Geschichte des Peloponnesischen Krieges
- 5.99.1
Athener: ,Ach, von den paar Festlandsstaaten, die sich mit den Vorkehrungen zum Schutz ihrer Freiheit uns gegen über so viel Zeit lassen, haben wir nichts zu fürchten, wohl aber von den unabhängigen Jnselvölkern, wie ihr, und solchen, -die schon durch den Druck der Fremdherrschaft erbittert sind; denn die würden sich nicht lange besinnen, sich und uns kopf über in Gefahr zu tsürzen."
- 5.100.1
Melier: „Nun denn, wenn ihr vor nichts zurückschreckt, um eure Herrschaft zu behaupten, und die unabhängigen Völker sich unbedenklich in Gefahr stürzen, um sie abzuschütteln, wäre es da für uns, die wir noch frei sind, nicht die größte Schande, wollten wir nicht lieber alleS wagen, als uns unters Joch be geben?"
- 5.101.1
Athener: „Bei vernünftiger Überlegung keineswegs. Denn es handelt sich für euch nicht darum, eure Tapferkeit zu be weisen und einen Kampf mit gleichen Waffen ehrenvoll zu bestehen, sondern um Sein und Nichtsein und um die Not wendigkeit, euch einem ungleich Mächtigeren nicht zu wider setzen."
- 5.102.1
Melier: „Bekanntlich aber ist das Glück im Kriege manchmal auch dem Schwachen günstig, und die Verschiedenheit der beiderseitigen Kräfte gibt nicht unbedingt den Ausschlag. Wenn wir uns gleich ergeben, haben wir überhaupt nichts mehr zu hoffen; greifen wir aber zu den Waffen, so bleibt uns wenigstens die Hoffnung, glücklich durchzukommen."
- 5.103.1
Athener: „Gewiß, Hoffnung ist ein Trost in der Gefahr, und sie wird dem Mächtigen, der sich auf sie verläßt, wenn auch vielleicht schädlich, aber doch nicht verderblich werden. Wer aber mit ihr, weil sie ihm goldene Berge verspricht, sein alles aufs Spiel setzt, wird erst durch Schaden klug und dann zu spät inne, wie trügerisch sie ist. Euch fehlt die Macht, und euer Schicksal hängt an einem Haar, seht euch also vor, daß es euch nicht auch so geht, und macht es nicht wie der ge meine Mann, der auch da, wo noch menschliche Hilfe möglich ist, wenn er bei einer Krankheit an die bewährten Mittel nicht mehr glaubt, sich auf Wunderkuren nnd dergleichen trügerische Hoffnungen verläßt."
- 5.104.1
Melier: „Auch wir, das könnt ihr glauben, sehen die Schwierigkeit ein, bei so ungleichen Mitteln den Kampf gegen eure Macht und euer Glück aufzunehmen; wir vertrauen jedoch auf unser Glück, daß die Gottheit uns nicht wird unterliegen lassen, da wir eine gerechte Sache gegen einen Gewaltakt ver treten. Sofern es uns aber selbst an Macht fehlt, rechnen wir auf die Hilfe der Lakedämonier, die uns als ihre Stammes genossen schon anstandshalber werden beistehen müssen. So ganz unbegründet ist unser Vertrauen demnach nicht."
- 5.105.1
Athener: „Was die Gunst der Gottheit anlangt, so glauben wir, daß es auch uns daran nicht fehlen wird, denn wir verlangen und tun nichts, was dem Glauben der Men schen an die Gottheit oder dem, was sie untereinander selbst für recht halten, widerspräche. Unseres Erachtens gilt nämlich in der ganzen Welt, bei der Gottheit, wie wir glauben, unter Menschen erfahrungsmäßig, eben ein für allemal das Recht des Stärkeren. Wir haben dieses Recht weder zuerst eingeführt, noch zuerst davon Gebrauch gemacht; aber wie wir es alS ein immer anerkanntes und für alle Zeit gültiges vorgefunden haben, so handeln wir auch jetzt darnach und zweifeln nicht daran, daß ihr wie jeder andere es bei gleicher Macht auch so machen würdet. Also, was die Gottheit anlangt, haben wir keinen Grund, eine Niederlage zu fürchten. Wenn ihr aber auf die Lakedämonier rechnet und hofft, daß sie euch schon anstandshalber beistehen würden, so wünschen wir euch Glück zu eurer Unschuld, beneiden euch aber nicht darum! DaS Verhalten der Lakedämonier untereinander und gegenüber ihrem heimischen Gesetze ist zwar im allgemeinen löblich, aber über ihre auswärtige Politik wäre manches zu sagen, mit einem Worte, daß unter allen uns bekannten Völkern keinS so un verhohlen wie sie, alles was ihnen genehm, für erlaubt hält, und was ihnen vorteilhaft ist, für Recht erklärt. Bei solcher Denkart könnt ihr jetzt in eurer mißlichen Lage denn doch schwerlich auf sie rechnen."
- 5.106.1
Melier: „Doch; grade dieser Denkart wegen rechnen nnr um so fester darauf, daß sie um ihres eigenen Vorteils willen sich hüten werden, ihren Feinden zu Gefallen das Ver trauen ihrer Freunde in Griechenland dadurch zu vershcerzen, daß sie uns Melier, ihr Pflanzvolk, im Stiche lassen.'
- 5.107.1
Athener: „Ihr glaubt also nicht, daß Vorteil auf Sicher heit sieht, eine ehrliche und anständige Politik aber Gefahren mit sich bringen kann. Die Lakedämonier sind im allgemeinen wenig geneigt, sich auf Gefahren einzulassen."
- 5.108.1
Melier: „Wir glauben aber, daß sie sich für uns um so lieber und unbedenklicher als für andere Gefahren aus setzen werden, da wir ihnen im Peloponnes so nahe vor der Tür liegen, und sie bei unseren verwandtschaftlichen Gesin nungen auf uns sicherer als auf andere zählen können."
- 5.109.1
Athener: „Wer einem anderen im Kriege zu Hilfe kommen soll, verläßt sich aber nicht auf Gesinnungen, die dieser ihm entgegenbringt, sondern auf die wirklichen Macht- mittel, die er in die Wagschale werfen kann. Und grade die Lakedämonier sehen darauf noch mehr als andere. We nigstens führen sie ihre auswärtigen Kriege aus Mißtrauen in ihre eigene Macht nie ohne zahlreiche Bundesgenossen. ES ist also nicht wahrscheinlich, daß sie bei unserer Übermacht zur See hier nach der Insel herüberkommen werden."
- 5.110.1
Melier: „Sie könnten aber auch andere schicken. DaS kretische Meer ist groß, und deshalb ist es für den Mächtigen schwieriger, jemand zu erwishcen, als für den Verfolgten, ihm unbemerkt zu entkommen. Schlimmstenfalls könnten sie sich auch gegen euer Land wenden oder gegen eure Bundes genossen, die euch nach dem Zuge des Brasidas noch geblieben sind, und dann hättet ihr nicht um ein Land, wo ihr nichts zu suchen habt, sondern um das Gebiet eurer Bundesgenossen und für euer eigenes Land zu kämpfen."
- 5.111.1
Athener: „Sollte es wirklich dazu kommen, so wißt auch . ihr doch aus Erfahrung, daß die Athener noch nie aus Furcht vor anderen Schwierigkeiten eine Belagerung aufgegeben haben. Nachdem ihr uns aber gesagt, ihr wolltet mit uns darüber verhandeln, was zur Sicherung eures Landes ge schehen könnte, nimmt uns wunder, daß ihr euch in dieser langen Unterredung noch mit keinem Worte über Mittel und Wege geäußert habt, von denen man sich sonst Hilfe in der Not verspricht. Die wirksamste Hilfe, auf die ihr hofft, steht weit aus, eure eigenen Kräfte aber sind zu gering, um euch damit auch nur gegen die euch schon jetzt gegenüberstehende Macht zu behaupten. Es wäre deshalb sehr unklug von euch, wolltet ihr nicht noch einen vernünftigeren Entschluß fassen, wenn ihr uns habt abtreten lassen. Fallt nur nicht etwa gar auf die Ehre hinein, die den Menschen so oft in Gefahren verderblich geworden ist, die sie voraussehen mußten und sich nur durch schimpfliche Unvernunft selbst zugezogen hatten. In der Tat ist schon mancher, obwohl er voraussah, wie das enden würde, durch den verführerischen Klang deS Wortes Ehre verleitet worden, sich freiwillig rettungslos ins Verderben zu stürzen, und mehr durch eigene Torheit als durch Unglück zuschanden geworden. Seid also vernünftig und hütet euch davor. Glaubt nicht, es ginge gegen eure Ehre, den Widerstand gegen eine Großmacht aufzugeben, die nichts weiter von euch verlangt als den Anschluß an ihren Bund und die Entrichtung einer Abgabe von eurem Lande, in dessen Besitz ihr auch ferner bleiben sollt. Noch habt ihr die Wahl zwischen Krieg und Sicherheit; laßt euch nicht durch Ehrgeiz zu einer verkehrten Wahl verleiten. Wer seinesgleichen die Zähne zeigt, sich mit dem Mächtigeren zu stellen weiß und mit dem Schwächeren säuberlich verfährt, kommt am besten durch. Nun überlegt euch die Sache, wenn wir abgetreten sind, und beherzigt dabei wieder und wieder, daß eS sich diesmal um euer Vaterland handelt, dessen Glück und Untergang von eurer jetzt zu fassenden Entschließung abhängt."
- 5.112.1
Hierauf verließen die Athener die Sitzung. Die Metier aber, jetzt unter sich, beschlossen in dem Sinne, wie sie sich schon vorher ausgesprochen hatten, und gaben ihnen folgende Antwort: „Wir stehen noch jetzt nickt anders wie vorher, Athener, und können die Unabhängigkeit unseres seit sieben hundert Jahren bestehenden Gemeinwesens nicht im Hand umdrehen aufgeben, werden vielmehr im Vertrauen auf die Gottheit, die uns bisher in Schutz genommen hat, und auf menschliche Hilfe, namentlich von seiten der Lakedämonier, unser Heil versuchen. Wir bieten euch Frieden und Freund schaft an, wünschen aber im Kriege neutral zu bleiben und fordern euch hiermit auf, nach Abschluß eines uns beiden an nehmbaren Vertrags unser Land zu verlassen."
- 5.113.1
Das war die Antwort der Melier. Die Athener aber sahen damit die Verhandlungen als abgebrochen an und er widerten ihnen: „Nach diesem Beschluß seid ihr unseres Er achtens doch die einzigen, denen ein Sperling in der Hand nicht lieber wäre als die Taube auf dem Dache. Ihr meint, eben alles, was ihr euch wünscht, wäre auch nur gleich da. So gewiß ihr euer Glück und eure Hoffnungen auf die Lake dämonier setzt, so gewiß werdet ihr die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben."
- 5.114.1
Hierauf kehrten die Gesandten der Athener ins Lager zurück. Da die Melier sich auf nichts einlassen wollten, er öffneten die athenischen Feldherren nun sogleich die Feind seligkeiten und schlossen ihre Stadt ringsum mit einer Mauer ein, woran sie die Arbeit nach Städten verteilten. Später fuhren die Athener mit dem größten Teile ihres Heeres wieder ab, ließen aber eine aus Bürgern und Bundesgenossen be stehende Besatzung zurück, um die Stadt von der Land- und Seeseite zu bewachen, welche dort blieb und die Belagerung fortsetzte.
- 5.115.1
Um dieselbe Zeit fielen die Argeier in das Gebiet von Phlius ein, wurden aber von den Einwohnern und ihren eigenen Flüchtlingen auS einem Hinterhalt überfallen und ließen gegen achtzig Tote auf dem Platze. Die Athener fügten den Lakedämoniern durch Beutezüge von Pylos vielen Schaden zu. Indessen nahmen die Lakedämonier daraus keinen Anlaß, den Frieden für gebrochen zu erklären und Krieg anzufangen; sie ließen jedoch öffentlich bekanntmachen, daß auch bei ihnen Beutezüge gegen die Athener erlaubt sein sollten. Die Korinther fingen wegen gewisser besonderer Streitigkeiten Krieg mit den Athenern an, woran sich die übrigen Pelo ponnesier aber nicht beteiligten. Die Melier eroberten bei einem nächtlichen Überfall ein Stück der Einschließungsmauer der Athener in der Nähe ihres Lagermarktes, töteten eine Anzahl Leute und schafften, was sie konnten, an Lebensmitteln und sonstigen Bedürfnissen in die Stadt, zogen sich dann aber zurück, ohne den Angriff zu erneuern. Die Athener aber paßten seitdem besser auf. Damit endete der Sommer.
- 5.116.1
Im folgenden Winter wollten die Lakedämonier ins Argeiische einfallen; da jedoch ihr Opfer beim Überschreiten der Grenze ungünstig ausfiel, kehrten sie wieder um. Wegen dieses ihres Vorhabens faßten die Argeier gegen einige ihrer Mitbürger Verdacht, ließen auch mehrere festnehmen, während andere sich dem durch die Flucht entzogen. Um dieselbe Zeit eroberten die Melier nochmal an einer anderen Stelle ein Stück der hier nur schwach besetzten Mauer der Athener. Infolgedessen kamen später unter PhilokrateS, DemeaS' Sohn, neue Verstärkungen aus Athen, und die Melier, die nunmehr hart belagert und außerdem durch Verrat in ihrer Mitte be droht wurden, mußten sich den Athenern auf Gnade und Ungnade ergeben. Die Athener aber töteten alle Männer, die ihnen in die Hände fielen, und verkauften Weiber und Kinder als Sklaven. Das Land behielten sie für sich und besetzten eS bald nachher mit fünfhundert Kolonisten.
- 6.1.1
In demselben Winter wollten die Athener von neuem, diesmal mit größeren Kräften als unter Laches und Enrymedon, einen Zug nach Sizilien unternehmen, um es wo möglich ihrer Herrschaft zu unterwerfen. Von der Größe der Insel und der Menge ihrer griechischen und nichtgriechischen Bevölkerung hatten die meisten keine Vorstellung, und ebenso wenig ahnten sie, daß sie sich damit in einen Krieg einlassen würden nicht viel geringer als der mit den Peloponnesiern. Zur Fahrt um die Insel braucht nämlich ein Lastschiff beinah acht Tage, und dabei ist sie nur durch eine etwa zwanzig Stadien breite Meerenge vom Festlande getrennt.
- 6.2.1
Schon seit den ältesten Zeiten ist die Insel bewohnt ge wesen, und zwar von allerlei Völkern. Ursprünglich sollen Kyklopen und Laistrygonen auf einem Teile der Insel gehaust haben, über deren Abstammung, Herkunft und späteren Ver bleib ich nichts angeben kann. Mag es also bei dem be wenden, was die Dichter von ihnen erzählen und wie ein jeder darüber denkt. Zuerst nach ihnen scheinen die Sikaner sich dort niedergelassen zu haben; wie sie selbst behaupten, hätten sie sogar schon vor ihnen als Autochthonen im Lande gewohnt. Wie sich jedoch bei näherer Prüfung ergibt, sind sie in Wahr heit Iberer und vom Flusse Sikauos in Jberien durch die Ligyer verdrängt worden. Nach ihnen wurde die Insel dann Sikanien genannt, während sie früher Trinakria hieß. Auch jetzt noch bewohnen sie die Westseite Siziliens. Nach der Er oberung von Troja kamen Troer, die den Achäern entgangen waren, zu Schiff nach Sizilien, wo sie sich neben den Sikanern niederließen und dann alle zusammen Elymer genannt wurden. Ihre Städte waren Eryx und Egesta. Mit ihnen siedelten sich auch einige Phokier dort an, welche damals durch Stürme von Troja erst nach Libyen und dann nach Sizilien verschlagen waren. Die Sikeler dagegen sind aus Italien nach Sizilien herübergekommen, wo sie von den Opikern aus ihren dortigen Sitzen verdrängt waren, wahrscheinlich, und wie uns berichtet wird, auf Flößen, indem sie einen günstigen Wind für die Überfahrt abwarteten, vielleicht aber auch auf anderen Fahr zeugen. Auch jetzt gibt es in Italien noch Sikeler, und von einem ihrer Könige namens Jtalos hat auch das Land den Namen Italien. Sie kamen in großen Scharen nach Sizilien, besiegten die Sikaner in einer Schlacht und verdrängten sie in den Süden und den Westen der Insel, die infolgedessen nicht mehr Sikanien, sondern Sikelien genannt wurde. Auch hatten sie, seitdem sie nahezu dreihundert Jahr vor Ankunft der Griechen nach Sizilien herübergekommen waren, den schönsten Teil des Landes in Besitz, und noch jetzt sitzen sie im Innern und im Norden der Insel. Auch die Phönizier hatten wegen ihres Handels mit den Sikelern ringS um die Insel ihre Niederlassungen, wozu sie vorspringende Landspitzen und kleinere Inseln in der Nähe der Küste wählten. Als aber die Griechen in größerer Menge zur See herüberkamen, gaben sie diese größtenteils auf und blieben nur noch im Besitz von Meine, Solus und Panormos, wo sie sich zusammen niederließen, weil sie hier in der Nähe der Elymer auf deren Beistand rechnen und Karthago auf kürzestem Wege erreichen konnten. So viel über die nichtgriechische Bevölkerung und deren Wohnsitze in Sizilien.
- 6.3.1
Die ersten griechischen Einwanderer kamen zu Schiff unter Thukles' Führung aus Chalkis auf Euboia, gründeten Naxos und errichteten dem Apollon Archegetes den jetzt außerhalb der Stadt befindlichen Altar, auf dem die Theoren vor ihrer Abfahrt aus Sizilien immer erst opfern. Ein Jahr nahcher gründete Archias, ein Heraklide aus Korinth, SyrakuS, nach dem er zuerst die Sikeler von der Insel vertrieben hatte, auf der die jetzt nicht mehr ganz von der See umflossene innere Stadt liegt. In späterer Zeit wurde auch die äußere Stadt in die Mauer einbezogen und Syrakus ein sehr volkreicher Ort. Von Naxos aus gründeten die Chalkidier unter Thukles fünf Jahr nach der Besiedelung von Syrakus Leontinoi, nach dem sie die Sikeler mit Waffengewalt vertrieben hatten, und darnach auch Katana. Die Kataner selbst aber erklärten Cuarchos für den Gründer ihrer Kolonie.
