Geschichte des Peloponnesischen Krieges
- 1.29.1
Die Korinther aber wollten davon nichts wissen. Sobald ihre Schiffe bereit und die Bundesgenossen zur Stelle waren, ließen sie den Kerkyräern durch einen vorausgesandten Herold den Krieg erklären und gingen dann mit fünfundsiebzig Schiffen und zweitausend Hopliten nach Epidamnos unter Segel, um den Streit mit Kerkyra mit den Waffen auszutragen. Die Schiffe befehligte Aristeus, Pellichos' Sohn,Kallikrates,Kallias' Sohn, und Timanor, Timanthes' Sohn, die Truppen Arche timos, Enrytimos' Sohn, und Jsarchidas, Jsarchos' Sohn. Als sie bei Aktion im Gebiet von Anaktorion angekommen waren, wo der Apollontempel steht, am Ausgange des Ampra kischen Meerbusens, schickten ihnen die Kerkyräer in einer Scha luppe einen Herold entgegen und ließen ihnen Halt gebieten. Zu gleicher Zeit bemannten sie ihre Flotte, nachdem sie die alten Schiffe versteift, um sie seefähig zu machen, und die übrigen ausgebessert hatten. Als der Herold von den Korinthern keine friedliche Antwort mitbrachte und sie ihre Schiffe bemannt hatten - im ganzen achtzig, denn vierzig lagen noch vor Epidamnos -, fuhren sie den Korinthern entgegen, stellten sich in Schlachtordnung und lieferten ihnen eine Schlacht. Auch er fochten sie einen glänzenden Sieg und vernichteten den Korinthern fünfzehn Schiffe. Das Glück wollte, daß auch das belagerte Epidamnos sich an demselben Tage ergab auf die Bedingung, daß die Fremden verkauft, die Korinther aber bis auf weiteres kriegsgefangen bleiben sollten.
- 1.30.1
Nach der Schlacht errichteten die Kerkyräer am Vorgebirge Leukimme auf Kerkyra ein Siegeszeichen und töteten alle ihnen in die Hände gefallenen Feinde bis auf die Korinther, die sie zu Gefangenen machten. Da die Korinther und ihre Verbün deten nach ihrer Niederlage wieder nach Hause gefahren waren, beherrschten die Kerkyräer von nun an alle Gewässer in der Runde. Sie fuhren nach Leukas, der korinthischen Kolonie, und verheerten das Land und steckten Kyllene, die Hafenstadt der Euer, in Brand, weil diese die Korinther mit Schiffen und Geld unterstützt hatten. Auch blieben sie nach der Schlacht noch längere Zeit Herren der See und fügten mit ihren Schiffen den Bundesgenossen der Korinther viel Schaden zu, bis dann die Korinther angesichts der Leiden ihrer Bundesgenossen Schiffe und Truppen aussandten, die sich bei Aktion und am thespro tischen Vorgebirge Cheimerion lagerten, um Leukas und die übrigen ihnen befreundeten Orte zu schützen. Die Kerkyräer aber nahmen ihnen gegenüber mit Heer und Flotte Stellung bei Leukimme. Zu einem Angriff kam es jedoch von keiner Seite. Den ganzen Sommer standen sie sich einander gegen über und gingen dann bei Eintritt des Winters wieder nach Hause.
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Die Korinther, die den unglücklichen Krieg mit Kerkyra nicht verschmerzen konnten, waren das ganze nächste und das folgende Jahr nach der Schlacht eifrig darauf aus, Schiffe zu bauen und ihre Flotte instand zu setzen. Auch sparten sie kein Geld, um im Peloponnes selbst und überall in Griechen land Seeleute zu werben. Als die Kerkyräer davon hörten, wurden sie doch bange, da sie keinem der in Griechenland be stehenden Bündnisse angehörten, auch sich weder in den Athe nischen noch den Lakedämonischen Bund eingeschrieben hatten. Sie beschlossen deshalb, die Athener um ein Bündnis anzu gehen und zu versuchen, ob sie von da nicht Hilfe erhalten könnten. Kaum aber hatten die Korinther davon gehört, als sie ebenfalls Gesandte nach Athen schickten, um nicht durch eine Vereinigung der athenischen Flotte mit der kerkyräischen Flotte verhindert zu werden, den Krieg nach Wunsche zu be enden. In einer zu dem Ende anberaumten Volksversammlung kamen beide Teile zu Worte, und zunächst ließen sich die Kerky räer folgendermaßen vernehmen.
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„Mit Recht, Athener, fordert man von jedem, der, wie wir jetzt, einen anderen um Hilfe bittet, ohne sich dabei auf besondere Verdienste oder Bundesgenossenschaft berufen zu können, zunächst den Beweis, daß die Gewährung dieser Bitte auch ihm nützen, mindestens nicht schaden werde, und daß er dafür mit Sicherheit auf Dank rechnen könne. Vermag der Bittsteller ihn davon nicht zu überzeugen, so darf er sich nicht wundern, wenn er einen Korb kriegt. In der Meinung, euch in dieser Hinsicht volle Sicherheit bieten zu können, haben uns die Kerkyräer gesandt, euch um ein Bündnis zu bitten. Leider ist unsere bisherige Politik nicht darnach gewesen, uns ein An recht auf eure Hilfe zu erwerben, und wir sind dadurch eben jetzt in eine böse Lage geraten. Wir, die wir uns bis dahin mit niemand freiwillig auf ein Bündnis eingelassen, sind jetzt hier, um vor fremden Türen selbst darum zu bitten. In dem bevorstehenden Kriege mit den Korinthern sind wir auf uns allein angewiesen, und was wir früher für weise Selbstbeschrän tung hielten, unsere Haut nicht in Koalitionskriegen für fremde Rechnung zu Markte zu tragen, erweist sich jetzt als eine fehler haste und schwächliche Politik. Allerdings haben wir in jener Seeschlacht die Korinther auch allein geschlagen, jetzt aber, wo sie uns besser gerüstet mit Verstärkungen aus dem Pelo pvnnes und ganz Griechenland zu Leibe wollen und wir keine Aussicht haben, uns ihrer mit eigenen Kräften zu erwehren, im Fall einer Niederlage aber in große Gefahr geraten würden, sind wir gezwungen, uns bei euch und überall nach Hilfe um zusehen, und man wird es uns zugute halten, wenn wir damit der Neutralitätspolitik entsagen, die wir bisher nicht in böser Absicht, sondern aus Irrtum befolgt haben.
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„Wenn es sich jetzt so trifft, daß wir eurer Hilfe bedürfen, so kann das auch euch, falls ihr uns unsere Bitte gewährt, in mancher Hinsicht nur erwünscht sein, zunächst schon deshalb, weil ihr jemand helfen könnt, der Unrecht leidet und selbst niemand waS zu Leide tut, sodann aber, weil ihr, wenn ihr uns in dem Augenblick, wo alles für uns auf dem Spiel steht, nicht im Stich laßt, für alle Zeit zu größter Dankbarkeit ver pflichtet, und zu guter Letzt, weil wir nach euch die stärkste Flotte haben. Nehmt mal an, welch seltenes Glück ist es für euch und wie verdrießlich für eure Feinde, wenn eine Macht, die ihr nur zu gern für Geld und Gunst auf eure Seite gebracht hättet, jetzt von selbst kommt und sich euch ohne Gefahr und Kosten in die Arme wirft. Habt ihr doch auf diese Weise Gelegenheit, zu gleicher Zeit euren Edelmut vor der Welt zu zeigen, euren Freunden Wohltaten zu erweisen und eure Macht zu mehren. Das alles auf einmal ist kaum jemals einem in den Schoß gefallen, und es wird nicht leicht vorkommen, daß ein Staat einen anderen um ein Bündnis bittet, dem er an Macht und Ansehen ebensoviel zubringt, wie er sich selbst von ihm verspricht. Glaubt man hier etwa, daß es zu keinem Kriege kommen werde, in dem wir euch von Nutzen sein könnten, so ist man im Irrtum und verkennt, daß die Lakedämonier es aus Furcht vor euch schon lange auf Krieg abgesehen haben, und daß die Korinther, eure bei ihnen so einflußreichen Feinde, nur erst mit uns fertig werden wollten, bevor ihr an die Reihe kommt. Sie wollen uns nur nicht beide zu gleicher Zeit zu Feinden haben und Zeit gewinnen, um entweder erst unS un schädlich zu machen oder wenigstens sich selbst fester in den Sattel zu setzen. Darum nehmt die Freundeshand an, die wir euch bieten, damit wir zuerst auf dem Platze sind, statt hinterher das Nachsehen zu haben.
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„Sollten sie behaupten, es sei unrecht von euch, ihnen ihre Kolonie abwendig zu machen, so mögen sie sich gesagt sein lassen, daß jede Kolonie ihre Mutterstadt hochhält, solange sie gut behandelt wird, sich aber von ihr lossagt, wenn man sie unter die Füße tritt. Denn man schickt keine Kolonisten dazu aus, damit sie Sklaven der Daheimgebliebenen werden, sondern um gleiches Recht mit ihnen zu genießen. Daß sie uns aber solches Recht nicht zugestehen, liegt auf der flachen Hand; denn als wir ihnen vorschlugen, unseren StreitumEpidamnos richter lich austragen zu lassen, wollten sie darauf nicht eingehen, sondern ihre Ansprüche lieber mit Waffengewalt durchsetzen. Und wenn sie es so mit uns, ihren Anverwandten, machen, so mag das auch euch eine Lehre sein, euch nicht von ihnen hinters Licht führen zu lassen, oder ihnen in Dingen, die sie gradezu von euch verlangen, zu Willen zu sein. Mit Liebenswürdig keiten gegen seine Feinde kommt man nicht weit; je kürzer man sie hält, um so besser.
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„Auch verstößt es keineswegs gegen euren Vertrag mit den Lakedämoniern, wenn ihr uns in euren Bund aufnehmt; denn es heißt darin: Jedem griechischen Staate, der weder dem einen noch dem anderen Bunde angehört, soll es freistehen, sich einem von beiden anzuschließen. Es wäre ja auch unerhört, wenn sie die Mannschaft für ihre Schiffe nicht nur aus den ihnen verbündeten, sondern auch aus anderen griechischen Staaten, ja selbst aus euren Besitzungen nehmen dürften und uns ver bieten könnten, eurem Bunde beizutreten oder uns sonstwo nach Hilfe umzusehen, oder wenn sie euch die Gewährung unserer Bitte zum Verbrechen machen wollten. Weit eher hätten wir Grund, uns zu beschweren, wenn ihr sie uns nicht gewähren . wolltet. Denn uns, die wir in Gefahr und nicht eure Feinde sind, würdet ihr abweisen, die Feinde aber, die euch zu Leibe wollen, gewähren lassen und ihnen sogar gestatten, ihre Streit kräfte aus eurem Reiche zu ergänzen. Und das wäre sehr un recht. Entweder müßt ihr ihnen die Werbung bei euch ver bieten oder auch uns irgendwie unter die Arme greifen, wo möglich uns offen als Bundesgenossen annehmen und uns mit eurer Flotte zu Hilfe kommen. Wie wir schon angedeutet, bieten auch wir euch mancherlei Vorteile. Vor allem haben wir beide dieselben Feinde, und das ist ja doch der beste Kitt eines Bündnisses, und zwar Feinde, denen es nicht an Macht fehlt, uns unseren Übergang zu euch entgelten zu lassen. Auch sind wir keine Landmacht, sondern bringen euch eine Flotte mit, und eS kann euch nicht gleichgültig sein, daß euch die entgeht, wenn ihr das euch angebotene Bündnis von der Hand weist. Womöglich solltet ihr überhaupt nicht leiden, daß jemand außer euch eine Flotte hätte, wenn ihr das aber nicht hindern könnt, wenigstens den, der die stärkste hat, auf eure Seite zu haben suchen.
- 1.36.1
„Solltet ihr unsere Vorschläge zwar an sich für vorteil haft halten, aber doch Bedenken tragen, darauf einzugehen, weil darin ein Vertragsbruch liegen könnte, so können wir euch versichern, daß diese Bedenken auf den Gegner erst recht Ein druck machen werden, wenn die nötige Macht dahintersteht, einen mächtigen Feind aber wenig rühren würden, wenn ihr euch ohne sie lediglich darauf verlassen wolltet, uns die Tür gewiesen zu haben. Auch handelt es sich jetzt keineswegs nur um Kerkyra, sondern nicht minder um Athen; dem aber wäre schlecht damit gedient, wäre man hier kurzsichtig genug, sich lange zu besinnen, für den bevorstehenden, ja im Grunde schon auS gebrochenen Krieg sich das Bündnis eines Landes zu sichern, auf dessen Freundschaft oder Feindschaft so viel ankommt. Kerkyra liegt besonders günstig für die Fahrt nach Italien und Sizilien; es kann einer von dort kommenden Flotte den Weg nach dem Peloponnes versperren und einer nach drüben gehenden als Stützpunkt dienen und bietet auch sonst noch mancher lei Vorteile. Kurzum, es kommt alles darauf hinaus, daß ihr uns nicht im Stich lassen dürft. In Griechenland gibt eS nur drei Flotten von Bedeutung, eure, unsere und die korinthische. / Laßt ihr eS zur Vereinigung der beiden kommen und die Korinther uns erst mal in den Sack stecken, so habt ihr es nachher mit Kerkyräern und Peloponnesiern zugleich zu tun; geht ihr aber mit uns ein Bündnis ein, so könnt ihr den Kampf durch unsere Flotte verstärkt gegen sie aufnehmen."
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So redeten die Kerkyräer, nach ihnen aber die Korinther folgendermaßen: „Da die Kerkyräer nicht nur über Aufnahme in euren Bund geredet, sondern auch behauptet haben, daß sie unwürdig von uns behandelt und widerrechtlich mit Krieg überzogen würden, so müssen auch wir, bevor wir zur Sache kommen, zunächst auf beides eingehen, damit ihr von vornherein wißt, was wir wollen, und daß ihr guten Grund habt, ihre Bitte abzulehnen. Sie sagen, aus weiser Selbstbeschränkung hätten sie sich bis her mit niemand auf ein Bündnis eingelassen. Dem ist nicht so; sie haben das nicht aus Rechtlichkeit, sondern in böser Ab sicht getan. Sie wollten auf ihren schlechten Wegen keine Bundesgenossen zu Zeugen bei sich haben, vor denen sie sich hätten schämen müssen. Auch macht es die glückliche Insellage ihrer Stadt ihnen um so eher möglich, wo sie anderen unrecht tun, ihr eigener Richter zu sein, wenn sie durch keine Bundes- verträge gebunden sind; denn sie selbst kommen selten in die Lage, fremde Häfen aufzusuchen, während andere vielfach ge zwungen sind, Kerkyra anzulaufen. Die ehrbare Neutralitäts maske haben sie nicht angenommen, um sich nicht an fremdem Unrecht beteiligen zu müssen, sondern um auf eigene Hand Unfug treiben, andere, wo sie die Macht haben, vergewaltigen oder, wo es niemand merkt, übervorteilen und bei jeder Gelegen heit unverschämt zugreifen zu können. Wären sie wirklich die Biedermänner, wie sie behaupten, so hätten sie als solche um so eher ihr Licht leuchten und Recht Recht sein lassen sollen, je weniger andere ihnen beikommen können.
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„So aber haben sie sich weder gegen uns noch gegen andere benommen. Obgleich unsere Kolonie, haben sie sich völlig von uns getrennt und führen jetzt Krieg mit uns, indem sie sagen, sie seien nicht dazu ausgesandt, um schlecht von uns behandelt zu werden. Wir aber sagen, daß auch wir sie nicht ausgesandt haben, um uns von ihnen mit Füßen treten zu lassen, sondern um unseren Rang als Mutterstadt ihnen gegen über zu behaupten und die uns gebührenden Ehren zu genießen. Alle unsere anderen Kolonien geben uns diese Ehren, und niemand hält lieber zu unS als unsere alten Landsleute. Wenn aber die anderen alle mit uns zufrieden sind, so beweist das eben, daß sie keinen Grund haben, allein mit uns unzufrieden zu sein, und daß wir uns nur infolge ausgesuchter Beleidi gungen zu diesem unnatürlichen Kriege gegen unsere eigene Tochterstadt entschlossen haben. Ihnen hätte es Ehre gemacht, selbst wenn wir gefehlt, unsere Empfindlichkeit zu schonen, uns aber zur Schande gereicht, solcher Bescheidenheit gegenüber dann doch Gewalt zu gebrauchen. In ihrem Übermut aber und auf ihren Reichtum pochend, glauben sie sich alles gegen uns erlauben zu können, und so haben sie jetzt auch Epidamnos, das uns gehört und um das sie sich, solange es in Not war, nie bekümmert hatten, als wir ihm zu Hilfe kamen, eingenommen und sich gewaltsam angeeignet.
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„Weiter sagen sie, sie seien bereit gewesen, sich einer schieds richterlichen Entscheidung zu unterwerfen. Aber das hat ja nichts zu bedeuten, wenn einer das erst vorschlägt, nachdem er sein Schäfchen schon geschoren und nichts mehr davon zu be fahren hat. Da muß man sich doch, ehe man zu den Waffen greift, mit dem Gegner auf gleichen Fuß stellen. Sie aber sind mit dem schönen Vorschlage eineS Schiedsgerichts erst hervorgetreten, als sie die Stadt schon belagerten und über zeugt waren, daß wir dem nicht ruhig zusehen würden. Und nicht genug an dem dort begangenen Unrecht, jetzt kommen sie auch hierher und möchten euch gern zu ihren Bundesgenossen, sagen wir gleich, zu ihren Mitschuldigen machen und in ihrem Streit mit uns von euch in Schutz genommen werden. Damals hätten sie kommen sollen, als sie noch nichts zu fürchten hatten, nicht erst jetzt, wo sie es mit uns verdorben haben und eS ihnen an den Kragen geht. Damals in ihrer Macht habt ihr von ihnen nichts gehabt, und jetzt in der Not sollt ihr ihnen helfen. Damit aber würdet ihr euch uns gegenüber gleich ihnen ins Unrecht setzen, auch wenn ihr an ihren Vergehungen keinen Teil habt. Hätten sie sich seinerzeit mit euch eingelassen, so würde ihnen das jetzt von selbst zugute kommen.
