Geschichte des Peloponnesischen Krieges
- 2.77.1
Da sie mit ihren Maschinen nichts ausrichteten und dem Damme gegenüber das Schutzwerk entstanden war, verzweifel ten die Peloponnesier daran, die Stadt mit den bisherigen Mitteln zu nehmen, und machten deshalb Anstalt, sie durch eine förmliche Umwallung einzuschließen. Vorher aber wollten sie es noch mit Feuer versuchen, ob sie die Stadt, die ja nicht groß war, bei günstigem Winde nicht in Brand stecken könnten. Denn sie waren auf jede Weise darauf bedacht, sie womöglich ohne große Kosten und ohne förmliche Belagerung zu bezwingen. Sie trugen also Reisigbündel herbei und warfen sie von der Höhe des Dammes erst in die Lücke zwischen dem Damme und der Stadtmauer, und nachdem diese bei der Menge der Hände schnell ausgefüllt war, auch in die Stadt selbst hinein, so weit ihnen das von oben gelingen wollte. Dann warfen sie Feuer mit Pech und Schwefel darauf und setzten dadurch das Reisig in Brand. Und nun entstand ein Flammenmeer, wie man es, von Menschenhand angelegt, nie gesehen, wenn man es auch wohl schon erlebt hatte, daß ein GebirgSwald dadurch, daß sich die Bäume im Winde aneinander rieben, von selbst in Brand geraten und in Feuer und Flammen auf gegangen war. Es war ein furchtbares Feuer, und die Pla täer, die bis dahin glücklich durchgekommen waren, wären ums Haar verloren gewesen. Denn ein großer Teil der Stadt war dadurch völlig unnahbar geworden, und wenn sich der richtige Wind aufgemacht hätte, worauf die Gegner gerechnet hatten, wäre niemand am Leben geblieben. Da aber, heißt es, sei zu ihrem Glück ein Gewitter mit wolkenbruhcartigem Regen eingetreten und dadurch die Flamme gelöscht und die Gefahr beseitigt.
- 2.78.1
Als ihnen auch das mißlungen war, entließen die Pelo ponnesier einen Teil ihres Heeres, und nur ein Rest blieb an Ort und Stelle. Rings um die Stadt aber führten sie eine Mauer auf, wobei sie die einzelnen Abschnitte des Umkreises auf die verschiedenen Städte verteilten. Auf der Außen und der Innenseite war ein Graben, aus dem die Ziegel für den Bau gewonnen wurden. Als sie fertig waren, zu der Zeit, wo der Arktur aufgeht, ließen sie auf der einen Hälfte der Mauer, deren andere Hälfte die Böotier besetzten, eine Besatzung zurück und zogen dann mit den übrigen Truppen ab, die sich alle wieder in ihre Heimat begaben. Die Pla täer aber, welche Weiber und Kinder wie auch die Alten und alle unnützen Mäuler schon früher nach Athen gebracht hatten, wurden nun belagert, ihrer vierhundert, die in der Stadt ge blieben waren, mit ihnen achtzig Athener und hundertzehn Frauen, die für sie kochen mußten. So viel waren es im ganzen bei Beginn der Belagerung, und weiter befand sich kein Mensch in der Stadt, weder Sklav noch Freier. Auf solche Weise wurde Platää eingeschlossen.
- 2.79.1
In demselben Sommer, gleichzeitig mit der Unternehmuug gegen Platää, zogen die Athener, als das Korn zur Reife stand, mit zweitausend ihrer Hopliten und zweihundert Reitern gegen die Chalkidier in Vorderthrakien und die Bottiaier zu Felde. Xenophon, Euripides' Sohn, selbdritter, befehligte sie. Sie rückten vor Spartolos im Lande der Bottiaier und verwüsteten die Kornfelder. Anscheinend war auch eine Partei in der Stadt geneigt, sie ihnen zu übergeben; die Gegenpartei aber wandte sich um Hilfe nach Olynth, worauf die Stadt von dort mit Hopliten und anderen Truppen besetzt wurde. Bei einem Ausfall der Besatzung aus Spartolos kam es unmittelbar vor der Stadt mit den Athenern zur Schlacht, in der die chalkidischen Hopliten und eine Anzahl ihrer Hilfstruppen von den Athenern geschlagen und zum Rückzüge in die Stadt ge nötigt wurden. Die chalkidischen Reiter und Leichtbewaffneten in Verein mit einer Anzahl Peltasten aus dem sogenannten Krusischen Lande aber lieferten ein glückliches Gefecht gegen die Reiter und Leichtbewaffneten der Athener. Gleich nach dem Gefecht trafen aus Olynth noch andere Peltasten bei ihnen ein, und als die Leichten aus Spartolos das sahen, griffen sie, durch den Zuzug und ihren vorher errungenen Sieg ermutigt, mit der chalkidischen Reiterei und den eben einge troffenen frischen Kräften die Athener von neuem an, die sich nun auf ihre beim Troß zurückgelassenen beiden Abteilungen zurückzogen. So oft die Athener einen Vorstoß machten, wichen die Gegner aus; wenn sie aber wieder zurückgingen, waren diese gleich hinter ihnen her und beschossen sie mit ihren Speeren. Die chalkidischen Reiter, die sie dabei ständig um schwärmten und bei jeder Gelegenheit in sie einsprengten, wurden den Athenern besonders gefährlich, trieben sie dann auch in die Flucht und verfolgten sie eine Strecke weit. Die Athener flüchteten sich nach Potidäa, erwirkten nachher einen Waffenstillstand zur Bestattung ihrer Toten und kehrten darauf mit dem Reste ihres Heeres nach Athen zurück. Athener waren vierhundertdreißig geblieben, darunter sämtliche Feldherren. Die Chalkidier und Bottiaier aber errichteten ein Siegeszeichen und bestatteten ihre Toten. Darauf gingen sie auseinander und alle nach Hause.
- 2.80.1
In demselben Sommer, nicht lange nach diesen Ereig nissen, wollten die Amprakier und Chaoner ganz Akarnanien unterwerfen und es den Athenern abwendig machen. Sie schlugen deshalb den Lakedämoniern vor, von Bundes wegen eine Flotte auszurüsten und tausend Hopliten nach Akarna nien zu schicken; denn, so setzten sie ihnen auseinander, wenn sie zugleich zu Lande und zur See dort ershcienen, würden die Akarnanier aus dem Innern ihren Landsleuten nicht zu Hilfe kommen können, sie aber in der Lage sein, mit Leich tigkeit Akarnanien und dann auch Zakynthos und Kephallenia zu unterwerfen und damit den Athenern die Möglichkeit ab zuschneiden, so wie bisher mit ihren Schiffen den Peloponnes zu umfahren, ja selbst Aussicht haben, auch Naupaktos zu nehmen. Die Lakedämonier gingen daraus auch ein und schickten Knemos, der noch Befehlshaber der Flotte war, mit den Hopliten auf ein paar Schiffen sogleich hinaus, gaben aber auch der Flotte Befehl, sich fertigzumachen und nn verzüglich nach Leukas abzugehen. Dabei war niemand eifriger für die Amprakier als die Korinther, deren alte Landsleute sie ja waren. Während die Schiffe in Korinth, Sikyon und anderen Orten dort in der Gegend erst noch ausgerüstet wurden, waren die aus Leukas und Amprakia schon zur Stelle und warteten bei Leukas auf die anderen. Nachdem Knemos mit seinen tausend Hopliten an Phormion, der ihm mit zwanzig attischen Schiffen bei Naupaktos aufpaßte, unbemerkt vorbei- gekommen war, traf er sofort Anstalt zu einem Landfeldzuge. An Griechen hatte er Amprakier, Leukadier, Anaktorier und seine tausend Peloponnesier unter sich, an Barbaren tausend Chaoner. Diese, die keinen König haben, standen unter dem Befehl von Photyos und Nikanor, den beiden Mitgliedern des herrshcenden Geschlechts, welche für das Jahr an der Re gierung waren. Den Chaonern hatten sich die Thesproten angeschlossen, die auch keinen König haben. Die Molosser und Atintaner führte Sabylinthos als Vormund des noch unmündigen Königs Tharypos, die Parauaier ihr König Oroidos. Tausend Orester, die den Feldzug mitmachten, standen mit Genehmigung ihres Königs Antiochos mit den Paranaiern unter Oroidos'Befehl. Auch Perdikkas schickte, ohne daß die Athener darum wußten, tausend Makedonier, die jedoch zu spät kamen. Mit diesen Truppen setzte Knemos sich in Marsch, ohne die Ankunft der Flotte von Korinth ab zuwarten. Auf dem Zuge durchs Argaiische zerstörten sie Limnaia, einen offenen Flecken, und rückten dann vor Stratos, die größte Stadt Akarnaniens, in der Meinung, wenn sie die erst erst eingenommen hätten, würde ihnen alles übrige von selbst zufallen.
- 2.81.1
Als die Akarnanier hörten, daß ihnen ein großes Heer ins Land gefallen und außerdem eine feindliche Flotte gegen sie im Anzüge sei, zogen sie es vor, statt sich mit vereinten Kräften gegen den Feind zu wenden, sich einzeln ihrer Haut zu wehren, schickten aber zu Phormion und baten ihn um Hilfe. Der ließ ihnen jedoch sagen, daß er in diesem Augenblick, wo eben eine Flotte im Begriff sei, von Korinth auszulaufen, Naupaktos unmöglich sich selbst überlassen könne. Inzwischen rückten die Peloponnesier und ihre Verbündeten in drei Heer haufen gegen Stratos vor in der Absicht, in der Nähe der Stadt ein Lager zu beziehen und die Stadt, wenn sie sich nicht gutwillig ergäbe, zu erstürmen. In der Mitte marshcierten die Chaoner und die übrigen Barbaren, rechts von ihnen die Leukadier und Anaktorier, und was sich ihnen angeschlossen hatte, links Knemos selbst mit den Peloponnesiern und Am prakiern, die einzelnen Heerhaufen in weiten Abständen, mit unter so weit, daß sie sich gar nicht sehen konnten. Die Griechen marschierten vorsichtig und in guter Ordnung, bis sie an einen geeigneten Lagerplatz gelangen würden. Die Chaoner dagegen, die sich gewaltig fühlten und dort bei den Bewohnern des Festlandes für die besten Soldaten galten, dachten nicht daran, sich erst lange einen Lagerplatz zu suchen, sondern stürmten mit den übrigen Barbaren ungestüm voran in der Hoffnung, die Stadt gleich im ersten Anlauf zu nehmen und die Ehre des TageS allein zu haben. Die Stratier aber, die sie auf ihrem Marsche beobachteten, dachten, wenn sie die erst einzeln abgetan hätten, würden die Griechen auch schon zahm werden. Sie legten sich also vor der Stadt an vershciedenen Stellen in den Hinterhalt, ließen sie erst nahe herankommen und fielen dann gleichzeitig aus der Stadt aus dem Hinterhalt über sie her. Die Chaoner aber gaben Fersengeld, und viele von ihnen blieben auf dem Platze. Als die übrigen Barbaren sie fliehen sahen, hielten auch sie nicht länger stand, sondern machten sich auf die Flucht. In den beiden griechischen Heerhaufen hatte man von diesem Gefechte nichts bemerkt, da die Barbaren weit voraus waren und man glaubte, sie hätten ihren Marsch nur beschleunigt, um sich schneller in den Besitz eines Lager- platzes zu setzen. Als sie dann aber die Barbaren in wilder Flucht auf sie einströmen sahen, zogen sie ihre Heeresteile zu sammen und blieben den Tag über dort stehen. Die Stratier gingen auch nicht zum Angriff über, weil die übrigen Akar nanier noch nicht eingetroffen waren, begnügten sich vielmehr damit, sie von weitem mit ihren Schleudern zu bewerfen und dadurch zu beunruhigen; denn ohne schwere Rüstung durften sie sich nicht weiter vorwagen. Die Akarnanier gelten nämlich für besonders geschickte Schleuderer.
- 2.82.1
Als es Nacht geworden war, zog sich Knemos mit dem Heere eilig auf den Fluß Anapos zurück, der von Stratos achtzig Stadien entfernt ist. Am Tage darauf ließ er unter Waffenstillstand die Toten abholen; dann trat er, da inzwischen die befreundeten Oiniaden zu ihm gestoßen waren, in deren Gebiet über, ehe die Stratier weitere Verstärkungen erhielten. Von da gingen alle wieder in die Heimat. Die Stratier aber errichteten wegen des Gefechts mit den Barbaren ein Sieges s zeichen.
- 2.83.1
Die Flotte von Korinth und den übrigen Bundesstädten am Krisäischen Meerbusen, welche sich mit Knemos in Ver bindung setzen sollte, um weiteren Zuzug von Akarnaniern aus dem Innern zu verhindern, war ausgeblieben und ge nötigt, in den Tagen des Gefechts bei Stratos gegen Phormion und seine zwanzig bei Naupaktos Wache haltenden athenischen Schiffe eine Schlacht zu liefern. Phormion paßte ihr nämlich auf, wo sie auf ihrer Fahrt an der Küste entlang aus dem Meerbusen herauskommen würde, weil er sie lieber in offener See angreifen wollte. Die Korinther und ihre Verbündeten hatten sich eigentlich nicht auf einen Kampf zur See, sondern im Grunde nur auf einen Landfeldzug in Akarnanien ein gerichtet, glaubten auch gar nicht, daß die Athener mit ihren zwanzig Schiffen den Kampf gegen ihre siebenundvierzig auf nehmen würden. Als sie jedoch, während sie am Lande hin fuhren, der athenischen Flotte an der ätolischen Küste ansichtig wurden und, eben im Begriff, von Paträ in Achaia nach dem akarnanishcen Festlande hinüberzufahren, die Athener von Chalkis und dem Euenosflusse auf sich zukommen sahen, konnten sie über Nacht dort nicht mehr vor Anker gehen, ohne von ihnen bemerkt zu werden, und so waren sie gezwungen, grade auf der Überfahrt zu schlagen. Die von den einzelnen Städten gestellten Schiffe tsanden unter ihren eigenen Befehls habern, die Korinther selbst unter Machaon, Isokrates und Agatharchidas. Die Peloponnesier bildeten mit ihren Schiffen einen möglichst großen Kreis, die Schnäbel nach außen, die Hinterteile nach innen, damit der Feind sie nicht anfahren könnte. Die kleineren Fahrzeuge, die sie bei sich hatten, nahmen sie in die Mitte, und ebenso ihre fünf schnellsten Schiffe, um damit immer auf kürzestem Wege dahin gelangen zu können, wo der Feind angreifen würde.
- 2.84.1
Die Athener umkreisten, ihre Schiffe in Kiellinie, die feindlichen Schiffe beständig und ließen ihnen keine Luft, indem sie so nahe an sie heranruderten, als wäre es jeden Augen blick auf einen Stoß abgesehen. Sie hatten jedoch von Phormion Befehl, nicht eher anzugreifen, als bis er selbst das Zeichen dazu gäbe. Er hoffte nämlich, die Feinde würden ihre Stellung nicht wie ein Heer zu Lande behaupten können, sondern ihre Kriegsschiffe würden zusammenstoßen und durch die übrigen Fahrzeuge vollends in Verwirrung geraten, und wenn sich dann wie gewöhnlich bei Tagesanbruch der Golfwind aufmachte, auf den er eben wartete, im nächsten Augenblick auseinander getrieben werden. Bei der größeren Schnelligkeit seiner Schiffe aber glaubte er es in der Hand zu haben, wann er sie an greifen wollte, und daß sich dazu grade um die Zeit die beste Gelegenheit bieten würde. Als sich nun jener Wind wirklich aufmachte, gerieten die ohnehin schon eng zusammengedrängten Schiffe unter dem Druck des Windes und der übrigen Fahrzeuge in Verwirrung, stießen zusammen und mußten mit Staken von einandergeschoben werden. Bei dem unaufhörlichen Rufen: „In acht nehmen!", dem Schreien und Schimpfen hörte man weder die Befehle noch den Taktmeister, und da die ungeübte Mannschaft bei dem lebhaften Seegange die Ruder nicht regieren konnte, wollten die Schiffe dem Steuer nicht mehr gehorchen. In diesem Augenblick gab Phormion das Zeichen, und die Athener . griffen an, bohrten zuerst eins der feindlichen Flaggschiffe in den Grund und setzten dann auch alle übrigen, die ihnen vor kamen, außer Gefecht, so daß die Gegner in der eingetretenen Verwirrung jeden Widerstand aufgaben und nach Paträ und Dyme in Achaia flüchteten. Die Athener eroberten auf der Verfolgung noch zwölf Schiffe, deren Mannschaft sie größten teils an Bord nahmen, und fuhren darauf nach Molykreion. Nachdem sie hier am Vorgebirge Rhion ein Siegeszeichen er richtet und dem Poseidon ein Schiff geweiht hatten, kehrten sie nach Naupaktos zurück. Die Peloponnesier aber fuhren gleich nahcher mit dem Reste ihrer Schiffe von Dyme und Paträ an der Küste entlang nach Kyllene, der Hafenstadt in Elis, wo Knemos nach dem Gefechte bei Stratos mit den Schiffen, die sich mit jenen hatten vereinigen sollen, von Leukas ebenfalls eintraf.
- 2.85.1
Dem aber stellten die Lakedämonier jetzt Timokrates, Brasidas und Lykophron als Beiräte zur Seite und ließen ihm bedeuten, er möge es das nächste Mal besser machen und sich nicht von ein paar Schiffen von der See wegfegen lassen. Denn die Sache schien ihnen unbegreiflich, hauptsächlich weil sie sich hier zum erstenmal in einer Seeschlacht versucht und von der Minderwertigkeit ihrer Flotte keine Ahnung hatten, sondern glaubten, man sei nicht schneidig genug draufgegangen. Daß die Athener die lange Erfahrung hatten, sie selbst aber erst Anfänger waren, brachten sie nicht in Anschlag. In ihrem Unwillen darüber schickten sie ihm nun die drei Männer. Diese sandten auch gleich nach ihrer Ankunft bei Knemos an alle Städte den Befehl, Schiffe zu stellen, ließen auch die noch vorhandenen wieder ausbessern, um von neuem eine Schlacht zu wagen. Aber auch Phormion sandte nach Athen einen Bericht über die gewonnene Schlacht und die neuen Rüstungen der Feinde mit der Bitte, ihm unverzüglich so viel Schiffe wie möglich zu schicken, da er täglich auf eine Schlacht gefaßt sein müsse. Die Athener schickten auch zwanzig Schiffe an ihn ab, trugen aber dem Befehlshaber auf, auch Kreta bei der Ge legenheit anzulaufen. Der Kreter Nikias aus Gortyua, ihr dortiger Staatsgastfreund, hatte ihnen nämlich zu einem Ab stecher nach Kpdonia geraten und versprochen, ihnen zur Herr schaft über diese, ihnen damals feindliche Stadt zu verhelfen. In der Tat aber hatte er es nur den Polichnitern, den Nach barn der Kydonier, zu Gefallen getan. Der Athener mit seinen zwanzig Schiffen kam auch wirklich nach Kreta und verheerte dort mit den Polichnitern das Gebiet der Kydonier, wurde darauf aber erst durch widrige Winde, dann durch Windstille längere Zeit dort festgehalten.
