Ancient Textssearch the texts themselves, not just their titles

← All works

Geschichte des Peloponnesischen Kriegs

Perseus Greek · Perseus Greek · 2,508 sections

  1. 4.63.1

    „Lassen wir uns also durch'die Furcht vor dieser dunkeln Macht, möge sie sich nun begründet erweisen, oder nicht, und durch die wirkiche Gegenwart der gefährlichen Athener gleicherweise abschrecken, und denken wir, daß dieß hinreichende Gründe sind, unsere unbefriedigten Wünsche zum Schweigen zu bringen, insofern wir vielleicht noch irgend Etwas zu unserem Vortheil durchzusetzen glaubten. Schicken wir die gefährlichen Feinde aus dem Lande und schließen wir lieber unter uns einen Frieden auf ewige Zeiten, oder wenn das nicht, doch einen Waffenstillstand auf möglichst lange Zeit, und lassen unsere Zwistigkeiten ruhen bis auf ein ander Mal! Und überhaupt laßt uns überzeugt sein, daß, wenn ihr mir folgt, Jeder von uns eine freie Vaterstadt haben wird, in deren Besitz wir unserem Wohlthäter wie unserem Beleidiger Gleiches mit Gleichem vergelten können, wie eS Männern geziemt. Glaubt ihr mir aber nicht, und geben wir Andern Gehör, so wird hinterdrein nicht mehr die Rede davon sein können, wie wir an Einem Rache nehmen können, sondern wenn es noch recht gut geht, werden wir uns mit denen vertragen müssen, die unsere größten Feinde sind, und gezwungen sein, die als Feinde zu betrachten, gegen die wir es am wenigsten sollten."

  2. 4.64.1

    „Ich nun, der doch — wie ich schon am Anfange gesagt habe — eine sehr große Stadt vertritt, die eher angreifend, als vertheidigend verfahren könnte, bin doch in Voraussicht jener Gefahren zu Zugeständnissen bereit und denke nicht, man solle seinen Feinden so weh thun, daß man selbst den größten Schaden dabei hat, noch auch bin ich so thöricht und rechthaberisch, zu glauben, daß ich über das Glück, dessen ich doch nicht Herr bin, ebenso frei und nach Willkür verfügen kann, wie über meine eigenen Absichten, sondern daß ich nachzugeben habe, so weit es billig ist; und auch von euch Andern verlange ich, daß ihr dasselbe thut und euch lieber unter einander nachgiebig zeigt, ehe ihr gezwungen werdet, es dem gemeinsamen Feinde gegenüber zu thun. Denn es ist durchaus nichts Schimpfliches, wenn Stammverwandte sich gegen einander friedwillig zeigen, Dorier gegen Dorier und Chalkidier gegen Chalkidier. Sind wir doch Alle Nachbarn, Bewohner Eines Landes, das überdieß noch ringsum durch das Meer abgeschlossen ist, und Alle tragen wir denselben Namen Sikelioten. Wir werden deßhalb auch in der Zukunft noch manchen Krieg führen, wenn Ursache vorhanden ist, und uns auch wieder versöhnen, nachdem wir unter uns gemeinsame Berathung gepflogen; gegen eindringende Fremde aber werden wir immer, wenn wir klug sind, zur Abwehr vereint zusammenstehen; denn der Schaden, welcher den Einzelnen treffen würde, bringt uns Allen Gefahr. Fremde Bundesgenossen oder Vermittler unserer Streitigkeiten aber wollen wir in Zukunft niemals mehr in's Land rufen. Denn wenn wir so handeln, so werden wir auch jetzt nicht die Schuld auf uns laden, Sicilien zweier großen Wohlthaten zu berauben, nämlich der Erlösung von den Athenern und vom inneren Krieg, und werden für die Zukunft uns das Vaterland frei erhalten und den feindlichen Absichten Anderer weniger bloßgestellt."

  3. 4.65.1

    Durch solche Worte des Hermokrates ließen sich die Sike lioten bestimmen, sich unter einander dahin zu einigen, daß dem Krieg ein Ende gemacht werde. Ein Jeder solle behalten, was er in Hän-, den habe; nur solle den Kamarinäern auch Morgantina gegen Zahlung einer bestimmten Summe an die Syrakusaner zufallen. Die Verbündeten der Athener beriefen nun deren Oberbeamte und theilten ihnen mit, daß sie unter sich einen Vergleich schließen wollten, und daß dieser auch für sie gelten sollte. Da jene einstimmten, so wurde der Vertrag abgeschlossen, und danach segelten die Schiffe der Athener von Sicilien ab. Nach ihrer Rückkunft aber bestrasten die Athener die Feldherrn Pythodoros und Sophokles mit Verbannung, den Eurymedon aber um eine Summe Geldes, weil sie in der Lage gewesen wären, in Sicilien Eroberungen zu machen, durch Geld bestochen aber das Feld geräumt hätten. So überhoben sie sich in ihrem Glücke, daß sie beanspruchten, Nichts könne sich ihnen entgegenstellen, und das Schwierigere nicht weniger als das Mögliche müsse ihnen mit geringeren Mitteln so gut, wie mit großen gelingen. Ursache war der unerwartete Erfolg in den meisten Unternehmungen, der ihre Hoffnung mächtig schwellte.

  4. 4.66.1

    In demselben Sommer geschah es, daß die Megarer in der Stadt, bedrängt von den Athenern, die alljährlich zwei Mal mit ihrer gesammten Macht in das Gebiet einfielen, und zugleich von Pegä aus durch ihre eigenen Flüchtlinge, welche bei einem Aufruhr durch die Volkspartei waren ausgetrieben worden und nun durch Plünderungszüge lästig fielen, sich unter einander beriethen, man solle die Vertriebenen wieder aufnehmen, damit nicht die Stadt, von zwei Seiten bedrängt, in's Verderben gerathe. Als nun die Freunde der Flüchtlinge merkten, welcher Wind wehe, so drangen sie noch offener darauf, als früher, daß der Vorschlag in Ausführung komme. Da erkannten nun die Vorsteher der Volkspartei, daß unter den gegenwärtigen Uebeln daS Volk sich mit ihnen nicht werde behaupten können, und unterhandelten deßhalb aus Furcht mit den Feldherrn der Athener, Hippokrates, dem Sohne des Ariphron, und Demosthenes, des Alkiphron Sohn, in der Absicht, ihnen die Stadt zu übergeben; denn sie meinten, dabei sei für sie eine geringere Gefahr, als wenn die von ihnen Ausgetriebenen zurückkehrten. Es wurde nun ausgemacht, daß die Athener zuerst die langen Mauern besetzen sollten, die sich in einer Länge von ungefähr acht Stadien^) von der Stadt bis zu ihrem Hafen Nisäa erstreckten, damit nicht die Peloponnesier, welche in Nisäa allein die Besatzung bildeten, um der Megarer versichert zu sein, von dort zu Hülfe kommen könnten; dann wollten sie auch die Stadt selbst ihnen in die Hände zu spielen versuchen; denn wenn jenes vorangegangen, stand eher zu erwarten, daß die in der Stadt sich fügen würden.

  5. 4.67.1

    Die Athener nun, nachdem beiderseits in Wort und Werk alle Vorbereitungen getroffen waren, segelten zur Nachtzeit gegen die Megarische Insel Minoa und setzten sich mit sechshundert Schwerbewaffneten, die Hippokrates anführte, in einem Graben fest, aus welchem der Letten zu den Mauerziegeln genommen wurde, und der nicht weit entfernt lag; die leichtbewaffneten Platäer aber und andere bewegliche Streitbare^) unter dem zweiten Feldherrn Demosthenes legten sich bei dem Arestempel in Hinterhalt, der noch weniger weit ablag; Niemand aber merkte etwas, ausgenommen die Männer, welche für diese Nacht davon in Kenntniß gesetzt werden mußten. Als eS nun eben Tag werden wollte, veranstalteten diejenigen unter den Megarern, welche die Stadt übergeben wollten, Folgendes: Sie hatten schon seit längerer Zeit für die Eröffnung des Thores vorgesorgt, indem sie gewöhnlich ein Boot mit Doppelrudern, um auf Seeraub auszugehen, auf einem Wagen zur Nachtzeit durch den Graben zum Meer brachten und dann ausliefen; dazu hatten sie den Befehlshaber sder peloponnesifchen Besatzung^ überredet; und ehe eS noch Tag wurde, führten sie es wieder auf dem Wagen bis zur Mauer und dann zum Thor hinein, damit die Athener auf Minoa nicht wüßten, wo sie aufzupassen hätten, da ein Fahrzeug im Hasen nicht sichtbar war. Damals stand nun der Wagen grade schon vor dem Thore, und als dieß, wie gewöhnlich, für das Boot geöffnet wurde, liefen die Athener, die dieß sahen, der Verabredung gemäß in vollem Laufe aus ihrem Hinter- halt heran, um noch hineinzukommen, bevor das Thor wieder ge- schlössen wäre, und so lange noch der Wagen, das Schließen hindernd, sich dazwischen befände. Mit ihnen gemeinsam hieben dann ihre Helfershelfer unter den Megarern die Wachen am Thore nieder. Zuerst drangen nun die Platäer und die leichten Streitbaren unter Demotshenes ein, dort, wo jetzt das Siegeszeichen steht; dann kam eS aber gleich innert der Thore zum Gefecht, da die zunächst stehenden Peloponnesier die Sache gemerkt hatten, und indem die Platäer die zu Hülfe eilenden zurückschlugen, hielten sie den anrückenden athenischen Schwerbewaffneten den Eingang frei.

  6. 4.68.1

    Danach griffen die Athener, sowie immer Einer nach dem Andern hereingekommen war, die Mauer an. Die Peloponnesische Besatzung hielt Anfangs zum kleinen Theil Stand und wehrte sich, wie denn auch Etliche von ihnen fielen; die Mehrzahl aber wandte sich zur Flucht, im Schrecken über den nächtlichen Anfall der Feinde und weil auch die den Verrath betreibenden Megarer gegen sie fochten, weßhalb sie denn auch glaubten, die Megarer insgesammt hätten sie verrathen. Zufällig hatte nämlich auch der Herold der Athener aus eigener Bewegung ausgerufen, wer von den Megarern wolle, könne Gewehr bei Fuß zu den Athenern treten. Als jene dieß hörten, hielten sie nicht mehr Stand, sondern in dem festen Glauben, von Beiden bekämpft zu werden, flohen sie nach Nisäa hinab.