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„Damit haben wir euch bewiesen, daß wir ein Recht haben, uns über sie zu beschweren, sie dagegen Räuber und Schelme sind. Nun müssen wir euch auch noch zeigen, daß ihr nicht das Recht habt, sie zu Bundesgenossen anzunehmen. Wenn es nämlich in dem Vertrage heißt, daß es den unein geschriebenen Staaten freistehen solle, sich nach Belieben einem der beiden Bündnisse anzuschließen, so ist das nicht so gemeint, daß sie das auch dann dürfen, wenn es einem Dritten zum Schaden gereicht, sondern es bezieht sich nur auf den Fall, wo einer Schutz begehrt, ohne sich damit bestehenden Verpflich tungen zu entziehen, und der um Schutz angegangene Staat, falls er nur sonst vernünftig handelt, nicht zu besorgen hat, dadurch aus dem Frieden zu fallen und in Krieg verwickelt zu werden. Das aber habt ihr zu gewärtigen, wenn ihr nicht auf uns hört; denn ihr würdet als ihre Beschützer auch unsere Feinde werden, statt daß ihr jetzt Frieden mit uns habt. Denn geht ihr mit ihnen, so sind wir selbstvertsändlich genötigt, euch so gut wie sie zu bekämpfen. Wollt ihr korrekt handeln, so müßt ihr neutral bleiben oder aber mit uns gemeinschaftliche Sache gegen sie machen. Mit Korinth habt ihr doch wenigstens Frieden, zwischen Kerkyra und euch dagegen hat niemals, auch nur für kürzere Zeit, etwas Derartiges bestanden. Führt es nicht ein, abgefallene fremde Orte in Schutz zu nehmen! Damals, als die Samier von euch abgefallen und die Meinungen im Peloponnes geteilt waren, ob man ihnen beistehen solle, haben wir uns auch nicht gegen euch erklärt, sondern entschieden dafür ausgesprochen, daß es keinem verwehrt sein dürfe, seine Bundes genossen im Zaume zu halten. Nehmt ihr jetzt dieses Volk in Schutz, das sich so ungebührlich gegen uns benimmt, so werdet ihr erleben, daß eure Bundesgenossen erst recht zu uns über gehen. Eure Neuerung würde also mehr zu eurem eigenen als zu unserem Schaden gereichen.
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„Das sind die Rechtsgründe, auf die wir uns berufen können, und nach griechischen Begriffen ist eS damit genug. Wir haben uns aber auch noch durch besondere Verdienste Anspruch auf euren Dank erworben, die ihr uns - da wir wenn auch nicht grade Busenfreunde, doch keine Todfeinde sind - unserer Meinung nach jetzt vergelten müßt. Damals nämlich, vor dem Perserkriege, als es euch im Kampfe mit Älgina an Kriegsschiffen fehlte, habt ihr von Korinth zwanzig Schiffe erhalten, und unsere wohlwollende Haltung bei jener Gelegenheit wie dann später beim Abfall von Samos, das auf unsere Veranlassung aus dem Peloponnes keine Hilfe er hielt, hat es euch möglich gemacht, Agina zu besiegen und Samos zu züchtigen. Und daS war unter Umständen, wo es einem im Kampfe gegen den Feind auf nichts als den Sieg anzukommen pflegt. Jeden, der uns beisteht, hält man alsdann für einen Freund, wäre er bis dahin auch unser Feind gewesen, und jeden, der uns in den Weg tritt, für einen Feind, sollte er sonst auch unser Freund sein; hat man doch in der Kampfes hitze kaum Zeit, an sich selbst zu deuten.
- 1.42.1
„Daran erinnert euch, und ihr Jüngeren laßt es euch von den Alten sagen, um uns jetzt Gleiches mit Gleichem zu ver gelten. Glaubt nicht, unsere Sache sei zwar gerecht, aber wenn es zum Kriege käme, weise euer Vorteil euch doch andere Wege; denn der rechte Weg ist schließlich doch immer der beste. Ob es zum Kriege kommen wird, womit die Kerkyräer euch schrecken und zum Unrecht verführen wollen, kann man noch nicht wissen. Hütet euch also, darauf hineinzufallen, denn ihr würdet euch damit unsere Feindschaft zuziehen, nicht etwa später mal, sondern unzweifelhaft schon jetzt. Weit gescheiter wäre es, das alte Mißtrauen wegen Megara endlich zu begraben. Schon eine kleine Gefälligkeit zur rechten Zeit kann ja selbst eine starte Spannung ausgleichen. Laßt euch auch nicht durch die Hoffnung auf die große Flotte betören, zu der euch ein Bündnis mit Kerkyra verhelfen würde. Besser, seinem Nächsten kein Unrecht tun, als sich durch die Aussicht auf augenblickliche Vorteile zu einem denn doch nicht ungefährlichen Haschen nach Macht erweiterung verleiten zu lassen.
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„Wir sind jetzt in die Lage gekommen, nach dem von uns in Lakedämon vertretenen Grundsatze zu verfahren, daß es niemand verwehrt sein dürfe, seine Bundesgenossen im Zaume zu halten, und erwarten von euch, daß auch ihr uns in dieser Beziehung keine Hindernisse in den Weg legt und, wie euch damals unsere Abstimmung zugute gekommen ist, jetzt auch nichts zu unserem Nachteil beschließen werdet. Vergeltet unS viel mehr Gleiches mit Gleichem und bedenkt, daß eben jetzt wieder solch ein Augenblick ist, wo jeder, der für uns, als Freund, wer wider uns ist, als Feind gilt. Nehmt diese Kerkyräer nicht uns zum Trotz als Bundesgenossen an und leistet ihren Übergriffen keinen Vorschub. Dann handelt ihr nicht nur kor rekt, sondern auch im eigenen, wohlverstandenen Interesse." So die Korinther.
- 1.44.1
Die Athener hörten beide an und hielten zweimal eine Volksversammlung. In der ersten war man überwiegend geneigt, sich für Korinth zu entscheiden, in der zweiten aber schlug die Stimmung um, und es wurde beschlossen, ein Bündnis mit Kerkyra einzugehen, allerdings keines zu Schutz und Trug, weil ein etwaiges Verlangen der Kerkyräer, die Athener sollten sich mit ihrer Flotte an einem Angriff auf Korinth beteiligen, für sie den Bruch ihres Vertrages mit den Peloponnesiern bedeutet hätte, wohl aber ein Schutzbündnis, wonach man sich gegen ; seitig für den Fall eines Angriffes auf Kerkyra oder Athen f oder auch einen ihrer Bundesgenossen zu bewaffnetem Beistand verpflichtete. Die Athener waren nämlich überzeugt, daß es mit den Peloponnesiern sowieso zum Kriege kommen werde, und wollten Kerkyra mit seiner starken Flotte den Korinthern nicht in die Hände fallen, sondern beide sich untereinander erst aufreiben lassen, um es für alle Fälle in einem Kriege mit Korinth oder einer anderen Seemacht mit einem schon geschwächten Gegner zu tun zu haben. Zither auch die für die Fahrt nach Italien und Sizilien in der Tat besonders günstige ^ Lage der Insel leuchtete ihnen ein.
- 1.45.1
So sahen die Athener die Sache an, als sie sich zum Bündnis mit den Kerkyräern entschlossen. Auch schickten sie ihnen gleich nach der Abreise der korinthischen Gesandten zehn Schiffe zu Hilfe, über welche Lakedaimonios, Kimons Sohn, Diotimos, Strombichos' Sohn, und Proteas, Epikles' Sohn, den Oberbefehl führten. Diese waren jedoch angewiesen, sich auf keine Schlacht mit den Korinthern einzulassen, es sei denn, daß sie sich mit ihrer Flotte gegen Kerkyra oder eine seiner Besitzungen wenden und dort eine Landung beabsichtigen würden; das aber sollten sie nach Kräften zu verhindern suchen. Diese Weisung hatte man ihnen erteilt, um einen Vertragsbruch zu vermeiden. Die Schiffe kamen auch in Kerkyra an.
- 1.46.1
Die Korinther aber segelten nach Beendigung ihrer Rüstungen mit hundertfunfzig Schiffen nach Kerkyra. Zehn davon waren auS Elis, zwölf aus Megara, zehn auS Leukas, siebenundzwanzig aus Amprakia, eins aus Anaktorion, aus Korinth selbst neunzig. Die Schiffe der einzelnen Städte standen unter ihren besonderen heimischen Befehlshabern, die Korinther aber befehligte Zteno kleidos, Euthyklos' Sohn, felbfünfter. Als sie von Leukas her daS Festland Kerkyra gegenüber erreicht hatten, gingen sie bei Cheimerion im Lande der Thesproten vor Anker. Das ist ein Hafenplatz, über dem etwas weiter landeinwärts die Stadt Ephyra in der thesprotischen Elaiatis liegt. Nicht weit von ihr mündet der Acherusische See ins Meer. In ihn ergießt sich der durch Thesprotien fließende Acheron, von dem auch der See seinen Namen hat. Dort in der Nähe fließt auch der Thyamis, welcher die Grenze zwischen Thesprotien und Kestrine bildet. Zwischen beiden Flüssen erhebt sich daS Vorgebirge Cheimerion, wo die Korinther vor Anker gingen und ein Lager bezogen.
- 1.47.1
Auf die Nachricht, daß ihre Flotte im Anzüge sei, be mannten die Kerkyräer hundertzwölf Schiffe unter Meikiades, Aiflmedes und Eurybates und stellten sich damit bei einer der Inseln auf, welche den Namen Sybota führen, mit ihnen auch die zehn attischen Schiffe. Ihr durch tausend Hopliten auS Zakynthos verstärktes Landheer befand sich am Vorgebirge Leukimme. Auch den Korinthern hatten sich auf dem Festlande zahlreiche Barbaren angeschlossen, wie denn die Bewohner des Festlandes dort von jeher ihre guten Freunde gewesen sind.
- 1.48.1
Nachdem die Korinther alles fertig gemacht und für drei Tage Lebensmittel eingenommen hatten, stachen sie bei Nacht von Cheimerion in See in der Absicht, eine Schlacht zu liefern. Bei Tagesanbruch sichteten sie am Horizont die auf sie zu fahrenden Schiffe der Kerkyräer. AlS beide sich in Sehweite gekommen waren, stellten sie sich einander gegenüber in Schlacht ordnung. Auf dem rechten Flügel der Kerkyräer standen die attischen Schiffe, auf dem anderen ihre eigenen, die sie in drei Geschwader geteilt hatten, deren jedes von einem der drei Feldherren befehligt wurde. So die Aufstellung der Ker kyräer. Auf seiten der Korinther bildeten die Schiffe von Me igara und Amprakia den rechten Flügel, die Mitte die übrigen Bundesgenossen alle nach der Reihe, den linken Flügel, den Athenern und dem rechten Flügel der Kerkyräer gegenüber, die Korinther selbst mit den besten Schiffen.
- 1.49.1
Nun wurde auf beiden Seiten das Zeichen zum Angriff gegeben, und die Schlacht begann. Beide aber waren noch l recht unzweckmäßig nach alter Weise gerüstet und hatten viele Hopliten und eine Menge Wurf- und Bogenschützen auf dem Verdeck. Man schlug sich auf beiden Flotten mit großer Tapfer keit, aber die Geschicklichkeit stand nicht auf gleicher Höhe, und die Schlacht glich eher einem Gefecht auf dem festen Lande, denn wenn Schiffe aneinander gerieten, konnten sie im Gedränge so leicht nicht wieder loskommen; auch rechnete man für den Sieg hauptsächlich auf die Hopliten auf dem Verdeck, welche hier, während sich die Schiffe nicht von der Stelle bewegten, Mann gegen Mann fochten. Von einem Umfahren der feind lichen Schiffe war keine Rede; man kämpfte eben weniger kunst- gerecht als tapfer und mit Ungestüm. Überall aber herrschte gewaltiger Lärm und wildes Schlachtgetümmel. Die athenischen Schiffe beschränkten sich einstweilen darauf, wo die Kerkyräer ins Gedränge gerieten, die Gegner durch ihre Anwesenheit zu schrecken, vermieden es aber, selbständig in den Kampf einzu greifen, weil die Befehlshaber dadurch die ihnen von Athen mitgegebene Weisung zu übertreten fürchteten. Am meisten litt der rechte Flügel der Korinther. Denn die Kerkyräer mit zwanzig Schiffen schlugen ihn in die Flucht und verfolgten ihre einzeln das Weite suchenden Gegner bis zum Festlande, gelangten auch mit ihren Schiffen bis an das feindliche Lager, wo sie landeten und die leerstehenden Zelte in Brand steckten und plünderten. Hier also waren die Korinther und ihre Bundesgenossen geschlagen und die Kerkyräer Sieger geblieben. Auf dem linken Flügel dagegen, wo die Korinther selbst standen, waren sie entschieden im Vorteil, da die Kerkyräer, schon an sich in der Minderzahl, der Verfolgung wegen zwanzig von ihren Schiffen nicht zur Stelle hatten. Als die Athener die Kerkyräer ernstlich in Gefahr kommen sahen, trugen sie nicht länger Bedenken, auch ihrerseits in die Gefechtslinie einzurücken. Zunächst freilich vermieden sie es noch, mit dem Gegner hand gemein zu werden; als dann aber die Kerkyräer offenbar ge schlagen und von den Korinthern verfolgt wurden, gab es keinen Halt mehr, aller Unterschied hörte auf, und in der Hitze des Gefechts kamen nun auch die Athener und die Korinther miteinander ins Handgemenge.
- 1.50.1
Nach ihrem Siege gaben sich die Korinther nicht lange damit ab, die von ihnen leck gemachten feindlichen Schiffe in Schlepptau zu nehmen, sondern fuhren an sie heran, um ihre Wut an den darauf befindlichen Leuten auszulassen, die sie bis auf den letzten Mann schonungslos niedermachten. Weil sie aber nicht wußten, daß sie auf ihrem rechten Flügel selbst - geschlagen waren, töteten sie hin und wieder unabsichtlich auch ihre eigenen Freunde. Denn da die Zahl der Schiffe auf beiden Seiten groß und die See weithin davon bedeckt war. konnten sie im Gewirr nicht immer gleich unterscheiden, ob einer zu den Siegern oder den Besiegten gehörte. In An sehung der Zahl der Schiffe nämlich war dies die größte See schlacht, in welcher bis dahin Griechen gegen Griechen ge fochten hatten.
- 1.50.2
Nachdem die Korinther die Kerkyräer bis ans Land verfolgt hatten, machten sie kehrt, um sich nach ihren schadhaft ge wordenen Schiffen und ihren Toten umzusehen, die sie dann auch größtenteils bergen konnten und nach Sybota, einem ab gelegenen Hafenplatze in Thesprotien, brachten, wo sich das ihnen zu Hilfe gekommene Barbarenheer befand. Als sie dies besorgt und sich wieder gesammelt hatten, wandten sie sich mit ihrer Flotte von neuem gegen die Kerkyräer. Diese aber fuhren ihnen mit den noch feefähigen, namentlich ihren bei den Athe nern gebliebenen frischen Schiffen aus Furcht, sie könnten bei ihnen eine Landung versuchen, auch ihrerseits entgegen. Es war schon spät, und sie hatten ihr Schlachtlied schon angestimmt, als die Korinther plötzlich rückwärts ruderten, weil sie zwanzig athe nische Schiffe kommen sahen, die man den zehn ersten aus Athen nachgeschickt hatte, da man dort besorgte, was ja auch nicht ausblieb, die Kerkyräer könnten geschlagen werden und die zehn Schiffe zu ihrem Schutz zu wenig sein. Die Korinther vermuteten nämlich, die Schiffe, die sie in der Ferne gesehen, könnten von Athen kommen und ihrer wohl gar noch mehr sein, als bereits in Sicht waren, und deshalb zogen sie sich zurück.
- 1.51.1
Die Kerkyräer aber, welche die Schiffe nicht gesehen hatten, da diese in der Richtung, aus der sie kamen, noch außer halb ihres Gesichtskreises waren, begriffen nicht, weshalb die Korinther rückwärts ruderten, bis dann auch sie ihrer ansichtig wurden und der Ruf „Segel in Sicht" erscholl. Darauf zogen sie sich ebenfalls zurück; denn es wurde schon dunkel, und die Korinther waren verschwunden. So kam es nicht zur Schlacht, und die Nacht machte weiteren Feindseligkeiten ein Ende. Jene zwanzig Schiffe unter Glaukon, Leagros' Sohn, und Ando kides, Leogoras' Sohn, aber setzten ihren Weg durch Leichen und Schiffstrümmer bis Leukimme fort, wo die Kerkyräer stehen geblieben waren, und langten nicht lange, nachdem sie in Sicht gekommen, dort an. Die Kerkyräer fürchteten anfangs, denn es war Nacht, es könnten Feinde sein, sahen jedoch bald ihren Irrtum ein, worauf die Athener vor Anker gingen.
- 1.52.1
Am folgenden Tage lichteten die dreißig attischen Schiffe und die noch seefähigen Schiffe der Kerkyräer die Anker und fuhren auf den Hafen Sybota zu, wo die Korinther lagen, um sich zu überzeugen, ob sie eine Schlacht annehmen würden. Auch die Korinther gingen in See und stellten sich draußen in Schlachtordnung. Indessen rührten sie sich nicht und machten keine Miene, den Kampf zu beginnen, da sie die von Athen gekommenen frischen Schiffe sich gegenüber sahen und sich auch sonst in mancher Hinsicht in mißlicher Lage befanden; hatten sie doch die Gefangenen an Bord, die sie bewachen mußten, und in jener abgelegenen Gegend keine Möglichkeit, ihre Schiffe wieder auszubessern. Ihnen war es eigentlich nur darum zu tun, glücklich wieder nach Hause zu gelangen; denn sie fürch teten, nachdem es zur Schlacht gekommen, würden die Athener den Frieden für gebrochen halten und ihnen den Rückweg ver legen.