- 2.86.1
Während die Athener bei Kreta festgehalten wurden, hatten sich die Peloponnesier in Kyllene auf eine Seeschlacht eingerichtet und fuhren nun längs der Küste nach Panormos in Achaia, wo das peloponnesische Landheer schon eingetroffen war. Auch Phormion fuhr mit den zwanzig Schiffen, mit denen er schon einmal geschlagen hatte, nach dem molykrischen Rhion und ging mit ihnen außerhalb des Vorgebirges vor Anker. Es war dies das Rhion auf der den Athenern be freundeten Seite, dem das andere auf der peloponnesischen grade gegenüberliegt. Der Meeresarm zwischen beiden ist ungefähr sieben Stadien breit und bildet die Mündung deS Krisäischen Meerbusens. Die Peloponnesier machten es wie die Athener und gingen bei dem von Panormos, wo ihr Land heer stand, nicht weit entfernten achäischen Rhion mit sechs undsiebzig Schiffen ebenfalls vor Anker. Hier lagen sich beide sechs bis sieben Tage gegenüber und bereiteten sich auf eine Schlacht vor. Die Peloponnesier wollten nicht über das Vor gebirge hinaus, wo es ihnen das vorige Mal so schlecht gegangen war, die Athener nicht in die Meerenge hinein, überzeugt, daß eS für die Gegner vorteilhaft sei, die Schlacht in dem engen Wasser zu liefern. Knemos nnd Brasidas und die übrigen peloponnesischen Befehlshaber wünschten je eher je lieber zu schlagen, bevor noch weitere Verstärkungen von Athen kämen. Sie riefen deshalb ihre Mannschaft zusammen, und da sie sahen, daß die meisten sich von dem Schrecken der ersten Niederlage noch nicht erholt und keinen rechten Mut hatten, suchten sie ihren Mut zu beleben und redeten sie also an:
- 2.87.1
„Die vorige Schlacht, Landsleute, wenn ihr eucks darum vor einer neuen fürchtet, bietet dazu denn doch wirklich keinen vernünftigen Grund. Damals waren wir, das wißt ihr ja, ungenügend gerüstet und hatten es bei unserer Fahrt gar nicht auf eine Seeschlacht, sondern auf einen Feldzug zu Lande ab gesehen. Zufällig kamen dann auch noch verschiedene andere unglückliche Umstände dazu. Außerdem war es unsere erste Seeschlacht, und es fehlte uns deshalb wohl noch an der nötigen Erfahrung. Es lag also nicht an Mangel an Mut, wenn wir geschlagen wurden. Wir haben uns in dieser Be ziehung wahrlich nichts vorzuwerfen und unsere Niederlage nicht der größeren Tapferkeit unserer Gegner zuzuschreiben. Es wäre deshalb sehr verkehrt, wollten wir mutlos werden, nur weil wir einmal Unglück gehabt haben. Unglück haben kann jeder, aber wer überhaupt Mut hat, wird ihn auch im Unglück nicht verlieren und seine Unerfahrenheit nicht zum Deckmantel der Feigheit machen. Sind sie euch an Erfahrung voraus, so seid ihr ihnen an Mut um so mehr überlegen, und ihre bessere Ausbildung würde sie nur, wenn zugleich mit Tapferkeit gepaart, in den Stand setzen, das, was sie gelernt, auch in der Gefahr nicht zu vergessen. Ohne Tapferkeit hilft im Augenblick der Gefahr alle Geschicklichkeit nichts; denn Furcht nimmt die Besinnung, und ohne kalten Mut ist alle Geschicklichkeit nichts nütze. Bringt also ihrer größeren Er fahrung gegenüber eure größere Tapferkeit in Anschlag, gegen über der Furcht wegen der früheren Niederlage aber unsere damalige ungenügende Rüstung. Außerdem habt ihr ja noch den Vorteil der größeren Schiffszahl und daß ihr die Schlacht an der heimischen Küste und im Angesicht unseres Landheeres liefern werdet. In der Regel entscheidet doch die größere Zahl und die bessere Rüstung den Sieg. Wir finden also schlechter dings keinen Grund zu der Befürchtung, daß wir die Schlacht verlieren würden. Und grade die Fehler, die wir früher ge macht haben, werden uns jetzt zur Lehre dienen. Also nur Mut, Steuerleute, Mut, Matrosen; jeder tue seine Schuldig keit, und keiner weiche von dem Platze, der ihm angewiesen wird. Wir werden euch ins Gefecht führen und unsere Sache besser machen als die vorigen Befehlshaber, aber auch niemand durch die Finger sehen, der einen Vorwand suchen würde, sich zu drücken. Sollte es trotzdem vorkommen, wird der Betreffende dafür gebührend bestraft werden, wer sich aber gut macht, die verdiente Auszeichnung für Tapferkeit erhalten."
- 2.88.1
Auf solche Weise suchten die peloponnesischen Befehls haber den Mut ihrer Mannschaft zu beleben. Aber auch Phormion machte sich Gedanken um den Mut seiner Leute, und als er sie so zusammenstehen und bei der Menge der feind lichen Schiffe bedenkliche Gesichter machen sah, hielt er es für zweckmäßig, sie sich kommen zu lassen, um sie zu ermutigen und ihnen begreiflich zu machen, daß sie sich auch diesmal nicht zu fürchten brauchten. Schon früher hatte er ihnen immer die Meinung beizubringen gesucht, daß sie jeder, auch der größten feindlichen Flotte gewachsen sein würden, und so waren auch seine Leute selbst längst davon durchdrungen, daß sie es als Athener mit noch so viel peloponnesischen Schiffen aufnehmen könnten. Da er sie aber jetzt beim Anblick der vielen Schiffe doch bange werden sah, wollte er das alte Selbstvertrauen in ihnen von neuem erwecken, ließ sie zusammenrufen und redete sie also an:
- 2.89.1
,Ich habe euch zu mir kommen lassen, Leute, weil ich sehe, daß ihr euch vor der Menge unserer Gegner fürchtet, und es für töricht halte, sich zu fürchten, wo nichts zu fürchten ist. Denn erstens haben sie ihre große Flotte ja nur deshalb zusammengebracht, weil sie schon einmal von uns besiegt sind und es nicht ohne eine gewaltige Überzahl von Schiffen mit uns aufnehmen zu können glauben. Sodann aber gründet sich ihre Zuversicht, als hätten sie die Tapferkeit gepachtet, ledig lich darauf, daß sie im Landkriege, vermöge ihrer Erfahrung darin, ihre Sache in der Regel gut machen, und so glauben sie nun, zur See würden sie das auch können. Sind sie uns aber wirklich dort überlegen, so sind wir es ihnen hier erst recht; denn da sie nicht tapferer sind als^wir, so wird jeder von uns beiden da, wo er am erfahrensten ist, auch am mutig sten draufgehen. Die Lakedämonier, welche beim Oberbefehl über ihre Bundesgenossen nur ihren eigenen Ruhm im Auge haben, führen diese jetzt nur widerwillig ins Gefecht; denn nach der gründlichen Niederlage würden sie sich ganz gewiß nicht von selbst auf eine neue Seeschlacht eingelassen haben. Vor ihrer übergroßen Kühnheit braucht ihr euch also nicht zu fürchten. Im Gegenteil, sie fürchten sich vor euch und haben dazu auch alle Ursache, teils weil wir sie schon einmal besiegt haben, teils weil sie sich nicht denken können, wir würden ihnen die Spitze bieten, wenn wir nicht etwas ganz Besonderes im Schilde führten. Denn die meisten verlassen sich, wenn sie wie sie dem Gegner gewahcsen sind und es zur Schlacht geht, mehr auf ihre Macht als auf ihren Mut. Wer aber, auch ohne dazu gezwungen zu sein, selbst mit geringeren Kräften dem Feinde zu Leibe geht, beweist damit einen hohen Grad von Mut und Entschlossenheit. Davon sind auch unsere Gegner überzeugt, und grade weil wir ihnen so wider Erwarten die Spitze bieten, fürchten sie uns mehr, als wenn wir ihnen mit entsprechenden Kräften begegnen würden. Schon manches Heer ist einer Minderzahl erlegen, weil es ihm an Erfahrung fehlte oder an Mut gebrach. Uns aber fehlt es weder an Mut noch an Erfahrung. Soweit es in meiner Macht steht, werde ich nicht innerhalb des Golfes schlagen und nicht in ihn hinein gehen. Denn augenscheinlich würde das enge Wasser einer geringeren Anzahl wohlgeübter schneller Schiffe im Kampfe gegen eine große Menge ungeübter Schiffe keinen Vorteil bieten. Denn man würde den Feind nicht genug von weitem sehen, um zum Stoß richtig auf ihn abhalten zu können, auch nicht imstande sein, sich nötigenfalls aus dem Gedränge wieder loszumachen. Geschicktes Anfahren und Lahmlegen der feind lichen Schiffe, worin die Aufgabe schneller Schiffe recht eigent lich besteht, wäre ausgeschlossen. Der Schiffskampf würde zur Landschlacht werden und damit die Menge der Schiffe das Übergewicht gewinnen. Danach also werde ich mich möglichst einzurichten suchen. Ihr aber haltet gute Ordnung an Bord und tut pünktlich, was euch befohlen wird, zumal die Feinde uns hier in der Nähe auf den Dienst passen. Vor allem im Gefecht selbst haltet auf Ordnung und Stille, wie sich das im Kriege überhaupt, namentlich aber in einer Seeschlacht gehört, und dann geht den Kerls wieder so tapfer zu Leibe wie das vorige Mal. Bei eurem Kampf steht Großes auf dem Spiel; entweder macht ihr die Flottenpläne der Peloponnesier zu nichte, oder die Athener werden sich darauf gefaßt machen müssen, daß es mit ihrer Seeherrschaft zu Ende geht. Noch mals erinnere ich euch daran, daß eure Gegner meist Leute sind, die ihr schon einmal besiegt habt. Nach einer verlorenen Schlacht aber geht man nicht so zuversichtlich ins Gefecht wie das erstemal."
- 2.90.1
In dieser Weise suchte auch Phormion den Mut seiner Leute zu beleben. Die Peloponnesier aber wollten die Athener, da sie ihnen nicht von selbst in die Enge und den Golf kamen, auch wider ihren Willen hineinbringen. Bei Tagesanbruch lichteten sie die Anker und fuhren vier Schiffe hoch an ihrer Küste in den Meerbusen hinein, den rechten Flügel voran, wie sie auch vor Anker gelegen hatten. Auf diesen Flügel hatten sie zwanzig ihrer schnellsten Schiffe gestellt, damit die Athener, wenn Phormion glaubte, sie führen nach Naupaktos, und sich zu dessen Schutz aufmachte, ihnen nicht entwischen, sondern von ihnen umfaßt werden könnten. Wie sie vermutet, war Phormion wirklich, als er sie aufbrechen sah, um den augen blicklich schutzlosen Platz besorgt geworden und fuhr nun mit seiner Flotte gegen seine eigentliche Absicht eiligst an der Küste ' entlang in den Golf hinein, wobei das Heer der Messenier ihnen zu Lande zur Seite zog. Als die Peloponnesier sie so schon innerhalb des Golfs dicht am Lande in Kiellinie heran kommen sahen, grade wie sie es gewünscht hatten, ließen sie auf ein gegebenes Zeichen ihre Schiffe plötzlich einschwenken und, was das Zeug halten wollte, grade auf die Athener los rudern, in der Hoffnung, sämtliche Schiffe abzufangen. Die elf vordersten waren jedoch schon vor der Schwenkung des peloponnesischen Flügels an diesem vorbei in freies Wasser gelangt, die übrigen aber überholten sie, trieben sie fliehend vor sich her dem Strande zu, machten sie kampfunfähig und töteten die Mannschaft, soweit sie sich nicht durch Schwimmen retten konnte. Einige Schiffe nahmen sie leer in Schlepptau; eins war ihnen schon vorher samt der Mannschaft in die Hände gefallen. Nun aber erschienen auch die Messenier, sprangen in voller Rüstung ins Wasser, erstiegen die Schiffe und nahmen ihnen nach einem Kampf auf dem Verdeck mehrere davon wieder ab, die sie schon im Schlepptau hatten.
- 2.91.1
Hier also siegten die Peloponnesier und setzten die attischen Schiffe außer Gefecht. Ihre zwanzig Schiffe vom rechten Flügel aber verfolgten die elf Schiffe der Athener, welche vor jener Schwenkung das Weite gewonnen hatten. Diese ge langten jedoch mit Ausnahme eines Schiffes vor ihnen nach Naupaktos. Hier machten sie beim Apollontempel halt und stellten sich, das Vorderteil gegen den Feind, für den Fall, daß er ihnen bis ans Land folgen würde, kampfbereit auf. Bald nachher kamen auch die Peloponnesier heran, indem sie auf der Fahrt Siegeslieder anstimmten, als wäre die Schlacht schon gewonnen, und allen voraus verfolgte ein leukadisches Schiff das eine zurückgebliebene Schiff der Athener. Zufällig lag ein Lastschiff außerhalb des Hafens vor Anker, und als das attische Schiff daran vorbeikam, schwenkte es um dieses herum, rannte den Leukadier mittschiffs an und bohrte ihn in den Grund. DieS völlig unerwartete Ereignis setzte die Peloponnesier in Schrecken, und da sie nach ihrem Siege auf der Verfolgung keine Ordnung mehr gehalten hatten, ließen einzelne Schiffe die Ruder sinken, um stillezuhalten und auf die übrigen zu warten, das Verkehrteste, was sie angesichts eines ihnen aus nächster Nähe drohenden feindlichen Vorstoßes tun konnten, während andere aus Unkenntnis des Fahrwassers auf Untiefen gerieten und tsrandeten.
- 2.92.1
Als die Athener das sahen, faßten sie neuen Mut, und auf ein gegebenes Zeichen gingen sie alle zugleich mit Hurra zum Angriff über. Die Peloponnesier aber hielten nach den begangenen Fehlern und infolge der bei ihnen herrschenden Unordnung nur kurze Zeit stand und machten dann kehrt nach Panormos, von wo sie ausgefahren waren. Die Athener er beuteten auf der Verfolgung die sechs nächsten Schiffe, nahmen auch ihre eigenen Schiffe den Feinden wieder ab, die sie anfangs am Strande außer Gefecht gesetzt und in Schlepptau genommen hatten. Die Mannschaft machten sie zum Teil nieder, zum Teil fiel sie lebendig in ihre Hände. An Bord des leukadischen Schiffes, das bei dem Lastschiffe gesunken war, befand sich auch der Lakedämonier Timagoras, der sich, als es unterging, selbst in sein Schwert stürzte; seine Leiche wurde nachher im Hafen von Naupaktos angetrieben. Nach der Rückkehr errichteten die Athener an der Stelle, von wo sie ihren Siegeszug be gonnen hatten, ein Siegeszeichen. Sie bargen ihre Toten und die bei ihnen ans Land getriebenen Schiffstrümmer und gaben auch den Gegnern die ihrigen unter Waffenstillstand heraus. Aber auch die Peloponnesier schrieben sich den Sieg zu und errichteten ein Siegeszeichen, weil sie die Schiffe in die Flucht geschlagen, die sie nahcher am Lande kampfunfähig gemacht hatten. Das von ihnen erbeutete Schiff aber stellten sie neben dem Siegszeichen am achäischen Rhion als Weih geschenk auf. Bald nahcher gingen sie alle, mit Ausnahme der Leukadier, aus Furcht vor der zweiten athenischen Flotte bei Nacht in den Krisäischen Meerbusen und nach Korinth unter Segel. Sie waren noch nicht lange weg, als dann auch die Athener von Kreta mit den zwanzig Schiffen, mit denen sie schon vor der Schlacht hätten bei Phormion sein sollen, bei Naupaktos ankamen. Damit endete der Sommer.
- 2.93.1
Bevor jedoch die Mannschaft der nach Korinth und in den Krisäischen Meerbusen abgefahrenen Flotte entlassen wurde, wollten Knemos und Brasidas und die übrigen peloponne sischen Feldherren auf Anheimgabe der Megarer einen Hand streich gegen den Peiraieus, den Hafen der Athener, unternehmen, der ja, da die Athener die See beherrschten, weder besetzt noch verschlossen war. Zu dem Ende sollten ihre Seeleute, jeder mit seinem Ruder, Sitzkissen und Ruderriemen, von Korinth zu Fuß hinüber an die andere See gehen, sich schleunigst nach Megara begeben und die dort auf der Werft in Nisaia be findlichen vierzig Schiffe der Megarer flott machen, um damit gradeswegs nach dem Peiraieus zu fahren. Denn Kriegs schiffe zum Schutze des Hafens waren dort nicht vorhanden, und sein Mensch dachte an die Möglichkeit eines solchen Über falls. Einen offenen Angriff aus dem Stegreif, glaubte man, würde der Feind nicht wagen, ein dahin gehender Anschlag aber nicht unbemerkt bleiben können. Der Plan war kaum ge faßt, so waren sie auch schon unterwegs. Sie kamen bei Nacht in Nisaia an und holten die Schiffe inS Wasser, fuhren damit aber, weil sie Gefahr fürchteten, angeblich auch durch den Wind gehindert wurden, nicht, wie beabsichtigt, gleich nach dem Pei raieus, sondern nach der Megara gegenüberliegenden Spitze von Salamis. Hier befand sich ein Wartturm, bei dem drei Kriegsschiffe auf Posten standen, um allen Schiffsverkehr von und nach Megara zu verhindern. Sie versuchten den Turm zu stürmen, nahmen die Kriegsschiffe teer in Schlepptau und verheerten die Insel, wo niemand eines Überfalles gewärtig war.
- 2.94.1
In Athen aber erhielt man durch Feuerzeichen Nachricht von der Ankunft des Feindes, und infolgedessen entstand dort eine Bestürzung wie keine zweite im ganzen Kriege. In der Stadt glaubte man, die feindliche Flotte sei schon im Peiraieus, hier, die Feinde hätten Salamis bereits genommen und würden jeden Augenblick in den Hafen einlaufen. Und wären diese nicht so langsam gewesen, so hätte es auch leicht dazu kommen können, und der Wind würde sie schwerlich daran gehindert haben. Bei Tagesanbruch zogen die Athener allesamt nach dem Peiraieus, brachten die Schiffe zu Wasser, die sie mit großer Hast und viel Geschrei bestiegen und fuhren damit nach Salamis hinüber, während sie den Peiraieus mit Fußvolk be setzten. Die Peloponnesier aber, welche inzwischen fast die ganze Insel abgestreift und Menschen und Vieh weggetrieben hatten, machten sich damit und mit den drei Schiffen von der Warte Budoron, als sie die Athener kommen sahen, auf und davon nach Nisaia. Sie trauten wohl auch ihren Schiffen nicht recht, da diese nach längerer Zeit zum ersten Male wieder ins Wasser gekommen waren und nicht dicht hielten. In Megara an gekommen, zogen sie wieder zu Fuß nach Korinth. Auch die Athener, die sie bei Salamis nicht mehr angetroffen, fuhren wieder ab, sorgten aber von nun an durch Sperrung der Häfen und sonstige Vorsichtsmaßregeln besser als bisher für die Sicher heit des Peiraieus.
- 2.95.1
Um dieselbe Zeit, zu Anfang dieses Winters, zog der Thrakerkönig Sitalkes, Teres' Sohn, der Odryse, gegen den König Perdikkas von Makedonien, Alexanders Sohn, und die Chalkidier an der thrakischen Küste zu Felde, teils um die Er füllung eines ihm gegebenen Versprechens zu erzwingen, teils um ein seinerseits gegebenes zu erfüllen. Perdikkas hatte ihm nämlich für den Fall, daß er ihn in seiner damaligen gefähr lichen Lage mit den Athenern wieder aussöhnen und seinem mit ihm verfeindeten Bruder Philipp nicht zum Thron ver helfen würde, gewisse Versprechungen gemacht und ihm diese nicht gehalten. Er selbst aber hatte, als es ihm um das Bünd nis mit Athen zu tun war, den Athenern versprochen, dem Chalkidischen Kriege im thrakischen Küstenlande ein Ende zu machen. Aus diesem doppelten Grunde unternahm er jetzt den Feldzug, wobei Amyntas, Philipps Sohn, den er in Make donien auf den Thron setzen wollte, und die eben dieser Sache wegen zu ihm gekommenen Gesandten der Athener und der Feldherr Hagnon sich in seinem Gefolge befanden. Die Athener sollten nämlich auch mit einer Flotte und einem möglichst starken Heere in Chalkidike auftreten.
- 2.96.1
Zu seinem Zuge bot er zunächst die Thraker aus seinem Odrysenlande zwischen Haimos und Rhodope bis zum Schwarzen Meere und dem Hellespont auf; dann auch die Geten und die übrigen Völkerschaften aus den Ländern diesseits der Donau nach dem Schwarzen Meere zu. Die Geten und die anderen dortigen Völker sind Nachbarn der Skythen und wie diese be waffnet, alles reitende Bogenschützen. Auch von den unab hängigen thrakischen Bergvölkern, welche Säbel führen und meist am Rhodope wohnen, den Diern, wie sie heißen, zog er viele an sich, die sich dazu teils gegen Sold, teils aus freien Stücken verstanden. Weiter auch die Agrianer und die Laiaier sowie die übrigen päonischen Völkerschaften, die noch unter seiner - mit ihnen aufhörenden - Herrschaft standen bis zu den päonischen Graiaiern und Laiaiern und an den Strymon, der vom Skomiongebirge kommt und durch das Land der Graiaier und Laiaier fließt, wo sein Reich an das von hier an freie Päonien grenzte. Gegen die ebenfalls unabhängigen Triballer bildeten Trerer und Tilataier die Grenze. Diese wohnen nördlich vom Skomiongebirge und reichen nach Westen bis an den Oskios, der auf demselben Gebirge entspringt wie der Nestos und Hebros, einem großen, mit dem Rhodope zu sammenhängenden wilden Gebirge.