  7. 4.68.2

    Mit Tagesanbruch, als die Mauer schon gewonnen war und die Megarer in der Stadt in Bewegung geriethen, sagten diejenigen, welche die Sache mit den Athenern eingefädelt hatten, und die Andern aus der Menge, die mit ihnen einverstanden waren, man solle die Thore öffnen und zum Kampf ausziehen. Sie hatten nämlich abgekartet, daß nach Eröffnung der Thore die Athener hereindringen sollten; sie selbst wollten sich aber, damit ihnen kein Leids geschehe, dadurch kenntlich machen, daß sie sich mit Oel salbten. Es wurde aber jetzt noch gefahrloser für sie, die Thore zu öffnen; denn der Verabredung gemäß waren von Eleusis her viertausend athenische Schwerbewaffnete und sechshundert Reiter die Nacht durch marschirt und bereits angekommen. Als sie nun schon gesalbt am Thore standen, theilte Einer der Mitwissenden den Andern die Verrätherei mit, und diese wandten sich nun insgesammt um und sagten, man dürfe weder gegen den Feind ausziehen — denn nicht einmal früher, bei größerer Macht, habe man das gewagt — noch auch die Stadt in so offenbare Gefahr stürzen; wenn aber Einer sich dem nicht fügen wolle, der werde es mit ihnen zu thun haben. Sie ließen aber Nichts merken, daß sie um die Verabredungen wußten, sondern stellten nur, als ob sie das Beste wollten, ihre Ansicht mit Nachdruck auf und blieben zugleich als Wache bei den Thoren, so daß die Verräther nicht durchsetzen konnten, was sie Willens waren.

  8. 4.69.1

    Da nun die Feldherrn der Athener sahen, daß irgend ein feindliches Hinderniß eingetreten sei und daß ihre Kraft nicht ausreichen werde, die Stadt im Sturme zu nehmen, so gingen sie sogleich daran, Nisäa mit Schanzen einzuschließen, weil sie dachten, wenn sie den Platz nehmen könnten, bevor ihm noch Zuzug käme, würde sich auch wohl Megara eher ergeben. Eiserne Werkzeuge und Steinmetzen und was sonst nöthig war, war aus Athen schnell zur Hand. Nun begannen sie bei den langen Mauern, die sie erobert hatten, zogen zwischen beiden gegen Megara hin eine Quermauer und dann von hier aus nach beiden Seiten hin eine Mauer bis zum Meer bei Nisäa. Graben und Mauerwerk vertheilte das Heer unter sich, indem sie Steine und Ziegel aus der Vorstadt nahmen und einzelne Bäume und Waldgehölz niedershclugen, um, wo es nöthig war, Verhaue herzustellen. Auch die Häuser der Vorstadt erhielten Brustwehren und konnten nun selbst als Verschanzungen dienen. Diesen ganzen Tag über blieben sie an der Arbeit, und als am folgenden Tage gegen Abend nur noch ein kleines Stück an der Mauer fehlte, geriethen die in Nisäa in Furcht wegen Mangels an Lebensmitteln — denn sie erhielten dieselben immer nur für einen Tag aus der oberen Stadt — und da sie auch glaubten, daß die Peloponnesier ihnen nicht so bald zu Hülfe kommen würden, und sie auch die Megarer sich feindlich gesinnt wähnten, so schloßen sie mit den Athenern einen Vergleich. Sie wollten jetzt ihre Waffen ausliefern, und dann solle sich jeder einzeln um ein bestimmtes Geldstück loskaufen; über die Lakedämonier aber, den Anführer nämlich und wer sonst noch mit darin war, sollten die Athener nach Gutdünken verfügen. Auf diese Bedingungen ergaben sie sich und zogen dann ab. Nun rissen die Athener die langen Mauern, da, wo sie an Megara anstießen, nieder, nahmen Nisäa in Besitz und trafen weiter ihre Anstalten.

  9. 4.70.1

    Damals nun stand grade der Lakedämonier Brasidas, Sohn des Tellis, in der Gegend von Sikyon und Korinth, einen Feldzug gegen Thrakien vorbereitend. Als dieser die Wegnahme der langen Mauern erfuhr, fürchtete er für die Peloponnesier in Nisäa, wie auch, daß Megara genommen werden könnte, und schickte zu den Böotiern mit der Aufforderung, ihm in aller Eile gegen Tripodiskos mit einem Heerhaufen entgegen zu ziehen — es ist dieß das Dorf dieses Namens aus dem Gebiet von Megaris, am Fuße des Geranischen Gebirges — und er selbst marschirte dahin mit zweitausend siebenhundert Sikyoniern, und wer sich sonst bereits um ihn geschaart hatte. Dabei glaubte er nämlich, Nisäa noch unerobert zu finden. Wie er aber den Stand der Dinge erfuhr — er war nämlich zur Nachtzeit gegen Tripodiskos ausmarshcirt — wählte er, bevor er noch ausgekundschaftet würde, dreihundert Mann aus seinem Heere und rückte unter die Mauern der Megarer, ohne daß die Athener es merkten, welche in der Küstengegend standen. Er wollte vorgeblich, und sofern es möglich wäre allerdings auch in der That, einen Versuch auf Nisäa machen, vorzüglich lag ihm aber daran, sich nach Megara zu werfen und sich diese Stadt zu sichern. Er verlangte nun, sie sollten ihn einlassen, vorgebend, er habe Hoffnung, Nisäa zurückzugewinnen.

  10. 4.71.1

    Von den Parteien unter den Megarern fürchteten aber nun die Einen, er möchte ihnen die Flüchtlinge zurückführen und sie selbst austreiben, und die Andern, daß die Volkspartei eben in jener Besorgniß über sie selbst herfallen werde, und daß die Stadt, während sie unter sich selbst im Kampfe seien, von den in der Nähe auflauernden Athenern genommen würde. So ließen sie ihn also nicht ein. sondern beschlossen, ruhig zuzusehen, was kommen werde; denn beide dachten auch, es werde zwischen den Athenern und denen, die zu ihrer Hülse ershcienen seien, zur Schlacht kommen, und so würden sie sich denen, welchen sie wohlwollten, wenn diese erst gesiegt hätten, mit mehr Sicherheit anschließen können. Brasidas aber, da er sie nicht zu überreden vermochte, zog sich wieder zu dem übrigen Heere zurück.

  11. 4.72.1

    Mit Tages Anbruch waren auch die Böoter da. Sie hatten nämlich, schon bevor Brasidas Botschaft schickte, im Sinne gehabt, Megara zu Hülfe zu ziehen, da die Gefahr sie auch anging, und tsanden schon mit gesammter Macht bei Platää. Als aber der Bote kam, beruhigten sie sich mehr und schickten zweitausend zweihundert Schwerbewaffnete und sechshundert Reiter ab; die Uebrigen gingen wieder nach Hause. Als nun das ganze Heer mit nicht weniger als sechstausend Schwerbewaffneten bei einander stand, während das schwere Volk der Athener um Nisäa und am Meere aufgestellt, ihre Leichtbewaffneten aber über die Ebene zerstreut waren, so fielen die Böotischen Reiter unversehens über die leichten Truppen her und trieben sie gegen das Meer hin. In den früheren Gelegenheiten war nämlich nie von irgend welcher Seite her den Megarern Hülse gekommen. Nun ritten aber auch die Athener dagegen an, so daß es zum Handgemenge kam; und lange dauerte dieß Reitergefecht, in welcbem beide Theile gesiegt haben wollen, denn dicht bei Nisäa hatten die Athener im Anreiten den Reiterführer der Böoter und einige Andere — doch nicht viele — getödtet, der Waffen beraubt und die Leichname behalten, die sie dann unter dem Schutze eines Waffenstillstandes Heraus- gaben und ein Siegeszeichen aufstellten. Doch wurde bei dem ganzen Znsammenstoß nichts Entscheidendes ausgerichtet, und die Böoter zogen sich auf die Ihrigen, die Andern nach Nisäa zurück.

  12. 4.73.1

    Danach rückte Brasidas mit seinem Heere naher an das Meer und die Stadt der Megarer, besetzte einen paffenden Platz und verhielt sich da ruhig, nachdem er sein Heer in Schlachtordnung aufgestellt, im Glauben, die Athener würden ihn angreifen, und wohl wissend, daß die Megarer nur abwarten wollten, für wen von Neiden sich der Sieg entscheiden werde. So glaubte er, daß er in beiderlei Hinsicht am besten fahren würde, einmal, insofern er nicht zuerst den Kampf beginnen und seinerseits die Gefahr heraufrufeu wurde, während er doch deutlich gezeigt hätte, daß er zur Abwehr bereit sei, und so der Sieg, ohne daß er eine Hand rührte, doch mit Recht ihm zugeschrieben würde, und dann treffe es sich auch zugleich gut in Bezug auf die Megarer. Denn hätte er sich diesen gar nicht im Anmärsche gezeigt, so wäre der Ausgang für ihn gar nicht zweifelhaft gewesen, sondern er hätte, als wäre er besiegt worden, die Stadt natürlich verloren. Nun könne eS sich aber auch treffen, daß die Athener aus freien Stücken gar nicht kämpfen wollten, und dann würde ihm ohne Kampf das zufallen, weßhalb er gekommen sei. Und so kam es auch wirklich. Denn da die Athener zwar auszogen und sich an den langen Mauern hin in Schlachtordnung aufstellten, aber, da jene nicht angriffen, sich ebenfalls ruhig verhielten, weil ihre Anführer der Meinung waren, daß für sie, denen bis jetzt das Meiste nach Wunsch ausgegangen, die Gefahr nicht gleich abgewogen sei, wenn sie selbst den Kampf gegen die Ueberzahl anfingen und entweder als Sieger Megara nähmen, oder als Besiegte um den besten Theil ihres schweren Volkes geschwächt würden, während bei jenen natürlich jeder Theil der Gesammtmacht und der Anwesenden bereit sei, etwas zu wagen ^), so blieben sie eine Zeitlang ruhig stehen, und da von keiner Seite etwas unternommen wurde, so zogen zuerst die Athener wieder nach Nisäa ab und dann auch die Peloponnesier nach ihrem früheren Standort.