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Um dieselbe Zeit führte auch Lamis aus Megara eine Kolonie nach Sizilien, wo er sich am Flusse PantakyaS an einem Orte namens Trotilon niederließ. Später zog er von da nach Leontinoi und vereinigte sich dort auf kurze Zeit mit den Chalkidiern zu Einer Gemeinde. Nachdem er von hier durch die Chalkidier vertrieben war,- gründete er Thapsos und starb. Seine Gefährten aber wurden auch von Thapsos wieder vertrieben und gründeten das sogenannte hyblaiische Megara, wo sie der Sikelerkönig Hyblos, der ihnen das Land dazu eingeräumt hatte, selbst hinführte. Zweihundertfünfundvierzig Jahr später aber wurden ihre Nachkommen von dort durch den Tyrannen Gelon von Syrakus aus Stadt und Land ver trieben. Vorher schon, hundert Jahr nach ihrer Niederlassung, hatten sie Selinus gegründet und dazu Pamillos ausgesandt, der aus der Mutterstadt Megara herübergekommen war und sich dort mit niederließ. Fünfundvierzig Jahr nach der Gründung von Syrakus kamen Antiphemos auS Rhodos und Entimos auS Kreta mit neuen Ansiedlern und gründeten Gela miteinander. Die Stadt erhielt ihren Namen von dem Flusse Gela; der Platz aber, wo jetzt die Stadt liegt, und der zuerst mit einer Mauer umgeben wurde, heißt Lindioi. In der Stadt gilt dorisches Recht. Etwa hundertacht Jahr nach der Gründung von Gela wurde von dort unter Führung von Aristonus und Pystilos Akragas gegründet, nach dem Flusse Akragas benannt, und mit gelischem Recht begabt. Zankle war ursprünglich von Seeräubern aus der chalkidischen Stadt Kyme in Opikien gegründet. Später kamen auch aus Chalkis und anderen Orten auf Euboia noch zahlreiche Ansiedler, die sich neben ihnen dort niederließen. Gründer waren Perieros und Krataimenes, jener von Kyme, dieser von Chalkis. Den älteren Namen Zankle erhielt der Ort von den Sikelern, weil er die Gestalt einer Sichel hat und die Sichel bei den Sikelern Zankle heißt. Später wurden diese von Samiern und anderen Joniern verdrängt, welche nach ihrer Flucht vor den Persern in Sizilien landeten. Bald nachher aber wurden auch die Samier durch den Tyrannen AnaxilaS von Rhegion vertrieben, der dort Kolonisten verschiedener Herkunft ansiedelte und die Stadt seitdem nach seiner alten Heimat Messene nannte.
- 6.5.1
Von Zankte aus wurde auch Himera gegründet durch Eu kleides, Simos und Sakon. Die Kolonisten waren meist Chalkidier, doch ließen sich mit ihnen auch Syrakuser dort nieder, die sogenannten Myletiden, welche bei einem Aufstande besiegt und auS der Stadt verbannt worden waren. Die Sprache wurde ein Gemisch aus Chalkidisch und Dorisch; doch galt chalkidisches Recht. Akrai und Kasmenai wurden von Syrakus gegründet, Akrai siebzig Jahr nach Syrakus, Kas menai etwa zwanzig Jahr später. Auch Kamarina war ursprüng lich eine Kolonie von Syrakus und wurde ungefähr hundert fünfunddreißig Jahr nach Syrakus gegründet. Gründer waren DaSkon und Menekolos. Die Kamariner fielen jedoch von Syrakus ab und wurden deshalb von den Syrakusern mit Waffengewalt vertrieben. Später wurde das Gebiet der Ka mariner gegen Losgabe kriegsgefangener Syrakuser an den Tyrannen Hippokrates von Gela abgetreten, der nun selbst Kolonisten dorthin führte. Und als Gelon auch diese wieder vertrieben hatte, wurde der Ort, nun zum drittenmal, von Gela mit Kolonisten besetzt.
- 6.6.1
Dergestalt war Sizilien von griechischen und barbarischen Völkern bewohnt, und gegen solch ein Land wollten die Athener jetzt zu Felde ziehen, angeblich natürlich nur, um ihren Stammes genossen und deren Verbündeten zu Hilfe zu kommen, in Wirklich keit aber, um sich die ganze Insel zu unterwerfen. Zunächst veranlaßt wurden sie dazu durch Gesandte aus Egesta, die nach Athen gekommen waren und sie dringend um Hilfe baten. DaS Gebiet von Egesta grenzt nämlich an das von Selinus, und zwischen beiden Städten war es über gewisse Heiraten und einen streitigen Landstrich zum Kriege gekommen, in welchem Egesta von dem mit Syrakus verbündeten Selinus zu Wasser und zu Lande schwer bedrängt wurde. Die Egester erinnerten deshalb die Athener an das Bündnis mit Leontinoi unter Laches im vorigen Kriege und baten sie, ihnen Schiffe zu Hilfe zu schicken. Dabei wiesen sie namentlich auch darauf hin, daß die Syrakuser, wenn man ihnen die Vertreibung der Leontiner ungestraft hingehen lasse, auch die übrigen Bundes genossen vernichten und die Herrschaft über die ganze Insel an sich reißen würden; dann aber sei zu befürchten, daß sie dermaleinst als Dorier auch ihren dorischen Stammesgenossen und dem peloponnesischen Mutterlands mit großer Macht zu Hilfe kämen, um der Herrschaft der Athener mit vereinten Kräften ein Ende zu machen. Deshalb sei es geraten, solange man noch Bundesgenossen habe, mit diesen den Syrakusern entgegenzutreten, zumal sie ihrerseits das nötige Geld für den Krieg beschaffen würden. Nachdem die Egester und deren Gönner ihnen dies in den Volksversammlungen immer wieder auseinandergesetzt hatten, beschlossen die Athener, zunächst Ge sandte nach Egesta zu schicken, um sich zu überzeugen, ob dort im Staatsschatze und in den Tempeln das nötige Geld auch wirklich vorhanden sei, und sich zugleich darüber zu vergewissern, wie es mit dem Kriege gegen Selinus stände.
- 6.7.1
Die Gesandten der Athener reisten dann auch nach Sizilien ab. Die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen außer den Korinthern zogen in diesem Winter ins Argeiische, verheerten einen Strich Landes und nahmen von dort auf Wagen, die sie bei sich hatten, Getreide mit. Den vertriebenen Argeiern wiesen sie Orneai als Wohnsitz an und ließen dort zu deren Schutz einen kleinen Teil ihres Heeres zurück. Darnach gingen sie, nachdem man vereinbart, daß einstweilen zwischen Argos und Orneai keinerlei Feindseligkeiten stattfinden sollten, mit ihrem Heere wieder nach Hause. Als jedoch bald nahcher die Athener mit dreißig Schiffen und sechshundert Hopliten ein trafen, rückten die Argeier und die Athener mit dem ganzen Heere vor Orneai und belagerten es einen Tag lang. In der Nacht aber, wo sich das Heer unweit der Stadt gelagert hatte, machten sich die Bewohner aus dem Staube. Als die Argeier am Tage draus dahinterkamen, zerstörten sie Orneai. Darauf zogen sie ab, und die Athener fuhren mit ihren Schiffen wieder nach Hause.
- 6.7.2
Die Athener landeten mit eigener Reiterei und den zu ihnen geflüchteten Makedonien bei Methone an der Grenze von Makedonien und verheerten das Gebiet des Perdikkas. Die Lakedämonier aber schickten zu den thrakischen Chalkidiern und forderten sie auf, Perdikkas zu Hilfe zu kommen. Doch die wollten nicht. Damit endete der Winter und das sechzehnte Jahr des Krieges, den Thnkydides beschrieben hat.
- 6.8.1
Gleich zu Anfang des nächsten Sommers trafen die athe nischen Gesandten aus Sizilien wieder ein und mit ihnen auch Gesandte aus Egesta, welche sechzig Talente ungemünztes Silber als Monatssold für sechzig Schiffe überbrachten, um deren Sendung sie bitten sollten. Da den Athenern in einer Volks versammlung von den Egestern und ihren eigenen Gesandten, allerdings wahrheitswidrig, versichert wurde, daß die Sachen dort vortrefflich ständen, namentlich in den Kassen und Tempeln Geld in Menge vorhanden sei, beschlossen sie, sechzig Schiffe nach Sizilien zu schicken und Alkibiades, Kleinias' Sohn, Nikias, Nikeratos' Sohn, und Lamachos, Xenophanes' Sohn, den Oberbefehl darüber zu erteilen mit dem Auftrage, Egesta gegen Selinus zu unterstützen, arch, falls der Krieg glücklich verliefe, den Leontinern wieder zu ihrer Stadt zu verhelfen, im übrigen aber so zu verfahren, wie es nach ihrer Ansicht den athenischen Interessen in Sizilien am besten entspräche. Fünf Tage nachher hielten sie eine zweite Versammlung, um über die schleunige Ausrüstung der Schiffe und die Beschaffung des den Feldherren für die Fahrt etwa noch sonst Nötigen zu beschließen. Nikias, der gegen seinen Wunsch zum Feldherrn gewählt und überzeugt war, man habe einen verderblichen Beschluß gefaßt und wolle sich unter einem dürftigen und fadenscheinigen Vorwande in ein so gewaltiges Unternehmen wie die Unterwerfung von ganz Sizilien stürzen, trat jetzt auf, um die Athener davor zu warnen, und redete sie also an:
- 6.9.1
„Die heutige Versammlung ist zwar berufen, um über die Ausrüstung der nach Sizilien bestimmten Flotte zu beschließen. Ich meine jedoch, wir sollten uns die Sache selbst noch mal überlegen, ob es nicht besser wäre, die Flotte nicht hin zuschicken und uns nicht durch einen übereilten Beschluß auf Wunsch von Leuten, die nicht mal unseres Stammes sind, in einen so weit aussehenden Krieg für fremde Interessen ein zulassen. Freilich ist mir dabei ein hohes Amt zugedacht, und ich bin der letzte, der für sein Leben fürchtet, wiewohl ich glaube, daß es einem guten Bürger wohl ansteht, auch Leben und Eigentum zu schätzen; denn schon um seiner selbst willen wird ihm dann auch das Wohl des Vaterlandes um so mehr am Herzen liegen. Wie ich früher niemals gegen meine Über zeugung gesprochen habe, um zu Amt und Würden zu gelangen, so werde ich das auch heute nicht tun, sondern euch offen und ehrlich sagen, wie ich die Sache ansehe. Bei eurer Sinnesart würde es wenig verschlagen, wollte ich euch einfach sagen: Haltet, was ihr habt, und hütet euch, eure jetzige Macht künftiger ungewisser Vorteile wegen aufs Spiel zu setzen. Nein, ich werde euch zeigen, daß ihr im Begriff seid, in ein Wespen nest zu greifen, und die Herrschaft, die ihr dort zu erlangen hofft, schwerlich werdet behaupten können.
- 6.10.1
„Ich sage euch, daß ihr darauf ausgeht, euch durch den Zug nach Sizilien zu den vielen Feinden, die ihr hier zurück laßt, noch neue auf den Hals zu ziehen. Ihr glaubt vielleicht, ihr hättet doch Frieden geschlossen, und der werde von Bestand sein. Ja, solange ihr euch auf keine neuen Unternehmungen einlaßt, wird freilich dem Namen nach Friede sein. Denn so weit ist es durch Treibereien hier bei uns und unseren Gegnern schon gekommen. Aber sobald wir mit einem an sehnlichen Teile unserer Streitkräfte eine Niederlage erleben, werden unsere Feinde sofort über uns herfallen; denn einmal haben sie den Frieden eben nur in der Not nach einem un glücklichen Kriege unter drückenderen Bedingungen geschlossen als wir, und dann enthält der Vertrag auch für uns zweifel hafte Punkte genug. Zudem sind mehrere Staaten, und keines wegs die schwächsten, dem Frieden noch nicht einmal beigetreten, sondern entweder mit uns noch in offenem Kriege oder doch nur, weil die Lakedämonier noch nicht losschlagen, auch ihrer seits durch den zehntägigen Waffenstillstand vorläufig gebunden. Böte sich ihnen Gelegenheit, uns anzugreifen, weil wir unsere Kräfte geteilt, womit wir es jetzt so eilig haben, so würden sie sich gewiß nicht lange besinnen, uns mit den sizilischen Griechen zu Leibe zu gehen, die sie schon längst so gern zu Bundesgenossen gehabt hätten. Das müssen wir im Auge behalten, um unser schwankendes Staatsschiff nicht neuen Ge fahren auszusetzen, und nicht nach Ausdehnung unserer Herr schaft trachten, bevor wir die jetzige befestigt haben. Die seit Jahren aufsässigen thrakischen Chalkidier sind immer noch un bezwungen, und auch anderswo auf dem Festlande steht es mit dem Gehorsam vielfach noch recht bedenklich. Freilich, wenn unseren Bundesgenossen in Egesta ein Unrecht wider- fährt, sind wir gleich bei der Hand, ihnen beizustehen; gilt es aber, uns selbst des Unrechts zu erwehren, das unsere Bundesgenossen uns durch ihren Abfall schon lange angetan haben, so hat eS damit keine Eile.
- 6.11.1
„Und doch würden wir diese wohl bezwingen und in Gehorsam halten können, schwerlich aber imstande sein, die da drüben bei der weiten Entfernung und ihrer großen Menge selbst nach einem Siege dauernd unserer Herrschaft zu unter werfen. Es wäre doch eine Torheit, jemand anzugreifen, dem gegenüber man auch nach einem Siege die Herrschaft nicht würde behaupten können, im Fall einer Niederlage aber schlechter stände als vorher. Nach meiner Meinung hätten wir von den sizilischen Griechen, wenigstens unter den jetzigen Verhältnissen, wahrscheinlich weniger zu fürchten, wenn es den Syrakusern gelänge, sie sämtlich ihrer Herrschaft zu unterwerfen, womit uns die Egester hauptsächlich bange machen wollen. Jetzt nämlich würden wohl einzelne den Lakedämoniern zu Gefallen sich am Kriege gegen uns beteiligen. Dann aber würde eS wahrscheinlich zwischen den beiden Großmächten überhaupt nicht zum Kriege kommen. Denn wie sie jetzt mit Hilfe der Peloponnesier unsere Macht zu stürzen denken, so würden diese dann wahrscheinlich die ihrige zu vernichten suchen. Vor uns aber würden die dortigen Griechen den meisten Respekt haben, wenn wir überhaupt nicht kämen oder ihnen höchstens unsere Macht einmal zeigten und dann gleich wieder abzögen. Sollten wir aber gar eine Niederlage erleiden, so würden sie nnS vollends verachten und mit unseren hiesigen Feinden alsbald gemeinshcaftliche Sache gegen uns machen. Denn wir alle wissen, wie man das weit Entfernte, bevor man es aus eigener Erfahrung kennt, zu bewundern pflegt. So ist es auch euch, Athener, jetzt ja mit den Lakedämoniern und ihren Verbündeten gegangen. Früher fürchtetet ihr euch vor ihnen; jetzt aber, wo ihr sie wider Erwarten besiegt habt, verachtet ihr sie und wollt sogar Sizilien erobern. Wir sollten uns aber durch das Unglück unserer Feinde nicht zum Übermut verführen lassen, sondern froh sein, ihre Pläne vereitelt zu haben. Auch dürfen wir nicht vergessen, daß die Lakedämonier, um ihre Schmach auszuwetzen, nach wie vor nur darauf sinnen, uns wo möglich irgendwie zu demütigen und ihre Ehre wiederher zustellen, grade weil sie von jeher so hohen Wert auf den Ruf der Tapferkeit legen. Bei ruhiger Erwägung also handelt es sich für uns jetzt nicht um das bißchen Egesta, das nicht mal griechisch ist, sondern darum, uns den Lakedämoniern und ihren oligarchischen Gelüsten gegenüber keine Blöße zu geben.
- 6.12.1
„Auch muß man bedenken, daß wir uns erst seit kurzem von der furchtbaren Krankheit und vom Kriege etwas erholt und an Wohlstand und Bevölkerung wieder zugenommen haben. Da wäre es doch nicht mehr wie recht, daß uns das selbst zugute käme und nicht diesen hergelaufenen Geselten, die andere zu Hilfe rufen, ihnen zu eigenem Vorteil auf fremde Gefahr was vorlügen und nichts als leere Worte zu bieten haben und, wenn die Sache gut geht, ihnen mit Undank lohnen, wenn sie aber fehlschlägt, ihre Freunde mit ins Verderben ziehen werden. Und wenn ein gewisser Jemand, froh, daß er zum Feldherrn gewählt, euch zu der Unternehmung rät, weil er sich selbst Vorteil davon verspricht, wegen seines Marstalls bewundert werden und seinen zerrütteten Vermögens verhältnissen durch das Amt etwas wieder aufhelfen möchte, der überdies für ein solches Amt noch zu jung ist, so gebt ihm nicht die Gelegenheit, auf die Gefahr des Vaterlandes mit seiner Person Staat zu machen. Glaubt mir, solche junge Herren sind nicht nur selbst schlechte Hanshalter, sondern auch eine Gefahr für das Gemeinwesen. Die Sache aber ist zu wichtig, um der Leitung und unbesonnenen Behandlung eines zu jungen Mannes anvertraut zu werden.
