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Geschichte des Peloponnesischen Kriegs

Perseus Greek · Perseus Greek · 2,508 sections

  1. 5.68.1

    Dieß war Aufstellung und Macht beider Theile; und das Heer der, Lakedämonier zeigte sich als das stärkere; die Zahl aber angeben, entweder wie viele auf jeder Seite, oder wie viele im Ganzen in's Gefecht kamen, könnte ich nicht mit Genauigkeit. Die-Zahl der Lakedämonier nämlich wußte Niemand, weil sie überhaupt-alle Staatssachen geheim halten, und den Angaben über die Zahl der Andern konnte ich hinwieder keinen Glauben schenken, weil die Menschen die Stärke.der eigenen Macht immer prahlerisch zu übertreiben pflegen. Doch kann Einer wohl aus der folgenden Berechnung auf die Zahl der Lakedämonier schließen, die damals bei-einander waren: Ohne -die sechs Hundert Skiriten nahmen an dem Gefecht Theil sieben Schaaren (Lochen), jede.Schaar hatte vier Haufen (Pentekostyen), jeder Haufe vier Rotten (Enomotien). In jeder Rotte aber fochten im ersten Glied vier Mann; die Tiefe der Aufstellung war nicht bei Allen gleich, sondern hing von den Obristen ab; im Durchschnitt jedoch standen sie acht Mann hoch.'" Die Skiriten abgerechnet standen im Ganzen in der Front vier Hundert und acht und vierzig Mann.

  2. 5.69.1

    Als es nun bereits zum Zusammenstoß kommen sollte, wurde jegliche Abtheilung von ihren eigenen Feldherrn auf folgende, Weise ermuntert. Den Mantineern sagten sie, daß sie für das Vaterland kämpften, und es handle sich jetzt darum, ob sie die Herrschaft über Andere behalten oder selbst in die Knechtschaft fallen wollten; jene, die sie bereits genossen, sollten sie sich nicht entreißen lassen,, diese aber nie mehr vershcmecken wollen; — die Argiver wurden er-mahnt, sie dürften nicht dulden, daß sie ihrer alten Herrschaft über den Peloponnes und dann des gleichen Einflusses mit den Lakedämoniern ganz und gar beraubt würden, und sie sollten jetzt auch an feindlich gesinnten und ihre Stadt so nahe bedrohenden Männern für viele Beleidigungen Rache nehmen. Den Athenern sagten sie, wie ruhmvoll es sei, mit zahlreichen und tapferen Bundesgenossen in einer Reihe, zu fechten und hinter Keinem zurückzustehen; wenn.siemitten im Peloponnes die Lakedämonier besiegt hätten, so würden sie ihre Herrschaft stärken und erweitern, und es werde dann künftig! Keiner mehr in ihr Land einfallen. Den Argivern nun und ihren Bundesgenossen wurde Solcherlei zur Ermuthignng gesagt; die Lakedämonier aber ermunterten Einer den Andern selbst, und mit den kriegerischen Gesängen, die sie unter sich lernen, ermähnten sie eingedenk zu sein, daß sie tapfere Männer seien, wohl wissend, daß, wo/ die Entscheidung schon so nahe steht, lange Uebung der That eher Rettung gewähre als Wortermunterung in zierlicher Rede

  3. 5.70.1

    Danach'gingen beide Theile aus einander los, die Argiver rasch und in Aufregung, die Lakedämonier aber langsam und nach den Weisen zahlreicher Flötenbläser , die nicht des göttlichen Dienstes halber vom Gesetze aufgestellt sind, sondern damit Alle gleichmäßig im Takte vorrücken und die Schlachtlinie nicht zerrissen wird, wie es großen Heeren beim Anmarsch zum Kampf gern geschieht.

  4. 5.71.1

    Erst während schon beide Heere auf einander losgingen, entschloß sich der König Agis zu folgender Maßregel. Bei allen Heeren nämlich kommt es vor, daß beim Zusammenstoße die rechten Flügel sich mehr in die Länge dehnen, und so Beide mit ihrem rechten Flügel über den linken der Gegner hinausreichen, weil Jeder aus Furcht seine ungedeckte (rechte) Seite dem Schilde seines Nebenmannes zur Rechten möglichst nahe zu bringen sucht, und weil Alle glauben, daß der gedrängte Anschluß den besten Schutz gewähre. Die erste Veranlassung hiezu gibt der Flügelmann des rechten Flügels, der immer seine Blöße dem Feinde zu entziehen sucht, und die Andern machen es ihm nach, weil Alle dasselbe fürchten. Damals nun überflügelten die Mantineer die Skiriten um Vieles, und noch mehr die Lakedämonier und Tegeaten die Athener, da ja auch ihr Heer zahlreicher war. Da besorgte nun Agis, sein linker Flügel möchte eingeschlossen werden, und in der Meinung, die Mantineer ragten zu weit über, befahl er den Skiriten und den Soldaten des Brasidas, weiter hinaus zu rücken und sich mit der Stellung der Mantineer auszugleichen; und in die so entstandene Lücke befahl er zwei Unterfeldherrn vom rechten Flügel, dem Hipponoldas und dem Aristokles, mit ihren Abtheilungen einzurücken und sie auszufüllen; denn seinen rechten Flügel hielt er auch so noch für überlegen, und die Aufstellung gegenüber den Mantineern werde auf diese Weise sicherer sein.

  5. 5.72.1

    Nun geschah es aber, daß Aristokles und Hipponoi'das, weil der Befehl mitten im Anmärshce und so ganz plötzlich gegeben wurde, sich weigerten, nach der andern Seite zu ziehen, weßhalb sie auch später angeklagt und aus Sparta verbannt wurden, weil man es ihnen als Feigheit auslegte. Da also die beiden Abtheilungen dem Befehle, sich auf die Skiriten hinzuziehen, nicht gehorchten, so fand der Anprall der Feinde eher Statt, als die Skiriten wieder an die Andern anrücken und die ganze Schlachtlinie sich wieder zusammenschließen konnte. Aber wie sehr nun auch nach aller Kriegserfahrung die Lakedämonier im Nachtheil waren, so zeigten sie jetzt doch, daß sie auch durch bloße Tapferkeit zu siegen wußten. Als sie nämlich mit den Gegnern handgemein geworden waren, so schlug der rechte Flügel der Mantineer auf ihrer Seite die Skiriten und die Soldaten des Brasidas, und die Mantineer mit ihren Bundesgenossen und die Kerntruppen der Tausend Argiver drangen in die ungeschlos- sene Lücke, hieben in die Lakedämonier ein, umringten sie und trieben, sie fliehend bis zu den Wagen, wo sie auch einige der dort aufgestellten älteren Soldaten tödteten. Auf dieser Seite also wurden die Lakedämonier geschlagen; bei den übrigen Heerestheilen aber und besonders in der Mitte der Stellung, wo der König Agis und um ihn die sogenannten drei Hundert Ritter tsanden, griffen sie die älteren Argivischen Truppen und die sogenannten fünf Schaaren und die Kleonäer und Orneaten an, und was von den Athenern bei jenen stand, und trieben sie in die Flucht, so daß die Meisten nicht einmal Stand hielten, bis es zum Handgemenge kam, sondern wie nur die Lakedämonier anrückten, sogleich Fersengeld gaben und Einige sogar niedergetreten wurden, weil sie sich dem Anprall der Feinde nicht rechtzeitig entziehen konnten.

  6. 5.73.1

    Als nun hier das Heer der Argiver und Bundesgenossen gewichen war, war eS damit auch nach beiden Seiten von der Schlacht- ordnung losgerissen, und gleichzeitig umringte der rechte Flügel der Lakedämonier und Tegeaten mit ihrem überragenden Theile die Athener, so daß diese von'beiden Seiten Gefahr bedrohte, denn hier waren sie umringt, dort schon geschlagen; und sie hätten wohl von dem ganzen Heere am meisten gelitten, hätte sich nicht ihre anwesende Reiterei nützlich erwiesen. Und dazu kam noch, daß Agis, als er seinen linken Flügel gegenüber den Mantineern und den Tausend Argivern hart' bedrängt sah, dem ganzen Heere den Befehl gab, sich auf den geschlagenen Theil hinzuziehen. Als dieß nun geschah und das Heer sich entfernte und seitwärts von den Athenern abbog, so fanden diese und der bei ihnen stehende geschlagene Theil der Argiver Zeit sich zu retten. Die Mantineer aber mit ihren Bundesgenossen und die Kerntruppen der Argiver dachten weiter nicht mehr daran, dem Feind Stand zu halten, sondern als sie ihre eigenen Leute besiegt und die Lakedämonier anrücken sahen, wendeten sie sich zur Flucht. Von den Mantineern fiel die größere Zahl, von den Tausend Argivern aber retteten sich die Meisten. Flucht und Rückzug waren jedoch nicht bedrängt, noch erstreckten sie sich weit. Denn die Lakedämonier pflegen die Schlacht selbst, bevor es (ihrerseits) zum Fliehen kommt, durch Standhalten langdauernd und hartnäckig zu machen; haben sie aber, erst den Feind geschlagen, so machen sie die Verfolgung nur kurz und nicht auf lange Strecken.

  7. 5.74.1

    So, oder doch nahezu wie hier erzählt ist, verlief die Schlacht, und sie war die bedeutendste, welche seit langer Zeit zwischen Hellenen vorfiel, und zwar zwischen den mächtigsten Staaten. Die Lakedämonier aber häuften die Waffen der feindlichen Todten zusammen, errichteten sogleich ein Siegeszeichen und zogen die Leichname aus. Die ihrigen hoben sie auf und brachten sie nach Tegea, wo sie auch begraben wurden; die der Feinde lieferten sie unter einem Waffenstillstand aus.. Gefallen waren von den Argivern, Orneaten und Kleonäern sieben Hundert, von den Mantineern zwei Hundert und von den Athenern und Aegineten zwei Hundert, worunter auch die beiden Anführer. Die Bundesgenossen der Lakedämonier waren nicht so in's Gedränge gekommen, daß sie einen nennenSwerthen Abgang erlitten hätten, und in Betreff ihrer selbst war eS schwer die Wahrheit zu erfahren, doch wurde behauptet, daß ihrer gegen drei Hundert gefallen seien.,

  8. 5.75.1

    Als die Schlacht noch bevorstand, zog auch Pleistoanax, der andere König, mit der älteren und jüngeren Mannschaft zu Hülfe, und er war bereits bis nach Tegea gekommen, als er den Sieg erfuhr und wieder zurückmarfchirte. Auch den Bundesgenossen von Korinth und von jenseits der Landenge ließen die Lakedämonier absagen, und auch sie selbst, nachdem sie die Verbündeten entlassen hatten, zogen nach Hause um das Fest der Karneen zu feiern, welches gerade eingetreten war...Den Vorwurf, den ihnen die Hellenen machten, daß sie seit dem Unglück auf der Insel feig, in allen Dingen rathlos und schwerfällig geworden seien, hatten sie so mit einem Male von sich gewälzt, und man hielt jetzt dafür, daß sie damals eben nur einen Unglückstag gehabt hätten, der wirklichen Gesinnung nach aber immer noch dieselben seien.

  9. 5.75.2

    ES ereignete sich auch, daß am Tage vor dieser Schlacht die Evidaurier mit gesammter Macht in das von Vertheidigern entblößte Gebiet von Argos einfielen und viele Leute von den Besatzungen niedermachten, welche.die ausrückenden Argiver zurückgelassen hatten. Als danach von,den Eleern drei Tausend Schwerbewaffnete nach, der Schlacht den Mantineern zu Hülfe kamen, und auch von den Athenern zu den früheren noch andere Tausend, so'zogen alle diese Bundesgenossen sogleich gegen Epidauros zu.Felde, so lange noch die Lakedämonier die Karneen ..feierten, und fingen an die Stadt mit Verschanzungen einzuschließen, indem sie die Arbeit unter sich vertheilten. Die Andern nun .wurden der Arbeit bald müde, die Athener aber vollendeten rasch, wie, ihre Aufgabe gewesen war, die Befestigung der Anhöhe, welche das, Heraheiligthum bildet. Und in dessen Verschanzung ließen Alle eine gemeinsame Besatzung zurück und zogen dann wieder ab, Jeder in seine Heimat. Damit ging der Sommer zu Ende.