- 1.53.1
Sie beschlossen also, ihnen zunächst mal auf den Zahn zu fühlen, setzten ein paar Leute in ein Boot und schickten sie, ohne Heroldsstab, an sie ab mit dem Auftrage, ihnen folgendes zu sagen: „Das ist unrecht von euch, Athener; ihr fangt Krieg an und brecht den Frieden. Wir wollen unsere Feinde züchtigen, und ihr tretet uns dabei mit Waffengewalt in den Weg. Wollt ihr wirklich den Frieden brechen und uns hindern, nach Kerkyra oder nach Belieben sonst wohin zu fahren, so greift uns nur hier gleich an und behandelt uns als Feinde." Die Leute richteten denn auch ihren Auftrag aus. Die Kerkyräer auf der Flotte aber, die das mit angehört, schrien gleich, man sollte sie greifen und totschlagen. Die Athener aber erwiderten ihnen: „Wir fangen keinen Krieg an, Peloponnesier, und wollen den Frieden nicht brechen. Wir kommen nur den Ker kyräer«, unseren Bundesgenossen, zu Hilfe. Wollt ihr also sonst wohin fahren, so haben wir nichts dagegen. Einen An griff auf Kerkyra aber oder eine seiner Besitzungen werden wir nach Kräften zu verhindern wissen."
- 1.54.1
Nach dieser Antwort bereiteten sich die Korinther zur Rückreise und errichteten bei Sybota auf dem Festlande ein Siegeszeichen. Die Kerkyräer aber bargen ihre Leichen und Schiffstrümmer, womit die Strömung und der Wind, der sich über Nacht aufgemacht, den Strand weit und breit übersäet hatte, und errichteten dann auf der Insel Sybota ebenfalls ein Siegeszeichen, weil auch sie sich den Sieg zuschrieben. Daß sich aber beide den Sieg zuschrieben, erklärte sich so: Die Korinther waren in der Schlacht bis zum Eintritt der Nacht Sieger gewesen, sie hatten ihre schadhaft gewordenen Schiffe und ihre Toten größtenteils geborgen, über tausend Gefangene gemacht und gegen siebzig Schiffe außer Gefecht gesetzt. Des halb errichteten sie ein Siegeszeichen. Die Kerkyräer aber taten es, weil sie ungefähr dreißig Schiffe vernichtet und nach Ankunft der Athener ihre Leichen und Schiffstrümmer geborgen, die Korinther aber tags vorher ihnen gegenüber beim Anblick der attischen Schiffe rückwärts gerudert und den Rückzug an getreten, auch sich von Sybota nach Ankunft der Athener nicht wieder gegen sie vorgewagt hatten. So glaubten beide gesiegt zu haben.
- 1.55.1
Auf dem Heimwege bemächtigten sich die Korinther durch List der von Korinth und Kerkyra gemeinsam gegründeten Stadt Anaktorion am Ausgange des Amprakischen Meerbusens, be setzten sie mit korinthischen Kolonisten und fuhren darauf nach Hause. Von den gefangenen Kerkyräern verkauften sie acht hundert, was Sklaven waren, zweihundertfunfzig dagegen be hielten sie in Gefangenschaft und behandelten sie gut, damit sie nach der Rückkehr in Kerkyra für sie wirken möchten; denn zufällig gehörten sie alle zu den angesehensten Einwohnern der Stadt. So hatte Kerkyra den Krieg mit Korinth glücklich bestanden, und die athenischen Schiffe fuhren wieder nach Hause. Das aber wurde die erste Veranlassung zum Kriege der Ko rinther mit den Athenern, daß diese im Frieden mit ihren Schiffen auf seiten der Kerkyräer gegen sie gefochten hatten.
- 1.56.1
Unmittelbar nachher wurde noch ein anderes Ereignis ein weiterer Anlaß zum Kriege zwischen den Athenern und den Peloponnesiern. Die Korinther brannten darauf, sich an Athen zu rächen, und den Athenern waren ihre feindlichen Absichten kein Geheimnis geblieben. Sie befahlen deshalb der korin thischen Kolonie Potidäa auf der Landenge von Pallene, einer der steuerpflichtigen Städte ihres Bundes, ihre Mauer auf der Seite nach Pallene abzubrechen, Geiseln zu stellen und die Epidemiurgen, von Korinth alljährlich dorthin geschickte Be amte, auszuweisen und auch künftig nicht mehr aufzunehmen. Sie fürchteten nämlich, Potidäa könnte sich von Perdikkas und Korinth zum Abfall verleiten lassen und ihnen auch ihre übrigen thrakischen Bundesstädte abtrünnig machen.
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Es war gleich nach der Seeschlacht bei Kerkyra, als sich die Athener zu diesem Schritt gegen Potidäa entschlossen; denn schon damals waren die Korinther ihre ausgesprochenen Feinde, und auch ihr bisheriger Freund und Bundesgenosse, König Perdikkas von Makedonien, der Sohn Alexanders, hatte sich mit ihnen überworfet, weil sie mit seinem Bruder Philipp und mit Derdas, seinen gemeinsamen Gegnern, ein Bündnis geschlossen hatten. In seiner Besorgnis knüpfte Perdikkas überall Verhandlungen an, schickte Gesandte nach Lakedämon, um im Peloponnes gegen Athen zu schüren, brachte die Ko rinther, denen es um den Abfall von Potidäa zu tun war, auf seine Seite und suchte auch die Chalkidier und Bottiaier im thrakischen Küstenlande zum Abfall zu bewegen, in der Hoffnung, im Bunde mit diesen seinen Nachbarn den Krieg leichter bestehen zu können. Die Athener aber, die dahinter gekommen waren, wollten dem Abfall der Städte vorbeugen, und da grade dreißig Schiffe und tausend Hopliten unter Archestratos, Lykomedes' Sohn, und zehn anderen nach Make- . donien abgehen sollten, wiesen sie die Befehlshaber der Schiffe an, sich in Potidäa Geiseln geben und die Mauer abbrechen zu lassen, auch auf die anderen Städte dort ein wachsames Auge zu haben, um deren Abfall zu verhüten.
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Die Potidäer aber schickten Gesandte an die Athener, um sie womöglich zu bewegen, von den neuerdings gegen sie beschlossenen Maßregeln Abstand zu nehmen; indessen wandten sie sich in Verbindung mit Korinth auch nach Lakedämon, um sich dort für alle Fälle nach Beistand umzusehet. Da sie in Athen auch nach längeren Verhandlungen nichts erreichten und die nach Makedonien gehenden Schiffe nun doch zugleich auch gegen sie bestimmt wurden, die lakedämonische Regierung aber ihnen für den Fall eines Angriffs der Athener auf Poti däa einen Einfall nach Attika in Aussicht stellte, hielten sie es jetzt für an der Zeit, mit den Chalkidiern und Bottiaiern, die sich zu dem Ende mit ihnen verbunden hatten, von Athen abzufallen. Perdikkas aber überredete die Chalkidier, ihre Städte an der See aufzugeben und zu zerstören und sich weiter landeinwärts in Olynth anzusiedeln nnd nur dies zu einer festen Stadt zu machen. Auch räumte er den abziehenden Einwohnern für die Dauer des Krieges mit den Athenern ein Stück der ihm gehörenden Landschaft Mygdonia am See Bolbe zur Benutzung ein. Diese zerstörten auch ihre Städte, siedelten sich weiter landeinwärts an und rüsteten zum Kriege.
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Inzwischen langten die dreißig athenischen Schiffe an der thrakischen Küste an und fanden Potidäa und die anderen Orte bereits abgefallen. Die Feldherren hielten es aber nicht für möglich, mit den vorhandenen Kräften den Krieg zugleich gegen Perdikkas und die abgefallenen Orte zu führen. Sie wandten sich deshalb nach Makedonien, wo sie landeten und in Gemeinschaft mit Philipp und Derdas'Brüdern, die mit ihren Scharen aus dem Inneren nach Makedonien eingefallen waren, die Feindseligkeiten eröffneten.
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Jetzt aber, wo Potidäa abgefallen und die athenische Flotte in den makedonishcen Gewässern erschienen war, wurden die Korinther um die Stadt denn doch besorgt, und da sie darin auch eine Gefahr für sich selbst erblickten, schickten auch sie Truppen dahin, teils korinthische Freiwillige, teils Ge worbene aus den übrigen peloponnesischen Staaten, im ganzen sechzehnhundert Hopliten und vierhundert Leichtbewaffnete. Den Oberbefehl führte Aristeus, Adeimantos' Sohn, und be sonders ihm zuliebe, der von jeher ein guter Freund der Poti däer gewesen, hatten die meisten Freiwilligen aus Korinth sich gemeldet. Vierzig Tage nach dem Abfall von Potidäa kamen sie an der thrakischen Küste an.
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Aber auch die Athener erhielten alsbald Nachricht vom Abfall der Städte, und als sie dann weiter hörten, daß Aristeus mit Truppen zu ihnen gestoßen sei, schickten sie vierzig Schiffe mit zweitausend athenischen Hopliten an Bord gegen die Auf ständischen ab, worüber Kallias, Kalliades' Sohn, selbfünfter " den Oberbefehl führte. Bei ihrer Ankunft in Makedonien trafen sie die ersten Tausend, welche Therme soeben erobert hatten und jetzt Pydna belagerten. Nun beteiligten auch sie sich an der Belagerung von Pydna, mußten sich aber bald zu einem Vergleich und Bündnis mit Perdikkas verstehen, weit Potidäa, wo Aristeus inzwischen angekommen war, ihnen auf den Nägeln brannte. Infolgedessen zogen sie aus Makedonien ab, kamen bis Beroia und von da bis Strepsa, von wo sie nach einem vergeblichen Versuch, sich der Stadt zu bemächtigen, zu Lande den Weg nach Potidäa fortsetzten, insgesamt drei tausend athenische Hopliten mit zahlreichen Bundesgenossen und sechshundert makedonische Reiter unter Philipp und Pausa nias. Die Flotte fuhr ihnen, sechzig Segel stark, längs der Küste zur Seite. Auch gelangten sie in drei kurzen Tagemärschen nach Gigonos, wo sie ein Lager aufschlugen.
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Die Potidäer aber und die Peloponnesier unter Aristeus bezogen vor der Stadt auf der Landenge auf der Seite nach Olynth ebenfalls ein Lager und richteten dort einen Markt ein, um die Athener zu erwarten. Die Verbündeten hatten ihr gesamtes Fußvolk unter AristeuS' Befehl, die Reiterei aber unter den Befehl des Perdikkas gestellt. Der hatte sich nämlich von den Athenern gleich wieder getrennt und den Potidäern angeschlossen, die Regierung aber an seiner Statt dem IolaoS übertragen. Aristeus' Absicht war, mit den Truppen unter seinem unmittelbaren Befehl den Angriff der Athener auf der Landenge zu erwarten, während die Chalkidier und die übrigen Bundesgenossen von jenseits der Landenge mit den zweihundert Reitern deS Perdikkas in Olynth bleiben sollten, um den Athe nern im Falle eines Angriffs auf seine Stellung in den Rücken zu fallen und den Feind in die Mitte zu nehmen. KalliaS aber, der Anführer der Athener, und seine Mitfeldherren schickten ihrerseits wieder die makedonishcen Reiter zu ihrer Deckung gegen einen etwaigen Angriff von daher gegen Olynth vor und brachen dann selbst aus ihrem Lager gegen Potidäa auf. Als sie an die Landenge kamen und den Feind hier zur Annahme einer Schlacht bereit sahen, stellten sie sich ihm gegen über in Schlachtordnung, und nach kurzer Zeit kam eS zum Gefecht. Der Flügel des Aristeus mit den von ihm selbst befehligten Korinthern und anderen Kerntruppen brachte die ihm gegenüberstehenden Feinde zum Weichen und verfolgte sie eine Strecke weit. Das übrige Heer der Potidäer und Peloponnesier dagegen wurde von den Athenern geschlagen und flüchtete in die Stadt.
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Aristeus, der die Verfolgung aufgegeben hatte, als er sein übriges Heer geschlagen sah, war anfangs zweifelhaft, wohin er sich wenden sollte, um sich aus der Gefahr zu ziehen, ob nach Olynth oder nach Potidäa, entschloß sich dann aber, seine Truppen möglichst eng zusammenzuziehen und sich mit ihnen im Sturmschritt nach Potidäa durchzuschlagen. Auch gelang es ihm, vom Hasendamme her durchs Wasser um die Stadt herumzukommen und, wenn auch beschossen und nur mit Mühe und nicht ganz ohne Verluste, das meiste in Sicher heit zu bringen. Die Truppen, welche von Olynth Potidäa, das etwa sechzig Stadien von Olynth entfernt und von dort sichtbar ist, zu Hilfe kommen sollten, setzten sich, als die Schlacht begann und die Signale hochgingen, eine kurze Strecke weit in Marsch, um in den Kampf einzugreifen, und um sie daran zu hindern, ritten die makedonishcen Reiter gegen sie auf. Als sich jedoch der Sieg so bald für die Athener entschied und die Signale verschwanden, zogen sie sich in die Stadt, die Makedonier aber auf die Athener zurück, so daß die Reiterei von keiner Seite ins Gefecht kam. Nach der Schlacht errich teten die Athener ein Siegeszeichen und gewährten den Poti däern zur Bestattung ihrer Toten einen Waffenstillstand. Ge blieben waren auf seiten der Potidäer und ihrer Bundes genossen nicht ganz dreihundert, auf seiten der Athener hundert funfzig Bürger, darunter auch Kallias, ihr Feldherr.
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Die Athener führten der Stadtmauer gegenüber auf der Seite nach der Landenge sogleich eine zweite Mauer auf und besetzten sie. Auf der Seite nach Pallene dagegen hatten sie keine Mauer. Denn sie fühlten sich nicht stark genug, um die Landenge be setzt zu halten und gleichzeitig nach Pallene hinüberzugehen und auch dort eine Mauer herzustellen, da sie im Fall einer solchen Teilung ihrer Kräfte einen Überfall der Potidäer und ihrer Verbündeten zu gewärtigen gehabt hätten. Als man aber in Athen hörte, daß auf der Seite von Pallene noch keine Mauer wäre, schickte man bald darauf sechzehn hundert athenische Hopliten unter Phormion, Asopios' Sohn, von dort noch nach. Der setzte sich nach seiner Ankunft auf Pallene von Amphytis, das er zum Stützpunkt nahm, mit seinem Heere in Bewegung und rückte, das Land beizu verwüstend, langsam gegen Potidäa vor und führte, als sich ihm niemand zur Schlacht stellte, auch auf der Seite von Pallene der Stadtmauer gegen über eine Mauer auf. So wurde Potidäa nunmehr zu Lande von beiden Seiten hart belagert, während es zugleich durch die Flotte von der See abgeschnitten war.
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Nachdem die Stadt auf diese Weise eingesperrt war, hatte Aristeus keine Hoffnung auf Errettung, wenn nicht vom Pelo ponnes oder sonst woher wider Erwarten noch Hilfe käme. Er schlug deshalb vor, damit die Lebensmittel länger vorhielten, sollten alle bis auf fünfhundert beim ersten günstigen Winde die Stadt zu Schiffe verlassen, und erbot sich, selbst mit drin zu bleiben. Damit fand er jedoch keinen Anklang. Um trotzdem nichts zu versäumen und auch auswärts für die Stadt sein möglichstes zu tun, setzte er sich selbst in ein Schiff und ge langte damit unbemerkt durch die athenischen Posten. Während seines Aufenthaltes in Chalkidike beteiligte er sich dort mehrfach an kriegerischen Unternehmungen, insbesondere brachte er den Sermyliern durch einen ihnen in der Nähe ihrer Stadt gelegten Hinterhalt eine blutige Niederlage bei. Zugleich setzte er auch im Peloponnes alle Hebel in Bewegung, um von dort Hilfe zu erhalten. Unterdessen verheerte Phormion mit seinen sech zehnhundert Hopliten Chalkidike und Bottike und eroberte dort auch einige kleinere Plätze.
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Dies aber wurde die zweite Veranlassung zum Kriege zwischen den Athenern und den Peloponnesiern, weil die Ko rinther den Athenern nicht vergeben konnten, daß sie ihre Pflanzstadt Potidäa und die darin befindlichen Korinther und Peloponnesier belagerten, die Athener aber sich dadurch gekränkt fühlten, daß die Peloponnesier eine steuerpflichtige Stadt ihres Bundes zum Abfall verleitet und mit den Potidäern offen gegen sie gefochten hatten. Förmlich ausgebrochen aber war der Krieg damit noch nicht, sondern das Schwert steckte einstweilen noch in der Scheide, denn bis dahin hatten die Korinther nur auf eigene Hand gehandelt.