- 6.13.1
„Mit Besorgnis sehe ich grade die als seine Anhänger hier sitzen, und ich richte deshalb an die Alteren die dringende Bitte, sich nicht von einem, der neben ihnen sitzt, einschüchtern und durch den Vorwurf der Feigheit abhalten zu lassen, gegen den Krieg zu stimmen, und nicht etwa gar selbst mit blinder Leidenschaft nach neuen Erwerbungen zu verlangen. Bekannt-1 lich kommt man mit Leidenschaft selten zum Zweck, weit eher dagegen mit Besonnenheit. Also, um des Vaterlandes willen, das sich jetzt in der Tat in eine Gefahr wie nie zuvor stürzen will, stimmt dagegen und beschließt, die sizilischen Griechen sollten uns gegenüber ihre bisherigen Grenzen, - das ionische Meer bei Küstenfahrt, das sizilische bei Fahrt durch die hohe See, - selbst aber alle ihre Besitzungen behalten und sich unter einander vertragen, den Egestern insbesondere aber zu eröffnen, da sie sich einmal ohne die Athener auf den Krieg mit Selinus eingelassen, möchten sie ihn auch unter sich allein ausfechten, im übrigen uns zur Regel zu machen, künftig nicht mehr, wie bisher, Bündnisse mit Leuten zu schließen, denen wir in der Not beistehen müßten, von denen wir aber, wenn wir selbst Hilfe nötig haben, solche nicht erhalten.
- 6.14.1
„Und du, Prytan, wenn anders dir das Wohl der Stadt am Herzen liegt und du dich um sie verdient machen willst, laß hierüber abstimmen und gib den Athenern Gelegenheit, einen neuen Beschluß zu fassen. Und solltest du auch gegen die Zulässigkeit einer wiederholten Abstimmung Bedenken haben, so kannst du dich dabei beruhigen, daß ein Verstoß gegen das Gesetz vor so viel Zeugen dir nicht den Hals brechen wird. Es ist der Dienst eines Arztes, den du der Stadt nach einem schädlichen Beschlusse leistest; es ist die Aufgabe des Vor sitzenden, das Wohl des Vaterlandes möglichst zu fördern oder es doch, soviel an ihm liegt, vor Schaden zu bewahren."
- 6.15.1
So sprach Nikias. Von den Rednern, welche nach ihm auftraten, waren die meisten für den Krieg nnd gegen eine neue Abstimmung, einige freilich auch entgegengesetzter Meinung. Am eifrigsten für den Krieg aber ging Alkibiades, KleiniaS' Sohn, ins Zeug, teils um Nikias zu widersprechen, weil er überhaupt sein politischer Gegner war und er ihn in seiner Rede persönlich angegriffen hatte, teils aber auch und haupt sächlich deshalb, weil er gern Feldherr werden wollte und als solcher Sizilien und Karthago zu unterwerfen, glücklichenfalls aber auch für seine Person Ruhm und Reichtum dabei zu ernten hoffte. In der Stadt spielte er eine große Rolle, und für vornehme Liebhabereien, für Pferde und andere kostspielige Dinge, gab er mehr aus, als seine Mittel erlaubten, was dann ja nachher auch ein Hauptgrund des Zusammenbruchs des athenischen Staates wurde. Denn nach dem, was er bei dem wilden Leben seinem Körper bot, und den hochfliegenden Plänen, womit er bei allem, was er anfaßte, zu Werke ging, fürchtete man in der Bürgerschaft, er strebe nach der Tyrannis, und trotz der Verdienste, die er sich in der Verwaltung des Kriegswesens um die Stadt erworben hatte, nahm man persön lich an seiner Lebensweise solchen Anstoß, daß man die Führung des Krieges nicht ihm, sondern anderen übertrug und dadurch den Staat sehr bald zu Fall brachte. Nun trat er auf und redete die Athener also an:
- 6.16.1
„Mir kommt es eher als anderen zu, Feldherr zu werden, Athener, - denn damit muß ich beginnen, da Nikias es be stritten, - und ich glaube auch, das Zeug dazu zu haben. Denn was mich hier in schlechten Ruf gebracht hat, grade das gereicht mir und meinen Vorfahren zur Ehre und dem Vaterlande zum Vorteil. Denn die Griechen, welche bis dahin meinten, unsere Stadt sei durch den Krieg völlig er schöpft, gewannen infolge meines glänzenden Auftretens bei den olympischen Spielen eine noch über ihre wirkliche Macht hinausgehende Vorstellung von ihrer Größe. Mit sieben Wagen beteiligte ich mich am Rennen, wie das vor mir noch nie ein Privatmann getan, und gewann den ersten, den zweiten und den vierten Preis und trat dann auch weiter so auf, wie es sich nach einem solchen Siege gehörte. So etwaS ist allemal eine Ehre und, daß man es leisten kann, ein Beweis unserer Macht. Und die hier in der Stadt von mir bei Aufführung von Chören und anderen Gelegenheiten entfaltete Pracht, die natürlich den Neid der Städter erregt, dient ebenfalls dazu, den Fremden unsere Macht vor Augen zu führen. Wenn einer nicht nur zu eigenem Vergnügen, sondern auch zum Vorteil des Staates viel Geld ausgibt, so ist das doch eine sehr er sprießliche Unbesonnenheit, und es ist kein Unrecht, wenn solch ein Glückskind sich dann fühlt und für was Besonderes hält, wie ja auch der Unglückliche sein Los mit niemand teilt. Wie man den Unglücklichen links liegen läßt, so kann man es auch dem Glücklichen nicht verdenken, wenn er uns über die Achsel ansieht. Hält man ihn aber für nichts besser als andere, so darf man an ihn auch keine höheren Ansprüche machen. Ich weiß wohl, daß alle solche Männer, die sich durch glänzende Eigenschaften irgendwie hervortun, besonders von ihren Standes genossen, aber auch von anderen, die mit ihnen in Berührung kommen, bei Lebzeiten scheel angesehen werden, daß aber nach ihrem Tode manch einer, auch der es gar nicht ist, mit ihnen verwandt sein will, und ihre Vaterstadt, weit entfernt, sie zu verleugnen oder zu verdammen, sich ihrer rühmt und mit Stolz die Ihrigen nennt. Nun seht zu, ob ich, der ich auch darnach strebe und deshalb für meine Person vershcrien werde, die Geschäfte der Stadt etwa schlechter besorge als andere. Habe ich euch doch ohne große Gefahr und Kosten das Bündnis mit den mächtigsten peloponnesischen Staaten zustande gebracht und die Lakedämonier genötigt, an dem Tage bei Mantinea alles auf einen Wurf zu setzen. Die Schlacht freilich haben sie damals gewonnen, aber ihrer Sache trauen sie noch immer nicht recht.
- 6.17.1
„Und das hat der junge Mann mit der maßlosen Un besonnenheit, für den man mich hält, euch durch geschickte Verhandlung mit den peloponnesischen Mächten fertiggemacht und sich dabei durch sein persönliches Auftreten ihr Vertrauen erworben. Fürchtet also auch jetzt meine Jugend und meine Unbesonnenheit nicht, sondern macht euch, solange ich noch bei voller Kraft bin nnd ihr auf Niklas' Glück schwört, die Vor teile zunutze, die ihr von uns beiden haben könnt. Ändert auch den Beschluß wegen des Zuges nach Sizilien nicht etwa aus Furcht, wir würden es dort mit einer gewaltigen Macht zu tun haben. Die Bevölkerung der dortigen Städte ist nicht aus einem Guß, sondern guteuteils von auswärts zugewandert, und man ist dort mit Verfassungsänderungen und Aufnahme Fremder immer leicht bei der Hand. Darum versieht sich auch niemand, wie wenn er wirklich ein Vaterland hätte, zu dessen Schutze oder auch nur für seine Person gehörig mit Waffen, und man sorgt nicht für ordentliche Einrichtungen im Lande, sondern jedem ist es an dem genug, was ihm als Redner oder Parteiführer aus dem Stadtsäckel in die Tasche geflossen und was er schlimmstenfalls mit über die Grenze nehmen kann. Es ist sehr unwahrshceinlich, daß solches Pack einem Redner einmütig zuhören oder sich zu einer gemeinsamen Unternehmuug aufraffen wird. Vermutlich würden die Leute, je nachdem man ihnen etwas nach dem Munde redet, unshcwer für uns zu haben sein, zumal wenn dort, wie wir hören, zwei Parteien miteinander im Streit liegen. Auch haben sie lange nicht so viel Soldaten, wie es immer heißt. Hat sich doch heraus- gestellt, daß auch die übrigen griechischen Staaten viel weniger hatten, als sie selbst angaben. Man hatte sich eben in dieser Beziehung in Griechenland gewaltig getäuscht und in diesem Kriege kaum Soldaten genug. So liegen die Dinge da drüben nach allem, was ich von Hörensagen davon weiß, und sie werden sich für uns noch günstiger gestalten; denn wir können darauf rechnen, daß viele der dortigen Barbaren aus Haß gegen die Syrakuser mit uns gemeinshcaftliche Sache gegen sie machen werden. Auch die hiesigen Verhältnisse werden das nicht hindern, wenn ihr die Sache richtig anfaßt. Haben es doch unsere Väter mit alle den Feinden, die, wie man euch sagt, während eines solchen Feldzuges hier über uns herfallen werden, und dazu auch noch mit den Persern zu tun gehabt und trotzdem ihre Herrschaft aufgerichtet, und zwar lediglich vermöge ihrer Überlegenheit zur See. Auch sind die Aussichten der Pelo ponnesier uns gegenüber niemals schlechter gewesen als jetzt. Freilich, wenn sie alle Kräfte aufbieten, sind sie immer im stande, uns ins Land zu fallen, auch wenn wir nicht nach Sizilien gehen; zur See aber werden sie uns auch dann nichts anhaben können, weil wir immer noch Schiffe genug hier be halten, um ihnen die Spitze zu bieten.
- 6.18.1
„Wie könnten wir eine so zaghafte Politik vor unS selbst und vor unseren dortigen Bundesgenossen rechtfertigen, wollten wir ihnen nicht zu Hilfe kommen? Nachdem wir uns ihnen einmal eidlich verpflichtet, müssen wir ihnen auch helfen und dürfen nicht einwenden, daß sie uns ja auch nicht hülfen. Denn nicht deshalb haben wir sie als Bundesgenossen ange nommen, um uns hier von ihnen helfen zu lassen, sondern um durch sie einen Druck auf unsere dortigen Feinde zu üben und diese dadurch zu hindern, uns hier anzugreifen. Wie alle mächtigen Staaten eben auch, sind wir dadurch zur Macht gelangt, daß wir Griechen und Barbaren, wenn sie uns darum an gingen, stets bereitwillig unsere Hilfe gewährten. Wenn man sich nicht rührt oder erst lange untersucht, ob man einem als Stammesgenossen auch helfen müsse, hat es mit der Erweite rung unserer Macht kurze Wege, ja wir laufen Gefahr, sie völlig zu verlieren. Gegen einen mächtigen Feind setzt man sich nicht nur zur Wehr, wenn er uns angreift, sondern sucht sich auch schon vorher gegen seinen Angriff zu sichern. Wir sind nicht in der Lage, im voraus zu bemessen, wie weit wir unsere Herrschaft ausdehnen wollen, aber, nachdem wir es einmal so weit gebracht, sind wir gezwungen, nicht nur die alten Er oberungen festzuhalten, sondern auch auf neue auszugehen, weil wir gewärtigen müssen, wenn wir nicht über andere herrshcen, selbst unter fremde Herrschaft zu geraten. Wir dürfen uns auch nicht wie andere der Ruhe hingeben, wenn wir nicht überhaupt die Rolle mit ihnen tauschen wollen. Also, weil wir darauf rechnen können, unsere hiesige Macht zu mehren, wenn wir nach Sizilien gehen, laßt uns den Zug dahin unter nehmen, damit wir den Hochmut der Peloponnesier dämpfen, wenn sie sehen, daß wir unS aus der Ruhe nichts machen und jetzt sogar eine Flotte nach Sizilien schicken. Gelingt eS uns aber, dort festen Fuß zu fassen, so haben wir alle Aus sicht, ganz Griechenland unserer Herrschaft zu unterwerfen oder wenigstens die Syrakuser so zu schwächen, wie es unserem Interesse und dem unserer Bundesgenossen entspricht. Die Sicherheit aber, wenn die Sache gut geht, uns dort zu be haupten oder auch wieder abzuziehen, gewährt unS die Flotte; denn zur See werden wir auch der Gesamtheit der sizilischen immer überlegen sein. Laßt euch auch durch Nikias nicht irremachen, wenn er euch zum Schlaraffenleben verführen und zwischen Alten und Jungen Zwietracht säen will, sondern so wie unsere Väter in einträchtigem Zusammenwirken von jung und alt die Stadt groß gemacht haben, so sucht auch ihr jetzt ihre Macht zu mehren, und glaubt nur, daß Jugend und Alter ohne einander nichts können, die richtige Mischung von etwas Leichtsinn, Manneskraft und bedächtiger Überlegung aber das Höchste vermag. Und wie es jedem geht, so zehrt auch eine Stadt, wenn sie sich völlig zugibt, letztlich an ihrem eigenen Fette, und ihre Kräfte verkümmern, während sie im Kampfe beständig zulernt und sich gewöhnt, mit dem Degen statt mit Worten zu fechten. Ja, ich bin völlig davon überzeugt, daß grade eine Stadt, welche bisher die Tätigkeit selbst war, am ersten zu Fall kommt, wenn sie sich der Untätigkeit ergibt, und daß man da am sichersten fährt, wo man an den alten Sitten und Gewohnheiten, selbst wenn an ihnen dies oder jenes aus zusetzen wäre, am zähesten festhält."
- 6.19.1
So Alkibiades. Die Athener wurden unter dem Eindruck seiner Rede und der Bitten der Egester und der vertriebenen Leontiner, welche nun auch auftraten und sie bei ihrem Eide beschworen, ihnen zu Hilfe zu kommen, noch weit mehr als schon vorher auf den Zug versessen. Nikias aber, welcher einsah, daß er mit seinen früheren Gründen nichts mehr aus richten würde, sie jedoch, wenn er ihnen die gewaltigen An forderungen und Kosten einer solchen Unternehmung vorstellte, vielleicht noch anderes SinneS zu machen hoffte, trat nun nochmals auf und sagte:
- 6.20.1
„Da ich wohl sehe, Athener, daß ihr unbedingt für den Krieg seid, mit dem eS unS hoffentlich nach Wunsche geht, will ich euch auch sagen, waS ich unter diesen Umständen für nötig halte. Wir stehen vor einem Kriege gegen eine Anzahl meines Wissens großer und mächtiger, völlig unabhängiger Städte, die sich durchaus nicht nach Änderungen sehnen, wie man sie, um eine drückende Herrschaft loszuwerden, willkommen heißt, Städte, die gewiß keine Lust haben, ihre Freiheit mit unserer Herrschaft zu vertauschen, darunter für die eine Insel eine Menge griechische. Denn außer NaxoS und Katana, die bei ihrer Verwandtschaft mit den Leontinern hoffentlich mit unS gehen werden, sind da sieben andere, die für den Krieg gradeso gut gerüstet sind wie wir, vor allem Selinus und Syrakus, auf die eS bei unserem Zuge hauptsächlich abgesehen ist. Sie haben schweres Fußvolk, Bogen- und Speerschützen die Menge, zahlreiche Kriegsschiffe und Leute genug, sie zu bemannen. Geld haben sie auch, teils selbst, teils in den Tempeln von Selinus, die Syrakuser außerdem durch Steuern, welche verschiedene barbarische Völker von alterS her an sie zahlen. WaS sie aber besonders vor unS voraus haben, ist der Reichtum an Pferden, und daß sie ihr Getreide im eigenen Lande erzeugen und nicht von auswärts einzuführen brauchen.
- 6.21.1
„Gegen eine solche Macht ist eS nicht genug an der Flotte und einer Handvoll Seesoldaten, sondern eS gehört auch ein starkes Landheer dazu, wollen wir dort etwas aus richten und nicht Gefahr laufen, durch die zahlreiche Reiterei an der Landung verhindert zu werden, zumal wenn die Städte auS Furcht vor unS zusammenhalten sollten und wir außer den Egestern dort nicht noch andere Bundesgenossen fänden, die unS mit Reiterei auShelfen könnten. ES wäre schimpflich, wenn wir gezwungen wären, wieder abzuziehen oder, weit wir unS nicht von vornherein gehörig vorgesehen, Verstärkungen nachkommen zu lassen. Wir müssen unS also gleich hier mit allem reichlich versehen und berücksichtigen, daß eS sich um einen Zug in ein fernes Land handelt, ein ander Ding, wie wenn ihr hier inmitten eurer Untertanen mit euren Bundes genossen gegen einen Feind zu Felde zieht, wobei die nötigen Zufuhren aus Freundestand leicht zu haben sind. Dort aber seid ihr auf ein völlig fremdes, feindliches Land angewiesen, von wo zur Winterzeit nicht einmal ein Bote in vier Monaten so leicht würde herüberkommen können.
- 6.22.1
„Meiner Ansicht nach also müssen wir viel schweres Fuß volk mitnehmen, sowohl aus Athen selbst wie aus den Ländern unserer Bundesgenossen und Untertanen und was wir davon aus dem Peloponnes an Freiwilligen und Söldnern bekommen können, aber auch zahlreiche Bogenschützen und Schleuderer, um die feindliche Reiterei in Schach zu halten. Weiter müssen wir eine sehr überlegene Flotte haben, schon der ungehinderten Zufuhr der Lebensmittel wegen, auch von hier auf Lastschiffen Getreide, Weizen und geröstete Gerste, sowie eine Anzahl aus den Mühten nach Verhältnis zwangsweise ausgehobener be zahlter Bäcker mitnehmen, damit es in Zeiten, wo die Schiff- fahrt ruht, nicht an Lebensmitteln für das Heer fehlt. Denn bei der Menge der Truppen wird nicht jede Stadt imstande sein, sie zu verpflegen. Überhaupt müssen wir uns mit allem Nötigen möglichst versehen und uns nicht auf andere ver lassen, vor allen Dingen aber einen Sack voll Geld mit nehmen. Was davon in Egesta zu haben sein soll, ist ver- mutlich Fabel.
