Geschichte des Peloponnesischen Krieges
- 5.12.1
Um dieselbe Zeit gegen Ende des Sommers führten die Lakedämonier Rhamphias, Antocharidas und EpikydidaS neun hundert Hopliten als Nachschub nach dem thrakischen Küsten lande. Sie kamen bis Herakleia, wo sie die dort von ihnen vorgefundenen Mißstände abstellten. Während ihres dortigen Aufenthalts wurde die Schlacht geschlagen, und damit ging der Sommer zu Ende.
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Gleich im Beginn deS WinterS hatte RhamphiaS mit seinen Leuten seinen Marsch bis an daS Gebirge Pierien in Thessalien fortgesetzt. Da die Thessaler sie nicht durchlassen wollten, auch Brasidas, zu dem sie ja stoßen sollten, inzwischen gestorben war, kehrten sie wieder nach Hause zurück. Auch hatte die Sache ihrer Meinung nach jetzt keinen Zweck mehr, da die Athener nach ihrer Niederlage abgezogen waren, sie aber zu weiteren Unternehmungen, wie sie Brasidas im Sinne gehabt, nicht fähig gewesen wären. Hauptsächlich aber kehrten sie um, weil sie wußten, daß die Lakedämonier schon damals, als sie auszogen, gern Frieden geschlossen hätten.
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Gleich nach der Schlacht bei Amphipolis und dem Rück züge des Rhamphias aus Thessalien zeigte sich denn auch, daß beide Teile des Krieges müde waren und sich nach Frieden sehnten. Die Athener, die bei Delion und bald darauf zum zweiten Male bei Amphipolis geschlagen waren, trauten ihrer Macht nicht mehr so wie früher, wo sie sich auf keinen Ver trag einlassen wollten und bei den damaligen Erfolgen als Sieger aus dem Kriege hervorzugehen glaubten. Zudem fürchteten sie, infolge jener Niederlagen könnten ihnen ihre Bundes genossen aufsässig werden und immer mehr von ihnen abfallen. Sie bereuten deshalb, daß sie nach den Kämpfen bei Pylos keinen Frieden geschlossen, wo sich ihnen dazu die günstigste Gelegenheit geboten hatte. Für die Lakedämonier wiederum hatte der Krieg, in dem sie die Macht der Athener durch Ver heerung ihres Landes in wenig Jahren vernichten zu können meinten, einen unerwarteten Verlauf genommen; sie hatten auf der Insel eine Niederlage erlitten, wie sie Sparta noch nie erlebt, ihr Land wurde von Pylos und Kythera aus durch Streifzüge verheert, die Heloten liefen ihnen weg, und sie mußten immer darauf gefaßt sein, daß die im Lande Gebliebenen sich durch die Ausgetretenen verführen lassen würden, sich wie früher auch jetzt wieder zu empören. Dazu kam, daß ihr dreißigjähriger Friede mit Argos zu Ende ging, und daß die Argeier sich zu dessen Verlängerung nur verstehen wollten, wenn man ihnen die Landschaft Kynosuria abträte. Gleich zeitig gegen Argos und Athen Krieg zu führen, hielten sie aber nicht für möglich. Auch hatten sie mehrere peloponnesische Städte in Verdacht, sie würden zu den Argeiern übergehen, wie es dann ja auch wirklich kam.
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Aus solchen Erwägungen wünschten beide, daß es zum Frieden käme, besonders die Lakedämonier, denen sehr daran lag, ihre Gefangenen von der Insel zurückzuerhalten; denn unter diesen befanden sich die ersten Spartiaten und Angehörige der besten Familien. Schon gleich nach der Gefangennahme hatten sie den Athenern Friedensanträge gemacht, diese aber, die damals in ihrem Glück noch zu hoch hinaus wollten, waren darauf nicht eingegangen. Nach ihrer Niederlage bei Delion aber hatten die Lakedämonier gleich gemerkt, daß sie jetzt schon eher smit sich reden lassen würden, und den einjährigen Waffen stillstand geschlossen, in welchem Bevollmächtigte beider Teile zusammentreten und über dessen Verlängerung verhandeln sollten.
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Seitdem waren die Athener nun auch noch bei Amphi polis geschlagen und Kleon und Brasidas gefallen, die Männer, welche auf beiden Seiten die Hauptgegner des Friedens ge wesen waren, dieser, weil der Krieg ihm, dem glücklichen Feldherrn, Ruhm und Ehre brachte, jener, weil er fürchtete, in ruhigen Zeiten möchten seine schlechten Streiche eher anS Licht kommen und seine Lügen und Verdächtigungen nichts mehr verschlagen. Um so eifriger traten jetzt zwei Männer für den Frieden ein, welche beide in ihrer Heimat nach der Führerschaft tsrebten, Pleistoanax, der Sohn des Pausanias, König der Lakedämonier, und Nikias, Nikeratos' Sohn, ein damals besonders glücklicher Feldherr. Nikias, der bis dahin immer Glück gehabt hatte und in diesem Rufe stand, wollte sein Glück nicht aufs Spiel setzen und wünschte, nicht nur selbst keine schwere Zeiten mehr zu erleben, sondern auch seine Mitbürger davor zu bewahren und der Nachwelt den Namen eines Mannes zu hinterlassen, unter dem seiner Vaterstadt niemals ein Unglück zugestoßen sei. Zu dem Ende, glaubte er, müsse man sich vor Gefahren hüten und sich auf keine gewagten Unternehmungen einlassen, der beste Schutz vor Gefahren aber sei der Friede. Pleistoanax dagegen wurde seiner Zurückberufung wegen von seinen Gegnern angefeindet, die, so oft den Lakedämoniern ein Unglück zustieß, ihnen be ständig damit in den Ohren lagen, das komme davon, daß man ihn rechtswidrig zurückberufen habe. Sie gaben ihm nämlich schuld, mit seinem Bruder Aristokles die Priesterin in Delphi angestiftet zu haben, den Lakedämoniern, wenn sie das Orakel beschickten, immer wieder den Bescheid zu erteilen, sie sollten den vom Halbgotte, dem Sohne des Zeus, Ent sprossenen aus der Fremde wieder in ihr Land versetzen, sonst würden sie mit silberner Pflugschar pflügen, wodurch die Lake dämonier endlich bewogen seien, ihn vom Lykaion, wo er unter dem Verdacht, seinerzeit zum Abzüge auS Attika be stochen zu sein, als Verbannter lebte und aus Furcht vor den Lakedämoniern ein zur Hälfte im Heiligtume deS ZeuS befindliches Haus bewohnte, nach neunzehn Jahren unter Tänzen und Opfern zurückzuführen, so wie man bei der Besitz nahme von Lakedämon die ersten Könige eingesetzt hatte.
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Aus Ärger über diese Anfeindungen und weil er glaubte, im Frieden, wenn die Niederlagen ein Ende und die Lakedämonier ihre Gefangenen wieder hätten, würden auch seine Feinde ihn wohl in Ruhe lassen, im Kriege aber alle Niederlagen natürlich immer der Regierung in die Schuhe geschoben werden, wünschte er dringend, daß es zum Frieden käme. Auch trat man noch in diesem Winter zu Verhand lungen zusammen, und um dabei auf die Athener einen Druck zu üben, rasselten die Lakedämonier schon gegen das Frühjahr wieder mit dem Säbel und gaben Befehle über Festungs bauten an die Bundesstädte aus. Nach längeren Verhand lungen, in denen von beiden Seiten eine Menge Forderungen geltend gemacht worden waren, kam man schließlich überein, daß beide Teile die im Kriege gemachten Eroberungen zurück- geben, die Athener jedoch im Besitz von Nisaia bleiben sollten, und daraufhin Frieden zu schließen. Als es sich nämlich dabei auch um die Herausgabe von Platää handelte, behaup teten die Thebaner, sie hätten den Ort nicht durch Gewalt oder Verrat gewonnen, sondern er sei ihnen freiwillig v«nt den Einwohnern übergeben, und ans demselben Grunde be anspruchten die Athener, Nisaia zu behalten. Hierauf riefen die Lakedämonier ihre Bundesgenossen zusammen, und da sie alle bis auf die Böotier, Korinth, Elis und Megara, die mit den Vereinbarungen nicht einverstanden waren, für den Frieden stimmten, nahmen sie ihn an und beshcworen ihn feierlich gegenüber den Athenern und diese gegenüber den Lakedämoniern, und zwar folgendergestalt:
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„Die Athener und die Lakedämonier und ihre Bundes genossen haben Frieden geschlossen unter folgenden Bedingungen und ihn Stadt für Stadt beschworen.
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Anlangend die gemeinsamen Heiligtümer, so soll jedem frei stehen, sie wie von alters her zu besuchen, dort zu opfern und die Orakel zu befragen und zu dem Zwecke Gesandte hin zuschicken, auch niemandem dabei ein Hindernis in den Weg gelegt werden, weder zu Lande noch zur See.
- 5.18.3
Das Heiligtum und der Tempel des Apollon in Delphi und ganz Delphi soll unabhängig sein mit dem Rechte der Selbst besteuerung und eigener Gerichtsbarkeit über Land und Leute wie von alters her.
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Der Friede soll zwischen den Athenern und den Bundes genossen der Athener einerseits und den Lakedämoniern und den Bundesgenossen der Lakedämonier anderseits fünfzig Jahre ohne Gefährde unverbrüchlich gehalten werden zu Lande wie zur See.
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Wegen vermeintlicher Ansprüche gegen den anderen Teil Waffengewalt anzuwenden oder sich List oder ähnlicher Mittel zu bedienen, soll weder den Lakedämoniern und deren Bundes genossen gegen die Athener und deren Bundesgenossen, noch den Athenern und deren Bundesgenossen gegen die Lake dämonier und deren Bundesgenossen gestattet sein, etwaige Streitigkeiten unter ihnen sollen vielmehr im Wege Rechtens ausgetragen werden. Die Lakedämonier und ihre Bundes genossen sollen Amphipolis den Athenern herausgeben, die Bewohner aller von den Lakedämoniern an die Athener heraus gegebenen Städte aber berechtigt sein, mit Hab und Gut ab zuziehen, wohin sie wollen. Die nach dem Ansatz des AristeideS tseuernden Städte sollen unabhängig sein, die Athener aber und ihre Bundesgenossen ihnen nach Abschluß deS Friedens keine Truppen in feindlicher Absicht ins Land schicken, wenn sie die Steuer zahlen. Es sind dies Argilos, StageiroS, Akanthos, Skolos, OlynthoS und Spartolos. Sie brauchen sich keinem der beiden Bündnisse anzuschließen, weder dem Lakedämonischen noch dem Athenischen; wenn sie sich aber freiwillig dazu bereitfinden lassen, so dürfen die Athener sie als Bundesgenossen annehmen. In Mekyberne, Sane und Singos soll es bei der bestehenden Verfassung bleiben, ebenso wie in Olynthos und Akanthos. Die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen sollen Panakton den Athenern, die Athener aber den Lakedämoniern Koryphasion, Kothera, Methone, Pteleon und Atalanta abtreten, auch alle Lakedämonier heraus geben, die sich in Athen oder sonstwo innerhalb ihres Macht bereichs in Kriegsgefangenschaft befinden. Auch sollen sie den in Skione belagerten Peloponnesiern und allen in Skione befindlichen, von Brasidas dahin geschickten Bundesgenossen der Lakedämonier freien Abzug gewähren und alle Bundesgenossen der Lakedämonier freilassen, die sich in Athen oder sonstwo innerhalb des Machtbereichs der Athener in Kriegsgefangen schaft befinden. Ebenso sollen auch die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen alle Athener und deren Bundesgenossen freilassen, die sich bei ihnen in Gefangenschaft befinden. Mit Skione, Torone, Sermyle und den etwa sonst noch von ihnen er oberten Städten mögen die Athener nach Gutdünken verfahren. Die Athener und ihre Bundesgenossen sollen den Frieden den Lakedämoniern gegenüber Stadt für Stadt beschwören und die aus jeder Stadt Schwörenden den ortsüblich höchsten Eid leisten. Der Eid aber soll also lauten: Ich will den Vertrag und den Frieden gewissenhaft halten ohne Gefährde. In gleicher Weise sollen die Lakedämonier und ihre Bundes genossen den Athenern gegenüber schwören. Beide Teile haben den Eid alljährlich von neuem zu leisten.
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Säulen sollen aufgestellt werden zu Olympia, Pntho, auf dem Isthmus, in Athen auf der Burg und im Amyklaion in Lake dämon.
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Sollte einer von beiden Teilen hierbei etwas vergessen haben, so soll es beiden nach dem Eide unbenommen sein, das offen und ehrlich zur Sprache zu bringen, um, falls beide, Athener und Lakedämonier, damit einverstanden sind, in dieser Beziehung eine Änderung des Vertrags herbeizu führen."
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Beim Friedensschluß hatte den Vorsitz der Ephor Pleistolas am vierundzwanzigsten Artemisios, in Athen der Archon Altaios am sechsundzwanzigsten Elaphebolion. Den Frieden beshcworen von seiten der Lakedämonier Pleistoanax, Agis, Pleistolas, Damagetos, Chionis, Metagenes, Akanthos, Dailthos, Jscha goras, Philocharidas, Zeuxidas, Antippos, Tellis, Alkidanas, Empedias, Menas und Laphilos, von seiten der Athener Lampon, Jsthmionikos, Nikias, Laches, Euthydemos, Prokles, Pythodoros, Hagnon, Myrtilos, Thrafykles, Theagenes, Aristo krates,Jolkios,Timokrates, Leon, Lamachos und Demosthenes.
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Dieser Friede wurde geschlossen zu Ende des Winters gegen Frühlingsanfang gleich nach den städtischen Dionysien, grade zehn Jahre und ein paar Tage nach dem ersten Einfall in Attika und dem Ausbruch des Krieges. Nur muß man dabei auch die Jahreszeiten berücksichtigen und sich nicht bloß an die Namen der Archonten oder sonstigen Würdenträger halten, wonach in den einzelnen Orten bei geschichtlichen Er eignissen gerechnet wird. Denn das ist nicht genau genug, weil es auf den Zeitpunkt ankommt, an dem das Ereignis während ihres Amtsjahrs eingetreten ist, ob zu Anfang, in der Mitte, oder wann sonst. Zählt man aber nach Sommern und Wintern, wie ich es hier getan habe, so ergibt sich, da die beiden Hälften zusammen das Jahr ausmachen, daß in diesem ersten Abschnitt des Krieges zehn Sommer und eben so viel Winter verflossen waren.
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Die Lakedämonier, welche, wie durchs Los entschieden war, zuerst herausgeben mußten, setzten ihre Kriegsgefangenen sofort in Freiheit, schickten auch Jschagoras, Menas und Philocharidas als Bevollmächtigte nach der thrakischen Küste und befahlen Klearidas, Amphipolis den Athenern herauszugeben, den übrigen Orten aber, sich den in Beziehung auf sie in dem Vertrage getroffenen Bestimmungen zu unterwerfen. Die wollten das aber nicht, weil sie ihnen nicht nach Sinne waren. Auch Klearidas gab Amphipolis nicht heraus, den Chalkidiern zu Gefallen, und erklärte, gegen deren Widerspruch sei ihm daS nicht möglich. Indes machte er sich doch unverzüglich mit den Bevollmächtigten von dort nach Lakedämon auf, um sich zu rechtfertigen, falls diese ihn wegen seines Ungehorsams verklagen würden, zugleich aber auch, um zu erfahren, ob der Vertrag nicht noch geändert werden könnte. Als er aber hörte, daß der Friede bereits endgültig geschlossen sei und die Lakedämonier ihn mit dem Befehl entließen, die Stadt heraus zugeben oder, wenn daS nicht ginge, wenigstens mit allen Peloponnesiern von dort abzuziehen, reiste er unverzüglich wieder ab.