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Denen aber ließ die Belagerung von Potidäa keine Ruhe, nicht nur weil ihre Landsleute sich in der Stadt befanden, sondern auch weil sie sich selbst Sorge darüber machten. Sie luden auch gleich zu einer Versammlung nach Lakedämon ein, wo sie dann gegen die Athener, die Friedensbrecher, die sich gegen den Peloponnes jede Gewalttat erlaubten, gewaltig ins Zeug gingen. Auch die Ägineten, welche zwar aus Furcht vor den Athenern die Versammlung nicht offen beschickt hatten, hetzten dort unter der Hand um so eifriger zum Kriege, indem sie sich darüber beschwerten, daß man die ihnen vertragsmäßig gewährleistete Unabhängigkeit ihnen vorenthalte. Aber auch die Lakedämonier luden ihre Bundesgenossen und alle, die sich sonst über die Athener zu beshcweren hätten, zu einer ihrer regelmäßigen Versammlungen ein und forderten sie auf, ihre Beschwerden vorzubringen. Und da traten sie denn einer nach dem anderen auf, um sich zu beschweren, insbesondere beklagten sich die Megarer namentlich auch darüber, daß man ihnen vertragswidig die Häfen innerhalb des athenischen Macht bereichs und den attischen Markt verschlossen habe. Zuletzt traten die Korinther auf, die damit gewartet hatten, um die Lakedämonier durch die anderen erst scharf machen zu lassen, und redeten also:
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„Ehrlichkeit in Politik und Verkehr versteht sich bei euch zu Lande so sehr von selbst, Lakedämonier, daß ihr immer un gläubig seid, wenn wir anderen uns über jemand beshcweren. Allerdings schützt euch das vor Übereilungen, ist aber doch auch wieder schuld daran, daß ihr über auswärtige Verhält nisse vielfach so schlecht unterrichtet seid. Wie oft haben wir euch vorhergesagt, was die Athener gegen uns im Schilde führten, aber niemals habt ihr es der Mühe wert gehalten, die Richtigkeit unserer Behauptungen ernstlich zu prüfen, weil ihr uns immer im Verdacht hattet, daß es nur kleinliche Sonder interessen seien, deretwegen man solche Rede führe. Deshalb habt ihr auch diesmal die Bundesgenossen nicht beizeiten zu sammenberufen, sondern erst jetzt, wo es ihnen bereits an den Kragen geht. Unter denen aber kommt es uns hier um so mehr zu, das Wort zu nehmen, je mehr grade wir Ursache haben, uns über den Übermut der Athener und über eure Gleichgültig keit zu beklagen. Wenn die Athener ihren Unfug in Griechen land im verborgenen getrieben hätten, dann müßte man frei lich denken, daß euch nichts davon bekannt geworden sei, und euch darüber belehren. Aber bedarf es jetzt noch langer Reden? Seht ihr doch selbst, wie sie die einen schon unterjocht haben und im Begriff sind, es mit anderen, und zwar grade unseren Bundesgenossen, ebenso zu machen, und auch für den Fall eines Krieges mit ihren Rüstungen längst fertig sind. Sonst hätten sie uns ja Kerkyra nicht mit Waffengewalt nehmen und Potidäa nicht belagern können, von denen dies für die Aus nutzung deS thrakischen Küstenlandes so günstig liegt, jenes aber den Peloponnesiern eine vortreffliche Flotte verschafft haben würde.
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„Und daran seid ihr schuld; denn ihr habt sie nach den Perserkriegen erst ihre Stadt befestigen und dann die langen Mauern bauen lassen und damit nicht nur ihre bisherigen eigenen Untertanen, sondern jetzt auch eure Bundesgenossen für immer der Freiheit beraubt. Nicht wer die Ketten schmiedet, sondern wer das hindern kann und nicht hindert, ist der wirk lich Schuldige, mag er sich auch noch soviel darauf zugute tun, der Befreier Griechenlands zu heißen. Mit knapper Not sind wir hier jetzt wenigstens zusammengekommen, wissen aber immer noch nicht, wozu. Nicht darum handelt eS sich jetzt, erst lange zu untersuchen, ob man uns wirklich auf die Füße tritt, sondern darum, uns unserer Haut zu wehren. Denn unser Gegner weiß, was er will, und wird sich nicht lange besinnen, unS zu Leibe zu gehen. Wir kennen ja die Methode der Athener, Schritt für Schritt gehen sie gegen die anderen vor. Solange sie glauben, daß ihr mit eurem Fischblut kein Arg daraus habt, lassen sie sich Zeit; merken sie aber erst, daß ihr Bescheid wißt und sie doch gewähren laßt, so werden sie uns bald ganz anders kommen. Unter allen Griechen seid ihr Lakedämonier die einzigen, die sich dadurch in ihrer Ruhe nicht stören lassen. Statt dem Feinde die Zähne zu zeigen, meint ihr, es sei schon mit dem guten Willen genug, um ihn sich vom Leibe zu halten. Nur ihr laßt den Feind erst seine Kräfte verdoppeln, statt jeden Versuch dazu gleich im Keime zu ersticken. Es heißt freilich, auf euch könne man sich verlassen. Aber eure Taten sind nicht danach gewesen. Wir wissen noch, wie die Perser damals ihr Heer von den Enden der Welt schneller nach dem Peloponnes führten, als ihr eures glücklich auf die Beine brachtet. Auch jetzt wieder macht ihr euch um die Athener keine Sorgen, obgleich diese nicht wie die Perser hinten fern in Asien, sondern hier vor euren Toren wohnen. Statt dem Feinde zuerst zu Leibe zu gehen, meint ihr, euch auf die Ver teidigung beschränken zu können, um es im Kampfe mit einem so mächtigen Gegner schließlich auf gut Glück ankommen zu lassen. Bekanntlich haben sich die Perser ihre Niederlagen meist durch eigene Schuld zugezogen, und auch wir haben unsere gelegentlichen Erfolge den Athenern gegenüber ihren Fehlern, nicht etwa eurer Hilfe zu verdanken gehabt. Schon manchem, der sich nicht selbst vorgesehen, weil er sich auf euch verließ, ist das zum Verderben geworden. Glaubt nicht, daß wir das hier aus Feindschaft gegen euch sagen. O nein; es ist uns nur um die Wahrheit zu tun. Mit dem Feinde, der uns be leidigt, geht man ins Gericht; einem Freunde, der sich nur auf falschem Wege befindet, sagt man die Wahrheit.
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„Jedenfalls halten wir uns so gut wie jeder andere für berechtigt, den Leuten offen zu sagen, was wir an ihnen aus zusetzen haben, zumal in einer so kritischen Lage, wo Interessen auf dem Spiel stehen, von deren Bedeutung ihr anscheinend keine Ahnung habt. Wahrscheinlich habt ihr noch nie daran gedacht, mit wem ihr es zu tun habt und wie sehr die Athener euch in vieler Beziehung überlegen sind. Bei ihnen macht man sich jede Erfindung gleich zunutze, hat immer neue Ideen und weiß sie sofort praktisch zu verwerten. Ihr dagegen hängt immer am Alten, habt überhaupt keine Ideen, und selbst das Notwendigste unterbleibt. Und weiter: Bei ihnen gilt nichts für unmöglich, sie wagen das Unglaubliche und lassen auch im Unglück den Kopf nicht hängen. Ihr dagegen meint immer, alles gehe über eure Kräfte; ist die Gelegenheit noch so günstig, habt ihr Bedenken, und wenn euch mal was fehlschlägt, gebt ihr gleich alles verloren. Sie die Tätigkeit selbst, hier alles Schlendrian; sie beständig unterwegs, ihr bleibt zu Hause; sie überzeugt, daß jede auswärtige Unternehmung sich bezahlt macht, ihr in ewiger Furcht, dabei wohl gar vom Kapital zuzusetzen. Einen Sieg wissen sie wohl auszunutzen und auch nach einer Niederlage dem Feinde immer noch an der Klinge zu bleiben. Für ihre Stadt lassen sie ihr Leben, als ob nichts daran ge legen wäre, und nur in der Hingebung an daS Vaterland er blicken sie ihr wahres Selbst. Jeden mißglückten Plan be trachten sie als ein persönlich zugefügtes Unrecht und jede ge lungene Unternehmung nur als den ersten Schritt zu neuen, größeren Erfolgen. Schlägt ihnen ein Unternehmen fehl, so haben sie gleich einen neuen Plan bei der Hand und hoffen damit das Loch wieder zu verstopfen. Nur bei ihnen ist, wo es was zu erreichen gilt. Hoffen und Haben schon dasselbe, weil bei ihnen daS Vollbringen dem Wollen auf dem Fuße folgt. So arbeiten sie sich unter Mühen und Gefahren Tag für Tag ab, ohne ihres Besitzes wirklich froh zu werden, weil sie immer noch mehr haben wollen. Außer der Erfüllung ihrer Pflicht kennen sie kein Vergnügen, und müheloses Nichtstun ist ihnen mehr zuwider alS angestrengte Arbeit. So könnte man nicht unzutreffend mit einem Worte sagen, sie seien dazu geschaffen, nie zur Ruhe zu kommen und andere nicht in Ruhe zu lassen.
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„Solcher Stadt gegenüber, Lakedämonier, verzichtet ihr auf jede aktive Politik und wollt nicht glauben, daß man niemand lieber in Ruhe läßt als einen schlagfertigen Gegner, der selbst niemand zu nahe tritt, aber zeigt, daß er gegebenen falls den Krieg nicht fürchten wird. Ihr möchtet selbst niemand angreifen, aber einen feindlichen Angriff ohne Schaden bestehen können und dabei beidem zugleich gerecht werden. Aber daS wird euch schwerlich gelingen, selbst wenn eure Herren Nachbarn ebenso dächten. Augenblicklich sind, wie schon gesagt, eure Ein richtungen ihnen gegenüber völlig veraltet. Wie in technischen Betrieben, so läuft man mit den neuesten Erfindungen anderen eben überall den Rang ab. In Zeiten politischen Stillebens hat es ja viel für sich, an den bestehenden Einrichtungen nicht zu rütteln; sieht man sich aber dann mit einmal vor eine Fülle neuer Aufgaben gestellt, so wird es unvermeidlich, hie und da die bessernde Hand anzulegen. Darum ist es auch bei den rührigen Athenern weit mehr zu Neuerungen gekommen als bei euch. Laßt es also endlich mal mit eurem Zuwarten genug sein und kommt euren Freunden, namentlich, wie ihr es ver sprochen habt, Potidäa zu Hilfe. Fallt unverzüglich nach Attika ein, um nicht eure Freunde und Stammesgenossen ihren ärgsten Feinden preiszugeben und uns alle zu nötigen, uns aus Ver zweiflung nach neuen Bundesgenossen umzusehen. Weder in den Augen der Götter unseres Bundes noch nach dem Urteil einsichtiger Menschen würden wir damit ein Unrecht tun. Denn nicht wer sich in der Not nach neuer Hilfe umsieht, sondern wer seinen Bundesgenossen in der Not im Stich läßt, ist der Bundbrüchige. Wollt ihr uns helfen, so bleiben wir; denn dann wäre es gegen unser Gewissen, die Farbe zu wechseln, würden wir doch auch niemand finden, mit dem wir lieber gingen als mit euch. Das also überlegt euch und hütet euch, den Peloponnes unter eurer Herrschaft schwächer werden zu lassen, als ihr ihn von euren Vätern überkommen habt."
- 1.72.1
So die Korinther. Zufällig waren damals schon vorher auch aus Athen in einer anderen Angelegenheit Gesandte nach Lakedämon gekommen. Als sie von diesen Reden hörten, glaubten sie auch vor den Lakedämoniern auftreten zu müssen, nicht um sich vor ihnen gegen die Klagen der Städte zu verteidigen, sondern um ihnen zu empfehlen, keinen übereilten Beschluß zu fassen, und sich die Sache erst reiflich zu überlegen. Zugleich wollten sie ihnen einen Begriff von der Macht ihrer Stadt beibringen und die Alteren an die Dinge erinnern, die sie selbst mit durchgemacht, den Jüngeren aber, die sie noch nicht mit erlebt, davon erzählen, um ihnen dadurch die Kriegslust zu be nehmen. Sie wandten sich also an die Lakedämonier und er klärten, sofern dem nicht etwa Bedenken entgegenstünden, wünschten auch sie in der Volksversammlung ein Wort zu sagen. Nachdem man ihnen das freigestellt, traten sie denn auch auf und redeten also:
- 1.73.1
„Wir sind allerdings nicht gesandt, um mit euren Bundes genossen zu streiten, sondern um die uns von unserer Stadt aufgetragenen Geschäfte zu erledigen; da wir jedoch von schweren Vorwürfen hören, die hier gegen uns erhoben werden, so treten auch wir hier auf, nicht um uns gegen die Beschuldigungen der Städte zu verteidigen - wärt ihr ja auch nicht die Richter, um zwischen uns und ihnen zu entscheiden -, sondern damit ihr euch in dieser ernsten Sache nicht etwa in blindem Ver trauen auf die Behauptungen eurer Bundesgenossen zu törichten Beschlüssen verleiten laßt; zugleich wollen wir alle den Schwätzern, die uns hier was am Zeuge flicken wollen, das Maul stopfen und euch beweisen, daß wir alle unsere Besitzungen redlich er worben haben und daß mit unserer Stadt denn doch nicht zu spaßen ist. Wozu von alten Zeiten reden, von denen man hier höchstens noch von Hörensagen, aber nicht mehr aus eigener Anschauung weiß. Dagegen können wir nicht umhin, von den Perserkriegen zu reden, die ihr selbst noch miterlebt habt, wenn ihr es auch wohl nachgrabe überdrüssig seid, sie euch immer wieder vorrücken zu lassen; denn damals haben wir unsere Haut fürs gemeine Beste zu Markte getragen, und da auch euch das mit zugute gekommen ist, werdet ihr uns schon ge statten müssen, darauf jetzt, soweit es im Interesse der Sache liegt, mit einigen Worten zurückzukommen. Es geschieht das nicht, um uns weiß zu waschen, sondern um euch einen Be griff davon zu geben, mit wem ihr es zu tun haben werdet, wenn ihr einen unüberlegten Beschluß faßt. Wir rühmen uns, bei Marathon allein gegen die Perser für Griechenland in die Bresche getreten zu sein, und dann, als sie zum zweiten Male kamen und wir uns ihrer zu Lande nicht erwehren konnten, mit Weib und Kind die Schiffe bestiegen und in der Schlacht bei Salamis mitgekämpft zu haben. Das allein aber hinderte sie, mit ihrer Flotte nach dem Peloponnes zu fahren und dort eine Stadt nach der anderen zu verwüsten. Denn bei der Größe ihrer Flotte wärt ihr alle miteinander nicht imstande gewesen, euch gegen sie zu wehren. Der beste Beweis ist der Perserkönig selbst, der sich nach der Niederlage seiner Flotte uns nicht mehr für gewachsen hielt und mit dem größten Teile seines Heeres schleunigst den Rückzug antrat.
- 1.74.1
„Damals also ist daS Schicksal Griechenlands durch die Flotte entschieden, und wir haben zum glücklichen Erfolge durch drei Dinge das meiste beigetragen; wir hatten die meisten Schiffe, den klügsten Feldherrn und die größte Opferwilligkeit. Denn beinah zwei Drittel von den vierhundert Schiffen gehörten uns, und unser Feldherr war Themistokles, der es hauptsächlich fertigbrachte, daß es in der Meerenge zur Schlacht kam, waS dann den glücklichen Erfolg herbeiführte. Habt ihr ihn doch selbst hier bei seinem Besuch, wie niemals sonst einen fremden Gast, gefeiert. Endlich haben wir auch die größte Opferwillig keit bewiesen. Da wir zu Lande keinen Beistand fanden und alles bis zu uns sich dem Feinde unterworfen hatte, mußten wir uns dazu verstehen, unsere Stadt zu verlassen und Hab und Gut aufzugeben. Unsere Bundesgenossen im Stich lassen wollten wir nicht, und da wir ihnen in der Zerstreuung nichts nützen konnten, begaben wir uns aufs Geratewohl zu Schiff, ohne euch nachzutragen, daß ihr uns nicht früh genug zu Hilfe gekommen wart. Wir dürfen also dreist behaupten, daß wir mehr für euch getan haben als ihr für uns. Solange uns noch zu helfen war, hattet ihr euch nicht blicken lassen. Wir dagegen hatten keine Stadt mehr, als wir uns aufmachten, und kaum noch Hoffnung, dermaleinst eine wiederzuhaben, als wir in den Kampf gingen, und trotzdem haben wir dann doch auch zu eurer Rettung das Unsrige beigetragen. Wären wir wie die anderen aus Furcht für unser Land auch zu den Persern übergegangen, oder hätten wir uns später in unser Schicksal ergeben und nicht gewagt, die Schiffe zu besteigen, so konntet ihr mit euren paar Schiffen nur einpacken, und den Persern wäre alles glatt nach Wunsche gegangen.
- 1.75.1
„Hätten wir mit unserer damaligen Opferwilligkeit und Klug heit nicht verdient, Lakedämonier, der Herrschaft wegen, die wir nun mal haben, in Griechenland nicht so scheel angesehen zu werden? Wir haben sie doch nicht mit Gewalt erworben, sondern weil ihr nicht mehr mitwolltet, als es galt, den Persern vollends den Rest zu geben, kamen uns die Bundesgenossen freiwillig mit der Bitte, den Oberbefehl zu übernehmen. Erst die Verhält nisse selbst haben uns dann später genötigt, das daraus zu machen, was inzwischen daraus geworden ist; hauptsächlich war es unsere eigene Sicherheit, dann unsere Ehre und schließlich auch unser Vorteil, waS unS dazu nötigte. Die meisten haßten uns, einige waren schon abgefallen und erst mit Gewalt wieder unterworfen, und auch eure Freundschaft zu unS war nicht mehr die alte, sondern durch Mißtrauen und Verstimmung getrübt, so daß es höchst bedenklich für uns gewesen wäre, locker zu lassen und dadurch neue Gefahren heraufzubeshcwören; denn sie würden alle zu euch übergegangen sein. Kann man es doch keinem verdenken, wenn er angesichts solcher Gefahren auf seine Sicher heit Bedacht nimmt.