  13. 4.74.1

    So öffneten denn die Megarer, welche zur Partei der Flüchtlinge gehörten, bereits zuversichtlicher geworden, dem Brasidas selbst und den von den Städten anwesenden Feldherrn ihre Thore, gleich als hätten diese gesiegt und als ob die Athener nicht weiter mehr fechten wollten, und traten, nachdem jene eingelassen waren, mit ihnen in Unterhandlung, während die, welche mit den Athenern verhandelt hatten, bereits den Kopf ganz verloren. Danach, als die Bundesgenossen nach ihren Städten entlassen waren, ging Brasidas selbst wieder nach Korinth und rüstete zum Zuge gegen Thrakien, wohin er von vorn herein gewollt hatte. Als nun auch die Athener wieder nach Hause abzogen, verließen auch diejenigen Megarer, welche sich an den Verhandlungen mit den Athenern am meisten betheiligt hatten, wohl wissend, daß dieß nicht unbemerkt geblieben sei, sofort heimlich die Stadt; die Uebrigen trafen gemeinsame Verabredung mit der Partei der Flüchtlinge und führten diese aus Pegä zurück, nachdem sie sich die heiligsten Eide geschworen hatten, keiner Beleidigung mehr zu gedenken, sondern fürder nur das gemeinsame Beste der Stadt im Auge haben zn wollen. Nachdem aber jene erst die Staatsämter in Händen hatten, veranstalteten sie eine Waffenmusterung, ließen dabei die Abtheilungen aus einander treten, lasen ihre Feinde und diejenigen heraus, welche sich am meisten mit den Athenern eingelassen zu haben schienen, ungefähr hundert Personen, und nöthigten das Volk, über dieselben öffentlich abzustimmen, und richteten sie nach der Schuldigerklärung hin. Der Stadt gaben sie eine fast ganz oligarchische Verfassung, und diese Staatsumwälzung, welche in Folge der Parteistreitigkeiten nur durch sehr wenige Männer in's Werk gesetzt wurde, blieb eine sehr lange Zeit bestehen.

  14. 4.75.1

    In demselben Sommer, als Antandros von den Müylenäern, wie sie im Plan hatten als Festung hergestellt werden sollte, befanden sich Demodokos und Aristides, die Oberbeamten der Athener, welche die Steuern zu sammeln hatten, in der Gegend des Hellespont — Lamachos, der dritte von ihnen, war mit zehn Schiffen in den Pontos ^schwarzes Meer^ eingesegelt. Da diese nun die Anstalten zur Befestigung der Stadt wahrnahmen und ihnen Gefahr zu fein schien, daß daraus ein Platz werde wie Anäa gegen Samos ^), wo sich die Flüchtlinge der Samier festgesetzt hatten und den Peloponnesiern Vorschub leisteten, indem sie ihnen Steuerleute für ihre Flotte schickten und die Samier in der Stadt beunruhigten und ihre Flüchtlinge aufnahmen, so sammelten sie also ein Heer von den Bundesgenossen, gingen in See, besiegten die aus Antandros gegen sie Anrückenden in einer Schlacht und nahmen den Ort wieder. Nicht lange danach verlor Lamachos, der in den Pontos eingesegelt und im Gebiete von Heraklea in der Mündung des FlusseS Kalex vor Anker gegangen war, seine Schiffe, da sich ein Wolkenbruch ereignete und die Wassersluth ganz plötzlich hereinbrach. Er selbst und sein Heer kam aus dem Landwege durch das Gebiet der Bithynischen Thraker, welche jenseits in Asien wohnen, nach Chalkedon an der AuSmündung des PontoS, einer Pflanzstadt der Megarer.

  15. 4.76.1

    In demselben Sommer kam auch Demotshenes, Feldherr der Athener, mit vierzig Schiffen nach Naupaktos, sogleich nach dem Abzug aus MegariS, denn mit ihm und Hippokrates wurden in Betreff der Böotischen Verhältnisse Seitens einiger Männer auS den Städten Verhandlungen gepflogen, welche die dortige Ordnung ab--' ändern und in eine Demokratie, wie die Athener sie hatten, umwan- ( deln wollten, und besonders auf Eingeben des Ptöodoros, eines Flüchtlings aus Theben, wurden die folgenden Veranstaltungen eingeleitet 2?*). Das Städtchen Siphä sollte durch Einige übergeben werden. Siphä liegt aber am Meer auf Thespischem Gebiete im Busen von Krisa. Chäronea aber, welches, früher das Minyeifche, jetzt dasBöotische genannt, an Orchomenos Steuern zahlt, sollten Andere aus Orchomenos übergeben. Die Flüchtlinge der Orchomenier waren dabei am meisten thätig und mietheten Leute aus dem Peloponnes; Ehäronea ist die äußerste Stadt Böotiens und stößt an die Phanotidische Landschaft in Phokis, und es waren auch einige Phokier Theilnehmer des Planes. Die Athener aber sollten Delion wegnehmen, welches dem Apollo geweiht ist und auf dem Gebiet von Tanagra, Euböa zugewendet, liegt. Dieß Alles sollte an einem bestimmten Tage zu gleicher Zeit geschehen, damit nicht die Böotier vereinigt zur Abwehr heranziehen könnten, sondern jede Stadt mit sich selbst genug zu thun hätte. Und wenn der Versuch gelingen sollte und Delion befestigt wäre, so möchten, hofften sie, wenn auch nicht gleich für den Augenblick eine Umwälzung in den Böotischen Verfassungen stattfände, doch die Dinge im Lande leicht eine Veränderung erleiden, wenn jene Plätze besetzt gehalten und das Land verwüstet würde, während sich auch Keiner weit von seinem Herde entfernen dürfte, und so könnten sie mit der Zeit die Sachen dort sich nach Wunsche einrichten, indem die Athener den Abgefallenen zu Hülfe zögen, und jene ihre Macht nie an einem Ort bei einander hätten.

  16. 4.77.1

    Dieß war der entworfene Angriffsplan; Hippokrates selbst wollte zu gelegener Zeit mit dem Heere aus der Stadt gegen die Böotier ausziehen, den Demotshenes aber schickte er mit vierzig Schiffen nach Naupaktos, damit er aus jener Gegend unter den Akarnanern und übrigen Bundesgenossen ein Heer sammle und gegen Siphä segele, von dem man erwartete, daß es durch Verrath übergehe. Der Tag, an welchem Beides zugleich geschehen sollte, war unter ihnen verabredet. Demosthenes nun, als er ankam, fand Oeniadä durch sämmtliche Akarnaner genöthigt, dem Waffenbund der Athener beizutreten, und rief selbst die ganze Bundesmacht in jener Gegend unter die Waffen, und nachdem er zuerst gegen Salynthios und die Agräer ausgezogen war und sie unterworfen hatte, traf er die übrigen Anstalten, um zur bestimmten Zeit gegen Siphä zu ziehen.

  17. 4.78.1

    Um dieselbige Zeit in diesem Sommer marschirte Brasidas mit taufend und siebenhundert Schwerbewaffneten gegen die diesseitige Gränzlandschaft von Thrakien, und als er in dem Trachinischen Hcraklea angekommen war und einen Boten an seine Freunde nach Pharsalos geschickt hatte, mit der Bitte, ihn und sein Heer durch das Land zu geleiten, kamen zu ihm nach dem Achaischen Melitia Panäros und Doros und Hippolochidas und Torylaos und Strophakos, der Staats-Gastfreund der Chalkidier, und dann setzte er seinen Marsch fort. Aber auch noch andere Thessaler und unter diesen Nikonidas aus Larissa, Freund des Perdikkas, gaben ihm das Geleite. Denn durch Thessalien ist auch sonst überhaupt nicht leicht durchzukommen ohne Geleitsmann, geschweige denn gar bewaffnet, wie denn auch bei sämmtlichen Hellenen sich Jeder wohl bedenken würde, fremdes Gebiet zu durchziehen, ohne die Erlaubniß dazu erwirkt zu haben; auch war die große Masse der Thessaler immer den Athenern zugeneigt. Wenn also bei den Thessalern im Lande nicht die Gewaltherrschaften in größerer Zahl bestünden, als Staaten mit Rechtsgleichheit für Alle, so wäre er gar nicht vorwärts gekommen, zumal sogar unter diesen Umständen Leute von der Gegenpartei seiner Freunde sich am EnipeuSflusse, seinen Marsch aufhaltend, in den Weg stellten und ihm sagten, daß er Unrecht thue, so ohne Erlaubniß ihrer Oberbehörde daherzumarfchiren. Seine Geleitsmänner gaben zur Antwort, sie würden auch gegen den Willen jener gar nicht das Geleit übernom- y men haben, aber er sei ganz plötzlich erschienen, und so geleiteten sie ihn eben, weil sie seine Gastsreunde seien. AuchBrasidas selbst redete ihnen zu, er komme als ihr und Thessaliens Freund und trage die Waffen gegen seine Feinde, die Athener, und nicht gegen sie, und er wisse auch gar Nichts davon, daß zwischen Thessalern und Lakedämoniern Feindschaft herrshce, so daß Einer das Land des Andern nicht betreten dürfe; und auch jetzt wolle er seinen Marsch nicht gegen ihren Willen fortsetzen und er könne es auch nicht; doch erwarte er auch nicht, daß sie ihn hindern wollten. Jene nun zogen, nachdem sie dieß gehört hatten, wieder ab, er aber setzte aus den Rath seiner Geleitsmänner, bevor ein neues größeres Hinderniß einträte, seinen Weg ohne Aufenthalt im Eilmarsch fort. An demselben Tage, an welchem er von Melitia aufgebrochen war, kam er auch noch bis PharsaloS, wo er sich am Flusse Apidanos lagerte, und von hier nach Phakion und von da weiter nach Perrhäbia. Hier gingen die Thessalischen Geleitsmänncr wieder zurück, und nun brachten ihn die Petr heber, Unterthanen derThessaler, nach Dion im Gebiet des Perdikkas, einem Makedonischen Städtchen gegen die Thessalische Gränze hin am Fuß des Olumpos gelegen.