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Die Bundesgenossen waren damals grade in Lakedämon selbst zugegen, und die Lakedämonier suchten nun auch die Städte, welche den Frieden nicht angenommen hatten, zum Beitritt zu bewegen. Die aber lehnten das aus demselben Grunde ab, aus dem sie sich dessen gleich anfangs geweigert hatten, und erklärten, sie würden sich dazu nur verstehen wenn man ihnen günstigere Bedingungen gewähre. Da sie nicht wollten, ließen die Lakedämonier sie ziehen und schlossen nun selbst ein Bündnis mit den Athenern. Sie glaubten nämlich, daß die Argeier, die schon damals Ampelidas und Lichas gegenüber, in der Meinung, ohne die Athener könnten sie ihnen nicht gefährlich werden, die Verlängerung des Friedens abgelehnt hatten, sich jetzt schwerlich ruhig zugeben, sondern samt den übrigen peloponnesischen Staaten bei erster Gelegen heit mit den Athenern verbinden würden. Sie benutzten also die Anwesenheit athenischer Gesandten, um mit ihnen Ver handlungen über den Abschluß eines Bündnisses anzuknüpfen, das dann auch folgendermaßen zustande kam und beshcworen wurde.
- 5.23.1
„Mit den Lakedämoniern wird ein Bündnis auf fünfzig Jahre geschlossen, und zwar dahin:
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Falls den Lakedämoniern jemand ins Land fällt und Feind seligkeiten gegen sie verübt, sollen die Athener ihnen, soweit es in ihren Kräften steht, nach Möglichkeit zu Hilfe kommen. Wäre er nach Verheerung des Landes wieder abgezogen, so soll er von den Lakedämoniern und den Athenern als Feind behandelt und sein Land von beiden verheert, auch von beiden Staaten nur gemeinschaftlich Frieden geschlossen werden. Alles ehrlich, willig, ohne Gefährde.
- 5.23.3
Falls den Athenern ein Feind ins Land fällt und Feindselig keiten gegen sie verübt, sollen die Lakedämonier ihnen, soweit es in ihren Kräften steht, nach Möglichkeit zu Hilfe kommen. Wäre er nach Verheerung des Landes wieder abgezogen, so soll er von den Lakedämoniern und den Athenern als Feind behandelt und sein Land verheert, auch von beiden Staaten nur gemeinschaftlich Frieden geschlossen werden. Alles ehrlich, willig, ohne Gefährde.
- 5.23.4
Im Fall eines Sklavenaufstandes sollen die Athener den Lake dämoniern mit aller Macht nach Möglichkeit zu Hilfe kommen. Dieser Vertrag soll beiderseits von denselben Personen be schworen werden, welche den ersten beshcworen haben. All jährlich soll der Eid von neuem geleistet werden, wozu sich die Lakedämonier zu den Dionysien in Athen, die Athener zu den Hyakinthien in Lakedämon einzusinden haben. Auch soll von beiden eine Säule aufgestellt werden, die eine in Lake dämon beim Tempel des Apollon im Amyklaion, die andere in Athen auf der Burg beim Tempel der Athene. Sollten die Lakedämonier oder die Athener wünschen, in betreff des Bünd nisses etwas hinzuzufügen oder zu streichen, so soll das beiden nach dem Eide unbenommen sein."
- 5.24.1
Den Eid leisteten von seiten der Lakedämonier Pleistoanax, Agis, Pleistolas, Damagetos, Chionis, Metagenes, Akanthos, Dattos, Ischagoras, Philocharidas, Zeuxidas, Antippos, Alki nadas, Tellis, Empedias, MenaS und Laphilos, von seiten der Athener Lampen, Isthinionikos, Lackes, Nikias, Euthy demos, Prokles, Pythodoros, Hagnon, Myrtilos, ThrasykleS, Theagenes, Aristokrates, Jolkios, Timokrates, Leon, Lamachos und Demotshenes.
- 5.24.2
Dieses Bündnis kam nicht lange nach dem Abschluß deS Friedens zustande. Die Athener gaben den Lakedämoniern die Gefangenen von der Insel heraus, und der Sommer des elften Jahres begann. Damit schließt die Beschreibung des ersten Krieges, welcher ohne Unterbrechung die zehn Jahre hindurch gedauert hatte.
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Nachdem die Lakedämonier und die Athener den Frieden und das Bündnis geschlossen, wozu es nach dem zehnjährigen Kriege unter dem Ephorat des Pleistolas in Lakedämon und dem Archontat des Alkaios in Athen gekommen war, herrschte unter den Staaten, die ihn angenommen, allerdings Frieden. Die Korinther aber und einige Staaten im Peloponnes wollten sich bei den getroffenen Bestimmungen nicht beruhigen, und schon bald kam es auch noch anderweit zu Reibungen zwischen den Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen. Überdies wurden die Lakedämonier im Laufe der Zeit auch den Athenern verdächtig, da sie in verschiedener Beziehung den vertrags mäßigen Bestimmungen nicht nachkamen. Sechs Jahr und zehn Monat vermieden sie es zwar, sich im eigenen Lande an zugreifen, auswärts aber suchten sie einander möglichst Ab bruch zu tun, so daß der Friede hier wenig mehr zu bedeuten hatte. Dann aber sahen sie sich doch genötigt, den nach den zehn Jahren geschlossenen Frieden förmlich zu brechen und den Krieg offen wieder aufzunehmen.
- 5.26.1
Und diesen hat Thukpdides aus Athen ebenfalls beschrieben, so wie es von Jahr zu Jahr nach Sommern und Wintern darin zugegangen ist, bis die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen der Herrschaft der Athener ein Ende machten und sich der langen Mauern und des Peiraieus bemächtigten. Bis dahin dauerte der Krieg im ganzen siebenundzwanzig Jahre. Wollte man die in der Mitte liegenden Friedensjahre nicht als Kriegszeit ansehen, so wäre das nicht richtig. Es genügt ein Blick auf die Ereignisse, wie ich sie dargestellt, um sich zu überzeugen, daß man nicht füglich von Frieden reden kann in einer Zeit, wo beide Teile weder alles Herausgaben noch wiederbekamen, wie es in dem Vertrage ausgemacht war, und sich außerdem im mautineishcen und epidaurischen Kriege und auch sonst noch über ihn hinweg setzten, die vorderthrakischen Bundesgenossen nach wie vor eine feindliche Haltung behaupteten und die Böotier es bei einem von zehn zu zehn Tagen verlängerten Waffenstillstände be wenden ließen. Rechnet man aber den ersten zehnjährigen Krieg, die darauf folgende kritische Friedenszeit und die späteren Kriegsjahre zusammen, so kommen bis auf wenige Tage so viel Jahre heraus, und das ist denn in der Tat auch das einzige, was für Leute, die noch an Orakel glauben, wirklich ein getroffen ist. Denn ich erinnere mich noch recht gut, wie von Anfang bis zu Ende des Krieges vielfach prophezeit wurde, er würde dreimal neun Jahre dauern. Ich habe den ganzen Krieg miterlebt und während meiner besten Jahre die Er eignisse aufmerksam genug verfolgt, um genau Bescheid zu wissen. Dazu kam, daß ich nach der Zeit meines Oberbefehls bei Amphipolis zwanzig Jahr außer Landes leben mußte und Gelegenheit hatte, mir die Dinge hüben und drüben anzusehen, infolge meiner Verbannung grade auch auf peloponnestscher Seite, und mir um so eher ein unbefangenes Urteil darüber zu bilden. Damit wende ich mich nun zu den Streitigkeiten nach den zehn Jahren, dem Bruch des Friedens und den weiteren Ereignissen des Krieges.
- 5.27.1
Nachdem der fünfzigjährige Friede und darauf auch das Bündtiis geschlossen war, reisten die dazu nach Lakedämon entbotenen peloponnesischen Gesandten wieder ab, die übrigen nach Hause, die Korinther zunächst nach Argos. Hier stellten sie einigen hohen Beamten vor, daß die Lakedämonier den Frieden und das Bündnis mit ihren alten Feinden, den Athenern, nicht ohne Hintergedanken geschlossen hätten, sondern zu dem Zweck, sich den Peloponnes zu unterwerfen, und es jetzt Sache der Argeier sei, sich des Peloponnes anzunehmen und einen Beschluß zu fassen, wonach allen unabhängigen, einander gegen seitig Rechtsgleichheit zugestehenden griechischen Staaten an heimgestellt würde, ein Schutzbündnis mit Argos einzugehen. Sie dürften damit jedoch nur wenige Männer betrauen^und die Sache nicht vor das Volk bringen, um niemand bloßzu stellen, falls dieses nicht dafür zu haben sein sollte. Sie ver sicherten auch, daß bei dem Haß gegen die Lakedämonier viele einem solchen Bündnis beitreten würden. Nachdem sie ihnen das unter den Fuß gegeben, reisten auch die Korinther nach Hause.
- 5.28.1
Jene Herren in Argos brachten die ihnen gemachten Vor schläge an die Regierung und das Volk, und die Argeier stimmten ihnen zu, wählten auch zwölf Männer, mit denen . alle Griechen, die dazu bereit, das Bündnis schließen könnten, nur die Athener und die Lakedämonier ausgenommen, mit denen ohne Zustimmung des argeiischen Volks kein Bündnis geschlossen werden sollte. Die Argeier waren darauf um so lieber eingegangen, weil sie beim Ablauf des Friedens den Krieg mit den Lakedämoniern kommen sahen und sich außer dem auf die Hegemonie im Peloponnes Hoffnung machten. Denn Lakedämon stand um die Zeit in der Tat in schlechtem Ruf und hatte infolge seiner Niederlagen sehr an Ansehen eingebüßt; Argos dagegen war in Flor, da es an dem attischen Kriege nicht teilgenommen, sondern mit beiden Teilen in Frieden gelebt und dabei sein Schäfchen geshcoren hatte. So waren die Argeier in der Lage, alle Griechen, die dazu bereit, in ihren Bund aufzunehmen.
- 5.29.1
Die ersten, die sich ihnen anschlössen, waren die Mantineer und ihre Bundesgenossen, und zwar aus Furcht vor den Lake dämoniern. Die Mantineer hatten sich nämlich noch während des Krieges mit den Athenern ein Stück von Arkadien angeeignet und sagten sich, daß die Lakedämonier das jetzt, wo sie wieder freie Hand hatten, nicht länger dulden würden. Sie schlossen sich also nicht mehr wie gern an Argos an, in Anbetracht, daß dieses ein mächtiges, dazu wie sie demokratisches Gemein wesen war, das den Lakedämoniern immer das Widerspiel gehalten hatte. Nach dem Abfall der Mantineer aber hieß es im Peloponnes allgemein, man müsse es auch so machen, da man glaubte, es würden ihnen für den Übertritt wohl noch besondere Vorteile in Aussicht gestellt sein. Zudem war man auf die Lakedämonier schlecht zu sprechen, namentlich auch deshalb, weil in dem Vertrage mit den Athenern bestimmt war, daß es beiden Staaten, Athen und Lakedämon, nach dem Eide unbenommen sein solle, nach ihrem Belieben etwas hinzuzusetzen oder zu streichen. Grade diese Bestimmung erregte nämlich bei den Peloponnesiern besonderen Anstoß und den Verdacht, die Lakedämonier gingen darauf aus, sie mit Hilfe der Athener zu unterdrücken; denn von Rechts wegen hätte die Befugnis zu einer solchen Änderung nur der Gesamtheit der Bundes genossen eingeräumt werden dürfen. Aus Furcht davor waren die meisten gleich bereit, auch ihrerseits ein Bündnis mit den Argeiern zu schließen.
- 5.30.1
Als die Lakedämonier merkten, daß es im Peloponnes gärte und daß die Korinther dahinter steckten und sich selbst mit Argos verbinden wollten, schickten sie Gesandte nach Korinth, um dem beizeiten vorzubeugen. Sie warfen den Korinthern vor, sie seien an allem schuld und würden eidbrüchig werden, wenn sie sich von ihnen lossagten und ein Bündnis mit den Argeiern eingingen. Schon daß sie den Frieden mit den Athenern nicht angenommen, sei unrecht gewesen, da vorher ausgemacht worden sei, daß, sofern dem kein Hindernis von seiten der Götter oder Heroen entgegenstehe, Stimmenmehrheit der Bundes genossen entscheiden solle. Die Korinther, welche auch die übrigen Bundesgenossen, die den Frieden nicht angenommen, schon vorher zu sich bestellt hatten, gaben in deren Gegenwart den Lakedämoniern eine Antwort, worin sie zwar mit ihren Beschwerden, daß man die Athener nicht zur Herausgabe von Sollion und Anaktorion genötigt und wodurch sie sich weiter verkürzt glaubten, nicht gradezu herauskamen, aber sich darauf beriefen, sie hätten die vorderthrakischen Städte nicht im Stich lassen dürfen, da sie mit diesen, zuerst mit Potidäa bei dessen Abfall, und nachher auch noch mit anderen, besondere Bündnisse beshcworen hätten. Sie seien also nicht eidbrüchig geworden, wenn sie dem Frieden mit den Athenern nicht beigetreten wären, würden vielmehr ihre Eidespflicht verletzt haben, wenn sie jene im Stich gelassen, nachdem sie ihnen bei den Göttern Treue geshcworen. „Sofern dem kein Hindernis von seiten der Götter oder Heroen entgegenstehe", habe es geheißen, und dies sei ihrer Ansicht nach allerdings ein göttliches Hindernis gewesen. So äußerten sie sich in betreff des alten Bündnisses. Über das Bündnis mit den Argeiern, sagten sie, würden sie sich mit ihren Freunden benehmen und dann tun, was recht wäre. Hierauf reisten die lakedämonischen Gesandten wieder nach Hause. Zufällig waren damals auch Gesandte der Argeier in Korinth, welche den Korinthern anlagen, sich nicht lange zu bedenken und das Bündnis einzugehen. Die aber gaben ihnen anheim, sich zu der bei ihnen demnächst abzuhaltenden weiteren Zusammenkunft wieder einzufindet.
- 5.31.1
Gleich nachher trafen auch Gesandte aus Elis ein, welche zuerst ein Bündnis mit Korinth schlossen und sich darauf nach Argos begaben, um, wie im voraus ausgemacht war, auch dem Argeiischen Bunde beizutreten. Denn die Eleer lagen damals mit den Lakedämoniern in Streit wegen Lepreon. Seinerzeit war nämlich zwischen einigen arkadischen Orten und den Lepreern ein Krieg ausgebrochen, in dem die Eleer von den Lepreern zu Hilfe gerufen und mit ihnen gegen Abtretung der Hälfte ihres Landes ein Bündnis eingegangen waren. Nach Beendigung des Krieges wurde das Land von den Eleern den Lepreern zu eigener Wirtschaft überlassen gegen die Verpflichtung, davon einen Zins von einem Talent an den Zeus in Olympia zu zahlen, den sie auch bis zum attischen Kriege entrichteten. Nach her machten sie sich den Ausbruch des Krieges zunutze, um die Zahlung einzustellen, und als die Eleer sie dazu zwangs weise anhalten wollten, suchten sie Schutz bei den Lakedämoniern. Die Sache wurde dann auch zu schiedsrihcterlicher Entscheidung der Lakedämonier verstellt; die Eleer aber fürchteten, dabei zu kurz zu kommen, und verwüsteten das Land der Lepreer ohne die Entscheidung abzuwarten. Nichtsdetsoweniger entschieden die Lakedämonier, die Eleer hätten unrecht und den Lepreern nichts zu befehlen, schickten auch, da sie den Schiedsspruch nicht' abgewartet, eine Anzahl Hopliten als Besatzung nach Lepreon. Die Eleer aber waren der Ansicht, die Lakedämonier hätten eine von ihnen abgefallene Stadt in Schutz genommen, und beriefen sich auf den Vertrag, wonach jeder, was er zu Beginn des attischen Krieges gehabt, bei dessen Schluß behalten sollte. Sie gingen also, weil ihnen ihr Recht nicht geworden, zu den Argeiern über und schlossen auch ihrerseits, wie das ja schon vorher ausgemacht war, das Bündnis mit ihnen ab. Gleich nach ihnen traten auch die Korinther und die vorderthrakischen Chalkidier dem Argeiischen Bunde bei. Die Böotier und die Megarer führten zwar dieselbe Sprache, taten es aber nicht, da sie von den Lakedämoniern besonders rücksichtsvoll behandelt wurden und, oligarchisch verfaßt, wie sie waren, bei dem demokratischen Argos ihre Rechnung nicht in dem Maße zu finden glaubten wie bei der Politik der Lakedämonier.