- 6.23.1
„Denn wenn wir dort auch in allem, abgesehen von ihrer Überlegenheit an schwerem Fußvolk, mit gleichen oder gar größeren Kräften auftreten, so werden wir selbst dann nur mit Mühe imstande sein, die Gegner zu besiegen und unseren Bundesgenossen durchzuhelfen. Man muß nur bedenken, daß wir unsere Truppen gegen eine Stadt inmitten einer uns feindlichen, tsammesfremden Bevölkerung schicken, wo sie gleich am Tage der Landung festen Fuß fassen oder darauf rechnen müssen, wenn es mißlingt, das ganze Land in Waffen gegen sich zu haben. Das sind meine Bedenken, und so viel weiß ich, daß ihr euch die Sache nicht nur sehr überlegen müßt, sondern daß es noch weit mehr auf das Glück ankommt, mit dem/ solange wir Menschen sind, nicht zu spaßen ist. Des halb möchte ich mich möglichst wenig auf das Glück verlassen, sondern sicher gehen und mich nur mit genügenden Kräften auf die Fahrt begeben. Damit würde sowohl der ganzen Stadt als auch uns, die wir den Zug mitmachen müssen, am besten gedient sein. Ist jemand anderer Meinung, so trete ich ihm mein Amt ab."
- 6.24.1
Das sagte Nikias, um die Athener mit Rücksicht auf die Weitsichtigkeit des Unternehmens zur Änderung ihres Be schlusses zu bewegen oder, wenn er dennoch hinaus müßte, dabei wenigstens möglichst sicher zu gehen. Die Athener aber ließen sich durch die Größe der erforderlichen Rüstungen von ihrem Vorhaben nicht abbringen, sondern wurden nur um so eifriger drauf erpicht, so daß er grade daS Gegenteil von dem erreichte, was er bezweckte. Sie gaben ihm nämlich recht und glaubten nun vollends, die Sache unbedenklich unter nehmen zu können. Alle ohne Unterschied wurden von dem Verlangen ergriffen, den Zug mitzumachen, die Älteren, weil sie dort auf Eroberungen hofften oder doch an die Möglichkeit des Unterliegens einer so gewaltigen Macht nicht glaubten; die Jüngeren aber sehnten sich, das ferne Land kennen zu lernen und etwas von der Welt zu sehen, indem sie selbst mit dem Leben davonzukommen hofften; den gemeinen Mann endlich lockte die Aussicht, als Soldat sogleich ein Stück Geld zu ver dienen und aufAusdehnung der Macht der Stadt und auf die sich ihm dadurch auch weiterhin bietende Gelegenheit zu Söldner diensten. Durch dies ungestüme Verlangen der Mehrheit ließ mancher sich abhalten, das Wort zu nehmen, auch wenn er nicht einverstanden war, aus Furcht, wenn er dagegen stimmte, für einen schlechten Bürger gehalten zu werden.
- 6.25.1
Endlich trat ein Athener vor und forderte Nikias auf, er möge nur gleich mit der Sprache herauskommen und hier vor der ganzen Versammlung sagen, was man ihm an Streit kräften bewilligen solle. Der erwiderte, wenn auch ungern, er würde das allerdings lieber erst in Ruhe mit seinen Mit feldherren besprechen; soweit er indessen die Sache augenblick lich übersähe, müßte man mindestens hundert Kriegsschiffe ein stellen. Zum Transport der Truppen könne man sich nach Gutdünken eigener Schiffe bedienen und andere von den Bundesgenossen kommen lassen. An schwerem Fußvolk auS Athen und den BundeSstaaten müsse man im ganzen wenigstens fünftausend Mann haben, ja, wenn irgend möglich, noch mehr, dazu die übrigen Waffengattungen in entsprechender Menge, sowohl Bogenschützen auS Athen und Kreta, alS Schleuderer, auch alles, waS sonst noch nötig schiene, beschaffen und mit nehmen.
- 6.26.1
Hierauf beschlossen die Athener sogleich, den Feldherren unbeschränkte Vollmacht zu erteilen, sich in betreff der Menge der Truppen und des ganzen ZugeS so einzurichten, wie sie eS im Interesse der Athener für geboten hielten. Und nun begannen die Rüstungen; man schickte zu den Bundesgenossen und verzeichnete die dienstfähige Mannschaft im eigenen Lande. Die Stadt hatte sich von der Pest und dem langen Kriege bereits erholt; eS war reichlicher Nachwuchs an junger Mann schaft und infolge der FriedenSjahre wieder Geld genug vor handen, so daß alles leicht beschafft werden konnte. Man rüstete also in Athen zum Kriege.
- 6.27.1
Zu der Zeit aber wurden in der Stadt den meisten jener viereckigen tseinernen Hermen, wie sie nach LandeSsitte vielfach an den Eingängen der Bürgerhäuser und der Tempel tsehen, in einer Nacht die Gesichter abgeschlagen, und niemand wußte, wer daS getan hatte. Man forschte nach den Tätern, setzte von Staats wegen hohe Belohnungen für die Angeber auS und beschloß zugleich, daß jeder, der um einen anderweit verübten derartigen Frevel wisse und ihn zur Anzeige brächte, straflos bleiben sollte, er sei Bürger, Fremder oder Sklave. Die Sache wurde sehr ernst genommen; denn man glaubte, sie sei von Vorbedeutung für den Feldzug, oder sie hinge mit einer Verschwörung zusammen, die eS auf Verfassungsände rungen und den Sturz der Demokratie abgesehen habe.
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Solche Anzeigen gingen denn auch von Schutzverwandten und Bedienten mehrfach ein, allerdings nicht wegen der Her men, wohl aber über andere, schon früher von ausgelassenen jungen Leuten in der Trunkenheit verübten Roheiten an Bildsäulen, und außerdem auch darüber, daß in verschiedenen Häusern die Mysterien nachgemacht und verspottet würden. Solche Beschuldigungen wurden auch gegen Alkibiades er hoben und namentlich von denen aufgegriffen, die sich darüber ärgerten, daß er ihrem Einflüsse beim Volke im Wege stand, und, wenn sie seine Verbannung durchsetzten, die erste Rolle zu spielen hofften. Sie suchten die Sache deshalb möglichst aufzubauschen und lagen den Leuten in den Ohren, daß es bei den Mysterien und der Verstümmelung der Hermen auf den Sturz der Demokratie gemünzt gewesen sei und er immer mit dahintergesteckt habe, wobei sie sich zum Beweise auf sein auch sonst nichts weniger als volksfreundliches wildes Treiben beriefen.
- 6.29.1
Er wies diese Beschuldigungen zunächst als unbegründet zurück und erklärte sich bereit, vor der Abfahrt, zu der schon alles eingeleitet war, sich einer gerichtlichen Entscheidung zu unterwerfen; würde er schuldig befunden, wolle er Strafe leiden, würde er freigesprochen, im Amte bleiben. Auch bat er dringend, während seiner Abwesenheit keine Beschuldigungen gegen ihn anzunehmen, sondern, wenn er schuldig sei, ihn lieber gleich zum Tode zu verurteilen; jedenfalls sei es rich tiger, ihn unter solchem Verdacht, bevor darüber gerichtlich entschieden, nicht an der Spitze eines so bedeutenden Heeres hinauszuschicken. Seine Feinde fürchteten jedoch, wenn man ihn jetzt vor Gericht stellte, würde das Heer für ihn ein genommen und das Volk geneigt sein, ihn frei ausgehen zu lassen, zum Dank dafür, daß er die Argeier und eine Anzahl Mantineer bewogen, sich an dem Zuge zu beteiligen. Sie suchten das deshalb abzuwenden und dadurch zu hintertreiben, daß sie andere Redner vorschickten, welche beantragen mußten, ihn jetzt gleich mit abfahren zu lassen und die Untersuchung bis auf eine bestimmte Frist nach seiner Rückkehr zu ver schieben. Sie beabsichtigten nämlich, ihn noch schwererer Vergehen zu beschuldigen, die sie während seiner Abwesenheit leichter ausfindig zu machen hofften, ihn dann abberufen zu lassen und ihm nach der Rückkehr den Prozeß zu machen. Es wurde auch beschlossen, Alkibiades solle abfahren.
- 6.30.1
Darnach, erst um die Mitte des Sommers, ging die Flotte nach Sizilien unter Segel. Die meisten Bundesgenossen, die Proviantschiffe sowie die kleineren und alle sonstigen, dem Be darf der Flotte dienenden Fahrzeuge hatten Befehl, sich zu nächst bei Kerkyra zu sammeln, um von dort vereint über das Ionische Meer nach dem Iapygischen Vorgebirge zu fahren. Die Athener selbst aber und eine Anzahl Bundesgenossen, welche noch in der Stadt geblieben waren, zogen an dem dazu bestimmten Tage gegen Sonnenaufgang nach dem Peiraieus hinunter, um sich dort einzuschiffen. Alle Welt sozusagen, was immer an Einheimischen und Fremden in der Stadt war, zog mit. Die Einwohner gaben den Ihrigen, Freunden und Söhnen, das Geleit voller Hoffnung und unter Tränen, - würden sie dort Schätze sammeln, würde man sich jemals wiedersehen? - es war ja eine so weite und gefährliche Fahrt in die Ferne, welche sie antraten.
- 6.31.1
In diesem Augenblick, wo sie angesichts der bevorstehenden Gefahren Abschied nahmen, trat ihnen der furchtbare Ernst der Sache weit lebhafter vor die Seele als damals, wo sie für den Zug stimmten. Aber beim Anblick der sich hier vor ihren Augen entfaltenden gewaltigen Rüstung faßten sie dann doch wieder guten Mut. Die Fremden und die Massen waren mit hinausgezogen, um sich das großartige Schauspiel des Auszugs zu einer so außerordentlichen Unternehmung anzu sehen. Denn eine so kostspielige und prächtige Flotte war bis dahin noch nie von einer einzigen griechischen Stadt ausgerüstet und in See geschickt. Allerdings war die Flotte, mit welcher Perikles nach Epidauros und nachher Hagnon nach Potidäa ging, an Zahl der Schiffe und Hopliten ebenso groß; denn damals hatten viertausend Hopliten, dreihundert Reiter und hundert Trieren aus Athen selbst, fünfzig Trieren aus Lesbos und Chios und außerdem zahlreiche Bundesgenossen die Fahrt mitgemacht. Damals aber hatte es sich nur um kürzere Fahrten gehandelt, und die Ausrüstung war dürftig gewesen. Diesmal aber galt es eine Unternehmung auf längere Zeit, bei der man sich für alle Fälle sowohl mit Schiffen wie mit Landtruppen versehen hatte. Die Flotte war mit großen Kosten, teils durch die Trierarchen, teils von Staats wegen aus gerüstet. Der Staat zahlte der Mannschaft an Bord täglich je eine Drachme und stellte die leeren Schiffe, sechzig Kriegs schiffe und vierzig Transportschiffe für die Truppen, nebst den eigentlichen Seeleuten, die Trierarchen aber gaben den Ruderknechten der obersten Bank und den Seeleuten Zulagen zu ihrem Solde aus der Staatskasse und statteten ihre Schiffe auch sonst noch durch kostbare Abzeichen und Einrichtungen aus, wobei einer den anderen zu überbieten suchte, damit sein Schiff sich durch Schönheit und Schnelligkeit hervortäte. Das Landheer aber bestand aus ausgesuchten Leuten, die es durch Bewaffnung und schmucke Erscheinung einander zuvor zutun suchten. So kam es, daß die Sache nicht nur unter ihnen selbst zugleich zu einem Wettstreit wurde, indem jeder seines Orts Ehre einlegen wollte, sondern auch nach außen den Eindruck machte, als handle es sich nicht sowohl um einen Feldzug in Feindes Land als darum, den Griechen die Macht und den Reichtum Athens vor Augen zu führen. Wollte man berechnen, was der Staat und die einzelnen Teilnehmer des ZugeS dafür aufgewandt, - der Staat, was er schon aus gelegt und den Feldherren mitgegeben, die einzelnen, was sie für ihre Person, die Trierarchen für ihre Schiffe schon aus gegeben hatten oder noch weiter ausgeben wollten, außerdem was natürlich jeder zu eigenem Bedarf für einen längeren Feldzug außer seinem staatlichen Solde als Reisegeld mit nahm, auch was mancher Soldat oder mitreisende Handels mann zum Umsatz bei sich führte, - so würde man ifnden, daß es alles in allem viele, viele Talente waren, die damals auS der Stadt hinauswanderten. Auch wurde dieser Auszug durch das Staunenswerte des Unterfangens und das pracht- volle Schauspiel, daS er bot, nicht minder berühmt wie durch die Überlegenheit der Heeresmacht über den Feind, gegen den es ging; war doch noch niemals eine Fahrt in weite Ferne mit einer tsolzeren Flotte und mit größeren Hoffnungen auf neue Erweiterung der athenischen Macht unternommen worden.
- 6.32.1
Nachdem die Mannschaft eingeschifft und alles, was mit sollte, verladen war, wurde mit der Trompete „Stillschweigen" geblasen und das vor der Abfahrt übliche Gebet verrichtet, nicht auf jedem Schiffe besonders, sondern so, daß es dem Herold in eins nachgesprochen wurde. Auf der ganzen Flotte wurden Mischkrüge angesetzt und von der Mannschaft und den Be fehlshabern aus goldenen und islbernen Bechern Trankopfer gebracht. Auch die mit hinausgezogenen Bürger und teil nehmenden Freunde am Lande beteten alle mit. Als das Opfer beendet und der Paian angestimmt war, wurden die Anker gelichtet. Anfangs fuhr man in Kiellinie; dann aber, schon bis Ägina, ruderte man um die Wette, um so schnell wie möglich nach Kerkyra zu kommen, wo die übrigen Schiffe der Bundesgenossen sich ja sammeln sollten.
- 6.32.2
Nach Syrakus aber gelangte von allen Seiten die Nachricht, die Flotte sei unterwegs, längere Zeit aber wollte niemand daran glauben. Auch in einer Volksversammlung, die man hielt, waren die Meinungen geteilt; während die einen die Nachricht für wahr hielten, andere das Gegenteil behaup teten, trat auch Hermokrates, Hagnons Sohn, der genau Bescheid zu wissen glaubte, in der Versammlung auf und sagte:
- 6.33.1
„Vielleicht werdet ihr mir so wenig wie anderen glauben, wenn ich euch sage, daß es mit dem Kommen der Flotte seine Richtigkeit hat. Ich weiß wohl, daß man Leute, welche unglaubliche Nachrichten bringen oder verbreiten, auslacht oder wohl gar für Narren hält. Das soll mich jedoch nicht abhalten, angesichts einer der Stadt drohenden Gefahr, über die ich in der Tat besser als andere unterrichtet zu sein glaube, das Wort zu nehmen. Die Athener sind nämlich wirklich, so unglaublich es euch scheint, mit einer großen Flotte und zahl reichen Landungstruppen hierher unterwegs, angeblich um Egesta beizustehen und Leontinoi wiederherzustellen, in Wahr heit aber, weil sie es auf Sizilien und namentlich auf uns abgesehen haben, indem sie meinen, wenn sie uns erst hätten, würde es ihnen ein leichtes sein, sich zu Herren der ganzen Insel zu machen. Sie werden auch bald genug hier sein. Überlegt euch also, wie ihr euch ihrer mit den vorhandenen Mitteln am,besten erwehren könnt, um nicht aus Unterschätzung der Gefahr ihnen wehrlos zur Beute zu fallen oder infolge eurer Ungläubigteit überhaupt daS Nachsehen zu haben. Aber auch wer daran glaubt, daß die Athener unterwegs seien, darf sich durch ihre Macht und Kühnheit nicht schrecken lassen; denn eher werden sie selbst zuschanden werden, als unS unterkriegen. Es ist auch gar kein Unglück, daß sie mit solcher Macht kommen; im Gegenteil, es gereicht unS das bei den übrigen Griechen hier im Lande zum Vorteil; denn die werden sich auS Furcht davor um so bereitwilliger auf unsere Seite schlagen, und wenn wir die Athener dann bezwingen oder doch vertreiben, ohne daß sie ihren Zweck erreicht, - und daß sie den erreichen, fürchte ich wahrlich nicht, - so bedeutet das für unS einen glänzenden Erfolg, auf den ich wenigstens meinerseits zuversichtlich hoffe. Große überseeische Unter nehmungen der Griechen und Barbaren sind selten glücklich abgelaufen. Die Fremden sind ja doch den Landesein wohnern und ihren Nachbarn, die aus Furcht alle zusammen halten, an Zahl nicht überlegen, und wenn sie dann im Auslande nichts mehr zu leben haben und ihre Unternehmung fehlschlägt, so hat, auch wenn sie ihr Unglück meist selbst verschuldet haben, daS Volt, auf das es abgesehen war, hinter drein dann doch den Ruhm davon. Das ist ja auch den Athenern selbst zugute gekommen, nachdem der angeblich gegen Athen gerichtete Zug der Perser wider Erwarten so unglücklich verlaufen war, und hoffentlich wird eS unS jetzt auch so gehen.