  10. 5.76.1

    Im folgenden Winter, gleich zu dessen Anfang, unternahmen die Lakedämonier einen Heereszug, und als sie nach Tegea gekommen waren, ließen sie Friedensvorschläge an die Argiver abgehen. Schon früher nämlich zählten sie befreundete Männer in Argos, welche damit umgingen, die demokratische Verfassung zu stürzen, und seit die Schlacht vorgefallen, konnten sie das Volk um so leichter zu einem Vergleiche-bereden. - Ihr Plan war, zuerst einen Waffenstillstand mit den Lakedämoniern abzuschließen und danach ein Waffenbündniß/und dann wäre es an der Zeit, der Volkspartei zu Leibe zu' gehen. Es kam nun nach Argos der Staatsgastfreund der Argiver, Lichas/ des Arkesilaos Sohn, mit zweierlei Vorschlägen von Seiten der Lakedämonier, einem für den Fall, daß sie weiter noch Krieg führen, und dem andern, wenn sie Frieden wollten. Und obgleich nun Viel dagegen geredet wurde, — es war nämlich auch Alkibiades anwesend—, so wagten die Männer, welche im Sinne der Lakedämonier wirkten, sich doch schon offen heraus und überredeten die Argiver, den Friedensvorschlag anzunehmen. ^ Es lautete derselbe aber also:

  11. 5.77.1

    - „Unter diesen Bedingungen beschließt die Volksversamm-' lung der Lakedämonier Frieden'zu machen mit.denIrgivern."

  12. 5.77.2

    „Sie sollen den Orchomeniern ihre Kinder und den Mäna-' liern die Männer zurückgeben, und auch den Lakedämoniern die Männer, die in Mantinea sind. Und von Epidauros sollen sie abziehen und die Verschanzung niederreißen."

  13. 5.77.3

    „Wenn aber die Athener von Epidauros nicht weichen wollen, so sollen sie der Argiver.und der Lakedämonier und der Lakedämonischen Bundesgenossen-und der-Argivischen Bundesgenossen Feinde sein."

  14. 5.77.4

    „Wenn die Lakedämonier einen Mann in Händen-haben, so sollen sie ihn herausgeben, einer Stadt wie der andern."

  15. 5.77.5

    „In Betreff des Opfers für den Gott wollen'sie den Epidauriern die Eidesleistung zuschieben, aber es auch gestatten, wenn die Argiver den Eid schwören wollen." - ^ ^ '

  16. 5.77.6

    „Die Städte im Peloponnes, kleine wie große, sollen alle frei sein, nach Weise der Väter." ... , -

  17. 5.77.7

    „Wenn Einer von außerhalb des Peloponnes gegen Peloponnefisches Gebiet zieht in feindlicher Absicht, so sollen sie zu gemeinsamer Abwehr sich berathen, wie es den Peloponnesiern am besten scheint."

  18. 5.77.8

    „So Viele außerhalb des Peloponnes der Lakedämonier Bundesgenossen sind, sollen ebenso gehalten werden wie die, welche den Lakedämoniern und Argivern verbündet sind, und sollen an denselben Dingen Theil haben."

  19. 5.77.9

    „Dieß wird man den Bundesgenossen mittheilen, damit sie beitreten können, wenn es ihnen gut dünkt. Wenn aber die Bundesgenossen anderer Meinung sind, so soll man sie gehen lassen."

  20. 5.78.1

    Diesen Vorschlag nahmen die Argiver zuerst an, und das Heer der Lakedämonier zog.von Tegea nach Hause zurück. Als nun so der freundliche Verkehr zwischen beiden Theilen wieder hergestellt war, so setzten nicht lange danach wieder eben dieselben Männer durch, daß die Argiver die Bundesgenossenschaft der Mantineer und Athener und Eleer fahren ließen und einen Vertrag und Waffenbund mit den Lakedämoniern abschlössen. Dieser lautete also:

  21. 5.79.1

    „Unter diesen Bedingungen haben die Lakedämonier und Argiver beschlossen, daß Friede und Waffenbündniß sei zwischen ihnen aus fünfzig Jahre, mit völliger Gleichheit, indem sie Recht sprechen lassen zwischen sich nach Weise der Väter "

  22. 5.79.2

    „Die andern Staaten im Peloponnes sollen Theil haben an dem Frieden und der Bundesgenossenschaft und ihre eigenen Gesetze und freie Verfassung behalten und im Besitz des Ihrigen verbleiben, indem sie nach väterlicher Weise Recht sprechen lassen mit völliger Gleichheit für Alle.?

  23. 5.79.3

    „So Viele außerhalb des Peloponnes der Lakedämonier Bundesgenossen sind, sollen gleich gehalten sein wie die Lakedämonier selbst; und so sollen auch der Argiver Bundesgenossen gleich gehalten sein den Argivern, behaltend, was ihnen gehört."

  24. 5.79.4

    „Wird einmal ein gemeinsamer Feldzug nöthig, so sollen Lakedämonier und Argiver darüber Beschlüsse fassen, in der Weise, daß sie allen Bundesgenossen nach Möglichkeit gerecht werden."

  25. 5.79.5

    ..„Entsteht Streit zwischen den Städten, sei es innert oder außerhalb.des Peloponnes, sei es wegen der Gränzen oder aus einer andern Ursache, so soll im Wege Rechtens entschieden werden. Wenn aber von den Städten der Bundesgenossen eine mit der andern Streit hat, so sollen^ sie sich an eine Stadt wenden, welche ihnen beiden Theilen gegenüber unparteiisch zu sein scheint. Zwischen den Bürgern unter einander soll Recht gesprochen werden nach der Väter Weise.?!.

  26. 5.80.1

    So lautete der Vertrag und der geschlossene Waffenbund. Was nun beide Theile im Kriege, einander abgenommen oder sonst im Besitz hatten, darüber verglichen sie sich. Und da sie nun alle ihre Angelegenheiten im gemeinsamen Wege abmachten, so beschlossen, sie, von den Athenern weder einen Herold noch Gesandtschaften anzunehmen, wenn diese nicht aus dem Peloponnes abzögen und die Festungen räumten; und auch weder Frieden, schließen noch Krieg führen mit irgend Einem wollten He anders als gemeinsam..Und auch allem Uebrigen unterzogen sie sich mit Eifer, und schickten auch Beide Gesandtschaften nach den Thrakischen Gränzlanden und zum Perdikkas und beredeten diesen, zu ihrem Bunde zu schwören. Er fiel jedoch nicht sogleich von den Athenern ab, obwohl er den Entschluß schon damals faßte, als er die Argiver es thun sah; er stammte nämlich von Alters her auch' aus Argos ab. Auch mit den Chalkidiern bekräftigten sie die alten Eide'bs^und schwuren ihnen neue dazu. Zu den Athenern aber schickten die Argiver Gesandte und verlangten, sie sollten aus der Festung von Epidauros abziehen. >Da diese nun sahen, daß sie gegenüber der zahlreicheren Mitbesatzung im Nachtheil seien, so schickten sie den Demosthenes dahin >. um ihre Leute abzuführen. Der nun veranstaltete zum Schein bei seiner Ankunft ein Ringwettspiel außerhalb der Mauern,'und als die übrigen Besatzungstruppen deßhalb in's Freie strömten, so ließ er hinter ihnen'die Thore schließen, und später übergaben sie selbst die Festung an die Epidauriet, nachdem sie mit ihnen den Vertrag erneuert hatten. ' '

  27. 5.81.1

    Nach dem Abfall der Argiver von der Bundesgenossenschaft sperrten sich zwar die Mantineer anfangs: da sie sich aber ohne die Argiver nicht halten konnten / so vertrugen auch sie sich mit den Lakedämoniern und gaben die Oberherrschast über ihre Städte auf. Dann unternahmen Lakedämonier und Argiver, Tausend Mann von jedem Theil, zusammen einen Feldzug und änderten in Sikyon, wohin die Lakedämonier selbst kamen, die Verhältnisse mehr im Sinne einer oligarchischen Verfassung;-und danach hoben beide zusammen in Argos die Volksregierung auf, und es trat an deren Stelle eine Oligarchie, wie sie den Lakedämoniern entsprechend war. Dieß ereig- nete sich am Ende des Winters und gegen Frühlings-Anfang, und damit ging das vierzehnte Jahr des Krieges zu Ende.

  28. 5.82.1

    Im folgenden Sommer gingen die Dur am Athos von den Athenern zu den Chalkidiern über; und die Lakcdämonier änderten in Achai'a die Verhältnisse, welche ihnen früher nicht nach Wunsche gewesen waren. Die Volkspartei der Argiver, die allmälig sich wieder zu regen begonnen und Muth geschöpft hatte, machte einen Angriff auf die Oligarchen, wozu sie die Zeit abgewartet Hatte, wo die Lakedämonier die Gymnopädien feierten. Es kam darüber in der Stadt selbst'zu einem Gefecht, worin die Volkspartei siegte und ihre Gegner theils tödtete, theils auStrieb. Die Lakedämonier nun, während ihre Freunde um Hülfe sendeten, kamen zwar längere Zeit nicht, doch schoben sie endlich das Fest auf und rückten aus. Als sie aber in Tegea erfuhren, daß die Oligarchen unterlegen seien, wollten sie trotz der Bitten der Flüchtlinge nicht weiter vorrücken, sondern zogen wieder nach Hause ab und feierten die Gymnopädien. Danach, als sowohl aus der Stadt selbst wie auch von den ausgetriebenen Argivern Gesandte kamen, so gaben sie zwar, nachdem in Gegenwart der Bundesgenossen von beiden Seiten Viel hin- und hergeredet worden war, die Entscheidung, daß die in der Stadt im Anrecht seien, und es wurde auch der Feldzug gegen Argos beschlos-' sen; allein es traten Hemmnisse und Verzögerungen ein. Das Volk der Argiver unterdessen, welches aus Furcht vor den Lakedämoniern .sich wieder die Bundesgenossenschaft der Athener sicherte, von der es die größten Vortheile erwartete, baute lange Mauern bis zum Meere hin, damit, im Fall ihnen das Land abgesperrt würde, die Zufuhr der Lebensmittel zur See mit Hülse der Athener Erleichterung gewähre. Dieser Mauerbau geschah mit Gutheißen einiger andern peloponnesischen Städte, und die Argiver selbst arbeiteten daran mit ihrer ganzen Bevölkerung, Männern, Weibern und Sklaven, und auch aus Athen waren.ihnen Zimmerleute und Steinmetzen zugeschickt worden. So ging dieser Sommer zu Ende.

  29. 5.83.1

    Im folgenden Winter zogen die Lakedämonier, als sie von dem Mauerbau gehört hatten, selbst und mit ihren Bundesgenossen, ausgenommen die Korinther, gegen Argos zu Felde. Auch in Argos .selbst wirkte eine kleine Partei für sie. Agis, des Archidamos Sohn, König der Lakedämonier, führte das Heer. Was man nun von der Mitwirkung jener in der Stadt erwartete, führte noch zu keinem Erfolge; die neugebauten Mauern jedoch nahmen die Lakedämonier und rissen sie nieder, und dergleichen nahmen sie auch Hysiä/ einen Platz im Argivischen, wobei sie alle Freigebornen tödteten, die in ihre Gewalt sielen, und dann sich wieder in ihre Städte zerstreuten. Danach machten auch die Argiver ihrerseits einen Zug in das Gebiet von Phlius und zogen wieder ab, nachdem sie es verwüstet, weil dort ihre Flüchtlinge Aufnahme gefunden hätten; die Mehrzahl derselben wohnte nämlich daselbst.

  30. 5.83.2

    In demselben Winter hielten die Athener auch Makedonien blokirt. Grund war, daß Perdikkas zum Bündniß der Argiver und Lakedämonier geshcworen hatte. Auch hatte er, als die Athener einen Zug gegen die Ehalkidier in den Thrakischen Gränzlanden und gegen Amphipolis ausgerüstet, welchen Nikias, des Nikeratos Sohu, anführen sollte, nicht als Verbündeter gehandelt, wodurch er die Hauptursache wurde, daß dieß Heer ganz unverrichteter Dinge wieder auseinander ging. Er galt also als Feind. So ging dieser Winter zu Ende und damit das fünfzehnte Jahr dieses Krieges.

  31. 5.84.1

    In dem folgenden Sommer segelte Alkibiades mit zwanzig Schissen nach Argos, hob unter den Argivern diejenigen auf, welche noch verdächtig waren und es mit den Lakedämoniern zu halten schienen, — drei Hundert Männer an der Zahl, — und die Athener gaben dieselben auf die Inseln in der Nähe in Verwahrung, die unter ihrer Hoheit tsanden.