- 5.32.1
Um dieselbe Zeit in diesem Sommer eroberten die Athener das von ihnen belagerte Skione; sie töteten die Männer, ver kauften Weiber und Kinder als Sklaven und wiesen das Land den Platäcrn als Wohnsitz an. Die Delier versetzten sie wieder auf ihre Insel zurück, weil sie sich ihre Niederlagen zu Herzen nahmen und ein Ausspruch des delphischen Gottes es ihnen geboten hatte. Zwischen den Phokiern und den Lokrern kam es zum Kriege. Die Korinther und die Argeier, welche nunmehr Bundesgenossen waren, wandten sich auch nach Tegea, um es zum Abfall von den Lakedämoniern zu bestimmen. Sie hofften nämlich, wenn diese damals sehr ansehnliche Stadt sich ihnen auch anschlösse, den ganzen Peloponnes auf ihrer Seite zu haben. Als man ihnen aber in Tegea erklärte, man würde sich dort auf keinerlei Feindseligkeiten mit den Lakedämoniern einlassen, gaben die bis dahin so geschäftigen Korinther ihre Treibereien auf und befürchteten, es würde nun niemand weiter zu ihnen übertreten. Indessen begaben sie sich doch noch zu den Böotiern und forderten sie auf, mit ihnen und den Ar g geiern ein Bündnis einzugehen und weiterhin gemeinshcaftliche Sache mit ihnen zu machen. Auch baten sie die Böotier, sie nach Athen zu begleiten. Am auch ihnen zu dem zehntägigen Waffenstillstände zu verhelfen, wie er zwischen den Athenern und den Böotiern nicht lange nach dem Abschluß des fünfzig jährigen Friedens zustande gekommen war, und, falls die Athener sich darauf nicht einlassen wollten, den Waffenstillstand zu kündigen und ohne sie keinen neuen Vertrag mit ihnen zu schließen. Auf die Bitte der Korinther rieten ihnen die Böotier, mit den Argeiischen Bündnis noch zu warten; indessen be gaben sie sich mit ihnen nach Athen. Hier konnten sie jedoch wegen des zehntägigen Waffenstillstandes nichts erreichen, viel mehr erwiderten die Athener, die Korinther hätten ja schon Frieden, wenn anders sie Bundesgenossen der Lakedämonier wären. Trotzdem kündigten die Böotier den zehntägigen Waffen stillstand nicht, obgleich die Korinther es verlangten und ihnen vorhielten, sie hätten es mit ihnen verabredet. Aber auch ohne Vertrag herrschte zwischen den Athenern und den Korinthern tatsächlich Waffenruhe.
- 5.33.1
In demselben Sommer zogen die Lakedämonier unter ihrem König Plvistoanax, Pausanias' Sohn, mit dem ganzen Heere ins Land der den Mantineern untertänigen Parrhasier in Arkadien, wo man sie anläßlich eines Aufstandes herbeigerufeu hatte. Sie dachten bei der Gelegenheit womöglich auch die in Parrhasien an der Grenze der lakonischen Landschaft Skiritis gelegene Burg in Kypsela zu zerstören, welche die Mantineer erbaut hatten und selbst besetzt hielten. Die Lakedämonier verheerten die Felder der Parrhasier, die Mantineer über ließen den Schutz ihrer Stadt einer argeiischen Besatzung, um selbst ihr Bundesgebiet zu verteidigen. Da sie jedoch nicht imstande waren, die Burg in Kypsela und die Städte in Par rhasien zu behaupten, zogen sie wieder ab. Die Lakedämonier aber erklärten die Parrhasier für unabhängig, zerstörten die Burg und gingen darauf wieder nach Hause.
- 5.34.1
In demselben Sommer, als die mit Brasidas ausgezogenen, von Klearidas nach dem Frieden aus Thrakien zurückgeführten Mannschaften wieder angelangt waren, beschlossen die Lake dämonier, die Heloten, welche unter Brasidas gedient, freizu lassen nnd ihnen zu gestatten, sich ihren Wohnsitz nach Belieben zu wählen. Bald nahcher aber, als sie mit den Eleern bereits zerfallen waren, wiesen sie ihnen mit den schon früher frei gelassenen Heloten, den sogenannten Nevdameden, Lepreon an der Grenze von Elis und Lakonien als Wohnsitz an. Aus Furcht, die auf der Insel in Gefangenschaft geratenen Spartiaten, welche die Waffen gestreckt hatten, könnten sich in der Meinung, ihres Mißgeschicks wegen zurückgesetzt zu werden, zu staatsgefähr lichen Unternehmungen verleiten lassen, wenn man ihnen die Ehrenrechte ließe, erklärten sie diese, obwohl sie zum Teil schon in Amt und Würden waren, für ehrlos, was die Un fähigkeit zu öffentlichen Ämtern und den Verlust des Rechts, zu kaufen und zu verkaufen, zur Folge hatte. Indessen wurden ihnen einige Zeit nachher die Ehrenrechte wieder beigelegt.
- 5.35.1
In demselben Sommer eroberten die Dieer das mit Athen verbündete Thyssos an der Athosküste. Diesen ganzen Sommer verkehrten Athener und Peloponnesier zwar noch friedlich mit einander, aber schon gleich nach dem Frieden betrachteten sie sich gegenseitig wieder mit Mißtrauen infolge der verweigerten Herausgabe der Plätze. Denn die Lakedämonier, welche, wie das Los entshcieden, zuerst herausgeben mußten, hatten Amphi polis und noch andere Plätze nicht herausgegeben, auch ihre vorderthrakischen Bundesgenossen nicht genötigt, dem Frieden beizutreten, und ebensowenig die Böotier und die Korinther, obgleich sie beständig verischerten, wenn sie es nicht von selbst täten, wollten sie sie mit den Athenern gemeinschaftlich dazu zwingen, und sich, wenn auch nicht schriftlich, damit einverstanden erklärt hatten, daß die Nichtbeitretenden nach Ablauf einer ge wissen Frist von beiden als Feinde behandelt werden sollten. Als die Athener sahen, daß es mit alledem kein Ernst wurde, schöpften sie Verdacht, daß die Lakedämonier es nicht ehrlich meinten. Sie verweigerten deshalb auch ihrerseits die Heraus gabe von Pylos und bereuten schon, die Gefangenen ^on der Insel freigelassen zu haben. Auch die übrigen Plätze gaben sie nicht heraus, sondern wollten zunächst abwarten, ob die Lakedämonier ihnen gegenüber den Vertrag erfüllen würden. Die Lakedämonier dagegen sagten, sie hätten ihr möglichstes getan; sie hätten die gefangenen Athener herausgegeben, ihre Truppen von der thrakischen Küste zurückgezogen und auch im übrigen, soweit sie dazu imstande gewesen, den Vertrag erfüllt. Die Herausgabe von Amphipolis aber hätten sie nicht durch setzen können. Sie würden versuchen, die Böotier und die Korinther zur Annahme des Friedens zu bestimmen sowie die Rückgabe von Panakton und die Freilassung der in Böotien kriegsgefangenen Athener zu erwirken. Sie bestanden jedoch darauf, daß man ihnen Pylos herausgäbe, wenigstens die Messenier und Heloten von dort abziehen ließe, wie sie auch ihre Truppen aus Thrakien zurückgezogen hätten; allenfalls möchten die Athener dann eigene Truppen hineinlegen. Nach dem hierüber im Laufe dieses Sommers vielfach hin und her verhandelt worden war, verstanden sich die Athener dazu, die Messenier sowie die Heloten und sonstigen lakedämonischen Überläufer herauszuziehen, denen sie dann in Kranioi und Kephallenia Wohnsitze anwiesen. So blieb es diesen Sommer ruhig; und sie verkehrten friedlich miteinander.
- 5.36.1
Im folgenden Winter, als bereits andere Ephoren als die, unter denen der Friede geschlossen worden, darunter auch einzelne Gegner des Friedens, im Amte waren, hatten sich Gesandte der Bundesgenossen, aber auch Athener, Böotier und Korinther in Lakedämon eingefunden. Indessen kam es unter ihnen auch nach längeren Verhandlungen zu keiner Einigung, und sie reisten wieder nach Hause. Kleobulos und Aenares aber, die Hauptgegner des Friedens unter den Ephoren, ver handelten noch auf eigene Hand mit den Böotiern und den Korinthern und empfahlen ihnen, vor allen Dingen fest zu sammenzuhalten. Die Böotier aber sollten zunächst selbst dem Argeiischen Bunde beitreten und dann die Argeier zu bewegen suchen, zugleich mit den Böotiern ein Bündnis mit den Lake dämoniern zu schließen. Auf diese Weise würden sich nämlich die Böotier am ersten der Notwendigkeit überhoben sehen, dem Attischen Bunde beizutreten. In Lakedämon lege man mehr Wert auf gute Beziehungen und ein Bündnis mit Argos als auf Frieden und Freundschaft mit Athen. Sie wüßten, daß die Lakedämonier immer gewünscht, mit Anstand auf guten Fuß mit Argos zu kommen, weil sie glaubten, alsdann außer halb des Peloponnes leichter Krieg führen zu können. Die Böotier aber baten sie, Panakton den Lakedämoniern zu über lassen, damit sie es womöglich gegen Pylos austaushcen und dann um so unbedenklicher Krieg mit den Athenern anfangen könnten.
- 5.37.1
Mit diesen ihnen von Xenares und Kleobulos und ihren lakedämonischen Freunden mitgegebenen Aufträgen an ihre Regierungen reisten beide, Böotier und Korinther, wieder ab. Auf ihrer Rückreise aber machten sich zwei Herren der Re gierung in Argos, die ihnen unterwegs aufgepaßt hatten, an sie heran und legten ihnen gesprächsweise nahe, ob nicht auch die Böotier, wie die Korinther, Eleer und Mantineer, ein Bündnis mit Argos schließen wollten; denn wenn es dazu käme, würde es ihrer Meinung nach für sie ein leichtes sein, im Einvernehmen mit ihren Bundesgenossen mit den Lake dämoniern oder nötigenfalls auch mit jedem anderen nach Be lieben Krieg zu führen oder Frieden zu schließen. Dieser Vorschlag kam den böotischen Gesandten eben recht; denn er entsprach ja grade dem Auftrage, den sie von ihren Freunden in Lakedämon erhalten hatten. Nachdem die Herren aus Argos sich überzeugt, daß ihr Vorschlag auf guten Boden gefallen war, verabschiedeten sie sich von ihnen mit dem Bemerken, sie würden Gesandte an die Böotier schicken. Nach der Rückkehr berichteten die Böotier den Böotarchen über die ihnen in Lake dämon und bei der Zusammenkunft mit den Argeiern gemachten Vorschläge. Die Böotarchen waren darüber sehr erfreut und gingen um so lieber darauf ein, weil es sich so traf, daß beide, sowohl ihre Freunde in Lakedämon wie die Argeier, die gleiche Politik mit ihnen zu befolgen wünschten. Bald nachher er schienen auch Gesandte aus Argos, um sie zum Abschluß des verabredeten Bündnisses aufzufordern. Die Böotarchen er klärten sich dazu bereit und entließen sie mit dem Versprechen, zum Abschluß des Bündnisses Gesandte nach Argos zu schicken.
- 5.38.1
Inzwischen beschlossen die Böotarchen, die Korinther, die Megarer und die Gesandten aus Thrakien, sich zunächst gegen seitig eidlich zu verpflichten, daß sie Vorkommendenfalls auf Verlangen einander beistehen und ohne Zustimmung aller mit niemand Krieg anfangen oder Bündnisse eingehen wollten, und so sollten dann auch die Böotier und Megarer, die hierin einen Strang zogen, das Bündnis mit Argos schließen. Be vor es jedoch zur Eidesleistung kam, machten die Böotarchen den vier hohen Ratshöfen der Böotier, denen in allem die letzte Entscheidung zusteht, hiervon Mitteilung und schlugen ihnen vor, mit allen Städten, die es in ihrem Interesse fänden, sich ihnen anzuschließen, ein solches Bündnis einzugehen. Die Ratsherren aber wollten davon nichts hören, aus Furcht, den Lakedämoniern durch ein Bündnis mit den von ihnen ab gefallenen Korinthern Anstoß zu geben. Die Böotarchen hatten ihnen nämlich von den Verhandlungen in Lakedämon, daß die Ephoren A'enares und Kleobulos und ihre dortigen Freunde ihnen geraten, erst mit Korinth und Argos und dann auch mit Lakedämon ein Bündnis einzugehen, nichts gesagt, in der Annahme, sie würden auch ohne dies nichts anderes beschließen, als was sie ihnen auf Grund der vorläufigen Verabredungen ihrerseits vorschlügen. Als die Sache auf Hindernisse stieß, reisten die Korinther und die Gesandten aus Thrakien wieder ab, ohne etwas zuwege gebracht zu haben. Die Böotarchen aber, welche ursprünglich gehofft, wenn sie das erreicht, auch das Bündnis mit Argos durchsetzen zu können, kamen nun den Ratshöfen gar nicht mehr^mit den Argeiern, schickten auch die Gesandten nicht nach Argos, wie sie versprochen hatten. Die ganze Sache wurde überhaupt lau und lässig betrieben.
- 5.39.1
In diesem Winter wurde Mekyberna, wo sich eine athe nische Besatzung befand, von den Olynthern überfallen und erobert. Inzwischen waren die Verhandlungen zwischen den Lakedämoniern und den Athenern über die Herausgabe der eroberten Plätze immer noch im Gange, und die Lakedämonier hofften, wenn die Böotier Panakton den Athenern heraus gäben, würden sie wohl Pylos dafür bekommen. Auch ließen sie bald nachher die Böotier durch eine Gesandtschaft auf fordern, ihnen Panakton und die gefangenen Athener zu über lassen, um Pylos dafür eintaushcen zu können. Die Böotier aber wollten sich dazu nur verstehen, wenn sie mit ihnen, wie mit Athen, ein besonderes Bündnis eingingen. Nun wußten die Lakedämonier recht gut, daß sie dazu den Athenern gegen über nicht berechtigt waren; denn nach dem Vertrage durfte keiner von beiden ohne den anderen mit einem Dritten ein Bündnis schließen oder Krieg anfangend Aber es lag ihnen zu sehr daran, Panakton zu haben, um Pylos dafür zu be kommen, und überdies war es der Kriegspartei so eifrig um die Böotier zu tun, daß sie zu Ende des Winters gegen Frühlingsanfang das Bündnis wirklich schlossen. Auch wurde sofort mit der Schleifung von Panakton begonnen. Damit endete das elfte Kriegsjahr.
