man im Unglück den Mut verliert, je steifer man den Nacken hält, um so besser wie für die einzelnen, so für die Staaten."

  89. 2.65.1

    Durch solche Vorstellungen suchte Perikles den Unwillen der Athener zu beschwichtigen und sie über ihre Lage zu be­ ruhigen. Politisch handelten sie auch nach seinem Rat, indem sie nicht wieder nach Lakedämon schickten und den Krieg mit neuem Eifer betrieben; die einzelnen aber trugen immer noch schwer an ihren Leiden: der kleine Mann, weil ihm auch sein Weniges draufgegangen war; die Reichen, weil sie ihre schönen Besitzungen auf dem Lande, ihre Häuser und kostbaren Ein­ richtungen dort verloren hatten; hauptsächlich aber, weil Krieg und kein Friede war. So murrte man immer noch auf ihn und ruhte nicht, bis man ihn wirklich zu einer Geldstrafe ver­ urteilt hatte. Nicht lange nachher freilich - so ist die Menge - wählte man ihn dann doch wieder zum Feldherrn und stellte ihn an die Spitze der Geschäfte, teils weil die einzelnen sich über ihre Verluste nachgerade schon mehr beruhigt hatten, teils weil man ihn doch für den Mann hielt, mit dem der Stadt am besten gedient wäre. Denn in der Tat, solange er im Frieden an der Spitze der Stadt gestanden, hatte er sie mit Weisheit und Gerechtigkeit regiert und sicheren Blicks vor Schaden behütet, und sie war unter ihm zu höchster Blüte ge­ langt. Als es dann zum Kriege kam, zeigte sich, daß er auch in dieser Beziehung ihre Machtmittel richtig eingeschätzt hatte. Nach AuSbruch deS Krieges lebte er noch drittehalb Jahre, und nach seinem Tode überzeugte man sich vollends davon, wie richtig er den Krieg beurteilt. Er hatte den Athenern gesagt, wenn sie sich auf keine Schlacht im offenen Felde ein­ ließen, für die Tüchtigkeit ihrer Flotte sorgten und während des Kriegs auf weitere Unternehmungen zur Ausdehnung ihrer Herrschaft verzichteten, um die Stadt dadurch nicht in neue Ge­ fahren zu verwickeln, so würden sie Sieger bleiben. Sie aber taten grade das Gegenteil und ließen sich zu ihrem und ihrer Bundesgenossen Schaden durch Ehrgeiz und Habgier einzelner zu Unternehmungen verleiten, die mit dem Kriege offenbar nichts zu tun hatten, die, wenn sie gelangen, einzelnen allen­ falls Ehre und Vorteil bringen mochten, aber, da sie fehlschlugen, der Stadt im weitern Verlauf des Krieges zum Verderben wurden. Das kam daher, daß er ein Mann von größtem An­ sehen und höchster Einsicht und über allem Zweifel erhabener Unbestehclichkeit war, der es verstand, die Menge vornehm zu behandeln. Er ließ sich nicht von ihr, sondern sie sich von ihm leiten; denn da er seine Macht nicht durch unerlaubte Mittel gewonnen hatte, brauchte er ihr nicht nach dem Munde zu reden, sondern konnte den Leuten im Zorn bei aller Würde auch mal tüchtig ins Gepäck fallen. Wenn er merkte, daß sie zur Unzeit zu hoch hinaus wollten, wußte er sie durch seine Reden bis zur Zaghaftigkeit zu ducken, und wiederum, wenn sie ohne Not verzagten, ihnen wieder Mut zu machen. Dem Namen nach regierte das Volk, tatsächlich aber war er der erste Mann, der die Stadt regierte. Unter seinen Nachfolgern, von denen im Grunde keiner mehr bedeutete als der andere und doch jeder der erste sein wollte, wurde das anders; sie überließen es dem Volke, auch Politik auf eigene Hand zu treiben, wobei es in einer Stadt von solcher Größe und Machtstellung natürlich nicht ausbleiben konnte, daß Fehler über Fehler gemacht wurden, so namentlich mit dem Zuge nach Sizilien. Bei dem aber lag der Fehler nicht so sehr darin, daß man ihn über­ haupt unternahm, als darin, daß man hinterher für die Leute dort nicht gehörig sorgte und, durch ehrgeizige Intriganten, welche um die Volksgunst buhlten, verführt, das Heer in Sizi­ lien zugrunde gehen ließ, auch seitdem erst infolge innerer Zer­ würfnisse keine einheitliche Politik mehr verfolgte. Aber auch nach der Niederlage in Sizilien, bei der sie ihr Heer mit allem Material und den größten Teil ihrer Flotte verloren hatten, und trotz der in der Stadt herrschenden Parteikämpfe behaup­ teten die Athener sich dann noch drei Jahre nicht nur gegen ihre ursprünglichen Feinde, sondern auch gegen die diesen aus Sizilien gewordenen Verstärkungen und ihre der Mehrzahl nach ' zu ihnen übergegangenen Bundesgenossen, ja auch selbst zuletzt nochmals Kur-us, der Sohn des Perserkönigs, sich den Pelo­ ponnesiern zugewandt hatte und sie mit Geld für ihre Flotte unterstützte. Und erst dann gaben sie klein bei, als sie infolge innerer Zerwürfnisse völlig von Kräften gekommen waren. So überreichlich waren die Mittel, welche Perikles damals zu Gebote standen und ihn zu der Annahme berechtigten, daß Athen aus einem Kriege allein mit den Peloponnesiern mit Leichtigkeit als Sieger hervorgehen würde.