  32. 5.84.2

    Danach gingen die Athener unter Segel gegen die Insel MeloS. Ihre Flotte, bestehend aus dreißig eigenen Schissen, fechsen der Chier und zweien der Lesbier, führte aus ihnen selbst zwölf Hundert Schwerbewaffnete, drei Hundert Bogenschützen und zwanzig berittene Pfeilschützen, und von den Bundesgenossen und Inselstaaten ungefähr fünfzehn Hundert Schwerbewaffnete. Die Melier aber sind ein Pflanzvolk der Lakedämonier und wollten sich nicht wie die andern Inselbewohner den Athenern unterwerfen, sondern verhielten sich zuerst ganz ruhig, ohne eine der beiden Parteien zu ergreifen, dann aber, als die Athener sie zum Beitritt zwingen wollten, indem sie ihr Land verwüsteten, führten sie gegen diese offenen Krieg. Mit jener Macht also legten sich die Athener in ihr Gebiet; die Anführer Kleomedes, des Lykomedes Sohn, und Tisias, Sohn des Tifimachos, wollten jedoch, bevor sie das Gebiet schädigten, zuerst eS mit Unterhandlungen versuchen und schickten deßhalb Bevollmächtigte. Die Melier aber ließen dieselben nicht vor der Volksversammlung austreten, sondern befahlen ihnen,' vor den Oberbehörden und den oligarchischen Machthabern auszurichten, wozu sie gekommen seien. Die Athenischen Gesandten nun sprachen, wie folgt: "

  33. 5.85.1

    „Obgleich wir schon nicht vor dem ganzen Volke reden dürfen, — natürlich damit die Menge nicht in einer zusammenhängenden Auseinandersetzung VerlockendeS und Unwiderlegliches auf einmal zu hören bekomme und dadurch von unS hinter's Licht geführt werde, — denn wir sehen recht gut, daß unsere Vorladung vor die Minderzahl der Reichen und Mächtigen eben daraus hinausläuft —, so habt ihr, die ihr dahier versammelt seid, euch noch weiter sicher gestellt. Denn auch ihr wollt nicht in zusammenhängender Rede, sondern aus jeden einzelnen Punkt, wenn er euch unrichtig gefaßt scheint, sogleich einfallend eure Entscheidung abgeben.So sagt denn zuerst; ob ihr an dem, was wir da sagen, etwas auszusetzen > habt."

  34. 5.85.2

    - Darauf gab die Versammlung der melischen Bevollmächtigten zur Antwort:

  35. 5.86.1

    „Daß ihr durch eure Nachgiebigkeit es möglich gemacht habt, uns gegenseitig in Ruhe zu belehren,' kann nicht getadelt werden. Im Widerspruch damit aber stehen die kriegerischen.Anstalten, die-ihr bereits, schon getroffen habt und nicht erst von der Zukunft abhängig machen wollt. Wir sehen, daß ihr.gekommen- seid, um über das, was wir vorbringen werden,-selbst als Richter zu entscheiden; und das, Ende davon wird sein, daß ihr uns den Krieg bringt, wenn uvir — wie natürlich in Vertretung unseres Rechtes hie obsiegen und eben, deßhalb auch nicht nachgeben' wollen,— lassen, wir, euch aber das Recht.-iso,bringt ihr.uns.Knehctschaft." v . '

  36. 5.87.1

    Athener: -j,Wenn:ihr,denn also hier zusammengekommen seid, um argwöhnischen Vermuthungen'über das, was kommen kann, nachzuhängen, oder wenn euch irgend ein anderer Zweck hieher geführt hat als der: nach Maßgabe der wirklichen Verhältnisse, wie ihr sie vor-Augen seht, übet die Erhaltung eures Staates zu berathen, so können wir.gleich aufhören.^. Wollt ihr aber Nichts als dieses, .so können wir weiter reden.". i s

  37. 5.88.1

    Melier: „Wenn man unter Umständen, wie die unsrigen jetzt sind, sich in Worten und Gedanken vielfach zu wenden und. zu drehen sucht, so ist das wohl natürlich und verzeihlich. Diese Zusammenkunst, ist aber.in der That auch unserer Rettung wegen geschehen, und die Unterredung möge, wenn es euch beliebt, auf die Art vor sich gehen? wie ihr vorschlagt." ' - - .s

  38. 5.89.1

    Athener: „Gut! Und so wollen?denn auch wir nicht mit schönen,Worten eine lange.Rede halten,.die euch doch nicht überzeugen würde, wie z. B., daß wir die Herrschaft mit Recht besitzen, weil'wirken,Meder unschädlich gemacht haben, oder daß wir erlittenes,Unrechts wegen.euch zu Leibe gehen; dafür erwarten wir aber, daß auch ihr euch nicht der Täuschung ,hingebet,- uns mit solchen Dingen überreden zu können,- wie wennuhr vorbringt,.daß ihr ja Mit den Lakedämoniern nicht zu Felde gezogen seiet, obgleich ihr von ihnen abstammt, oder daß ihr uns ja Nichts zu Leide, gethan hättet. Sucht vielmehr nur das durchzusetzen, was nach Maßgabe von unser beider wirklichen Gesinnungen möglich ist. Ihr so gut wie wir wisset, daß nach menschlicher Denkart die Gerechtigkeit nur da in Betracht gezogen wird, wo auf beiden Seiten die Zwangsmittel sich die Wage halten; der Mächtige aber setzt durch, was durchzusetzen möglich ist, und der Schwache fügt sich."

  39. 5.90.1

    Melier: „Wir unserseits halten für nützlich — denn ihr zwingt uns ja den Nutzen hervorzuheben, da ihr ihn mit Beseitigung der Gerechtigkeit zu eurem Grundsatz macht — wenn ihr das nicht aushebt, was für Alle gemeinsamer Nutzen ist. " Es versteht sich ja doch von selbst, daß wer immer in Gefahr ist, den Ändern überreden darf, ihm auch wohl über das strenge Recht hinaus eine Begünstigung zu Theil werden zu lassen.. Und von euch erwarten wir .das um so mehr, als ihr ja, im Fall ihr überwunden werdet, für die Andern als ein Beispiel der furchtbarsten Bestrafung dienen würdet."

  40. 5.91.1

    Athener: „Wenn auch unserer Oberherrschaft einmal ein Ende gemacht werden sollte, so fürchten wir die Folgen nicht. Denn solche,, die selbst über Andere herrshcen, — und zu denen gehören ja auch die Lakedämonier —, sind den Besiegten nicht furchtbar — und wir kämpfen ja hier nicht einmal gegen die Lakedämonier; — wohl aber sind Unterthanen zu fürchten, wenn sie ihre Herrshcer angreifen und besiegen. Aber was das betrifft, so laßt uns diese Gefahr nur selbst bestehen. Wir wollen euch jetzt nur zeigen, daß wir zur Festigung unserer Herrschaft hier sind und daß wir, um euren Staat zu retten, mit euch unterhandeln. Wir wollen über euch herrshcen, ohne daß ihr uns die Sache schwer macht, und wünschen, daß ihr zu unser beider Nutzen erhalten bleibt."

  41. 5.92.1

    Melier: „Wie könnte aber unS die Knechtschaft eben so nützlich sein, als euch die Herrschaft?"

  42. 5.93.1

    Athener: „Weil euch die Unterwerfung daS furchtbarste Schicksal ersparen würde, und auch wir Gewinn davon hätten, wenn wir euch nicht zu Grunde richten müssen."

  43. 5.94.1

    Ost. Melier: „Ihr würdet also nicht zufrieden sein, wenn wir euch aus Feinden Freunde würden und uns ruhig verhielten, ohne uns an einen der kriegführenden Theile mit den Waffen anzu- schließen?"

  44. 5.95.1

    Athener: „Nein; denn eure Feindschaft kann uns nicht so viel schaden als diese Freundschaft, die nur unsern Unterthanen unsere Schwäche offenbaren würde, während euer Haß ein Beweis unserer Macht wäre."

  45. 5.96.1

    Melier: „Haben also eure Unterthanen einen solchen Begriff von Recht, daß sie die, welche euch gar Nichts angehen, mit denen zusammenwerfen, welche meist eure Pflanzvölker find und, nachdem sie zum Theil abgefallen, wieder unterworfen wurden?"

  46. 5.97.1

    Athener: „Sie. glauben wohl, daß Keiner von Beiden weniger Rechtsgründe habe als der Andere; wenn aber Einer sein? Unabhängigkeit wahrt, so denken sie,, daß er es nur seiner-Macht zu danken hat-und daß wir ihm nur aus Furcht nicht zu Leibe gehen. Wenn ihr euch also uns unterwerft, so, vermehrt ihr einmal die Zahl unserer Unterthanen, und gewährt uns auch größere Sicherheit, zu-: mal wir eine Seemacht sind, und ihr Inselbewohner und schwächer als Andere seid — es mußte denn sein, daß ihr den-Sieg davon-trüget!"

  47. 5.98.1

    Melier: „Werdet ihr nun in dem Folgenden keine Siche-Z rung: eures Vortheils sehen? — denn da ihr uns die Berufung auf Rechlsgründe ganz abgeschnitten habt und uns anweist, nur eurem! Vortheil'zu dienen; so..müssen.wir euch jetzt wohl dadurch zu überreden suchen,- daß wir euch zeigen, worin unser Vortheil liegt, sofern' derselbe.nämlich mit dem eurigen zusammenfällt. Wie sollte es >wohl möglich.sein, -daß'ihr diejenigen, welche, es bis jetzt mit keiner von beiden Parteien halten, nicht, in. eure-Feinde, verwandelt, wenn sie durch die Erfahrung unseres.Shcicksals zu der.Ueberzeugung kommen müssen, daß es eurerseits auch einmal an sie gehen wird? Was, thut ihr'also anders, als daß ihr eure schon vorhandenen Feinde vermehrt? und diejenigen, die nicht einmal daran denken eS>zu werden,, selbsti wider Willen dazu zwingt?"

  48. 5.99.1

    Athener: „Wir halten eben nicht diejenigen für die. Gefährlicheren, die irgendwo auf-dem Festland wohnen und in ihrer-- Freiheit höchst, saumselige Vorkehrungen 5 zu,ihrer Sicherung gegen' uns treffen, sondern vielmehr die Inselbewohner, und zwar die unab-! hängigen, wie ihr es seid, so gut wie diejenigen, welche schon durch den Druck der Herrschast erbittert sind. Denn solche möchten wohl am ehesten, auf eine falsche Schätzung ihrer Kräfte vertrauend, sich selbst und uns.in unzweideutige Gefahr tsürzen."­

  49. 5.100.1

    Melier:: „Nun wohl dennwenn ihr selbst um eure Herrschaft nicht zu verlieren so Großes wagt, und die von euch schon. Unterworfenen, um sich-von derselben zn befreien, so wäre, es ja doch von uns, die wir noch frei sind,.g^oße Niederträchtigkeit und Feigheit,- wenn'wir^nicht lieber Alles wagen wollten, nur um nicht Knechte zu werden."

  50. 5.101.1

    Athener: „Keineswegs, wenn.ihr eure Lage nur vernünftig anseht; denn, es handelt sich hier, nicht um einen, Kampf, durch. welchen ihr euch dem gleich tsarken Gegner gegenüber als tapfere Männer zeigen müßtet, um nicht Schande einzuärnten, sondern.ihr' habt.euch zu berathen, ob ihr euch dadurch retten wollt, daß ihr dem weit Ueberlegenen keinen Widerstand leistet."

  51. 5.102.1

    Melier: „Wir.wissender auch, daß das Kriegsglück die Loose manchmal gleichmäßiger vertheilt, als nach der vershciedenen Stärke beider Theile zu erwarten wäre. Und uns, wenn wir euch jetzt sogleich nachgeben^ ist jede Hoffnung abgeschnitten;, handeln wir aber, so bleibt uns immer-noch die Hoffnung, uns aufrecht zu halten."