- 5.40.1
Gleich im Beginn des nächsten Sommers, als in Argos bekannt wurde, daß Panakton geschleift und zwischen den Böotiern und den Lakedämoniern ein Sonderbündnis geschlossen sei, auch die aus Böotien erwarteten Gesandten nicht ershcienen waren, fürchteten die Argeier, daß sie allein bleiben und alle ihre Bundesgenossen zu den Lakedämoniern übergehen würden. Denn sie glaubten, die Böotier hätten sich von den Lakedämoniern überreden lassen, Panakton zu schleifen und dem athenischen Frieden beizutreten, so daß die Athener alles wüßten, und ihnen jetzt die Möglichkeit eines Bündnisses mit den Athenern abgeschnitten sei, während sie bis dahin bei der Uneinigkeit beider gehofft hatten, falls das Bündnis mit den Lakedämoniern nicht vorhalten sollte, sich immer noch mit den Athenern ver bünden zu können. Jetzt, wo dazu keine Aussicht mehr war und sie fürchteten, daß sie es nicht nur mit Lakedämon und Tegea, sondern gleichzeitig auch mit den Böotiern und den Athenern zu tun haben würden, entschlossen sie sich, während sie vorher von einem Bündnis mit den Lakedämoniern nichts wissen wollten und von Hegemonie im Peloponnes geträumt hatten, spornstreichs zwei Männer, die für besondere Lake dämoniersreunde galten, Eustrophos und Aison, als Gesandte nach Lakedämon zu schicken, indem sie es unter diesen Um ständen für das beste hielten, ein Bündnis mit den Lake dämoniern zu schließen, um für alle Fälle Frieden zu be halten.
- 5.41.1
Nach ihrer Ankunft dort verhandelten die Gesandten mit den Lakedämoniern über die Bedingungen, unter denen das Bündnis geschlossen werden sollte. Zuerst verlangten die Argeier, über die Landschaft Kynosuria mit den Städten Thyrea und . Anthene, jenes von jeher streitige, zurzeit im Besitz der Lake dämonier befindliche Grenzland, solle einer Stadt oder einem einzelnen Vertrauensmann die schiedsrihcterliche Entscheidung übertragen werden. Die Lakedämonier erklärten jedoch von vornherein, davon könne keine Rede sein; wollten sie aber einen Frieden wie früher schließen, so seien sie dazu bereit. Hieraus schlugen die argeiischen Gesandten vor, die Lakedämonier möchten sich für jetzt wenigstens dazu verstehen, einen Frieden auf fünfzig Jahre zu schließen, dabei aber beiden Teilen das Recht vorbehalten, wenn es in Lakedämon und Argos weder Krieg noch Krankheit gäbe, zu verlangen, daß der Streit über jene Landschaft durch einen Waffengang ausgetragen werde, wie schon früher einmal, als sich beide den Sieg zugeschrieben, bei dem es jedoch keinem gestattet sein solle, den anderen über die Grenze von Argos und Lakedämon hinaus zu verfolgen. Die Lakedämonier hielten das anfangs für Torheit; da ihnen aber zu sehr daran lag, mit Arges auf guten Fuß zu kommen, nahmen sie ihren Vorschlag dann doch an und faßten den Vertrag darüber schriftlich ab. Sie verlangten jedoch, bevor er in Kraft träte, sollten sie sich wieder nach Argos begeben, um ihn der Volksversammlung vorzulegen, und, wenn diese zugestimmt, sich zu den Hyakinthien zur Eidesleistung einfinden.
- 5.42.1
Darauf reisten die Gesandten wieder ab. Während die Argeier hierüber verhandelten, fanden die Gesandten der Lake dämonier, Andromedes, Phaidimos und AntimenidaS, welche Panakton und die Kriegsgefangenen von den Böotiern über nehmen und den Athenern herausgeben sollten, daß die Böotier Panakton bereits selbst geschleift hatten, indem sie sich dafür auf ein vorzeiten bei einem Streit zwischen ihnen und den Athenern getroffenes altes Abkommen beriefen, wonah cdas Land dort nicht bebaut werden, sondern beiden als gemeine Viehweide dienen sollte. Die in den Händen der Böotier be findlichen athenischen Kriegsgefangenen aber, die ihnen aus geliefert wurden, brachten sie nach Athen und gaben sie den Athenern zurück, setzten sie auch davon in Kenntnis, daß Panakton geschleift sei, in der Meinung, das sei so gut, als ob sie ihnen auch dies zurückgegeben hätten, da sich dort jetzt kein Feind der Athener mehr einnisten könne. Die Athener waren hier über empört; denn Panakton sollte ihnen im bisherigen Zu stande übergeben werden, und in der Schleifung sahen sie einen hämischen Streich der Lakedämonier, zumal sie erfuhren, daß diese auf eigene Hand ein Bündnis mit den Böotiern ge schlossen hatten, während sie sich doch dazu verpflichtet, die dem Frieden nicht beigetretenen Staaten gemeinschaftlich mit ihnen dazu zu zwingen. Unter dem Eindruck, daß die Lake dämonier auch noch in anderen Beziehungen dem Vertrage nicht nachgekommen, glaubten sie sich hintergangen und ent ließen deshalb die Gesandten mit einer ungnädigen Antwort.
- 5.43.1
Bei der dadurch zwischen den Lakedämoniern und den Athenern eingetretenen Verstimmung suchten nun auch in Athen die Gegner des Friedens es gleich vollends zum Bruch zu treiben. Zu ihnen gehörte insbesondere auch Alkibiades, Kleinias' Sohn, damals in Vergleich mit anderen Städten noch ein junger Mann, der jedoch als Sohn einer altangesehenen Familie bereits die Augen auf sich zog. Allerdings hielt er einen engeren Anschluß an die Argeier auch an sich fü^ vorteil haft, war aber schon aus Stolz und gekränktem Ehrgeiz ein Gegner des Friedens, weil die Lakedämonier darüber durch Nikias und Laches verhandelt, ihn aber seiner Jugend wegen beiseitegelassen hatten, ohne aus die ehemalige alte Staats gastfreundschaft Rücksicht zu nehmen, die sein Großvater freilich aufgegeben, er selbst aber durch die ihren Gefangenen von der Insel erwiesenen Gefälligkeiten erneuert zu haben meinte. Weil er sich in jeder Hinsicht zurückgesetzt fühlte, hatte er von An fang an gegen den Frieden gesprochen und behauptet, auf die Lakedämonier sei kein Verlaß, sie schlössen nur deshalb Frieden, weil sie sich mit den Argeiern verbinden und sie von den Athenern trennen wollten, um diese hinterher allein von neuem anzugreisen. Und so schickte er auch damals, als jene Ver stimmung eingetreten war, auf eigene Hand gleich eine Auf forderung an die Argeier, sich unverzüglich mit Mantineern und Eleern in Athen einzufinden und um ein Bündnis nach zusuchen, wozu es jetzt au der Zeit sei und er ihnen gern be hilflich sein würde.
- 5.44.1
Nachdem die Argeier diese Aufforderung erhalten und erfahren hatten, daß das Bündnis mit den Böotiern ohne die Athener geschlossen war, diese vielmehr mit den Lakedämoniern gründlich zerfallen seien, nahmen sie weiter keine Rücksicht darauf, daß ihre Gesandten damals in Lakedämon noch über ein Bündnis verhandelten, sondern zogen es vor, sich nach Athen zu wenden, in der Hoffnung, diese ihnen von alters her befreundete, wie sie demokratische und zur See mächtige Stadt, wenn es zum Kriege käme, auf ihrer Seite zu haben. Sie schickten also gleich Gesandte nach Athen, um über ein Bündnis zu verhandeln, und ebenso die Eleer und die Mantineer. So fort aber schickten auch die Lakedämonier Gesandte nach Athen, Philocharidas, Leon und Eudios, drei ihrer Meinung nach dort gern gesehene Männer, aus Furcht, die Athener könnten in ihrem Ärger ein Bündnis mit den Argeiern eingehen, zu gleich aber auch, um auf die Herausgabe von Pylos für Panakton zu dringen und sich wegen des Bündnisses mit den Böotiern zu rechtfertigen, das ja keineswegs gegen Athen ge richtet sei.
- 5.45.1
Als sie dies im Rate vortrugen und dabei erklärten, daß sie unbeschränkte Vollmacht hätten, alle Streitigkeiten beizulegen, fürchtete Alkibiades, wenn sie das auch dem Volke sagten, möchte es ihnen zufallen und aus dem Bündnis mit Argos nichts werden. Er nahm deshalb ihnen gegenüber Zuflucht zu einer List und versicherte ihnen mit dem ehrlichsten Gesichte, wenn sie vor dem Volke nichts von ihrer unbeschränkten Voll macht sagten, so würde er ihnen Pylos verschaffen und auch im übrigen alles ins reine bringen; denn wie jetzt gegen sie, werde er die Athener auch für sie einzunehmen wissen. Er tat das, um sie Nikias nicht in die Hände fallen zu lassen und um sie beim Volke als unzuverlässige Kunden, die bald so, bald anders sprächen, in Mißkredit zu bringen und das Bündnis mit Argos, Elis und Mantinea durchzusetzen. Und das gelang ihm auch. Denn als sie in der Volksversammlung auftraten und auf Befragen nicht, wie vor dem Rate, erklärten, daß sie mit unbeschränkter Vollmacht kämen, wollten die Athener nichts mehr von ihnen wissen, sondern hörten nur noch auf Alkibiades, der nun erst recht auf die Lakedämonier loszog. Am liebsten hätten sie die Argeier und ihre Freunde gleich vorgelassen und ein Bündnis mit ihnen geschlossen. Da jedoch, ehe es dazu kam, ein Erdbeben eintrat, wurde die Versammlung für diesmal vertagt.
- 5.46.1
Obgleich Nikias durch die den Lakedämoniern gegenüber geglückte Finte, von dem Mangel der Vollmacht dürfe keine Rede sein, selbst auch getäuscht worden war, sprach er sich in der Versammlung am folgenden Tage trotzdem dafür aus, an der Freundschaft mit den Lakedämoniern festzuhalten und auf die Wünsche der Argeier vorläufig lieber nicht einzugehen. Man möge vielmehr zunächst Gesandte an sie schicken, um sich darüber zu vergewissern, worauf sie hinaus wollten^ Dabei hob er hervor, daß es im Interesse der Athener, nicht aber der Argeier läge, es noch nicht zum Kriege kommen zu lassen; denn für Athen in seiner glücklichen Lage sei es erwünscht, den jetzigen Zustand so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, den armen Argeiern aber werde ein baldiger Ausbruch des Krieges wie gefunden kommen. Er bewog auch die Athener, Gesandte an die Lakedämonier zu schicken, zu denen er selbst auch gehörte, um sie aufzufordern, Panakton gehörig heraus zugeben und Amphipolis abzutreten, und wenn die Böotier dem Frieden nicht beiträten, das Bündnis mit ihnen wieder aufzulösen, da doch ausgemacht sei, daß keiner ohne den andern Bündnisse schließen dürfe. Zugleich sollten sie ihnen zu ver stehen geben, daß auch sie, wären sie nicht so ehrlich gewesen, längst ein Bündnis mit den Argeiern hätten schließen können, die sich ja selbst zu dem Zweck bei ihnen eingefunden. Dies alles und worüber man sich sonst noch beschweren zu können glaubte, zur Sprache zu bringen, wurde Nikias denn auch mit den übrigen Gesandten nach Lakedämon geschickt. Dort angekommen, entledigten sie sich ihres Auftrags und erklärten schließlich, wenn die Lakedämonier das Bündnis mit den Böotiern nicht aufgäben, falls diese dem Frieden nicht beiträten, so würde auch Athen ein Bündnis mit den Argeiern und deren Bundesgenossen schließen. Die Lakedämonier erwiderten jedoch, wie der Ephor Lenares mit seinen Anhängern und sonstigen Gesinnungsgenossen das durchgesetzt hätte, sie würden das Bündnis mit den Böotiern nicht aufgeben. Indessen verstanden sie sich doch auf Nikias' Wunsch dazu, den Vertrag von neuem zu beshcwören. Nikias fürchtete nämlich, daß er bei den Athenern drunterdurch sein würde, wenn er mit leeren Händen zurück kehrte, und so kam es auch in der Tat, da man ihn als den Urheber des Friedens mit den Lakedämoniern ansah. Als die Athener nach seiner Rückkehr hörten, daß man in Lakedämon nichts erreicht habe, waren sie empört und schlossen im Gefühl der ihnen widerfahrenen Kränkung auf der Stelle mit den noch anwesenden, von Alkibiades eingeführten Argeiern und ihren Verbündeten Frieden und Bündnis, und zwar dahin:
- 5.47.1
„Frieden aus hundert Jahr haben die Athener und die Argeier, Eleer und Mantineer für sich und die ihnen beider seits untergebenen Bundesgenossen geschlossen, unverbrüchlich nnd ohne Gefährde, sowohl zu Lande wie zur See. Wegen vermeintlicher Ansprüche Waffengewalt anzuwenden oder sich List und ähnlicher Mittel zu bedienen, soll weder den Argeiern, Eleern und Mantineern und deren Bundesgenossen gegen die Athener und die ihnen untergebenen Bundesgenossen, noch den Athenern und ihren Bundesgenossen gegen die Argeier, Eleer und Mantineer und deren Bundesgenossen gestattet sein. Die Athener und die Argeier, Eleer und Mantineer schließen ein Bündnis auf hundert Jahr unter folgenden Bedingungen. Wenn den Athenern ein Feind ins Land fällt, sollen die Argeier, Eleer und Mantineer den Athenern auf Verlangen, soweit es in ihrer Macht steht, nach Kräften zu Hilfe kommen. Wäre er nach Verheerung des Landes wieder abgezogen, so soll er von den Argeiern, Mantineern, Eleern und Athenern als Feind behandelt und sein Land von allen diesen Staaten verheert werden. Keinem dieser Staaten soll erlaubt sein, mit dem feindlichen Staate ohne Zustimmung aller übrigen Frieden zu schließen. Wenn den Eleern, Mantineern oder Argeiern ein Feind ins Land fällt, sollen die Athener den Argeiern, Mantineern und Eleern auf Verlangen, soweit es in ihrer Macht steht, nach Kräften zu Hilfe kommen. Wäre er nach Verheerung des Landes wieder abgezogen, so soll er von den Athenern, den Argeiern, Mantineern und Eleern als Feind behandelt und sein Land von allen diesen Staaten ver heert werden. Keinem dieser Staaten soll erlaubt sein, mit dem feindlichen Staate ohne Zustimmung aller übrigen Frieden zu schließen. Fremdem Kriegsvolk soll keiner von ihnen Durch zug durch sein Gebiet oder das der ihm untergebenen Bundes genossen gestatten, auch nicht auf dem Seewege, wenn nicht sämtliche Staaten, Athen, Argos, Mantinea und Elis, damit einverstanden sind. Der Staat, welcher einem anderen Hilfs truppen schickt, hat sie bis zu dreißig Tagen von da an, wo sie das Gebiet des Hilfe begehrenden Staates betreten, zu verpflegen, und ebenso soll es gehalten werden, wenn sie wieder abziehen. Wünscht der die Hilfe begehrende Staat die Truppen länger zu behalten, so hat er die Kosten der Verpflegung zu übernehmen und für den Hopliten, den Leichten und den Bogenschützen drei äginetische Obolen, für den Reiter eine äginetische Drachme täglich zu zahlen. Solange der Krieg im Lande des die Hilfe begehrenden Staates geführt wird, steht ihm der Oberbefehl zu. Wenn aber die Staaten einen gemeinschaftlichen Feldzug anderswohin zu unternehmen be schließen, so sollen sie alle gleichmäßig am Oberbefehl be teiligt sein.