- 2.97.1
Das Reich der Odrysen erstreckte sich an der Seeseite von der Stadt Abdera bis an das Schwarze Meer und die Donau. Auf kürzestem Wege kann ein Lastschiff, wenn es immer Wind mit hat, die Fahrt um das Land in vier Tagen und ebensoviel Nächten zurücklegen. Zu Fuß braucht ein rüstiger Mann auf dem kürzesten Wege von Abdera bis an die Donau elf Tage. So an der Seeseite. Im Innern würde ein guter Fußgänger den Weg von Byzanz bis zu den Laiaiern und an den Strymon, wo sich das Reich am weitesten landeinwärts erstreckt, in drei zehn Tagen zurücklegen können. Die von der altheimischen Bevölkerung und den griechischen Städten aufgebrachten Steuern betrugen unter Seuthos, dem Nachfolger des Sitalkes, wo sie freilich am höchsten waren, ungefähr vierhundert Talente Silber und wurden entweder in Silber oder in Gold ent richtet. Ebensoviel aber brachten die freiwilligen Geschenke an Gold und Silber, ganz abgesehen von alle den bunten und schlichten Geweben und sonstigen Kostbarkeiten, womit man nicht nur den König, sondern auch Fürsten und vornehme Herren der Odrysen zu beschenken pflegte, denn dort zu Lande, wie in Thrakien überhaupt, galt es umgekehrt wie in Persien für anständiger zu nehmen als zu geben, und man schämte sich mehr, ein Ansinnen abzulehnen, als eine Fehlbitte zu tun. Je höher jemand stand, um so mehr machte er sich das zunutze, und wer überhaupt was erreichen wollte, mußte erst den Beutel ziehen. So war hier ein mächtiges Reich entstanden. Unter allen Staaten in Europa, zwischen dem Ionischen und dem Schwarzen Meere, war keiner, der sich ihm an Steuerkrats und Wohlstand an die Seite stellen konnte, während es aller dings an kriegerischer Kraft und Zahl der Streiter den Skythen gegenüber erst sehr an zweiter Stelle kam. Denn in dieser Be ziehung kann sich mit den Skythen nicht nur in Europa kein Volk vergleichen, sondern auch in Asien gibt es keins, das ihnen, wenn sie einig wären, für sich allein gewachsen sein würde. An Bildung freilich und Verständnis für die Bedürfnisse eineS Kulturvolkes stehen sie mit anderen nicht auf gleicher Stufe.
- 2.98.1
Aus diesem seinem mächtigen Reiche also bot Sitalkes nun den Heerbann auf, und als alles fertig war, setzte er sich damit nach Makedonien in Marsch, erst durch eigenes Gebiet, dann durch das wilde Kerkinagebirge auf der Grenze zwischen Sintern und Päoniern, und zwar auf demselben Wege, den er dort früher schon auf seinem Feldzuge gegen die Päonier hatte durch den Wald hauen lassen. Auf dem Zuge aus dem Odrysenlande über dieses Gebirge hatte sein Heer die Päonier zur Rechten, die Sinter und Maider zur Linken und gelangte dann auf der andern Seite nach Doberos in Päonien. Ab gang an Mannschaft, soweit er nicht etwa durch Krankheit verursacht war, hatte er unterwegs nicht gehabt; im Gegenteil, er hatte noch Zuzug erhalten; denn in der Aussicht auf Beute hatten sich noch viele von den unabhängigen Thrakern frei willig angeschlossen, so daß das ganze Heer nunmehr mindestens hundertfunfzigtausend Mann stark gewesen sein soll. Das meiste davon war Fußvolk, nur ungefähr ein Drittel Reiterei. Die Reiterei hatten größtenteils die Odrysen gestellt. Unter dem Fußvolk waren die freien Säbelträger vom Rhodope die streitbarsten. Das übrige war ein buntes Völkergemisch, haupt sächlich durch die Menge furchtbar.
- 2.99.1
Bei Doberos, wo das Heer sich sammelte, machte man Anstalt, von hier oben in das von Perdikkas beherrschte untere Makedonien einzufallen. Zu den Makedoniern gehörten nämlich auch die Lyukester und Elimioten und andere Stämme des Oberlandes, welche ihnen zugetan und untergeben sind, aber eigene Könige haben. Das heutige Makedonien an der Küste hatten Alexander, der Vater des Perdikkas, und dessen Vor fahren, ursprünglich Temeniten aus Argos, zuerst an sich ge bracht und ihrer Herrschaft unterworfen, indem sie die Pierer mit Waffengewalt aus Pierieu vertrieben, die sich später jen seits des Strymon am Pangaion in Phagres und anderen Orten niederließen, wie denn auch jetzt noch der Landstrich vom Pangaion abwärts bis an die See der Pierische Grund heißt. Aus der noch immer Bottiaia genannten Landschaft aber verdrängten sie die Bottiaier, die jetzt Nachbarn der Chal- kidier sind. In Päonien erwarben sie am Axios einen schmalen Strich Landes, der abwärts bis nach Pella und an die See reicht, und jenseits des Axios bis an den Strymon das Gebiet, welches Mygdonien genannt wird, aus dem sie die Edoner vertrieben. Aus der jetzt Eordia heißenden Landschaft ver drängten sie die Eorder, von denen die meisten umkamen und nur wenige sich bei Physka wieder ansiedelten, und die Al moper aus Almopia. Aber auch noch andere Stämme unter warfen sich diese Makedonier, welche noch jetzt unter ihrer Herrschaft tsehen, so Anthemus, Grestonia, Bisaltia und viele, die selbst auch zu den Makedoniern gehören. Alles das heißt jetzt Makedonien, und darüber war Perdikkas König, als Sital kes seinen Zug dahin unternahm.
- 2.100.1
Da diese Makedonier es mit dem großen Heere, das gegen sie heranzog, nicht aufnehmen konnten, zogen sie sich in die im Lande vorhandenen Schlösser und festen Plätze zurück. Allzuviel gab es deren freilich damals nicht. Später erst hat Archelaos, der Sohn des Perdikkas, nachdem er König ge worden, die jetzt vorhandenen Festungen gebaut, gebahnte Wege angelegt und die Einrichtungen für den Krieg überhaupt vervollkommnet und dabei für Ausbildung der Reiterei und des Fußvolks mehr getan als alle acht Könige vor ihm. Die Thraker rückten mit ihrem Heere zunächst in die früher von Philipp beherrschten Landesteile ein und nahmen Jdomene mit Sturm, während ihnen Gortynia, Atalense und einige andere Plätze freiwillig die Tore öffneten und aus Liebe zu Amynthas, dem im Heere befindlichen Sohne Philipps, zu ihnen über gingen. Europos belagerten sie, konnten es aber nicht nehmen. Darauf drangen sie auch in die übrigen Teile von Makedonien vor, links von Pella und Kyrrhos; darüber hinaus aber nach Dottiaia und Pierien kamen sie nicht; dagegen verheerten sie Mygdonien, Grestonien und Anthemus. Die Makedonier dachten gar nicht daran, es mit ihrem Fußvolk gegen sie aufzunehmen; die Reiter aber, die sie sich von ihren Verbündeten im Ober lande hatten kommen lassen, brachen bei Gelegenheit trotz ihrer geringen Zahl in die Masse der Thraker ein, und wo diese tapferen Panzerreiter einsetzten, warfen sie alleS vor sich nieder. Jedoch liefen sie dabei doch immer Gefahr, von der so vielfach überlegenen Masse umfaßt zu werden, und so gaben sie es schließlich auf, weil sie sich der Menge gegenüber zu solchen Wagnissen zu schwach fühlten.
- 2.101.1
Inzwischen knüpfte Sitalkes wegen der Beschwerden, die ihn zu dem Feldzuge veranlaßt hatten, mit Perdikkas Unter- handlungen an, und da die Athener, die an sein Kommen nicht glaubten, zwar mit ihren Schiffen nicht erschienen waren, aber doch Gesandte und Geschenke an ihn geschickt hatten, so ent sandte er einen Teil seines Heeres gegen die Chalkidier und Bottiaier, nötigte sie, sich in ihre Städte zurückzuziehen, und verheerte ihnen daS platte Land. Während er mit seinem Heere in jenen Gegenden stand, begannen die Thessaler und Magneter weiter im Süden sowie die übrigen Untertanen der Thessaler und die Griechen bis an die Thermopylen zu fürchten, daß er damit auch ihnen ins Land kommen könne, und machten sich für alle Fälle bereit. Von gleicher Furcht befallen wurden aber auch die weiter im Norden, jenseits des Strymon,in der Ebene sitzenden unabhängigen Thraker, Päonier, Odomanter, Droer und Dersaier. Ja selbst bis nach Griechen land hinein wurde es den Feinden der Athener bedenklich, ob er sich nicht infolge seines Bündnisses mit den Athenern ver anlaßt sehen würde, auch ihnen einen Besuch abzustatten. Er blieb jedoch mit seinem Heere in Chalkidike, Bottike und Make donien und verheerte das Land. Da er aber keinen der Zwecke, deretwegen er den Feldzug unternommen hatte, erreichte, auch sein Heer nichts mehr zu leben hatte und unter den Beschwerden des Winterfeldzuges litt, so ließ er sich von Seuthes, dem Sohne des Spardakos, seinem Neffen, der nach ihm der mäch tigste Mann war, überreden, plötzlich wieder abzuziehen. Seuthes aber war heimlich von Perdikkas gewonnen, indem er ihm seine Schwester zur Frau und außerdem eine reiche Mitgift ver sprochen hatte. Auf seinen Rat also zog Sitalkes, nachdem er dort im ganzen dreißig Tage und davon acht auch den Chalkidiern im Lande gewesen war, mit seinem Heere schleunig wieder nach Hause. Perdikkas aber gab später seine Schwester Stratonike dem Seuthes zur Frau, wie er es ihm versprochen hatte. So verlief der Feldzug des Sitalkes.
- 2.102.1
Die Athener in Naupaktos unternahmen in diesem Winter, nachdem die peloponnesische Flotte sich aufgelöst hatte, unter Phormion einen Zug nach Akarnanien. Sie landeten in Astakos und brachen von dort mit vierhundert athenischen Hopliten von der Flotte und dreihundert Messeniern ins Innere des Landes auf, vertrieben aus Stratos, Koronta und anderen Orten die ihnen verdächtigen Personen, führten Kynes, den Sohn des Theolytos, nach Koronta zurück und schifften sich dann wieder ein. Denn auch gegen Oiniadai, die einzige Stadt in Akarnanien, deren Bewohner den Athenern immer feindlich gewesen, in dieser Winterzeit noch etwas zu unter nehmen, hielten sie nicht für möglich. Der Acheloos, welcher vom Pindos durch das Land der Doloper, der Agraier und der Amphilocher und dann durch die akarnanishce Ebene an Stratos vorüberfließt und bei Oiniadai in die See mündet, bildet nämlich um die Stadt herum ein weites Übershcwemmungs gebiet und ist bei Winterwasser für Truppen unpasiserbar. Auch liegen die Echinadischen Inseln größtenteils Oiniadai grade gegenüber, unmittelbar vor den Mündungen des Ache loos, so daß der Fluß bei hohem Wasser hier beständig an schwemmt und mehrere von ihnen schon landfest geworden sind, wie das allen übrigen wahrscheinlich auch über kurz oder lang bevorsteht. Denn der Strom ist groß und führt viel Wasser und Schlamm; die Inseln aber liegen dicht beieinander, so daß der Schlick durch sie gefangen wird. Sie liegen nämlich quer voreinander und nicht in einer Linie und lassen das Wasser nicht auf gradem Wege in die See. Übrigens sind sie nur klein und unbewohnt. Der Sage nach soll Alkmaion, der Sohn des Amphiaraos, als er nach der Ermordung seiner Mutter unstet umhershcweifte, von Apollon durch ein Orakel veranlaßt worden sein, sich dies Land zur Wohnung zu wählen, indem er ihm bedeutete, er würde die Schreckbilder nicht los werden, bis er in einem Lande Unterkunft gefunden, welches zu der Zeit, wo er seine Mutter ermordet, noch kein Land ge wesen und noch nicht von der Sonne beschienen sei, weil alles andere Land durch seine Blutschuld befleckt wäre. Lange habe er nicht gewußt, wie er das anfangen solle, endlich aber habe er dann diese Anshcwemmungen an der Acheloosmündung ent deckt und sich überzeugt, daß hier in der Zeit seiner langen Wanderungen seit der Ermordung seiner Mutter Neuland genug entstanden wäre, um darauf leben zu können. So habe er sich in der Gegend von Oiniadai niedergelassen und hier die Herrschaft gewonnen. Später sei dann das Land nach seinem Sohne Akarnan benannt worden. So die uns über lieferte Sage von Alkmaion.
- 2.103.1
Die Athener unter Phormion aber fuhren von Akarnanien wieder nach Naupaktos und von da zu Anfang des Frühjahrs nach Athen zurück. Die erbeuteten Schiffe nahmen sie mit und ebenso die freien Leute, die sie in den Seeschlachten zu Gefangenen gemacht hatten, welche dann später Mann gegen Mann ausgewechselt wurden. Damit endete der Winter und das dritte Jahr des Krieges, den Thukydides beschrieben hat.
- 3.1.1
Im folgenden Sommer, als das Korn zur Reife stand, fielen die Peloponnesier unter dem lakedämonischen König Archidamos, Zeuxidamos' Sohn, wieder nach Attika ein, wo sie ein Lager bezogen und das platte Land verheerten. Die athenischen Reiter aber machten auch diesmal wieder gelegentlich Ausfälle und hinderten die Schwärme der Leichtbewaffneten daran, sich vom Lager zu entfernen und in der nächsten Umgebung der Stadt Schaden anzurichten. Solange sie Lebensmittel hatten, blieben die Feinde im Lande, dann zogen sie wieder ab und gingen alle nach Hause.
- 3.2.1
Gleich nach dem Einfall der Peloponnesier fielen die Les bier, mit Ausnahme von Methymna, von den Athenern ab. Sie hatten das schon vor dem Kriege gewollt, damals aber hatten die Lakedämonier sie nicht angenommen, und auch jetzt sahen sie sich dazu eher genötigt, als eigentlich ihre Absicht war. Sie wollten nämlich damit warten, bis ihr Hafendamm, ihre Stadtmauer und ihre Flotte fertig, auch alles, was sie an Bogenschützen und was sie sonst vom Schwarzen Meere erwarteten, bei ihnen eingetroffen wäre. Allein ihre Feinde in Tenedos und Methymna und einzelne Parteigänger in Myti lene selbst, welche Staatsgatsfreunde der Athener waren, hatten den Athenern gesteckt, daß man die ganze Bevölkerung von Lesbos zwangsweise nach Mytilene versetzen wolle und mit Hilfe der Lakedämonier und stammverwandten Böotier alles zu einem Abfall vorbereite, so daß, wenn man dem nicht zu vorkäme, Lesbos für sie verloren sein würde.
- 3.3.1
Für die Athener, die damals unter der Pest und dem Kriege, der eben jetzt im vollen Gange war, schwer zu leiden hatten, wäre es keine Kleinigkeit gewesen, wenn Lesbos mit seiner Flotte und seiner ungeschwächten Macht nun auch zum Feinde übergegangen wäre. Deshalb wollten sie anfangs solchen Be schuldigungen keinen Glauben schenken und lieber gar nichts davon hören. Als sie dann aber selbst Gesandte nach Lesbos geschickt und die Mytilener nicht dahin hatten bringen können, jene Versetzung der Bevölkerung und ihre Rüstungen aufzu geben, wurden sie doch bange und beschlossen, ihnen zuvor- zukommen. Sie schickten auch gleich vierzig Schiffe, die grade segelfertig waren, um nach dem Peloponnes abzugehen, nach Lesbos, welche Kleippides, Deiuios' Sohn, selbdritter befeh ligte. Sie hatten nämlich die Nachricht erhalten, daß man dort in nächster Zeit das Fest des Apollon Maloeis außer halb der Stadt feiern würde, an dem sich ganz Mytilene be teiligte, und daß sie, wenn sie schnell machten, die Mytilener dabei vermutlich unversehens überfallen könnten. Es kam wenigstens auf den Versuch an. Gelänge er nicht, so sollten die Mytilener aufgefordert werden, die Schiffe auszuliefern und ihre Mauern abzubrechen und, wenn sie das verweigerten, mit Krieg überzogen werden. Die Flotte machte sich auch fordersamst auf den Weg. Die zehn mytilenischen Trieren aber, welche als Bundeskontingent noch bei ihnen waren, hielten die Athener fest und nahmen die Mannschaft in Ge wahrsam. Allein jemand, der von Athen nach Euboia über gesetzt und zu Lande nach Geraistos gegangen war, hier ein eben abfahrendes Lastschiff getroffen und mit diesem die Reise fortgesetzt hatte und so in drei Tagen von Athen nach Mytilene gelangte, brachte den Mytilenern die Nachricht, daß die Flotte im Anzüge sei. Sie gaben deshalb das Fest am MaloeiStempel auf, legten Pfahlwerke zur Sicherung ihrer halbfertigen Häfen und Mauern an und waren in jeder Beziehung auf ihrer Hut.
- 3.4.1
AlS die Athener bald darauf mit ihrer Flotte anlangten und das sahen, richteten die Befehlshaber ihren Auftrag auS, und da die Mytilener sich auf nichts einließen, eröffneten sie die Feindseligkeiten. Unvorbereitet und plötzlich zum Kriege gezwungen, wie sie waren, machten die Mytilener vom Hafen aus doch mit ihren Schiffen einen kurzen Vorstoß zu einer Schlacht, wurden aber von den athenischen Schiffen in den Hafen zurückgetrieben. Infolgedessen knüpften sie mit den Be fehlshabern Verhandlungen an, um womöglich durch einen leid lichen Vergleich die Schiffe zunächst mal wieder loS zu werden. Die athenischen Befehlshaber gingen darauf auch ein, weil sie selbst zu einem Kriege mit ganz Lesbos zu schwach zu sein fürchteten. Es wurde also ein Waffenstillstand vereinbart, und die Mytilener schickten Gesandte nach Athen, darunter auch einen jener Angeber, der seinen Schritt bereits bereute, um die Athener zu versichern, daß es nicht die Absicht sei, mit ihnen zu brechen, und sie womöglich zu bewegen, mit ihren Schiffen wieder abzuziehen. Da sie aber bezweifelten, ob es ihnen damit in Athen glücken würde, schickten sie gleichzeitig, ohne daß man auf der bei Malea, im Norden der Stadt, ankernden athenischen Flotte was davon merkte, auf einer Triere auch Gesandte nach Lakedämon, die nach einer be schwerlichen Fahrt dort ankamen und es auch fertig brachten, daß ihnen Hilfe zugesagt wurde.
- 3.5.1
Als die Gesandten dann auch uuverrichteter Sache von Athen zurückkamen, entschlossen sich die Mytilener und mit ihnen bis auf Methymna ganz Lesbos, den Krieg aufzunehmen. Methymna nämlich stand wie Imbros und Lemnos und einige andere Bundesgenossen auf seiten der Athener. Auch kam es bei einem Ausfall, den die Mytilener mit ihrer ganzen Macht gegen das Lager der Athener unternahmen, zu einer Schlacht. Die Mytilener wurden zwar nicht geschlagen, getrauten sich aber nicht, über Nacht draußen zu bleiben, sondern zogen sich in die Stadt zurück. Seitdem ließen sie sich nicht mehr blicken, weil sie sich erst dann wieder auf eine Schlacht einlassen wollten, wenn sie Hilfe aus dem Peloponnes oder anderweit Ver stärkungen erhalten hätten. Inzwischen hatten sich nämlich der Lakedämonier Meleas und der Thebaner Hermaiondas bei ihnen eingefunden, die zwar schon vor dem Abfall abge sandt, aber da sie der attischen Flotte nicht zuvorkommen konnten, erst nach der Schlacht auf einer Triere unbemerkt an die Stadt gelangt waren, und ihnen geraten, nochmals ein Schiff abzufertigen und mit ihnen eine neue Gesandtschaft abzuschicken, und das hatten sie auch getan.
- 3.6.1
Die Athener, denen der Mut gewachsen war, weil die Mytilener nicht herauskamen, zogen nun Bundesgenossen heran, die um so bereitwilliger erschienen, da die Mytilener anscheinend keine großen Helden waren. Sie schlossen die Stadt jetzt auch auf der Südseite mit ihren Schiffen ein, legten zwei befestigte Lager an, auf jeder Seite der Stadt eins, und sperrten mit ihrer Flotte die Einfahrt beider Häfen. Damit schnitten sie die Mytilener allerdings von der See ab, dagegen waren diese und die inzwischen zu ihnen gestoßenen übrigen Lesbier nach wie vor Herren der Landseite. Selbst in der nächsten Um gebung ihrer Lager reichte die Macht der Athener nicht weit, und ihr Hauptstandort für ihre Schiffe und die Zufuhren blieb Malea. So verlief der Krieg bei Mytilene.
- 3.7.1
Um dieselbe Zeit in diesem Sommer sandten die Athener auch nach dem Peloponnes dreißig Schiffe unter Asopios, dem Sohne Phormions. Die Akarnanier hatten sie nämlich ge beten, ihnen einen Sohn oder doch einen Verwandten Phor mions als Feldherrn zu schicken. Auf der Fahrt plünderten die Schiffe die Ortschaften an der lakonischen Küste, dann aber schickte Asopios die meisten wieder nach Hause und fuhr selbst mit nur zwölf Schiffen nach Naupaktos. Darauf wandte er sich, nachdem er ganz Arkarnanien auf die Beine gebracht hatte, nach Oiniadai, und während er mit der Flotte vor dem Acheloos erschien, verwüstete das Landheer die Umgegend. Da die Stadt sich aber nicht ergab, ließ er das Landheer wieder abziehen und fuhr selbst mit der Flotte nach Leukas, wo er bei Nerikos eine Landung machte, dabei aber auf dem Rück züge von der nicht zahlreichen Besatzung und der aufgestan denen Landbevölkerung mit einem Teile seines Heeres erschlagen wurde. Nachher holten die Athener, als sie wieder zu Schiff waren, ihre Toten unter Waffenstillstand von den Leukadiern ab.