  18. 4.79.1

    Auf diese Weise war Brasidas in aller Geschwindigkeit noch schnell genug durch Thessalien gekommen, bevor sich Jemand ihn zu hindern anschicken konnte, und kam zum Perdikkas und nach Ehalkidike. Die aus der Thrakischen Halbinsel von den Athenern Abgefallenen nämlich und Perdikkas hatten aus Furcht bei dem Glücke der Athener das Heer aus dem Peloponnes herangezogen, — die Chalkidier nämlich in der Meinung, daß die Athener sie zuerst sich zum Ziele nehmen würden; und mit ihnen hatten auch die noch nicht abgefallenen Nachbarstädte sich heimlich bei der Herbeiziehung des Heeres betheiligt; — Perdikkas aber war zwar noch kein erklärter Feind, schwebte aber doch in Furcht wegen alter Streitpunkte mit den Athenern und wollte sich vor allen Dingen den Arrhibäos, König der Lynkester^), unterwerfen. Das damalige Mißgeschick der Lakedämonier traf sich nun für sie ganz glücklich, insofern sie jetzt leichter ein Hülfsbcer aus dem Peloponnes erhielten.

  19. 4.80.1

    Da nämlich die Athener den Peloponnes und vorzugsweise ihr eigenes Gebiet bedrängten, so hofften die Lakedämonier, sich dieselben dadurch am Leichtesten vom Hals zu schaffen, wenn sie ihnen auch ihrerseits empfindlich weh thäten, indem sie ein Heer in das Gebiet ihrer Bundesgenossen schickten, zumal diese selbst erbötig waren, dasselbe auf eigene Kosten zu ernähren, und sie selbst zur Unterstützung ihres Abfalls herbeiriefen. Zugleich gewannen sie damit einen erwünschten Vorwand, einen Theil der Heloten auszusenden, damit diese nicht unter den gegenwärtigen Umständen, wo Pylos in fremdem Besitz war, eine Umwälzung herbeiführten. Auch hatten sie, aus Furcht vor deren junger Mannschaft und großer Zahl, bereits Folgendes gegen sie in's Werk gesetzt: — denn von jeher hatten die meisten Maßregeln der Lakedämonier den Zweck, sich gegen die Heloten sicher zu stellen — Sie machten bekannt, wer unter ihnen recht tüchtig zu sein glaube, ihnen im Kriege zu dienen, der solle sich mustern lassen, gleich als wollten sie ihnen die Freiheit schenken, in der That aber, um eine Probe zu machen ; denn sie dachten, wer von jenen am meisten nach der Freiheit strebe, der werde auch in mannhaftem Ehrgefühl zuerst bereit sein, über sie herzufallen. So wurden ihrer gegen zweitausend ausgelesen, die dann bekränztes Hauptes als Befreite in den Tempeln umherzogen; die Lakedämonier'aber ließen sie bald danach verschwinden, ohne daß irgend Jemand merkte, wie Jeder von ihnen nm's Leben kam. Auch jetzt ergriffen sie gern die Gelegenheit, ihrer siebenhundert, als Schwerbewaffnete ausgerüstet, dem Brasidas mitzugeben; die Uebrigen, die er mitführte, hatte er gegen Sold aus dem Peloponnes gedungen.

  20. 4.81.1

    Den Brasidas grade hatten die Lakedämonier deßhalb ausgesandt, weil er es selbst wünschte; auch hatten die Chalkidier ihn vorgezogen, als einen Mann, der in Sparta den Ruf hatte, daß er« zu jeder Unternehmung Geschick und Kraft besitze, und in der That erwies er sich bei diesem Zuge den Lakedämoniern höchst nützlich. Denn indem er sich von vorn herein als einen gerechten und mäßigen Mann zeigte, brachte er die meisten dortigen Ortschaften auf die Seite der Städte, andere nahm er durch Verrath, so daß die Lakedämonier für den Fall, daß sie einmal Frieden schließen wollten, was sie ja auch thaten, Plätze zum Austausch und zum Loskauf in Händen hatten, und überdieß ein Theil der Kriegslast von den Schultern der Peloponnesier genommen wurde. Und auch für den Krieg, welcher einige Zeit nach den sieilifchcn Ereignissen eintrat, bewirkte die damals erprobte Rechtschaffenheit und Verständigkeit des Brasidas vorzugsweise, daß die Bundesgenossen der Athener sich den Lakedämoniern zuwendeten, indem die Einen sie selbst erfahren hatten und die Andern nach dem, was sie hörten, daran glauben mußten. War er doch der Erste, der dorthin kam, und da er sich in allen Stücken als einen braven Mann zeigte, so ließ er die feste Voraussetzung zurück, daß auch die andern Lakedämonier Männer seines Schlages seien.

  21. 4.82.1

    Als er nun damals in den Thrakischen Granzlandschasten angekommen war, und die Athener davon Kenntniß erhielten, so erklärten sie den Perdikkas als Feind, weil sie ihn für die Ursache des Zuges hielten, und sorgten für bessere Ueberwachung der dortigen Bundesgenossen. Perdikkas aber verstärkte sogleich seine eigene Macht durch den Brasidas und dessen Heer und zog gegen seinen Gränznachbar Arrhibäos, deS Bromeros Sohn, König der Lynkestischen Makedonien zu Felde, mit dem er Streit hatte, um ihn zu unterwerfen.

  22. 4.83.1

    Als aber Perdikkas mit dem Heere schon beim Passe Lynkos stand, erklärte Brasidas, er wolle zuerst wo möglich durch gütliche Ueberredung den Arrhibäos als Bundesgenossen für die Lakedämonier zu gewinnen suchen, bevor man zu den Feindseligkeiten schreite. Arrhibäos hatte nämlich schon durch den Herold etwas davon merken lassen, daß er bereit sei, sich dem Schiedsgericht des Brasidas zu unterwerfen, und auch die anwesenden Chalkidischen Gesandten gaben ihm an die Hand, er solle doch dem Perdikkas nicht alle Schwierigleiten aus dem Wege räumen, damit er sich leichter herbeilasse, auch zu ihrem eigenen Nutzen thätig zu sein. Auch hatten die Gesandten des Perdikkas in Lakedämon ein Versprechen der Art gegeben, als mache er sich anheischig, ihnen aus seinen Nachbarländern zahlreiche Bundesgenossen zu gewinnen, so daß Brasidas, sich daraus berufend, das Verhältniß zum Arrhibäos lieber vom Standpunkt der Gemeinsamkeit ordnen wollte. Perdikkas aber erklärte, er habe den Brasidas nicht zum Schiedsrichter ihrer Streitigkeiten herbeigerufen, sondern damit er die Feinde unschädlich mache, die er ihm bezeichne, und es sei auch deßhalb ein Unrecht, mit dem Arrhibäos zu unterhandeln, weil er die Kosten der Ernährung des Heeres zur Hälfte trage. Aber auch gegen den Willen des Perdikkas und im Zerwürfniß mit ihm kam Brasidas mit jenem zusammen und wurde von ihm überredet, sein Heer zurückzuziehen, bevor er noch in sein Gebiet eingefallen war. Perdikkas aber, im Glauben, daß ihm Unrecht geschehe, bezahlte von jetzt an, anstatt der halben Unterhaltungskosten, nur den dritten Theil.

  23. 4.84.1

    Bald danach, in demselben Sommer, kurz vor der Zeit der Weinlese, zog Brasidas mit Chalkidischen Hnlsstruppen gegen Manthos, eine Pflanzstadt der Andrier^'), zu Felde. Diese aber geriethen unter einander in Streit, ob sie ihn ausnehmen sollten, oder nicht; einerseits nämlich diejenigen, welche ihn im Einvernehmen mit den Chalkidiern herbeigerufen hatten, und die Volkspartei andererseits. Dennoch ließ sich das Volk, aus Furcht um seine Aernte, die noch auf den Halmen stand, bewegen, den Brasidas allein einzulassen, um nach Anhörung seiner Vorschläge Beschluß zu fassen. Er trat nun vor dem Volke auf — denn für einen Lakedämonier war er der Rede nicht unmächtig — und sprach so:

  24. 4.85.1

    „Daß ich und dieß Heer von den Lakedämoniern ausgesandt worden sind, ihr Akanthier, ist zur Bethätigung dessen geschehen, was wir beim Beginne des Krieges erklärt haben, daß wir nämlich Krieg gegen die Athener führen, um Hellas frei zu machen. Wenn wir aber erst nach so geraumer Zeit hieher kommen, getäuscht in der aus den dortigen Kämpfen gewonnenen Ansicht, wonach wir der Athener allein, ohne euch mit in die Gefahr zu ziehen, in Bälde Meister zu werden hofften, so möge uns deßhalb Niemand tadeln. Denn jetzt, sobald es nur anging, sind wir wirklich da und werden mit euch ver­ suchen, sie niederzuwerfen. Ich wundere mich aber, daß ihr die Thore vor mir verschließet und daß ich euch nicht erwünscht komme. Denn< wir Lakedämonier glaubten, zu Solchen zu kommen, die auch schon vor unserer wirklichen Ankunft uns wenigstens der Gesinnung nach Verbündete seien, und daß wir euch erwünscht kommen werden, und nur deßhalb haben wir die so große Gefahr eines vieltägigen Marsches durch fremdes Gebiet nicht gescheut und auch sonst allen Eifer aufgeboten. Solltet ihr aber etwas Anderes im Sinne haben, oder auch gar eurer und der andern Hellenen Freiheit in den Weg stellen wollen, so wäre das sehr schlimm; und zwar nicht allein, weil ihr selbst mir entgegentretet, sondern auch weil von denen, zu welchen ich noch komme, schon Mancher sich mir nicht so leicht anschließt, indem er ein Haar darin findet, daß ihr mich nicht aufgenommen habt, zu denen ich zuerst gekommen bin, und die ihr eine ansehnliche Stadt vorstellet und für verständige Leute geltet. Und ich wüßte dafür keinen andern triftigen Grund anzugeben, als entweder, daß ich euch eine Freiheit biete, die anzunehmen unrecht ist, oder daß ich zu schwach und ohnmächtig dastehe, um euch gegen die Athener zu schützen, wenn sie angreifen sollten; obwohl die Athener nicht den Muth hatten, daSHeer, welches ich hier bei mir habe, als ich mit demselben Nisäa zu Hülfe zog, trotz ihrer Uebermacht anzugreisen; und es ist doch nicht wahrscheinlich, daß sie aus einer Flotte ein Heer gegen euch absenden werden, das zahlreicher ist, als das bei Nisäa!"