- 1.76.1
„Ihr, Lakedämonier, führt euer Regiment ja auch so, daß ihr den peloponnesischen Städten Verfassungen in eurem Sinne aufzwingt. Hättet ihr damals den Oberbefehl bis zuletzt be halten und dabei so viel Haß geerntet wie wir, so würdet ihr die Bundesgenossen auch nicht mit Sammethandshcuhen an gefaßt und, wolltet ihr nicht selbst zu Schaden kommen, nicht umhin gekonnt haben, die Zügel scharf anzuziehen. Wir haben also durchaus nichts Wunderbares oder gar Unerhörtes getan, wenn wir eine uns angebotene Herrschaft angenommen und sie dann auch behauptet haben, weil uns drei mächtige Trieb federn, Ehre, Furcht und Vorteil, dazu drängten. Sind wir doch nicht die ersten, die es so gemacht, vielmehr ist es in der Welt von jeher so gewesen, daß sich der Schwächere dem Stärkeren hat fügen müssen. Und nach unserer Meinung kam uns das zu, und der Meinung seid ihr früher selbst gewesen, bis ihr es neuerdings vorteilhaft fandet, den Rechtsstandpunkt ins Feld zu führen; durch den aber hat sich noch niemand ab halten lassen, unbedenklich zuzugreifen, wo sich ihm zur Aus breitung seiner Macht Gelegenheit bot. Wenn aber ein Volk trotz des dem Menschen nun mal angeborenen Bedürfnisses, über andere zu herrschen, dann doch mit Gerechtigkeit regiert, auch wo seine Macht ihm das Gegenteil gestatten würde, so sollte man das anerkennen. Wie milde unsere Herrschaft ge wesen ist, würde sich wahrscheinlich erst recht zeigen, wenn ein anderer an unsere Stelle träte; aber statt das anzuerkennen, macht man uns in seiner Verbissenheit selbst unsere Milde zum Verbrechen.
- 1.77.1
„Eigentlich vergeben wir uns schon was damit, daß wir unseren Bundesgenossen in den Austrägen und vor unseren eigenen Gerichten völlige Rechtsgleichheit zugestehen, und trotz dem jammern sie noch über das ewige Prozesiseren. Sie be denken gar nicht, weshalb man anderen Staaten, die auch aus wärtige Besitzungen haben und ein weit härteres Regiment über ihre Untertanen führen als wir, solchen Vorwurf nicht macht. Wer Gewalt brauchen kann, hat eben nicht nötig, die Gerichte anzurufen. Sie kennen es aber nicht anders, als daß sie von uns auf gleichem Fuße behandelt werden, und wenn sie mal bei einer gerichtlichen Entscheidung oder einer Anord nung der Regierung auch nur um ein Haarbreit schlechter weg kommen, als sie es nach ihrer Meinung sollten, so danken sie uns nicht etwa, daß sie es bei uns immer noch so gut haben, sondern regen sich über eine solche Kleinigkeit mehr auf, als wenn wir uns von vornherein um kein Gesetz bekümmert und einfach vom Rechte des Stärkeren Gebrauch gemacht hätten. Dann freilich würden sie schon eingesehen haben, daß der Schwächere sich dem Stärkeren fügen muß. Aber, wie eS scheint, können die Menschen ein ihnen vermeintlich angetanes Unrecht schwerer ertragen als die drückendste Herrschaft; denn dabei glaubt man sich durch seinesgleichen übervorteilt, hierin dagegen erblickt man höhere Gewalt, die man eben über sich ergehen lassen muß. Von den Persern haben sie sich ganz andere Dinge ruhig gefallen lassen, unsere Herrschaft aber ist ihnen lästig. Kein Wunder, das Joch auf dem Nacken drückt am meisten. Solltet ihr uns wirklich besiegen und zur Herr schaft gelangen, so würdet ihr die Liebe, die man euch jetzt auS Furcht vor uns entgegenbringt, bald genug verlieren, wenigstens wenn ihr es immer noch so machtet wie damals während der kurzen Zeit eures Oberbefehls gegen die Perser. Bei euch zu lande hat man eben andere Gewohnheiten als anderswo, und obendrein richten sich eure Leute, einer wie der andere, sobald sie außer Landes sind, darnach so wenig wie nach dem, was sonst in Griechenland Landesbrauch ist.
- 1.78.1
„Faßt also keinen übereilten Beschluß; denn es handelt sich um keine Kleinigkeit. Laßt euch nicht durch Wünsche und Beklemmungen Dritter dazu drängen, euch für sie die Finger zu verbrennen. Bedenkt auch wohl, bevor ihr den Degen zieht, wie wenig man im voraus berechnen kann, was einem im Kriege begegnen mag. Dauert er länger, so muß man immer auf allerlei Wechselfälle gefaßt sein, von denen ihr so gut be troffen werden könnt wie wir, und wer kann wissen, wie der Hase läuft. Bei Beginn eines Krieges läßt man sich nur zu leicht im ersten Augenblick zu Schritten hinreißen, für die es später immer noch früh genug gewesen wäre, um dann erst hinterher durch Schaden klug zu werden. Da es dazu ja bis jetzt bei euch so wenig wie bei uns gekommen ist, können wir, solange es für uns beide noch Zeit zu vernünftiger Überlegung ist, euch nur dringend raten, den beschworenen Frieden nicht zu brechen, sondern unseren Streit, wie es im Vertrage vorgesehen ist, durch schiedsrihcterliche Entscheidung schlichten zu lassen. Wollt ihr nicht, nun denn, so rufen wir die Götter, die über den Eid wachen, zu Zeugen an, und wenn ihr Krieg anfangt, werden wir eurem Beispiel folgen und uns mit den Waffen in der Hand zu wehren wissen."
- 1.79.1
So die Athener. Nachdem die Lakedämonier sowohl die Beschwerden der Bundesgenossen als die Rede der Athener angehört hatten, ließen sie alle abtreten, um unter sich darüber zu beraten, was nunmehr zu tun sei. Die Mehrheit entschied sich übereinstimmend dafür, die Athener wären im Unrecht, und man müsse ihnen auf der Stelle den Krieg erklären. Da aber trat ihr König Archidamos auf, ein anerkannt kluger und be sonnener Mann, und sagte:s
- 1.80.1
„Ich habe selbst schon Kriege mitgemacht, Lakedämonier, und sehe auch unter euch hier manche, die schon alt und er fahren genug sind, um sich nicht, wie wohl die große Mehr heit hier, nach Krieg zu sehnen und ihn für ein Glück oder für ein Kinderspiel zu halten. Daß der Krieg, über den ihr jetzt verhandelt, ein gewaltiger werden wird, müßt ihr euch bei ruhiger Überlegung selbst sagen. Unseren Nachbarn hier im Peloponnes sind wir mit unserer Macht ja so ziemlich ge wachsen und können ihnen nötigenfalls auch leicht ins Land fallen. Aber mit Leuten in einem ferneren Lande, die zudem seetüchtig und mit allem aufs beste versehen sind, - großem Wohlstand, vollen Kassen, Schiffen, Pferden, Waffen, auch mit Menschen mehr als irgend sonstwer in Griechenland, - und überdies noch eine Menge steuerpflichtiger Bundesgenossen haben, - was sollen wir mit denen so ohne weiteres Krieg anfangen, und worauf können wir zählen, um darauf, unvorbereitet wie wir sind, solche Eile zu haben? Auf unsere Flotte? Damit sind sie uns überlegen, und eine brauchbare Flotte schafft man sich nicht im Handumdrehen. Auf unser Geld? Daran fehlt es uns erst recht. Unsere Kassen sind leer, und selbst den Beutel zu ziehen, ist man bei uns auch nicht sonderlich ge neigt.
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„Vielleicht meint man, bei unserer Überlegenheit an schwerem Fußvolk könnten wir unbedenklich einen Einfall nach Attika wagen und ihr Land verwüsten. Aber sie haben auch anderswo noch Land genug und können alle ihre Bedürfnisse über See beziehen. Wollten wir dann etwa noch versuchen, ihre Bundes genossen zum Abfall zu bewegen, so würden wir diesen, die ja meist auf Inseln wohnen, auch mit der Flotte unter die Arme greifen müssen. Was wird also aus dem Kriege werden? So lange wir ihnen nicht zur See überlegen sind und Mittel und Wege zur Unterhaltung ihrer Flotte abschneiden können, werden wir ihnen gegenüber regelmäßig den kürzeren ziehen. Solchen- falls aber würden wir schon Schimpfs halber die Hand zum Frieden nicht bieten dürfen, zumal wenn es hieße, daß wir es im Grunde doch gewesen, die den Streit angefangen. Denn wir dürfen uns nicht einbilden, daß der Krieg bald zu Ende sein würde, wenn wir ihnen ihr Land verwüsten. Im Gegen teil, ich fürchte, wir werden ihn auch noch unseren Kindern hinterlassen. So viel ist gewiß, die Athener sind viel zu stolz, als daß sie ihrer Scholle zuliebe klein beigeben sollten, und haben der Gefahr schon zu oft ins Auge gesehen, um sich durch ein bißchen Krieg gleich ins Bockshorn jagen zu lassen.
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„Nun ist es ja keineswegs meine Meinung, den Übergriffen der Athener gegen unsere Bundesgenossen ruhig zuzusehen oder ihnen nicht auf den Dienst zu passen, wo sie Böses im Schilde führen; wohl aber halte ich es für besser, nicht gleich zu den Waffen zu greifen, sondern zunächst mal Gesandte an sie zu schicken, um mit ihnen zu verhandeln, ohne schon mit dem Säbel zu rasseln, aber auch ohne den Schein zu erwecken, daß man den Krieg unbedingt zu vermeiden wünsche. Unter dessen müssen wir selbst rüsten und uns nach Bundesgenossen ) umsehen, seien es Griechen oder Barbaren, um womöglich irgend-woher Hilfe an Schiffen oder an Geld zu erhalten. In einer Lage wie der unserigen, wo es sich um einen Kampf auf Leben und Tod mit den Athenern handelt, kann uns niemand verdenken, wenn wir nicht nur Griechen, sondern auch Bar baren zu Hilfe nehmen. Inzwischen können wir dann auch unsere eigenen Rüstungen vollenden. Geben sie unseren Ge sandten Gehör, um so besser! Wenn nicht, so können wir immer noch zwei oder drei Jahre darüber hingehen lassen, um alsdann, wenn es sein muß, besser gerüstet den Kampf mit ihnen aufzunehmen. Wenn sie sich überzeugen, daß wir fertig und bereit sind, jeden Augenblick loszuschlagen, und auch die Reden hier alsdann denselben Geist atmen, werden sie vielleicht schon eher geneigt sein, andere Saiten aufzuziehen, und sich dazu entschließen, bevor ihr Land verwüstet wird und sie ihre Habseligkeiten in Rauch aufgehen sehen. Immer aber würdet ihr ihr Land nur als Pfand in Besitz nehmen dürfen, grade weil es so gut angebaut ist; denn wenn wir es nicht möglichst schonen und sie dadurch zur Verzweiflung bringen, werden wir erst recht nicht mit ihnen fertig werden. Lassen wir uns jetzt durch die Klagen der Bundesgenossen dazu drängen, nngerüstet wie wir sind, ihr Land zu verwüsten, so sollt ihr mal sehen, wie es uns erst im Peloponnes gehen würde. Beschwerden einzelner Städte lassen sich noch beilegen; kommt es aber solcher Sonderinteressen wegen zu einem allgemeinen Kriege, dessen Ausgang nicht abzusehen ist, so wird man ihn mit Anstand so leicht nicht wieder los.
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„Hattet es nicht für Feigheit, wenn so viele eine einzelne Stadt nicht gleich angreifen wollen; denn auch dort haben sie Bundesgenossen, und zwar solche, die ihnen Steuern zahlen, und dadurch Geld die Menge. Im Kriege aber kommt es schließlich weniger auf die Waffen als darauf an, wer den letzten Taler hat, zumal im Kriege einer Landmacht gegen eine Seemacht. Sorgen wir also erst mal für Geld, statt uns von unseren Bundesgenossen vorschnell zum Kriege überreden zu lassen. Uns trifft denn doch ganz überwiegend die Verant wortung für den Ausgang der Sache, und darum wollen wir sie uns vorher in aller Ruhe überlegen.
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„Den Vorwurf der Schwerfälligkeit und übermäßiger Be dächtigkeit, den man uns immer macht, könnt ihr euch gern gefallen lassen. Wolltet ihr die Sache jetzt hastig und unvor bereitet angreifen, so würdet ihr damit nur um so später zu Ende kommen. Wir sind immer ein freier und hochangesehener Staat gewesen, und jene Schwerfälligkeit bedeutet in der Tat nichts weiter als eine vorsichtige und besonnene Politik. Denn ihr verdanken wir, daß nur wir im Glück nicht übermütig werden und im Unglück nicht so leicht wie andere verzagen. Will man uns durch Schmeichelei zu gefährlichen Unternehmungen ver locken, so lassen wir uns nicht aus Eitelkeit gegen unsere bessere Überzeugung fortreißen, und wenn man uns durch spöttische Bemerkungen dazu reizen wollte, so würde uns das ebensowenig rühren, und wir würden auch damit nicht zu haben sein. Wir stehen unseren Mann im Kriege wie im Rate, und das verdanken wir unserer strengen Mannszucht. Jenes, weil Ehrgefühl mit guter Zucht, Ehrgefühl aber mit Tapferkeit aufs engste zusammenhängt, dieses, weil man uns nicht durch Überbildung dazu erzieht, die Gesetze zu verachten, sondern uns durch strenge Zucht von Jugend auf daran ge wöhnt, ihnen zu gehorchen. Wir verstehen uns nicht genug aufbrot lose Künste, um erst in wohlgesetzten Reden über die verkehrten Maßregeln des Feindes den Stab zu brechen und dann doch, wenn es zum Klappen kommt, nicht draufzugehen. Wir halten andere auch nicht für dümmer als uns und glauben nicht, daß man sich den Verlauf der Dinge im voraus an den Fingern abzählen könne. Bei unseren Vorbereitungen zum Kriege müssen wir immer davon ausgehen, daß wir es mit einem Gegner zu tun haben, der seine Sache versteht. Man darf seine Rechnung nie auf die Fehler des Gegners machen, sondern sich nur auf seine eigene Schlagfertigkeit verlassen. Glaubt nur, die Menschen sind an sich nicht so sehr voneinander ver schieden; die aber bringen es am weitesten, in denen man die notwendigsten Fähigkeiten ausgebildet hat.
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„Das sind die Grundsätze, die wir von unseren Vätern überkommen und bisher auch selbst zu unserem Besten stets befolgt haben, und ihnen laßt uns treu bleiben. Hüten wir uns, hier in ein paar Stunden einen Beschluß zu fassen, an dem das Leben so vieler Menschen, das Schicksal vieler Städte, so viel Geld und Gut und schließlich auch unser guter Name hängt, sondern laßt uns die Sache erst ruhig überlegen. Wir können uns das bei unserer Macht ja eher als andere gestatten. Schickt also zunächst mal Gesandte an die Athener, um mit ihnen über Potidäa und die übrigen Beshcwerden der Bundes genossen zu verhandeln. Sie sind ja bereit, sich einem Schieds gerichte zu unterwerfen, und wer das ist, dem darf man nicht ohne weiteres als Friedensbrecher den Krieg erklären. Zu gleicher Zeit rüstet euch zum Kriege. Das ist der beste Beschluß, den ihr fassen könnt, und er wird seinen Eindruck auf die Gegner nicht verfehlen."
- 1.85.2
So Archidamos. Zuletzt trat Stenela'idas auf, der damals Ephor war, und ließ sich unter den Lakedämoniern also ver nehmen:
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„Das lange Geschwätz der Athener verstehe ich nicht. Erst eine lange Selbstberäucherung, dann aber nicht ein Wort, um die ihnen schuldgegebenen Übergriffe gegen unsere peloponne sischen Bundesgenossen auch nur in Abrede zu stellen. Wenn sie sich damals gegen die Perser gut gemacht haben und sich jetzt gegen uns so nichtswürdig benehmen, so sind sie doppelt strafbar, weil sie aus ehrenhaften Leuten zu Halunken ge worden sind. Wir sind noch dieselben, jetzt wie damals, und müßten den Verstand verloren haben, wollten wir unsere Bundesgenossen, denen es bereits an den Kragen geht, jetzt im Stich lassen, statt ihnen sofort zu Hilfe zu kommen. Haben andere Geld, Schiffe und Pferde die Menge, so haben wir wackere Bundesgenossen, und die dürfen wir den Athenern nicht ausliefern. Mit Schiedsgerichten aber und mit Worten läßt sich das nicht abmachen. Wie man auch ihnen nicht bloß mit Worten zu Leibe geht, sondern mit den Waffen in der Hand, so müssen auch wir ihnen beistehen, und zwar schleunigst und mit aller Macht. Laßt euch nicht weismachen, daß es uns, den Beleidigten, zukäme, die Sache noch lange zu überlegen; nein, grade der Störenfried hätte sie sich erst drei mal überlegen sollen. Darum, Lakedämonier, beschließt, wie eS Spartas würdig ist, den Krieg. Laßt die Athener nicht noch mächtiger werden, und liefert ihnen unsere Bundes genossen nicht aus, sondern mit den G.ötteru drauflos gegen die Spitzbuben!"
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Nach diesen Worten ließ er, da er selbst Ephor war, in der Versammlung der Lakedämonier abstimmen. Nach der Ab stimmung, die bei ihnen nicht durch Marten, sondern mündlich erfolgt, aber sagte er, er sei zweifelhaft, wofür die Mehrheit gewesen sei, und um sie um so auffälliger Farbe bekennen zu lassen und dadurch erst recht zum Kriege zu Hetzen, fügte er hinzu: „Wer dafür stimmt, Lakedämonier, daß ein Friedens- bruch vorliegt und die Athener die Schuldigen sind, trete auf jene Seite," - indem er mit dem Finger dahin zeigte, - „wer dagegen stimmt, hier auf die andere." Hierauf standen sie alle auf und traten nach beiden Seiten auseinander, und eS ergab sich, daß die, welche den Frieden für gebrochen erklärten, die große Mehrheit bildeten. Darnach ließ man die Bundes genossen wieder vortreten und eröffnete ihnen, man habe sich dafür entschieden, daß die Athener im Unrecht seien, wolle aber auch sämtlichen Bundesgenossen Gelegenheit geben, dar über ebenfalls abzustimmen, um den Krieg gegebenenfalls in allseitigem Einverständnis führen zu können. Nachdem die Sache abgemacht, reisten die Bundesgenossen wieder ab, und darauf, nachdem sie das Geschäft, welches sie hergeführt, er ledigt hatten, auch die athenischen Gesandten. Diese Ent scheidung der Versammlung, wodurch der Friede für gebrochen erklärt wurde, erfolgte im vierzehnten Jahre des dreißig-'' jährigen Friedens, welcher nach dem Euböischen Kriege ge-j ^ schlossen war.