- 3.8.1
Die mit dem ersten Schiffe abgegangenen Gesandten der Mytilener hatten sich nach Olympia begeben, da die Lake dämonier sie aufgefordert hatten, sich auch dort einzusinden, damit die übrigen Bundesgenossen ihre Wünsche ebenfalls vernehmen und in Erwägung ziehen könnten. Es war die Olympiade, in der Dorieus aus Rhodos zum zweitenmal siegte. Nach Beendigung der Festlichkeiten wurden sie vorgelassen und hielten folgende Rede:
- 3.9.1
„Wie man in Griechenland über die Dinge denkt, Lake dämonier und Bundesgenossen, wissen wir wohl. Wer im Kriege mit seinem bisherigen Bundesgenossen bricht und von ihm abfällt, den nimmt man eben an, weil er einem nützt, und läßt ihn sich gefallen, hält ihn aber im Grunde doch für einen Verräter und für minder wert als die alten Freunde. Und das nicht mit Unrecht, sofern es sich bei dem Bruch um zwei ehrlich befreundete, gleichmächtige und schlag fertige Staaten handelt und kein stichhaltiger Grund zum Abfall vorhanden ist. So aber lag die Sache zwischen uns und den Athenern nicht, und deshalb wird man uns es nicht verargen können, wenn wir, obgleich sie uns im Frieden gut behandelt haben, jetzt im Kriege von ihnen abfallen.
- 3.10.1
„Zunächst also ein Wort zur Rechtfertigung dieses Ab- falles und über unsere Ehrlichkeit, grade weil uns es um ein Bündnis mit euch zu tun ist. Denn wir wissen, daß, wie zwischen einzelnen keine echte Freundschaft, so auch zwischen Staaten kein wirkliches Einvernehmen möglich ist, wenn sie nicht gegenseitig an ihre Ehrlichkeit glauben und nicht in jeder Beziehung gleiche Anschauungen von Pflicht und Ehre mit bringen. Ohne Übereinstimmung darin hat es auch mit dem Bündnis kurze Wege. Unser Bündnis mit den Athenern stammt aus der Zeit, wo ihr euch vom Perserkriege zurückzogt, während sie aushielten, um ihn vollends auszufechten. Dies Bündnis gingen wir aber nicht ein, um den Athenern zur Herrschaft über die Griechen zu verhelfen, sondern um die Griechen von der Herrschaft der Perser zu befreien. Solange sie bei ihrem Oberbefehl niemand zu nahe traten, gingen wir bereitwillig mit ihnen. Als wir aber sahen, wie ihre Feindschaft gegen die Perser nachließ und ihr Absehen immer mehr ans die Unter drückung der Bundesgenossen gerichtet war, wurde uns die Sache bedenklich. Die Bundesgenossen aber waren bei ihrer Vielköpfigkeit nicht unter einen Hut zu bringen, konnten sich gegen die Athener nicht wehren und wurden bis auf uns und die Chier ihre Untertanen. Wir blieben allerdings unabhängig, mußten aber unter dem Namen freier Bundesgenossen ihre Kriege mitmachen. Nach dem, was anderswo vorgekommen, konnten wir jedoch zu dem Oberbefehl der Athener kein Ver trauen mehr haben. Denn wie sie die anderen, welche mit uns ihre Bundesgenossen geworden waren, unterjocht hatten, so würden sie es sicher mit uns beiden bei erster Gelegenheit auch gemacht haben.
- 3.11.1
„Wären wir alle noch unabhängig, so könnten wir schon eher darauf rechnen, daß sie uns unsere Unabhängigkeit auch ferner lassen würden. Da aber die meisten schon ihre Unter tanen sind, während sie mit uns noch auf gleichem Fuß ver kehren müssen, so ist ihnen natürlich schon den anderen gegen über, die sich ihnen gefügt haben, diese uns allein verbliebene Gleichberechtigung höchst unbequem, zumal sie inzwischen immer mächtiger geworden, wir aber mehr und mehr auf uns allein angewiesen sind. Ein Bündnis hat nur Bestand, wenn beide Teile sich gegenseitig fürchten; denn dann läßt auch der, welcher dem anderen was am Zeuge flicken möchte, ihn doch lieber in Ruhe, weil er weiß, daß er ihn nicht mit überlegener Macht angreifen kann. Uns aber haben sie unsere Unabhängigkeit nur deshalb gelassen, um den Schein zu meiden, als hätten sie ihre Herrschaft nicht durch ehrliche und einsichtige Politik, sondern durch Gewalt erworben. Zugleich dienten wir ihnen als Beweis für die Gerechtigkeit ihrer Sache, da Staaten mit gleichem Stimmrecht denn doch nicht freiwillig mit ihnen zu Felde ziehen würden, wenn der Gegner nicht im Unrecht wäre. Ebenso gingen sie zumeist mit Hilfe der Stärkeren gegen die Schwächeren vor, so daß die letzten, welche sie übergelassen, dann um so schwächer waren. Hätten sie mit uns den Anfang gemacht, als alle noch bei Kräften und noch bündnisfähige Staaten vorhanden waren, so wären sie damit so leicht nicht fertig geworden. Auch fürchteten sie sich wohl vor unserer Flotte, die mit eurer oder einer anderen zusammen ihnen hätte gefährlich werden können. Endlich ließ man uns auch deshalb in Ruhe, weil wir uns ihrer Stadt und den Männern, welche jeweilig an der Spitze standen, beständig gefällig er wiesen. Schwerlich aber hätten wir uns noch lange behaupten können, wäre nicht dieser Krieg ausgebrochen; so viel konnten wir uns nach dem, wie es den andern ergangen war, an den Fingern abzählen.
- 3.12.1
„War denn das eine Freundschaft oder eine Gewähr der Freiheit, wenn wir uns einander gegen unseres Herzens Meinung höflich behandelten, sie uns im Kriege aus Furcht um den Bart gingen und wir es im Frieden ebenso machten? Während man sich sonst bei einem Bündnis grade auf gegen seitiges Wohlwollen verläßt, war es bei uns Furcht, was uns zusammenhielt; nur aus Furcht, nicht aus Liebe sind wir Bundesgenossen geblieben. Wer von uns beiden es ohne Gefahr zuerst hätte wagen können, würde sich nicht lange be sonnen haben, das Bündnis zuerst zu brechen. Also, wenn man etwa meint, es wäre unrecht von uns gewesen, gleich von ihnen abzufallen, weil sie mit dem Beginn der Feind seligkeiten noch zögerten, wir hätten vielmehr damit warten sollen, bis wir gewiß waren, daß es wirklich dazu kommen würde, so ist das nicht richtig. Ja, wenn wir in dieser Hin sicht jederzeit ihnen gegenüber gleiches Spiel gehabt hätten, so hätten wir uns freilich nach ihnen richten müssen; allein da sie es in der Hand hatten, uns jeden Augenblick anzugreifen, so mußte es auch uns freistehen, uns dagegen beizeiten vor zusehen.
- 3.13.1
„Das, Lakedämonier und Bundesgenossen, sind die Gründe, welche unseren Abfall erklären und rechtfertigen. Sie werden genügen, um euch zu überzeugen, daß wir richtig gehandelt haben, und jedem begreiflich machen, daß wir uns vorsehen und auf unsere Sicherheit Bedacht nehmen mußten. Wir wollten ja schon früher von ihnen abfallen, damals, als wir noch im Frieden deswegen zu euch schickten, aber damals mußten wir die Sache aufgeben, weil ihr uns nicht haben wolltet. Jetzt aber sind wir der Aufforderung der Böotier sogleich nachgekommen und haben uns von unseren bisherigen Bundesgenossen aus dem doppelten Grunde getrennt, einmal um den Athenern nicht länger zur Unterdrückung der Griechen die Hand zu bieten und diese befreien zu helfen, sodann aber auch um uns selbst für die Zukunft vor Gewaltstreichen der Athener sicherzustellen. Unser Abfall ist freilich reichlich schnell und unvorbereitet erfolgt. Um so mehr müßt ihr uns deshalb in euren Bund aufnehmen und uns unverzüglich Hilfe schicken, um zu beweisen, daß ihr Manns genug seid, anderen in der Not zu helfen und dadurch zugleich euern Feinden Ab bruch zu tun. Dazu aber bietet sich eben jetzt eine Gelegen heit wie nie zuvor. Die Kräfte der Athener sind durch die Pest und große Ausgaben erschöpft; ihre Schiffe befinden sich zum Teil hier in euren Gewässern, zum Teil sind sie drüben bei uns beschäftigt. Wahrscheinlich haben sie nicht Schiffe genug, wenn ihr ihnen in diesem Sommer zugleich mit der Flotte und dem Heere zum zweitenmal ins Land fielt; ent weder also würden sie sich gegen eure Flotte nicht wehren können oder ihre Schiffe hüben und drüben zurückziehen müssen. Glaubt ja nicht, euch eines fremden Landes wegen in Gefahr zu stürzen. Meint man, Lesbos läge weit weg, so liegen doch die Vorteile, die es bietet, nahe genug. Denn nicht in Attika, wie man glauben möchte, wird der Krieg ausgefochten werden, sondern da, wo die Hilfsquellen der Athener fließen. Ihre Einnahmen aber haben sie von den Bundesgenossen, und die werden noch größer werden, wenn sie auch uns erst unter worfen haben. Denn abfallen wird dann niemand weiter; unsere Steuern aber werden hinzukommen, und wahrscheinlich würden wir noch ärger bluten müssen als ihre alten Unter tanen. Kommt ihr uns aber bereitwillig zu Hilfe, so gewinnt ihr eine Stadt mit einer tsarken Flotte, woran es euch grade fehlt, und werdet um so eher mit den Athenern fertig werden, indem ihr ihnen ihre Bundesgenossen entzieht; denn dann werden sie Vertrauen zu euch fassen und alle mit Freuden zu euch übergehen, und man wird euch nicht länger vorwerfen können, daß ihr die Städte im Stich ließt, die von den Athenern abfallen wollen. Sieht man nur erst, daß ihr als Befreier kommt, so habt ihr gewonnen Spiet und werdet als Sieger auS dem Kriege hervorgehen.
- 3.14.1
„Laßt also die Hoffnungen, die man in Griechenland auf euch setzt, nicht zuschanden werden und scheut den olympischen Zeus, in dessen Heiligtum wir gleich Schutzflehenden erscheinen. Nehmt uns als Bundesgenossen an und steht uns bei. Laßt uns nicht im Stich in dem Augenblick, wo wir Leib und Leben wagen, ihr alle aber, wenn es uns glückt, den Gewinn - erst recht aber, wenn ihr euch uns versagt und wir das Spiel verlieren, den Verlust mit uns teilen werdet. Bewährt euch als die Männer, für die man euch in Griechenland hält und wie unsere Not sie erheischt."
- 3.15.1
So die Mytilener. Die Lakedämonier und die Bundes genossen, die sie angehört, gaben ihnen recht und nahmen Lesbos in ihren Bund auf. Die Lakedämonier aber befahlen den dort versammelten Bundesgenossen, sich zu dem beabsichtigten Einfall nach Attika unverzüglich mit zwei Dritteln ihrer Mann schaft auf dem Isthmus einzufinden, wo sie denn auch selbst als die Ersten zur Stelle waren. Auf dem Isthmus machten sie Anstalt, die Schiffe über Land auf Walzen aus dem Ko rinthischen Meerbusen in die Athenische See hinüberzuziehen, um den Feind gleichzeitig zu Wasser und zu Lande anzugreifen. Sie selbst entwickelten dabei großen Eifer, während die übrigen Bundesgenossen, die mit der Ernte beschäftigt waren und keine rechte Lust zum Kriege hatten, sich nur langsam einfanden.
- 3.16.1
Die Athener merkten recht gut, daß sie diese Rüstungen betrieben, weil man ihre Kräfte unterschätzte, und wollten ihnen beweisen, daß man sich darin geirrt und sie ihrerseits sehr wohl imstande seien, der vom Peloponnes kommenden Flotte die Spitze zu bieten, auch ohne ihre Schiffe von Lesbos zurückzuziehen. Sie stellten gleich hundert Schiffe in Dienst, deren Mannschaft sie teils aus der Bürgerschaft - mit Aus nahme der Ritter und Fünfhundertscheffler -, teils aus den Schutzverwandten entnahmen, und gingen damit in See, zeigten sich am Isthmus und landeten im Peloponnes überall nach Belieben. Beim Anblick dieser Flotte, der ihnen völlig uner wartet kam, glaubten die Lakedämonier, die Mytilener hätten ihnen nicht die Wahrheit gesagt, und trauten deshalb ihrer Sache nicht. Da überdies die Bundesgenossen ausblieben und sie dann gar noch die Nachricht erhielten, daß die um den Peloponnes kreuzenden dreißig Schiffe der Athener die Um gegend ihrer Hauptstadt verwütseten, gingen sie wieder nach Hause. Später rüsteten sie dann doch eine Flotte, um sie nach Lesbos zu schicken, zu der die einzelnen Städte im ganzen vierzig Schiffe stellen mußten. Den Oberbefehl darüber erhielt Alkidas, der damit nach Lesbos abgehen sollte. Als die Athener sahen, daß die Gegner abgezogen waren, gingen sie mit ihren hundert Schiffen wieder nach Hause.
- 3.17.1
Niemals haben die Athener so viel stattliche Schiffe zu gleich im Dienst gehabt wie zu der Zeit, wo diese hundert in See gingen; höchstens etwa bei Beginn des Krieges hatten sie ebenso viele, vielleicht gar noch mehr. Hundert nämlich dienten zur Bedeckung von Attika, Euboia und Salamis; weitere hundert befanden sich in den peloponnesischen Gewässern; dazu kamen die bei Potidäa und auf sonstigen Stationen, so daß sie in dem einen Sommer im ganzen zweihuudertfuufzig Schiffe zugleich im Dienst hatten. Namentlich dadurch aber und durch Potidäa waren ihre Kassen allmählich leer geworden. Bei der Belagerung von Potidäa erhielt der Hoplit täglich zwei Drachmen, eine für sich und eine für seinen Diener. Ihre Zahl betrug gleich anfangs dreitausend, und so hoch blieb sie bis zu Ende der Belagerung. Dazu noch die sechzehnhundert unter Phormion, die jedoch schon vorher wieder abzogen. Der selbe Sold wurde sämtlichen Schiffen gezahlt. So war das Geld bei ihnen schon vorher nach und nach draufgegangen, und nun hatten sie gar diese gewaltige Flotte ausgerüstet.
- 3.18.1
Um dieselbe Zeit, wo die Lakedämonier am Isthmus standen, unternahmen die Mytilener mit ihren Hilfsvölkern zu Lande einen Zug gegen Metymna, auf dessen Übergabe durch Verrat sie hofften, und machten auch einen Angriff auf die Stadt. Da sie damit jedoch nicht den erwarteten Erfolg hatten, wandten sie sich nach Antissa, Pyrrha und Eresos, trafen hier Einrichtungen, um sich dieser Städte zu versichern, und ließen deren Mauern verstärken, gingen dann aber schnell wieder nach Hause. Als sie wieder fort waren, zogen nun auch die Metymner auf Antissa, wurden aber von den Einwohnern und ihren Hilfsvölkern bei einem Ausfall geschlagen und ließen dabei viele Tote auf dem Platze, worauf die übrigen schleunig wieder abzogen. Als die Athener hörten, daß die Mytilener auf der Insel nach wie vor ihr Wesen trieben und ihre eigenen Streitkräfte dort nicht ausreichten, um die Stadt einzuschließen, schickten sie zu Anfang des Herbstes tausend Hopliten aus der Bürgerschaft unter Paches, Epikuros' Sohn, nach Mytilene. Nachdem diese, die unterwegs den Ruderdienst an Bord selbst verrichtet hatten, dort angekommen waren, umgaben sie die Stadt ringsum mit einer einfachen Mauer, in die jedoch hie und da an den herrshcenden Stellen stärkere Werke eingebaut wurden. So war denn, als der Winter ins Land kam, Mytilene zugleich von der Land- wie von der Seeseite fest eingeschlossen.
- 3.19.1
Da die Athener für die Belagerung mehr Geld nötig hatten, brachten sie, damals zum ersten Male, eine Kriegssteuer auf im Betrage von zweihundert Talenten, sandten auch, um Steuern bei den Bundesgenossen zu erheben, zwölf Schiffe aus, welche Lysikles selbfünfter befehligte. Der machte mit seinen Schiffen die Runde, um überall Geld einzutreiben, wurde dann aber, als er dabei auch nach Karien kam und über Myus durch die Maiandrosebene bis zur Sandoshöhe vordrang, von den Karern und Anaiiten überfallen und mit vielen seiner Leute ershclagen.
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In diesem Winter litten die Platäer, die noch immer von den Peloponnesiern und den Böotiern belagert wurden, große Not, weil ihnen die Lebensmittel ausgingen. Auf Hilfe von Athen war nicht zu rechnen und auch sonst keine Hoff nung auf Rettung mehr vorhanden. Sie und die mit ihnen in der Stadt befindlichen Athener faßten deshalb zuerst den Plan, allesamt aus der Stadt abzuziehen, über die Mauer der Feinde zu steigen und sich womöglich durchzuschlagen. Theaine tos, Tolmides' Sohn, ein Wahrsager, und Eupompidas, Dai machos' Sohn, der auch den Oberbefehl in der Stadt führte, waren es, die das vorgeschlagen hatten. Nachher aber wurde etwa die Hälfte doch wieder bedenklich, weil man die Sache für allzu gefährlich hielt. Schließlich blieben nur etwa zwei hundertzwanzig fest und entschlossen, den Ausfall zu wagen, den sie dann auch auf folgende Weise ausführten. Sie machten sich Leitern von gleicher Höhe wie die Mauer der Feinde, die i sie an der Zahl der Backsteinschichten abmaßen an einer Stelle, wo die Mauer nach der Stadtseite nicht verputzt war. Die Schichten wurden von mehreren zugleich gezählt, damit, wenn sich dabei der eine oder andere auch verzählte, die Überein stimmung der Mehrheit doch das Richtige ergäbe, zumal da wiederholt gezählt wurde und das Stück Mauer, worauf es ankam, ziemlich nah und deutlich zu sehen war. Aus der Dicke des einzelnen Backsteins berechneten sie dann die Höhe und ge wannen dadurch das Maß für die nötige Länge der Leitern.
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Die Mauer der Peloponnesier aber war auf folgende Weise gebaut. Sie bestand aus zwei Ringmauern, von denen die eine gegen Platää, die andere, äußere, gegen einen etwaigen Angriff von Athen her gerichtet war. Der Abstand zwischen beiden betrug ungefähr sechzehn Fuß. Dieser Zwishcenraum von sechzehn Fuß war zu Wohnungen für die Besatzung ein geteilt und ausgebaut, alle so dicht beieinander, daß das Ganze wie eine einzige dicke Mauer aussah, die auf beiden Seiten mit Zinnen versehen war. Bei jeder zehnten Zinne befand sich ein hoher Turm von derselben Breite wie die Mauer, der von der inneren bis zur äußeren Seite reichte, so daß man an den Türmen nicht vorbeigehen konnte, sondern mitten durch sie hindurch mußte. Bei Sturm und Regenwetter aber blieb die Mannschaft nachts nicht an den Zinnen, sondern versah den Wachdienst von den Türmen, die ziemlich nah aneinander standen und oben ein Dach hatten. So war die Mauer be schaffen, mit der die Platäer eingeschlossen waren.
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Diese warteten, nachdem sie ihre Vorbereitungen getroffen, zu ihrem Ausfall eine mondlose, nasse und stürmische Nacht ab, bei dem dann die Männer, welche den Plan angegeben, auch die Führung übernahmen. Zuerst durchschritten sie den Graben, der um die Stadt ging; darauf gelangten sie an die Mauer der Feinde, ohne von den Wachen bemerkt zu werden, die sie im Dunkeln nicht sehen und das Geräusch ihrer Tritte nicht hören konnten, da der Wind gegen den Schall war. Auch gingen sie in größeren Abständen voneinander, um durch das Zusammenstoßen ihrer Waffen keine Aufmerksamkeit zu erregen. Dabei trugen sie bloß leichte Rüstung und nur auf dem linken Fuße einen Schuh, um im Kot sicherer zutreten zu können. Zum Aufstieg auf die Mauer wählten sie eine Stelle zwischen zwei Türmen, weil sie wußten, daß die Zinnen unbesetzt waren. Die Leiterträger gingen voran und setzten ihre Leitern an. Dann stiegen zwölf Leichtbewaffnete, nur mit Dolch und Brust harnisch, hinauf, und Ammeas, Koroibos' Sohn, der sie an führte, war der erste auf der Mauer. Oben angekommen, wandten sich je sechs gegen einen der beiden Türme. Nach ihnen kamen andere Leichtbewaffnete mit kurzen Spießen, denen, damit sie leichter hinaufkämen, ihre Schilde von anderen nach getragen wurden, um sie ihnen erst zu geben, wenn es zum Kampf käme. Als schon eine größere Anzahl oben war, wurden die Wachen auf den Türmen es gewahr. Ein Platäer, der sich an einer Zinne halten wollte, riß nämlich dabei einen Backstein los, der mit Geräusch hinunterfiel. Nun wurde Lärm geschlagen, und die ganze Mannschaft rückte auf die Mauer, wußte aber in der sinsteren stürmischen Nacht immer noch nicht, was wirklich los war. Obendrein machten die in der Stadt gebliebenen Platäer in entgegengesetzter Richtung, wie ihre tapferen Landsleute abziehen wollten, einen Ausfall gegen die Mauer der Peloponnesier, um die Aufmerksamkeit der Feinde von ihnen abzulenken. Diese aber blieben in ihrer Bestürzung da, wo sie waren, wußten nicht, was sie aus der Sache machen sollten, und niemand getraute sich, seinen Posten zu verlassen, um anderen zu Hilfe zu kommen. Die für Not fälle bereitgehalteuen Dreihundert rückten außerhalb der Mauer dorthin, wo Lärm geschlagen wurde, und auf der Seite nach Theben zu zündete man Lärmfeuer an. Die Platäer in der Stadt aber zündeten auf der Stadtmauer auch eine Menge Feuer an, worauf sie sich schon vorher eingerichtet hatten, um die Feinde irrezumachen und in den Glauben zu versetzen, es hätte etwas anderes zu bedeuten, damit sie nicht herüberkämen, bevor ihre abziehenden Landsleute glücklich durch und in Sicher heit wären.