  52. 5.103.1

    Athener: Freilich ist die Hoffnung Trost in der Gefahr.und diejenigen,'welche bei eigenen reichen Mitteln sich ihr hingeben, vernichtet sie nicht ganz, wenn sie ihneniauch Schaden bringt; aber doch ist sie:ihrer.Natur.nah cVerlust,-und.wer.sein.'Allts auf ihre Karte seht, der lernt sie erst kennen)-wenn.er,-enttäushctets,und. sie ihm.Nichts mehrlübrig gelassen-hat, in,dessen Besitzen künftig vor ihr/ der Erkannten, auf der Hut sein könnte. - Zhr nun seid- schwach und Alles steht für euch auf Einem Wurf;, wollet euch also njcht'jenes Schicksal zuziehen, und macht es.nicht wie-die große Menge, denen es anfangs möglich wäre, sich durch menschlihce Mittel noch zu retten; wenn!aber in der Bedrängniß die sichtbaren Hoffnungen .sie.vetlassen,. so. wenden sie. sich den unsichtbaren.zu;.der Wahr- sagerei und'den Orakeln, und. was dergleichen mehr unter fortdauernder Hoffnung den Menschen zu Grunde-richtet. "

  53. 5.104.1

    Melier: „Auch wir, wisset das wohl, halten es für schwierig gegen eure Macht und das Glück anzukämpfen,' wenn cS< seine Gunst nicht gleich vertheilen wird; gleichwohl vertrauen wir, das Glück, das von den Göttern kommt/werde nnS nicht unterliegen lassen, weil wir Nichtgerecbten gegenüber für das Heilige einstchen; was uns aber an Macht abgeht, glauben wir, werde uns durch die Bundeshülfe der Lakedämonier ersetzt werden, die, wenn auS keinem andern Grund, doch:schon der Verwandtschaft wegen und um Schande zu vermeiden,'uns zu Hülfe kommen müssen..- .Unser Vertrauen ist nicht so ganz und gar blind."

  54. 5.105.1

    Athener: „Was das Wohlwollen der Götter betrifft, so glauben auch wir, daß wir nicht-im Nachtheil-sein werden; denn wir verlangen und thun Nichts, was. außer der menschlichen Art liegt, weder in Bezug auf den Glauben an die Götter, noch auch in dem, was die Menschen für sich selbst wünschen. Wir glauben, daß die Gottheit nach menschlichem Dafürhalten regiere, wir wissen aber, daß die Menschen sichtlich aus. einem Zwange der Natur das beherrschen, worüber sie Macht gewinnen-können; dieß Gesetz haben wir weder.'selber gegeben, noch' auch-sind wir die Ersten,.die sich nach seinem Bestehen richten;-wir haben es bestehend vorgefunden und werden eS auch für .alle'Zeiten bestehend zurücklassen, und so handeln wir danach .und. wissen recht gut, daß auch ihr und jeder Andere, der gleiche Macht mit uns-erringt, ebenso.handeln würde. Was also die Götter betrifft, so sind wir ganz im Recht, wenn wir ihre Ungunst nicht besorgen; was aber nun.eure.Erwartung von den Lakedämoniern angeht, wonach, ihr vertraut, daß sie euch um ihre Ehre.zu wahren zu Hülfe kommen werden, so.wünschen wir euch zwar.Glück zu.einem solchen Vertrauen-auf.die Menschen, können aber doch euren Unverstand nicht beneiden. Die Lakedämonier handeln zwar unter sich und in Bezug aus ihre eigenen Einrichtungen meist nach den Gesetzen der Rechtlichkeit; was aber ihr Benehmen gegen Andere betrifft, da hätte. Einer viel zu reden, und will er sich kurz fassen, so kann er sie am besten schildern, wenn er sagt, daß sie nach unserem Wissen unter Allen diejenigen sind, welche am offensten das für ehrenvoll erklären, was ihnen angenehm ist, und das für gerecht, was ihnen Nutzen bringt. Und von einer solchen Gesinnung laßt sich jetzt wohl für eure.so unwahrshceinliche Rettung Nichts erwarten."

  55. 5.106.1

    Melier: „Wir aber finden grade hierin den stärksten Grund des Vertrauens, daß sie nämlich eben ihres Vortheils willen ihr eigenes Pflanzvolk, die Melier, nicht werden verrathen wollen, um ihren Freunden unter den Hellenen Mißtrauen gegen sich einzuflößen, ihren Feinden aber zu nützen."

  56. 5.107.1

    Athener: „Ihr glaubt also nicht, daß der Vortheil nur bei der Sicherheit ist, daß aber den Forderungen der Gerechtigkeit und der Ehre nur unter Gefahren Genüge geleistet werden kann? Dergleichen pflegen die Lakedämonier am wenigsten zu wagen."

  57. 5.108.1

    Melier: „Wir aber.glauben, daß sie sich auch diesen Gefahren .um unsertwillen lieber unterziehen, und daß sie von uns um so mehr erwarten als von Andern, als wir zu thätigem Beistand nahe beim Peloponnes liegen und der Blutsverwandtschaft wegen für sie auch der Gesinnung nach zuverlässiger als Andere sind."

  58. 5.109.1

    Athener: „Was aber denen, die im Kampfe den Andern beistehen sollen, Vertrauen einflößt, ist nicht die wohlwollende Gesinnung der Hülfesuchenden, sondern thatsächliche große Ueberlegenheit an Macht; und darauf sehen die Lakedämonier noch mehr als Andere. Im Mißtrauen auf ihre eigene Macht bedienen sie sich sogar auch der Hülfe zahlreicher Bundesgenossen, wenn sie Andere angreifen, und es ist also nicht wahrscheinlich, daß sie auf eure Insel übersetzen werden, während wir die See beherrschen."

  59. 5.110.1

    Melier: "„Sie könnten ja aber auch Andere herüber-schicken.' Und übrigens ist das kretische Meer groß, und es ist auf demselben selbst dem, der die Gewässer beherrscht, weniger leicht, einen Andern abzufangen, als für diesen sich zu retten, wenn er sich jenen entziehen will. Und wenn dieß fehlschlagen sollte, so könnten sie ja auch euer eigenes Land und eure andern Bundesgenossen angreisen, die Brasidas nicht heimgesucht hat; und dann hättet ihr nicht um ein Land zu kämpfen, auf das ihr kein Recht habt, sondern um eines, das euch sehr nahe angeht."

  60. 5.111.1

    Athener: „Nun von diesen Dingen könnte auch euch etwas treffen, und ihr babt darüber auch schon Erfahrung und wißt, wohl, daß die Athener auch nicht eine einzige Belagerung aus Furcht vor Andern aufgegeben haben. Wir bemerken übrigens, daß ihr trotz eurer Erklärung, ihr wolltet über die Art eurer Rettung berathen,, in dieser so langen Unterredung auch nicht das Mindeste vorgebracht habt, worauf die Menschen sonst Vertrauen setzen und die Hoffnung auf Rettung gründen; > sondern, worauf ihr am Meisten baut, das liegt noch im Reiche der Ungewißheit, und was euch wirklich zu Gebote steht, ist unzureichend um euch vor dem zu retten, was euch bereits kampfbereit gegenüber steht. Ihr werdet großen Unverstand beweisen, wenn ihr nicht-noch in euch geht und-einen klügeren Entschluß faßt. Denn ihr werdet euch doch nicht durch das Wort ..Ehre" bestimmen lassen, welches so oft die Menschen in der schimpflichsten Lage und den augenscheinlichsten Gefahren hat umkommen lassen! Wie Viele haben-shcon vorausgesehen, welchem Verderben sie in die Arme rennen, und doch, hingerissen durch die Macht des verführerischen Begriffs, der „Schande" heißt, überwältigt also von einem bloßen Worte, sich freiwillig in das wirklichste und unerträglichste Elend gestürzt, und mehr durch Unverstand als durch Unglück sich die schimpflichste Schmach zugezogen. Davor also, wenn ihr wohl berathen seid, hütet euch und haltet es nicht für schimpflich, euch vor einer so mächtigen Stadt zu beugen, welche die mäßige Forderung an euch stellt, ihre zinsbaren Bundesgenossen zu werden, ohne von eurem Gebiete etwas zu verlieren. Wenn euch die freie Wahl anheimgegeben ist zwischen Krieg und ruhiger Sicherheit, so besteht nicht hartnäckig auf der schlechteren Wahl. Denn die kommen am Weitesten, die dem Gleichtsarken nicht nachgeben, dem Mächtigeren sich geziemend nähern und dem Schwächeren gegenüber Mäßigung üben. Nun bedenkt euch also wohl, wenn wir uns jetzt zurückziehen, und haltet eS euch immer im Gedächtniß, daß es sich darum handelt, ob ihr ein Vaterland haben werdet! Ihr habt nur dieß Eine, und von Einem Entschlüsse hängt sein Untergang oder seine Rettung ab!"

  61. 5.112.1

    Hiemit brachen die Athener die Unterredung ab und zogen sich zurück. Die Melier aber, nachdem sie unter sich einen Beschluß gefaßt hatten, wie er mit ihren Entgegnungen übereintsimmte,'gaben die folgende Antwort: „Weder sind wir jetzt anderer Meinung geworden, ihr Athener, als Anfangs, noch werden wir in so kurzer Frist unsern Staat, der schon sieben Jahrhunderte.besteht, seiner Freiheit berauben lassen, vielmehr werden wir den Versuch zu unserer Rettung machen, vertrauend, wie auf das Glück, das von den Göttern kommt und uns so lange erhalten hat, so auch aus die Hülse der Menschen und besonders der Lakedämonier. Wir erbieten uns, euch Freund werden zu wollen, .keinem Theil aber Feind, und ihr sollt dann anS unserem Gebiet-abziehen, nachdem ihr einen Vertrag mit uns geschlossen, der für beide Theile ersprießlich ist."

  62. 5.113.1

    Das war die Antwort der Melier; die Athener aber hoben hiemit die Unterhandlungen auf und sagten: „Nun so seid ihr denn, wie uns nach eurem Entschlüsse scheint, die Einzigen, welche daS Zukünftige für sicherer halten, als was vor Augen liegt; was noch von Ungewißheit bedeckt ist, betrachtet ihr bereits als wirklich, weil ihr eS eben wünscht; aus Lakedämonier, Glück und Hoffnungen wälzt ihr eure Last ab, aber so groß euer Vertrauen auf sie ist, so groß wird eure Enttäuschung sein."

  63. 5.114.1

    Die Gesandten der Athener begaben sich nun in.daS Lager zurück, und da die Melier in Nichts nachgaben, so gingen.die Feldherren ^ allsogleich zu Feindseligkeiten über und begannen die Melier ringsum durch Verschanzungen einzuschließen, indem siedle Arbeit nach den Städten unter sich vertheilten. Danach zogen die Athener mit dem größeren Theil des Heeres wieder ab/ nachdem sie aus ihren eigenen Soldaten und aus denen der Bundesgenossen eine Beobachtungstruppe zu Land und zu Wasser zurückgelassen hatten.

  64. 5.115.1

    Um dieselbe Zeil fielen auch die Argiver in das Gebiet von Phlins ein; es wurde ihnen aber von den Mliasiern und ihren eigenen Flüchtlingen-ein Hinterhalt gelegt, und sie, verloren dabei gegen achtzig Mann. —Die Athener nahmen vonOylos aus den Lakxdämoniern viele Beute ab; die Lakedämonier aber brachen selbst deßhalb den Vertrag nicht und führten, keinen Krieg gegen sie, doch ließen sie bekannt machen: Wer bei ihnen-wolle, könne Naubzüge gegen die Athener unternehmen. — Auch die Korinther führten einiger eigenen,.Angelegenheiten wegen Krieg gegen die Athener; die übrigen Peloponnesier verhielten sich ruhig.

  65. 5.115.2

    Die Melier indessen hatten durch einen nächtlichen Ausfall den Theil der-zAthenifchen Verschanzung genommen, der gegen den Lager- markt zu lag, und dabei einige Mann getödtet, und als sie dann LebenSmittel und sonst brauchbare Dinge in möglichster Menge ein- gebracht hatten, zogen sie sich wieder zurück und verhielten sich ruhig;- die Athener trafen nun zu ihrer Ueberwachung bessere Vorkehrungen. Damit ging der Sommer zu Ende.

  66. 5.116.1

    In dem folgenden Winter waren die Lakedämonier schonauf dem Wege, einen Feldzug in das Argivische zu machen, da ihnen aber an der Gränze das Opfer nicht günstig ausfiel, so kehrten sie wieder um. Dieses Vorhabens wegen faßten die Argiver Verdacht gegen Einige in der Stadt und nahmen auch Etliche davon gefangen, die Andern entkamen ihnen.

  67. 5.116.2

    Die Melier nun hatten um dieselbe Zeit zum zweiten Mal einen Theil der Athenischen Umschanzung genommen, wo die Wachen nur in geringer Stärke waren. Da aber dann nach diesem Ereigniß ein anderes Heer aus Athen kam, welches Philokrates, des Demeas Sohn befehligte, und die Belagerung nun mit voller Kraft betrieben wurde, wozu auch noch Verrath aus der Mitte der Melier selbst kam, so übergaben sie sich den Athenern auf Gnade und Ungnade. Diese nun tödteten von den Meliern alle Erwahcsenen männliches Geschlechtes, die in ihre Hände fielen, Weiber und Kinder aber verkauften sie als Sklaven. Danach schickten sie fünf Hundert Ansiedler dorthin und machten den Platz zu ihrer eigenen Niederlassung.