  25. 4.86.1

    „Ich selbst bin nicht in schlimmer Absicht, sondern zur Befreiung der Hellenen hiehergekommen und habe zuvor die Obrigkeiten der Lakedämonier sich durch die schwersten Eide verpflichten lassen. daß die Bundesgenossen, welche ich etwa gewinne, ihre selbstständige Verfassung behalten sollen; auch bin ich nicht hier, um euch durch Gewalt oder List zum Waffenbunde mit uns zu bewegen, sondern im Gegentheil, um aus eurer Seite, die ihr von den Athenern geknechtet seid, zu kämpfen. Ich erwarte nun auch, daß ich für euch nicht ein Gegenstand des Argwohns sei, nachdem ich die sichersten Bürgschaften gegeben habe,und daß ihr mich nicht für zu ohnmächtig zn euerem Schutze haltet, sondern vertrauensvoll aus meine Seite tretet. Wenn aber Einer aus persönlichen Rücksichten fürchtet, ich werde die Regierung eurer Stadt einer gewissen Partei in die Hände spielen, und wer deß- halb Unlust empfindet, der darf von Allen am meisten voller Zuversicht sein. Denn ich bin nicht gekommen, um für eine Partei zu fechten, und denke auch nicht, eine zweideutige Freiheit anzubieten, wie wenn ich mit Beseitigung der hergebrachten Verfassung die Mehrzahl einer Minderzahl, oder die Minderzahl der großen Masse in die Hände liefern wollte. Denn ein solcher Zustand wäre drückender, als fremde Herrschaft, und wir Lakedämonier würden damit auch für unsere Mühe keinen Dank einärnten, vielmehr, anstatt Ruhe und Ehre, eher Vorwürfe, und wir würden die Beschwerden, derentwegen wir gegen die Athener Krieg führen, offenbar noch in gehässigerer Art uns selbst zuziehen, als jene, die von vorn herein aus Rechtlichkeit keinen Anspruch machen. Denn dem, der für mächtig gilt, ist eS schimpflicher, unter ehrbarem Vorwand durch List, als durch offene Gewalt seinen Vortheil zu suchen. Im letzteren Falle greift man an, weil man sich im Besitze der Uebermacht fühlt, welche ein Geschenk des Schicksals ist, im ersteren aber mit der Arglist betrügerischer Gesinnung. So sehr erwägen wir mit genauester Umsicht, waS uns srommt."

  26. 4.87.1

    „Außer jenen Eidschwüren könnte euch Niemand eine stärkere Bürgschaft dafür geben, daß das, was er gesagt hat, auch wirklich nützlich ist, als wer durch seine Thaten, wenn solche mit seinen Worten zusammengehalten werden, sich Glauben erzwingt. Wenn ihr aber auf diese meine Anerbietungen antworten solltet, ihr sähet euch außer Stande dazu, und daß ihr bei eurer wohlwollenden Gesinnung gegen uns glaubt, sie zurückweisen zu dürfen, ohne daß euch daraus Schaden erwachsen sollte, und die angebotene Freiheit erscheine euch nicht gefahrlos, und es sei passender, sie Solchen anzutragen, die in der Lage wären, sie annehmen zu können, auszwingen aber sollten wir sie Niemanden, so werde ich die Götter und Heroen dieses Landes zu Zeugen aufrufen, daß ich, mit guter Absicht hiehergekommen, euch nicht überreden konnte, und werde euch durch Verwüstung eures Landes zu zwingen suchen; und dabei werde ich die Ueberzeugung haben, kein Unrecht zu thun, vielmehr sehe ich meine Rechtfertigung in zwei zwingenden Gründen, einmal, so weit es die Lakedämonier angeht, damit sie, falls ihr bei all' eurer Wohlgesinntheit gegen uns euch doch nicht zum Beitritt bewegen lasset, durch eure Geldleistungen an die Athener nicht zu Schaden kommen, und — insofern es die Hellenen betrifft — damit sie durch euch nicht gehindert werden, sich ihrer Knechtschaft zu entledigen. Andere Beweggründe freilich würden uns, mit Unrecht zu solcher Handlungsweise veranlassen, und wir Lakedämonier haben auch keinen Beruf, Andere gegen ihren Willen frei zu machen, außer wenn ein gemeinsamer Vortheil es verlangt. Und wir streben auch gar nicht nach Herrschaft, sondern weil wir es uns zur Aufgabe machen, Andern die Lust zum Herrshcen zu benehmen, würden wir doch an der Mehrzahl Unrecht thun, wenn wir bei unserm Willen, Allen freie Verfassung zu gewähren, euren Widerstand übersehen wollten. Darüber also fasset nun einen weisen Beschluß und setzt eine Ehre darein, die Erstlinge der Freiheit unter den Hellenen gepflückt zu haben und euch unvergänglichen Ruhm zu erwerben. So werdet ihr auch ein Jeder sein Eigenthum unbeschädigt bewahren und der ganzen Stadt den Kranz des ruhmvollsten Namens gewinnen."

  27. 4.88.1

    So sprach Brasidas. Die Akanthier aber, nachdem zuerst viel dafür und dawider geredet worden war, stimmten heimlich ab, und weil die Worte des Brasidas sie gewonnen hatten und sie auch wegen der Feldfrucht fürchten mußten, so stimmte die Mehrzahl für den Abfall von den Athenern, und nachdem sie ihn auf die Eide verpflichtet hatten, welche die Obrigkeiten der Lakedämonier bei seiner Absendung geschworen hatten, daß alle Bundesgenossen, die er gewinne, gewiß ihre freie Verfassung behalten sollten, so nahmen sie sein Heer in die Stadt auf. Und nicht lange danach fiel auch Stageiros, eine Pflanzstadt der Andrier, ebenfalls ab. Das waren die Ereignisse dieses Sommers.

  28. 4.89.1

    Im folgenden Winter, sogleich nach dessen Anfang, als dem Hippokrates und Demotshenes, den Feldherrn der Athener, die Plätze in Böotien übergeben werden sollten, wozu Demotshenes mit den Schissen vor Siphä, jener aber bei Delion eintreffen sollte, fand ein Irrthum wegen der Tage statt, an welchen beide ausziehen sollten, indem zuerst Demotshenes mit Akarnanern und vielen dortigen Bundesgenossen auf seinen Schissen gegen Siphä segelte, aber Nichts ausrichten konnte, weil der Plan von NikomachoS, einem Phokischen Manne aus Phanoteus, verrathen worden war, indem dieser den Lakedämoniern, diese aber den Böotern Mittheilung gemacht hatten. Da nun von sämmtlichen Böotern Hülfszuzug erfolgte, weil Hippokrates noch nicht im Lande stand und ihnen gleichzeitig Schaden zufügte, so wurden Siphä und Chäronea noch vorher rechtzeitig besetzt. Als aber die Anstifter des Verrathes dieß merkten, so ließen sie es in den Städten gleichfalls beim Alten und verhielten sich ruhig.

  29. 4.90.1

    Hippokrates seinerseits rief die Athener insgesammt und, wie die Bürger, so auch die Beisitzer und was an Miethstruppen da war, unter die Waffen und kam etwas später vor Delion an, als die Böoter von Siphä sich bereits wieder zurückgezogen hatten. Er ließ dann sein Heer Stellung nehmen und befestigte Delion, das ein Heiligthum des Apollo ist, auf folgende Weise. Rings um den geweihten Ort und den Tempel zogen sie einen Graben, warfen den Schutt aus den Gruben anstatt einer Mauer auf, und schlugen neben demselben hin Pfähle ein. Den Weinberg ringS um das Heiligthum schlugen sie ans, um die Reben in die Pallisaden einzuflechten, und nahmen auch Steine und Ziegel aus den Ruinen der nahestehenden Häuser und suchten auf jede Weise den Wall in die Höhe zu bringen. Auch hölzerne Thürme errichteten sie, wo die Gelegenheit es erlaubte und vom Mauerwerk des HeiligthumS Nichts mehr vorhanden war; denn die Halle, welche früher dagestanden hatte, war eingestürzt. Am dritten Tage, nachdem sie von Hause ausgezogen, gingen sie an die Arbeit, und blieben daran diesen und den vierten Tag und auch am fünften noch bis zur Zeit des Frühmahls; danach, als der größte Theil der Arbeit gethan war, zog zuerst das Heer von Delion ab und machte auf dem Weg nach Hause ungefähr zehn Stadien. Hier lagerten sich die Schwerbewaffneten, um auszuruhen, während die Mehrzahl der leichten Truppen sogleich weiter marschirte. Hippokrates aber blieb zurück und traf noch Anordnungen wegen der Besatzung und wie man das, was an der Befestigung noch fehlte, ausführen sollte.

  30. 4.91.1

    In diesen Tagen sammelten sich aber die Böoter bei Tanagra, und als bereits von allen Städten Zuzug da war und sie merkten, daß die Athener bereits wieder aus dem Marsch nach Hause seien, und von den übrigen Böotarchen, deren Zahl eils ist, keiner sür eine Schlacht stimmte, weil die Feinde nicht mehr auf Böotifchem Gebiete stünden — denn die Athener, als sie sich lagerten, befanden sich ungefähr auf dem Gränzgebiet von Oropia — da trat Pagondas auf, des Aeoladas Sohn, der mit Arianthidas, dem Sohne des Lysi machidas, aus der Mitte der Thebaner, Bootarch war, — theils weil er unter seinem Oberbefehl eine Schlacht liefern wollte, theils auch, weil er wirklich glaubte, es sei besser, die Waffen entscheiden zu lassen, — und rief dieAbtheilungen einzeln auf, damit sie nicht insgesammt die Aufstellung verließen, und redete den Böotern zu, die Athener anzugreifen und den Kampf zu wagen, indem er sprach :