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Unterdessen hatten diese gleich, nachdem die ersten oben angekommen waren, die Wachen niedergestoßen und sich beider Türme bemächtigt, zur Sicherung gegen Angriffe von der anderen Seite die Durchgänge besetzt, auch von der Mauer Leitern an die Türme gelegt und eine Anzahl ihrer Leute hinaufsteigen lassen, um sich durch Schießen von unten und oben die Feinde vom Leibe zu halten. Mittlerweile setzten auch alle die übrigen drunten am Fuße der Mauer immer mehr Leitern an, rissen die Zinnen ab und stiegen zwischen den Türmen durch über die Mauer. Wer glücklich hinüber war, stellte sich gleich am Grabenrande auf, um jeden Feind, der sich etwa an der Mauer vorwagen und das Übersteigen hindern wollte, mit Pfeilen und Wurfspießen zu beschießen. Als alle hinüber waren, kamen zuletzt auch die Leute wieder von den Türmen herunter und gelangten mit knapper Not an den Graben grade in dem Augenblick, wo die Dreihundert mit Fackeln in den Händen auf sie zukamen. Die Platäer aber im Dunkeln am Grabenrande konnten diese besser sehen und zielten mit Pfeilen und Wurfspießen auf ihre ungeschützten Körperteile, während sie selbst im Dunkeln beim Fackelschein nicht so gut zu sehen waren. So gelangten sie dann alle bis auf den letzten Mann glücklich über den Graben, allerdings nur unter großen Schwierigkeiten und Anstrengungen; denn er war zwar zugefroren, aber das Eis hielt nicht, sondern war bloßes Wassereis, wie es sich bei dem herrshcenden Nord- oder Ostwinde gebildet hatte, und infolge des dabei die Nacht durch gefallenen Schnees war das Wasser im Graben so gestiegen, daß es ihnen fast bis an den Kopf ging. In mancher Hin sicht freilich kam ihnen das Unwetter bei ihrer Flucht auch zustatten.
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Vom Graben auS schlugen die Platäer nunmehr in Reih und Glied den Weg nach Theben ein, wobei sie den Tempel deS Heros Androkrates rechts liegen ließen. Sie glaubten nämlich, der Feind werde nichts weniger vermuten, als daß sie den Weg in Feindesland wählen würden. Auch konnten sie sich alsbald davon überzeugen, daß die Peloponnesier sie auf dem Wege nach dem Kythäron und Dryos-Kephalai, der nach Athen führt, bei Fackelschein verfolgten. Etwa sechs bis sieben Stadien blieben sie auf dem Wege nach Theben; dann wandten sie sich seitwärts und schlugen den Weg ins Gebirge nach Erythrai und Hysiai ein, gingen über das Gebirge und gelangten, ihrer im ganzen noch zweihundertzwölf Mann, glücklich nach Athen; denn einige von ihnen waren schon, bevor sie über die Mauer stiegen, wieder umgekehrt, und einer, ein Bogen schütz, war am äußeren Graben den Feinden in die Hände gefallen. Die Peloponnesier aber gaben die Verfolgung auf und kehrten wieder an die alte Stelle zurück. Die Platäer in der Stadt wußten nichts davon, daß die Sache gut abgelaufen war, hatten vielmehr von den in die Stadt Zurückgekehrten gehört, daß keiner mit dem Leben davongekommen sei. Sie schickten deshalb bei Tagesanbruch einen Herold hinaus, um einen Waffenstillstand zur Bestattung der Toten zu erbitten, beruhigten sich dann aber, als sie die Wahrheit erfuhren. So gelangten die tapferen Platäer über die Mauer und in Sicherheit.
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Aus Lakedämon schickte man gegen Ende dieses Winters den Lakedämonier Salaithos auf einer Triere nach Mytilene. Nachdem sein Schiff bei Pyrrha angelegt, ging er von da zu Lande weiter und gelangte durch ein Rinnsal an eine Stelle, wo man über die feindliche Umwallung kommen konnte, un bemerkt nach Mytilene. Hier teilte er der Regierung mit, daß wirklich ein Einfall nach Attika gemacht werden solle und die zu ihrem Entsatz bestimmten Schiffe bereits unterwegs seien. Er selbst sei deswegen vorausgeschickt und solle sich überhaupt ihrer annehmen. Nun faßten die Mytilener neuen Mut und wollten von Verhandlungen mit den Athenern nichts mehr . wissen. Damit endete dieser Winter und das vierte Jahr des Krieges, den Thukydides beschrieben hat.
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Im folgenden Sommer schickten die Peloponnesier Alkidas, den Befehlshaber ihrer Flotte, mit zweiundvierzig Schiffen nach Mytilene; gleichzeitig fielen sie und ihre Bundesgenossen nach Attika ein, um die Athener von zwei Seiten zu beschäf tigen und an der Verfolgung der nach Mytilene gehenden Schiffe zu hindern. Den Oberbefehl führte diesmal Kleomenes an Stelle des noch unmündigen Königs Pausanias, Pleisto anax' Sohn, dessen Oheim er war. Sie verwüsteten Attika überall, wo in den früher verheerten Gegenden wieder was gewachsen, oder wo es bei den vorigen Einfällen verschont geblieben war, und dieser Einfall wurde nächst dem zweiten der schlimmste für die Athener. Denn die Feinde, die immer auf Nachricht von Mytilene warteten, ob ihre Schiffe dort glücklich angekommen, durchstreiften mittlerweile das ganze Land und verheerten es weit und breit. Als sie aber immer ver gebens warteten und die Lebensmittel ihnen ausgingen, zogen sie wieder ab, ein jeder in seine Heimat.
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Inzwischen sahen sich die Mytilener, da die Schiffe vom Peloponnes immer noch nicht ankamen und die Lebensmittel ihnen ausgingen, doch genötigt, sich den Athenern zu ergeben, und das kam so: Salaithos, der selbst schon nicht mehr auf die Schiffe rechnete, beabsichtigte, einen Ausfall gegen die Athener zu machen, und hatte dazu dem Volke, das bis dahin nur leichte Waffen führte, schwere Rüstungen geben lassen. Als die Leute solche Waffen hatten, wollten sie jedoch der Regierung nicht länger gehorchen, rotteten sich zusammen und verlangten, die großen Herren sollten mit ihrem Kornvorrat herausrücken und ihn unter das Volk verteilen, sonst würden sie sich mit den Athenern in Verbindung setzen und ihnen die Stadt übergeben.
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Die Mitglieder der Regierung sahen ein, daß dagegen nichts zu machen war, und daß es gefährlich für sie sein würde, wenn der Vertrag ohne sie zustande käme. Sie schlossen des halb im Namen der ganzen Bürgerschaft mit Paches und dessen Heere einen Vergleich, wonach sich die Stadt den Athenern auf Gnade und Ungnade ergab, die Mytilener die Truppen in die Stadt aufnehmen, ihrerseits aber Gesandte nach Athen schicken sollten, um ihre Sache dort zu führen. Jedoch sollte Paches bis zu deren Rückkehr keinen Mytilener ins Gefängnis legen, als Sklaven verkaufen oder hinrichten lassen. So war es in dem Vergleiche ausgemacht. Die Hauptanhänger der Lakedämonier in der Stadt trauten gleichwohl der Sache nicht, sondern flüchteten beim Einzüge der Athener in der Angst auf die Altäre. Paches aber ließ sie aufstehen, da man ihnen nichts zuleide tun werde, und sie nach Tenedos in Verwahrung bringen, bis in Athen eine Entscheidung getroffen sein würde. Hierauf schickte er ein paar Kriegsschiffe nach Antissa und nahm es ebenfalls in Besitz und traf auch im übrigen in betreff seiner Streitkräfte alle ihm zweckmäßig erscheinenden Anordnungen.
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Die Peloponnesier auf den vierzig Schiffen hatten, statt sich möglichst zu beeilen, schon in den peloponnesischen Ge wässern viel Zeit verloren und auch nachher ihre Fahrt nur langsam fortgesetzt. In Athen aber hatte man weiter nichts mehr von ihnen gehört, bis sie bei Delos ershcienen waren. Als sie von da nach Mykonos und Ikaros kamen, erhielten sie die erste Nachricht, daß Mytilene genommen wäre. Um sich darüber zu vergewissern, fuhren sie weiter nach Embaton bei Erythrai, wo sie etwa acht Tage nach der Einnahme von Mytilene eintrafen. Nachdem sie hier die volle Gewißheit er halten hatten, überlegten sie, was nun zu tun sei, wobei Tautiaplos aus EliS sie also anredete:
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„Alkidas und ihr peloponnesischen Befehlshaber hier, ich schlage vor, jetzt auf der Stelle nach Mytilene zu fahren, ehe dort etwas von unserem Kommen verlautet. Denn sicherlich werden wir die Athener in der eben eroberten Stadt in größter Sorglosigkeit überraschen, zumal sie einen feindlichen Angriff von der See für gänzlich ausgeschlossen halten, wo wir ihnen grade jetzt völlig gewahcsen sind. Wahrscheinlich werden sich auch ihre Truppen im Hochgefühl des Sieges ganz sorglos in die Häuser zerstreut haben. Wenn wir also plötzlich und bei Nacht über sie herfallen, so wird es uns hoffentlich mit Hilfe unserer unter der Einwohnerschaft doch wohl immer noch vorhandenen Freunde gelingen, uns der Stadt wieder zu be mächtigen. Laßt uns deshalb unbedenklich den Versuch wagen, da wir hier einmal Gelegenheit zu einem solchen plötzlichen Überfall haben, vor dem ein Feldherr sich selbst freilich nicht genug hüten kann, die er aber, wenn der Feind sie ihm bietet, ergreifen muß, wenn er überhaupt etwas erreichen will."
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Alkidas wollte sich jedoch darauf nicht einlassen. Nun wurde ihm von anderen, ionischen Flüchtlingen und Lesbiern, die mit auf der Flotte waren, empfohlen, wenn er den Vor schlag für zu gefährlich hielte, so möge er wenigstens eine der ionischen Städte oder auch das äolische Kyme besetzen und von dort aus Jonien zum Abfall zu bringen suchen. Hoffnung dazu sei vorhanden; denn unerwünscht seien sie hier keinem gekommen. Den Athenern aber würde damit ihre ergiebigste Einnahmequelle entzogen, und wenn sie dann gar zu einer Blockade schritten, würden sie sich obendrein noch in Unkosten stürzen müssen. Wahrscheinlich würde sich auch Pissuthnes wohl zu einem Bündnis mit ihnen verstehen. Aber auch darauf ging Alkidas nicht ein; denn nachdem er bei Mytilene doch einmal zu spät gekommen, war ihm nur darum zu tun, so schnell wie möglich wieder nach dem Peloponnes zu gelangen.
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Er ging also von Embaton wieder in See und fuhr an der Küste entlang nach Myonnesos im Gebiete der Tejer, wo er die unterwegs gemachten Gefangenen größtenteils umbringen ließ. Als er darauf bei EphesoS wieder vor Anker ging, er schienen bei ihm Gesandte der Samier aus Anaia und er klärten ihm, das sei eine schöne Befreiung von Griechenland, Leute umbringen zu lassen, die keine Hand gegen ihn erhoben, Leute, die gar nicht einmal seine Feinde seien, sondern es nur gezwungen mit den Athenern hielten; wenn das so weiter- ginge, so werde er schwerlich viel Feinde auf seine Seite ziehen, wohl aber-sich viele alte Freunde zu Feinden machen. DaS ließ er sich denn auch zur Lehre dienen und setzte eine Anzahl Chier und einige andere, die er noch bei sich hatte, auf freien Fuß. Denn wenn die Leute seine Schiffe kommen sahen, er griffen sie nicht etwa die Flucht, sondern gingen ganz un bedenklich an sie heran, weil sie sie für attische hielten und es ihnen bei der Übermacht der Athener zur See gar nicht in den Sinn kam, daß sich peloponnesische Schiffe nach Jonien herübergewagt haben könnten.
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Von Ephesos machte sich Alkidas mit der Flotte eiligst davon auf die Flucht. Schon als er noch bei Klaros vor Anker lag, war er nämlich von der Salaminia und der Paralos, die grade von Athen kamen, gesehen worden. Aus Furcht, daß man ihn verfolgen werde, hielt er sich deshalb von nun an immer in offener See in der Absicht, bis zum Peloponnes ohne Not nirgends wieder anzulaufen. Paches und die Athener aber hatten aus Erythrai und auch sonst von allen Seiten Nachricht davon erhalten. Denn da die Städte in Jonien nicht befestigt waren, fürchtete man, wenn auch die Peloponnesier sich dort nicht dauernd festsetzen wollten, so könnten sie doch auf ihrer Fahrt die Städte gelegentlich überfallen und brand- schätzen. Nun versicherten ihn die Paralos und die Salaminia, daß sie ihn bei Klaros selbst gesehen hätten. Er machte sich also eilig auf, um ihn zu verfolgen, und kam dabei auch bis zur Insel Patmos. Da er hier einsah, daß er ihn doch nicht mehr einholen würde, kehrte er wieder um. Immerhin war es ihm erwünscht, daß er die feindliche Flotte, die er auf hoher See nicht mehr erreicht, nicht noch irgendwo an Land betroffen hatte, wo er sie in ihrem Schiffslager hätte bewachen und beobachten müssen.
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Als er auf dem Rückwege an der Küste entlang fuhr, legte er bei Notion an, der Hafenstadt von Kolophon, wo sich Kolophoner aus der oberen Stadt angesiedelt hatten, als diese von Itamenes und den Persern erobert worden war, welche eine Partei in der Stadt bei einem Aufstande gerufen hatte. Erobert war sie etwa um die Zeit, als die Peloponnesier zum zweitenmal nach Attika einfielen. In Notion aber waren die Ansiedler unter sich von neuem in Streit geraten. Die einen, die sich von Piffuthnes arkadische und barbarische Söldner er beten hatten, behaupteten einen festungsartig abgeschlossenen Stadtteil und bildeten im Verein mit einer Anzahl persisch gesinnter Kolophoner aus der oberen Stadt einstweilen die Stadtgemeinde; die anderen, die das Feld geräumt hatten und aus der Stadt geflohen waren, riefen Paches zu Hilfe. Paches lud Hippias, den Hauptmann der Arkadier in der Feste, zu einer Unterredung ein und versprach, falls sie nicht einig werden würden, werde er ihn gesund und unversehrt in die Feste zurückbringen lassen. Der kam auch heraus; Paches aber ließ ihn festhalten und ganz unvermutet plötzlich einen Sturm auf die Feste unternehmen, wodurch sie in seine Hände fiel. Die Arkadier und Barbaren drin ließ er niedermachen, hinterher auch Hippias, wie er versprochen, wieder hineinbringen, aber als er drin war, verhaften und erschießen. Den Kolophonern, soweit sie es nicht mit den Persern gehalten, räumte er Notion wieder ein. Später schickten die Athener Bevollmächtigte nach Notion und ließen die Stadt nach athenischen Gesetzen ein richten und die in vershciedene Städte zerstreuten Kolophoner dahin zusammeWehen.
- 3.35.1
Nachdem Paches in Mytilene wieder angekommen war, eroberte er auch Pyrrha und Eresos. Den Lakedämonier Sa laithos, der heimlich in der Stadt geblieben und ihm in die Hände gefallen war, und die nach Tenedos in Verwahrung ge gebenen Mytilener sowie alle, die seiner Meinung nach sonst noch an dem Abfall schuld gewesen, schickte er nach Athen. Den größten Teil seines Heeres entließ er; mit dem Reste blieb er auf Lesbos und ordnete die Verhältnisse von Mytilene und der übrigen Insel nach seinem Ermessen.
- 3.36.1
Als die Mytilener und Salaithos in Athen angekommen waren, ließen die Athener diesen sogleich hinrichten, obgleich er ihnen allerlei Anerbietungen machte, so namentlich, daß er die Peloponnesier zum Abzüge aus Platää bewegen wolle, das noch immer belagert wurde. Danach überlegten sie, was sie mit detl Mytilenern machen wollten, und beschlossen in ihrer Erbitterung, nicht nur die nach Athen gebrachten, sondern alle erwahcsenen Mytilener zu töten, Weiber und Kinder aber als Sklaven zu verkaufen. Hatten sie ihnen den Abfall schon an sich schwer verdacht, da sie nicht wie die übrigen als Unter tanen behandelt waren, so war ihnen vollends die Galle über gelaufen, weil eine peloponnesische Flotte gewagt hatte, nach Jonien zu gehen, um ihnen zu Hilfe zu kommen, da das ihrer Meinung nach darauf schließen ließ, daß der Abfall von langer Hand vorbereitet war. Sie schickten auch eine Triere an Paches ab, um ihm den Beschluß zuzustellen mit dem Befehl, die Mytilener unverzüglich zu töten. Am Tage drauf aber kriegten sie es schon mit der Reue und meinten, es sei doch ein gar zu grausamer Beschluß, nicht nur die Schuldigen, sondern eine ganze Stadt umbringen zu lassen. Sobald die an wesenden Gesandten der Mytilener und deren * Freunde in Athen das merkten, setzten sie alle Hebel in Bewegung, um die Beamten zu vermögen, einen neuen Beschluß fassen zu lassen, worauf diese um so lieber eingingen, weil sie selbst einsahen, daß es der Mehrzahl der Bürger erwünscht sein würde, wenn man ihnen zu einer erneuten Beratung der Sache Gelegenheit gäbe. Es wurde auch gleich eine VolksverßMmlnng berufen, in der verschiedene Redner das Wort nahmen und ihre Meinüng sagten, insbesondere aber auch Kleon, Kleainetos' Sohn, wieder auftrat, der schon den ersten Beschluß, wonach alle getötet werden sollten, durchgesetzt hatte, ein Mann, der überhaupt wie kein anderer in der Bürgerschaft zu Gewalttätigkeiten neigte und damals den weitaus größten Einfluß beim Volke besaß und folgende Rede hielt:
- 3.37.1
„Auch sonst habe ich schon oft Gelegenheit gehabt, mich davon zu überzeugen, wie unfähig ein demokratisches Gemein wesen ist, über andere zu herrshcen, aber noch niemals so wie heute bei euern Gewissensbissen über Mytilene. Weil ihr im täglichen Leben gemütlich und arglos miteinander verkehrt, meint ihr, es mit den Bundesgenossen ebenso machen zu können, und wenn ihr euch durch sie zu Dummheiten beschwatzen oder durch Mitleid dazu verführen laßt, bedenkt ihr nicht, daß euer gutes Herz euch nur Gefahren, aber keinen Dank der Bundes genossen eintragen wird. Daß eure Herrschaft Gewaltherrschaft ist, eure Bundesgenossen euch hassen und nur widerwillig ge horchen, kommt euch nicht in den Sinn. Nicht, wenn ihr sie zu eigenem Schaden mit Liebenswürdigkeit überhäuft, dürft ihr bei ihnen auf Gehorsam rechnen; denn auf ihre Liebe könnt ihr euch nicht verlassen, sondern nur, wenn ihr sie mit eiserner Faust regiert. Das Schlimmste aber ist, wenn es hier nie dabei bleibt, was nun einmal beschlossen ist; wenn wir nicht einsehen, daß ein Staat mit schlechten Gesetzen, die befolgt werden, besser dran ist als mit den vortrefflichsten Gesetzen, um die man sich nicht kümmert; wenn wir nicht einsehen, daß man ohne viel Wissen mit gesundem Menschenverstand weiter- kommt als mit Gelehrsamkeit und Wankelmut, und daß die einfachen Leute sich in der Regel besser aufs Regieren ver stehen als die klugen. Denn die wollen immer noch klüger sein als die Gesetze und etwas Besseres wissen, als was man den Leuten schon gesagt hat, als wenn es nicht sonst noch Gelegenheit genug gäbe, ihre Weisheit auszukramen, was dann dem Staate gemeiniglich nur zum Schaden gereicht. Jene Leute aber, die ihrer eigenen Einsicht nicht trauen, bescheiden sich, nicht klüger zu sein als die Gesetze und nicht das Zeug zu haben, einen tüchtigen Redner zu bekritteln, und grade, weil sie unbefangene Richter und keine Rechtsverdreher und Zungendrescher sind, treffen sie gewöhnlich das Rechte. So müssen auch wir es machen und uns nicht durch unsere Rede fertigkeit und den Ehrgeiz, es anderen an Scharfsinn zuvor zutun, verleiten lassen, dem Volke die Abänderung seines Be schlusses zu empfehlen.