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Den Beschluß, daß der Friede gebrochen und der Krieg unvermeidlich sei, faßten die Lakedämonier aber nicht sowohl ihren Bundesgenossen zu Gefallen, als vielmehr aus Furcht vor dem weiteren Anwachsen der Macht der Athener, die ja schon damals weitaus den größten Teil aller Griechen ihrer Herrschaft unterworfen hatten.
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Daß aber die Athener mit der Zeit^zu solcher Macht ge langt waren, hing so zusammen. Nachdem die Perser, zu Wasser und zu Lande besiegt, aus Europa abgezogen und auch die zu Schiff entkommenen Reste ihres Heeres bei Mykale ver nichtet worden waren, ging Leotychides, der König der Lake dämonier, der bei Mykale den Oberbefehl über die Griechen geführt hatte, mit den Bundesgenoffen aus dem Peloponnes wieder nach Hause. Die Athener aber und die inzwischen vom Könige abgefallenen Bundesgenossen aus Jonien und vom Hellespont hielten aus und belagerten Sestos, wo sich die Perser noch behaupteten. Auch brachten sie, nachdem der Winter darüber hingegangen und die persische Besatzung schließlich abgezogen war, die Stadt in ihre Gewalt. Darauf kehrten sie mit ihren Schiffen vom Hellespont alle in ihre Heimat zurück.
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Die athenische Regierung aber ließ, sobald der Feind das Land geräumt hatte, Weiber und Kinder und was an fahren der Habe noch vorhanden war, aus den Orten, wohin man sie in Sicherheit gebracht hatte, wieder in die Stadt schaffen und traf Anstalt, Stadt und Mauern wieder aufzubauen. Von der Ringmauer nämlich war nur wenig stehen geblieben, und auch die Häuser lagen meist in Trümmern bis auf einige wenige, die den vornehmen Persern selbst als Wohnung ge dient hatten.
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Als die Lakedämonier davon hörten, schickten sie Gesandte nach Athen, um die Sache zu hintertreiben; denn auch sie selbst hätten es lieber gesehen, wenn es in Athen und an anderen Orten keine Mauern gegeben hätte; hauptsächlich aber wurden sie dazu gedrängt durch die Furcht ihrer Bundesgenossen vor der neuerdings entstandenen Seemacht und der im Perserkriege bewiesenen Tatkraft der Athener. Sie ersuchten sie deshalb, ihre Stadt nicht zu befestigen und ihnen auch zur Beseitigung der in anderen Städten außerhalb des Peloponnes vorhandenen Mauern die Hand zu bieten. Ihre eigentliche Absicht aber und ihre Hintergedanken ließen sie dabei nicht durchblicken. Wenn die Perser mal wiederkämen, sagten sie, dürften sie keinen festen Platz finden, auf den sie sich stützen könnten, wie diesmal auf Theben, den Griechen aber werde der Peloponnes als Zufluchts ort und als Stützpunkt für ihre Unternehmungen genügen. Die Athener erwiderten ihnen auf Rat des Themistokles, sie würden dieserhalb selbst eine Gesandtschaft an sie schicken, und -ließen sie damit wieder abziehen. Nun aber riet Themistokles weiter dazu, ihn selbst unverzüglich als Gesandten nach Lake dämon abzufertigen, die übrigen Mitglieder der Gesandtschaft aber nicht gleich mitreisen zu lassen, sondern in Athen zurück zuhalten, bis die Mauer so weit fertig sei, daß man sie im Notfall verteidigen könne. Unterdessen müsse die ganze Stadt Hand anlegen, alles, Männer, Weiber und Kinder, mauern helfen; weder Privathäuser noch öffentliche Gebäude solle man schonen, sendet? einfach alles niederreißen, wenn der Bau dadurch gefördert werden könnte. Nachdem er das in die Wege geleitet und ihnen dann noch angedeutet hatte, daß er das Weitere dort schon selbst besorgen werde, reiste er ab. Nach seiner Ankunft in Lakedämon machte er bei den Herren der Regierung zunächst keinen Besuch, sondern wußte das unter allerlei Vorwänden zu verschieben, und wenn ihn einer von der Regierung darauf anredete, weshalb er sich denn bei ihnen nicht sehen ließe, sagte er, die übrigen Gesandten, die zufällig verhindert gewesen seien, gleich mitzureisen, seien immer noch nicht angekommen, er erwarte sie aber jeden Augenblick und könne nicht begreifen, weshalb sie so lange ausblieben.
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Die Lakedämonier trugen kein Bedenken, Themistokles das alles aufs Wort zu glauben. Als dann aber Reisende aus Athen kamen und aufs bestimmteste versicherten, daß die Mauer gebaut würde und bereits eine ziemliche Höhe erreicht habe, konnten sie im Grunde nicht länger zweifelhaft sein. Themistokles, aber, der auch davon hörte, bat sie, auf bloße Gerüchte nichts zu geben, sondern zunächst selbst mal einige zuverlässige Leute nach Athen zu schicken, um sich die Sache anzusehen und ihnen darüber auf Glauben zu berichten. Das taten sie auch. Themi stokles aber ließ die Athener insgeheim verständigen, sie möchten sie, ohne viel Aufsehen davon zu machen, dort festhalten, bis sie selbst aus Lakedämon zurück sein würden; denn inzwischen waren auch die übrigen Gesandten, Abronichos, Lysikles' Sohn, und Aristeides, Lysimachos' Sohn, mit der Nachricht, daß die Mauer schon hoch genug sei, bei ihm eingetroffen. Er fürchtete nämlich, wenn die Lakedämonier die Wahrheit erführen, würden sie auch sie nicht abreisen lassen; die Athener hielten denn auch seiner Anheimgabe gemäß die Gesandten fest.. Und nun kam Themistokles den Lakedämoniern gegenüber endlich mit der Sprache heraus und erklärte ihnen unverhohlen, die Mauer sei bereits fertig und Athen hinlänglich befestigt, um den Ein wohnern den nötigen Schutz zu gewähren. Für den Fall aber, daß die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen mal wieder Gesandte nach Athen schicken wollten, möchten sie sich merken, daß sie dort Leute finden würden, die man nicht erst darüber zu belehren brauche, was für sie und Griechenland das Beste sei. Auch damals hätten sie den Beschluß, daß es für sie das Beste sei, ihre Stadt aufzugeben und zu Schiff zu gehen, auf . eigene Gefahr ohne fremde Hilfe gefaßt und auch nahcher bei den gemeinsamen Beratungen mit ihnen wieder gezeigt, daß . sie nicht dümmer seien als andere Leute. So seien sie auch jetzt der Meinung, daß es für sie das Beste sei, ihre Stadt zu befestigen, und allen Bundesgenossen damit nicht minder gedient sein würde wie ihren eigenen Bürgern. Wenn es nicht allen Bundesgliedern freistehen solle, gleichmäßig für ihre Sicherheit zu sorgen, sei eine gesunde Bundesverfassung über haupt unmöglich; entweder also müßte man allen Bundes genossen verbieten, ihre Städte zu befestigen, oder den Athenern gestatten, es auch zu tun.
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Äußerlich ließen die Lakedämonier es sich den Athenern gegenüber nicht merken, wie sie diese Erklärung verschnupft hatte. Natürlich war es ja doch auch bei der Gesandtschaft nicht auf einen Einspruch gegen den Bau, sondern nur auf einen wohlgemeinten Rat an eine befreundete Regierung ab gesehen gewesen, wie sie denn damals mit den Athenern wegen ihres im Perserkriege bewiesenen Eifers überhaupt noch auf gutem Fuße standen. Im Grunde aber war es ihnen doch sehr ärgerlich, daß sie ihren Zweck nicht erreicht hatten. Die Gesandten aber ließ man beiderteils unbehelligt wieder ab reisen.
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Auf diese Weise gelang es den Athenern, ihre Stadtmauer in kurzer Zeit wiederherzustellen. Noch jetzt sieht man dem Bau die Eile an, mit der er ausgeführt wurde. Der Unter kau besteht aus Steinen aller Art, wie und wo sie grade zu haben gewesen waren. Zahlreiche Grabsteine und halbfertige Gildwerke wurden mit eingemauert, und da der Umfang der Stadt allenthalben erweitert wurde, schleppte man, was irgend brauchhax war, von allen Seiten zusammen. Auch setzte Themi stokles jetzt durch, daß die Bauten im Peiraieus wieder auf genommen wurden, womit schon im Jahre seines Archontats der Anfang gemacht worden war. Denn nach seiner Ansicht bot der Ort mit seinen drei natürlichen Häfen den Athenern, nachdem sie sich auf die See geworfen, zu weiterer Entwick lung ihrer Macht die beste Gelegenheit. Er zuerst hatte den großen Gedanken gefaßt, ihren Blick auf die See zu lenken, und so hatte er auch den Beginn jener Bauten gleich selbst mit in die Hand genommen. Auf seinen Rat machte man die Mauer um den Peiraieus so dick, wie es jetzt noch zu sehen ist, so daß zwei Wagen, welche Steine herauffuhren und sich darauf begegneten, einander ausweichen konnten. Inwendig war weder Kalk noch Mörtel. Mächtige Steine, an den Schnittflächen winkelrecht behauen, wurden aufeinander ge packt und auf der Außenseite durch eiserne Klammern und Blei verbunden. Fertig freilich wurde sie nur halb so hoch, wie sie nach seiner Absicht werden sollte. Er wollte sie nämlich hoch und dick genug machen, um beim Feinde den Gedanken an einen Angriff auf die Mauer gar nicht aufkommen zu lassen, indem seiner Meinung nach dann schon wenige, ja selbst Invaliden zu ihrer Bewachung genügen, alle übrigen aber auf der Flotte verwendbar sein würden. Denn die Flotte lag ihm immer zuerst am Herzen, und doch wohl deshalb, weil er sich sagte, daß es für ein persisches Heer leichter sein würde, zur See nach Griechenland zu kommen als zu Lande. Darum war auch in seinen Augen der Peiraieus wichtiger als die obere Stadt, und immer wieder empfahl er den Athenern, sich im Fall einer Niederlage zu Lande dahin zurückzuziehen, um von dort auf ihren Schiffen einer Welt in Waffen Trotz zu bieten. So befestigten die Athener gleich nach dem Abzüge der Perser ihre Stadt und richteten sich auch sonst für alle Fälle ein.
- 1.94.1
Nun aber wurde Pausanias, Kleombrotos' Sohn, aus Lakedämon als Oberbefehlshaber der Griechen vom Peloponnes mit zwanzig Schiffen ausgesandt, und auch die Athener mit dreißig Schiffen und viele andere Bundesgenossen schlossen sich dem Zuge an. Es ging zunächst nach Cypern, das man größtenteils unterwarf, und darauf nach Byzanz, das damals noch im Besitz der Perser war und nun noch unter seinem Oberbefehl belagert und erobert wurde.
- 1.95.1
Schon längst aber waren die Griechen über sein herrisches Wesen empört und niemand mehr als die Jonier und alle, die eben erst von der Herrschaft des Königs befreit worden waren. Sie wandten sich deshalb an die Athener und baten sie, als ihre alten Landsleute, den Oberbefehl über sie zu über nehmen und die Übergriffe des Pausanias nicht länger zu dulden. Die Athener ließen sich das nicht zweimal sagen und nahmen gern die Gelegenheit wahr, auf diese Weise das Heft überhaupt in die Hand zu bekommen. Inzwischen wurde Pau sanias von den Lakedämoniern abberufen und mit Rücksicht auf die Dinge, die ihnen zu Ohren gekommen waren, in Unter suchung gezogen. Mehrfach nämlich hatten sich Griechen, die nach Sparta gekommen, über den Mißbrauch seiner Gewalt beklagt, und er war darnach offenbar eher wie ein Tyrann als wie ein Feldherr aufgetreten. Die Abberufung erfolgte grade in dem Augenblick, wo die Bundesgenossen, mit Aus nahme der Mannschaften aus dem Peloponnes, aus Erbitterung über ihn zu den Athenern übergingen. In Lakedämon an gekommen, wurde er auch wegen verschiedener Vergehen, die er sich gegen diesen und jenen hatte zuschulden kommen lassen, verurteilt, in der Hauptsache dagegen freigesprochen. Der Hautvorwurf aber, den man ihm machte, war der, daß er mit den Persern durchgesteckt habe, und nach der allgemeinen Meinung unterlag das auch keinem Zweifel. Auch schickte man ihn als Oberbefehlshaber dann auch nicht wieder hinaus, sondern statt seiner Dorkis und ein paar andere mit nur wenig Mannschaft, welche die Bundesgenossen sich jedoch als Ober befehlshaber nicht mehr gefallen lassen wollten und die dann auch, als sie das merkten, wieder abzogen. Nachher schickten die Lakedämonier niemand mehr hinaus aus Furcht, ihre Leute könnten draußen auf schlechte Wege kommen, wie sie das ja an Pausanias erlebt hatten. Überhaupt beteiligten sie sich von nun an nicht weiter am Kriege gegen die Perser, weil sie annahmen, daß die Athener damit schon fertig werden würden und einstweilen mit ihnen noch auf gutem Fuße ständen.
- 1.96.1
Nachdem die Athener den ihnen von den Bundesgenossen aus Haß gegen Pausanias angetragenen Oberbefehl übernommen hatten, bestimmten sie, welche Orte zum Kriege gegen die Perser Geld tseuern und welche Schiffe stellen sollten, um, wie es hieß, die ausgestandenen Leiden durch Verheerung der Länder des Königs zu vergelten. Damals wurde auch das Bundes schatzmeisteramt von den Athenern zuerst eingerichtet, welches den Phoros, so nannte man die Steuer, zu erheben hatte. Als diese zum erstenmal umgelegt wurde, betrug sie vierhundert sechzig Talente. Schatzkammer war Delos, und in dem Tempel dort fanden auch die Versammlungen statt.
- 1.97.1
Ich erwähne nun zunächst, was die Athener in der Zeit dieser ihrer Hegemonie über die anfangs noch unabhängigen und auf den Versammlungen stimmberechtigten Bundesgenossen zwischen diesem und dem Perserkriege durch ihre Politik und durch Kriege gegen Perser, unbotmäßige Bundesgenossen und die überall mit dazwischentseckenden Peloponnesier zuwege ge bracht haben. Ich habe das hier mit aufgenommen und mir diese Abschweifung gestattet, weil sich über diesen Zeitraum bei allen meinen Vorgängern nichts findet, da sie entweder nur die griechische Geschichte vor den Perserkriegen oder die Perser kriege selbst behandelt haben. Auch Hellanikos, der in seinem Werke über Attika diese Dinge allerdings berührt, geht nur kurz darüber hinweg und ist in den Zeitangaben ungenau. Zugleich gewährt es einen Überblick über die Entstehung der athenischen Macht.
- 1.98.1
Zuerst belagerten und eroberten sie unter Kimon, dem Sohne des Miltiades, das noch von den Persern besetzte E'ion am Strymon und verkauften die Einwohner als Sklaven. Darauf eroberten sie die von Dolopern bewohnte Insel Skyros im Agäischen Meere, verkauften auch hier die Einwohner und besetzten sie mit eigenen Kolonisten. Dann führten sie einen Krieg gegen die Karystier auf Euboia, an dem sich jedoch die übrigen Euboier nicht beteiligten, und nötigten sie schließ lich auch, sich auf gewisse Bedingungen zu ergeben. Hierauf folgte ein Krieg gegen Naxos, welches von ihnen abgefallen war, das sie belagerten und zur Unterwerfung zwangen, der erste Fall, wo einem ihrer Bundesstaaten gegen das bis herige Bundesrecht seine Selbständigkeit entzogen wurde. Später sind andere dann freilich auch an die Reihe ge kommen.
- 1.99.1
Den Anlaß zu solchen Abfällen gaben hauptsächlich Rück stände bei Entrichtung der Steuern und der Stellung von Schiffen, auch etwa vorkommende Verweigerungen des Kriegs dienstes; denn die Athener trieben die Abgaben streng ein und ließen mit Zwangsmaßregeln nicht lange auf sich warten; da- durch aber wurden sie den Bundesgenossen, die solche Plackereien nicht gewohnt waren und verwünschten, in hohem Grade un bequem. Überhaupt war der Oberbefehl der Athener nicht mehr so beliebt wie zuerst; sie behandelten die Bundesgenossen im Felde wie Untertanen, und wenn ja einer von ihnen ab fiel, so unterwarfen sie ihn mit Leichtigkeit wieder. Daran aber waren die Bundesgenossen selbst schuld. Denn aus Ab neigung gegen den Kriegsdienst hatten sich die meisten, um nur nicht mit zu müssen, zur Steuer einschätzen lassen und zahlten, statt selbst Schiffe zu stellen, lieber den dafür auf sie entfallenden Betrag. Durch das Geld aber, das sie den Athenern zahlten, setzten sie diese in den Stand, ihre Flotte zu vergrößern, während sie selbst, wenn sie abfielen, völlig wehrlos und im Kriege unerfahren waren.
- 1.100.1
Dann aber kam es zwischen den Persern und den Athenern und ihren Bundesgenossen zu jener Land- und Seeschlacht am Flusse Eurymedon in Pamphylien, wo die Athener unter Kimon, Miltiades' Sohn, einen Doppelsieg erfochten und den Phöniziern im ganzen an die zweihundert Trieren wegnahmen und zer störten. Bald nachher fielen die Thasier von ihnen ab, die wegen der Handelsplätze gegenüber in Thrakien und der dort von ihnen betriebenen Bergwerke mit den Athenern in Streit geraten waren. Die Athener schickten eine Flotte nach Thasos) gewannen eine Schlacht und landeten auf der Insel. Um die selbe Zeit schickten sie zehntausend Kolonisten, teils aus Athen selbst, teils aus den anderen Bundesstaaten, nach dem Strymon, um sich bei den Neun-Wegen, wie es damals hieß, dem jetzigen Amphipolis, anzusiedeln. Diese bemächtigten sich auch der im Besitz der Edoner befindlichen Neun-Wege, wurden dann aber bei weiterem Vordringen ins Innere bei Drabeskos im Lande der Edoner von den Thrakern, die in der Gründung der Kolonie eine Feindseligkeit sahen, gänzlich aufgerieben.