- 5.47.2
Die Athener sollen den Frieden für sich und ihre Bundes genossen, die Argeier, Mantineer, Eleer und ihre Bundes genossen aber Stadt für Stadt beschwören. Jeder soll den bei ihm landesüblichen höchsten Eid leisten beim Opfer ausge wachsener Tiere. Der Eid aber soll also lauten: Ich will den Bund, so wie er geschlossen ist, halten, ehrlich, unverbrüchlich, ohne Gefährde, und ihn durch keinerlei Ausflüchte oder Winkel züge zu umgehen suchen. In Athen soll der Eid von dem Rate und den Beamten für das Innere (Archai endemoi) ge leistet, von den Prytanen abgenommen werden. In Argos soll er von dem Rate, den Achtzig und den Artynen geleistet und von den Artynen abgenommen, in Mantinea von den Deminrgen, dem Rate und den übrigen Beamten geleistet, von den Theoren und den Polemarchen abgenommen, in Elis von den Demiurgen, den höchsten Beamten und den Sechshundert geleistet, von den Demiurgen und den Thesmophylaken abge nommen werden. Die Athener sollen den Eid in Elis, Man tinea und Argos erneuern und sich dazu dreißig Tage vor den olympischen Spielen dorthin begeben, die Argeier, Eleer und Mantineer aber in Athen und sich dazu zehn Tage vor den großen Panathenäen dort einfinden. Der Vertrag über Frieden, Eid und Bündnis ist inschriftlich auf einer steinernen Säule anzubringen von den Athenern auf der^Burg, von den Argeiern auf dem Markte am Tempel des Apollon, von den Mantineern auf dem Markte am Tempel des Zeus. In Olympia aber soll das nächstemal bei den olympischen Spielen eine eherne Säule gemeinschaftlich von ihnen aufgestellt werden. Würden diese Staaten es für angemessen halten, dem Vertrage etwas hinzu zufügen, so soll das darüber nach gemeinsamer Beratung von ihnen übereinstimmend Beschlossene fortan maßgebend sein."
- 5.48.1
Dergestalt wurde der Friede und das Bündnis geschlossen. Die zwischen den Lakedämoniern und den Athenern bestehenden Verträge aber wurden darum doch von keiner Seite gekündigt. Die Korinther aber traten, obwohl sie mit den Argeiern ver bündet waren, dem Bunde nicht bei, wie sie auch schon dem vorher von den Eleern, Argeiern und Mantineern geschlossenen Schutz- und Trutzbündnis nicht beigetreten waren, sondern erklärt hatten, daß ihnen das bisherige Schutzbündnis genüge. So trennten sich die Korinther von den Verbündeten und wandten sich den Lakedämoniern wieder zu.
- 5.49.1
In diesem Sommer fanden die olympischen Spiele statt, bei denen der Arkadier Androsthenes im Ring- und Faust kampf den ersten Preis gewann. Die Lakedämonier wurden von den Eleern zum Feste nicht zugelassen, so daß sie weder an den Opfern noch an den Wettkämpfe.n teilnehmen dursten, weil sie die Strafe nicht bezahlt, zu der die Eleer sie nach olympischem Recht verurteilt hatten, indem sie behaupteten, sie hätten während des olympischen Friedens das feste Phyrkos angegriffen und ihre Hopliten nach Lepreon geschickt. Die Strafe betrug zweitausend Minen, zwei Minen für jeden Hopliten, wie es das Gesetz bestimmte. Die Lakedämonier er hoben durch ihre Abgesandten dagegen Widerspruch, weil sie mit Unrecht verurteilt seien; denn der Friede sei in Lakedämon noch gar nicht angesagt gewesen, als sie die Hopliten ab geschickt. Die Eleer aber erklärten, bei ihnen sei damals schon Friede gewesen, - sie lassen ihn nämlich in Elis selbst zuerst ansagen, - und während sie sich auf den Frieden verlassen, hätten sie ihnen hinterrücks diesen Streich gespielt. Die Lake dämonier erwiderten, wären die Eleer schon damals von ihrer Schuld überzeugt gewesen, so hätten sie nicht nötig gehabt, den Frieden nachher noch in Lakedämon ansagen zu lassen, und doch hätten sie das getan, weil sie die Sache damals anders angesehen; seitdem aber hätten die Lakedämonier keinerlei Feindseligkeiten mehr gegen sie verübt. Die Eleer blieben jedoch dabei, sie könnten sich von ihrer Unschuld nicht über zeugen; wenn sie ihnen aber Lepreon herausgeben wollten, so würden sie nicht nur auf ihren Anteil an dem Gelde ver zichten, sondern auch das, was dem Gotte davon gebühre, selbst für sie bezahlen.
- 5.50.1
Als die Lakedämonier das ablehnten, schlugen sie weiter vor, wenn sie das nicht wollten, möchten sie Lepreon immerhin behalten, dann aber, falls sie doch am Feste teilzunehmen wünschten, sich in Gegenwart der Griechen am Altar des olympischen Zeus eidlich verpflichten, die Strafe später zu ent richten. Da die Lakedämonier auch das nicht wollten, blieben sie im Feste von den Opfern und den Wettkämpfen ausge schlossen und opferten zu Hause. Die übrigen Griechen aber mit Ausnahme der Lepreer fanden sich zum Feste ein. Die Eleer fürchteten jedoch, die Lakedämonier könnten die Teil nahme an den Opfern mit Gewalt erzwingen, und ließen des halb den Festplatz durch ihre bewaffnete junge Mannschaft bewachen. Auch erhielten sie aus Argos und Mantinea je tausend Mann zur Unterstützung und aus Athen Reiter, welche das Fest über in Argos blieben. Die versammelten Fest genossen aber waren in großer Furcht vor einem bewaffneten Überfall der Lakedämonier, namentlich seitdem der Lakedämonier Lichas, Arkesilaos' Sohn, auf dem Festplatze auf Befehl der Festordner ausgepeitscht war. Dessen Gespann hatte nämlich gesiegt; da er aber unerlaubterweise am Wettkampfe teil genommen hatte, wurde der Preis einem böotischen Staats gespanne zuerkannt. Da war er denn selbst in die Schranken getreten und hatte seinen Wagenlenker bekränzt, um zu zeigen, daß das sein Wagen wäre. Infolgedessen fürchteten sich alle erst recht und glaubten, eS würde was geben. Die Lakedämonier aber kamen nicht, und so verlief das Fest ungestört. Nach dem Feste begaben sich die Argeier und ihre Bundesgenossen nach Korinth, um die Korinther zum Anschluß an ihr Bündnis aufzufordern. Zufällig waren dort grade auch Gesandte aus Lakedämon anwesend. Trotz längerer Verhandlungen aber kam es dort zu nichts, und als ein Erdbeben eingetreten war, reisten alle wieder nach Hause. Damit endete der Sommer.
- 5.51.1
Im folgenden Winter kam es zu einer Schlacht zwischen den Herakleern in Trachis und den Ainianern, Dolopern, Meliern und einigen anderen thessatischen Völkerschaften. Diese Stämme dort in der Nachbarschaft lebten nämlich mit Heraklea auf dem Kriegsfuße; denn die Stadt war ja eben als ein Trutzwerk ihnen gegenüber angelegt, und deshalb hatten sie ihr von Anfang an Schwierigkeiten gemacht und nach Kräften Abbruch getan. Auch in dieser Schlacht besiegten sie die Herakleer, und deren Anführer, der Lakedämonier XenareS, Knidiö' Sohn, und eine Anzahl Herakleer blieben auf dem Platze. Damit endete der Winter und das zwölfte Jahr des Krieges.
- 5.52.1
Gleich im Beginne des nächsten Sommers wurde Herakles, das nach der Schlacht übel genug gefahren war, von den Böotiern besetzt und der Lakedämonier Hagesippidas mit Rück sicht auf die unter seiner Verwaltung eingerissenen Mißbräuche durch sie von dort entfernt. Der Grund, weshalb sie die Stadt besetzten, war die Besorgnis, daß die Athener, während die Lakedämonier durch die peloponnesischen Händel in An spruch genommen waren, sich ihrer bemächtigen würden. Die Lakedämonier freilich nahmen ihnen das sehr übel.
- 5.52.2
In demselben Sommer kam Alkibiades, Kleinias' Sohn, im Einvernehmen mit den Argeiern und ihren Bundesgenossen als athenischer Feldherr mit einer Handvoll athenischer Ho pliten und Bogenschützen nach dem Peloponnes. Nachdem er Verstärkungen von seiten der dortigen Bundesgenossen er halten, durchzog er mit seinem Heere den Peloponnes und suchte die Sache des Bundes überall zu fördern. So veran laßte er die Paträer, eine Mauer bis an die See zu führen, und ging selbst damit um, auf dem Vorgebirge Rhion in Achaia ein zweites Schloß zu erbauen, woran er jedoch durch die Korinther und die Sikyoner und andere, denen ein solcher Bau unbequem war, mit bewaffneter Hand verhindert wurde.
- 5.53.1
In demselben Sommer kam es zum Kriege zwischen den Epidauriern und den Argeiern. Vorwand war, daß die Epi daurier dem pythischen Apollon das Opfer wegen der Ufer ländereien, wozu sie verpflichtet waren, nicht gebracht hatten. Der Tempel dort aber stand unter besonderem Schutz der Argeier. Doch ganz abgesehen davon wünschten Alkibiades und die Argeier, Epidauros womöglich in ihre Gewalt zu bringen, einmal um die Neutralität von Korinth zu sichern, dann aber auch, damit die Athener auf kürzerem Wege von Agina herüberkommen könnten und nicht erst um das Vor gebirge Skyllaion zu fahren brauchten. Indessen wußten die Argeier die Sache so zu wenden, als ob sie ihrerseits nur nach^Epidauros einrückten, um die Vollziehung des Opfers zu erzwingen.
- 5.54.1
Um dieselbe Zeit zogen die Lakedämonier unter König Agis, Archidamos' Sohn, mit Heeresmacht gegen das an ihrer Grenze nach dem Lykaion zu belegene Leuktra. Niemand wußte, wohin der Zug ging, nicht mal die Städte, welche die Mannschaft gestellt hatten. Als aber das von ihnen beim Überschreiten der Grenze gebrachte Opfer schlecht ausfiel, gingen sie wieder nach Hause und ließen bei den Bundes genossen ansagen, sie sollten sich nach dem nächsten Monat, dem dorischen Festmonat Karneios, auf den Feldzug einrichten. Nach ihrem Abzüge sielen die Argeier noch im Monat KarnaioS, am vierten Tage des letzten Drittels, obgleich sie den Tag sonst immer feiern, ins Epidaurische ein und verheerten das Land. Die Epidaurier aber riefen ihre Bundesgenossen zu Hilfe, von denen sich jedoch einige mit dem Festmonat ent schuldigten, andere zwar bis an die Grenze von Epidaurien rückten, aber dort stehen blieben.
- 5.55.1
Während die Argeier in Epidauros waren, kamen Ge sandte der Staaten auf Einladung der Athener in Mantinea zusammen. Im Laufe der Verhandlungen bemerkte Euphamidas aus Korinth, die Reden und die Taten stimmten nicht überein; denn während man hier in der Sitzung über Frieden rede, ständen die Epidaurier mit ihren Verbündeten und die Argeier sich in Waffen gegenüber. Zunächst also sollten sich mal Be vollmächtigte beider Parteien an Ort und Stelle begeben und die Einstellung der Feindseligkeiten veranlassen; alsdann möge man weiter über den Frieden reden. Die Versammlung war damit einverstanden, und es gelang auch den von ihr ent sandten Bevollmähctigten, die Argeier zum Abzüge aus dem Epidaurischen zu bewegen. Darauf traten die Gesandten von neuem zusammen, konnten sich jedoch auch jetzt nicht einigen, und die Argeier fielen den Epidauriern nun abermals sengend und brennend ins Land. Auch die Lakedämonier unternahmen einen Zug gegen Karyai; als jedoch auch hier das beim Über schreiten der Grenze gebrachte Opfer ungünstig ausfiel, kehrten sie wieder um. Nachdem die Argeier etwa ein Drittel des Epidaurischen verheert hatten, gingen sie ebenfalls wieder nach Hause. Aus die Nachricht vom Ausmarsch der Lakedämonier waren tausend athenische Hopliten unter Alkibiades ihnen zu Hilfe gekommen; da man sie aber nicht mehr nötig hatte, zogen sie wieder ab. So ging der Sommer vorüber.
- 5.56.1
Im folgenden Winter schickten die Lakedämonier, ohne daß die Athener darum wußten, dreihundert Mann unter Agesippidas zu Wasser als Besatzung nach Epidauros. Die Argeier aber beshcwerten sich in Athen darüber, daß man die Lakedämonier auf dem Seewege durchgelassen habe, obwohl in dem Vertrage ausdrücklich bestimmt sei, daß keiner fremdem Kriegsvolk den Durchzug durch sein Gebiet gestatten solle. Wenn sie nun nicht auch die Messenier und die Heloten bei Pylos auf die Lakedämonier losließen, so würde man in Argos darin eine Vertragsverletzung erblicken müssen. Die Athener brachten dann auch auf Alkibiades' Rat auf der lakonischen Säule den Zusatz an, daß die Lakedämonier den Eid gebrochen hätten, ließen auch die Heloten aus Kranioi nach Pylos kommen, um von dort aus Streifzüge zu unternehmen, machten aber sonst nichts weiter aus der Sache. Im Kriege zwischen den Argeiern und den Epidauriern kam es in diesem Winter zu keiner ordentlichen Schlacht, sondern nur hin und wieder zu einem Überfall aus dem Hinterhalt oder einem kleinen Scharmützel, wobei je nachdem der eine oder der andere Teil ein paar Tote auf dem Platze ließ. Gegen Ende des Winters kurz vor Frühlingsanfang rückten die Argeier mit Leitern vor Epidauros, das sie infolge des Krieges von Truppen entblößt glaubten, um die Stadt mit Sturm zu nehmen, mußten aber unverrichteter Sache wieder abziehen. Damit endete der Winter und das dreizehnte Jahr des Krieges.
- 5.57.1
Als die Lakedämonier sahen, daß ihre Freunde in Epi dauros große Not litten und die übrigen Orte im Peloponnes entweder schon von ihnen abgefallen waren oder doch eine bedenkliche Haltung annahmen, glaubten sie, wenn es nicht so weitergehen sollte, fordersamst etwas dagegen tun zu müssen, und unternahmen deshalb um die Mitte des folgenden Sommers mit ihrer ganzen Mannschaft und den Heloten unter ihrem König Agis, Archidamos' Sohn, einen Feldzug gegen Argos. Dabei schlossen sich die Tegeer und die übrigen mit ihnen verbündeten Arkadier ihnen an. Die anderen Bundesgenossen aus dem Peloponnes und von jenseits des Isthmus aber sammelten sich bei Phlius, aus Böotien fünftausend Hopliten und ebensoviel Leichte nebst fünfhundert Reitern und einer gleichen Anzahl Kruppensitzer (Hamippoi), aus Korinth zwei tausend Hopliten, dazu die Kontingente der übrigen BundeS staaten und die gesamte Mannschaft aus Phlius, da das Heer sich dort im Lande sammelte.