  31. 4.92.1

    „Es hätte, ihr Böotischen Männer, keinem unserer Feldherrn auch nur der Gedanke kommen dürfen, daß wir uns mit den Athenern, wenn wir sie nicht mehr auf Böotifchem Grund und Boden anträfen, nicht in eine Schlacht einlassen sollten. Denn sie sind aus dem Gränzland herübergekommen, haben auf unserem Gebiet eine Verschanzung erbaut und schicken sich an, Böotien zu verheeren. Sie sind doch wohl also unsere Feinde, an welchem Orte sie auch von uns getroffen werden, und woher sie auch gekommen sein mögen, um sich als Feinde zu betragen. Wenn aber jetzt Einer dafür halten sollte, daß jene Ansicht größere Sicherheit geweihre, so ändere er nur seine Meinung! Denn die Klugheit läßt bei denen, welchen ein Anderer zu Leibe geht, in Betreff des eigenen Landes nicht solche ängstliche Ueberlegung zu, wie bei demjenigen, der, im Besitze des eigenen Grundes und Bodens, von Habgier getrieben, einen Andern aus freien Stücken angreist. Es ist aber von euren Vätern ererbte Weise, das Heer eines fremden Angreifers, sei es nun aus dem eigenen, oder auf fremdem Boden, wieder anzugreifen, und das muß den Athenern gegenüber, die dazu noch unsere Gränznachbarn sind, am allermeisten geschehen. Denn darauf, daß man seinen Nachbarn gewachsen ist, beruht sür Alle die Freiheit; und wie sollte man es gegenüber solchen, die nicht nur ihre Nachbarn, sondern sogar weit Abgelegene zu knechten trachten, im Kampfe nicht auf's Aeußerste ankommen lassen! Als warnendes Beispiel haben wir das vor uns liegende Euböa, wie es da und auch im größten Theil des übrigen Hellas aussieht. Wir müssen einsehen, daß, während anderwärts Nachbarn um ihre Gränzgebiete sich Schlachten liefern, bei uns, wenn wir erst besiegt sind, für unser ganzes Land unwiderruflich Eine Gränze gesteckt ist; denn sind sie erst eingedrungen, so werden sie uns mit Gewalt Alles abnehmen. So viel größer ist die Gefahr, als anderwärts, die uns aus solcher Nachbarschaft droht! Wer, wie die Athener jetzt, im pochenden Ver- trauen auf seine Macht Andere angreift, verpflegt denjenigen, der sich nicht viel rührt und sich nur aus eigenem Boden zur Wehr setzt, um so ungescheuter mit Krieg zu überziehen, dagegen dem, der ihm über seine eigenen Gränzen entgegenrückt und, wenn die Gelegenheit es gibt, selbst angriffsweise verfährt, weniger kräftig zu widerstehen. Einen Beweis hievon haben wir grade an den Athenern. Denn dadurch, daß wir sie bei Koronea angegriffen und besiegt haben, damals, als sie bei unserer inneren Entzweiung die Herrn in unserem Lande spielten, haben wir dem böotischen Gebiete bis auf diese Tage Ruhe vor ihnen verschafft. In der Erinnerung daran sollen wir Aelteren unsern eigenen früheren Thaten wieder gleichkommen, die Jüngeren aber, als Söhne der Väter, die damals sich als Tapfere gezeigt, sollen streben, den Tugenden ihres eigenen Blutes keine Schande zu machen. Vertrauen müssen wir auch, daß der Gott auf unserer Seite stehen werde, dessen Heiligthum jene gegen göttliches Recht befestigt haben und wie in ihrem Eigenthume darin schalten, — vertrauen auch auf die heiligen Opferzeichen, die uns Glück verheißen, und so diese angreifen und ihnen zeigen, daß, wonach sie streben, sie sich anderwärts holen sollen, bei Solchen, die nicht zu fechten wissen; daß sie aber bei Männern, denen es ererbte Pflicht ist, für die Freiheit ihres eigenen Landes immer im Kampfe einzustehen, fremdes aber nicht mit Unrecht zu knechten, nicht ohne Kampf davonkommen."

  32. 4.93.1

    Durch diese Worte der Aneiferung überredete Pagondas die Böoter zum Angriff auf die Athener, ließ das Heer aufbrechen und setzte es eilig in Marsch; denn es war schon spät in der Tageszeit. Als er aber in die Nähe des feindlichen Heeres gekommen war, ließ er die Seinigen an einer Stelle Halt machen, wo beide Theile eines dazwischen liegenden Hügels wegen einander nicht sehen konnten. Hier stellte er sein Heer in Schlachtordnung und bereitete Alles zum Gefecht vor. Hippokrates, der sich noch bei Delion befand, als ihm das Anrücken der Böoter gemeldet wurde, sandte seinem Heere den Befehl zu, sich in Schlachtordnung zu stellen, und kam bald darauf auch selbst herbei, nachdem er bei Delion ungefähr dreihundert Reiter zurückgelassen hatte, sowohl um den Ort gegen einen Angriff zu schützen, als auch um auf Gelegenheit zu lauern, während der Schlacht den Böotern in die Flanke zu fallen. Die Böoter aber stellten eine Abthei lung zur Abwehr gegen diese Reiter auf, und als bei ihnen Alles in Ordnung war, erschienen sie über dem Kamme des Hügels und stell-i ten sich in der Linie auf, wie sie ihnen bestimmt worden war, an Zahl ungefähr siebentausend Schwerbewaffnete und über zehntausend Mann leichterTruppen, nebst tausend Reitern und fünfhundert leichten Schildträgern. Auf dem rechten Flügel standen die Thebaner und ihre Unterthanen, in der Mitte die von Haliartos und Koronea und Kopä und die Andern, die um den See wohnen, auf dem linken Flügel die Thespier und Tanagräer und Orchomenier. Die Reiterei und die leichten Truppen waren auf beide Flügel vertheilt. Die Thebaner standen fünf und zwanzig Mann hoch ^-), die Uebrigen, wie es bei ihnen grade anging. Dieß war die Stärke und die Aufstellung der Böoter.

  33. 4.94.1

    Auf Seiten der Athener stand die ganze schwerbewaffnete Truppe acht Mann hoch, ihren Gegnern an Zahl gewachsen, die Reiter aus beiden Flügeln. Ordentlich ausgerüstete Leichtbewaffnete aber waren nicht zugegen, noch auch besaß die Stadt solche überhaupt. Die aber den Auszug damals mitmachten, waren viel zahlreicher, als die der Feinde, gingen jedoch meist ohne alle Waffen mit, da Alles, was an Fremden und Bürgern da war, sich an dem Zuge betheiligte. Da sie aber bereits früher schon den Marsch nach Hause fortgesetzt hatten, so war ihrer nur noch eine geringe Zahl anwesend. Als nun beide Theile schon in Schlachtlinie aufgestellt und bereits im Begriff waren, auf einander loszugehen, da ermunterte noch Hippokrates, ihr Feldherr, längs der Abtheilungen hinschreitend, die Athener mit solchen Worten:

  34. 4.95.1

    „Ihr Athener, meine Ermunterung ist nur kurz, vermag aber bei tapferen Männern gleich viel, und sie ist mehr Erinnerung, als Anspornung. Keinem von euch möge es bekommen, daß wir hier aus fremdem Boden uns ohne Noth leichtsinnig einer so großen Gefahr unterziehen; denn im Lande Dieser werden wir um unser eigenes kämpsen, und wenn der Sieg nns gehört, so werden die Peloponnesier nie mehr in unser Land fallen, da ihnen die böotifche Reiterei fehlt, sondern in Einer Schlacht werdet ihr dieß Land gewinnen und die Freiheit eures eigenen erhöhen. Geht also in den Kampf mit diesen, wie eS würdig ist der Stadt, welche, als die erste unter den Hellenen, Jeder von euch sich rühmt zur Vaterstadt zu haben, — und würdig eurer Väter, welche unter Myronidas diese Männer bei Oenophyta^) besiegt und Böotien gewonnen haben!"

  35. 4.96.1

    Während Hippokrates die Seinigen also aneiserte, war er bis zur Mitte des Heeres gekommen, fand aber jetzt nicht mehr Zeit, weiter zu gehen, denn die Böoter, welchen auch hier Pagondas mit kurzen Worten zugesprochen hatte, stürmten den Schlachtgesang anstimmend vom Hügel herab. Es gingen ihnen nun auch die Athener entgegen, und im Sturmlauf trafen beide aus einander. Auf beiden Seiten aber kamen die Flügel gar nicht zum Handgemenge, sondern auf beiden Flügeln traf es sich, daß Waldströme den Zusammenstoß hinderten; bei den übrigen HeereStheilen aber wurde heiß gekämpft und die Schilde prasselten auf einander. Den linken böotischen Flügel und die Ausstellung bis zur Mitte hin brachten die Athener zum Weichen und sie bedrängten hier besonders die Thespier. Denn da ihre Nachbarn in der Aufstellung bereits gewichen waren und sie selbst daher eng eingeschlossen wurden, so wurde hier eine große Zahl Thespier im Handgemenge fechtend zusammengehauen; aber auch einige Athener traf dieß Loos, da sie wegen ihrer durch die Umzingelung aufgelösten Ordnung einander mißkannten und sich gegenseitig tödteten. Aus dieser Seite also wichen die Böoter und zogen sich fliehend auf den noch kämpfenden Theil zurück. Ihr rechter Flügel aber, wo die Thebaner standen, war im Vortheil über die Athener und drängte sie Anfangs Schritt vor Schritt vor sich her. Nun schickte auch Pagondas zwei Abtheilungen Reiter ungesehen um den Hügel herum, wo der linke Flügel in Bedrängniß war, und als sie hier plötzlich zum Vorschein kamen, glaubten die auf dem siegreichen Flügel der Athener, es komme da ein zweites Heer, und geriethen in Schrecken, und so riß auf beiden Flügeln, hier wegen dieses Ereignisses und dort wegen der nachdrängenden und schon durchbrechenden Thebaner, allgemeine Flucht im Heer der Athener ein. Einige flüchteten gegen Delion und das Meer zu, Andere nach Oropos, ein Theil auch nach dem Berge Par­ nes und wieder Andere nach vershciedenen Seiten, wo grade ein Je- der Rettung hoffte. Die Böoter aber verfolgten und hieben meder,, besonders ihre Reiterei und die der Lokrer, welche grade, als die Flucht sich entschied, auf dem Schlachtfelde eingetroffen waren. Da die Nacht die Verfolgung abschnitt, so fand die große Masse der Fliehenden leichter Rettung. Am folgenden Tage wurden die aus Oropos und Delion, wo trotzdem zur ferneren Behauptung eine Besatzung blieb, auf Schiffen nach Hause geführt 44).