- 6.34.1
„Also nur Mut! Wir müssen nicht nur hier zum Kriege rütsen, sondern auch zu den Sikelern senden, um die, welche schon zu uns halten, noch fester an uns zu knüpfen, und die anderen womöglich zu einem Bündnis zu bewegen, auch an die übrigen Mischen Städte Gesandte schicken, um ihnen über die auch ihnen drohende Gefahr die Augen zu öffnen; ebenso nach Italien, damit man sich dort zu Bündnissen mit uns versteht oder doch den Athenern die Häfen verschließt. Ich meine, wir sollten auch nach Karthago schicken. Denn die Karthager müssen darauf gefaßt sein und leben in beständiger Furcht, daß die Athener eines schönen Tags vor ihrer Stadt erscheinen. Vielleicht sagen sie sich, daß es ihnen übel be kommen könnte, wenn sie uns bei dieser Gelegenheit im Stich ließen, und entschließen sich, uns irgendwie, sei es offen oder wenigstens unterderhand, zu unterstützen. Dazu sind die Karthager, wenn sie wollen, augenblicklich mehr als andere imstande. Denn sie haben Gold und Silber in Hülle und Fülle, was ja im Kriege wie überall so wesentlich mitspricht. Auch nach Lakedämon und Korinth müssen wir schicken und bitten, uns nicht nur hier schleunigst zu Hilfe zu kommen, sondern auch dort die Feindseligkeiten wieder aufzunehmen. Was ich aber zurzeit für das Wichtigste halte, will ich euch doch auch sagen, obgleich ich dabei, ruhselig, wie ihr nun einmal seid, wohl am wenigsten schon jetzt auf eure Zustim mung rechnen kann. Wenn wir sizilischen Griechen sämtlich oder doch möglichst viele mit uns alles, was wir an Schiffen haben, flott machen und auf zwei Monate mit Lebensmitteln versehen wollten und damit den Athenern bis nach Tarent oder an das Japygische Vorgebirge entgegenführen, so würden wir ihnen zeigen, daß es mit ihrem sizilischen Kriege nichts ist, ehe sie nicht glücklich über das Ionische Meer sind. Da durch würden wir sie kopfscheu machen und ihnen zu Gemüte führen, daß wir auf dem Posten sind und uns dabei auf Freundesland stützen können; denn Tarent wird uns auf nehmen. Während sie mit Sack und Pack die weite Fahrt über See machen müssen, wobei sie auf die Dauer die Ord nung schwerlich aufrechterhalten könnten, hätten wir die beste Gelegenheit, ihre langsam und bei kleinem herankommende Flotte anzugreifen. Auch wenn sie ihre Kriegsschiffe erleich terten, sich aufs Rudern legten und damit geschlossen gegen uns vorgingen, würden wir es nur mit überanstrengten Leuten zu tun haben, und wenn uns auch daS bedenklich schiene, uns immer nach Tarent zurückziehen können. Sie aber würden, wollten sie, um eine Schlacht zu liefen, ihre Fahrt ohne reichliche Lebensmittel fortsetzen, an Orten, wo es nichts zu leben gäbe, Hunger leiden oder, wenn sie dort liegen blieben, entweder von uns eingeschlossen werden oder, wenn sie ver suchen sollten, durchzubrechen, ihre Transportflotte im Stich lassen müssen und in Ermangelung von Städten, wo sie mit Sicherheit auf Verpflegung rechnen könnten, ihren Plan auf geben. Mit Rücksicht darauf, glaube ich, werden sie, wenn wir ihnen den Weg versperren, gar nicht von Kerkyra auf brechen, sondern sich die Sache erst überlegen und Nachrichten einziehen, wie stark und wo wir sind, und dadurch bis in den Winter aufgehalten werden oder, verblüfft durch die uner wartete Wendung der Dinge, die Fahrt überhaupt aufgeben, zumal, wie ich höre, ihr erfahrenster Feldherr den Oberbefehl nur ungern übernommen hat und sehr geneigt sein wird, sich hinter jedes ernste Hindernis von unserer Seite zurückzuziehen. Und so viel weiß ich, das Gerücht würde daraus noch mehr machen. Die Stimmung der Menschen aber richtet sich nach dem, was sie hören. Man fürchtet niemand mehr als einen Gegner, der zuerst den Degen zieht oder wenigstens keinen Zweifel darüber läßt, daß er bereit ist, dem Angreifer die Spitze zu bieten, weil man überzeugt ist, daß auch er seinen Mann stehen wird. So wird es jetzt wahrscheinlich auch den Athenern gehen. Sie kommen hierher in dem Glauben, wir würden uns nicht wehren, und haben guten Grund, so gering schätzig von uns zu denken, weil wir den Lakedämoniern nicht geholfen haben, sie niederzukämpfen. Wenn sie nun sehen, daß es uns dazu an Mut nicht fehlt, so wird dies unerwartete Ereignis mehr Eindruck auf sie machen als unsere wirkliche Macht. Folgt also meinem Rat und entschließt euch zu diesem kühnen Schritt, oder wenn das nicht, so richtet euch wenigstens sonst auf den Krieg ein. Davon aber könnt ihr alle über zeugt sein, daß mutiges Auftreten der beste Beweis ist, man fürchte den Feind nicht; und daß auch wir am sichersten gehen, wenn wir uns angesichts der kommenden Gefahr beizeiten wappnen, wie wenn der Feind schon vor den Toren wäre. Die Herren Athener wollen uns zu Kleide und sind, wie ich bestimmt weiß, schon unterwegs: sie werden nicht lange auf sich warten lassen."
- 6.35.1
So redete Hermvkrates. Unter den Syrakusern aber kam es zu heftigem Streit. Die einen behaupteten, die Athener würden auf keinen Fall kommen, und was Hermv krates sage, sei nicht wahr; die anderen, wenn sie auch kämen, was würden sie ihnen denn tun können, was sie nicht zehnmal wiederkriegten? Nur wenige waren es, welche Hermvkrates glaubten und mit Sorge in die Zukunft sahen. Da trat Athenagoras, der Führer der Volkspartei und zurzeit bei der großen Menge der einflußreichste Mann, vor ihnen auf und sagte:
- 6.36.1
„Wer nicht wünscht, daß die Athener so töricht sind, hierherzukommen, um sich bei uns die Finger zu verbrennen, ist entweder ein Feigling, oder er meint eS nicht ehrlich mit der Stadt. Wenn man aber solche Nachrichten verbreitet und euch damit bange machen will, so wundere ich mich nicht über die Dreistigkeit, sondern über den Unverstand, zu glauben, man merke die Absicht nicht. Weil man selbst ein schlechtes Gewissen hat, will man die ganze Stadt in Angst versetzen, um im Schatten der allgemeinen Furcht gute Ge schäfte zu machen. Weiter hat es jetzt auch mit diesen Ge rüchten nichts zu bedeuten. Sie sind nicht von ungefähr ent standen, sondern von Leuten erfunden, die uns mit ihren Treibereien beständig in Atem halten. Ihr dürft euch aber eure Ansicht über die Glaubwürdigkeit solcher Gerüchte nicht darnach bilden, was sie euch aufbinden, sondern nach dem, was ein so geriebenes und vielerfahrenes Volk, wofür ich die Athener halte, vermutlich tun wird. Und da ist es doch sehr unwahrscheinlich, daß sie die Peloponnesier hinter sich lassen und, bevor sie den dortigen Krieg wirklich beigelegt haben, sich in einen neuen, nicht minder gefährlichen Krieg stürzen werden; ja, ich glaube, sie werden schon froh sein, wenn wir, alle die mächtigen Städte hier, nicht auch über sie herfallen.
- 6.37.1
„Hätte eS aber wirklich mit der Behauptung, daß sie kämen, seine Richtigkeit, so wäre Sizilien meiner Meinung nach eher imstande, einen Krieg durchzuführen als der Pelo ponnes, weil es dafür in jeder Beziehung besser versehen ist; ja, unsere Stadt würde schon allein der angeblich jetzt im Anzüge befindlichen Macht, selbst wenn sie nochmal so stark wäre, weit überlegen sein. Pferde, das weiß ich, haben sie nicht bei sich, und die würden sie sich bis auf ein paar aus Egesta auch hier nicht verschaffen können. Auch bringen sie aus der Flotte nicht genug schweres Fußvolk mit, um uns damit gewachsen zu sein. Eine solche Fahrt hierher ist ja schon für leichte Schiffe keine Kleinigkeit, und nun gar der ungeheure Troß, den sie zum Kriege gegen eine solche Stadt mitschleppen müssen. Ja, ich bin sogar der Ansicht, daß sie selbst dann, wenn sie bei ihrer Ankunft hier in der Nähe eine andere Stadt, so groß wie Syrakus fänden, in der sie sich für den Krieg einrichten könnten, schwerlich der Vernich tung entgehen würden, und nun vollends, wenn sie ganz Sizilien, daS doch zusammenhalten wird, gegen sich haben und sich, nur mit dem Notdürftigsten versehen, von ihrem, von den Schiffen aus geschlagenen Zeltlager aus Furcht vor unserer Reiterei nicht weit vorwagen dürften. Kurz und gut, ich glaube, sie werden hier im Lande nicht einmal festen Fuß fassen können; so sehr sind wir ihnen, meiner Über zeugung nach, an Streitkräften überlegen.
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„Sicherlich wissen die Athener das so gut wie ich, und sie werden sich schon in acht nehmen. Es sind Leute von hier, die solche unwahren und niemals eintreffenden Nachrichten erfinden, und das nicht zum erstenmal, sondern ich weiß, daß sie schon immer darauf ausgehen, durch solche und noch weit ruchlosere Lügen und Treibereien unser Volk in Schrecken zu setzen, um sich der Herrschaft über die Stadt zu bemächtigen. Und ich fürchte in der Tat, daß es ihnen damit schließlich gelingen wird, weil wir nicht den Mut haben, ihnen auf den Dienst zu passen und, wenn wir sie ertappt, ihnen den Prozeß zu machen, bevor sie uns das Fell über die Ohren ziehen. Eben darum kommt unsere Stadt auch nie zur Ruhe; beständig gibt es hier innere Zwistigkeiten, und wir haben an Kämpfen unter uns mehr als an Kämpfen gegen äußere Feinde zu leiden, hin und wieder sogar Tyrannei und Säbelherrschaft zu erdulden. Ich werde, wenn ihr mir folgen wollt, mein mög lichstes tun, daß es euch diesmal nicht auch so geht, und euch allen hier mit gutem Rat zu dienen suchen; jene Hetzer und Wühler aber sollen mir dafür büßen; nicht nur wenn sie auf der Tat ertappt werden - denn das trifft sich so leicht nicht sondern auch schon dafür, was sie im Schilde führen, aber nicht ins Werk setzen können. Denn dem Gegner muß man nicht erst in den Arm fallen, wenn er zuschlägt, sondern schon wenn er dazu ausholt, sonst hat man den Hieb weg, ehe man sichs versieht. Unseren vornehmen Herren aber, soweit sie schuldig sind, werde ich den Beweis nicht schuldig bleiben, auf die übrigen aber ein scharfes Auge haben und sie auf bessere Wege zu bringen suchen. Denn so glaube ich am ersten, ihrem ruchlosen Treiben ein Ende machen zu können. Und nun eine Frage, die ich mir schon oft vorgelegt habe: Was wollt ihr denn eigentlich, ihr jungen Herren? Verlangt euch schon nach Ämtern und Würden? Das ist wider das Gesetz. Das Gesetz aber geht davon aus, daß ihr dazu vermutlich noch nicht fähig seid, und ist keineswegs gemeint, euch, wenn ihr dazu befähigt seid, hinter andere zurückzusetzen. Für euch also soll das ge meine Recht nicht gelten? Wie wäre es zu rechtfertigen, wollte man nicht alle nach gleichen Grundsätzen behandeln?
- 6.39.1
„Man sagt wohl, die Demokratie sei weder vernünftig noch gerecht, und die Reichen seien vorzugsweise befähigt, den Staat zu regieren. Ich aber sage einmal, unter Demos ver steht man das Ganze, unter Oligarchie aber nur ein einzelnes Glied, und weiter, die Reichen sind die besten Schatzmeister, die Gescheitesten die besten Ratsherren, das ganze Volk aber ist am besten imstande, über die ihm gemachten Vorschläge daS entscheidende Wort zu sprechen; sie alle aber kommen, im einzelnen wie im ganzen, in der Demokratie zu ihrem Recht. In der Oligarchie dagegen muß das ganze Volk die Gefahren mittragen, während die Vorteile einigen wenigen nicht nur überwiegend, sondern ausschließlich zugute kommen. Darnach aber streben hier bei uns die Mächtigen und die jungen Herren, und das kann sich ein großes Gemeinwesen auf die Dauer nicht gefallen lassen.
- 6.40.1
„Seht ihr immer noch nicht ein, ihr Unverbesserlichen, was ihr damit für Unheil anrichtet, so seid ihr unter allen mir bekannten Griechen die ärgsten Strohköpfe; wenn ihr es aber einseht und doch darnach trachtet, die größten Verbrecher. Also laßt euch belehren und nehmt Vernunft an, fördert auch ihr das Gemeinwohl unserer Stadt und bedenkt, daß die Gut gesinnten unter euch gleichen, ja noch größeren Vorteil davon haben werden als die große Menge unserer Mitbürger, auch daß ihr Gefahr lauft, alles zu verlieren, wenn ihr nicht gut tun wollt. Gebt es auf, solche Nachrichten zu verbreiten; denn man merkt es ja doch, was ihr damit bezweckt, und wird es nicht zulassen. Wenn die Athener wirklich kommen, wird unsere Stadt sich schon wehren, wie es ihrer würdig ist, und wir haben Feldherren, die dafür sorgen werden. Ist eS aber nicht wahr, - wie denn auch ich nicht daran glaube, - so wird sie sich durch eure Nachrichten nicht irremachen lassen und euch nicht an die Spitze stellen, um sich freiwillig unter euer Joch zu begeben. Vielmehr wird sie selbst daS Heft in Händen behalten, eure Reden für Taten nehmen, euch vor Gericht stellen und eure Pläne zunichte machen. Durch solche Spiegelfehctereien wird sie sich nicht um ihre Freiheit bringen lassen, sondern auf ihrer Hut sein und sie mit dem Schwerte zu verteidigen suchen."
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So Athenagoras. Hierauf erhob sich einer der Feldherren und redete, ohne jemand weiter daS Wort zu geben, die Ver sammlung nunmehr seinerseits also an: „Es ist nicht wohlgetan, daß man sich hier einander ver dächtigt, und daß ihr dem bereitwillig euer Ohr leiht. Statt dessen sollten wir, nachdem wir die Nachricht erhalten, alle samt, jeder einzelne und die ganze Stadt, lieber bedacht sein, uns auf mutige Abwehr des feindlichen Angriffs einzurichten. Und wenn das auch wirklich nicht nötig wäre, so wird eS doch nicht schaden, die Stadt mit Rossen und Waffen und sonstigem kriegerischen Schmuck zu versehen. Die dazu erforderlichen Vorbereitungen werden wir treffen, auch Gesandte an die anderen Städte schicken, sowohl um Erkundigungen einzuziehen, als auch um die etwa weiter zweckmäßigen Schritte zu tun. Zum Teil ist das Nötige schon in die Wege geleitet, und wenn wir weitere Nachrichten erhalten, werden wir sie euch mitteilen."
- 6.41.2
Nach diesen Worten des Feldherrn wurde die Versammlung entlassen.
- 6.42.1
Inzwischen waren die Athener und ihre Bundesgenossen sämtlich in Kerkyra eingetroffen. Die Feldherren musterten zunächst ihre Streitkräfte von neuem und teilten sie ein, so wie sie später landen und sich lagern sollten. Sie bildeten drei Geschwader, deren jedes sie einem von ihnen durchs Los zuteilten, damit es nicht für alle zusammen unterwegs an Wasser und Häfen und an Lebensmitteln an den Landungsplätzen fehle, aber auch um überhaupt bessere Ordnung halten zu können und den Befehlshabern ihre Aufgabe zu erleichtern, wenn jede Ab teilung ihren eigenen Feldherrn hätte. Darauf schickten sie nach Italien und Sizilien drei Schiffe voraus, um sich zu er kundigen, welche Städte sie aufnehmen würden, mit dem Be fehl, ihnen wieder entgegenzukommen, damit sie wüßten, wo sie anlaufen könnten.
- 6.43.1
Hierauf brachen die Athener nun wirklich von Kerkyra auf und fuhren nach Sizilien hinüber, und zwar in folgender Stärke: Sie hatten im ganzen hundertvierunddreißig Trieren und zwei rhodische Funfzigruderer, darunter hundert attische, und zwar sechzig schnelle, die übrigen als Transportschiffe für die Truppen, die anderen aus Chios und den übrigen Bundes staaten, - schweres Fußvolk im ganzen fünftausendeinhundert Mann, darunter fünfzehnhundert Athener aus der Bürgerstamm rolle, siebenhundert aus der Klasse der Tagelöhner (Thetes) als Seesoldaten, die übrigen teils von den abhängigen Bundes genossen, fünfhundert Mann, von Argos und Mantinea gestellt, und zweihundertfunfzig Söldner, - Bogenschützen im ganzen vierhundertachtzig, davon die achtzig aus Kreta, - siebenhundert Schleuderer aus Rhodos, hundertzwanzig leichtbewaffnete Flücht linge aus Megara und ein für Pferde eingerichtetes Schiff mit. dreißig Reitern an Bord.
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Das die Kriegsmacht, mit der sie zu Anfang hinüberzogen. Dazu kamen dreißig Lastschiffe, auf denen sich die Lebensmittel, so wie die Bäcker, Maurer und Zimmerleute mit dem nötigen Schanzzeug befanden, und in deren Gefolge noch hundert zwangs weise ausgehobene kleinere Fahrzeuge. Außerdem hatten sich zahlreiche Lastschiffe und sonstige Fahrzeuge zu Handelszwecken dem Zuge freiwillig angeschlossen. Das alles setzte sich nun von Kerkyra über das Ionische Meer in Bewegung. Als die Athener mit der ganzen Flotte am Japygischen Vorgebirge und bei Tarent oder wie es sich eben traf, Italien erreicht hatten, fuhren sie an der Küste entlang, wobei die Städte dort ihnen Markt und Tore verschlossen und lediglich Wasser und Anker- grund, Tarent und Lokroi selbst das nicht gewährten. Endlich kamen sie nach Rhegion an der Südspitze von Italien, wo sie sich sammelten. Da man sie dort nicht einließ, schlugen sie außerhalb der Stadt beim Tempel der Artemis ein Lager auf, wo man ihnen auch einen Markt eröffnete, zogen die Schiffe ans Land und lagen einstweilen still. Mit den Rhegiern nüpften sie Verhandlungen an und forderten sie auf, auf Seite der Leontiner zu treten, die ja auch wie sie Chalkidier wären. Die erklärten jedoch, sie würden sich zu keiner Partei halten, sondern sich darnach richten, was die übrigen italischen Griechen gemeinschaftlich beschließen würden. Die Athener aber überlegten, auf welche Weise sie unter diesen Umständen in Sizilien am besten zu ihrem Zweck kommen könnten, und warteten zugleich auf die Rückkehr der nach Egesta voraus geschickten Schiffe, um zu hören, ob es mit dem, was die Bot schafter in Athen von dem Gelde dort gesagt, seine Richtigkeit habe.