- 3.38.1
„Ich bin immer noch meiner früheren Meinung und be greife nicht, daß man euch noch einmal über Mytilene ver handeln läßt und dadurch einen Aufschub herbeiführt, der nur den Schurken zustatten kommt; denn er dient nur dazu, den gerechten Zorn des Beleidigten gegen den Übeltäter abzu schwächen, während das Unrecht nur durch eine Vergeltung, die ihm auf dem Fuße folgt, angemessen aufgewogen und ge sühnt wird. Es soll mich wundern, wer mir widersprechen wird und euch zu beweisen wagt, daß die Verbrechen der Mytilener uns zum Vorteil, unsere Niederlagen aber den Bundesgenossen zum Nachteil gereichten. Der müßte sich entweder für einen Redner halten, der euch beweisen könnte, daß, was hier ein stimmig angenommen, kein Beschluß gewesen sei, oder be stochen sein, euch durch Spiegelfechterei hinters Licht zu führen. Die Preise solcher Kämpfe verteilt die Stadt an andere, wäh rend sie selbst dafür bluten muß. Und daran seid ihr schuld; denn ihr seid schlechte Kampfrichter; ihr seht die Reden und hört die Tatsachen; künftige Dinge seht ihr so, wie sie euch ein Schönredner als möglich vorspiegelt, geschehene Dinge dagegen, bei denen ihr euch lieber auf die Augen als auf die Ohren verlassen solltet, in dem schlechten Lichte, in dem sie euch ein Schandmaul darzustellen weiß. Auf alles Neue, das man euch bringt, hereinzufallen, darin seid ihr groß; von be währtem Rate aber wollt ihr nichts hören, Sklaven des Außer ordentlichen, Verächter des Gewöhnlichen, die ihr seid. Jeder will möglichst selbst zu Worte kommen, und wenn das nicht, wenigstens mit dem Redner, der es vorbringt, um die Wette dafür eintreten, damit es ja nicht aussieht, als habe man sich seiner Ansicht nur nachträglich angeschlossen. Macht jemand eine treffende Bemerkung, so wollt ihr das immer auch schon gedacht und gemeint haben; aber auch die Folgen zu bedenken, fällt euch nicht ein. Ihr wollt, sozusagen, die Welt ver bessern und seid nicht imstande, die, in der wir nun einmal leben, zu begreifen. Dem Reiz, etwas zu hören, könnt ihr ein fach nicht widerstehen und sitzt hier wie Maulaffen auf den Bänken der Sophisten und nicht wie Männer, die über Staats angelegenheiten verhandeln.
- 3.39.1
„Ich werde versuchen, euch anderes Sinnes zu machen, und euch zeigen, daß Mytilene sich so nichtswürdig gegen euch benommen hat wie keine andere Stadt. Fällt einer von euch ab, weil ihm eure Herrschaft unerträglich war oder der Feind ihn dazu zwingt, so kann auch ich das verzeihen. Diese Leute aber auf ihrer Insel, hinter festen Mauern, die nur von der See einen Angriff unserer Feinde zu fürchten hatten und sich dagegen mit ihrer vortrefflichen Flotte auch selbst sehr wohl wehren konnten, politisch unabhängig und von euch in jeder Weise verzogen, - wenn die das taten, was war das anders als ein Schurkenstreich, kein Abfall - denn über harte Be handlung hatten sie nicht zu klagen sondern ein Anfall, was anders als eine Mache mit unseren Todfeinden, um uns zu vernichten? Das ist ja weit schlimmer, als wenn sie sich aus eigener Kraft zum Kriege mit uns aufgerafft hätten. Aber sie haben sich das Schicksal der andern, die schon früher ihren Abfall haben büßen müssen, nicht zur Warnung dienen lassen, und der glückliche Zustand, in dem sie sich bisher befanden, hat sie nicht abgehalten, sich in Gefahr zu stürzen. Weil sie sich von der Zukunft goldene Berge versprachen und auf Er folge hofften, die weit über ihre Kräfte, wenn auch lange nicht so weit wie ihre Wünsche gingen, haben sie den Krieg begonnen und sich nicht entblödet, Macht vor Recht gehen zu lassen. Denn sobald sie glaubten, mit uns fertig werden zu können, haben sie uns angegriffen, ohne daß wir ihnen etwas zuleide getan hatten. So aber geht es in der Regel, das Glück, daS einer Stadt allzu schnell und unverhofft zuteil wird, steigt ihr zu Kopfe, und gewöhnlich ist es beständiger, wenn man es sauer verdient hat, als wenn es einem unversehens in den Schoß fällt, ja ich möchte sagen, es ist leichter, sich vor Unglück zu hüten, als das Glück an sich zu fesseln. Schon längst hätten wir die Mytilener nicht besser behandeln sollen als die anderen, dann wären sie nicht so übermütig geworden. Denn so sind die Menshcen, behandelt man sie zu rücksichts voll, so überheben sie sich, und es macht ihnen weit mehr Ein druck, wenn man sie kurz hält. Darum sollen sie jetzt auch bestraft werden, so wie sie es verdient haben, und ihr dürft nicht nur die paar Stadtjunker maßregeln und das Volk frei ausgehen lassen. Denn alle ohne Unterschied haben sie gegen uns die Waffen ergriffen, während sie durchaus in der Lage waren, sich für uns zu erklären und nach wie vor eine unab hängige Stadt zu bleiben. Statt dessen glaubten sie sich besser zu stehen, wenn sie den Adelsputsch mitmachten, und fielen mit ab. Ja, wenn ihr Bundesgenossen, die aus freien Stücken von euch abfallen, nicht anders bestrafen wollt als solche, die vom Feinde dazu gezwungen werden, glaubt ihr denn, sie würden nicht alle bei erster Gelegenheit von euch abfallen, da sie Aussicht haben, falls es gut geht, frei zu werden, schlimmsten falls aber immer noch leidlich davonzukommen? Wir aber sind dann in keiner Stadt unseres Lebens und unseres Eigen tums mehr sicher. Gelingt es uns dann auch, eine Stadt wieder zu unterwerfen und zu zerstören, um die Steuern, worauf unsere Macht beruht, ist es für die Zukunft dann doch geschehen. Werden wir aber gar geschlagen, so haben wir uns zu unseren alten Feinden noch neue auf den Hals gezogen und uns gegen unsere eigenen Bundesgenossen unserer Haut zu wehren, während wir schon unsere liebe Not hatten, mit unseren bisherigen Gegnern fertig zu werden.
- 3.40.1
„Wir dürfen ihnen also keine Hoffnung machen, daß wir für Geld und gute Worte zu bewegen sein würden, ihnen für diesmal noch durch die Finger zu sehen. Denn sie haben uns nicht unabsichtlich geschadet, sondern es bewußt und vorsätzlich auf unser Verderben angelegt, und nur, was nicht in böser Absicht geschieht, kann verziehen werden. Ich trete also, wie schon das erstaunt, auch jetzt wieder für den Beschluß ein und warne euch, ihn zu ändern, und euch nicht durch Mitleid, Wohl gefallen an Redekünsten oder übergroßes Zartgefühl, für einen herrshcenden Staat drei der gefährlichsten Schwächen, zu einer Torheit verleiten zu lassen. Mitleid gehört sich gegen seines- gleichen, aber nicht gegen Leute, die mit uns kein Erbarmen haben würden und notwendig immer unsere Feinde sein werden. Die Redner, die euch einen Ohrenschmaus bereiten möchten, werden schon ein andermal Gelegenheit finden, ihre Künste zu zeigen, auch bei minder wichtigen Dingen als heute, wo die Stadt für das kurze Vergnügen schwer wird büßen müssen, jene Herren selbst freilich für ihre schönen Reden auch schön bezahlt werden. Zartgefühl aber ist nur da angebracht, wo man künftig auch selbst auf eine entsprechende Gesinnung rechnen kann, nicht aber Leuten gegenüber, die nichtsdetsoweniger nach wie vor unsere Feinde bleiben werden. Kurz, wenn ihr meinem Rate folgt, so behandelt ihr die Mytilener, wie sie es verdient, und wie es zugleich zu eurem Besten gereicht; wenn ihr aber anders beschließt, so werdet ihr sie damit nicht zu Freunden machen, wohl aber euch selbst das Urteil sprechen. Denn sind sie mit Recht abgefallen, so habt ihr kein Recht, über sie zu herrschen. Wollt ihr eure Herrschaft trotzdem auch wider Ge bühr behaupten, so bleibt euch nichts übrig, als sie auch wider Gebühr zu bestrafen; sonst könnt ihr das Herrshcen nur auf geben und friedliche Spießbürger werden. Entschließt euch also, ihnen gleiches mit gleichem zu vergelten, und zeigt euch, nachdem ihr der Gefahr entgangen seid, nicht unempsind licher als sie, die sie euch zugedacht; denkt auch daran, wie sie es unfehlbar mit euch gemacht hätten, wären sie Sieger ge blieben, zumal sie angefangen haben. Denn wer einem andern ohne Ursache Böses tut, ist der unversöhnlichste Feind, und die Furcht, es könne ihm vergolten werden, läßt ihm keine Ruhe, bis der Gegner vernichtet ist. Ein ohne Not gekränkter und dann doch nicht vernichteter Feind ist ja auch gefährlicher als einer, der den Streit mitverschnldet hat. Werdet also nicht zu Verrätern an euch selbst und stellt euch nur lebhaft vor, wie es euch hätte gehen können, und wie ihr alleS drangesetzt haben würdet, sie zu besiegen. Das laßt sie jetzt entgelten und euch durch ihr gegenwärtiges Schicksal nicht erweichen, und vergeßt nicht, wie drohend die Gefahr soeben noch über euren Häuptern schwebte. Bestraft sie, wie sie es verdient, und macht sie auch den übrigen Bundesgenossen zum warnenden Beispiel, daß auf jeden Abfall Todesstrafe steht. Wenn sie das erst wissen, haben die ewigen Balgereien mit den eigenen Bundesgenossen ein Ende, und ihr habt die Hände frei gegen eure Feinde."
- 3.41.1
So Kleon. Nach ihm trat Diodotos auf, der Sohn des Eukrates, der sich schon in der ersten Versammlung am ent schiedensten gegen die Hinrichtung der Mytilener ausgesprochen hatte, und sagte:
- 3.42.1
„Ich finde nichts dabei zu erinnern, daß man uns heute noch einmal über Mytilene verhandeln läßt, und kann mich keineswegs damit einverstanden erklären, wenn man eine wieder holte Beratung über eine so wichtige Angelegenheit für un zulässig erklären will. Meiner Meinung nach ist dem Zustande- kommen eines vernünftigen Beschlusses nichts hinderlicher als Übereilung und Leidenschaft; jene ist in der Regel die Folge von Unverstand, diese von Beschränktheit und Mangel an Bildung. Wer es für überflüssig erklärt, sich, bevor man handelt, durch Reden belehren zu lassen, ist entweder ein Tor oder ein Schelm, der seinen Zweck dabei hat, ein Tor, wenn er glaubt, sich über die Dinge, die im Dunkel der Zukunft liegen, auf andere Weise Rats erholen zu können, ein Schelm, wenn er eine schlechte Sache durchsetzen will und in der Über zeugung, daß es ihm nicht gelingen wird, schwarz weiß zu machen, nun mit Verleumdungen um sich wirft, um Gegner und Zuhörer irrezumachen. Das Niederträchtigste aber ist, einen gar noch zu verdächtigen, er habe seine Rede für Geld zum besten gegeben. Wirft man einem Redner vor, daß er nichts von der Sache verstehe, so hält man ihn, wenn er durch- fällt, wohl für dumm, aber doch nicht für schlecht. Wird ihm aber Bestechung schuld gegeben, so sieht man ihn mit Arg wohn, wenn er obsiegt, und wenn ihm das nicht gelingt, nicht nur für einen Dummkopf, sondern auch für einen Schurken an. Damit aber ist der Stadt schlecht gedient; denn aus Furcht davor ziehen sich die besten Kräfte vom öffentlichen Leben zurück. Es wäre ein wahres Glück, wenn solchen Läster mäulern das Reden überhaupt verboten würde, denn dann kämen ihre Mitbürger weniger in Gefahr, sich zu Torheiten verleiten zu lassen. Der gute Bürger muß seine Überlegenheit als Redner nicht durch Einschüchterung seiner Gegner, sondern im ehrlichen Kampfe mit gleichen Waffen zu beweisen suchen, und in einem verständigen Gemeinwesen soll man einen be währten Redner zwar nicht mit neuen Ehren überhäufen, aber ihm auch die seine nicht schmälern und den, der mit seiner Ansicht nicht durchdringt, nicht nur nicht bestrafen, sondern nicht einmal über die Achsel ansehen. Dann wird so leicht kein siegreicher Redner den Leuten auch gegen seine bessere Überzeugung aus Ehrgeiz nach dem Munde reden und keiner, der unterlegen ist, sich versucht fühlen, mit solchen Mitteln um die Gunst der Menge zu buhlen.
- 3.43.1
„Wir machen es umgekehrt, ja noch schlimmer. Auch wenn wir überzeugt sind, daß einer recht hat, aber den Ver dacht hegen, daß er bestochen sei, so lassen wir ihn zum offen baren Schaden der Stadt im Stich, weil wir ihm den dann doch bloß vermuteten Gewinn nicht gönnen. Es ist nun einmal bei uns nicht anders; das Gute, gradeheraus gesagt, ist der Verdächtigung nicht minder ausgesetzt als das Schlechte, und wie der ärgste Bösewicht die Leute durch falsche Vorspiege lungen ködern muß, so ist auch der ehrliche Mann genötigt, ihnen Wind vorzumachen, wenn sie ihm glauben sollen. Nur hier in Athen bei unserer Überklugheit ist es unmöglich, dem Staate offen und ehrlich zu dienen. Denn wer offen etwas für ihn tut, wird gleich verdächtigt, im geheimen sein Schäfchen dabei geschoren zu haben. Bei alledem müßt ihr anerkennen, daß wir Redner, wo es sich um die wichtigsten Dinge handelt, doch weiter sehen als ihr in eurer Kurzsichtigkeit, zumal wir für unsere Anträge vor Gericht verantwortlich sind, ihr aber als Zuhörer unverantwortlich seid. Wäre die Sache für den, der den Antrag annimmt, ebenso gefährlich wie für den Redner, der ihn stellt, so würdet ihr nicht so in den Tag hinein be schließen. Jetzt aber laßt ihr in irgendeinem augenblicklichen Ärger allein den Antragsteller dafür büßen, wenn ihr euch verhauen habt, während alle anderen frei ausgehen, so viele ihrer auch mitgesündigt haben.
- 3.44.1
„Ich bin weder aufgetreten, um die Schuld der Mytilener zu bestreiken, noch um sie anzuklagen. Denn für uns kann es sich vernünftigerweise nicht darum handeln, über die Mytilener zu Gericht zu sitzen, sondern nur darum, einen Beschluß zu fassen, wie er unserem Interesse entspricht. Selbst wenn ich der Ansicht wäre, daß sie sich schwer gegen uns vergangen hätten, würde ich dennoch nicht dafür sein, sie hinzurichten, wenn es gegen unser Interesse ginge, und wenn ich ihre Hand lungsweise auch für verzeihlich hielte, würde ich sie ihnen nicht hingehen lassen, wenn es unserer Stadt zum Schaden gereichte. Ich meine, wir sollten bei unserem Beschlusse nicht sowohl die Gegenwart wie die Zukunft im Auge haben. Und wenn Kleon so bestimmt behauptet, es sei vorteilhaft für uns, sie hinrichten zu lassen, weil es dann in Zukunft weniger Abfälle geben würde, so bin ich grade in dieser Beziehung entschieden anderer Ansicht. Hoffentlich laßt ihr euch durch das Bestechende seiner Rede nicht verleiten, meinen praktischen Rat von der Hand zu weisen. Denn da er in seiner Rede mehr den Rechtspunkt betont, könnte er euch bei eurer augenblicklichen Verbitterung gegen die Mytilener leicht mit fortreißen. Aber wir führen ja keinen Prozeß mit den Mytilenern, so daß es nur auf daS Recht ankäme, sondern es handelt sich für uns darum, so mit ihnen zu verfahren, wie es unser Interesse erheischt.
- 3.45.1
„Die staatlichen Gesetze bedrohen viele Vergehen mit Todesstrafe, die nicht so schwer, sondern geringfügiger sind als unser Fall. Trotzdem lassen die Menschen sich dadurch nicht abschrecken, weil sie hoffen, glücklich durchzukommen; wer weiß, daß er dazu keine Aussicht hat, wird sich nicht in Gefahr be geben. Und wo hätte wohl je eine Stadt einen Abfall gewagt, die nicht geglaubt hätte, mit eigenen Kräften oder fremder Hilfe damit durchzukommen? So sind die Menschen; sie sün digen alle, im öffentlichen Leben so gut wie in Privatverhält nissen, und lassen sich davon durch kein Gesetz abhalten, so lange man schon darauf ausgegangen ist, durch Steigerung aller Strafen die Verbrechen zu bekämpfen und ihre Zahl zu vermindern. Sicher tsanden früher auch auf die schwersten Verbrechen weniger harte Strafen. Da die Gesetze jedoch be ständig übertreten wurden, verschärfte man sie mit der Zeit fast alle bis zur Todesstrafe, aber die Verbrechen haben darum nicht abgenommen. Entweder also muß man noch abschreckendere Strafmittel ersinnen, oder es ist überhaupt nichts dagegen zu machen. Bald ist es Armut, denn Not kennt kein Gebot; bald Reichtum, der in frechem Übermut nach fremdem Gut begehrt, oder es sind andere Umstände, welche die Leidenschaften der Menschen mit unwidertsehlicher Gewalt anfachen, was sie immer wieder dazu treibt, mit dem Feuer zu spielen. Überall aber sprechen Hoffnung und Begierde mit; diese geht voran, jene kommt nach; diese macht den Plan, jene verspricht sich goldene Berge davon, und diese unsichtbaren Mächte sind wirk samer als der abshcreckende Anblick blutiger Exekutionen. Auch das Glück trägt sein Teil dazu bei, die Menschen zu betören. Denn da es sich manchmal ganz unverhofft einstellt, so verführt es einen, selbst mit unzureichenden Mitteln etwas zu wagen, und grade vorzugsweise die Staaten, weil es sich bei ihnen um der Menschheit große Gegenstände, um Herrschaft und um Freiheit handelt, der einzelne aber gedankenlos mitmacht und in der Masse ein Held zu sein glaubt. Mit einem Worte, es ist unmöglich und wäre töricht, sich einzubilden, man könne die Menschen durch strenge Gesetze oder sonstige Abschreckungs mittel von Handlungen abhalten, zu denen ihre Natur sie nun einmal treibt.
- 3.46.1
„Wir dürfen uns also nicht durch den Glauben, daß die Todesstrafe uns Bürgschaft gewähre, zu einem verkehrten Be schlusse verleiten lassen, auch unseren abgefallenen Bundes genossen nicht alle Hoffnung nehmen, ihr Unrecht je eher desto besser durch Reue wieder gutmachen zu können. Denn ihr müßt wohl berücksichtigen, daß alsdann eine abgefallene Stadt, wenn sie ihre Sache verloren gibt, sich wahrscheinlich schon zu einem Vergleich verstehen wird, solange sie noch imstande ist, die Kriegskosten zu erstatten und fernerweit Steuern zu zahlen. Meint ihr denn, eine Stadt würde sich nicht noch ganz anders zur Wehr setzen und eine Belagerung bis aufs äußerste aushalten, wenn es schließlich doch einerlei ist, ob sie sich früher oder später ergibt? Und wenn sie sich nicht er gäbe, würden wir nicht den Schaden davon haben und die Kosten einer langwierigen Belagerung in den Kauf nehmen müssen, um, wenn wir sie dann auch wirklich einnähmen, einen Trümmerhaufen zu gewinnen, der uns dann doch keine Steuern mehr einbrächte? Die Steuern aber sind das Rückgrat unserer Macht. Wir dürfen uns also nicht ins eigene Fleisch schneiden, indem wir mit den Schuldigen allzu scharf ins Gericht gehen, müssen vielmehr darauf sehen, sie nur so zu bestrafen, daß sie uns auch künftig noch Steuern bezahlen können, und uns nickt durch rigorose Anwendung der Gesetze, sondern durch behüt same Behandlung unserer Bundesgenossen zu schützen suchen. Das Gegenteil aber tun wir, wenn wir glauben, ein freies, nur gewaltsam unterdrücktes Volk, das aus dem natürlichen Wunsche, wieder unabhängig zu werden, von uns abgefallen ist, nachdem wir es wieder unterworfen haben, so grausam bestrafen zu müssen. Nicht scharf bestrafen nach dem Abfall muß man ein freies Volk, sondern es scharf im Auge haben, ehe es zum Abfall kommt, und dafür sorgen, daß es überhaupt nicht auf solche Gedanken verfällt, und wenn man es wieder unterworfen hat, ihm die Sache möglichst wenig zum Ver brechen machen.