  90. 2.66.1

    Die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen unternahmen in diesem Sommer mit hundert Schiffen und tausend lake­ dämonischen Hopliten an Bord unter dem Spartaner Knemos einen Zug nach der von eingewanderten peloponnesischen Achäern bewohnten, damals mit Athen verbündeten Insel Zakynthos, Elis gegenüber. Dort landeten sie und verwüsteten sie größten­ teils; da sich die Einwohner jedoch zu nichts verstehen wollten, fuhren sie wieder nach Hause.

  91. 2.67.1

    Gegen Ende dieses Sommers machten sich Aristeus, der Korinther, Aneristos, Nikolaos und Stratodemos als lake-s dämonische Gesandte, Timegoras aus Tegea und Pollis aus Argos, der sich ihnen auf eigene Hand angeschlossen hatte, auf die Reise nach Asien zum Könige, um zu versuchen, ob sie ihn nicht zur Zahlung von Subsidien und zur Teilnahme am Kriege ; bewegen könnten. Unterwegs sprachen sie zunächst in Thrakien bei Sitalkes vor, um ihn womöglich zu überreden, dem Bündnis mit Athen zu entsagen und Potidäa zu entsetzen, das die Athener noch belagerten. Von ihm hofften sie dann über den Helles­ pont zu Pharnazes, Pharnabazos' Sohn, befördert zu werden, der ihnen weiter das Geleit zum Könige geben sollte. Zufällig befanden sich damals auch athenische Gesandte bei Sitalkes, Learchos, Kallimachos' Sohn, und Amainiades, Philemons Sohn, und die überredeten seinen Sohn Sadokos, der ja athenischer Bürger geworden war, sie ihnen auszuliefern und dadurch zu hindern, zum Schaden von Athen, das ja auch seine zweite Heimat sei, ihre Reise zum Könige fortzusetzen. Der ging auch darauf ein und ließ sie auf der Reise durch Thrakien nach dem Hafen, von wo sie sich einschiffen und über den Helles-, pont setzen wollten, bevor sie an Bord gelangten, durch Leute, die er Learchos und Amaiuiades zu dem Zweck mitgegeben, aufheben und an sie ausliefern, die sie dann nach Athen brachten. Die Athener aber fürchteten, wenn Aristeus, der alte Übeltäter, der ihnen schon bei Potidäa und im thrakischen Küstenlande so viel Unheil eingerührt, jetzt mit dem Leben davonkäme, so würde er ihnen noch weitere Ungelegenheiten bereiten, und ließen sie alle gleich nach ihrer Ankunft, ohne sie vor Gericht zu stellen oder mit ihren Einwendungen zu hören, noch an demselben Tage hinrichten und in die Schlucht werfen. Sie meinten damit nur ein Verfahren zu vergelten, womit die Lake­ dämonier angefangen, indem sie die Kaufleute aus Athen und den Bundesstaaten, die ihnen in den peloponnesischen Gewässern mit ihren Schiffen in die Hände gefallen waren, getötet und in die Schlucht geworfen hatten. Und in der Tat hatten die Lakedämonier im Anfang des Krieges alle, die ihnen auf der See in die Hände gefallen waren, als Feinde behandelt und getötet, mochten sie eS mit den Athenern oder mit keinem von beiden halten.