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Inzwischen hatten die Syrakuser von allen Seiten und auch durch ihre Kundschafter bereits die Nachricht erhalten, daß die Flotte bei Rhegion wäre, und da sie nunmehr daran nicht länger zweifeln konnten, rüsteten sie sich mit allem Eifer zum Kriege. Sie schickten zu den Sikelern, um ihre Unter tanen zu überwachen und mit den anderen Verbindungen an zuknüpfen, legten Besatzungen in die Wachthäuser im Land gebiete, musterten in der Stadt das Fußvolk und die Reiterei, zu sehen, ob alles in gutem Stande sei, und richteten sich überhaupt auf einen baldigen und unmittelbar bevorstehenden Krieg ein.
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Die drei vorausgeschickten athenischen Schiffe kamen von Egesta nach Rhegion mit der Nachricht zurück, daß dort von den verheißenen Schätzen, bis auf dreißig Talente, die sich vor gefunden, nichts vorhanden sei. Den Feldherren war es von vornherein verdrießlich, daß ihnen das gleich anfangs in die Quere kam, auch daß die Rhegier nicht mit ihnen gehen wollten, die sie zuerst auf ihre Seite zu ziehen gesucht, und auf die sie um so sicherer gerechnet, da sie Stammverwandte der Leontiner waren und mit den Athenern immer auf gutem Fuß gestanden hatten. Nikias freilich hatte von den Egestern nichts anderes erwartet, die beiden anderen aber wollten es kaum glauben. Die Egester hatten sich damals, als die ersten Ge sandten von Athen zu ihnen kamen, um sich nach ihren Schätzen umzusehen, einer List bedient. Sie hatten sie nämlich in den Tempel der Aphrodite auf dem Eryx geführt und ihnen die Weihgeschenke gezeigt, Schalen, Kellen, Rauchfässer und allerlei andere Geräte, die von Silber und geringem Wert waren, aber einen übertriebenen Eindruck von ihren Reichtümern auf sie machten. Sie hatten auch die Schiffsmannschaft in ihren Häusern zu Tisch geladen und dabei goldene und silberne Becher, die sie aus der ganzen Stadt und anderen griechischen und phönizischen Städten zusammengeliehen, aufgesetzt, wie wenn sie dem Hausherrn gehörten. Meist diente dazu dasselbe Geschirr, und da es überall in solcher Menge zum Vorschein kam, hatte das bei den athenischen Seeleuten große Ver wunderung erregt, und sie hatten bei ihrer Rückkehr in Athen nicht genug davon zu erzählen gewußt, wieviel Gold und Silber sie dort gesehen. Diese armen Schelme, die damals selbst hinters Licht geführt waren und auch andere in solchen Glauben versetzt hatten, wurden jetzt, wo es bekannt geworden, daß es mit den Schätzen in Egesta nichts war, von den Soldaten arg verhöhnt und mit Vorwürfen überhäuft. Die Feldherren aber berieten miteinander, was nunmehr zu tun sei.
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Nikias war dafür, mit der ganzen Flotte nach Selinus zu fahren, gegen das sie ja zunächst ausgesandt seien. Wenn die Egester die Kosten für daS Ganze bestreiten wollten, so könnte man sich danach einrichten; anderenfalls müsse man verlangen, daß sie die Verpflegung für die von ihnen erbetenen sechzig Schiffe übernähmen, und so lange vor Selinus bleiben, bis es sich entweder aus freien Stücken zum Frieden mit Egesta verstehen oder dazu gezwungen sehen würde; ebenso solle man auch die anderen Städte anlaufen, um ihnen die Macht der Athener zu zeigen und deren Eifer für ihre Freunde und Bundesgenossen zu beweisen, dann aber wieder nach Hause fahren, es sei denn, daß sich alsbald unverhofft Gelegenheit böte, etwas für Leontinoi zu tun oder eine der anderen Städte auf seine Seite zu ziehen; die eigene Stadt aber dürfe man nicht in Gefahr und Kosten stürzen.
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Alkibiades dagegen sagte, nachdem man mit einer so mächtigen Flotte ausgefahren sei, dürfe man nicht schimpflich wieder abziehen, ohne etwas ausgerichtet zu haben. Vielmehr solle man alle Städte bis auf Syrakus und Selinus durch Herolde beschicken, auch die Sikeler zum Abfall von Syrakus zu bewegen, die unabhängigen auf seine Seite zu bringen suchen, um Lebensmittel und Soldaten von ihnen zu erhalten. Zunächst aber müsse man das unmittelbar an der Meerenge für eine Landung in Sizilien so günstig gelegene, auch als Hafenplatz und Stützpunkt für weitere Unternehmungen äußerst wertvolle Messene zu gewinnen suchen. Erst wenn man die Städte gewonnen und wisse, inwieweit man sie auf seiner Seite haben werde, sei eS dann an der Zeit, Syrakus und Selinus anzugreifen, falls dieses sich nicht mit Egesta ver tragen, jenes den Leontinern ihre Stadt nicht wieder ein räumen wolle.
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Lamachos aber meinte, man müsse sich ohne weiteres gegen Syrakus wenden und baldmöglichst in der Nähe der Stadt eine Schlacht liefern, solange man dort darauf nicht vorbereitet und noch nicht wieder zur Besinnung gekommen sei. Im ersten Augenblick sei ein Heer immer am furchtbarsten. Warte man zu lange, ehe man sich blicken lasse, so fasse der Gegner wieder Mut, und auch der Anblick sei ihm nicht mehr so furchtbar. Wenn man also die Syraknser jetzt, solange sie noch in banger Erwartung seien, unversehens angreife, so habe man die meiste Aussicht, sie zu besiegen und sie sowohl durch den Anblick, der Masse, mit der man auftrete, als auch durch die Furcht vor dem, was ihnen bevorstehe, besonders vor der ihnen unmittelbar drohenden Schlacht, völlig aus der Fassung zu bringen. Wahrscheinlich seien viele von ihnen noch draußen auf dem Felde geblieben, weil sie nicht an die An kunft der Athener geglaubt; aber auch wenn sie ihre Habe in die Stadt geschafft, werde das Heer keinen Mangel leiden, wenn es sich nach dem Siege vor die Stadt lege. Um so eher würden dann auch die übrigen Griechen in Sizilien sich nicht ihnen, sondern den Athenern anschließen und nicht erst ab warten, wer von beiden die Oberhand behielte. Für den Fall eines Rückzugs müsse man das zurzeit unbesetzte Megara zum Standort für die Flotte machen, wohin es von Syrakus zu Wasser und zu Lande nicht weit sei.
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Nachdem Lamachos sich in diesem Sinne geäußert, schloß er sich dann doch der Meinung des Alkibiades an. Alkibiades aber fuhr nun gleich mit seinem Schiffe nach Messene hinüber und verhandelte dort über ein Bündnis; als man darauf jedoch nicht einging, sondern erklärte, draußen wolle man den Athenern wohl einen Markt eröffnen, in die Stadt einlassen aber könne man sie nicht, fuhr er wieder ab nach Rhegion. Nun bemannten die Feldherren sofort sechzig, aus allen drei Geschwadern entnommene Schiffe, versahen sie mit Lebens mitteln und fuhren damit nach Naxos, während die übrige Flotte und einer von ihnen bei Rhegion zurückblieb. Von Naxos, wo sie in die Stadt eingelassen wurden, fuhren sie nach Katana und von da, wo man sie nicht einließ, weil eS dort manche mit Syrakus hielten, weiter an den Fluß Terias, wo sie übernachteten. Von hier gingen sie am folgenden Tage in Kiellinie nach Syrakus unter Segel. Sie schickten jedoch zehn Schiffe voraus, um in den großen Hafen einzulaufen und sich darnach umzusehen, ob schon Schiffe zu Wasser gelassen wären, und um dort nahe am Lande von Bord aus öffentlich aus rufen zu lassen, sie wären Athener und kämen, um die Leon tiner, ihre Bundesgenossen und Stammverwandten, in ihre Stadt zurückzuführen; die in Syrakus befindlichen Leontiner hätten also nichts zu fürchten und würden von den Athenern mit offenen Armen aufgenommen werden. Nachdem sie daS bekanntgemacht und sich die Stadt, die Häfen und das Gelände,, von wo der Angriff erfolgen mußte, angesehen hatten, fuhren sie wieder nach Katana zurück.
- 6.51.1
Unterdessen wurde in Katana eine Volksversammlung ge halten und beschlossen, das Heer nicht einzulassen, jedoch den Feldherren zu gestatten, in die Stadt zu kommen und ihr An liegen vorzubringen. Während nun Alkibiades dort redete und die Einwohner durch die Volksversammlung in Anspruch genommen waren, erbrachen die Soldaten ein schlecht einge bautes Mauerpförtchen, drangen in die Stadt und erschienen auf dem Markte. Als die nicht sehr zahlreichen Anhänger der Syrakuser in Katana das eingedrungene fremde Kriegs volk erblickten, gerieten sie so in Schrecken, daß sie sich gleich aus dem Staube machten, die anderen aber beschlossen, sich mit den Athenern zu verbünden, und forderten sie auf, auch ihre übrige Kriegsmacht von Rhegion kommen zu lassen. Hierauf brachen die Athener, nachdem ein Schiff die Meldung nach Rhegion gebracht, mit der ganzen Flotte von dort nach Katana auf und richteten hier, als sie angelangt, ihr Lager ein.
- 6.52.1
Da erhielten sie die Nachricht auS Kamarina, daß dieses, wenn sie dort hinkämen, wahrscheinlich zu ihnen übergehen würde, und daß die Syrakuser jetzt ihre Schiffe bemannten. Sie segelten also mit ihrer ganzen Flotte an der Küste entlang, zunächst nach Syrakus, und als sie hier nichts von bemannten Schiffen sahen, fuhren sie weiter nach Kamarina, hielten auf den Strand zu und knüpften durch einen Herold Verhand lungen an. Die Kamariner aber nahmen sie nicht auf, sondern erklärten, nach den bestehenden Verträgen hätten sie die Athener aufzunehmen, wenn sie mit einem Schiffe kämen, aber nicht, wenn sie eine große Flotte hinterherschickten. So fuhren sie unverrichteter Sache wieder ab und landeten an der syra kusischen Küste, wo sie sich ans Plündern machten. Als jedoch die syrakusische Reiterei gegen sie vorging und einige ver sprengte Leichtbewaffnete niederhieb, zogen sie wieder ab nach Katana.
- 6.53.1
Hier trafen sie die Salaminia, die von Athen gekommen war mit dem Auftrage, Alkibiades abzuberufen, um sich wegen der dort gegen ihn erhobenen Beschuldigungen zu verant worten, und mit ihm eine Anzahl seiner Leute, welche auch wegen Verspottung der Mysterien oder wegen Beteiligung an dem Hermenfrevel angegeben worden waren. Die Athener hatten nämlich, auch nachdem die Flotte abgefahren war, doch noch eine Untersuchung eingeleitet und ohne Rücksicht auf die Glaubwürdigkeit der Angeber jeder Verdächtigung Raum ge geben. Auch völlig unbeshcoltene Bürger hatten sie auf das Zeugnis schlechter Menschen hin ohne weiteres festgenommen und inS Gefängnis geworfen in der Meinung, es sei besser, die Sache zu untersuchen und aufzuklären, als wegen der Schlechtigkeit des Angebers einen auch anscheinend noch so rechtschaffenen Mann, den man bezichtigt, ohne Untersuchung laufen zu lassen. Denn das Volk, das immer gehört hatte und wußte, wie drückend die Herrschaft des Peisistratos und seiner Söhne schließlich geworden, und wie diese obendrein nicht mal durch Harmodios und die Bürger selbst, sondern durch die Lakedämonier gestürzt waren, lebte in beständiger Furcht und witterte überall Gefahren.
- 6.54.1
Der Tyrannenmord Harmodios' und AristogeitonS war nämlich durch eine Liebesgeschichte veranlaßt, auf die ich hier ausführlicher eingehen will, um zu zeigen, wie ungenau alles ist, was man auswärts und in Athen selbst über die Tyrannen und jenes Ereignis erzählt.
- 6.54.2
Nachdem Peisistratos als Tyrann in hohem Alter gestorben war, gelangte nicht Hipparchos, wie man gewöhnlich glaubt, sondern Hippias als ältester Sohn zur Regierung. i Harmodios war damals ein bildschöner, junger Mann und Aristogeiton, ein Bürger aus dem Mittelstande, sein begünstigter Liebhaber. Hipparchos, Peisistratos' Sohn, aber machte ihm auch Anträge, hatte damit jedoch kein Glück, und Harmodios verriet es dem Aristogeiton. Der aber, der das, leidenschaftlich verliebt, wie er war, sehr schmerzlich empfand und fürchtete, der mächtige Hipparchos möchte Gewalt gegen ihn gebrauchen, nahm sich gleich vor, alles dranzusetzen, um die Tyrannen zu stürzen. - Hipparchos, der auch mit erneuten Anträgen bei Harmodios keinen besseren Erfolg gehabt hatte und doch keine Gewalt gegen ihn gebrauchen wollte, legte es nun darauf an, ihm bei Gelegenheit in unauffälliger Weise, als ob es damit nichts zu tun hätte, einen Schimpf zuzufügen. Auch sonst nämlich machte er dem Volke gegenüber von seiner Macht keinen ge hässigen Gebrauch, sondern suchte jeden Anstoß zu vermeiden. Überhaupt gaben sich ja die Peisistratiden als Tyrannen alle Mühe, gut und verständig zu regieren; sie erhoben von den Athenern nur den Zwanzigsten vom Einkommen, führten ihre Kriege, verschönerten die Stadt und ordneten ihre Festfeiern. Auch im übrigen ließen sie es in Athen bei den bestehenden Gesetzen und sorgten nur dafür, daß immer einer von ihnen unter den Archonten war. Einer von diesen, welche das ein jährige Archontenamt in Athen bekleideten, war auch Peisi stratos, der den Namen seines Großvaters führende Sohn des Tyrannen Hippias, welcher als Archon den Altar der zwölf Götter auf dem Markte und den Altar deS Apollon beim Pythion weihte. Als später das athenische Volt den Altar auf dem Markte durch einen Anbau vergrößern ließ, ist die Inschrift daran verschwunden, an dem beim Pythion aber ist sie noch jetzt mit unleserlichen Buchstaben zu sehen und lautet: „Hippias' Sohn, der Archon Peisistratos, weihte dies Denkmal Phoibos dem pythischen Gott hier in des Tempels Bereich."
- 6.55.1
Daß aber Hippias der älteste war und zur Regierung gelangte, kann ich bestimmt behaupten, da ich darüber genauere Erkundigungen eingezogen habe als andere', wie denn dafür auch Folgendes sprechen dürfte. Offenbar nämlich war er der einzige unter seinen ebenbürtigen Brüdern, der Kinder hatte, wie dies der Altar und die zum Andenken an die Gewalt herrschaft der Tyrannen auf der Burg in Athen errichtete Säule beweist, an welcher weder Kinder des Thessalos noch des Hipparchos genannt werden, wohl aber fünf des Hippias, welche ihm von Myrrhine, der Tochter des Kallias, Hyperechides' Sohn, geboren waren. Wahrscheinlich hat dann doch der älteste zuerst geheiratet. Auch ist er an derselben Säule gleich nach seinem Vater ausgeführt, und auch das doch wahrshcein lich, weil er sein ältester Sohn war und nach ihm zur Regie rung kam. Vermutlich hätte auch Hippias sich in dem Augen blick nicht so leicht als Tyrann behaupten können, wenn Hipparchos, als er ermordet wurde, dies gewesen wäre und er sich erst an dem Tage dazu hätte auswerfen müssen. Eben weil die Bürger seine Macht und die Söldner seine strenge Zucht schon gewohnt waren, behauptete er seine Herrschaft mit voller Sicherheit und nicht wie ein jüngerer Bruder, der sich nicht zu helfen weiß, weil er dabei nicht hergekommen. Da aber Hipparchos durch sein trauriges Ende so berühmt wurde, glaubte man später, er sei damals auch Tyrann gewesen.
- 6.56.1
Also, um auf Harmodios zurückzukommen, Hippias fügte diesem, weil er ihm nicht zu Willen gewesen war, den ihm zugedachten Schimpf zu. Man wies nämlich seine Schwester, eine Jungfrau, nachdem man sie erst aufgefordert, bei einem Festzuge einen Korb zu tragen, nachträglich mit dem Bemerken zurück, man habe sie gar nicht aufgefordert, da ihr das nicht zukomme. Harmodios empfand das als eine schwere Kränkung, und seinetwegen wurde nun auch Aristogeiton vollends Gift und Galle. Die verabredeten alles mit ihren Mitverschworenen, warteten aber die großen Athenäen ab, den einzigen Tag, wo es kein Aufsehen erregte, wenn die Bürger beim Festzuge alle bewaffnet erschienen. Sie selbst sollten den Anfang machen, die übrigen aber gleich bei der Hand sein, mit ihnen über die Leibwache herzufallen. Die Zahl der Verschworenen war nicht groß, der Sicherheit wegen; sie rechneten nämlich darauf, wenn nur erst ein paar mutig vorangingen, so würden sich auch die Uneingeweihten, da sie ja Waffen hätten, von selbst am Kampfe für ihre Freiheit beteiligen.