- 3.47.1
„Bedenkt auch weiter, wie verkehrt es noch in anderer Hinsicht sein würde, wolltet ihr mit Kleon gehen. Jetzt hält es das Volk in den Städten überall mit euch. Kommt eS zu einem Abfall der herrschenden Minderheit, so beteiligt es sich daran entweder überhaupt nicht oder verharrt doch, wenn es dazu gezwungen wird, ihr gegenüber in einer ausgesprochen feindlichen Stellung. Kommt es dann zum Kriege gegen die aufständische Stadt, so habt ihr das Volk auf eurer Seite. Laßt ihr jetzt in Mytilene das ganze Volk hinrichten, das an dem Abfall nicht teilgenommen und, nachdem man ihm die Waffen gegeben, euch sogar freiwillig die Tore geöffnet hat, so begeht ihr einmal schweres Unrecht, indem ihr eure Wohl täter tötet, und tut außerdem grade den Aristokraten aller- orten den größten Gefallen. Denn wenn sie künftig eine Stadt zum Abfall bringen wollen, wird das Volk gleich gemein schaftliche Sache mit ihnen machen, da es im voraus weiß, daß ihr den Unschuldigen wie den Schuldigen bestrafen werdet. Aber selbst, wenn es sich wirklich mitschuldig gemacht hätte, müßten wir die Augen davor verschließen, um es mit der ein zigen Partei, die es mit uns hält, nicht auch noch zu verderben. Überhaupt ist es für die Behauptung unserer Herrschaft meiner Meinung nach weit ersprießlicher, unter Umständen einmal ein Unrecht hinzunehmen, als Städte zu vernichten, die wir, selbst wenn wir das Recht dazu hätten, nicht vernichten dürfen. Und wenn Kleon meint, nicht nur das Recht, sondern auch die Zweckmäßigkeit erfordere eine solche Strafe, so ist mir un erfindlich, wie es möglich wäre, hier beides miteinander zu vereinigen.
- 3.48.1
„Darum, wenn ihr überzeugt seid, daß ich recht habe, und nicht an Mitleid und Milde zu viel tun wollt - denn auch ich bin keineswegs dafür, darin zu weit zu gehen-, so macht es aus den angeführten Gründen, wie ich vorschlage, urteilt die Mytilener, welche Paches als die Schuldigen hierher geschickt hat, ruhig ab, die übrigen aber laßt in Frieden. Das ist für die Zukunft das beste und Warnung genug für unsere Feinde. Mit vernünftiger Überlegung kommt man seinen Feinden gegenüber weiter als mit unverständigen Gewalt streichen."
- 3.49.1
So Diodotos. Trotz der Reue über ihren ersten Beschluß entstand unter den Athenern nach diesen Reden, in denen die vershciedenen Standpunkte am schärfsten zum Ausdruck kamen, ein lebhafter Meinungsstreit, und bei der Abstimmung war die Zahl der Stimmen auf beiden Seiten nahezu gleich; doch war die Mehrheit für Diodotos. Auch schickte man gleich mit größter Eile eine zweite Triere ab, damit die erste, beinah vierundzwanzig Stunden früher abgefahrene, nicht eher ankäme und man die Stadt nicht schon vernichtet fände. Die myti lenischen Gesandten hatten Wein und Brot an Bord bringen lassen und der Mannschaft große Versprechungen gemacht, wenn ihr Schiff früher ankäme als das erste. Infolgedessen wurde die Fahrt dergestalt beschleunigt, daß die Leute gleich zeitig ruderten und Nahrung zu sich nahmen, Brot mit Wein und Hl angerührt, und während die eine Hälfte schlief, die andere ruderte. Glücklicherweise herrschte niemals widriger Wind, und da das erste Schiff mit dem Blutbefehl an Bord sich nicht sonderlich beeilt, das andere aber den Weg mit solcher Schnelligkeit zurückgelegt hatte, war das erste nur so viel früher angekommen, daß Paches den Beschluß eben hatte lesen können und im Begriff war, den Befehl auszuführen, als daS zweite ankam und die Stadt rettete. Um ein Haar nur, und Mytilene wäre verloren gewesen.
- 3.50.1
Jene anderen Mytilener aber, welche Paches als die an dem Abfall vorzugsweise Schuldigen herübergeschickt hatte, ließen die Athener auf Kleons Antrag hinrichten; es waren etwas über tausend. Auch schleiften sie die Mauern von Mytilene und ließen sich die Schiffe ausliefern. Hinterdrein legten sie den Lesbiern zwar keine Steuern auf, teilten aber die ganze Insel mit Ausnahme des Gebiets von Methymna in dreitausend Landlose, von denen sie dreihundert als Tempelgut für die Götter ausschieden, die übrigen aber mit athenischen Kleruchen besetzten, denen die Lesbier, die das Land selbst be bauten, von jedem Lose jährlich zwei Minen Zins zahlen mußten. Auch die Besitzungen der Mytilener auf dem Fest lande fielen in die Hände der Athener und standen von nun an unter athenischer Herrschaft. So endete der Abfall von Lesbos.
- 3.51.1
In demselben Sommer nach der Unterwerfung von Lesbos unternahmen die Athener unter Nikias, Nikeratos' Sohn, einen Zug nach der Insel Minoa, Megara gegenüber, wo die Me garer einen Turm erbaut hatten und eine Besatzung unter- hielten. Nikias hielt es für besser, Megara statt von Budoron auf Salamis künftig von hier ans nächster Nähe überwachen zu lassen, damit die Peloponnesier nicht von da, wie das früher vorgekommen war, unbemerkt mit ihren Trieren und Freibeuter- schiffen auskaufen könnten, zugleich auch, um Megara die Zu fuhr abzuschneiden. Zunächst zerstörte er von der See aus mit seinem Geschütz auf der Seite nach Nisaia zu zwei vor springende Türme, und nachdem er sich dadurch den Zugang in den Sund zwischen der Stadt und der Insel geöffnet hatte, sperrte er diese durch eine Mauer gegen das Festland ab, wo man der nicht weit vom Lande liegenden Insel auf einer über das flache Wasser geschlagenen Brücke zu Hilfe kommen konnte. Nachdem man damit in wenig Tagen fertig geworden war, legte er auf der Insel eine Schanze an, in der er eine Besatzung zurückließ, und zog darauf mit seinem Heere wieder ab.
- 3.52.1
Um dieselbe Zeit in diesem Sommer mußten die Platäer, die nichts mehr zu leben hatten und die Belagerung nicht länger aushalten konnten, sich den Peloponnesiern ergeben, und das kam so: Die Peloponnesier unternahmen einen Sturm auf die Stadtmauer, und die Platäer konnten ihn nicht ab wehren. Der lakedämonische Befehlshaber, welcher merkte, daß ihre Kräfte zu Ende gingen, wollte jedoch die Stadt wo möglich nicht mit Sturm nehmen. So war es ihm nämlich aus Lakedämon unter den Fuß gegeben, damit, wenn beim etwaigen Friedensschlüsse mit den Athenern beide Teile sich zur Herausgabe der im Kriege eroberten Plätze verpflichten sollten, Platää als eine freiwillig übergetretene Stadt nicht mit herausgegeben zu werden brauche. Er schickte also einen Herold an sie ab und ließ ihnen sagen, ob sie ihre Stadt nicht lieber freiwillig den Lakedämoniern übergeben und sie als Richter annehmen wollten, wo dann die Schuldigen ihre Strafe erhalten, die Unschuldigen aber frei ausgehen würden. Der Herold richtete seinen Auftrag aus, und da sie mit ihren Kräften völlig zu Ende waren, übergaben sie die Stadt. Die Peloponnesier versahen sie nun einige Tage mit Lebensmitteln, bis die aus Lakedämon erwarteten fünf Richter ankamen. Indessen wurde, als diese eingetroffen waren, eine Anklage überhaupt nicht erhoben, sondern man ließ sie vortreten und legte ihnen einfach die Frage vor, was sie im Laufe deS Krieges für die Lakedämonier und deren Bundesgenossen getan hätten. Sie baten jedoch, sich über die Sache eingehender äußern zu dürfen, und wählten zu dem Ende zwei Männer auS ihrer Mitte, Astymachos, Asopolaos' Sohn, und Lakon, Aeimnesos' Sohn, den dortigen Staatsgastfreund der Lake dämonier, welche nun vortraten und also redeten:
- 3.53.1
„Im Vertrauen auf euch, Lakedämonier, haben wir unsere Stadt übergeben. Wir glaubten bei euch auf ein regelrechtes und kein so formloses Verfahren rechnen zu können, wollten auch niemand als euch, vor denen wir hier tsehen, zu Richten? haben, weil wir von euch am ersten ein gerechtes Urteil er warteten. Jetzt aber müssen wir fürchten, uns in beider Hin sicht geirrt zu haben. Denn wir haben allen Grund zu ver muten, daß kurzer Prozeß mit uns gemacht werden soll, und daß wir an euch keine unparteiischen Richter finden werden. Wir schließen das daraus, daß vorher keine Anklage erhoben und uns zur Erklärung mitgeteilt ist - haben wir doch selbst erst ums Wort bitten müssen -, und weil die Frage so kurz ist. Wenn wir diese der Wahrheit gemäß beantworten, so sind wir verloren; sagen wir aber die Unwahrheit, ist der Gegenbeweis leicht geführt. So bleibt uns nichts anderes übrig, als unser Heil wenigstens mit einer Rede zu versuchen. Denn wer in solcher Lage seine Rede für sich behält, wird sich nachher doch sagen lassen müssen: wenn du sie gehalten hättest, wärest du vielleicht glücklich davongekommen. Zu alle dem kommt für uns noch die Schwierigkeit, Gehör bei euch zu sinden. Wenn wir einander nicht kennten, so würden wir zu unserer Rechtfertigung vielleicht neue, euch noch unbekannte Beweise beibringen können, so aber vermögen wir nichts an zuführen, was euch nicht schon bekannt wäre. Auch fürchten wir nicht sowohl, daß ihr den Stab über uns brecht, weil ihr von vornherein überzeugt seid, unsere Verdienste seien geringer als die euren, als daß ihr uns anderen zu Gefallen vor ein Gericht gestellt habt, welches sein Urteil längst fertig hat.
- 3.54.1
„Gleichwohl werden wir alles anführen, was wir haben, um unser gutes Recht in den Händeln mit den Thebanern zu beweisen, euch auch an unsere Verdienste um ganz Griechen land erinnern und versuchen, euch dadurch günstig zu stimmen. Auf die kurze Frage, was wir im Laufe des Krieges für die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen getan, antworten wir: Fragt ihr uns als Feinde, so dürft ihr euch nicht über uns beklagen, wenn wir nichts für euch getan haben; seht ihr uns aber als Freunde an, so war es grade von euch das größte Unrecht, uns mit Krieg zu überziehet. Im Frieden wie im Perserkriege haben wir uns wacker gehalten. Jetzt haben nicht wir den Frieden zuerst gebrochen, und damals sind wir unter allen Böotiern die einzigen gewesen, welche mit für die Frei heit Griechenlands gefochten haben. Obgleich wir nicht an der See wohnen, haben wir doch zu Schiff bei Artemision mitgekämpft, und in der hier in unserem Lande geschlagenen Schlacht haben wir auf eurer und Pausanias' Seite gestanden. Wo immer zu jener Zeit den Griechen eine Gefahr drohte, sind wir stets über unsere Kräfte mit dabei gewesen. Und euch, Lakedämonier, insbesondere haben wir damals, als Sparta nach dem Erdbeben von den aufständischen Heloten in Ithome das Schlimmste zu befürchten hatte, ein Drittel unserer Bürger schaft zu Hilfe geschickt. Das solltet ihr nicht vergessen.
- 3.55.1
„So haben wir es in den alten großen Zeiten immer mit euch gehalten. Später erst sind wir Feinde geworden, und zwar durch eure Schuld. Denn damals, als die Thebaner uns vergewaltigen wollten und wir euch um ein Bündnis baten, habt ihr uns abgewiesen und unS geraten, uns an die Athener zu wenden, die wir in der Nähe hätten, während ihr uns zu fern wärt. In diesem Kriege aber haben wir euch doch wahr lich nichts zuleide getan und würden das auch weiterhin nicht getan haben. Wenn wir von den Athenern nicht ab fallen wollten, wie ihr das verlangtet, so war das kein Unrecht. Denn sie haben uns gegen die Thebaner beigestanden, als ihr uns im Stich ließt, und es wäre nicht schön gewesen, wären wir ihnen untreu geworden. Nachdem sie uns so viel Gutes getan, uns auf unsere Bitten als Bundesgenossen angenommen und uns zum Bürgerrechte zugelassen hatten, war es nur unsere Pflicht und Schuldigkeit, ihren Befehlen bereitwillig nachzu kommen. Wenn ihr beide euren Bundesgenossen etwas be fehlt, was nicht recht ist, und sie gehorchen, so tun sie das nicht auf ihre, sondern auf eure Verantwortung, weil sie euren Willen tun müssen.
- 3.56.1
„Die Thebaner aber haben schon oft falschen Streit mit uns angefangen; ihr letzter Gewaltstreich ist euch zur Genüge bekannt; ist er doch die Ursache unseres jetzigen Unglücks. Als sie unsere Stadt in tiefem Frieden, noch dazu am heiligen Festtage, überfallen hatten, haben wir sie dafür bestraft mit dem guten Rechte, wonach es in der ganzen Welt erlaubt ist, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, und eS wäre unverantwort lich, uns dafür jetzt ein Haar krümmen zu wollen. Wenn ihr um eures und ihres augenblicklichen Vorteils willen dem Rechte eine Nase dreht, so beweist ihr damit, daß es euch hier in Wahrheit nicht um einen gerechten Richterspruch, sondern lediglich um euren Vorteil zu tun ist. Glaubt ihr wirklich, daß die Thebaner euch gegenwärtig nützlich sind, so sind wir und die anderen Griechen das damals erst recht gewesen, als ihr in weit größerer Gefahr wart. Jetzt seid ihr allen anderen mit euren Streitkräfteu überlegen. Damals aber war der Perserkönig drauf und dran, ganz Griechenland zu unterjochen, und damals hielten sie es mit ihm. Und hatten wir auch in der Tat jetzt ein Unrecht begangen, so wäre es nur billig, demgegenüber unsere damalige Opferwilligkeit in Rechnung zu bringen, wobei sich dann doch ein Guthaben zu unseren Gunsten herausstellen würde, zumal wenn ihr in Betracht zieht, wie es zu jener Zeit in Griechenland nicht allzu viele gab, welche den Mut hatten, sich der Macht des Xerxes zu wider- setzen, und wie alle die gepriesen wurden, welche ihr Heil nicht in der Unterwerfung unter den Feind gesucht, sondern furchtlos Leib und Leben gewagt hatten. Und zu denen ge hörten wir und sind dafür damals aufs höchste geehrt worden; jetzt aber müssen wir fürchten, daß man uns den Kopf vor die Füße legt, grade weit wir noch die alten sind und lieber den Athenern treu bleiben als um unseres Vorteils willen mit euch gehen wollten. Und doch solltet ihr uns die Gesinnung, die ihr früher so hoch geschätzt, jetzt nicht zum Verbrechen machen und einsehen, daß es auch für euch das beste wäre, wenn sich euer augenblicklicher Vorteil mit dauernder Dankbar keit gegen die tapferen alten Freunde vereinigen ließe.
- 3.57.1
„Jetzt, und auch das solltet ihr bedenken, geltet ihr in Griechenland allgemein als Muster rechtschaffener Gesinnung. Wenn ihr aber gegen uns ein schnödes Urteil sprecht - und bei eurem Ansehen und dem guten Ruf, den auch wir ge nießen, wird dieser Prozeß von sich reden machen so sollt ihr die Entrüstung erleben, daß gegen ein tapferes, wenn auch euch nicht gewachsenes Volk solch ein Justizmord verübt und die uns, den Wohltätern Griechenlands, abgenommene Beute in den vaterländischen Heiligtümern aufgestellt werden konnte. Ein entsetzlicher Gedanke, daß Platää von Lakedämoniern zer stört würde, daß eure Väter den Namen dieser Stadt zu Ehren ihrer Tapferkeit auf dem Dreifuß in Delphi angebracht haben, und daß ihr sie jetzt den Thebanern zuliebe in Griechenland von der Bildfläche vertilgtet. Denn so weit ist es bereits mit uns gekommen. Damals, als die Perser im Lande schalteten, haben sie unsere Stadt zerstört, und jetzt werden wir von euch, unsern alten Freunden, den Thebanern geopfert. Schon zum zweitenmal sehen wir dem Tode ins Angesicht; eben erst waren wir in Gefahr, Hungers zu sterben, wenn wir die Stadt nicht übergaben, und jetzt stehen wir vor diesem Blutgerichte. Wir Platäer, die wir für die Griechen über unsere Kräfte Gut und Blut eingesetzt haben, sind heute verstoßen von aller Welt, verlassen und vogelfrei. Unter unseren damaligen Bundes genossen ist nicht einer, der sich unser annimmt; und auch ihr Lakedämonier, unsere einzige Hoffnung, fürchten wir, werdet uns im Stich lassen.
- 3.58.1
„Und doch, bei den Göttern unseres alten Bundes und um unserer Verdienste um die Griechen willen fordern wir euch auf, lenkt ein und laßt euch erweichen, und wenn ihr wirklich den Thebanern schon etwas versprochen habt, so ver langt nun eurerseits von ihnen, daß sie euch freiwillig der Verpflichtung entbinden, eure Wohltäter zu töten, um Dank zu ernten, der euch Ehre und nicht Schande macht, und euren guten Namen nicht anderen zu Gefallen zu verscherzen. Wollt ihr uns das Leben nehmen, so ist das freilich bald getan, aber unser Blut wird euch lange an den Händen kleben. Denn wir sind keine Feinde, die ihr mit gutem Gewissen töten dürftet, sondern eure Freunde und haben nur notgedrungen zu den Waffen gegriffen. Darum wäre es eure heilige Richter- pflicht, uns das Leben zu lassen und nicht zu vergessen, daß wir uns freiwillig ergeben haben und als Schutzflehende zu euch kommen, die man nach griechischem Recht nicht töten darf, und euch zudem allezeit Freundesdienste erwiesen haben. Seht hier die Gräber eurer Väter, die im Perserkriege in unserem Lande gefallen und begraben sind. Iahrein, jahraus haben wir sie mit Kleidern und allem, was sonst Sitte ist, von Staats wegen geehrt und ihnen die Erstlinge von den Früchten unseres Landes dargebracht, weil wir ihnen als alten Waffen brüdern und Söhnen eines befreundeten Landes ein liebevolles Andenken bewahrten. Und ihr wolltet statt dessen solch ein ungerechtes Urteil gegen uns fällen! Pausanias hat sie ja doch bei uns in der Voraussetzuug bestattet, daß sie hier in Freundesland und unter Freunden ruhen würden. Wolltet ihr unS nun töten und unser Land thebanisch machen, würdet ihr dann nicht eure Väter und Angehörigen in Feindesland und unter ihren Mördern lassen und ihnen die Ehren entziehen, welche sie gegenwärtig genießen? Dazu knechtet ihr ein Land, in dem die Freiheit der Griechen begründet wurde, verödet die Tempel der Götter, mit deren Beistand sie die Perser be siegt haben, und beraubt deren Gründer und Erbauer der alt hergebrachten Opfer.
- 3.59.1
„Es würde euch keine Ehre machen, Lakedämonier, wolltet ihr euch an Recht und Sitte der Griechen und an euern Vor sahren so versündigen, eure unschuldigen alten Freunde fremdem Hasse aufzuopfern. Darum erweicht euren harten Sinn, habt Mitleid mit uns und laßt uns leben. Bedenkt, wie schrecklich und unverdient unser Los sein würde, und wie unberechenbar das Unglück auch den Besten treffen kann. Wir bitten euch, wie es uns geziemt und die Not gebeut, der Eide eingedenk zu sein, welche' eure Väter uns geschworen haben, und flehen zu den von allen Griechen auf gemeinschaftlichen Altären ver ehrten Göttern, daß es uns gelingen möge, euer Herz zu rühren. Als Schutzflehende an den Gräbern eurer Väter rufen wir die Toten an, uns nicht unter die Thebaner kommen zu lassen und uns, ihre besten Freunde, nicht ihren ärgsten Feinden preiszugeben, erinnern sie auch heute in unserer Todesnot an den Tag, wo wir mit ihnen die herrlichsten Taten vollbracht haben.