  68. 6.0.1

    Sechzehntes Kriegsjahr f416—IS. Fortsetzung Kap. I—VII.

  69. 6.0.2

    Neue' Unternehmung der Athener gegen Sicilien. — Urbewohner'Sicilicus und hellenische Kolonien, daselbst Kap. 1 bis 5.— Egesta bittet um Hülfe gegen Syrakus. Pläne der Athener Kap. 6. — Vorfälle in Argos, Thrakien, Makedonien Kap.. 7... ' s.

  70. 6.0.3

    Siebenzehntes Kriegsjahr 415—14. Kap. VIII—XLIII.

  71. 6.0.4

    Athenische Gesandte nach Sieilien; dieselben rathen zu; das Volk beschließt das Unternehmen Kap. 8. — Nikias räth ab Kap. 9—14. — Alkibiades räth zu Kap. '15—18. — Nochmals Nikias Kap. 19—23. — Nikias, Lamachos nnd Alkibiades zu Feldherrn ernannt. Rüstungen Kap. 24—26. — Verstümmelung der Hermen. Alkibiades angeklagt Kap. 27 bis 29. — Abfahrt der Flotte Kap. 30—32. — Zustände zu Syrakus Kap. 32—41. Rede des Hermokrates daselbst Kap. Es. 34. Gegenrede des Athenagoras Kap. 36—40. Rede des Feldherrn Kap. 41. — Die athenische Flotte kommt an. Zunächst geringe Erfolge Kap. 42—52. — Alkibiades zurückberufen Kap. 53. — Geschichte des Sturzes der Peisistratiden. Harmodios und Aristogeiton (Einschaltung) Kap. 54 bis 59. — Stimmung der Athener wegen der Religionsfrevel Kap. 60. — Alkibiades entkommt Kap. 61. — Sieg der Athener vor Syrakus. Gehen aber nach Katana zurück Kap. 62 bis 71. — Rüstungen der Syrakusaner. Hermokrates Feldherr Kap. 72—75. — Athener und Syrakusaner bewerben sich um Kriegshülfe der Kamarinäer. Rede des Hermokrates Kap. 76—80. Gegenrede des Atheners Enphemos Kap. 81 bis 87. — Kamarina bleibt neutral. Thätigkeit der Syrakusaner. Gesandte nach Korinth und Lakedämon. Alkibiades zu Lakedämon Kap. 88. — Rede des Alkibades zu Lakedämon Kap. 89—92. — Die Lakedämonier beschließen den Krieg Kas. 93.

  72. 6.0.5

    Achtzehntes Kriegsjahr^ 414—13. Kap. XVIV—()V.^

  73. 6.0.6

    Die Athener auf Sieilien siegreich Kas. 94. —^ Die Lakedämonier gegen'Argos. Thespiä Kap. 95. —-^Die Athener setzen sich unter siegreichen Gefechten vor Syrakns fest. Lamachos fällt Kap. 97—102. — Die Athener in bester Lage, die Syrakusaner verzweifelt Kas. 103. — Der Spartaner Gylippos schon in Tarent Kap. 104. — Die Lakedämonier gegen Argos. Athener kommen zu Hülfe Kas. 105. ^

  74. 6.1.1

    Im selbigen Winter wollten die Athener zum andern Mal und mit noch stärkerer Kriegsmacht als unter Laches und Eurymedon') aussegeln, um — wenn sie es vermöchten — Sicilien zu unterwerfen. Gleichwohl wußten die Meisten unter ihnen nicht, weder wie groß die Insel sei, noch wie zahlreich ihre Bewohner, an Hellenen sowohl, als an Barbaren, und dachten nicht, daß sie sich damit in einen Krieg einließen, der nicht viel unwichtiger sei, als der gegen die Peloponnesier. Denn zur Umfahrt ulk Sicilien braucht ein Lastschiff nicht viel weniger als acht Tage, und daß es bei diesem Umfang nicht mit dem Festland zusammenhringt, bewirkt nur eine Meerenge von höchstens zwanzig Stadien.

  75. 6.2.1

    Bewohnt war die Insel schon in alten Zeiten, und dieß ist die Zahl aller ihrer Völker: Im grauen Alterthum, sagt man, haben in einem Theile des Landes die Kyklopen und Lästrygonen gewohnt. Von wem diese abstammten, weiß ich nicht zu sagen, noch auch, von woher sie eingewandert, oder wohin sie weitergezogen sind. Genügen muß, was über sie von den Poeten gesagt worden ist, oder mag sich Jeder seine besondere Meinung machen. Zuerst nach jenen, scheint es, haben sich die Sikaner angesiedelt, die, wie sie selber sagen, gar noch vor ihnen im Lande waren, denn sie nennen sich Eingeborne; in Wahrheit aber sind sie Iberer und aus ihren alten Wohnsitzen am Fluß Sikanos^) in Jberien, von den Ligyern verdrängt, ausge- wandert. Damals wurde auch die Insel nach ihnen Sikania genannt, denn vorher hatte sie Trinakria geheißen. Noch jetzt wohnen sie im westlichen Theil von Sieilien. Als dann Troja eingenommen war, sind einige Trojer, entgangen den Schiffen der Achäer, nach Sieilien gekommen und wurden, wie sie sich an den Gränzen der Sikaner anbauten, insgesammt Elymer genannt. Ihre Städte sind Eryx und Egesta^). Neben ihnen bauten sich auch einige Phokier an, von denen, welche von Troja damals durch den Sturm zuerst nach Libyen und von dort nach Sieilien verschlagen worden waren. Die Sikuler aber find aus Italien — denn dort wohnten sie vorher — vor den Opikern flüchtig nach der Insel herübergekommen. Wie erzählt wird und wie es auch am glaublichsten ist, sind sie aus Flößen übergesetzt, indem sie die günstige Strömung benutzten, während der Wind vom Festland herblies; vielleicht find sie aber auch auf eine andere Weise übergefahren. Es gibt aber auch jetzt noch Sikuler in Italien, und dieß Land hat sogar seinen Namen von einem Sikulerkönig, der JtaloS^) hieß. Sie kamen mit großer Macht an streitbarer Mannschaft nach Sieilien herüber, besiegten die Sikaner in einer Schlacht und drängten sie in die südlichen und westlichen Theile der Insel und bewirkten so, daß diese statt Sikania jetzt Sikelia genannt wurde. Sie besetzten die besten Theile des Landes und besaßen diese, als zuerst Hellenen nach Sicilien kamen^), fast schon dreihundert Jahre seit ihrer Ueberfahrt. Sie besitzen aber auch jetzt noch die mittleren und nördlichen Theile der Insel. Auch Phönikier siedelten sich an, welche ringsum die ganze Küste, die Vorgebirge am Meer und die vorliegenden kleinen Inseln besetzt hatten um des Handels willen mit den Sikulern. Als aber dann Hellenen in großer Zahl über's Meer herüberkamen, gaben die Phönikier die meisten dieser Punkte aus und behielten nur in der Elymer Nachbarschaft Motye und Soloeis und Panormos?), im Vertrauen sowohl auf die Bundesgenos- senschaft mit den Elymern, und dann auch, weil hier der kürzeste Seeweg Karthago von Sieilien trennt. Dieß ist die Zahl der Barbaren auf Sieilien und so wohnten sie dort.

  76. 6.3.1

    Von Hellenen kamen zuerst Chalkidier aus Euböa unter des Thukles Anführung über's Meer und gründeten Naxos^) und bauten dem Führer Apollon^) einen Altar, der jetzt außerhalb der Stadt steht und auf welchem die heiligen Sendboten'"), wann sie von Sicilien absegeln, vorher Opfer bringen. Ein Jahr darnach gründete Archias, ein Heraklide aus Korinth, Syrakus, nachdem er zuerst die Sikuler von der Insel") verjagt hatte, auf der jetzt, nicht völlig mehr von der See umflossen, die innere Stadt liegt; später wurde aber auch die äußere Stadt mit in die Mauer eingeschlossen, und die Bevölkerung wurde zahlreich. Thukles aber und seine Chalkidier von Naxos aus gründeten im fünften Jahr, nachdem Syrakus erbaut war, Leontini, nachdem sie die Sikuler im Kampf vertrieben hatten, und danach Katana. Die Katanäer aber machten für sich den Euarchos zum Gründer.

  77. 6.4.1

    Um dieselbige Zeit'^) kam auch Lamis als Führer einer Kolonie von Megara nach Sieilien und gründete am Pantakyos- Flusse eine Niederlassung, TrotiloS'^) mit Namen. Darnah caber zog er aus von dort und schloß sich eine Zeit lang an die Gemeinde der Chalkidier in Leontini, und als ihn diese austrieben, gründete er Thapsos'4) und starb dann; seine Leute aber, aus Thapsos verjagt, und da auch der Sikulerkönig Hyblon die ganze Gegend aufgab, nahmen diesen zum Führer und gründeten Megara III, das das Hybläische genannt wird. Dort hatten sie zweihundert und fünsund. vierzig Jahre gewohnt, als Gelon, Tyrann der Syrakufier, sie aus Stadt und Land vertrieb '6). Vor dieser Vertreibung aber, im hundertsten Jahre, nachdem sie Hybla gebaut, hatten sie den Pammilos ausgesandt und Selinus gegründet, denn dieser war aus Megara, ihrer Mutterstadt, zu ihnen gekommen und hals nun die neue Stadt gründen. Gela aber gründeten gemeinsam Antiphemos, der aus Rhodos, und Entimos, der aus Kreta Ansiedler herbeiführte, im fünfundvierzigsten Jahr nach der Erbauung von Syrakus ^). Die Stadt selbst erhielt vom Flusse Gela ihren Namen; der Platz aber, wo jetzt die befestigte Stadt steht, und der auch zuerst ummauert wurde, heißt Lindii. Sie gaben sich aber Dorische Gesetze. Ungefähr hundertund acht Jahre nach ihrer eigenen Gründung bauten die Gelaner Akragas ^), welchen Namen sie der Stadt vom Akragas-Flusse gaben; zu Gründern machten sie den Aristonus und den Pystilos und nahmen die Gesetze der Gelaner an. — Zankle wurde zuerst durch See. räuber begründet, die von Kyme, der chalkidischen Stadt im Opiker- Lande^), herüberkamen; danach kam aber auch von ChalkiS und dem übrigen Euböa eine Zahl Volkes und theilte mit ihnen das Land. Ihre Gründer waren Perieres und Kratämenes, der eine aus Kyme, der andere aus Chalkis. Von den Sikulern wurde die Stadt zuerst Zankle genannt, weil der Platz von Gestalt sichelförmig ist und bei den Sikulern die Sichel Zanklon heißt.

  78. 6.5.1

    Später aber wurden sie von Samiern und andern Joniern vertrieben, die, vor den Medern geflohen, in Sieilien landeten. Die Samier hinwieder vertrieb nicht lange danach Anaxilas, der Rheginer Tyrann, und führte in die Stadt eine gemischte Bevölkerung und nannte sie Messana nach seinem eigenen alten Vaterlande. Himera ist von Zankle aus gegründet worden durch Eukleides und Simos und Sakon; und das Volk in der Ansiedelung war meist chalkidisch; es zogen zu ihnen aber auch Vertriebene aus Syrakus, die man Myletiden nannte und die durch eine feindliche Partei besiegt worden waren. Ihre Sprache bildete sich zu einem Gemisch von chalkidisch und dorisch, doch galten die chalkidischen Gesetze. Akrä und Kasmenä wurden von Syrakusiern gegründet, Akrä siebenzig Jahre nach Syrakus, Kasmenä um zwanzig Jahre später als Akrä. Auch Kamarina wurde zuerst durch Syrakusier angelegt, gegen hundertundfünfunddreißig Jahre nach der Gründung von Syrakus. Gründer waren Daskon und MenekoloS. Als aber die Kamariner wegen ihres Abfalls von den Syrakusiern mit den Waffen ausgetrieben worden waren, und einige Zeit danach Hippokrates ^), Tyrann von Gela, das Land der Kamariner als Lösegeld für kriegsgesangene Syrakusische Männer erhielt, so wurde er zweiter Gründer und bevölkerte die Stadt von Neuem. Aber zum zweiten Mal wurden die Bewohner durch Gelon ausgetrieben, und die Stadt erhielt dann ihre dritte Bevölkerung durch die Gelaner.