  92. 2.68.1

    Um dieselbe Zeit, gegen Ende des Sommers, zogen die Amprakier in Gemeinschaft mit zahlreichen Barbaren, die sie dazu auf die Beine gebracht hatten, gegen Amphilochien, ins­ besondere das amphilochische Argos, zu Felde. Mit der Ent­ stehung ihrer Feindschaft gegen die Argeier hängt es so zu­ sammen: das amphilochische Argos wie Amphilochien überhaupt wurde von Amphilochos, dem Sohne des Amphiaraos, dem nach der Rückkehr auS dem Trojanischen Kriege die Zustände in Argos verleidet waren, am Amprakischen Meerbusen ge­ gründet und von ihm nach seiner alten Heimat benannt. Argos aber war die größte Stadt in Amphilochien und hatte die reichsten Einwohner. Als es später nach Verlaufvieler Menschen- alter infolge von Unglücksfällen mit ihnen zurückgegangen war, luden sie die Amprakier aus der Nachbarschaft ein, zu ihnen in die Stadt zu ziehen, und erst von dieser Mischung mit den Amprakiern kommt es, daß dort jetzt Griechisch gesprochen wird; denn die übrigen Amphilochier sind keine Griechen. Nachmals vertrieben die Amprakier die Argeier und machten sich allein zu Herren der Stadt. Infolgedessen suchten die Amphilochier Schutz bei den Akarnaniern, und beide riefen nun die Athener zu Hilfe, die ihnen auch dreißig Schiffe unter Phormion schickten. Nach Phormions Ankunft nahmen sie Argos mit Sturm und verkauften die Amprakier als Sklaven, und seitdem wohnten Amphilochier und Akarnanier miteinander in der Stadt. Darauf erst kam es zu dem Bündnis zwischen den Athenern und den Akarnaniern. Jener Verkauf ihrer Lands­ leute in die Sklaverei aber war der erste Grund der Feind­ schaft der Amprakier gegen Argos, und später in diesem Kriege unternahmen sie dann in Gemeinschaft mit Chaoniern und einigen anderen barbarischen Nachbarstämmen diesen Feldzug. Sie rückten vor Argos und brachten das platte Land in ihre Gewalt, machten auch einen Angriff auf die Stadt, konnten sie aber nicht nehmen. So zogen sie wieder ab, und die ver­ schiedenen Stämme gingen in ihre Heimat zurück. Das waren die Ereignisse dieses Sommers.

  93. 2.69.1

    Im folgenden Winter schickten die Athener zwanzig Schiffe unter Phormion in die peloponnesischen Gewässer, der sich nach Naupaktos begab, von wo er den Meerbusen von Korinth und Krisa beherrschte und kein Schiff hinein oder heraus ließ. Sechs andere Schiffe unter Melesandros schickten sie nach Karien und Linien, um in jener Gegend Geld einzutreiben und peloponnesische Freibeuter zu verhindern, von dort auf die Handelsschiffe auf der Fahrt von Phaselis und Phönizien und dem dortigen Festlande Jagd zu machen. Bei einem Einfall nach Lykien aber, den Melesandros mit der athenischen Schiffsmannschaft und den Bundesgenossen machte, wurde sein Heer in einem unglücklichen Gefechte gutenteils aufgerieben, und er selbst kam dabei ums Leben.