- 1.101.1
Die Thasier aber, mehrfach besiegt und dann auch be lagert, riefen die Lakedämonier um Hilfe an und baten sie, ihnen durch einen Einfall nach Attika Luft zu machen. Die versprachen ihnen das auch hinter dem Rücken der Athener und machten bereits Anstalt dazu, als sie durch den Eintritt des Erdbebens daran verhindert wurden, bei dem auch die Heloten und die Periöken in Thuria und Aithaia sich empörten und Ithome besetzten. Die Heloten waren meist Nachkommen der seinerzeit unterjochten alten Messenier und wurden deshalb alle Messenier genannt. So wurden die Lakedämonier in einen Krieg mit den Messeniern in Ithome verwickelt, und die Thasier ergaben sich im dritten Jahre der Belagerung den Athenern. Sie mußten ihre Mauern schleifen, die Schiffe ausliefern, sofort eine ihnen auferlegte Summe Geld entrichten und von nun an Steuern zahlen, auch allen Ansprüchen auf das Fest land und die Bergwerke entsagen.
- 1.102.1
Als sich der Krieg gegen Jthome in die Länge zog, riefen die Lakedämonier Bundesgenossen zu Hilfe, namentlich auch die Athener, die dann auch mit einem ansehnlichen Heere unter Kimons Befehl erschienen. Sie hatten sie hauptsächlich gerufen, weil sie im Festungskriege für besonders erfahren galten. Da aber die Belagerung so lange dauerte, schien es ihnen damit nicht allzuviel auf sich zu haben; sonst hätten sie das Nest doch bezwingen müssen. Erst seit diesem Feldzuge trat die Verstimmung zwischen den Athenern und den Lakedämoniern auch äußerlich zutage. Da man den Platz nicht nehmen konnte, fürchteten die Lakedämonier bei der kecken und sprunghaften Politik der Athener, zumal sie nicht mit ihres Stammes waren, sie könnten sich bei längerem Bleiben zur Veränderung wohl gar mit den Messeniern in Jthome einlassen, und schickten sie, und zwar sie allein unter allen Bundesgenossen, wieder nach Hause. Ihren Verdacht ließen sie dabei nicht durchblicken, sondern erklärten einfach, daß sie ihrer Hilfe nicht weiter be dürften. Die Athener aber, weit entfernt zu glauben, daß es damit so böse nicht gemeint gewesen sei, merkten recht gut, daß sie nur deshalb weggeschickt wurden, weil man ihnen nicht traute, waren darüber empört und nicht gewillt, sich eine solche Behandlung von den Lakedämoniern gefallen zu lassen. Auch sagten sie sich gleich nach der Rückkunft von dem noch seit den Perserkriegen bestehenden Bündnis mit den Lakedämoniern los und schlossen mit deren Feinden, den Argeiern, ein Bündnis, dem dann als Dritte auch die Thessaler beitraten.
- 1.103.1
Als sich die Messenier in Jthome im zehnten Jahre der Belagerung nicht länger halten konnten, trafen sie ein Ab kommen mit den Lakedämoniern, wonah csie freien Abzug aus dem Peloponnes haben, ihn aber nie wieder betreten sollten und jedermann das Recht haben sollte, wenn einer von ihnen sich dort betreffen ließe, ihn festzunehmen und als Sklaven zu behalten. Schon früher nämlich hatten die Lakedämonier ein pythisches Orakel erhalten, den Schutzflehenden des Zeus von Jthome sollten sie ziehen lassen. So zogen denn die Messenier mit Weib und Kind von bannen, die Athener aber nahmen sie auf, schon aus Haß gegen die Lakedämonier, und wiesen ihnen Naupaktos als Wohnsitz an, das sie kurz vorher den opuntischen Lokrern abgenommen hatten. Auch Megara fiel infolge eines Grenzkriegs, in den es mit Korinth verwickelt worden war, von den Lakedämoniern ab und trat dem Athenischen Bunde bei. Die Athener besetzten Megara und Pegai und bauten den Megarern die langen Mauern von der Stadt nach Nisaia und besetzten sie mit attischem Kriegsvolk. Von der Zeit aber rührt eigentlich erst der erbitterte Haß der Korinther gegen die Athener.
- 1.104.1
Jnaros, PsammitichoS' Sohn, König der Libyer an der ägyptischen Grenze, hatte von der Pharos gegenüberliegenden Stadt Mareia aus in Ägypten einen Aufstand gegen König Artaxerxes erregt, der sich über den größten Teil des Landes verbreitete, und, nachdem er sich selbst dort zum Herrscher auf geworfen, die Athener zu Hilfe gerufen. Diese, die damals mit ihren Bundesgenossen und zweihundert Schiffen einen Zug nach Cypern unternommen hatten, gaben Cypern auf und wandten sich nach Ägypten. Sie fuhren von der See den Nil hinauf, machten sich zu Herren des Stromes und von zwei Dritteln von Memphis und richteten nun ihren Angriff gegen das letzte Drittel, die sogenannte weiße Mauer, wohin sich die flüchtigen Perser und Meder und die dem König treugebliebenen Ägypter zurückgezogen hatten.
- 1.105.1
Bei einer Landung der Athener im Gebiet der Halier hatten sie ein Gefecht mit Korinthern und Epidauriern, in dem die Korinther siegten; hinterher aber erfochten die Athener in einer Seeschlacht bei Kekryphaleia einen Sieg über die pelo ponnesische Flotte. Dann brach der Krieg zwischen den Athenern und den Ägineten aus, und es kam zwischen ihnen und ihren beiderseitigen Bundesgenossen bei Agina zu einer großen See schlacht, in der die Athener siegten und den Ägineten siebzig Schiffe abnahmen. Darauf landeten sie auf Ägina und be- lagerten unter Leokrates, Stroibos' Sohn, die Stadt. Die Peloponnesier aber warfen zur Unterstützung der Agineten dreihundert Hopliten, die vorher bei den Korinthern und Epi dauriern gedient hatten, auf die Insel. Auch besetzten sie den Kamm der Geraneia, von wo die Korinther und ihre Ver bündeten nach Megaris einfielen. Sie glaubten nämlich, da die Athener schon so viel Truppen auf Ägina und in Ägypten hatten, würden sie nicht imstande sein, Megara zu Hilfe zu kommen, oder wenn sie es trotzdem wollten, von Agina ab ziehen müssen. Die Athener ließen jedoch ihre Truppen vor Hgina ruhig stehen, bildeten aus den zu Hause gebliebenen k ältesten und jüngsten Jahrgängen ein neues Heer und schickten es unter Myronides' Befehl nach Megara. Nach einer un entshciedenen Schlacht mit den Korinthern gingen beide in ihre Stellungen zurück, und beide schrieben sich den Sieg zu. Hinterher aber zogen die Korinther ab, und die Athener, die im Grunde doch auch die Sieger gewesen waren, errichteten ein Siegeszeichen. Als die Korinther dann aber zu Hause von ihren alten Leuten deshalb verhöhnt wurden, nahmen sie etwa vierzehn Tage später die Waffen nochmals zur Hand und er schienen von neuem auf der Walstatt, um dort auch ihrerseits ein Siegeszeichen zu errichten, als wenn sie die Schlacht ge wonnen hätten. Die Athener aber machten aus Megara einen Ausfall, hieben die Leute nieder, welche das Siegeszeichen errichten wollten, und lieferten den übrigen ein siegreiches Gefecht.
- 1.106.1
Besiegt, wie sie waren, traten die Korinther den Rück zug an. Dabei geriet eine unter dem Nachdrängen des Feindes vom Wege abgekommene größere Abteilung auf einen Bauer hof, der mit einem breiten Graben umgeben war und auf der anderen Seite keinen Ausgang hatte. Als die Athener das gewahr wurden, stellten sie am Eingange schweres Fußvolk, rings herum aber ihre Leichten auf und töteten alle, die darin waren, durch Steinwürfe. Für die Korinther ein schmerzlicher Verlust; doch gelangte der größte Teil ihres Heeres wieder nach Hause.
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Um diese Zeit begannen die Athener den Bau der langen Mauern bis an die See, sowohl der nach Phaleros als der nach dem Peiraieus. Die Phokier sielen nach Doris ein, die alte Heimat der Lakedämonier, Boion, Kytinion und ErineoS, und bemächtigten sich auch einer dieser Städte. Die Lake dämonier aber unter Nikomedes, Kleombrotos' Sohn, der für den unmündigen König Pleistoanax, den Sohn des Pausanias, regierte, kamen den Doriern mit fünfzehnhundert ihrer eigenen Hopliten und zehntausend Bundesgenossen zu Hilfe. Nachdem sie die Phokier zum Vergleich und zur Herausgabe der Stadt gezwungen, wollten sie den Rückweg antreten. Auf dem See wege, über den Golf von Krisa, würden die dort mit ihren Schiffen kreuzenden Athener ihnen wahrscheinlich Hindernisse bereitet haben. Auch den Weg durch die Geraneia hielten sie für unsicher, da die Athener noch in Megara und Pegai standen. Die Wege in der Geraneia waren schlecht und be ständig von den Athenern besetzt, die, wie man soeben noch gehört hatte, in der Tat beabsichtigten, sie dort nicht durchzu lassen. Sie beschlossen also, einstweilen in Böotien zu bleiben und abzuwarten, wie sie am besten wieder nach Hause kämen. Indessen waren sie dazu unter der Hand wohl auch von einigen Athenern veranlaßt, welche mit ihrer Hilfe die Demokratie stürzen und den Bau der langen Mauern verhindern zu können hofften. Gegen sie zogen nun die Athener ins Feld, sie selbst Mann für Mann und mit ihnen tausend Argeier und die Kontingente der übrigen Bundesgenossen, alles in allem vierzehntausend Mann. Die Athener aber unternahmen diesen Zug teils, weil sie glaubten, die Lakedämonier würden keines- falls durchkommen können, teils aber auch wohl aus dem Grunde, weil sie in ihnen eine Gefahr für die Demokratie witterten. Der Bundespflicht gemäß hatten sich auch thessalische Reiter bei ihnen eingefunden, die jedoch in der Schlacht zu den Lakedämoniern übergingen.
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Als es dann bei Tanagra zur Schlacht kam, siegten die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen; aber beide Teile hatten große Verluste. Hierauf zogen die Lakedämonier nach Megara .ab, wo sie die Felder verwüsteten, und von da über die Gera neia und die Landenge wieder nach Hause. Zweiundsechzig Tage nach der Schlacht sielen die Athener unter Myronides in Böotien ein, schlugen die Böotier bei Oinophyta und unter warfen ganz Böotien und Phokis. Sie schleiften die Mauern von Tanagra, ließen sich von den opuntischen Lokrern die hundert reichsten Bürger zu Geiseln geben und brachten nun endlich ihre langen Mauern zustande. Bald nachher ergaben sich auch die Agineten den Athenern, sie mußten ihre Mauern niederreißen, die Schiffe ausliefern und von nun an Steuern zahlen. Die Athener fuhren auch unter Tolmides, TolmaioS' Sohn, mit ihren Schiffen um den Peloponnes, steckten die Schiffswerft der Lakedämonier in Brand und eroberten die korinthische Stadt Chalkis, worauf sie im Gebiete der Sikyoner landeten und ihnen ein glückliches Gefecht lieferten.
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In Ägypten aber hielten die Athener und ihre Verbün deten immer noch aus und kämpften dort mit wechselndem Kriegsglück. Anfangs war ihnen das ganze Land in die Hände gefallen. Darauf schickte der König den Perser Megabazos mit einem Sack voll Geld nach Lakedämon, um die Peloponnesier zu einem Einfall nach Attika zu vermögen und die Athener dadurch zum Abzüge aus Ägypten zu nötigen. Da es Mega bazos damit jedoch nicht glückte und er sein Geld umsonst ausgab, reiste er mit dem Reste wieder ab nach Affen. Hierauf schickte der König den Perser Megabyzos, Zopyros' Sohn, mit einem großen Heere nach Ägypten. Der kam zu Lande, schlug die Ägypter und ihre Bundesgenossen, vertrieb die Griechen aus Memphis und schloß sie endlich auf der Insel Prosopitis ein. Hier belagerte er sie anderthalb Jahre, bis es ihm endlich gelang, den Kanal durch Ableitung des Wassers trocken zu legen, die Schiffe auf den Sand zu setzen und die Insel größten teils landfest zu machen, worauf er dann mit seinem Heere hinüberging und sie eroberte.
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So nahm es hier nach sechs Kriegsjahren mit den Griechen ein klägliches Ende. Von dem ganzen Heere retteten sich nur einige wenige durch Libyen nach Kyrene, während die meisten elend umkamen. Damit geriet ganz Ägypten bis auf das Ge biet des Königs Amyrtaios in den sumpfigen Deltaniederungen wieder unter persische Herrschaft. Dem aber konnte man in seinen weiten Sümpfen nichts anhaben, und außerdem sind die Bewohner jener Niederungen auch die besten Soldaten in Ägypten. Jnaros aber, der Urheber des ganzen AufstandeS, fiel durch Verrat den Persern in die Hände und wurde ge kreuzigt. Fünfzig Trieren, welche aus Athen und dem übrigen Bundesgebiete als Ablösung nach Ägypten geschickt und, ohne von diesen Ereignissen zu wissen, in den mendesischen Nilarm eingelaufen waren, wurden hier gleichzeitig vom Lande aus und von der phönizischen Flotte von der See her angegriffen und größtenteils vernichtet. Nur wenigen gelang es, zu ent kommen. So endete der große ägyptische Feldzug der Athener und ihrer Bundesgenossen.
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Orestes, der aus Thessalien vertriebene Sohn des thessa lischen Fürsten Echekratides, bewog die Athener, ihn zurück zuführen, und diese zogen in Gemeinschaft mit den damals mit ihnen verbündeten Böotiern und Phokiern gegen Pharsalos in Thessalien zu Felde. Sie brachten das platte Land in ihre Gewalt, soweit sie sich dabei nicht allzuweit von ihrem Lager zu entfernen brauchten, da sie beständig von thessalischer Reiterei umschwärmt wurden, konnten aber die Stadt nicht nehmen. Überhaupt kamen sie mit ihrem Feldzuge nicht zum Zweck und mußten unverrichteter Sache mit Orestes wieder abziehen. Nicht lange nahcher gingen tausend Athener aus dem damals in ihrem Besitz befindlichen Pegai in See und fuhren unter Perikles, dem Sohne des Xanthippos, nach Sikyon, wo sie landeten und die Sikyoner, die sich ihnen entgegentsellten, be isegten. Gleich darauf fuhren sie, durch Achäer verstärkt, nach Oiniadai in Akarnanien hinüber, rückten vor die Stadt und belagerten sie. Indessen gelang es ihnen nicht, sie zu nehmen, und so kehrten sie wieder nach Hause zurück.
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Drei Jahre nachher wurde zwischen den Peloponnesiern und den Athenern ein Waffenstillstand auf fünf Jahre ge schlossen. Infolgedessen gaben die Athener den Krieg in Griechen land auf und unternahmen nun mit zweihundert Schiffen, teils eigenen, teils solchen ihrer Bundesgenossen, unter Kimon einen Zug nach Cypern. Fünfzig davon wurden jedoch auf Ansuchen deS Königs Amyrtaios in den Deltasümpfen nach Ägypten entsandt; die übrigen belagerten Kition. Als Kimon starb und ihnen die Lebensmittel ausgingen, zogen sie von Kition ab und fuhren auf die Höhe von Salamis auf Cypern, wo es zur See mit der phönizisch-kilikischen Flotte und gleich zeitig zu Lande zur Schlacht kam; hier wie dort siegten die Athener und kehrten darauf nach Hause zurück und die auS Ägypten zurückgekommenen Schiffe mit ihnen. Darauf zogen die Lakedämonier in den sogenannten heiligen Krieg, bemäch tigten sich des delphischen Heiligtums und übergaben es den Delphiern. Nach ihrem Abzüge aber erschienen die Athener dort mit einem Heere, brachten das Heiligtum in ihre Gewalt und gaben es den Phokiern zurück.
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Da sich inzwischen Scharen böotischer Flüchtlinge in Orchomenos, Chäronäa und anderen böotischen Orten festgesetzt hatten, unternahmen die Athener nach einiger Zeit mit tausend Hopliten und den Kontingenten ihrer Bundesgenossen unter Tolmides, Tolmaios' Sohn, einen Feldzug gegen diese nun mehr in Feindeshand befindlichen Orte. Nachdem sie Chäronäa erobert und eine Besatzung hineingelegt hatten, zogen sie wieder ab. Auf dem Rückwege aber wurden sie von den böotischen Flüchtlingen aus Orchomenos, denen sich Lokrer, euböische Flüchtlinge und andere Gesinnungsgenossen angeschlossen hatten, bei Koronaia angegriffen und in offener Schlacht besiegt und dabei gutenteils niedergemacht oder gefangengenommen. In folgedessen räumten die Athener ganz Böotien, nachdem sie sich die Herausgabe der Gefangenen ausbedungen hatten. Die böotischen Flüchtlinge aber und die übrigen kehrten in ihre Heimat zurück, und alle wurden wieder unabhängig.