- 6.57.1
Als das Fest herangekommen und Hippias auf dem so genannten Topfmarkte vor der Stadt inmitten seiner Leibwache eben damit beschäftigt war, den Festzug zu ordnen, schritten Harmodios und Aristogeiton, mit Dolchen bewaffnet, zur Aus führung ihres Planes. Da sie jedoch einen ihrer Mitver schworenen in vertraulichem Gespräch mit Hippias sahen, wie dieser eben für jedermann leicht zugänglich war, wurden sie bange und glaubten, sie seien verraten und würden jeden Augenblick verhaftet werden. An dem Manne aber, der sie beleidigt und um des willen sie das ganze Wagnis unternommen hatten, wollten sie sich womöglich vorher noch rächen, und so eilten sie, wie sie waren, durchs Tor in die Stadt hinein, trafen Hipparchos beim Leokorion, iselen, der eine aus Eifer- sucht, der andere wegen des ihm angetanen Schimpfes, voller Wut hinterrücks über ihn her und stachen ihn nieder. Aristo geiton gelang es zwar, zunächst im Volksgedränge vor der Leibwache zu entkommen, wurde aber später ergriffen und übel zugerichtet. Harmodios aber wurde gleich auf der Stelle niedergemacht.
- 6.58.1
AlS Hippias auf dem Topfmarkte die Nachricht erhielt, begab er sich nicht etwa an den Ort der Tat, sondern gradeS wegS zu den weiter hinten im Zuge befindlichen bewaffneten Bürgern, bevor die Nachricht dort hinten auch an sie gelangte. Ohne sich von dem Vorfall was merken zu lassen, befahl er ihnen, sich ohne ihre Waffen an einen von ihm bezeichneten Platz zu verfügen, was diese auch taten in der Meinung, er habe ihnen etwas zu sagen. Darauf befahl er seinen Tra banten, die Waffen wegzunehmen und ließ jeden, der ihm ver dächtig war oder den man im Besitz eines Dolches fand, ohne weiteres abführen. Bei den Festzügen erschien man nämlich regelmäßig nur mit Speer und Schild.
- 6.59.1
So war es gekränkte Liebe, was den ersten Anlaß zu der Verschwörung gab, und plötzliche Furcht, wodurch Harmodios und Aristogeiton zu dieser unbesonnenen Ausführung ihres Unternehmens bestimmt wurden. Seit der Zeit aber lastete die Herrschaft der Tyrannen schwerer auf den Athenern, und Hippias, der jetzt ängstlicher geworden war, ließ nicht nur viele Bürger umbringen, sondern sah sich zu seiner Sicherheit auch auswärts für alle Fälle nach Verbindungen um. Wenigstens gab er seine Tochter Archedike Aiantides, dem Sohne des Tyrannen Hippokles von Lampsakos, zur Frau, trotzdem er ein Athener und der nur aus Lampsakos war, weil er gehört, daß sie bei König Dareios großen Einfluß hätten. In Lamp sakos befindet sich ihr Grabdenkmal mit folgender Inschrift: „Diese Asche beschließt Archedike, Hippias' Tochter, Welchen Griechenland einst unter die besten gezählt. War sie auch Tochter und Gattin und Schwester und Mutter von Fürsten, Hat das ihr edeles Herz doch nicht zum Hochmut verführt." Noch drei Jahr behauptete sich Hippias in Athen als Tyrann, im vierten aber wurde er von den Lakedämoniern und den aus der Verbannung zurückgekehrten Alkmäoniden vertrieben. Nachdem man ihm freien Abzug gewährt, begab er sich erst nach Sigeion und dann zu Aiantides nach Lampsakos, von dort aber zum König Dareios, von wo er zwanzig Jahr später, schon hochbetagt, den Zug der Perser nach Marathon mit machte.
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Weil das athenische Volk hieran dachte und sich alles, was es davon gehört, ins Gedächtnis rief, war es damals so hart und argwöhnisch gegen die, welche wegen Verspottung der Mysterien beschuldigt wurden, und glaubte nicht anders, als daß es sich dabei um eine oligarchische Verschwörung oder um Einführung der Tyrannei gehandelt habe. Infolge der dadurch hervorgerufenen Erbitterung waren schon viele an gesehene Männer ins Gefängnis geworfen, und augenscheinlich ließ diese auch nicht nach, sondern wurde von Tag zu Tag größer, so daß die Verhaftungen kein Ende nahmen. Da ließ sich einer der Gefangenen, der für besonders verdächtig galt, durch einen Mitgefangenen bereden, ein Geständnis abzulegen, mit dem es nun seine Richtigkeit gehabt haben mag oder nicht. Das eine ist so gut möglich wie das andere; denn wer die wirklich Schuldigen gewesen, hat damals und später kein Mensch mit Sicherheit sagen können. Der stellte ihm vor, um sein Leben zu retten und der weiteren Schnüffelei in der Stadt ein Ende zu machen, müsse er, auch wenn er unschuldig sei, gegen Zusicherung von Straflosigkeit die Tat eingestehen. Denn wenn er sich durch sein Geständnis Straflosigkeit sichere, habe er eher Aussicht, mit dem Leben davonzukommen, als wenn er leugne und vor Gericht gestellt werde. Er gab denn auch sich und andere als die Urheber des Hermenfrevels an. Das Volk war über dies Geständnis, dem es vollen Glauben schenkte, hocherfreut, während es bis dahin sehr ungehalten gewesen war, daß man den Treibereien seiner Feinde nicht hatte auf die Spur kommen können. Der Angeber selbst und die übrigen Gefangenen, die er nicht mit angegeben hatte, wurden auch sofort auf freien Fuß gesetzt. Den von ihm Angegebenen aber machte man den Prozeß und ließ die Gefangenen hinrichten, die Entflohenen aber zum Tode verurteilen und einen Preis auf ihren Kopf setzen. Indessen stand es sehr dahin, ob die davon Betroffenen nicht mit Unrecht verurteilt waren; immer hin war es für die übrige Bevölkerung unter den damaligen Umständen eine Wohltat.
- 6.61.1
Der Hauptschuldige in den Augen der Athener aber war Alkibiades, dessen Feinde, wie sie ihn schon vor seiner Abfahrt angegriffen hatten, beständig gegen ihn hetzten. Seitdem das jetzt bezüglich der Hermen ihrer Meinung nach außer Zweifel stand, glaubten sie erst recht, daß auch der Mysterienfrevel, dessen er beschuldigt war, von ihm veranstaltet und auch dabei eine Verschwörung gegen die Demokratie im Spiel gewesen sei. Zufällig war nämlich grade zu der Zeit, wo man sich in Athen hierüber aufregte, ein kleines lakedämonisches Heer auf einem Zuge gegen die Böotier bis an den Isthmus gekommen. Nun glaubten die Athener, es komme nicht der Böotier wegen, sondern aufsein Betreiben; die Sache sei mit ihm verabredet, und die Stadt wäre verraten gewesen, wenn man die Schelme nicht auf Grund jener Angaben noch rechtzeitig hinter Schloß und Riegel gebracht hätte. Einmal blieben sie sogar über Nacht im Theseustempel in der Stadt unter Waffen. Auch in Argos kamen die Freunde des Alkibiades zu der Zeit in den Verdacht volksfeindlicher Bestrebungen. Deshalb ließen die Athener damals auch die auf den Inseln untergebrachten Geiseln aus Argos dem argeiischen Volke ausliefern, um sie hinzurichten. So gab es gegen Alkibiades Verdacht an allen Ecken und Enden. In der Absicht, ihn vor Gericht zu stellen und hinrichten zu lassen, schickte man also jetzt die Salaminia nach Sizilien, um ihn und die mit ihm Angegebenen von dort abzuholen, mit dem Befehl, ihm zu sagen, er solle mitkommen, um sich zu verantworten, ihn jedoch nicht zu verhaften, weil man bei den Truppen in Sizilien, den eigenen sowohl wie bei den feindlichen, kein Aufsehen erregen wollte, namentlich aber die Mantineer und die Argeier dort zu behalten wünschte, die sich, wie man glaubte, eben seinetwegen zur Teilnahme an dem Feldzuge entschlossen hatten. Er und seine Mitangeklagten fuhren denn auch auf seinem eigenen Schiffe mit der Sala minia von Sizilien scheinbar nach Athen ab. Aber als sie nach Thurioi gekommen waren, fuhren sie nicht weiter mit, sondern verließen das Schiff und hielten sich versteckt aus Furcht vor dem gehässigen Prozeß, der ihrer zu Hause wartete. Die Leute von der Salaminia suchten eine Zeitlang nach Alkibiades und seinen Gefährten; da diese aber nirgends zu finden waren, fuhren sie weiter. Alkibiades, nunmehr ein Flüchtling, fuhr bald nachher auf einem Frachtschiffe von Thurioi nach dem Peloponnes hinüber. In Athen aber wurde er samt seinen Gefährten abwesend zum Tode verurteilt.
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Die beiden anderen athenischen Feldherren in Sizilien teilten darauf ihre Streitmacht in zwei Teile, wovon jeder einen durchs Los erhielt, und machten sich dann mit der ganzen Flotte nach Egesta und Selinus auf, um sich zu vergewissern, ob die Egester das Geld hergeben würden, und zu sehen, wie es mit Selinus und dessen Streitigkeiten mit Egesta stände. Sie segelten, die dem Tyrrhenischen Meere zugekehrte Seite Siziliens zur Linken, an der Küste entlang nach Himera, der einzigen griechischen Stadt in diesem Teile Siziliens, und da man sie hier nicht aufnahm, fuhren sie weiter. Auf der Fahrt eroberten sie Hykkara, eine an der See gelegene sikanische Stadt, die mit Egesta verfeindet war. Die Einwohner machten sie zu Sklaven und gaben die Stadt den Egestern, die ihnen Reiterei zu Hilfe geschickt hatten. Darauf zogen sie mit dem Landheere durch das Gebiet der Sikeler wieder ab nach Katana, während die Schiffe mit den Sklaven an Bord um die Insel fuhren. Nikias aber begab sich gleich von Hykkara nach Egesta, wo er verschiedene Geschäfte erledigte, auch dreißig Talente erhielt, und fand sich darauf bei dem Heere wieder ein. Die Sklaven verkauften sie, was ihnen hundertzwanzig Talente einbrachte. Auch die zu ihnen haltenden Städte der Sikeler liefen sie an und forderten sie auf, ihnen Truppen zu schicken. Mit dem halben Heere zogen sie vor das geleatische Hybla, das zu den Feinden hielt, konnten es aber nicht nehmen. Damit endete der Sommer.
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Gleich im Beginn des folgenden Winters rüsteten sich die Athener zum Angriff auf Syrakus, und die Syrakuser schickten sich auch ihrerseits an, gegen die Athener zu ziehen. Denn da diese sich nicht, wie sie im ersten Schrecken gefürchtet und erwartet hatten, gleich gegen sie gewandt, war ihnen mit jedem Tage der Mut gestiegen. Und nachdem sie gesehen, wie sie sich hinten fern auf der anderen Seite Siziliens mit der Flotte zu schaffen gemacht und dann vergeblich versucht hatten, Hybla mit Sturm zu nehmen, wurden sie vollends übermütig und verlangten von ihren Feldherren - wie die große Menge es immer macht, wenn ihr der Kamm schwillt -, sie sollten sie nach Katana führen, da die Athener nicht nach Syrakus kämen. Syrakusische Reiter, welche das Heer der Athener beständig beobachteten und umschwärmten, verhöhnten sie und fragten sie unter anderem spöttisch, sie seien wohl hier ins Land ge kommen, um sich bei ihnen häuslich niederzulassen und nicht, um Leontinoi wieder aufzubauen.
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Unter diesen Umständen dachten die Feldherren der Athener die ganze feindliche Streitmacht möglichst weit aus der Stadt herauszulocken und unterdessen selbst mit der Flotte bei Nacht nach Syrakus zu fahren, um dort ungestört an geeigneter Stelle ein Lager aufzuschlagen, was ihnen offenbar nicht so leicht möglich gewesen wäre, hätten sie ihre Truppen angesichts der feindlichen Streitmacht ausschiffen oder unter den Augen des Feindes zu Lande vorrücken müssen. Denn dann hätte die zahlreiche Reiterei der Syrakuser bei ihrem Mangel an Reiterei ihren Leichtbewaffneten und dem Troß sehr gefährlich werden können; so aber würden sie imstande sein, einen Platz zu wählen, wo sie von der feindlichen Reiterei nicht sonderlich zu leiden hätten. Syrakusische Flüchtlinge, die sich ihnen an geschlossen, aber machten sie auf den Platz beim Olympieion aufmerksam, den sie dann auch wirklich wählten. Zu dem Ende bedienten sie sich nun folgender Kriegslist. Sie schickten nach Syrakus einen Mann aus Katana, auf den sie sich ver lassen konnten, den aber auch die syrakusischen Feldherren für ihre Zwecke brauchen zu können glaubten. Denen erklärte er, er komme im Auftrage von Leuten aus Katana, die ihnen dem Namen nach bekannt waren und von denen sie wußten, daß sie zu ihren dort noch vorhandenen Anhängern gehörten. Und nun sagte er ihnen, die Athener blieben nachtS fern von ihrem Lager in der Stadt, und wenn die Syrakuser an einem be stimmten Tage mit ihrem ganzen Heere in aller Frühe vor dem Lager ershcienen, so würde man die Athener nicht aus der Stadt lassen und ihre Schiffe in Brand stecken, sie aber würden alsdann die Palisaden leicht erstürmen und sich des Lagers bemächtigen können. In Katana aber würden viele dabei gemeinshcaftliche Sache mit ihnen machen, und seine Auftraggeber hätten sich darauf schon eingerichtet.
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Die syrakusischen Feldherren, tatendurstig wie sie waren, und ohnedies entschlossen, nach Katana zu ziehen, waren un vorsichtig genug, dem Menschen ohne weiteres Glauben zu schenken, setzten sogleich einen Tag fest, wo sie kommen würden, und schickten ihn damit wieder fort, gaben auch ihrerseits Befehl, die gesamte Mannschaft der Syrakuser, bei denen sich auch bereits Selinunter und einige andere Bundesgenossen eingefunden hatten, solle sich marschbereit machen. Als alles fertig war und die Zeit, wo sie dort sein sollten, herankam, traten sie den Marsch nach Katana an und lagerten die Nacht im Freien am Flusse Symaithos im Leontinischen. Sobald die Athener merkten, daß sie im Anzüge waren, brachen sie mit allen ihren Truppen und den zu ihnen gestoßenen Sikelern und sonstigen Verbündeten aus ihrem Lager auf, schifften sie auf den Kriegsschiffen und anderen Fahrzeugen ein und gingen damit nach Syrakus unter Segel, wo sie bei Tagesanbruch landeten, um dort in der Nähe des Olympieion ein Lager zu schlagen. Als die zuerst bei Katana angelangte syrakusische Reiterei gewahr wurde, daß das ganze Heer aufgebrochen war, kehrte sie um und meldete das dem Fußvolke, und nun machte das Ganze kehrt und zog wieder nach der Stadt.
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Da das ein weiter Weg war, hatten die Athener Zeit, unterdessen in aller Ruhe an einer geeigneten Stelle ihr Lager aufzuschlagen, von wo sie nach Belieben zum Angriff vorgehen und wo die syrakusischen Reiter ihnen weder im Gefecht noch vorher viel anhaben konnten, indem es auf der einen Seite von Mauern, Häusern, Bäumen und einem Sumpfe, auf der anderen von steilen Abhängen umgeben war. Sie fällten die Bäume in der Nähe und schafften sie an die See, um damit ein Pfahlwerk zum Schutz ihrer Schiffe herzustellen, errichteten bei Daskon, wo der Feind ihnen noch am ersten hätte bei kommen können, in der Eile eine Schanze aus Holz und zu sammengelesenen Steinen und zerstörten die Brücke über den Anapos. Während sie damit beschäftigt waren, kam niemand aus der Stadt heraus, um sie daran zu hindern. Die ersten, welche ihnen gegenüber erschienen, waren die Reiter der Syra kuser, bis sich dann später auch ihr ganzes Fußvolk dort an sammelte. Anfangs drangen sie bis dicht an das Lager der Athener vor; da diese aber nicht herauskamen, zogen sie sich hinter die Elorische Straße zurück und übernachteten dort unter freiem Himmel.
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Am Tage daraus machten sich die Athener zur Schlacht bereit und ordneten dazu ihr Heer in folgender Weise. Den rechten Flügel bildeten die Argeier und die Mantineer, die Mitte die Athener, den anderen die übrigen Bundesgenossen. Die eine Hälfte ihres Heeres stand, acht Mann hoch, im ersten Treffen, die andere, ebenfalls acht Mann hoch, im Viereck bei den Zelten, mit dem Befehl, aufzupassen, wo etwa ein Heeresteil in Not käme, und dann zu dessen Unterstützung vorzugehen. Die Packknechte hatte man inmitten dieses Vier ecks untergebracht. Die Syrakuser stellten ihr aus dem ge samten syrakusischen Aufgebot und den anwesenden Bundes genossen bestehendes schweres Fußvolk sechzehn Mann hoch. Die Bundesgenossen, die zu ihnen gestoßen, waren in der Hauptsache Selinunter; dazu kamen Reiter aus Gela, im ganzen gegen zweihundert, und etwa zwanzig Reiter und gegen fünfzig Bogenschützen aus Kamarina. Ihre mindestens zwölfhundert Mann starke Reiterei stellten sie auf den rechten Flügel und neben diese die Speerschützen. Als die Athener sich anschickten, zuerst anzugreifen, schritt Nikias die Reihen ab, um den Mut seines Heeres und der einzelnen Völker schaften durch folgende Ansprache zu beleben.