  94. 2.70.1

    In diesem Winter konnten sich die Potidäer nicht länger halten, da die Athener trotz der Einfälle der Peloponnesier in Attika die Belagerung nichts aufgegeben hatten und die Lebens­ mittel ihnen ausgingen, so daß sie gezwungen waren, den Hunger auf jede Weise zu stillen, und sogar anfingen, sich untereinander aufzufressen. Sie erklärten sich deshalb den Befehlshabern des athenischen Belagerungsheeres, .Lenophon, Euripides' Sohn, Hestiodoros, Aristikteides' Sohn, und Phano­ machos, Kallimachos' Sohn, gegenüber bereit, über eine Kapi­ tulation zu verhandeln, und diese gingen darauf auch ein, da sie sahen, welchen Beschwerden ihre Leute in dem dortigen Winter ausgesetzt waren und die Athener bereits zweitausend Talente für die Belagerung ausgegeben hatten. So wurde denn ein Abkommen geschlossen, wonach den Einwohnern und ihren Verbündeten freier Abzug mit Weib und Kind gewährt wurde und jeder ein Kleid, die Weiber zwei, und ein be­ stimmtes Reisegeld mitnehmen durfte. Auf Grund dieses Ver­ trags zogen sie ab, um sich in Chalkidike oder sonstwo ein Unterkommen zu suchen. In Athen aber war man unzufrieden mit den Feldherren, da man darauf gerechnet, die Stadt würde sich auf Gnade und Ungnade ergeben müssen. Später schickten die Athener dann selbst Ansiedler nach Potidäa und machten es zur athenischen Kolonie. Das waren die Ereignisse dieses Winters, und damit endete das zweite Jahr des Krieges, den Thukydides beschrieben hat.

  95. 2.71.1

    Im folgenden Sommer fielen die Peloponnesier nicht wieder nach Attika ein, sondern wandten sich gegen Platää. Den Oberbefehl führte Archidamos, Zeuxidamos' Sohn, König der Lakedämonier. Er bezog mit seinem Heere ein Lager vor der Stadt und schickte sich eben an, das Land zu verwüsten, als die Platäer Abgeordnete zu ihm sandten und ihm folgendes sagen ließen: „Archidamos und Lakedämonier! Es ist unrecht von euch und eurer und eurer Väter unwürdig, uns und unser Land mit Krieg zu überziehen. Als Pausanias, Kleombrotos' Sohn, euer Landsmann, mit Hilfe der Griechen, welche die furchtbare Schlacht hier unter unseren Mauern mit ihm ge­ schlagen, Griechenland von den Persern befreit hatte, übergab er bei einem dem Zeus Elentherios auf dem Markte in Platää dargebrachten Opfer im Beisein aller dazu von ihm geladenen Bundesgenossen den Platäern ihr Land und ihre Stadt zu freiem, unabhängigem Besitz, dergestalt, daß sie fortan niemand ohne gerechten Grund, oder um sie zu Unterdrücken, mit Krieg überziehen dürfe, widrigenfalls aber jeder der anwesenden Bundesgenossen verpflichtet sein solle, ihnen nach Kräften bei­ zuftehen. Damit haben uns eure Väter für die in jenem Kriege von uns bewiesene Tapferkeit und Hingebung belohnt. Ihr aber handelt nicht danach, sondern kommt uns jetzt im Bunde mit den Thebanern, unseren ärgsten Feinden, ins Land, um uns unsere Freiheit zu rauben. Wir aber rufen die Götter, bei denen damals unser Bund beschworen wurde, die Götter euerer Väter und unseres Landes, zu Zeugen an und fordern euch auf, unser Land in Frieden zu lassen, die Eide heilig zu halten und unsere Freiheit nicht anzutasten, so wie es Pausanias uns zugesagt."