  36. 4.97.1

    Die Böoter ihrerseits errichteten ein Siegeszeichen, hoben ihre Todten auf und plünderten die der Feinde. Dann zogen sie sich, zur Bewachung eine Abtheilung zurücklassend, auf Tanagra zurück und dachten, wie sie Delion bekennen möchten.

  37. 4.97.2

    Aus Athen wurde ein Herold der Todten wegen abgeschickt. Der begegnete aber unterwegs einem böotischen Herold, der ihn umkehren hieß; denn er werde, sagte dieser, Nichts ausrichten, bevor er selbst nicht wieder zurück sei. Dieser trat dann vor die Athener und sagte ihnen im Namen der Böoter, sie handelten unrecht, daß sie die gemeinen Gesetze der Hellenen überträten; denn bei Allen gelte es, daß sie bei einem Einfall auf hellenisches Gebiet die dortigen Heiligthümer unberührt ließen. Die Athener aber hätten Delion verschanzt und sich darin festgesetzt, und es geschehe daselbst Alles, waS sonst Menschen auf ungeweihtem Boden thäten, und auch das Wasser, welches sie selbst unberührt ließen, außer zum Sprengen bei heiligen Handlungen, werde geschöpft und wie gemeines Wasser verbraucht. Der Gottheit und ihrer selbst wegen also forderten die Böoter bei den gemeinsamen Göttern und bei Apollo sie auf, aus dem Heiligsten abzuziehen und mitzunehmen, was ihnen gehöre.

  38. 4.98.1

    Auf diese Forderung des Herolds schickten die Athener einen ihrer Herolde an die Böoter und ließen sagen: „sie hätten sich an dem Heiligthume in Nichts vergangen und würden auch künftig mit Willen dasselbe nicht verletzen; denn sie seien ja auch von vorn herein nicht zu einem solchen Zwecke gekommen, sondern vielmehr, um von dort aus sich derer zu erwehren, die gegen sie Unrecht thäten. Gemeinsames Gesetz bei den Hellenen sei, daß, wer immer über eine Landstrecke, sei sie nun größer oder kleiner, die Macht habe, hiemit auch die Heiligthümer besitze, um ihrer dem Herkommen und den eigenen Kräften gemäß zu warten; denn auch die Böoter und viele andere Stämme, so viele ihrer mit Gewalt Andere ausgetrieben, deren Land sie nun als eigen besäßen ^), hätten jetzt fremde Heiligthümer im eigenen Besitz, obgleich sie zuerst auch als Feinde in's Land gekommen seien. Und auch sie würden, selbst wenn sie im Lande jener noch weitere Eroberungen machen könnten, diese als rechtmäßiges Eigenthum besitzen, und für jetzt würden sie von da, wo sie jetzt stünden, als von ihrem Eigenthum, nicht abziehen. Das Wasser zu berühren, habe die Noth sie gezwungen, und in diese Noth hätten sie sich nicht durch Uebermuth versetzt; sondern während ihrer Abwehr gegen jene, die zuerst ihr Gebiet angegriffen, seien sie genöthigt worden, sich desselben zu bedienen. Es sei aber ganz natürlich, daß eine That, zu der man durch Krieg oder Noth gezwungen worden, auch bei der Gottheit Entschuldigung finde. Gewährten ja doch die Altäre sogar für freiwillige Verbrechen Zuflucht. Frevel aber sei eine Bezeichnung für solche Vergehen, zu denen Einer nicht gezwungen gewesen sei, und nicht für solche, wozu Einer im Drang der Noth habe schreiten müssen. Wer aber, wie Jene, Todte gegen Heiligthümer auszuwehcseln begehre, der mache sich eines viel größeren Frevels schuldig, als die, welche um Tempel nicht erkaufen wollen, was nicht geziemt. Und ausdrücklich, befahlen sie, solle er ihnen sagen, sie würden nicht unter der Bedingung des Abzugs aus dem böotischen Gebiet — und es gehöre ja auch gar nicht mehr jenen, was sie selbst sich mit dem Schwerte erkämpft hätten — sondern nur nach hergebrachter Weise unter dem Schutze eines Waffenstillstandes ihre Todten abholen."

  39. 4.99.1

    Die Böoter gaben hierauf zur Antwort: „wenn die Athe­ ner auf Böotischem Gebiete stünden, so sollten sie abziehen und mit- nehmen, was ihnen gehöre; stünden sie aber auf eigenem Grund und« Boden, so müßten sie ja selbst wissen, was sie zu thun hätten." Damit gaben sie zu verstehen, daß die Oropische Landschaft, wo zufällig die Todten lagen, da die Schlacht auf den Gränzen stattgefunden hatte, dem Unterthanenverhältniß nach den Athenern gehöre, daß diese sich aber doch nicht wider ihren Willen der Todten bemächtigen würden, und sie könnten ja auch gar keinen Waffenstilltsandsvertrag über ein Gebiet abschließen, das ihnen nicht gehören solle. Jene Antwort aber, „daß sie gegen den Abzug aus Böotischem Gebiete das Verlangte erhalten könnten", hielten sie für ganz passend. Der Herold der Athener ging mit dieser Antwort unverrichteter Sache wieder zurück.

  40. 4.100.1

    Die Böoter schickten nun sogleich um Speerschützen und Schleuderer vom Melischen Meerbuset, und da ihnen nach der Schlacht auch zweitausend schwerbewaffnete Korinther zu Hülse gekommen und auch die peloponnesische Besatzung aus Nisäa mit den Megarern zu ihnen gestoßen war, so zogen sie vor Delion und bekannten die Verschanzung. Unter Anderem, was sie versuchten, wendeten sie auch die folgende Erfindung an, durch die sie den Platz auch wirklich nahmen. Sie schnitten einen großen Stamm in der Mitte entzwei, höhlten ihn dann ganz durch und fügten ihn wieder sorgfältig an einander, wie eine Röhre; dann befestigten sie an das untere Ende des Stammes vermittels Ketten ein Becken, in welches man durch die Höhlung des Balkens ein Blasrohr herabgehen ließ, welches am sunteren^ Ende von Eisen war; auch sonst war der Balken zu einem großen Theil mit Eisen beschlagen. Nun führten sie das Ganze aus weiter Entfernung auf Wagen zu der Mauer heran, besonders da, wo Reben und Holzwerk in den Bau eingefügt waren, und so oft er nahe genug herangebracht war, setzten sie große Blasebälge in die ihnen zugekehrte Mündung des Balkens und setzten diese in Thätigkeit. Die Luft, die nun durch die enge Höhlung in das Becken blies, das mit glühenden Kohlen, Schwefel und Pech angefüllt war, entzündete eine mächtige Flamme und steckte die Verschanzung in Brand, so daß Niemand mehr dort aushalten konnte, sondern Alle sie im Stich ließen und davon- gingen, auf welche Art denn die Verschanzung genommen wurde. Von der Besatzung waren einige gefallen, zweihundert wurden gefangen genommen, die Mehrzahl der Uebrigen schiffte sich ein und fuhr nach Hause.

  41. 4.101.1

    Als Delion am siebzehnten Tage nach der Schlacht genommen war, und nicht lange danach wieder der Herold der Athener der Todten wegen kam, jedoch in Unkenntniß dessen, was sich ereignet hatte, antworteten die Böoter nicht mehr wie das erstemal, sondern gaben die Todten heraus. Es waren aber von den Böotern in der Schlacht etwas unter fünfhundert gefallen, von den Athenern hingegen etwas unter tausend und darunter Hippokrates, ihr Feldherr, dazu aber noch eine große Zahl Leichtbewaffneter und vom Troß.

  42. 4.101.2

    Kurz nach dieser Schlacht unternahm Demotshenes, da ihm sein Seezug zum Zwecke der Uebernahme von Siphä nicht nach Wunsch ausgegangen war, mit einem Heere von Akarnanern und Agräern und vierhundert athenischen Schwerbewaffneten eine Landung der Flotte auf das Gebiet von Sikyon. Noch eh' aber sämmtliche Schiffe landen konnten, eilten die Sikyonier zur Abwehr herbei, schlugen die Gelandeten in die Flucht und verfolgten sie bis zu ihren Schiffen. Eine Anzahl von ihnen tödteten sie, Andere nahmen sie lebend gefangen. Dann errichteten sie ein Siegeszeichen und gaben unter einem Waffenstillstände jenen ihre Todten heraus.

  43. 4.101.3

    Ungefähr in denselben Tagen, als bei Delion geschlagen wurde, verlor auch der Odryserkönig Sitalkes, auf einem Feldzuge gegen die Triballer in einer Schlacht besiegt, sein Leben. SeutheS, des Sparadokos Sohn, sein Neffe brüderlihcerseits, wurde nun König über die Odryser und das übrige Thrakien, das auch jener beherrscht hatte.

  44. 4.102.1

    Im selben Winter zog Brasidas mit den Bundesgenossen auS den thrakischen Grenzlanden gegen die Stadt Amphipolis am Strymon-Flusse, einen Pflanzort der Athener. Eben denselben Platz, auf welchem die Stadt sieht, hatte schon früher der Milesier Aristagoras, als er vor dem König DareioS flüchtig war^), anzubauen versucht, war aber von den Edonern verdrängt worden. Danach, zwei und dreißig Jahre später^), hatten auch die Athener zehntausend Ansiedler aus ihrer Mitte und wer sonst wollte, dahingesendet, die aber bei DrabeskoS von den Thrakern aufgerieben wurden. Und wiederum, im neun und zwanzigsten Jahre danach^), schickten die Athener Ansiedler dahin unter Führung des Hagnon, Sohnes des Nikias. Diese vertrieben dann die Edoner aus der Gegend und gründeten diese Stadt an dem Orte, der früher Neunwege (EnneaHodoi) genannt worden war. Sie kamen aber damals flußaufwärts von Eion, das, an der Mündung des Flusses gelegen, ihnen als Seehandelshafen diente und fünf und zwanzig Stadien von der Stadt entfernt ist, der Hagnon den Namen Amvhipolis (Ningstadt) gab, weil der Strymon sie im Halbkreis umfloß und er selbst vom einen Arme des Flusses zum andern eine lange Mauer gezogen hatte. Er baute sie aber so, daß sie über das Festland und das Meer weithin sichtbar ist.