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„Was brauche ich euch lange Mut einzusprechen, Leute; kämpfen wir doch alle für dieselbe Sache! Der treffliche Zustand unserer Truppen, mein' ich, ist an sich mehr geeignet Mut zu machen als wohlgesetzte Reden vor einem schwachen Heere. Wo wir hier, Argeier, Athener und die ersten Insel- völker, beisammen sind, wie sollte da nicht unter so viel tapferen Waffenbrüdern jeder einzelne mit voller Zuversicht aus den Sieg hoffen, zumal wir es mit bloßen Bürgerwehren zu tun haben und nicht mit alten Soldaten wie wir, und noch dazu mit diesen Sikelioten, die uns zwar verachten, aber uns nicht standhalten werden, weil wir uns besser auf den Krieg verstehen als sie. Bedenkt auch, daß wir fern von unserer Heimat sind und hier kein Freundesland finden werden, das wir nicht erst mit dem Schwerte gewinnen müßten. Und wenn die Feinde sich, wie ich wohl weiß, damit anfeuern, daß eS den Kampf fürs Vaterland gilt, so habe ich euch grade umgekehrt daran zu erinnern, daß ihr nicht im Vater lande kämpft, sondern in einem fremden Lande, wo ihr siegen müßt oder auf dem Rückzüge einen schweren Stand haben werdet; denn ihre zahlreiche Reiterei wird uns auf den Fersen sein. Macht also eurem alten Ruhm auch heute Ehre und greift eure Gegner nur herzhaft an, überzeugt, daß Not und Entbehrungen, womit ihr jetzt zu kämpfen habt, schlimmer sind als die Feinde."
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Nach dieser seiner Ansprache führte Nikias das Heer sogleich zum Angriff vor. Die Syrakuser hatten in dem Augenblick noch nicht darauf gerechnet, daß es schon zur Schlacht kommen würde, und da ihnen die Stadt so nahe war, hatten sich manche dahin zurückbegeben. Die kamen zwar in aller Eile herbeigelaufen, aber doch zu spät, und schlossen sich nun aufs Geratewohl irgendeinem Truppenteile an. Denn an gutem Willen und Mut fehlte es ihnen wahr lich nicht, weder hier noch in den späteren Gefechten. Aber wenn sie auch an Tapferkeit, soweit ihre Kriegskunst reichte, ihren Gegnern nicht nachstanden, so wurde doch dadurch, daß eS ihnen hieran gebrach, ihre Schneidigkeit im Kampfe un willkürlich beeinträchtigt. Obwohl sie nicht geglaubt hatten, daß die Athener zuerst angreifen würden, und sie nun Hals über Kopf den Kampf mit ihnen aufnehmen müßten, so griffen sie doch zu den Waffen und rückten sogleich gegen sie vor. Beiderseits wurde das Gefecht zuerst von den Steinwerfern, Schleuderern und Bogenschützen eröffnet und, wie es bei leichten Truppen in der Regel geht, bald der eine, bald der andere Teil zurückgeschlagen. Darauf aber brachten Wahr sager die üblichen Opfer, und Trompeter gaben dem schweren Fußvolke das Zeichen zum Angriff. Und nun setzte sich dieses in Bewegung, die Syrakuser zum Kampf fürs Vaterland, jeder einzelne davon durchdrungen, in diesem Augenblick für sein Leben und weiterhin für seine Freiheit zu fechten. Auf Seite der Gegner war es den Athenern darum zu tun, das fremde Land zu unterwerfen und ihr eigenes nicht durch den Verlust der Schlacht zu gefährden, den Argeiern und den unabhängigen Bundesgenossen aber, die Eroberungen, die man hier machen wollte, mit den Athenern zu teilen und als Sieger in ihr Vaterland heimzukehren. Die untertänigen Bundesgenossen endlich ließen es schon deshalb nicht an sich fehlen, weil sie im Fall einer Niederlage keine Aussicht hatten, für diesmal mit dem Leben davonzukommen, nebenbei aber auch in der Hoffnung, die Herrschaft der Athener werde sich für sie künftig weniger drückend gestalten, wenn sie ihnen geholfen hätten, neue Eroberungen zu machen.
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Als es zum Handgemenge gekommen war, hielten beide Teile längere Zeit einander stand. Nun traf es sich, daß es unterdessen wiederholt donnerte und blitzte und dabei stark regnete, was diejenigen, die hier zum erstenmal ins Gefecht kamen und den Krieg noch nicht gewohnt waren, noch furcht samer machte, während die erfahrenen Krieger darin nur ein Ereignis sahen, wie es die Jahreszeit mit sich brachte, und sich weit mehr darüber wunderten, daß ihre Gegner noch immer standhielten. Nachdem jedoch die Argeier den linken Flügel der Syrakuser und dann auch die Athener die ihnen gegenüberstehenden Gegner geworfen hatten, wurde auch daS übrige Heer der Syrakuser durchbrochen und in die Flucht geschlagen. Verfolgen konnten jedoch die Athener nicht weit; denn die zahlreichen, noch unbesiegten Reiter der Syrakuser hinderten sie daran, die, wenn sie bemerkten, daß die Hopliten irgendwo zu hastig vordrangen, auf sie einsprengten und sie zurücktrieben. Die Athener setzten deshalb die Verfolgung in Reih und Glied nur so weit fort, wie eS die Sicherheit gestattete, kehrten dann aber wieder um und errichteten ein Siegeszeichen. Die Syrakuser zogen sich nach der Elorischen Straße zusammen, stellten die Ordnung, so gut es ging, wieder her und schickten sogar einen Teil ihrer Mannschaft ab, um das Olympieion zu besetzen aus Furcht, die Athener möchten sich der dort vorhandenen Schätze bemächtigen. Die übrigen zogen wieder in die Stadt zurück.
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Die Athener wandten sich indessen nicht nach dem Tempel, sondern sammelten ihre Toten, legten sie auf Scheiter haufen und blieben über Nacht auf dem Schlachtfelde. Am folgenden Tage gaben sie den Syrakusern, von denen und deren Bundesgenossen gegen zweihundertsechzig gefallen waren, ihre Toten unter Waffenstillstand heraus und sammelten die Gebeine ihrer eigenen Toten. Von ihnen und ihren Bundes genossen waren gegen fünfzig gefallen. Darauf führen sie mit der den Feinden abgenommenen Waffenbeute wieder ab nach Katana. Denn es war Winter, auch hielten sie es nicht für möglich, den Krieg hier weiter zu führen, bevor sie Reiterei aus Athen bekommen oder von den Bundesgenossen hier im Lande an sich gezogen hätten, damit ihnen der Feind an Reiterei nicht zu sehr überlegen wäre. Zugleich wollten sie sich erst hier im Lande Geld verschaffen und von Athen schicken lassen und einige Städte auf ihre Seite ziehen, die sich, wie sie hofften, dazu jetzt nach der Schlacht eher bereit finden lassen würden, auch sich noch weiter mit Lebensmitteln und sonstigem Bedarf versehen, um dann im Frühjahr Sy rakus anzugreifen.
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Zu dem Ende gingen sie mit der Flotte nach Katana und Naxos zurück, um dort zu überwintern. Nachdem die Syrakuser ihre Toten bestattet, hielten sie eine Volksversamm lung. Hier trat Hermokrates, Hermons Sohn, vor ihnen auf, ein Mann, der überhaupt an Einsicht keinem nachstand, insbesondere im Kriege reiche Erfahrung gesammelt und sich durch Tapferkeit hervorgetan hatte, und ermutigte sie, jener Niederlage wegen ihre Sache nicht verloren zu geben. Nicht, weil es ihnen an Mut gefehlt, seien sie geschlagen; nur ihre Unordnung sei ihnen verderblich geworden. Auch hätten sie ja ihre Sache über Erwarten gut gemacht, zumal sie gegen die ersten und bestgeschulten Truppen unter den Griechen, sozusagen als Laien gegen Fechtmeister, gekämpft. Aber auch die Menge der Feldherren - sie hatten nämlich fünfzehn - und der vielköpfige Oberbefehl sowie der Mangel an Ord nung und Mannszucht unter ihren Leuten sei ihnen sehr nachteilig gewesen. Wenn man aber nur wenige erfahrene Feldherren anstelle und in diesem Winter das schwere Fuß volk ordentlich ausbilde, auch, soweit es daran fehle, mit Waffen versähe, um es so stark wie möglich zu machen, und es überhaupt fleißig üben lasse, so hätten sie alle Aussicht, die Feinde zu besiegen, weil es ihnen schon jetzt an Tapfer keit nicht fehle, und sie dann auch in guter Ordnung ins Gefecht gehen würden. Denn damit würden sie beides ge winnen, sowohl die bessere Schulung für den Krieg, als auch den durch das Vertrauen darauf erhöhten Kampfesmut. Sie sollten also nur wenige und zwar mit unbeschränkter Gewalt zu Feldherren bestellen und ihnen zuschwören, daß niemand ihnen in ihren Oberbefehl hineinreden dürfe; dann würden Dinge, die geheim bleiben müßten, nicht so leicht auskommen und alle Anordnung gehörig und ohne Widerrede befolgt werden.
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Hierauf beschlossen die Syrakuser ganz so, wie er ihnen geraten hatte, und wählten drei, ihn, Hermokrates selbst, Herakleides, Lysimachos' Sohn, und Sikanos, Exekestos' Sohn, zu Feldherren. Auch schickten sie Gesandte nach Korinth und Lakedämon, um beide für ein Bündnis mit Syrakus zu ge winnen und die Lakedämonier zu bewegen, den Krieg gegen die Athener ihretwegen offen und nachdrücklicher wieder auf zunehmen, um diese zum Abzüge aus Sizilien zu nötigen oder doch daran zu hindern, dem Heere in Sizilien weitere Ver stärkungen zu senden.
- 6.74.1
Die Athener aber gingen von Katana mit ihrem Heere sogleich nach Messene unter Segel, in der Hoffnung, eS würde ihnen durch Verrat in die Hände fallen. Die Sache war allerdings verabredet, allein es wurde nichts daraus. Alkibiades nämlich, der darum wußte, hatte es, als er nach seiner Abberufung bereits auf dem Rückwege war und einsah, daß in Athen seines Bleibens nicht sein würde, den Freunden der Syrakuser in Messene gesteckt. Diese ließen erst die Ver räter ermorden, rotteten sich dann mit ihren Gesinnungs genossen unter Waffen zusammen und setzten es durch, daß die Athener nicht eingelassen wurden. Die Athener blieben etwa vierzehn Tage vor Messene, da sie aber unter der Witterung litten und nichts zu leben hatten, auch keinerlei Fortschritte machten, zogen sie nach Naxos ab, wo sie sich in ihrem Lager verschanzten, um dort zu überwintern. Auch schickten sie eine Triere nach Athen, um sich zum Frühjahr Geld und Reiter auszubitten.
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Die Syrakuser legten im Laufe des Winters bei der Stadt Befestigungen an. Der Temenites wurde auf der ganzen Seite nach Epipolai in die Ringmauer einbezogen, damit die Stadt im Fall einer Niederlage nicht so leicht in unmittelbarer Nähe durch eine Umwallung eingeschlossen werden könnte. Megara wurde als Außenwerk ausgebaut, ein anderes beim Olympieion. Auch an der See wurden überall, wo eine Landung möglich war, Palisaden errichtet. Als sie hörten, die Athener überwinterten in Naxos, zogen sie mit dem ganzen Heere nach Katana, verwüsteten einen Teil des dortigen Gebiets und steckten die Zelte und das Lager der Athener in Brand. Darauf kehrten sie wieder nach der Stadt zurück. Sowie sie die Nachricht erhielten, daß die Athener mit Rücksicht auf das unter Laches geschlossene Bünd nis eine Gesandtschaft nach Kamarina geschickt hätten, um es womöglich auf ihre Seite zu ziehen, schickten auch sie Gesandte dorthin, denn sie hatten die Kamariner in Verdacht, daß sie ihnen schon zu jener ersten Schlacht ihre Truppen nur ungern geschickt hätten und sich unter dem Eindruck des Sieges der Athener in Zukunft überhaupt von ihnen lossagen und durch die alte Freundschaft bewegen lassen würden, zu diesen über zugehen. Nachdem Hermokrates aus Syrakus und EuphemoS von seiten der Athener mit einigen andern in Kamarina an gekommen waren, hielt HermokratoS in einer Versammlung der Kamariner, um sie von vornherein gegen die Athener ein zunehmen, folgende Rede:
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„Nicht aus Furcht, ihr würdet euch durch die Macht schrecken lassen, mit der die Athener hier jetzt auftreten, sind wir zu euch gesandt, Kamariner, sondern weil wir besorgen, sie könnten euch durch glatte Worte einfangen, bevor ihr auch uns angehört. Denn sie sind nach Sizilien zwar unter einem Vorwande gekommen, der auch euch bekannt ist, aber mit Hintergedanken, über die wir alle unsere Ver mutungen haben. Nach meiner Meinung wollen sie nicht die Leontiner in ihre Stadt zurückführen, sondern uns von Haus und Hof vertreiben. Es ist doch sehr unwahrshceinlich, daß sie anderswo Städte zerstören, hier aber wieder aufbauen wollten, daß sie sich der Leontiner als Chalkidier und Stammes genossen annehmen sollten, während sie die Chalkidier in Euboia, deren Pflanzvolk diese sind, in Knechtschaft halten. ES ist immer dieselbe Geschichte, wie sie dort ihre Herrschaft aufgerichtet haben, so versuchen sie eS jetzt auch hier zu machen. Nachdem ihnen die Jonier und alle die Bundes genossen, die von ihnen abstammten, den Oberbefehl freiwillig zu dem Zweck übertragen hatten, sie an den Persern zu rächen, haben sie sie alle unterjocht. Den einen gaben sie schuld, den Kriegsdienst verweigert, den anderen, sich untereinander bekriegt zu haben, oder was sie sonst für Scheingründe den einzelnen gegenüber ins Feld führen konnten. Und so haben weder sie für die Freiheit der Griechen noch die Griechen für ihre eigene Freiheit gegen die Perser gekämpft, vielmehr sie, um die Griechen aus Untertanen des Königs zu ihren Untertanen zu machen, die Griechen aber, um einen neuen, zwar nicht so einfältigen, aber desto verschlagener« Herrn ein zutaushcen.
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„Aber wir sind ja nicht hier, um die euch zur Genüge bekannten Gewaltstreiche, die man der Politik der Athener zum Vorwurf machen kann, mit euch durchzugehen, sondern im Gegenteil, um unS selbst anzuklagen. Haben wir doch vor Augen, wie sie die dortigen Griechen unterjocht haben, weil sie sich ihrer Haut nicht wehrten, und wie sie auch uns jetzt wieder mit solchen Spiegelfehctereien von Rückführung stammverwandter Leontiner und Bundeshilfe für Egesta hinters Licht führen wollen, und trotzdem können wir uns nicht ent schließen, ihnen mit vereinten Kräften mutig entgegenzutreten, um ihnen zu beweisen, daß sie es hier nicht mit Ioniern oder solchem Jnselvolk und Hellespontern zu tun haben, die sich heute die Herrschaft des Perserkönigs und morgen die eines neuen Herrn gefallen lassen, sondern mit freien Doriern aus dem freien Peloponnes, die sich hier in Sizilien eine Heimat gegründet haben. Oder warten wir, bis sie eine Stadt nach der anderen unterwerfen, während wir doch wissen, daß wir nur auf diese Weise zu besiegen sind, und mitansehen, wie sie es darauf anlegen, die einen durch Versprechungen uns abwendig zu machen, die anderen durch die Hoffnung auf ihren Beistand miteinander in Krieg verwickeln und jedem zu seinem Schaden möglichst um den Bart gehen? Glauben wir denn, wenn es erst dem fernen Landsmann an den Kragen gegangen, würde die Reihe nicht auch an uns kommen, und die, welche es vor unS betroffen, müßte man eben ihrem Schicksal überlassen?
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„Und wer etwa meinen sollte, die Athener hätten eS doch nicht auf ihn, sondern auf den Syrakuser abgesehen, er würde sich hüten, für mein Vaterland seine Haut zu Markte zu tragen, der möge beherzigen, daß er in meinem Vaterlande so gut für sein Vaterland wie für meins kämpft, und zwar um so sichern, so lange er mich, und nicht nur mich allein, mit noch ungebrochener Kraft zur Seite hat, und daß der Athener nicht nur dem Syrakuser die Feindschaft eintränken, sondern auch ihm Gewalt antun will, wenn er für jetzt auch noch um seine Freundschaft wirbt und vorgibt, daß eS nur auf mich abgesehen sei. Wenn unS aber jemand beneidet oder fürchtet, - ein mächtiger Staat muß eben beides in den Kauf nehmen, - und deshalb wünscht, damit Syrakus nicht zu übermütig würde, müsse es zwar Hedemütigt, aber seiner eigenen Sicherheit wegen doch nicht völlig vernichtet werden, so verlangt er, waS über menschliches Vermögen geht; denn man kann dem Schicksal nicht wie den Wünschen gebieten. Und wenn er sich dabei verrechnete, so würde er nachher im Jammer über sein eigenes Unglück doch vielleicht wünschen, daß er uns noch um unser Glück beneiden könnte. Das wird er aber nicht können, wenn er uns im Stich gelassen und die Gefahr, die zwar nicht dem Namen, aber der Sache nach uns beiden galt, nicht mit uns teilen wollte. Denn angeblich würde man zwar nur für uns und unsere Machtstellung, in der Tat aber fürs eigene Dasein kämpfen. Vor allen aber wäre es an euch, unseren Nachbarn, über die es nach uns hergehen wird, gewesen, Kamariner, uns von selbst Bundes hilfe zu leisten und es damit nicht so spärlich angehen zu lassen. Wie ihr, wenn die Athener zuerst nach Kamarina ge kommen wären, euch an uns gewandt und uns um Hilfe gebeten hättet, so hättet auch ihr euch jetzt bei uns sehen lassen und uns ermutigen müssen, standhaft auszuhalten. Aber damit hat es bis jetzt keine Eile gehabt, bei euch so wenig wie bei den anderen.
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