  96. 2.72.1

    Auf diese ihre Ansprache erwiderte Archidamos den Pla­ täern : „Was ihr da sagt, Platäer, ist schon recht, wenn ihr auch nur selbst danach handeln wolltet. Seid immer frei, wie es Pausanias euch zugesagt, aber helft uns auch, die anderen zu befreien, die damals zugleich mit euch gefochten und ge­ schworen haben und jetzt unter dem Joch der Athener schmachten. Denn ihretwegen und für die Freiheit Griechenlands haben wir den Degen gezogen und diesen Krieg angefangen, und nur, wenn ihr euch auch daran beteiligt, bleibt ihr jenen Eiden treu. Wollt ihr das aber nicht, so geht wenigstens in aller Ruhe eueren Geschäften nach und bleibt neutral, wie wir euch das schon früher vorgeschlagen haben. Laßt beide Teile friedlich bei euch aus und ein gehen; als kriegführenden Mächten aber öffnet keinem von ihnen eure Tore. Auch damit wollen wir zufrieden sein." So Archidamos. Mit diesem Bescheide kehrten die Gesandten in die Stadt zurück, berichteten den Platäern, was er ihnen gesagt, und brachten ihm darauf deren Antwort, es sei ihnen nicht möglich, seine Vorschläge anzunehmen, ohne auch die Athener darüber zu hören, da ihre Weiber und Kinder noch in deren Händen wären. Auch ihrer Stadt selbst wegen hegten sie die Befürchtung, nach ihrem Abzüge könnten die Athener kommen und die Abmachung ver­ werfen, oder auch die Thebaner, unter dem Vorwande, daß der nach dem Vertrage beiden Teilen zugestandene freie Verkehr auch ihnen nicht verwehrt werden dürfe, von neuem versuchen, sich ihrer Stadt zu bemächtigen. Archidamos aber suchte sie dar­ über zu beruhigen und sagte: „Gebt uns Lakedämoniern doch eure Stadt mit allem, was dazu gehört, in Verwahrung. Ihr beschreibt uns die Grenzen eureS Gebiets, und es wird ein Verzeichnis aufgenommen über alles, was an Bäumen oder an Gegenständen, die ihr uns sonst noch zuzählen wollt, vor­ handen ist. Dann zieht ihr ab, um euch für die Dauer des Krieges nach Belieben anderswo niederzulassen, und wenn der Krieg zu Ende ist, geben wir euch alles zurück, was wir von euch erhalten haben. Bis dahin nehmen wir es in Verwahrung, lassen eure Felder bestellen und euch vom Ertrage so viel ab­ liefern, daß ihr genug zu leben habt."

  97. 2.73.1

    Mit dieser Antwort kehrten die Gesandten abermals in die Stadt zurück. Es wurde darüber mit der Bürgerschaft beraten und Archidamos darauf erwidert, man wolle seinen Vorschlag zunächst den Athenern mitteilen und, wenn die damit einverstanden seien, ihn annehmen; bis dahin möge er ihnen Waffenstillstand gewähren und ihr Land nicht verheeren. Er gewährte ihnen denn auch Waffenstillstand für so viel Tage, wie sie zur Reise bedurften, und ließ inzwischen das Land nicht verwüsten. Die Gesandten der Platäer aber reisten nach Athen, besprachen die Sache mit den Athenern und kamen von dort mit folgendem Bescheide zurück: Platäer, die Athener sagen, solange sie mit uns verbündet gewesen, hätten sie euch in der Not noch nie im Stich gelassen und würden das auch jetzt nicht tun, sondern euch nach Kräften zu Hilfe kommen. Bei dem Eide unserer Väter beschwören sie euch, dem alten Bunde auch ferner treu zu bleiben.

  98. 2.74.1

    Auf diesen Bescheid ihrer Gesandten beschlossen die Pla­ täer, sich nicht von den Athenern zu trennen und nötigenfalls die Verheerung ihres Landes und alle etwaigen weiteren Wider­ wärtigkeiten zu ertragen, auch von nun an niemand mehr hinauszuschicken, sondern den Lakedämoniern nur von der Stadtmauer aus zu erwidern, daß sie auf ihre Vorschläge nicht eingehen könnten. Nachdem sie ihnen diese Antwort erteilt, trat König Archidamos vor, rief die Götter und Heroen des Landes zu Zeugen an und sprach: „Ihr Götter und Heroen des Platäerlandes seid Zeugen, daß wir nicht, um falschen Streit anzufangen, sondern weil seine Bewohner bundbrüchig geworden, in dieses Land gekommen sind. Hier im Lande haben unsere Väter euch angerufen und über die Perser ge­ siegt und die Griechen damals mit eurem Beistande die Schlacht gewonnen, und auch jetzt werden wir mit dem, was wir hier weiter beginnen, kein Unrecht tun; denn alle unsere billigen Vorschläge hat man abgelehnt. So helft denn, daß sie, die sich zuerst ins Unrecht gesetzt, ihre Strafe erhalten und wir, die wir sie rechtmäßig vollstrecken, Genugtuung finden."