  79. 6.6.1

    Dies sind die Völker hellenischer und barbarischer Abkunft, welche auf Sieilien wohnten, und so groß ist diese Insel, gegen welche die Athener den Kriegszug unternahmen. Der wahrhaste Grund dazu war, daß sie die ganze Insel sich zu unterwerfen gedachten, als glimpflichen Vorwand aber gebrauchten sie, daß sie ihren Blutsverwandten und neuen Bundesgenossen zu Hülfe ziehen wollten. Am meisten zu diesem Zuge reizten sie die Egestaner, deren Gesandte anwesend waren und aus'S eifrigste anstachelten. Diese nämlich waren Nachbarn der Selinuntier, und einiger Heirathsgeschichten und eines streitigen Landstücks wegen mit ihnen in Krieg verwickelt, und die Selinuntier hatten die Syrakufaner als Bundesgenossen herbeigeholt und bedrängten jene feindselig zu Land und zu Wasser. Die Ege- tsaner erinnerten also die Athener an ihre Bundesgenossenschaft mit den Leontinern^) in dem früheren (sikelifchen) Krieg unter Laches und baten, ihnen Schiffe zu Hülfe zu senden. Unter vielem Anderem, was sie zu diesem Zwecke vorbrachten, war der Hauptgrund: wenn erst die Syrakusaner die Freiheit der Leontiner ungestraft vernichtet und, nachdem sie dann auch die übrigen Bundesgenossen zu Grunde gerichtet hätten, selber die Macht über ganz Sieilien besäßen, so sei Gefahr da, daß sie einmal als Dorier den Doriern, der Verwandtschaft gemäß, und auch als Pflanzvölker ihren peloponnesischen Mutterstaaten zu Hülse kämen und die Macht der Athener brechen hälfen. Darum gebiete es die Klugheit, in Verbindung mit den noch vorhandenen Bundesgenossen sich den Syrakusanern zu widersetzen, zumal sie selbst zu diesem Kriege ausreichende Geldmittel hergeben würden. Nachdem die Athener in den Volksversammlungen sowohl die Egestaner, die dergleichen oft vorbrachten, als auch ihre eigenen Mitbürger, die jenen zustimmten, angehört hatten, so beschlossen sie für's Erste Gesandte nach Egesta zu schicken, die wegen des Geldes sich überzeugen sollten, ob dessen so viel, wie jene sagten, im öffentlichen Schatz und in den Tempeln vorhanden sei, und zugleich untersuchen, wie es um ihren Krieg mit den Selinuntiern stünde.

  80. 6.7.1

    Die Gesandten der Athener nach Sieilien wurden also abgeschickt; die Lakedämonier aber und ihre Bundesgenossen, mit Ausnahme der Korintber, zogen in diesem Winter gegen Argos zu Felde, verheerten einen kleinen Landstrich und führten Getreide auf mitgebrachten Wagen davon. Nachdem sie dann die Verbannten der Argiver 23) nach Orneä verpflanzt und zu deren Schutz auch einen Theil ihrer übrigen Mannschaft zurückgelassen hatten, schloßen sie einen Waffenstillstand aus einige Zeit ab, wonach die Orneaten und die Argiver einander unbehelligt lassen sollten, und gingen dann mit dem Heere nach Hause zurück. Als aber nicht lange danach die Athener mit dreißig Schiffen und sechshundert Schwerbewaffneten ankamen, so zog die ganze Mannschaft der Argiver mit den Athenern aus, und beide belagerten die in Orneä einen Tag lang. In der Nacht aber, während ihr Heer in einiger Entfernung lagerte, entwischten ihnen die aus Orneä. Als am folgenden Tag die Argiver dieß merkten, so zerstörten sie Orneä und kehrten nach Hause zurück, und deßgleichen später auch die Athener mit ihren Schiffen.

  81. 6.7.2

    Auch nach Methone, welches an Makedonien gränzt, schickten die Athener zur See Reiter aus ihren eigenen Bürgern und die Ma­ kedonischen Verbannten T die bei ihnen waren, und beschädigten das Gebiet des Pcrdikkas. Da schickten die Lakedämonier den Chalkidiern an der thrakischen Küste, welche mit den Athenern einen Waffenstillstand hatten, der alle zehn Tage erneuert werden mußte 25), den Befehl zu, sie sollten dem Perdikkas in diesem Kampfe beistehen. Die aber wollten nicht.

  82. 6.7.3

    So ging dieser Winter zu Ende und mit ihm das sechzehnte Jahr dieses Krieges, den Thukydides beschrieben hat.

  83. 6.8.1

    Im nächsten Sommer zu Frühlingsanfang kamen die Gesandten der Athener aus Sieilien zurück und mit ihnen Egestaner, welche sechzig Talente ungemünzten Silbers mitbrachten als Sold für sechzig Schiffe auf einen Monat, um deren Zusendung sie bitten wollten. Die Athener hielten nun eine Volksversammlung, und nachdem sie von ihren eigenen Gesandten und den Egestanern sowohl anderes Verlockendes angehört hatten, welchem die Wahrheit nicht entsprach, als auch von dem vielen Geld, welches in Tempeln und in Staatskassen bereit läge, so beschloßen sie, sechzig Schiffe nach Sieilien zu schicken und als Feldherrn mit unumshcränkter Vollmacht den Alkibiades, Sohn des Kleinias, den Nikias, Sohn des Nikeratos, und den Lamachos, des Lenophanes Sohn. Diese sollten den Egestanern gegen die Selinuntier Hülse leisten, und wenn der Krieg ihnen die Mittel dazu ließe, Leontini wieder neu gründen helfen und auch sonst diejenigen Einrichtungen in Sieilien treffen, die ihnen für die Athener die vortheilhaftesten schienen. Am fünften Tage danach wurde-wieder eine Volksversammlung abgehalten, wie man die Ausrüstung der Schiffe so rasch als möglich in's Werk setzen! könne, und um den Feldherrn zu bewilligen, was etwa noch zur Abfahrt nothwendig sei. Da trat Nikias auf, der gegen seinen Willen zum Feldherrn gewählt war und glaubte, der Staat habe sich nicht wohl berathen, sondern unter einem nichtsnutzigen und nur scheinbaren Vorwande stürze man sich in ein so maßloses Unternehmen, wie die Eroberung von ganz Sieilien. In der Absicht, die Athener davon abzubringen, hielt er folgende Rede:

  84. 6.9.1

    „Diese Volksversammlung ist zwar zu dem Zwecke berufen worden, um über die gArt und Weise der Rüstung zum Seezug nach Sieilien zu berathen; ich aber bin der Meinung, daß man erst die Sache selbst noch wohl überlegen solle, ob es nämlich überhaupt wohlgethan ist, die Flotte dorthin zu senden. Wir sollten nicht nach einer so kurzen Berathung in Betreff so wichtiger Dinge ohne Weiteres auf die Reden fremder Männer eingeben und einen Krieg aufnehmen, der uns Nichts angeht. Ich zwar für meine Person soll dabei durch eine Ehrenstelle ausgezeichnet werden und dürfte also um mich selbst weniger zu fürchten haben, obwohl ich indeß der Meinung bin, daß auch der immer noch ein ebenso guter Bürger ist, wie Andere, der für seine Person und sein Vermögen einigermaßen besorgt ist 2^ da grade ein solcher um seiner eigenen Sicherheit willen wünschen muß, daß der Staat wohlbehalten bleibe. Gleichwohl habe ich weder in früherer Zeit aus Sucht nach Ehrenstellen jemals etwas gegen meine Ueberzeugung gesagt, noch auch werde ich es jetzt thun, sondern ich werde nach bestem Wissen und Gewissen reden. In Anbetracht eurer Denkart aber dürfte ich von meinen Worten wohl keinen Eindruck erwarten, wenn ich euch nur auffordern wollte, auf Erhaltung eurer jetzigen Macht bedacht zu sein und das Gegenwärtige nicht um Unsicheres und Zukünftiges auf's Spiel zu setzen. Ich will euch darum überzeugen, daß euer Unternehmungseifer hier ganz zur Unzeit kommt und daß keineswegs so leicht zu erlangen ist, wonach ihr die Hände ausstreckt."

  85. 6.10.1

    „Ich sage euch also, daß ihr hier sehr zahlreiche Feinde zurücklasset und trotzdem dorthin fahren wollt, um euch noch neue dazu in's Land herein zu ziehen. Vielleicht glaubt ihr, die mit euch geschlossenen Waffenstilltsandsverträge hätten Kraft und Bestand, aber die haben sie nur dem Namen nach und nur so lange, als ihr selber euch ruhig verhalten werdet — und daß dem so ist, daS haben Männer von hier28) und aus der Zahl eurer Feinde^) durchzusetzen gewußt — sobald eure Macht aber nur einen einigermaßen beträchtlichen Verlust erlitten haben wird, werden eure Feinde ohne viel Federlesens über euch herfallen, um so mehr, da sie nur in Folge ihrer Unglücksfälle und in weniger ehrenvoller Lage, als die unsrige, durch die Noth zum Vertrage bewogen wurden. Dann haben wir auch in diesem Vertrage selbst viel streitige Punkte, und es find sogar auch solche da, welche nicht einmal diesen Vertrag angenommen haben, und die find eben nicht die schwächsten, sondern die Einen führen offenen Krieg mit uns 2°), und die Andern werden durch einen Waffenstillstand, der alle zehn Tage erneuert werden muß, beschwichtigt, weil die Lakedämonier selbst sich noch ruhig verhalten. Sehen sie aber erst unsere Macht getrennt, was wir eben jetzt so eifrig und eilig thun wollen, so werden sie uns ganz gewiß über den Hals kommen und fich mit den Sikelioten verbinden, welche sie sich schon in früherer Zeit vor vielen Andern als Bundesgenossen wünschten. Das also muß man wohl in's Auge fassen und nicht den Staat, der wie ein Schiff auf der Höhe der Wogen schwebt, der Gefahr des Untergangs aussetzen. Wir dürfen nicht nach neuer Herrschaft tsreben, so lange unsere jetzige nicht befestigt ist, — oder find etwa nicht die Chalkidier an der Thrakischen Gränze so viele Jahre im offenen Aufruhr gegen uns und noch immer nicht unterworfen, und steht es nicht auch mit Andern auf dem Festland sehr zweifelhaft? Freilich, den Egestanern, unsern Bundesgenossen, müssen wir mit allem Eifer zu Hülfe eilen, weil man ihnen Unrecht thut, aber die zu bestrafen, die uns selbst schon lange Zeit her durch ihren Abfall Schaden thun, zögern und zaudern wir."

  86. 6.11.1

    „Und doch könnten wir diese leicht bewältigen und im Zaum halten, über jene aber, auch wenn wir sie besiegt hätten, könnten wir ihrer Entfernung und großen Zahl wegen eine Herrschaft nur mit großer Schwierigkeit ausüben. Es hat aber keinen Sinn und Verstand, gegen solche zu Felde zu ziehen, die man im Falle des Sieges nicht niederhalten kann, und zu denen man im Fall der Niederlage nicht mehr im gleichen Machtverhältniß steht, wie vor dem Angriff auf sie. Die Sikelioten aber, so wie es jetzt mit ihnen steht, scheinen mir keineswegs gefährlich für uns, und noch viel weniger, wenn einmal die Syrakusier sie alle beherrshcen sollten, womit uns die Egestaner vorzüglich zu schrecken suchen. Denn nach dem jetzigen Stand der Dinge könnte wohl der eine oder andere Staat auf Sicilien aus Freundschaft den Lakedämoniern zu Hülse kommen, in jenem Falle aber ist es gegen alle Wahrscheinlichkeit, daß ein über Andere herrshcender Staat gegen seines Gleichen einen Krieg unternähme. Denn wie sie in diesem Falle unsere Herrschaft in Verbindung mit den Lakedämoniern gestürzt hätten, ganz ebenso und von eben denselben ^ würde dann ihre Macht gestürzt werden müssen. Wir aber könnten die dortigen Hellenen am allerbesten in Furcht halten, wenn wir gar nicht hingingen, oder auch, wenn wir ihnen einmal unsere Macht aus der Nähe zeigten und wieder umkehrten. Blieben wir aber ihnen gegenüber im Nachtheil, so könnten sie uns leicht verachten und mit den hiesigen Feinden über uns kommen. Denn wir wissen ja Alle, daß immer das Entfernteste und was noch keine Gelegenheit gegeben hat, die Wahrheit seines Rufes zu erproben, am meisten bewundert wird, wie es ja auch in Bezug auf die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen ergangen ist. Weil ihr aber wider Erwarten über das gesiegt habt, was ihr anfänglich gefürchtet, so verachtet ihr sie jetzt schon und denkt an die Eroberung Siciliens. Man darf sich aber nicht wegen der Unfälle, welche die Feinde betroffen haben, überheben, sondern erst dann zuversichtlich sein, wenn man ihre ganzen Entwürfe zu nichte gemacht hat. Auch dürft ihr nicht glauben, daß die Lakedämonier auf irgend etwas Anderes sinnen, als, wie sie auch unter den jetzigen Verhältnissen auf irgend eine Weise durch unser Verderben ihren hohen Ruf wieder herstellen können, zumal sie ja auch alle Zeit her und vor Allem ihren Ruhm in die Tapferkeit setzen. Für uns also — sofern wir Verstand zeigen — ist jetzt die Aufgabe nicht, den barbarischen Egestanern auf Sieilien zu Liebe einen Krieg zu führen, sondern einen Staat scharf zu überwachen, der unter der Form einer Oligarchie verderbliche Pläne gegen uns schmiedet."