- 3.59.2
„Nun aber müssen wir schließen, so schwer uns das insunserer Lage wird; denn damit tritt der Tod hart an uns heran. Zum Schluß aber erklären wir nochmals, daß wir die Stadt nicht den Thebanern übergeben - lieber wären wir Hungers gestorben sondern uns vertrauensvoll an euch gewandt haben. Wenn ihr uns also nicht erhört, so ist es eure Pflicht, uns wieder in den vorigen Stand zu setzen und uns wenigstens die Wahl zu lassen, welches Todes wir sterben wollen. Damit beschwören wir euch, uns Platäer, die wir so heldenmütig für Griechenland gekämpft haben und euch jetzt im Vertrauen aus euch, Lakedämonier, um euren Beistand anflehen, nicht unseren bittersten Feinden, den Thebanern, auszuliefern. Nehmt uns in euren Schutz und verschmäht es, die ihr euch rühmt, die Befreier Griechenlands zu sein, unsere Henker zu werden."
- 3.60.1
So die Platäer. Nun aber traten die The baner, welche besorgten, die Rede könnte auf die Lakedämonier denn doch einen Eindruck gemacht haben, ebenfalls vor und verlangten auch ihrerseits das Wort, da man wider Erwarten die Platäer weit länger habe reden lassen, als zur Beantwortung der Frage nötig gewesen wäre. Nachdem auch ihnen das Wort erteilt war, hielten sie folgende Rede:
- 3.61.1
„Wir würden nicht ums Wort gebeten haben, wenn auch sie die Frage kurz beantwortet hätten, statt sich in Anklagen gegen uns zu ergehen und über Dinge, die nicht hierher ge hören und ihnen gar nicht vorgeworfen sind, so viel Worte zur Entschuldigung zu machen und sich mit Verdiensten zu brüsten, die ihnen niemand abgesprochen hat. So aber sind wir genötigt, ihnen nicht nur darin zu widersprechen, sondern sie uns auch hierin mal näher anzusehen. Denn weder unsere Sünden noch ihre Heldentaten dürfen ihnen zugute kommen, sondern ihr sollt in beider Hinsicht die Wahrheit hören, bevor ihr entscheidet. Nachdem wir ganz Böotien in Besitz genommen und darauf auch Platää und noch einige andere Orte, aus denen wir allerlei Volk vertrieben, gegründet hatten, gerieten wir mit ihnen zuerst aneinander, als sie sich der uns ursprünglich zugestandenen Hegemonie entziehen und auS dem Böotischen Bunde ausscheiden wollten, dann aber, als Gewalt gegen sie angewandt werden sollte, zu den Athenern übergingen. Mit denen haben sie uns oft genug Schaden ge- tan, dafür dann freilich auch gelegentlich selbst wieder büßen müssen.
- 3.62.1
„Nun sagen sie, nach dem Einfall der Perser in Griechen land seien sie die einzigen Böotier gewesen, die es nicht mit ihnen gehalten, tun sich, darauf gewaltig viel zugute und wollen uns damit schlecht machen. Gewiß, mit den Persern haben sie es nicht gehalten, aber doch nur eben deshalb nicht, weil es die Athener nicht taten, und so sind sie denn auch, als diese nachmals ebenso mit den Griechen umsprangen, die einzigen Böotier gewesen, die es mit den Athenern hielten. Nun müßt ihr aber doch die Zustände berücksichtigen, unter denen wir beide damals handelten. Bei uns bestand zu der Zeit weder eine Oligarchie mit Rechtsgleichheit sIsonomie) noch eine Demo kratie, überhaupt nichts weniger als eine ordentliche Ver fassung, sondern eine Art von Tyrannis, ein Willkürregiment weniger Männer, und diese haben damals, weil sie von einem Siege der Perser die Befestigung ihrer Machtstellung hofften, die Bevölkerung gewaltsam niedergehalten und die Perser ins Land gerufen. Es geschah das also zu einer Zeit, wo die Stadt nicht ihr eigener Herr war, und was hier in jener gesetzlosen Zeit gesündigt worden ist, kann ihr nicht zur Last gelegt werden. Man muß vielmehr die spätere Zeit, wo die Perser abgezogen und wieder gesetzliche Zustände eingetreten waren, in Betracht ziehen, als die Athener über Griechenland herfielen und auch unser Land zu unterwerfen versuchten und es infolge der bei uns herrschenden Parteikämpfe wirklich großen teils schon unterworfen hatten. Damals haben wir sie bei Koroneia besiegt und Böotien befreit, wie wir auch jetzt wieder unser Bestes tun, um die übrigen befreien zu helfen, und dazu Roß und Reisige stellen wie sonst keiner der Bundesgenossen. So viel zur Rechtfertigung gegen den Vorwurf, daß wir es mit den Persern gehalten.
- 3.63.1
„Nunmehr wollen wir zu beweisen suchen, daß ihr Platäer euch an den Griechen weit schlimmer vergangen und jede Strafe reichlicher verdient habt als wir. Um Schutz vor uns zu haben, sagt ihr, habt ihr das Bündnis mit den Athenern geschlossen und euch athenisches Bürgerrecht erteilen lassen. Da hättet ihr sie ja nur gegen uns zu Hilfe nehmen sollen und nicht mit ihnen über andere herzufallen brauchen, wie ihr das sehr wohl gekonnt hättet, auch wenn euch die Athener dazu hätten zwingen wollen, da ja schon vom Perserkriege her das Bündnis mit den Lakedämoniern hier bestand, das ihr beständig im Munde führt. Denn dieses gewährte euch nicht nur Schutz gegen uns, sondern auch grade darin volle Freiheit der Ent schließung. Nein, freiwillig, nicht weil ihr mußtet, seid ihr mit den Athenern gegangen. Nun sagt ihr, es wäre nicht schön gewesen, euren Wohltätern untreu zu werden. Noch weniger schön und weit unrechter war es, allen euren griechi schen Eidgenossen die Treue zu brechen, als bloß den Athenern, die Griechenland knechten, während jene es befreien wollen. Auch reimt sich eure Dankbarkeit mit der euch erwiesenen Wohltat nicht und macht euch keine Ehre. Denn ihr habt sie, wie ihr sagt, zu Hilfe gerufen, weil man euch unrecht tat, ihnen aber geholfen, anderen unrecht zu tun. Gewiß, es ge hört sich, Wohltaten, die uns redlich erwiesen werden, in gleicher Weise dankbar zu erwidern, aber doch nur, soweit man das kann, ohne fremdes Unrecht zu befördern.
- 3.64.1
„Und damit habt ihr bewiesen, daß ihr es auch damals nicht den Griechen zuliebe allein nicht mit den Persern gehalten habt, sondern nur, weil die Athener es auch nicht taten. Ihr wolltet es eben nur so machen wie sie und nicht wie die übrigen. Und nun verlangt ihr, für das, was ihr anderen zuliebe getan habt, von uns hier belohnt zu werden. Aber das gilt nicht. Seid ihr zu den Athenern übergegangen, so seht jetzt zu, wie ihr mit ihnen durchkommt, und beruft euch nicht immer auf das alte Bündnis, als müsse euch das jetzt zugute kommen. Denn dem seid ihr längst untreu geworden und habt euch darüber hinweggesetzt, indem ihr die Hgineten und andere alte Bundesgenossen unterjochen halft, statt ihnen beizustehen, und das aus freien Stücken bei Verfassungszuständen, wie sie noch jetzt bei euch bestehen, und nicht etwa aus Zwang, wie es bei uns der Fall war. Auch den letzten Vorschlag vor Be ginn der Belagerung, wenigstens neutral zu bleiben, habt ihr nicht angenommen. Wen also könnten die Griechen wohl mit besserem Rechte hassen als euch, die ihr eure Tapferkeit immer nur zu ihrem Verderben zur Schau getragen habt? Und wenn ihr euch, wie ihr sagt, früher gut gemacht habt, so hat sich jetzt herausgestellt, daß das eitel Spiegelfechterei war, und es ist an den Tag gekommen, wohin euch der Sinn in Wahrheit immer gestanden hat; denn ihr seid mit den Athenern auf bösen Wegen gewandelt. So viel über unser erzwungenes Bündnis mit den Persern und euer freiwilliges Beknien der Athener.
- 3.65.1
„Was aber den letzten Vorwurf betrifft, wir hätten eure Stadt mitten im Frieden und noch dazu im Feste widerrecht lich überfallen, so glauben wir auch in dieser Hinsicht nicht schuldiger zu sein als ihr. Haben wir von selbst uns eurer Stadt mit Waffengewalt bemächtigt und euer Land als Feinde verheert, ja, dann sind wir im Unrecht. Haben uns aber eure reichsten und vornehmsten Bürger selbst gerufen, um euch von dem auswärtigen Bündnisse zu befreien und den Wieder- anschluß an den alten Böotischen Bund herbeizuführen, was ist da unser Unrecht? Der Anstifter ist schuldiger als der Täter. Nach unserer Ansicht aber trifft sie so wenig eine Schuld wie uns. Sie waren Bürger so gut wie ihr und hatten mehr zu verlieren als andere, als sie uns ihre Stadt öffneten. Als Freunde, nicht als Feinde haben sie uns eingelassen, damit die Schlechten unter euch nicht noch schlechter würden und die Guten zu ihrem Recht kämen. Sie wollten euch nur für die gute Sache gewinnen, die Stadt um keinen Bürger ärmer machen, sondern sie der alten Stammesgemeinschaft wieder einfügen, euch mit niemand verfeinden, sondern mit allen in Frieden leben lassen.
- 3.66.1
„Daß wir nicht als Feinde kamen, ergibt sich schon daraus, daß wir niemand was zuleide taten, sondern alle guten Böotier, die für den alten Bund wären, öffentlich auffordern ließen, sich uns anzuschließen. Auch kamt ihr uns ja anfangs ganz freundlich entgegen, gingt einen Vergleich mit uns ein utld hieltet euch ruhig. Erst nahcher, als ihr merktet, wie wenige wir waren, euch wohl auch daran stießet, daß wir nicht mit Wissen und Willen der Bürgerschaft gekommen waren, habt ihr dann nicht Wort gehalten und uns trotz der Zusage, keine Gewalt zu brauchen, statt uns in Güte zum Abzüge zu be wegen, dem Vergleich zuwider angegriffen. Daß ihr dabei eine Anzahl mit den Waffen in der Hand getötet habt, können wir allenfalls verschmerzen; denn das geschah gewissermaßen nach Kriegsrecht; daß ihr aber auch die Gefangenen, die sich in euren Schutz begeben hatten, trotz des Versprechens, niemand weiter zu töten, widerrechtlich ums Leben gebracht habt, das war heillos. Damit habt ihr euch im Umsehen dreimal schwer vergangen, den Vergleich gebrochen, die Gefangenen nachher getötet und uns mit dem Versprechen belogen, ihr würdet sie nicht töten, wenn wir euch draußen in Ruhe ließen. Trotzdem behauptet ihr, wir wären die Schuldigen, und verlangt selbst straflos auszugehen. Nichts da, wenn anders dies gerechte Richter sind. Für alles das werdet ihr eurer Strafe nicht entgehen.
- 3.67.1
„Auf diese Dinge, Lakedämonier, sind wir sowohl euret wegen als unseretwegen so weit eingegangen, um euch zu über zeugen, daß ihr sie mit Recht verurteilen könnt, und um uns vollends von der Pflichtmäßigkeit unserer Rache zu durch- dringen. Laßt euch nicht rühren durch alte Tugenden, die sie im Munde führen und immerhin gehabt haben mögen. Darauf mag der unschuldig Leidende sich berufen, den Nichtswürdigen machen sie nur doppelt strafbar; denn er frevelt dann gegen sein besseres Selbst. Auch ihr Ach und Weh darf ihnen nichts nützen, nicht ihr Jammer über die Gräber eurer Väter und ihre Verlassenheit. Können doch auch wir demgegenüber auf das noch traurigere Los unserer Jugend hinweisen, die unter ihren Streichen bluten mußte. Das waren die Söhne der Väter, die, um euch Böotien zu gewinnen, bei Koroneia fielen oder jetzt alt und verlassen im leeren Hause euch mit größerem Recht um Rache bei den Platäern anstehen. Unverschuldetes Mißgeschick ist bedauernswert, trifft es aber den Übeltäter, der es nicht besser verdient, wie sie hier, so kann man sich nur darüber freuen. Auch ihre jetzige Verlassenheit haben sie nur sich selbst zuzuschreiben, denn ihre besten Bundesgenossen haben sie verschmäht. Gegen uns, die wir ihnen nichts zuleide getan hatten, haben sie sich schändlich vergangen, sich über das Recht hinweggesetzt und nur von ihrem Haß leiten lassen, dem ihre Strafe jetzt nicht mal entsprechen wird; denn ihnen wird nur ihr Recht werden, da sie nicht, wie sie sagen, als Schutz flehende die Waffen gestreckt, sondern sich bei Übergabe der Stadt freiwillig eurem Richterspruch unterworfen haben. Nun also, Lakedämonier, bringt das Recht der Hellenen, das sie mit Füßen getreten haben, wieder zu Ehren und verschafft uns für das uns angetane Unrecht die Genugtuung, welche wir durch unseren Eifer um die gute Sache verdient haben. Laßt euch durch ihr Gerede nicht an uns irremachen und gebt den Griechen ein Beispiel, daß es bei euch nicht auf Worte, sondern auf Taten ankommt. Sind die danach, so bedarf eS nicht vieler Worte; hapert es aber da, so muß man sich hinter Phrasen verstecken und zu Redekünsten seine Zuflucht nehmen. Wenn ihr aber als Vormacht des Bundes immer so kurz und bündig verfahrt wie diesmal, so wird sich so leicht niemand wieder gemüßigt sehen, sein Unrecht durch lange Reden zu beschönigen."
- 3.68.1
So die Thebaner. Die Lakedämonier aber glaubten als Richter die Frage, was sie im Laufe des Krieges für sie ge tan, sachgemäß gestellt zu haben. Denn da sie schon vorher ihre Aufforderung, sich im Sinne des alten, nach dem Perser kriege mit Pausanias geschlossenen Bündnisses stillzuhalten, und dann auch den ihnen vor Beginn der Belagerung ge machten Vorschlag, neutral zu bleiben, zurückgewiesen hatten, so waren sie ihrer Ansicht nach durch die Ablehnung dieses be rechtigten Verlangens bereits bundbrüchig und ihre Feinde ge worden. Sie ließen sie also nochmals einzeln vortreten und ihnen die Frage vorlegen, ob sie im Laufe des Krieges etwas für die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen getan hätten, und wenn sie die verneinten, abführen und hinrichten, und zwar alle bis auf den letzten Mann. Im ganzen töteten sie mehr als zweihundert Platäer und die fünfundzwanzig Athener, welche die Belagerung mitausgehalten hatten, die Weiber aber verkauften sie in die Sklaverei. Die Stadt überließen die Thebaner ein Jahr lang den bei einem Aufruhr aus ihrer Heimat vertriebenen Megarern und ihren noch übriggebliebenen alten Anhängern aus Platää. Später aber zerstörten sie die Stadt von Grund aus und bauten neben dem Heratempel eine i Herberge von zweihundert Fuß Länge, oben und unten ringsum ^ mit Zimmern darin, zu der sie Dachsparren und Türflügel aus Platää verwandten. Aus dem, was es sonst an Hausgerät, Erz und Eisen in der Stadt gab, machten sie Ruhebetten und weihten sie der Hera, der sie einen steinernen Tempel von hundert Fuß Länge erbauten. Das Land machten sie zu Staats- eigentum und verpachteten es auf zehn Jahre für Rechnung der Thebaner. Wie denn die Lakedämonier überhaupt, wohl, um den Thebanern zu gefallen, so hart gegen die Platäer ge wesen waren, weil sie auf deren Freundschaft damals, wo der Krieg im vollen Gange war, großen Wert legten. So endete Platää, im dreiundneunzigsten Jahre, nachdem es dem Athe nischen Bunde beigetreten war.
- 3.69.1
Die den Lesbiern zu Hilfe gesandten vierzig peloponne sischen Schiffe, welche auf der Flucht in offener See von den Athenern verfolgt und durch einen Sturm nach Kreta ver schlagen waren, gelangten von dort einzeln wieder nach dem Peloponnes, wo sie in Kyllene dreizehn leukadische und am prakische Trieren trafen, und wo auch Brasidas, Tellis' Sohn, als Beirat deS Alkidas sich eingefunden hatte. Die Lake dämonier beabsichtigten nämlich nach dem verfehlten Unter nehmen auf Lesbos, ihre Flotte zu vermehren und damit nach Kerkyra, wo damals zwei Parteien im Kampfe lagen, zu fahren, bevor die Athener, die augenblicklich bei Naupaktos nur zwölf Schiffe hatten, weitere Verstärkungen aus Athen dorthin schicken würden. Und damit waren Brasidas und Alkidas eben jetzt beschäftigt.
- 3.70.1
In Kerkyra waren nämlich nach der Rückkehr ihrer in den Seeschlachten wegen Epidamnos in Gefangenschaft ge ratenen Landsleute Parteikämpfe ausgebrochen. Die Ge fangenen waren von den Korinthern freigelassen, angeblich gegen eine von ihrem dortigen Staatsgatsfreunde übernommene Bürgschaft von achthundert Talenten, in der Tat aber, weil sie sich anheischig gemacht hatten, Kerkyra auf ihre Seite zu ziehen. Die gingen auch bei den Bürgern von Haus zu Haus und suchten die Stadt von den Athenern abwendig zu machen. Inzwischen war sowohl ein athenisches wie ein korinthisches Schiff mit Gesandten an Bord in Kerkyra eingetroffen, und nachdem diese zu Wort gekommen, hatten die Kerkyräer be schlossen, an dem Bündnis mit den Athenern zwar festzuhalten, sich aber doch auch wie früher wieder freundlich zu den Pelo ponnesiern zu stellen. An der Spitze der demokratischen Partei stand damals ein gewisser Peithias, der zugleich sozusagen freiwilliger Staatsgastfreund der Athener war. Den klagten jene Herren an, er wolle Kerkyra unter athenische Herrschaft bringen. Er wurde jedoch freigesprochen, verklagte nun aber seinerseits die fünf Reichsten unter ihnen, weil sie im heiligen Haine des Zeus und des Alkinoos Weinpfähle gehauen hätten. Darauf aber stand ein Stater Strafe für jeden Pfahl. Sie wurden auch verurteilt, flüchteten sich aber in die Tempel und baten, ihnen bei der Höhe der Strafe wenigstens zu gestatten, sie in selbstgewählten Fristen abzuzahlet. Peithias aber, der damals grade selbst dem Rate angehörte, setzte durch, daß es bei der gesetzlichen Strafe sein Bewenden behielt. Nachdem ihr Gesuch als unzulässig abgeschlagen war und sie überdies erfuhren, daß Peithias beabsichtige, noch vor Ablauf seiner Amtszeit ein Schutz- und Trutzbündnis mit Athen beim Volke durchzusetzen, drangen sie und ihre Anhänger mit Dolchen be waffnet plötzlich in den Rat und ermordeten Peithias und gegen sechzig andere Ratsherren und Bürger mit ihm. Nur wenigen seiner Anhänger gelang es, auf das noch im Hafen liegende athenische Kriegsschiff zu entkommen.
- 3.71.1
Nach vollbrachter Tat riefen sie die Kerkyräer zusammen und sagten ihnen, es sei nur zu ihrem Besten geschehen und notwendig gewesen, um nicht unter die Knechtschaft der Athener zu geraten. Von nun an solle man beiden Teilen die Häfen verschließen; kämen sie nur mit einem Schiffe, so könne man sich das gefallen lassen, wenn aber mit mehreren, so seien sie als Feinde zu behandeln. Auch nötigten sie sie gleich, ihren Vorschlag anzunehmen. Nach Athen aber schickten sie sofort Gesandte, um den Vorfall in ihrem Sinne darzustellen, auch ihre dahin geflüchteten Mitbürger zu stempeln, nichts aus der Sache zu machen, damit ihnen die Athener nicht anf die Kappe kämen.
- 3.72.1
In Athen aber ließ man sowohl die Gesandten wie die Flüchtlinge, die sich mit ihnen eingelassen, als Aufrührer ver haften und nach Ägina bringen. Inzwischen schritt die zur Herrschaft gelangte Partei in Kerkyra, nachdem dort ein korinthisches Kriegsschiff mit einer lakedämonischen Gesandt schaft angekommen war, zu einem offenen Angriff auf das Volk und trieb es mit Waffengewalt auseinander. Mit Ein bruch der Nackt aber zog sich das Volk in die Burg und die oberen Stadtteile zurück, setzte sich hier in Masse fest und bemächtigte sich auch des hylläifchen Hafens. Die Gegner aber behaupteten den Markt, wo die meisten von ihnen ihre Häuser hatten, und den daran stoßenden Hafen dem Festlande gegenüber.
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