- 5.58.1
Die Argeier, die schon länger und vollends, als die Lake dämonier, um sich mit den anderen zu vereinigen, nach Phlius zogen, von deren kriegerischen Absichten überzeugt waren, er schienen nun auch ihrerseits im Felde, und die Mantineer mit ihren Verbündeten, sowie dreitausend Hopliten aus Elis schlossen sich ihnen an. Im Vormarsch trafen sie die Lake dämonier bei Methydrion in Arkadien, wo beide Heere eine Anhöhe besetzten. Aber während die Argeier Anstalt machten, den Lakedämoniern noch vor deren Vereinigung mit ihren Bundesgenossen eine Schlacht zu liefern, brach König Agis bei Nacht in aller Stille mit dem Heere auf, um sich mit ihnen bei Phlius zu vereinigen. Als die Argeier das merkten, zogen auch sie bei Tagesanbruch ab, zuerst nach Argos, dann aber auf die Straße nach Nemea, auf der die Lakedämonier mit ihren Verbündeten ihrer Meinung nach Herabkommen würden. Agis aber wählte wider Erwarten diesen Weg nicht, sondern zog mit den Lakedämoniern, Arkadiern und Epidauriern, denen er dazu Befehl erteilte, auf einem anderen beschwerlichen Wege in die Ebene von Argos hinunter, während die Korinther, Pellener und Phliasier den graden Weg dahin einschlugen. Die Böotier, Megarer und Sikyoner aber waren angewiesen, die Straße nach Nemea hinabzuziehen, auf der die Argeier sich befanden, und ihnen, falls sie sich von dort gegen die Lake dämonier in der Ebene wenden würden, mit der Reiterei auf den Fersen zu bleiben. So gegliedert rückte er in die Ebene ein und verheerte Salinthos und andere Orte.
- 5.59.1
Auf die Nachricht davon setzten sich die Argeier in der Frühe von Nemea in Marsch und stießen auf das Heer der Phliasier und der Korinther. Sie töteten auch den Phliastern ein paar Leute, verloren aber selbst den Korinthern gegenüber noch einige mehr. Die Böotier, Megarer und Sikyoner schlugen, wie ihnen befohlen war, die Straße nach Nemea ein, trafen hier aber die Argeier nicht mehr an, da diese, als sie sahen, wie ihr Land verheert wurde, in die Ebene hinabgezogen waren, um dem Feinde eine Schlacht anzubieten. Ihnen gegenüber stellten sich nun auch die Lakedämonier in Schlacht ordnung. Hier aber waren die Argeier in die Falle gegangen. Denn von der Ebene her schnitten die Lakedämonier und ihre Verbündeten sie von der Hauptstadt ab, vom Gebirge verlegten ihnen Korinther, Phliasier und Pellener, von Nemea her Böotier, Sikyoner und Megarer den Weg. Reiterei hatten sie nicht; denn grade die Athener waren die einzigen Bundes genossen, die noch nicht eingetroffen waren. Im allgemeinen wurde die Lage von den Argeiern und ihren Bundesgenossen in dem Augenblick nicht für so bedenklich angesehen; im Gegen teil, sie glaubten, die Schlacht unter günstigen Bedingungen liefern zu können und hier im eigenen Lande in der Nähe der Hauptstadt die Lakedämonier grade selbst in der Falle zu haben. Unmittelbar bevor beide Heere aneinander gerieten, begaben sich jedoch zwei Argeier, Thrasyllos, einer der fünf Feld herren, und Alkiphron, der Staatsgastfreund der Lakedämonier, zu Agis, um ihm vorzustellen, es nicht zur Schlacht kommen zu lassen, da man in Argos bereit sei, durch einen beiden Teilen annehmbaren Ausgleich etwaigen Beschwerden der Lake dämonier gerecht zu werden, und hinfort wieder in Frieden mit ihnen zu leben wünsche.
- 5.60.1
Die beiden Argeier handelten dabei freilich nicht im Auf trage der Gesamtheit, sondern lediglich auf eigene Hand. Agis aber ging darauf seinerseits ein, ohne sich mit den übrigen zu benehmen, machte nur einem einzigen der im Heere an wesenden Beamten davon Mitteilung und schloß mit ihnen einen Waffenstillstand auf vier Monate, innerhalb welcher sie ihre Zusage erfüllen sollten. Gleich darauf zog er mit dem Heere ab, ohne einem der Bundesgenossen ein Wort zu sagen. Die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen fügten sich zwar pflichtschuldig seinem Befehl, schalten aber unters sich um so mehr auf ihn: Hier wäre doch die schönste Gelegenheit ge wesen, dem durch Reiterei und Fußvolk von allen Seiten um stellten Feinde eine Schlacht zu liefern, und nun so abzuziehen und nichts erreicht zu haben, was ein solches Aufgebot von Kräften verlohnt hätte! Und wirklich war in Griechenland noch nie ein schöneres Heer beisammen gewesen. Man konnte das recht sehen, als es bei Nemea noch vollständig vereinigt war. Da waren die Lakedämonier mit ihrem ganzen Heer bann, die Arkadier, Böotier, Korinther, Sikyoner, Pellener, Phliasier und Megarer, alles auserlesene Truppen, die es offenbar nicht nur mit den Argeiern und ihren Verbündeten, sondern noch mit einem weit zahlreicheren Feinde hätten auf nehmen können. So trat denn das Heer unter Verwünshcungen gegen Agis den Rückzug an, löste sich auf, und alles ging nach Hause. Noch übler aber waren die Argeier auf ihre beiden Landsleute zu sprechen, die auf eigene Hand den Waffenstillstand geschlossen hatten; denn auch sie glaubten, die Lakedämonier seien ihnen bei der schönsten Gelegenheit durch die Lappen gegangen, wo man sie hier vor den Toren der Hauptstadt mit so viel tapferen Bundesgenossen vereint vor der Klinge gehabt. Auf dem Rückwege am Charadrosbache, wo sie nach einem Feldzuge noch außerhalb der Stadt Kriegs recht zu halten pflegen, wollten sie Thrasyllos sogar steinigen; er flüchtete sich jedoch an den Altar und kam mit dem Leben davon; sein Vermögen aber wurde eingezogen.
- 5.61.1
Darnach kamen auch die Athener an mit tausend Ho pliten und dreihundert Reitern unter Laches und Nikostratos. Die Argeier, die bei alledem Bedenken trugen, den mit. den Lakedämoniern geschlossenen Waffenstillstand zu brechen, for derten sie jedoch auf, wieder abzuziehen, und auch ihrem Wunsche, sie darüber vor dem Volke zu Worte kommen zu lassen, entsprachen sie erst, als sie durch die Vorstellungen der noch anwesenden Mantineer und Eleer dazu genötigt wurden. Hier aber erklärten die Athener den Argeiern und ihren Bundesgenossen, wobei Alkibiades als Gesandter zugegen war, ein gültiger Waffenstillstand hätte nur unter Zustimmung der Bundesgenossen geschlossen werden können, und jetzt, wo sie eben zur rechten Zeit eingetroffen, müßte der Krieg unbedingt fortgesetzt werden. Die Bundesgenossen waren damit ganz einverstanden und machten sich ohne die Argeier auch alle sogleich gegen das arkadische Orchomenos auf. Die Argeier waren im Grunde derselben Meinung, gingen zwar anfangs nicht mit, kamen aber später auch noch nach. Orchomenos wurde nun mit vereinten Kräften eingeschlossen, belagert und wiederholt bekannt, da man auf die Einnahme deS Orts schon an sich, namentlich aber auch deshalb Wert legte, weil die Lakedämonier die arkadischen Geiseln dort untergebracht hatten. Da kein Entsatz kam, fürchteten die Einwohner, bei der Schwäche ihrer Mauern sich gegen ein so zahlreiches Heer nicht halten zu können, und übergaben ihre Stadt, indem sie sich verpflichteten, dem Bunde beizutreten, den Mantineern Geiseln zu stellen und die von den Lakedämoniern bei ihnen untergebrachten auszuliefern.
- 5.62.1
Nach der Einnahme von Orchomenos überlegten die Ver bündeten, wohin man sich nunmehr zunächst wenden sollte, die Eleer verlangten nach Lepreon, die Mantineer nach Tegea. Die Argeier und die Athener schlossen sich der Ansicht der Mantineer an, worauf die Eleer aus Verdruß, daß sie nicht für Lepreon gestimmt, nach Hause gingen. Die übrigen Ver bündeten aber rüsteten sich in Mantinea zum Zuge gegen Tegea, und auch in Tegea selbst gab es Leute, die ihnen die Stadt in die Hände spielen wollten.
- 5.63.1
Schon als die Lakedämonier nach Abschluß des vier monatlichen Waffenstillstandes aus Argos abgezogen waren, machten sie Agis schwere Vorwürfe, daß er ihnen Argos nicht unterworfen habe, wozu sich doch eine so günstige Gelegenheit wie nie zuvor geboten hätte; denn so viel treffliche Bundes genossen würden so leicht nicht wieder beieinander zu haben sein. Als dazu nun gar die Nachricht von der Einnahme von Orchomenos kam, lief ihnen vollends die Gatte über, und sie beschlossen in ihrem Zorn, ganz gegen ihre sonstige Ge pflogenheit, sein Haus ohne weiteres niederzureißen und ihn in eine Strafe von tausend Drachmen zu nehmen. Er bat sie jedoch, das nicht zu tun; denn er werde die Sünden dieses Feldzuges das nächste Mal durch schneidiges Benehmen wieder gutmachen, widrigenfalls möge man alsdann nach Gutdünken mit ihm verfahren. Sie nahmen denn auch von der Zer störung seines Hauses Abstand, trafen aber in diesem Fall eine Maßregel, wie sie früher bei ihnen niemals vorgekommen war; sie stellten ihm nämlich zehn Spartiaten als Beirat zur Seite, ohne deren Genehmigung er nicht befugt sein sollte, ein Heer ins Feld zu führen.
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Inzwischen erhielten sie von ihren Anhängern in Tegea die Nachricht, wenn sie nicht unverzüglich erschienen, würde Tegea zu den Argeiern und deren Bundesgenossen übergehen, wozu es jeden Augenblick kommen könne. Nun rückten sie mit ihrem ganzen Heere, Lakedämonier und Heloten, mit einer Schnelligkeit ins Feld wie nie zuvor. Sie schlugen den Weg nach Orestheion im Mainalischen ein und wiesen vorher ihre arkadischen Bundesgenossen an, sich zu sammeln und ihnen auf dem Fuße nach Tegea zu folgen. Bis Orestheion zogen sie mit ihrem ganzen Heere, von dort aber schickten sie den sechsten Teil der Lakedämonier, dem die ältesten und die jüngsten Jahrgänge angehörten, zum Schutz der Heimat wieder nach Hause. Mit dem Reste trafen sie bei Tegea ein, und bald nahcher kamen auch ihre arkadischen Bundesgenossen dort an. Auch nach Korinth und an die Böotier, Phokier und Lokrer sandten sie Befehl, unverzüglich Truppen nach Mantinea zu schicken. Die aber konnten dem so plötzlich nicht nachkommen; sie mußten aufeinander warten und konnten so einzeln nicht ohne weiteres durch das dazwischenliegende feindliche Gebiet ziehen; indessen beeilten sie sich damit nach Möglichkeit. Die Lakedämonier aber rückten mit den bereits eingetroffenen arkadischen Bundesgenossen ins Mantine'ische ein, lagerten sich beim Heraklestempel und verwüsteten das Land.
- 5.65.1
Als die Argeier und ihre Verbündeten ihrer ansichtig wurden, besetzten sie einen abschüssigen, schwer zugänglichen Höhenzug und stellten sich dort in Schlachtordnung. Die Lakedämonier gingen auch sogleich gegen sie vor und kamen auf Speer- und Steinwurfsweite an sie heran. Angesichts des Angriffes auf die festungsartige Stellung rief ein alter Kriegsmann Agis zu, er denke wohl Übel durch Übel zu heilen, um damit anzudeuten, er wolle durch dies tolle Drauf gehen den schimpflichen Rückzug aus Argos wieder gut machen. Agis aber, sei es, daß er infolge dieses Zurufs, sei es, daß er aus anderen Gründen plötzlich anderes SinneS wurde, zog hierauf miteins, bevor es zum Schlagen kam, mit dem Heere wieder ab. Als er ans Tege'ische gekommen war, ließ er das Wasser, über das Mantineer und Tegeer sich beständig in den Haaren liegen, weil es da, wohin es ab fließt, oft Schaden anrichtet, ins Mantine'ische ableiten. Er glaubte nämlich, wenn die Argeier und ihre Verbündeten von der Ableitung des Wassers hörten, so würden sie dagegen einschreiten, und wollte sie auf diese Weise veranlassen, von ihrer Höhe herunterzukommen, und ihnen dann in der Ebene eine Schlacht liefern. Den Tag blieb er dort und ließ daS Wasser ableiten. Die Argeier und ihre Verbündeten waren anfangs über den unter ihren Augen so plötzlich erfolgten Abzug der Feinde sehr erstaunt und wußten nicht, was sie daraus machen sollten. Als diese dann aber immer weiter zogen und ihnen aus dem Gesichte kamen, sie selbst aber, statt ihnen zu folgen, ruhig stehen blieben, schalten sie wieder auf ihre Feldherren und glaubten sich von ihnen verraten; schon einmal, als man die Lakedämonier in der Falle gehabt, hätte man Fe entwischen lassen, und jetzt, wo sie wegliefen, denke man an keine Verfolgung, sondern ließe sie wieder in aller Ruhe ihrer Wege gehen. Die Feldherren wußten im ersten Augenblick nicht, was sie machen sollten, zogen dann aber mit dem Heere von der Höhe in die Ebene hinein, wo sie sich lagerten und den Feind angreifen wollten.
- 5.66.1
Am folgenden Tage stellten die Argeier und ihre Ver bündeten sich in Schlachtordnung in der Absicht, den Kampf aufzunehmen, wenn sie an den Feind kämen. Auf dem Marsche von dem Wasser in ihre alte Stellung beim Herakles tempel erblickten die Lakedämonier nun mit einmal das ganze feindliche Heer, das von der Höhe herabgekommen war, schon in Schlachtordnung sich dicht gegenüber. Seit Menschen- gedenken hatten sie sich nicht so verjagt wie in diesem Augen blick; denn nun mußten sie sich Hals über Kopf zum Gefecht ordnen. Sie traten jedoch gleich willig in Reih und Glied, und König Agis erließ in der üblichen Weise seine Befehle. Denn wenn ein König ihr Heer führt, gehen alle Befehle von ihm aus. Er sagt dem Obersten (Polemarchon), was geschehen soll, der Oberst sagt es den Hauptleuten (Lochagen), der Hauptmann dem Fähnrich (Pentakrator), dieser wieder dem Zugführer (Enemotarch), und der seinem Zuge. Auf diese Weise gelangen die zu erteilenden Befehle schnell an die betreffende Stelle. Das lakedämonische Heer besteht nämlich fast ganz aus höheren und niederen Vorgesetzten, und die pünktliche Ausführung der Befehle ist Sache einer Reihe von Personen.
- 5.67.1
Ihren linken Flügel bildeten auch diesmal die Skiriten, denen dieser Platz im Lakedämonischen Heere ein für allemal allein zukommt; neben ihnen standen Brasidas' alte Soldaten aus dem thrakischen Feldzuge mit den neuerdings freigelassenen Heloten; daran schlossen sich die eigenen Heerhaufen der Lake dämonier, an diese die arkadischen Heraier, dann die Mai nalier und auf dem rechten Flügel die Tegeer und noch eine kleine Anzahl Lakedämonier, welche den äußersten rechten Flügel bildeten. Ihre Reiterei stand auf beiden Flügeln. Das die Aufstellung der Lakedämonier. Ihnen gegenüber bildeten die Mantineer, da die Schlacht in ihrem Land?'statt fand, den rechten Flügel, dann kamen die arkadischen Hilfs völker, darauf die auserlesenen Tausend aus Argos, die dort schon seit längerer Zeit auf Staatskosten für den Kriegsdienst ausgebildet wurden, und neben ihnen die übrigen Argeier, darnach ihre Bundesgenossen aus Kleonai und Orneai, end lich auf dem linken Flügel die Athener, die ihre eigene Reiterei bei sich hatten.