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Nicht lange nachher fiel Euboia von den Athenern ab. Schon war Perikles mit einem athenischen Heere nach Euboia hinübergegangen, als er die Nachricht erhielt, daß Megara ab gefallen wäre und die Peloponnesier einen Einfall nach Attika beabsichtigten, auch die athenische Besatzung, soweit sie nicht nach Nisaia entkommen, von den Megarern niedergemacht worden sei. Die Megarer hatten sich nämlich mit Korinth, Sikyon und Epidauros im Bunde von Athen losgesagt. In folgedessen führte Perikles sein Heer schleunigst wieder aus Euboia zurück. Hierauf fielen die Peloponnesier unter dem lakedämonischen Könige Pleistoanax, dem Sohne des Pausanias, nach Attika ein, kamen bis Eleusis und Thria und verheerten das Land, zogen dann aber wieder ab, ohne weiter vorzudringen. Nun gingen die Athener unter Perikles von neuem nach Euboia hinüber, unterwarfen die ganze Insel und ordneten die dortigen Verhältnisse durch Verträge mit den Einwohnern in ihrem Sinne. Nur die Hestiaier vertrieben sie aus ihrem Lande und nahmen es selbst in Besitz.
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Nicht lange nach ihrem Abzüge aus Euboia schlossen sie mit den Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen einen dreißig- jährigen Frieden, wobei sie die in ihren Händen befindlichen peloponnesischen Plätze, Nisaia, Pegai, Troizen und Achaia, wieder Herausgaben. Sechs Jahre nahcher kam es zwischen Samos und Milet Prienes wegen zum Kriege. Als die Mileter darin den kürzeren zogen, wandten sie sich nach Athen und beklagten sich dort über die bösen Samier. Doch auch in Samos selbst hielten es einzelne, welche eine Verfassungs änderung erstrebten, mit Milet. Die Athener fuhren also mit vierzig Schiffen nach Samos, setzten dort eine demokratische Regierung ein und ließen sich von den Samiern Geiseln geben, fünfzig Knaben und eine gleiche Anzahl Männer, die sie nach Lemnos brachten. Auf Samos aber ließen sie eine Besatzung zurück und fuhren dann wieder ab. Indessen hatten einige Samier die Ankunft der Athener nicht abgewartet, sondern sich nach dem Festlande davongemacht und in Sardes mit ver schiedenen einflußreichen Persönlichkeiten und dem damaligen Statthalter Pissuthnes, Hystaspes' Sohn, einen Handstreich gegen Samos verabredet. Sie brachten auch siebenhundert Mann zusammen, setzten damit bei Nacht nach der Insel über und suchten sich zunächst der Häupter der demokratischen Re gierung zu bemächtigen, die ihnen auch größtenteils in die Hände fielen. Nachdem sie ihre Geiseln heimlich aus Lemnos entführt hatten, erklärten sie sich für unabhängig und lieferten die dortige athenische Besatzung und die in ihre Gewalt ge ratenen Beamten an Pissuthnes aus. Darauf rüsteten sie sich sogleich zu einem Zuge gegen Milet. Zugleich mit ihnen hatte sich auch Byzanz für unabhängig erklärt.
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Als die Athener davon hörten, fuhren sie mit sechzig Schiffen nach Samos, von denen freilich sechzehn abgingen, weil sie teils nach Karien zur Beobachtung der phönizischen Flotte entsandt wurden, teils nach Chios und Lesbos, um dort die Bundesgenossen aufzubieten. Mit den übrigen vierund vierzig, welche Perikles selbzehnter befehligte, kam es bei der Insel Tragia zur Schlacht gegen siebzig samische Schiffe, unter denen sich zwanzig Transportschiffe befanden - da die ganze Flotte grade von Milet kam -, in welcher die Athener siegten. Nachdem sie dann noch durch vierzig Schiffe aus Athen und fünfundzwanzig aus Chios und Lesbos verstärkt worden waren, landeten sie auf Samos, erfochten auch zu Lande einen Sieg und schlossen die Stadt durch drei Mauern und zugleich von der See mit der Flotte ein. Perikles aber war auf die Meldung, daß eine phönizische Flotte im Anzüge sei, unver züglich mit sechzig Schiffen des Blokadegeschwaders nach Kauuos und den karischen Gewässern aufgebrochen. Gleich zeitig aber hatten sich auch Stesagoras und einige andere mit fünf Schiffen heimlich aus Samos aufgemacht, um der phö nizischen Flotte entgegenzufahren.
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Unterdessen machten die Samier mit ihrer Flotte plötz lich einen Ausfall; sie übersielen das ungeschützte Schiffslager, bohrten die Wachtschiffe in den Grund und schlugen die gegen sie vorgeführten Schiffe in die Flucht. Dadurch wurden sie auf etwa vierzehn Tage Herren ihrer heimischen Gewässer und konnten ein- und ausführen, was sie wollten. Als aber Perikles zurückkam, wurden sie durch die Flotte von neuem eingeschlossen. Auch erhielten die Athener später noch weitere Verstärkungen, aus Athen vierzig Schiffe unter Thukydides, Hagnon und Phormion und zwanzig unter Tlepolemos und Antikles und außerdem aus Chios und Lesbos noch dreißig. Die Samier ließen sich zwar nochmal auf ein kleines See gefecht ein, konnten sich dann aber nicht länger halten und ergaben sich im neunten Monat der Belagerung. Sie mußten sich dazu verstehen, ihre Mauern niederzureißen, Geiseln zu geben und die Schiffe auszuliefern, auch die Kriegskosten zu übernehmen und in bestimmten Terminen zu bezahlen. Auch die Byzanzer verstanden sich dazu, wie bisher im athenischen Untertanenverbande zu bleiben.
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Schon wenige Jahre nachher kam eS zu den vorhin er- wähnten Ereignissen von Kerkyra und Potidäa und dem, was sonst Veranlassung zu diesem Kriege wurde. Alle diese Kämpfe der Griechen unter sich und gegen die Perser fallen in die etwa fünfzig Jahre vom Rückzüge des Xerxes bis zum Beginn dieses Krieges. Im Laufe dieser Jahre hatte Athen nicht nur seine, äußere Herrschaft befestigt, sondern sich auch im Innern mächtig entwickelt. Den Lakedämoniern war das nicht ent gangen ; sie hatten aber den Athenern niemals oder doch höchstens nur vorübergehend etwas in den Weg gelegt, sondern sich .dabei beruhigt, einmal weil sie sich ohne Not überhaupt nicht leicht auf einen Krieg einließen, dann aber auch, weil sie durch Kriege im eigenen Lande in Anspruch genommen waren. Als dann aber das gewaltige Athen offen gegen sie in die Schranken trat und seine Hand selbst nach ihren Bundesgenossen ausstreckte, wurde es ihnen schließlich zu viel, und sie beschlossen, nunmehr Ernst zu machen und den mächtigen Gegner womöglich mit Waffengewalt zu demütigen. Sie selbst hatten sich zwar schon dahin entschieden, daß der Friede gebrochen und Athen der Schuldige sei, schickten dann aber doch noch Gesandte nach Delphi, um den Gott zu befragen, ob es rätlich für sie sei, den Krieg anzufangen, und wie es heißt, gab der ihnen zur Antwort, wenn sie ihn nachdrücklich führten, würden sie siegen, er selbst aber, gerufen oder ungerufen, auf ihrer Seite sein.
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Nun entboten sie ihre Bundesgenossen abermals zu sich, um sie darüber abstimmen zu lassen, ob der Krieg erklärt werden solle. Nachdem die Bundesgesandten eingetroffen, fand eine Versammlung statt, in der jeder seine Meinung sagte und die meisten sich in Klagen über die Athener ergingen und für den Krieg waren. Die Korinther, welche sich auch eingefunden und aus Furcht, Potidäa könne inzwischen fallen, die einzelnen Staaten schon vorher unter der Hand bearbeitet hatten, für den Krieg zu stimmen, traten auch diesmal wieder zuletzt auf und hielten folgende Rede:
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„Jetzt, geehrte Bundesgenossen, können wir die Lake dämonier wenigstens nicht mehr der Unlust zum Kriege zeihen, da sie ihn selbst beschlossen und auch unS zu dem Zweck hierher entboten haben. Es gehört sich auch für die Vormacht des Bundes, nicht nur ihre eigenen Interessen, sondern grade auch die der Gesamtheit wahrzunehmen, wie sie ja auch in anderen Dingen ihre Ehrenvorzüge genießt. Uns alle, die wir mit den Athenern schon zu tun gehabt haben, braucht man nicht erst zu belehren, wie man sich vor ihnen in. acht nehmen muß; alle die aber, welche weitab von der See im Binnenlande wohnen, mögen bedenken, daß ihnen die Ausfuhr ihrer Erzeugnisse und die auch dem Oberlande unentbehrliche Einfuhr von der See erheblich erschwert werden wird, wenn, sie den Seestädten jetzt nicht beistehen. Nichts wäre verkehrter, als zu glauben, die Sache ginge sie nichts an. Sie dürfen nicht daran zweifeln, daß auch sie über kurz oder lang an die Reihe kommen, wenn sie die Seestädte im Stich lassen, und daß eS sich hier auch jetzt schon um ihre Angelegenheiten han delt. Also, nichts mehr von Frieden, sondern mutig alle in den Krieg! Gewiß tut jeder wohl, Frieden zu halten, so lange man ihn in Ruhe läßt; aber nur der Feige will Frieden um jeden Preis und schreckt vor dem Kriege auch dann noch zurück, wenn man in seine Rechte eingreift. Auch der Tapfere bietet die Hand zum Frieden, wenn ihm sein Recht wird, er überhebt sich auch in einem glücklichen Kriege nicht, läßt sich aber um des lieben Friedens willen kein Unrecht gefallen. Denn wer den Krieg meidet, um nicht in seiner Ruhe gestört zu werden, wird sich der Ruhe, die er sich davon verspricht, nicht lange erfreuen; und wer in einem glücklichen Kriege zu hoch hinaus will, bedenkt nicht, wie leicht er sich dabei ver rechnen kann. Zwar ist mitunter wohl auch mal ein schlechter Plan geglückt, weil der Gegner seine Sache noch schlechter machte; weit öfter aber sind auch anscheinend wohlberechnete Unternehmungen trotzdem elend abgelaufen. Denn nicht alles, was man sich vornimmt und zutraut, führt man auch gleich aus. Zu Hause, in Sicherheit, ist jeder ein Held; draußen in der Gefahr aber gibt mancher klein bei.
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„Jetzt fangen wir Krieg an, weit man uns gekränkt und gerechten Anlaß dazu gegeben hat; haben wir uns der Athener erst erwehrt, so werden wir zur rechten Zeit schon wieder Frieden machen. Allen Umständen nach werden wir siegen; wir verstehen den Krieg besser als sie, sind ihnen an Zahl überlegen und alle ohne Unterschied bereit, den aus gegebenen Befehlen willig zu gehorchen. Eine Flotte, worin sie uns überlegen sind, werden wir uns schon beschaffen, teils aus Mitteln der einzelnen Bundesstaaten, teils mit Hilfe der Tempelschätze von Delphi und Olympia; und wenn wir eine Anleihe aufnehmen, werden wir ihnen ihr geworbenes Schiffs volk durch höhere Löhnung abwendig machen können. Denn bei den Athenern dienen mehr geworbene Fremde als Landes kinder. Wir sind in dieser Hinsicht besser gestellt als sie; denn unsere Macht beruht mehr auf unserem Menschenmaterial als auf Geld. Wahrscheinlich werden sie sich schon nach Verlust der ersten Seeschlacht geben; sollten sie dennoch länger aushalten, so werden wir uns mit der Zeit im Seedienst immer mehr vervollkommnen und, sind wir darin erst so geschickt wie sie, ihnen durch unseren Mut überlegen sein. Denn der Mut ist uns angeboren und lernt sich nicht, ihren Vorsprung an Ge- schicklichkeit aber können wir ihnen durch fleißige Übung ab gewinnen. Das nötige Geld werden wir schon aufbringen. Weigern sich doch ihre Bundesgenossen nicht, ihre Steuern zu zahlen, obwohl sie nur dazu dienen, sie vollends zu knechten. Da wäre es doch eine Schande wert, wollten wir nicht den Beutel ziehen, um uns unserer Haut zu wehren und unsere Feinde zu züchtigen, statt uns unser Geld von den Athenern nehmen und uns mit dessen Hilfe von ihnen an die Wand drücken zu lassen.
- 1.122.1
„ES bieten sich uns aber auch noch andere Wege, den Krieg zu führen. Wir können ihnen ihre Bundesgenossen ab s wendig machen und sie dadurch ihrer Einkünfte, der Haupt stütze ihrer Macht, berauben, können Trutzwerke gegen ihr Land anlegen und manches andere, was sich im einzelnen im voraus nicht übersehen läßt. Denn ein Krieg verläuft nicht nach einem ihm vorgeshcriebenen Schema, sondern hat seinen eigenen Kopf und gestaltet sich, wie es die Umstände mit sich bringen, und wer die kaltblütig zu benutzen weiß, geht sicher, so gewiß man stolpert, wenn man unbesonnen und hastig zuführt. Ja, wenn es sich für uns um einen bloßen Grenzkrieg dieses oder jenes Bundesstaats mit einem gleich mächtigen Gegner han delte, so wäre das zu tragen; die Athener aber sind uns allen zusammen gewachsen, jedenfalls weit mächtiger als jeder ein zelne von uns. Wenn wir also nicht allesamt, Volk für Volk und Stadt für Stadt, einmütig den Kampf gegen sie auf nehmen, so werden sie uns einzeln ohne sonderliche Mühe über wältigen. Eine Niederlage aber, darüber dürfen wir uns nicht täuschen, würde für uns, so schrecklich es klingt, denn doch nichts anderes als Knechtschaft zur unmittelbaren Folge haben. Von einer solchen Möglichkeit aber auch nur zu reden, wäre eine Schmach für den Peloponnes, eine Schmach, es auch «ur für möglich zu halten, daß so viel Städte sich von einer Stadt mißhandeln lassen sollten. Man müßte dann glauben, daß wir es eben nicht besser verdient hätten, oder daß wir zu feige wären, uns zu wehren. Mit Fingern würde man auf uns weisen als die schwächlichen Söhne unserer Väter. Die haben Griechenland befreit, und wir sind nicht Manns genug, auch nur mal unsere eigene Freiheit zu behaupten, und während wir die Tyrannis in den einzelnen Städten grundsätzlich nicht dulden, lassen wir die eine Stadt sich in Griechenland zum Herrn aufwerfen. Leider sind dabei drei schwere Fehler mit im Spiel gewesen: Unverstand, Schwäche und Gleichgültigkeit. Denn dadurch seid ihr in jenen verderblichen Hochmut, mit anderen Worten grade jenen Kleinmut verfallen, an dem schon so mancher zugrunde gegangen ist.
- 1.123.1
„Doch wozu noch länger über alte Sünden miteinander ins Gericht gehen, soweit das augenblicklich keinen Zweck mehr hat? Jetzt gilt es, keine Anstrengung zu scheuen, wenn wieder bessere Zeiten kommen sollen. Von alters her heißt er ja bei euch, daß Mühe die Mutter der Tugend sei. Dabei laßt eS auch ferner bleiben, auch wenn ihr jetzt etwas reicher seid und euch schon mehr erlauben könnt als eure Väter. Es wäre ein Jammer, solltet ihr das, was in Armut erworben wurde, jetzt im Reichtum verlieren. Nein, geht nur mit vollem Vertrauen in den Krieg, wozu ihr in verschiedener Hinsicht alle Ursache habt. Ihr habt das Orakel des Gottes; hat er euch doch selbst seinen Beistand versprochen. Ganz Griechen land wird teils aus Furcht, teils seines Vorteils willen eurer Fahne folgen. Ihr werdet damit auch nicht die ersten sein, die den Frieden brechen; auch der Gott sieht ihn ja bereits als gebrochen an, indem er euch zum Kriege auffordert; - im Gegenteil, ihr tretet für den Frieden ein, nachdem er von anderer Seite gebrochen ist. Denn nicht, wer sich wehrt, sondern wer zuerst angreift, ist der Friedensbrecher.
- 1.124.1
„Habt ihr somit in jeder Beziehung die besten Aussichten für den Krieg, fordern wir alle euch einmütig dazu auf, und ist Gemeinsamkeit der Interessen denn doch die beste Bürg schaft wie unter einzelnen so in der Politik, so dürft ihr nicht länger säumen, Potidäa zu Hilfe zu kommen und für die Frei heit auch der übrigen Staaten einzutreten. Die Potidäer sind doch Dorier und werden jetzt von Ioniern belagert, während es früher immer umgekehrt war. Unmöglich können wir länger mit ansehen, wie eine Stadt nach der anderen vergewaltigt wird; denn wie heute diese, so kommt morgen jene an die Reihe, sobald bekannt wird, daß wir hier zusammengekommen sind, aber nicht den Mut gefunden haben, den Degen zu ziehen. Darum, teure Bundesgenossen, glaubt uns, es ist die höchste Zeit, und wir reden zu eurem Besten. Stimmt also für den Krieg und laßt euch durch die damit verbundenen Beshcwerden nicht abschrecken. Denn erst durch den Krieg gelangt man zu einem dauerhaften Frieden, und es bringt größere Gefahr, ihn um des lieben Friedens willen zu vermeiden. Unzweifel haft will diese Stadt, die sich in Griechenland zum Herrn aufgeworfen hat, ihre Herrschaft über das ganze Land aus dehnen. Wie sie sich die einen schon unterworfen hat, so wird sie es alsbald auch mit den anderen machen. Darum wollen wir sie unverzüglich angreifen und zu Boden werfen, um künftig nicht nur selbst vor ihr sicher zu sein, sondern auch um unsere jetzt unter ihrem Joch schmachtenden Brüder zu befreien." So die Korinther.
- 1.125.1
Nachdem sie alle angehört, ließen die Lakedämonier die Bundesgenossen, so viel ihrer da waren, ohne Unterschied zwischen größeren und kleineren Staaten, der Reihe nach ab stimmen, und die große Mehrheit stimmte für den Krieg. So gleich ausführbar freilich war der Beschluß denn doch nicht, weil man auf einen Feldzug nicht genügend vorbereitet war. Indes wurde beschlossen, jeder Staat solle die nötigen Vor bereitungen treffen und sich damit möglichst beeilen. Dennohc verging darüber längere Zeit, wenn auch nicht ganz ein Jahr, bis es zum Einfall nach Attika und damit zum offenen Aus bruch des Krieges kam.
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