  87. 6.12.1

    „Bedenken müßt ihr auch, daß wir erst seit Kurzem von einer großen Pest und dem Kriege uns ein wenig erholt und an Geld und Menschenzahl wieder zugenommen haben. Diesen Zuwachs an Mitteln sollten wir aber gerechterweise nur zu unserm eignen Besten und hier im Lande selbst aufwenden und nicht für diese vertriebenen Leute 32), die uns um Hülse bitten, denen es Nutzen bringt, zuversichtlich zu lügen, auch auf die Gefahr des Andern hin, und die ihrerseits nur mit Worten aufwarten können und schließlich im Fall des Gelingens sich nicht dankbar erweisen, im Fall des Scheiterns aber auch ihre Freunde mit in's Verderben ziehen werden.

  88. 6.12.2

    „Wenn aber Einer aus eurer Mitte, der zu seiner großen Freude zum Feldherrn gewählt worden ist, Euch zu dem Seezug räth, — Einer, der nur auf seinen eigenen Vortheil schaut und übrigens zum Feldherrn auch noch zu jung ist^), — Einer, der sich gern seiner schönen Pferde wegen bewundern läßt und wegen der Kostspieligkeit derselben aus der Feldherrnstelle seinen Profit herausshclagen will, so gestattet doch dem nicht, daß er auf die Gefahr des Staatsbankerots mit seiner eigenen Person prachere, und denkt, daß dergleichen Menschen den Staat bestehlen und das Eigene durchbringen. Bedenkt, daß es sich um die wichtigsten Dinge handelt, die nicht danach find, daß junge Leute ihren unreifen Witz daran üben und sie mir Nichts dir Nichts in die Hand nehmen."

  89. 6.13.1

    „Freilich muß ich mich vor denen fürchten, die ich da neben eben diesem Manne als seine Für- und Zusprecher sitzen sehe, und ich fordere deßhalb die Aelteren auf, nicht scheu zu sein, wenn Einer von diesen neben ihnen sitzt, und nicht zu fürchten, sie würden als feige erscheinen, wenn sie gegen den Krieg tsimmen, und daß sie sich ebensowenig durch verhängnißvolle Gier nach weit entfernten Dingen — denn die könnte auch sie noch ankommen — hinreißen lassen. Sie sollen bedenken, daß durch Leidenschaftlichkeit das Wenigste, durch kluge Vorsicht aber das Meiste erreicht wird. Ihr müßt also zur Rettung des Vaterlandes, welches jetzt mit der größten Gefahr spielt, die es je bedrohte, gegen den Zug stimmen und beschließen, daß die Sikelioten sich uns gegenüber in den bisherigen Grenzen zu halten haben, die auch wir genehm halten müssen, nämlich im Ionischen Meer, wenn Einer längs der Küste hinschifft, und im Sikelischen, wer über die hohe See fährt. Was sie haben, das sollen sie behalten und ihre Angelegenheiten unter sich austragen. Den Egestanern insbesondere aber sagt: da sie von vornherein, ohne die Athener zu fragen, den Krieg angefangen haben, so sollen sie ihn auch allein ausmachen. Und für die Zukunft nehmt nicht mehr, wie wir gewöhnlich thun, solche als Bundesgenossen an, die von uns nur Hülse in ihrer Noth wollen, von denen wir aber, wenn wir selbst Hülse brauchten, keine erlangen könnten."

  90. 6.14.1

    „Und du, Prytane^), sofern du es für deine Pflicht hältst, für das Staatswohl besorgt zu sein, und sofern du dich als guter Bürger zeigen willst, berufe die Athener zur Abstimmung und lege ihnen die Sache nochmals zur Berathung vor! Wenn du dich fürchtest, auf Abänderung des Volksbeschlusses anzutragen, so bedenke, daß die Aufhebung gesetzlicher Beschlüsse unter Theilnahme so vieler Zeugen keine Anschuldigung begründen kann! Bedenke, daß du so an der Stadt, die jenen Beschluß gefaßt hat, wie ein Arzt handelst, und daß die rühmliche Verwaltung deines Amtes darin besteht, dem Vaterland so viel als möglich zu nützen, oder ihm doch wenigstens nicht mit Wissen und Willen zu schaden!"

  91. 6.15.1

    So redete Nikias. Von den Athenern aber, die noch auftraten, forderten die Meisten zum Kriegszug aus, und man solle den gefaßten Beschluß nicht aufheben; Einige indeß sprachen auch dagegen. Am eifrigsten aber trieb zum Feldzug Alkibiades, des KleiniaS Sohn, einmal, weil er dem Nikias den Widerpart halten wollte, dessen Gegner er auch sonst in Staatssachen war, zumal er eben auch seiner ungünstige Erwähnung gethan, hauptsächlich aber, weil er die Feldherrnwürde eifrig wünschte und in dieser Stellung Sieilien und Karthago zu erobern gedachte, was im Fall des glücklichen Gelingens auch ihn selbst an Geld und Ehren heben würde. Er stand in Ansehen bei den Städtern, stöhnte aber seinen Leidenschaften in Bezug auf Pferde und sonstigen Luxus über Vermögen, was denn auch später nicht die kleinste Ursache zum Untergang der Athenischen Macht wurde. Denn als die Meisten die Größe seiner Ueberhebung in Bezug aus persönliche Lebensweise und die Großartigkeit seines Strebens, die er in allen Geschäften zeigte, welche er in die Hand nahm, zu fürchten begannen, so wurden sie ihm Feind, weil sie glaubten, er strebe nach Alleinherrschaft, und obwohl er das Kriegswesen zum besten Nutzen des Gemeinwesens trefflich leitete, so übertrugen sie, Jeder persönlich beleidigt durch sein Benehmen und seine Lebensweise, den Oberbefehl an Andere und richteten so den Staat binnen Kurzem zu Grunde. Damals nun trat Alkibiades auf und redete zu den Athenern Fol» gendes:

  92. 6.16.1

    „In der That, ihr Athener, kommt mir ein Oberbefehl eher als Andern zu — denn hiemit muß ich beginnen, da Nikias mich angegriffen hat — und ich glaube desselben würdig zu sein. Weßhalb ich verschrieen bin, das grade brachte meinen Vorfahren und bringt mir Ruhm ein und dem Vaterland Nutzen. Beim Anblick meines prächtigen Aufzuges zu Olympia mußten die Hellenen die Macht unserer Stadt noch für größer halten, als sie wirklich ist, nachdem sie zuvor sich geschmeichelt hatten, sie sei durch den Krieg zu Grunde gerichtet. Deßhalb habe ich sieben Wagen in die Rennbahn geschickt, was vor mir ein Privatmann nie gethan, und so habe ich den ersten und zweiten und vierten Preis gewonnen ^), und dieses Sieges würdig war mein übriger Aufwand. Schon nach dem Gesetz gewährt dieß Ehre, und nach dem Geleisteten bildet man sich eine Vorstellung von der Macht (des Staates). Mein sonstiger glänzender Aufwand in der Stadt, wenn ich Chorführer bin ^), oder bei Andern Gelegenheiten, erregt natürlich unter den Stadtbürgern Neid, für die Fremden aber entfaltet sich auch hierin die Staatskraft. Das ist doch fürwahr keine schädliche Thorheit, die auf eigene Kosten nicht nur sich selbst, sondern auch dem Staate nützt, und eS ist auch nicht ungerecht, daß Einer, der von sich groß denken darf, sich nicht mit anderen auf eine Linie stellt. Findet doch auch der Unglückliche Keinen, der von seinem Unglück den gleichen Antheil auf sich nehmen will. Sondern wie uns im Unglück kein Mensch den Hof macht, so muß es sich Einer auch wohl gefallen lassen, wenn ihn die Glücklichen über die Achsel ansehen. Erst stelle er sich auch dem Unglücklichen gleich, wenn er vom Glücklichen dasselbe verlangt. Ich weiß aber, daß Männer wie ich, und wer immer in einer Art sich auszeichnet, so lange sie leben, den Andern unangenehm find, und am meisten ihres Gleichen, dann aber auch den Andern, mit denen sie zusammen leben; bei den Nachkommenden aber erregen sie sogar den Wunsch, Ansprüche aufVerwandtschaft mit ihnen machen zu können, wenn diese auch keineswegs begründet find; und welchem Staate sie immer angehören, der rühmt sich ihrer nnd will sie nicht einem andern überlassen, und betrachtet sie nicht als solche, die ihre Sache schlecht gemacht hätten, sondern als die seinigen und solche, die rühmlich gehandelt. Danach nun strebe ich, und wenn ich in meinem Privatleben vershcrien bin, so seht doch nur daraus, ob ich die öffentlichen Angelegenheiten etwa schlechter verwalte, als ein Andrer. Habe ich doch ohne große Gefahr und Kosten eurer Seits die mächtigsten Staaten des Peloponnes vereinigt und die Lakedämonier gezwungen, bei Mantinea ihre ganze Existenz auf das Kampsglück eines einzigen Tages zu setzen^). Und haben sie damals auch gesiegt, so find sie doch selbst heute noch nicht sicher und zuversichtlich."

  93. 6.17.1

    „Solche Erfolge hat meine Jugend und Unverstand, der jenen über alle Gränzen zu gehen scheint, gegen die Macht der Peloponnesier durch angemessene Worte zu Wege gebracht. Mein Feuereifer flößte Zuversicht ein und überredete. So fürchtet also auch ihr jetzt diese Eigenschaften nicht, sondern so lange ich in ihrem Besitz der Jugendkraft genieße, und Nikias den Namen des Glücklichen wird behaupten können^), so zieht möglichsten Nutzen vom Einen wie vom Andern! Und nehmt den beschlossenen Zug nach Sieilien nicht zurück, als ob derselbe gegen eine starke Macht gerichtet wäre. Denn die dortigen Städte haben eine zahlreiche Bevölkerung von sehr gemischten Massen^), und Umänderungen der Versassung und Aufnahme von Ncubürgern haben dort keine Schwierigkeit. Deßhalb ist dort aber auch Keiner für seine eigene Person mit Waffen gerüstet, als ob er ein eigenes Vaterland zu vertheidigen habe, noch auch gibt es im Lande gesetzliche Vorkehrungen dazu. Sondern wie Einer grade durch Überredungskunst oder durch Erregung von Bürger- zwietracht vom Gemeingute sich etwas aneignen kann, danach sieht er sich vor, und schlägt eS fehl, so weiß er, daß er sich anderswo ansiedeln kann. ES ist doch nicht wahrscheinlich, daß ein solcher Hause einem Antrag einmüthig Gehör schenke, oder sich gemeinsam zu irgend einem Unternehmen wende. Einzeln aber, wenn man ihnen nnr nach dem Sinn redet, werden sie leicht zu gewinnen sein, zumal sie sich einander in denHa aren liegen, wie wir erfahren. Aber sie haben auch nicht so viele Schwerbewaffnete, als sie sich rühmen, und haben sich doch nicht einmal die andern Hellenen so zahlreich in Waffen gezeigt, wie sie selber sich bezifferten, vielmehr hat sich Hellas über sich selbst höchlichst getäuscht und sich in diesem Kriege.^) kaum zur Noth gerüstet gezeigt. Die dortigen Verhältnisse aber werden sich nach dem, was ich höre, ebenso zeigen, und wir werden sogar noch leichter mit ihnen fertig werden, denn wir werden dort viele Barbaren finden, die aus Haß gegen die Syrakusaner aus unserer Seite fechten werden. In den hiesigen Verhältnissen aber werdet ihr auch kein Hinderniß finden, wenn ihr nur gut zu Rathe geht. Denn unsere Väter haben eben dieselben, von denen man jetzt sagt, daß wir bei einem Seezug nach Sieilien sie als Feinde zurücklassen, und noch die Meder dazu als Feinde gehabt und haben doch die Herrschast errungen, ohne daß ihre Stärke anderSwo gelegen hätte, als in ihrer überwiegenden Seemacht. Und gerade jetzt find die Peloponnesier uns gegenüber so muthlos, wie sonst nie; und sollen sie noch so stark sein, sie sind immer nur im Stande, in unser Land einzufallen, und das können sie auch, wenn wir den Seezug nicht unternehmen; mit ihrer Seemacht aber können sie wohl nicht schaden, denn wir lassen immer noch eine Flotte zurück, die ihnen gewachsen bleibt."