- 5.68.1
Das war die Aufstellung der beiderseitigen Streitkräfte, und anshceinend war das Heer der Lakedämonier größer. Die wirkliche Stärke beider Heere kann ich leider nicht genau an geben, weder im einzelnen noch im ganzen. Über die Zahl der Lakedämonier ist infolge der bei ihnen herrshcenden Geheimnis krämerei amtlich nichts bekannt geworden, die Angaben deS Gegners aber halte ich bei der Neigung der Menshcen, mit der Macht ihres Landes zu prahlen, nicht für glaubwürdig. Indessen läßt sich die damalige Stärke der Lakedämonier mit Hilfe folgender Berechnung doch einigermaßen feststellen. Sie hatten in der Schlacht außer den sechshundert Skiriten sieben Lochen, jeder Lochos bestand aus vier Pentakostyen, jede Pentakostye aus vier Zügen. In jedem Zuge tsanden vier Mann im ersten Gliede. Die Tiefe der Stellung freilich war nicht überall dieselbe, sondern hing von den einzelnen Hauptleuten (Lochagen) ab, betrug aber im Durchschnitt acht Mann. Auf der ganzen Schlachtlinie aber tsanden außer den Skiriten vierhundertachtundvierzig Mann im ersten Gliede.
- 5.69.1
Unmittelbar vor Beginn deS Gefechts richteten die ein zelnen Feldherren einige Worte an ihre Leute, um sie zum Kampfe anzufeuern. Den Mantineern sagte man, es gelte heute den Kampf fürs Vaterland, zugleich aber auch um Herrschaft und Knechtschaft, jene dürften sie sich nicht nehmen, diese nicht wieder gefallen lassen; den Argeiern, sie sollten nicht leiden, daß man ihrer alten Hegemonie und früheren Gleichberechtigung im Peloponnes für immer ein Ende mache, und dem bösen Nachbarvolke alle seine Unbilden einmal heim zahlen; den Athenern aber, daß eS Ehrensache für sie sei, eS unter so vielen tapferen Bundesgenossen allen übrigen zuvor zutun, wie sie denn auch durch einen Sieg über die Lake dämonier hier im Peloponnes ihre Herrschaft befestigen und erweitern, auch ihr Land für immer vor feindlichen Einfällen sichern würden. In dieser Weise suchte man die Argeier und ihre Verbündeten zum Kampf anzufeuern. Die Lakedämonier spornten sich untereinander und durch Anstimmung kriegerischer Weisen an, der alten Tapferkeit eingedenk zu sein und zu zeigen, waS sie könnten, wohl wissend, daß lange Schulung im Kriegshandwerk mehr wert sei als schwungvolle Ansprachen vor der Schlacht.
- 5.70.1
Darauf begann das Gefecht. Die Argeier und ihre Ver bündeten rückten rasch und ungestüm vor, die Lakedämonier langsam und unter klingendem Spiel zahlreicher Pfeifer, wie das bei ihnen eingeführt ist, nicht etwa aus religiösen Rück sichten, sondern um nach dem Takt Schritt zu halten, damit ihre Glieder nicht aus dem Zusammenhang geraten, was sonst beim Angriff großer Heere leicht vorkommt.
- 5.71.1
Während die Schlacht noch im Gange war, beschloß König Agis, folgendermaßen zu Werke zu gehen. Es ist eine allgemeine Erscheinung, daß der rechte Flügel eines Heeres, wenn es an den Feind kommt, sich verlängert, weil jeder aus Furcht seine ungedeckte Seite möglichst unter den Schild seines rechten Nebenmanns zu bringen sucht und um so sicherer zu sein glaubt, je enger alle aneinander schließen. Den ersten An laß dazu gibt der rechte Flügelmann im ersten Gliede, der immer weiter nach rechts drängt, um seine ungedeckte Seite vom Feinde abzukehren, und aus gleicher Furcht machen eS die übrigen so wie er. Auch diesmal reichten die Mantineer auf ihrem Flügel über die Skiriten weit hinaus, und die Lakedämonier und Tegeer, um so zahlreicher ihr Heer war, noch weiter über die Athener. Nun-fürchtete Agis,-Nein linker Flügel könnte umfaßt werden, da die Mantineer nach seiner Meinung allzu weit über ihn hinausreichten, und befahl des halb den Skiriten und Brasidas-Leuten, sich aus ihrer bis herigen Stellung weiter links bis auf gleiche Höhe mit den Mantineern zu ziehen. Den Obersten Hipponoidas und Aristo kles aber befahl er, zur Ausfüllung der dadurch entstan denen Lücke mit zwei Lochen vom rechten Flügel dort einzu- rücken, in der Meinung, sein rechter Flügel würde auch dann noch stark genug bleiben, der linke aber den Mantineern gegen über widerstandsfähiger werden.s
- 5.72.1
Unglücklihcerweise aber weigerten sich Aristokles und HipponoidaS, dem Befehl nachzukommen, weil sie ihn zu spät, als sie bereits ins Gefecht verwickelt gewesen, erhalten hätten, was ihnen freilich später als Feigheit ausgelegt wurde und ihre Verbannung aus Sparta zur Folge hatte. Inzwischen waren jedoch die Feinde schon vorgedrungen, und die Skiriten konnten seinem, ihnen beim Ausbleiben der beiden Lochen er teilten Befehle, in ihre alte Stellung zurückzukehren, nicht mehr zeitig genug ausführen, um die dort entstandene Lücke zu schließen. So schlecht aber die Lakedämonier mit ihren taktischen Bewegungen gefahren waren, so glänzend bewiesen sie nun, daß sie trotzdem durch Tapferkeit zu siegen verstanden. Nachdem sie mit dem Feinde handgemein geworden waren, schlug zwar dessen aus den Mantineern bestehender rechter Flügel ihre Skiriten und Vrasidas-Leute in die Flucht, und die Mantineer mit ihren Verbündeten und den tausend auserlesenen Argeiern drangen in die nicht wieder geschlossene Lücke-ein, umringten die Lakedämonier, machten sie nieder und trieben sie in wilder Flucht bis zu ihren Fuhrwerken, wo sie noch eine Anzahl der dort zur Bedeckung gebliebenen älteren Krieger erschlugen. Hier also wurden die Lakedämonier besiegt. Mit dem übrigen Heere aber, insbesondere der Mitte, wo König Agis mit seiner Leibwache, den sogenannten dreihundert Rittern, sich befand, warfen sie sich auf die alten Argeier, die fünf Lochen, wie sie hießen, und deren Bundesgenossen auS Kleonai und Orneai und die ihnen hier gegenüberstehenden Athener und schlugen sie in die Flucht, wobei die meisten es gar nicht zum Hand gemenge kommen ließen, sondern beim Angriff der Lakedämonier gleich die Flucht ergriffen und dabei zum Teil von den Gegnern noch überholt und unter die Füße getreten wurden.
- 5.73.1
Während infolge der hier erlittenen Niederlage die Stellung der Argeier und ihrer Verbündeten durchbrochen wurde, um faßten die Lakedämonier und Tegeer mit ihrem überragenden rechten Flügel nun auch die Athener, über die es jetzt von zwei Seiten herging, da sie hier umringt, dort bereits ge schlagen waren. Und wahrscheinlich würden sie im ganzen Heere am meisten gelitten haben, wenn ihre Reiterei sie nicht herausgehauen hätte. Es kam hinzu, daß Agis, als er sah, wie übel es seinem linken Flügel den Mantineern und den argeiischen Tausend gegenüber erging, dem ganzen Heere be fahl, sich nach dem geschlagenen Flügel zu ziehen. Als nun das feindliche Heer infolge dieses Befehls nach links zog und von ihnen abließ, hatten die Athener Zeit, sich unterdessen auS dem Staube zu machen und die hier geschlagenen Argeier mit ihnen. Die Mantineer aber und ihre Verbündeten und die tausend Argeier gaben es nun auch auf, den Kampf gegen den Feind wieder aufzunehmen, sondern wandten sich, als sie sahen, daß die Ihrigen geschlagen und die Lakedämonier im siegreichen Vordringen waren, jetzt ebenfalls zur Flucht. Die Mantineer hatten dabei auch schwere Verluste, die argeiischen Tausend dagegen kamen meist mit dem Leben davon. Zu einer nachdrücklichen oder langen Verfolgung kam es indessen nicht. Denn die Lakedämonier fechten zwar mit zäher Ausdauer und halten unerschütterlich stand, bis sie den Feind besiegt, lassen sich aber nach einer gewonnenen Schlacht auf längere Ver folgungen nicht ein.
- 5.74.1
So oder doch im wesentlichen so verlief die Schlacht, in der Tat die bedeutendste, welche seit langer Zeit denn doch unter den ansehnlichsten griechischen Staaten geschlagen war. Die Lakedämonier aber traten auf der mit den Leichen der Feinde bedeckten Walstatt ins Gewehr und errichteten sogleich ein Siegeszeichen. Den gefallenen Feinden nahmen sie die Rüstungen ab, sammelten ihre Toten und brachten sie nach Tegea, wo sie sie bestatteten. Den Gegnern gaben sie ihre Toten unter Waffenstillstand heraus. Gefallen waren aas Argos, Orneai und Kleonai siebenhundert, aus Mantinea zwei hundert, aus Athen und Ägina ebenfalls zweihundert, auch die beiden Feldherren. Auf Seite der Lakedämonier waren die Bundesgenossen nicht ernstlich inS Gefecht gekommen und hatten deshalb auch keine nennenswerten Verluste. Wieviel sie selbst verloren, war schwer zu ermitteln. Es hieß, sie hätten etwa dreihundert Tote gehabt.
- 5.75.1
Kurz vor der Schlacht war auch Pleistoanax, der andere König, mit der ältesten Mannschaft nach Mantinea aufgebrochen und bis Tegea gelangt. Auf die Nachricht von dem erfochtenen Siege war er jedoch wieder umgekehrt. Auch ihren von Korinth und von jenseits des Isthmus kommenden Verbündeten ließen die Lakedämonier sagen, sie könnten wieder umkehren. Sie , selbst gingen ebenfalls nach Hause zurück, entließen ihre Bundes genossen nnd feierten das grade in diese Zeit fallende Fest der Karneien. Hatte man ihnen bis dahin in Griechenland wegen der Niederlage auf der Insel Feigheit vorgeworfen und sie wegen ihrer Mißgriffe und Schwerfälligkeit verhöhnt, so war dem durch diese Schlacht mit einmal ein Ende gemacht; nur ein unglücklicher Zufall, meinte man jetzt, habe sie in den Ver dacht der Feigheit gebracht, und an Tapferkeit seien sie immer noch die Alten.
- 5.75.2
Am Tage vor der Schlacht waren die Epidaurier mit ihrem ganzen Heere in das damals ja von Truppen entblößte Ar geiische eingefallen und hatten die von den Argeiern während des Feldzugs dort zurückgelassene Besatzung gutenteils nieder gemacht. Als aber nach der Schlacht dreitausend Hopliten aus Elis und noch weitere tausend Athener zu den Mantineern gestoßen waren, rückten die Verbündeten, während die Lake dämonier ihre Karneien feierten, gleich mit dem ganzen Heere vor Epidauros und begannen die Stadt mit einer Mauer ein zuschließen, wobei sie die Arbeit an den einzelnen Abschnitten unter sich verteilten. Freilich stellten die übrigen die Arbeit bald ein, die Athener aber wurden auf ihrem Abschnitt oben beim Heratempel schnell damit fertig. In der hier erbauten Schanze ließen sie eine gemeinshcaftliche Besatzung zurück und zogen dann alle wieder ab, jeder in seine Stadt. Damit endete der Sommer.
- 5.76.1
Im Beginne des folgenden Winters ershcienen die Lake dämonier nach dem Karneienfeste gleich wieder im Felde, ließen aber, als sie bis Tegea gekommen, in Argos Friedensvorschläge machen. Schon immer gab es hier eine Anzahl Leute, die zu ihnen hielten und die Demokratie in Argos zu stürzen wünschten, und diesen war es jetzt nach der Schlacht weit eher möglich, die Menge für den Frieden zu stimmen. Erst wollten sie Frieden schließen und darnach ein Bündnis mit den Lake dämoniern zustande bringen, und wenn sie das erreicht, der Volks Herrschaft ein Ende machen. Nun kam Lichas, Arkesilaos' Sohn, der Staatsgastfreund der Argeier, von seiten der Lakedämonier mit zwei Vorschlägen nach Argos, einen für den Fall, daß man den Krieg fortsetzen wolle, den anderen für den Fall, daß man zum Frieden geneigt sei. Nach längeren Verhandlungen, bei denen auch Alkibiades zugegen war, gelang es den Anhängern der Lakedämonier, die bereits ganz offen als solche aufzutreten wagten, die Argeier zur Annahme des Friedenvorschlags zu bewegen. Der aber lautete also:
- 5.77.1
„Die Versammlung der Lakedämonier erklärt sich zum Frieden mit den Argeiern bereit, und zwar unter folgenden Bedingungen: Die Argeier haben den Orchomeniern die Kinder, den Mainaliern die Männer, den Lakedämoniern die in Man tinea befindlichen Männer herauszugeben, von Epidauros ab zuziehen nnd die Schanze dort abzutragen. Wenn die Athener sich weigern, von Epidauros abzuziehen, sind sie von den Argeiern und den Lakedämoniern sowie von den Bundes genossen der Lakedämonier und den Bundesgenossen der Argeier als Feinde zu behandeln. Auch die Lakedämonier haben allen Städten die etwa in ihren Händen befindlichen Kinder heraus zugeben. Wegen des dem Gotte gebührenden Opfers mögen die Argeier nach ihrem Belieben den Epidauriern den Eid zuschieben oder ihn selbst leisten. Die Städte im Peloponnes, große und kleine, sollen alle wie von alters her unabhängig sein. Sollte eine außerpeloponnesische Macht in feindlicher Absicht in den Peloponnes einfallen, so haben sich beide über die zu ergreifenden Abwehrmaßregeln miteinander zu ver ständigen und dabei auch die Wünsche der übrigen Peloponnesier tunlichst zu berücksichtigen. Die Bundesgenossen der Lake dämonier außerhalb des Peloponnes sollen wie die Bundes genossen der Argeier behandelt werden und ihre Besitzungen behalten. Der Vertrag ist den Bundesgesandten vorzulegen, um sich damit, wenn sie dazu bereit, gleich einverstanden zu erklären, sonst aber, wenn ihnen das lieber ist, ihn ihren Re gierungen zuzuschicken."e
- 5.78.1
Nachdem zunächst die Argeier den Vorschlag angenommen hatten, zogen die Lakedämonier mit ihrem Heere nach Hause, und seitdem verkehrten beide wieder friedlich miteinander. Bald nahcher aber brachten eben jene Herren es auch noch fertig, daß die Argeier sich von dem Bündnis mit Mantinea, Athen und Elis lossagten und ein Bündnis mit den Lakedämoniern eingingen. Der Vertrag lautete also:
- 5.79.1
„Die Lakedämonier und die Argeier haben beschlossen, unter folgenden Bedingungen auf fünfzig Jahr Frieden und Bündnis miteinander einzugehen und sich wie von alters her gegenseitig Rechtsgleichheit zuzugestehen. Die übrigen Staaten im Peloponnes sollen in den Frieden und das Bündnis ein geschlossen sein, ihre Selbständigkeit und ihre Verfassung be halten, auch sich untereinander wie von alters her gegenseitig Rechtsgleichheit zugestehen. Die Bundesgenossen der Lake dämonier außerhalb des Peloponnes sind wie die Lakedämonier zu behandeln. Auch die Bundesgenossen der Argeier sind wie die Argeier zu behandeln und sollen ihre Besitzungen behalten. Würde später mal ein gemeinschaftlicher Feldzug nötig werden, so haben die Lakedämonier und die Argeier sich darüber ins Einvernehmen zu setzen und dabei auch die Wünsche der Bundes genossen tunlichst zu berücksichtigen. Sollte einer der Staaten innerhalb oder außerhalb deS Peloponnes wegen seiner Grenzen oder aus anderen Gründen in Streitigkeiten geraten, so sind diese im Wege Rechtens auszutragen. Würde es zwischen zwei Bundesstaaten zu Händeln kommen, so haben sie einen dritten Staat anzugehn, den sie beide für unparteiisch halten. Rechtsstreitigkeiten unter Mitbürgern aber sind nach Landes- recht zu entscheiden."