  99. 2.75.1

    Nachdem er die Götter also angerufen, ließ er sein Heer die Feindseligkeiten eröffnen und die Stadt, damit niemand mehr herauskönnte, zunächst mit einem Pfahlwerk umgeben, wozu die Bäume bereits gefällt worden waren. Darauf schüttete man einen Damm gegen die Stadt auf, und weil so viele dabei Hand anlegten, hoffte man, sie bald einnehmen zu können. Vermittels kreuzweis zusammengefügter Hölzer, die man auf dem Kithäron geschlagen hatte, wurde zu beiden Seiten des Dammes eine Art Spundwand hergestellt, damit der Schutt nicht zu sehr abschurrte; Holz, Steine, Erde und was sonst Dienliches darauf gebracht werden konnte, schleppte man herbei. Siebzig Tage wurde Tag und Nacht unausgesetzt daran ge­ arbeitet, wobei sich die Arbeiter ablösten, so daß während eine Schicht schanzte, die andere Zeit zum Essen und Schlafen hatte. Die den einzelnen Bundestruppen zugeteilten lake­ dämonischen Befehlshaber waren dabei mit zur Stelle und trieben die Leute zur Arbeit an. Als die Platäer den Damm immer höher werden sahen, zimmerten sie ein hölzernes Turm­ werk, das sie da, wo der Damm auf die Stadtmauer stieß, auf der Mauer aufstellten und mit Ziegeln ausmauerten, die sie aus abgebrochenen Häusern dort in der Nähe entnahmen. Das hölzerne Gebälk hielt den Bau zusammen und sollte ihm bis oben Festigkeit geben. Auf der Außenseite wurden Tier­ häute und Leder angebracht, um das Holzwerk und die dort angestellten Leute gegen Feuerpfeile zu schützen. Der Turm erhob sich zu beträchtlicher Höhe, aber mit ihm um die Wette stieg auch der Damm ihm gegenüber empor. Nun verfielen die Platäer auf eine List; sie brachen ein Loch in die Stadt­ mauer, da wo der Damm an sie stieß, durch das sie den Schutt in die Stadt schafften.

  100. 2.76.1

    Als die Peloponnesier dahinter kamen, füllten sie Lehm in Körbe aus Schilfgesiecht und warfen ihn so in die Sinke, damit er nicht nachschurren und wie das lose Erdreich weg­ geschafft werden könnte. Da den Platäern dieser Weg ver­ legt war, gaben sie die Sache auf, trieben nun aber unter der Erde einen Stollen aus der Stadt hinaus, und nachdem sie sich vergewissert, daß sie damit unter dem Damme waren, räumten sie das Erdreich unten ab und schafften es in die Stadt. Die draußen aber merkten längere Zeit nichts davon, und so kamen sie trotz allen Aufschüttens nicht recht weiter, weil der Damm von unten abgegraben wurde und sich über der leeren Stelle immer wieder senkte. Die Platäer befürch­ teten jedoch, sich bei ihrer geringen Zahl auf die Dauer gegen die große Menge auch so nicht halten zu können, und dachten sich deshalb noch mal was anderes aus: an dem großen Turm dem Damm gegenüber stellten sie die Arbeit ein, bauten aber eine zu dessen beiden Seiten nach innen an die kürzere Stadt­ mauer ansetzende halbmondförmige zweite Mauer innerhalb der Stadt, damit sie, wenn die Hauptmauer genommen würde, noch vorhielte und der Feind genötigt wäre, gegen sie einen neuen Damm aufzuschütten, bei weiterem Vordringen also doppelte Arbeit hätte und dabei außerdem von beiden Seiten besser beschossen werden könnte. Die Peloponnesier aber brachten, während sie den Damm aufschütteten, auch ihre Belagerungs­ mashcinen an die Stadt heran, von denen eine, welche dem großen Turm gegenüber aufgestellt war, diesen so heftig erschütterte, daß die Platäer darüber in großen Schreck gerieten. Gleich­ zeitig waren andere an anderen Stellen der Mauer in Tätigkeit. Die Platäer wußten jedoch mit Hilfe von Schlingen deren Stöße abzufangen und unschädlich zu machen. Auch hängten sie mächtige Balken an beiden Enden mit langen eisernen Ketten an zwei auf die Mauer gelegten, über diese hinausragenden Balken auf und zogen sie schräg in die Höhe, und wenn dann der Stnrmbock einen Stoß führen wollte, ließen sie die eine, nachgiebige Kette los und das hohe Ende des Balkens hinunter- fallen, der dann durch die Gewalt des Falles den Kopf des Sturmbocks vorn abschlug.

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