  94. 6.18.1

    „Mit welchen Gründen also könnten wir denn hier vor uns selbstuns entschuldigen, wenn wir das Unternehmen aus den Händen ließen? — mit welchen gegenüber unsern dortigen Bundesgenossen, wenn wir ihnen nicht zu Hülfe kämen? Haben wir uns mit ihnen doch eidlich verbunden, und sind also verpflichtet, ihnen zu helfen, ohne ihnen vorzuhalten, daß wir von ihnen keine Hülfe erwarten könnten. Denn nicht, damit sie uns hieher Gegenhülfe leisten, haben wir sie in unsere Bundesgenossenschaft aufgenommen, sondern damit wir unsern dortigen Feinden Schaden thun und sie hindern, selber hieher zu kommen. Denn die Herrschaft haben sowohl wir, als wer sonst immer Herrschaft erlangt hat, dadurch gewonnen, daß wir bereitwilligst denen beisprangen, die unsere Hülfe anriefen, mochten sie nun Barbaren sein oder Hellenen; denn wenn Alle der Ruhe Pflegen, oder immer erst genau den Verwandtschaftsgrad untersuchen wollten, wenn es sich darum handelt, Einem beizuspringen, so würde unsere Herrschaft nur sehr unmerklich wachsen, und wir würden sie erst dadurch recht in Gefahr bringen. Denn wer einmal eine Uebermacht besitzt, gegen den ergreift man nicht nur dann die Waffen, wenn er Einem zu Leibe geht, sondern man kommt ihm zuvor, damit er nicht angreisen kann. Und es steht auch nicht bei uns, abzumessen, wie weit wir unsere Herrschaft ausbreiten wollen, sondern da wir schon einmal auf dieser Stufe der Macht stehen, so zwingt uns die Nothwendigkeit, auf die Unterwerfung der Einen zu denken und die Andern sich unserer Herrschaft nicht entziehen zu lassen, denn wenn wir nicht selbst über Andere herrschen, so gerathen wir in die Gefahr, von ihnen beherrscht zu werden. Ruhige Unthätigkeit dürft ihr nicht mit denselben Augen ansehen, wie Andere, wenn ihr nicht zuerst die Grundsätze eures Verhaltens nach der Art jener umwandeln wollt."

  95. 6.18.2

    „Bedenken wir also, daß wir unsere hiesige Macht verstärken, wenn wir gegen jene zu Felde ziehen, und laßt uns den Seezug unternehmen, damit den Peloponnesiern ihr Hochmuth vergehet, wenn sie sehen, daß wir diese gegenwärtige Unthätigkeit verachten und sogar gegen Sieilien segeln. Und entweder werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach über ganz Hellas herrschen, wenn wir auch die dortigen Staaten unterworfen haben, oder wir werden doch wenigstens den Syrakusanern empfindlich schaden, und auch davon werden sowohl wir selbst, als unsre Bundesgenossen Nutzen haben. Sichere Bürgschaft des Verbleibens sowohl, wenn die Sache von Statten geht, als auch der Rückkehr, werden uns die Schiffe gewähren, denn auch denn auch zur See werden wir aller Sikelioten Meister sein. Mögen euch nicht die Worte des Nikias, die süße Ruhe empfehlen und zwischen Jungen und Aelteren Zwietracht zu stiften suchen, von der Sache abwendig machen, sondern in der hergebrachten gesetzlichen Weise und wie auch unsere Väter ihrer Zeit, als die Jungen durch gemeinsame Berathung mit den Alten den Staat zu seiner jetzigen Macht gehoben haben, so und auf dieselbe Weise sucht auch jetzt den Staat vorwärts zu bringen, in der Ueberzeugung, daß Jugend und Alter ohne einander Nichts vermögen, und daß die Mischung von Leichtsinn, Mittelschlag und übergenauer Berechnung wohl die meiste Kraft ergebe, — daß der Staat, wenn er in Unthätigkeit versinkt, sich in sich selbst verzehre, wie jedes andere Wesen, und daß auf diese Weise jede Geschicklichkeit in sich veraltere, daß aber durch Kampf der Staat immer zunehme an Erfahrung und die Selbstvcrtheidigung mehr durch die That als durch Worte immer in Uebung behalte. Ueberhaupt aber ist es meine feste Ueberzeugung, daß ein Staat, der bis dahin nie unthätig war, durch den Umschlag in die Unthätigkeit wohl am schnellsten seinem Verderben cntgegengeführt werde, und daß unter den Menschen Diejenigen ihre Existenz am meisten sichern, welche in der Staatsführung von den bestehenden Sitten und Gewohnheiten. wenn sie auch mangelhaft sein sollten, am wenigsten abweichen."

  96. 6.19.1

    So redete Alkibiades. Die Athener aber, nachdem sie ihn gehört hatten und nach ihm die Egestaner und etliche Leontinische Verbannte, welche bittend auftraten und mit Erinnerung an die Eidschwüre für sich um Hülfe flehten, da drangen sie noch viel stärker auf den Kriegszug, als vorher. Nikias nun sah wohl ein, daß er sie mit seinen Gründen nicht mehr auf andere Ansichten bringen würde, dachte aber, daß er sie durch großen Umfang der Kriegsrüstungen, wenn er diese in hohem Maße von ihnen fordere, leicht anderes Sinnes machen werde. So trat er denn zum zweiten Male auf und redete, wie folgt:

  97. 6.20.1

    „Da ich nun einmal sehe, ihr Athener, daß ihr auf jede Weise den Kriegszug wollt, so möge er uns denn gelingen, wie wir es wünschen! Was ich nun den Umständen gemäß für nöthig erachte, will ich angeben. Wir sind im Begriff gegen Staaten zu ziehen, die — wie Ich ans mündlichem Berichte weiß — groß und von einander unabhängig find und sich durchaus nicht nach einer Ver. fassungSänderung sehnen, wie sie Einer wohl annehmen möchte, der aus harter Abhängigkeit gern in einen erleichterten Zustand übertritt, und die höchst wahrscheinlich wohl auch nicht ihre Freiheit mit unserer Herrschaft vertauschen mochten; und dann ist auch die Zahl der ^Hellenischen^ Staaten für diese Eine Insel sehr groß. Denn außer Naxos und Katana, die — wie ich hoffe — gemäß ihrer Verwandtschaft mit den Leontinern auf unsere Seite treten werden, find noch sieben 4') andere da, welche in jeder Art der Kriegsrüstung so versehen sind, daß sie sich mit unserer Macht so ziemlich vergleichen dürften, und gerade die unter ihnen sind es am besten, gegen welche unsere Flotte vorzüglich wirken soll. Selinus nämlich und SyrakuS; denn sie haben dort viele Schwerbewaffnete und Bogenschützen und Speerschützen und viele Dreiruderer und Volks genug, sie zu bemannen. Geldmittel besitzen sie theils in den Privatvermögen, theils haben die Selinuntier solche auch in ihren Tempeln bereit liegen. Auch wird den Syrakusiern von einigen Barbaren eine Steuer von ihren Erzeugnissen entrichtet. Worin sie uns aber am meisten überlegen sind, das ist der Besitz zahlreicher Pferde, und daß sie Getreide im eigenen Land haben und nicht einzuführen brauchen^)."

  98. 6.21.1

    „Gegenüber einer solchen Macht aber bedarf es nicht nur einer Flotte mit mittelmäßiger Bemannung ^), sondern es muß auch ein zahlreiches Landheer mitschiffen, wenn wir etwas ausrichten wollen, was unserem Vorhaben entspricht, und nicht durch ihre zahlreiche Reiterei uns an der Ausbreitung auf dem Lande wollen hindern lassen, besonders wenn die einzelnen Staaten aus Furcht vor uns sich mit einander vereinigen, und außer den Egestanern nicht noch einige andere sich mit uns befreunden und uns Reiterei stellen sollten, mit welcher wir uns jener erwehren könnten. Denn schimpflich wäre es, wenn wir zum Rückzug gezwungen würden oder hinterdrein Unterstützung müßten nachkommen lassen, weil wir bei der ersten Berathung ohne Bedacht vorgegangen sind. Gleich jetzt von hier weg müssen wir mit entsprechender Rüstung ausziehen und bedenken, daß wir> weit von der Heimath über See gehen wollen, und daß dieß kein solcher Feldzug werden wird, als wenn ihr hier im Lande (als Bundesgenossen eurer Unterthanen) Einen angreisen wolltet, wo das, was man etwa später noch bedarf, aus Freundesland leicht nachgeschafft werden kann; sondern ihr laßt die Heimath weit hinter euch und zieht in ein ganz fremdes Land, von wo zur Winterszeit sogar nicht einmal in vier Monaten ein Bote leicht zu euch gelangen kann."

  99. 6.22.1

    „Ich halte also dafür, daß wir viele Schwerbewaffnete mitnehmen müssen, sowohl von unsern eigenen Bürgern, als von den Bundesgenossen und Unterthanen, und wo möglich auch Leute aus dem Peloponnes^) durch Ueberredung oder Sold gewinnen sollten. Auch Bogenschützen und Schleuderer brauchen wir in großer Zahl, um sie der-Reiterei jener entgegenzustellen. Die Schiffszahl muß nun gar sehr groß sein, damit wir alles Nöthige leichter hinschaffen können, und von hier müssen wir Getreide auf Lastschiffen mitnehmen, Weizen und geröstete Gerste und dazu Mahl- und Backknechte, die aus den Mühlen nach Verhältniß der Sklavenzahl gegen Entgeld zwangsweise zu nehmen find^), damit unser Heer die nöthigen Lebensmittel habe, wenn wir irgendwo in unserer Fahrt aufgehalten werden sollten. Denn das Heer wird zahlreich, und nicht jede Stadt im Stande sein, es aufzunehmen. Auch im Uebrigen müssen wir so viel möglich Alles selbst herbeischaffen und uns nicht auf Andere verlassen, vor allen Dingen aber möglichst viel Geld von hier mitnehmen. Denn glaubt nur, daß die Summen, welche bei den Egestanern für uns bereit liegen sollen, wohl meist nur aus dem Papier in Bereitschaft tsehen."

  100. 6.23.1

    „Denn selbst wenn wir von hier mit einer Macht ausziehen, die jenen nicht nur gewachsen ist — ausgenommen ihrer Macht an Schwerbewaffneten (worauf wir überhaupt verzichten müssen) — son­ dern sie in allen andern Stücken auch noch überbietet, so werden wir kaum so im Stande sein, jene zu unterwerfen und zugleich unsere hiesige Macht zu erhalten. Ihr müßt euch vorstellen, als ob ihr hinginget, um einen ganz neuen Staat mitten unter Fremden und Feinden zu gründen; und wer das thun will, der soll bedenken, daß er gleich am ersten Tage bei der Landung? festen Fuß fassen oder gewärtig sein muß, Alles gegen sich zu haben, wenn dieß mißlingt. Das Alles fürchte ich, und ich weiß zwar, daß ihr manchen guten Beschluß fasset, wie es sich gehört, daß aber noch viel mehr auf das Glück ankommt, wozu menschliche Wesen schwer etwas thun können, und darum will ich bei diesem Seezug mich so wenig als möglich auf den Zufall verlassen und nur mit einer Macht in See gehen, die menschs licher Berechnung nach Sicherheit verbürgt. Ein solches Vorgehen, glaube ich, ist sowohl für den gesammten Staat als für uns, die wir den Feldzug mitmachen wollen, das sicherste und heilsamste. Ist aber Einer anderer Meinung, dem trete ich meine Feldherrnstelle ab."

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