- 5.80.1
In dieser Weise wurde der Friede und das Bündnis ge schlossen. Über die Herausgabe der gegenseitigen Eroberungen und etwaige sonstige Ansprüche verständigten sie sich. Da sie jetzt völlig einen Strang zogen, beschlossen sie, keinen Herold oder Gesandten der Athener mehr anzunehmen, wenn sie nicht die Schanze räumten und aus dem Peloponnes abzögen, auch künftig nur gemeinschaftlich Krieg zu führen oder Frieden zu schließen. Überhaupt trieben sie es sehr eifrig; so schickten sie beide Gesandte an die vorderthrakischen Städte und an Perdikkas, den sie beredeten, ihrem Bündnis beizutreten. Perdikkas fiel allerdings nicht gleich von den Athenern ab, hatte aber doch nicht übel Lust dazu, da ihm die Argeier das Beispiel gegeben; tsammte er doch auch selbst ursprünglich aus Argos. Mit den Chalkidiern erneuerten sie den alten Bund und bekräftigten ihn durch neue Eide. Die Argeier aber ließen auch die Athener durch eine Gesandtschaft auffordern, die Schanze vor Epidauros zu räumen. Da die Truppen der Athener ja nur einen verhältnismäßig kleinen Teil der Be satzung bildeten, schickten sie Demosthenes hin, um damit ab zuziehen. Der aber ließ nach seiner Ankunft dort zum Schein im Freien einen Ringkampf veranstalten und, als die übrige Besatzung draußen war, das Tor schließen. Später erneuerten dann die Athener selbst ihren Vertrag mit den Epidauriern und übergaben ihnen die Schanze.
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Nach dem Austritt der Argeier aus dem Bunde mußten sich auch die Mantineer, die sich anfangs gesträubt, dazu aber ohne die Argeier auf die Dauer nicht imstande waren, zum Frieden mit den Lakedämoniern bequemen und die Herrschaft über die Städte aufgeben. Nun zogen die Lakedämonier und die Argeier, je tausend Mann stark, gemeinschaftlich ins Feld. Nachdem die Lakedämonier sich zunächst nach Sikyon gewandt und dort eine oligarchische Verfassung eingeführt hatten, machten beide zusammen dann auch in Argos selbst der Demokratie ein Ende, an deren Stelle auch hier ein den Lakedämoniern ge nehmes oligarchisches Regiment trat. Das geschah schon gegen Frühlingsanfang zu Ende deS Winters, und damit endete das vierzehnte Jahr des Krieges.
- 5.82.1
Im nächsten Sommer ging Dion am Athos von den Athenern zu den Chalkidiern über, und die Lakedämonier machten in Achaia den ihnen unbequemen dortigen Zuständen ein Ende. In Argos lehnte sich die Volkspartei, die sich bei kleinem wieder gesammelt und neuen Mut gefaßt hatte, gegen die Obligarchen auf, wozu sie die Gymnopaidien der Lakedämonier abgewartet hatte. Dabei kam es zu Straßenkämpfen, in denen das Volk Sieger blieb und die Gegner teils umbrachte, teils aus der Stadt vertrieb. Die von ihren Freunden zu Hilfe gerufenen Lakedämonier hatten zu lange auf sich warten lassen, dann aber endlich dock ihre Gymnopaidien verschoben und sich auf den Weg gemacht. Als sie jedoch bei Tegea hörten, die Oligarchen seien besiegt, weigerten sie sich trotz der Bitten ihrer zu ihnen geflüchteten Freunde, weiterzuziehen, sondern kehrten wieder um, um zu Hause ihre Gymnopaidien zu feiern. Später fanden sich Abgesandte der Argeier, sowohl aus der Stadt wie von außen, bei ihnen ein, und nach längerem Wort wechsel beider Teile in Gegenwart der Bundesgenossen ent schieden die Lakedämonier, daß die Städter im Unrecht wären, und beschlossen, Truppen nach Argos zu schicken. Damit aber hatte es vorläufig gute Wege. Unterdessen hatte das Volk in Argos, das aus Furcht vor den Lakedämoniern das Bündnis mit Athen hergestellt zu sehen wünschte und sich davon große Vorteile versprach, mit dem Bau langer Mauern bis an die See begonnen, um sich für den Fall einer Einschließung von der Landseite mit Hilfe der Athener die Einfuhr von Lebens mitteln zur See zu sichern. Auch verschiedene Städte im Peloponnes wußten um die Ausführung des BaueS, in Argos aber legte alle Welt, Männer, Weiber und Kinder, dabei Hand mit an. Auch von Athen waren Maurer und Stein metzen dazu herübergekommen. Damit endete der Sommer.
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Im nächsten Winter rückten die Lakedämonier, als sie von dem Bau der Mauern hörten, mit ihren Bundesgenossen, jedoch ohne die Korinther, vor Argos, wo sie immer noch ge wisse Verbindungen hatten. Den Oberbefehl über das Heer führte der lakedämonische König Agis, Archidamos' Sohn. Ihre Hoffnung, daß man ihnen auch aus der Stadt selbst die Hand bieten werde, ging allerdings nicht in Erfüllung; sie bemächtigten sich jedoch der im Bau begriffenen Mauer und brachen sie ab. Auch eroberten sie Hysiai, einen Ort im Argeiischen, und töteten alle Freien, die ihnen in die Hände sielen. Darauf zogen sie wieder ab und gingen auseinander, jeder in seine Heimat. Bald nachher unternahmen auch die Argeier einen Zug ins Phliasische, weil ihre Flüchtlinge in Phlius Aufnahme gefunden und sich großenteils dort nieder gelassen hatten. Nachdem sie das Land verheert, zogen sie wieder ab. Die Athener aber schlossen in diesem Winter die makedonishcen Küsten mit ihren Schiffen ein, weil sie Perdikkas das inzwischen mit den Lakedämoniern und den Argeiern ein gegangene Bündnis verdachten. Auch hatte er sie damals, als sie unter Nikias, Nikeratos' Sohn, den Zug gegen die thrakischen Chalkidier und Amphipolis vorhatten, als Bundes genosse im Stich gelassen und die Unternehmung hauptsäch lich durch seinen Abfall vereitelt. Sie betrachteten ihn also jetzt als ihren Feind. Damit endete der Winter und das fünfzehnte Jahr des Krieges..
- 5.84.1
Im folgenden Sommer fuhr AlkibiadeS mit zwanzig Schiffen nach Argos und ließ dort dreihundert Argeier ver haften, die noch im Verdacht lakedämonischer Gesinnung standen, und die Athener brachten sie in der Nähe auf den von ihnen beherrschten Inseln unter. Auch gegen die Insel Melos unter nahmen die Athener einen Zug mit dreißig eigenen, sechs chiischen und zwei lesbischen Schiffen, zwölfhundert Hopliten, dreihundert Bogenschützen und zwanzig reitenden Schützen aus Athen selbst uud etwa fünfzehnhundert Hopliten ihrer Bundes genossen auf den Inseln. Melos ist eine lakedämonische Kolonie, und die Bewohner wollten sich nicht wie die übrigen Inseln den Athenern unterwerfen. Anfangs versuchten sie, neutral zu bleiben; als dann aber die Athener sie zwingen wollten und ihr Land verheerten, kam es zum offenen Kriege. Mit jener Streitmacht legten sich nun die Feldherren Kleomedes, Lykomedes' Sohn, und Tisias, Tisimachos' Sohn, auf ihre Insel, schickten aber vor Beginn der Feindseligkeiten Gesandte an sie, um zunächst mit ihnen zu unterhandeln. Die Melier aber führten diese nicht vor das Volk, sondern forderten sie auf, sich im engeren Kreise der Regierung und einiger vor nehmer Herren darüber zu äußern, in welcher Absicht sie kämen. Da kam es dann zu folgender Aussprache zwischen den athe nischen Gesandten und den melischen Unterhändlern.
- 5.85.1
Athener: „Vor dem Volke laßt ihr uns ja nicht zu Worte kommen, aus Furcht, eure Leute könnten von uns verführt werden, wenn wir Gelegenheit hätten, ihnen unsere einleuchten den, unwiderleglichen Gründe in einer zusammenhängenden Rede zu entwickeln; merken wir doch recht gut, daß ihr uns nur deshalb in diesen engeren Kreis geführt habt. Davor seid ihr hier in der Sitzung allerdings sicher. Denn hier läuft eS nicht auf eine einmalige Rede hinaus, sondern ihr könnt uns gleich bei jedem einzelnen Punkte, bei dem ihr anderer Meinung seid, ins Wort fallen und uns widerlegen. Zunächst also, seid ihr damit einverstanden?"
- 5.86.1
Melier: „Gegen den zweckmäßigen Vorschlag, die Sache ruhig miteinander zu besprechen, haben wir nichts zu erinnern. Daß ihr uns aber so ohne weiteres gleich mit Krieg über zieht, scheint sich damit denn doch nicht zu vertragen; denn offenbar tretet ihr hier mit dem Anspruch auf, bei diesen Be sprechungen das letzte Wort zu haben, und wenn wir dabei, wie wahrscheinlich, recht behalten und deshalb nicht nachgeben, so wird es für uns auf Krieg, wenn wir uns aber fügen, auf Knechtschaft hinauskommen."
- 5.87.1
Athener: „Wenn ihr euch hier in Vermutungen über die Zukunft ergehen oder, statt die in diesem Augenblick zur Siche rung eures Landes gebotenen Schritte zu erörtern, von anderen Dingen reden wollt, so können wir nur aufhören. Wollt ihr aber bei der Sache bleiben, so wollen wir fortfahren."
- 5.88.1
Melier: „Es ist begreiflich, und ihr dürft es unS nicht verargen, wenn wir in unserer Lage auf mancherlei Reden und Meinungen verfallen. Jedenfalls sind in dieser Zusammen kunft auch die zur Sicherung unseres Landes gebotenen Schritte zu erörtern. Darum laßt unS, wenn es euch recht ist, in der von euch vorgeshclagenen Weise weiterverhandeln."
- 5.89.1
Athener: „Nun denn; wir werden euch keine lange wohl gesetzte, ja doch nur Mißtrauen erweckende Rede darüber halten, daß wir durch unseren Sieg über den Perserkönig das Recht zur Herrschaft erworben haben, oder daß wir euch ins Land gekommen sind, weil ihr uns was zuleide getan. Wir verlangen jedoch, daß ihr nicht glaubt, mit der Ausrede durch zukommen, als lakedämonische Kolonisten hättet ihr uns die Heerfolge versagt und uns nichts zuleide getan, aber auch, daß ihr nichts nach unserer beiderseitigen wahren Meinung Unmögliches begehrt. Bildet euch also nicht ein, wir wüßten nicht, daß es unter den Menschen nur bei gleichen Macht- mitteln nach Recht geht, der Mächtige aber tut, was ihm an steht, und der Schwache sich fügen muß."
- 5.90.1
Melier: „Nach unserer Ansicht - und wir müssen das aussprechen, da ihr von Recht nichts hören wollt und uns auf die Nützlichkeit verweist - hat eS aber doch auch seinen Nutzen, nicht gegen den für alle wertvollen Grundsatz zu ver, stoßen, daß man jedem in Gefahr Befindlichen Billigkeit für Recht ergehen lassen und eS mit seinen Gründen nicht allzu genau nehmen soll. Und das gilt für euch so gut wie für andere; denn solltet ihr auch einmal besiegt werden, so würde man sich eure Härte zum Beispiel nehmen und gegen euch ebenso verfahren."
- 5.91.1
Athener: „Sollte es mit unserer Herrschaft auch zu Ende gehen, so machen wir uns darüber, was weiter aus uns werden wird, keine Sorge. Denn von einer Macht, die selbst über andere herrscht, wie die Lakedämonier, — mit denen wir es übrigens hier nicht zu tun haben, - hat der Besiegte nicht allzuviel zu fürchten; weit gefährlicher ist es, wenn die eigenen Untertanen sich gegen ihre Herren auflehnen und sie besiegen. In dieser Hinsicht laßt uns unsere Haut nur selbst zu Markte tragen. Vernehntt also, daß wir hier sind, um euch unserer Herrschaft zu unterwerfen, und mit euch darüber zu reden gedenken, wie sich das mit dem Wohl eures Landes am besten vereinigen läßt; denn wir wollen euch damit nicht bedrücken, wünschen vielmehr, daß ihr dabei zu unser beider Vorteil gut fahren werdet."
- 5.92.1
Melier: „Wie könnte wohl die Knechtschaft für uns so vorteilhaft sein wie für euch die Herrschaft?"
- 5.93.1
Athener: „Weil es für euch immer noch vorteilhafter sein würde, unsere Untertanen zu werden, als über die Klinge springen zu müssen, für uns aber ein Gewinn, wenn wir euch ' nicht zu vernichten brauchten."
- 5.94.1
Melier: „Darauf also, daß wir neutral blieben, uns nicht feindlich, vielmehr freundlich zu euch stellten, aber keinem der beiden Bündnisse beiträten, würdet ihr nicht eingehen?"
- 5.95.1
Athener: „Nein; denn eure Feindschaft schadet uns weniger als eure Freundschaft, da diese in den Augen unserer Unter tanen ein Zeichen unserer Schwäche sein würde, eure Feind schaft aber ein Beweis unserer Macht."
- 5.96.1
Melier: „Meinen eure Untertanen denn, rechtlich zwischen Leuten, die euch nichts angehen, und solchen, die größtenteils als Kolonisten, teilweise auch nach ihrem Abfall von euch unterworfen sind, keinen Unterschied machen zu müssen?"
- 5.97.1
Athener: „An Rechtsgründen würde es ihrer Meinung nach den einen so wenig wie den anderen fehlen; aber sie glauben, daß jene es nur ihrer Macht verdanken, wenn sie frei bleiben, und daß wir uns fürchten, sie anzugreifen. Eure Unterwerfung würde also nicht nur zur Erweiterung unserer Macht, sondern auch zur Sicherung unserer Herrschaft beitragen, zumal es ein schlechtes Zeichen wäre, wenn wir, die Beherrscher der See, ein verhältnismäßig schwaches Jnselvolk wie euch nicht zwingen könnten."
- 5.98.1
Melier: „Das also, meint ihr, würde euch solche Siche rung nicht gewähren? Wie ihr unS aber zu verstehen gebt, daß es sich unS gegenüber nicht um Recht, sondern nur um euren Vorteil handelt, so wollen auch wir euch nun über unseren Vorteil belehren und versuchen, euch von eurer Meinung zu bekehren. Am Ende könnte unser beider Vorteil denn doch zusammengehen. Treibt ihr denn nicht alle jetzt Neutralen ins feindliche Lager, wenn sie nach solchen Erfahrungen sich sagen müssen, daß es über kurz oder lang auch ihnen an den Kragen gehen wird? Was hättet ihr dann weiter davon, als daß ihr eure jetzigen Feinde nur noch mächtiger macht und solche, die es gar nicht werden wollen, wider Willen dazu drängt?"
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