  45. 4.103.1

    Gegen diese Stadt nun, aufbrechend von Arnä auf Chalkidike, marfchirte Brasidas mit seinem Heere. Gegen Abend hatte er Aulon und BromiSkos erreicht, wo der See Bolbe seine Mündung in's Meer hat; dort ließ er abessen und marfchirte dann die Nacht durch weiter. Es war nämlich stürmisches Wetter und schneite ein wenig, weßhalb er um so mehr vorwärts strebte, um von denen in Amphipolis unbemerkt zu bleiben, — die ausgenommen, welche daselbst mit Verrath umgingen. Es wohnten nämlich daselbst auch Argilier — Argilos ist ein Pflanzort von Andres — diese und einige andere arbeiteten im Einverständnisse mit Brasidas, wozu sie theils durch Perdikkas, theils durch die Chalkidier beredet worden waren — vorzüglich aber wirkten die Argilier, die ganz in der Nähe wohnten und sich von jeher den Athenern verdächtig gemacht hatten und sich Amphipolis aufsäßig gezeigt hatten, da jetzt die Gelegenheit günstig war und Brasidas heranrückte, bei ihren in Amphipolis wohnenden Leuten dahin, daß die Stadt übergeben werden sollte. Jetzt nun nahmen sie den Brasidas in ihre Stadt auf, erklärten ihren Abfall von Athen und brachten noch in derselben Nacht vor Sonnenaufgang das Heer bis an die Flußbrücke. Die Stadt selbst liegt aber noch etwas weiter oberhalb der Brücke, und die Mauern zogen sich damals noch nicht so weit herab, wie jetzt, sondern es stand dort nur ein schwacher Posten, den Brasidas leicht bewältigte, einmal, weil auch hier Verrath thätig war, dann auch wegen der stürmischen Witterung, und weil der Uebersall ganz unerwartet geschah. Dann überschritt er die Brücke und nahm sogleich in der ganzen Gegend in Besitz, was den außerhalb der Stadt wohnenden Amphipoliten gehörte.

  46. 4.104.1

    Da dieser Flußübergang denen in der Stadt ganz unerwartet kam, und von denen, welche außer der Stadt wohnten, viele gefangen wurden, Andere aber sich hinter die Ringmauern flüchteten, so geriethen die Amphipoliten in große Bestürzung, zumal sie sich auch unter einander nicht trauten. Und man behauptet, Brasidas habe die Stadt wohl nehmen können, wenn er, anstatt sein Heer mit Plünderung zu beschäftigen, den Ort sogleich hätte angreifen wollen. Nun aber ließ er das Heer ein Lager schlagen und in der Umgegend ans Plünderung streifen, und da Seitens derer in der Stadt Nichts von dem geschah, woraus er wartete, so hielt er sich ruhig. Die Gegenpartei der Verräther aber, der Zahl nach überlegen, verhüteten, daß die Thore nicht sogleich geöffnet wurden, und schickten im Einvernehmen mit Eukles, dem Feldherrn der Athener, der zur Ueberwachung des Platzes da war, Boten zu seinem Mitfeldherrn an der thrakischen Küste, Thukydides, dem Sohne des Oloros, der diese Geschichte verfaßt hat und damals bei Thasos stand — welche Insel, eine Siedelung der Parier, von Amphipolis ungefähr eine halbe Seetagreise entfernt ist — mit der Aufforderung, ihnen zu Hülfe zu kommen; und dieser ging aus die Meldung hin mit sieben Schiffen, die zur Hand waren, sogleich unter Segel, in der Absicht, sich wo möglich noch nach Amphipolis zu werfen, bevor die Stadt übergehe, und wenn das nicht, so doch Eion noch zu besetzen.

  47. 4.105.1

    Brasidas indessen, der sich sowohl wegen der von Thasos zu Hülse eilenden Schiffe fürchtete, als auch, weil er erfahren hatte, daß Thukydides das Nutznießungsrecht von Goldbergwerken in der dortigen Gegend Thrakiens besitze und deßhalb einer der einflußreichsten Männer des Festlandes sei, beeilte sich, die Stadt wo möglich noch vorher in seinen Besitz zu bringen, damit nicht die Mehrzahl der Amphipoliten, welche hofften, daß jener zur See Bundeshülse bringen und auch ein thrakisches Hülfsheer sammeln und sie so retten könne, nach seiner Ankunft die Uebergabe der Stadt von sich weisen möchten. Deßhalb stellte er mäßige Vcrgleichsbedingungen und ließ durch den Herold verkünden, wer'von denen in der Stadt, ob nun Amphipolite, oder Athenrr, damit einverstanden sei, der könne unter völliger Rechts- l Gleichheit im Besitze des Seinigen bleiben; wer aber das nicht wolle, der könne binnen fünf Tagen abziehen und das Seinige mitnehmen.

  48. 4.106.1

    Die Mehrzahl der Amphipoliten nun, als sie dieß hörten, wurden anderer Gesinnung, zumal sich auch nur wenige Athener unter den Bürgern fanden, vielmehr die meisten gemischtes Ursprungs waren. Auch wohnten in der Stadt viele Angehörige der vor den Mauern Gefangenen. Im Verhältniß zu dem, was sie gefürchtet hatten, schien ihnen des Brasidas Aufforderung gemäßigt: den Athenern, weil sie froh waren, hinauszukommen, da so die Gefahr für sie unvergleichlich geringer schien, und dann auch, weil sie Hülse so bald nicht erwarteten; dem übrigen Haufen, weil er nicht in gleicher Weise aus der Stadt ausgetrieben wurde und sich wider Erwarten aller Furcht ledig sah. So traten denn auch die, welche mit Brasidas unter der Decke gespielt, bereits ganz offen auf und verfechten diese Ansicht, da sie sahen, wie auch die Menge jetzt anderer Meinung geworden war und dem anwesenden athenischen Feldherrn kein Gehör mehr schenkte. So wurde also der Vergleich abgeschlossen, und sie nahmen den Brasidas unter den von ihm verkündeten Bedingungen in die Stadt auf. — Diese nun übergaben die Sadt auf die angegebene Art, Thukydides aber mit feinen Schiffen segelte am Abend desselben TageS in Eion ein. Amphipolis hatte Brasidas bereits in Besitz und um eine Nacht hätte er auch Eion genommen; denn wären die Schiffe nicht schleunig zu Hülfe gekommen, so wäre am Morgen der Platz schon verloren gewesen.

  49. 4.107.1

    Thukydides traf nun in Eion Vorkehrungen, sowohl um die Stadt für den Augenblick, wenn Brasidas angreifen sollte, als auch für die Zukunft zu sichern, und nahm diejenigen auf, welche aus der oberen Stadt, dem Vergleiche gemäß, zu ihm kommen wollten. Brasidas aber erschien plötzlich mit vielen Fahrzeugen den Fluß abwärts segelnd vor Eion, in der Absicht, wo möglich die von der Verschanzung vorspringende Landspitze zu nehmen, um so die Einfahrt zu beherrschen; sowohl dieser Versuch aber, als auch der gleichzeitige zu Lande, wurden abgeschlagen, worauf er in Amphipolis die nöthigen Anstalten traf. Auch Myrkinos, eine Stadt der Edoner, trat zu ihm über, nachdem der Edonerkönig Pittakos durch die Söhne des GoaxiS und dessen Gemahlin Brauro ermordet worden war; ebenso Galepsos und nicht lange danach auch Oesyme. Es sind dieß Pflanzorte der Thasier. Hicbei hatte auch Perdikkas mitgewirkt, der sogleich nach der Einnahme von Amphipolis herbeigeeilt war.

  50. 4.108.1

    Wegen des Verlustes von Amphipolis geriethen die Athener in große Furcht, zumal ihnen auch die Stadt durch Lieferung von Schiffsbauholz und Steuerzahlung nützlich gewesen war, und weil die Lakedämonier ^bis jetzig zwar im Geleite der Thessaler gegen ihre Bundesgenossen bis an den Strymonfluß vorbringen konnten, aber, ohne den Brückenübergang in ihrer Gewalt zu haben, nicht weiter zu kommen vermochten, weil sich von oben her längs einer großen Strecke des Flusses ein bedeutender Sumpf hindehnteund die Athener gegen Eion hin Kriegsschiffe zum Schutze aufgestellt hatten; jetzt aber, glaubten sie, sei jenen die Sache leicht gemacht. Auch fürchteten sie den Abfall der Bundesgenossen, denn Brasidas zeigte sich sowohl im Uebrigen gemäßigt und erklärte auch in seinen Reden überall, daß er ausgeschickt sei, um Hellas frei zu machen; und als die den Athenern unterthänigen Städte von der Wegnahme von Amphipolis hörten und welche Bedingungen jener anbiete und wie mild er sich zeige, so wurden sie sehr geneigt, ihre Lage zu ändern und schickten heimlich Herolde an jenen, mit der Aufforderung, bei ihnen zu erscheinen, und jede wollte zum Abfall die erste sein. Und sie glaubten dieß auch ohne Gefährde thun zu können; so sehr täuschten sie sich über die Macht der Athener, die sich hinterher viel größer zeigte; aber die Menschen beurtheilen ja die Dinge mehr nach ihren unklaren Wünschen, als mit untrüglicher Voraussicht, und sind gewohnt, in Betreff dessen, was sie wünshcen, sich ganz und gar einer blinden Hoffnung hinzugeben, was sie aber nicht wünschen, mit willkürlicher Verstandesdeutung abzuweisen. Auch weil die Athener kürzlich in Böotien geschlagen worden waren, und Brasidas zwar Verführerisches, aber nicht der Wahrheit gemäß vorbrachte, als ob nämlich bei Nisäa, wo die Athener sich nicht zu schlagen wagten, er mit seinem Heere allein ihnen so furchtbar gewesen wäre — auch deßhalb also faßten die Städte Muth und ver-­ trauten, daß niemals Jemand zur Ahndung gegen sie ziehen werde. Der Hauptgrund war aber, weil es ihnen für den Augenblick erwunjckt war, und weil sieden ersten guten Eifer der Lakedämonier zu erproben dachten; dafür waren sie bereit, sich in jeder Weise Gefahren zu unterziehen. Als die Athener dieß merkten, schickten sie, so weit es sich in der Geschwindigkeit und der schlechten Jahreszeit wegen thun ließ, Besatzungen in die Städte; Brasidas aber sandte nach Lakedämon und verlangte dringend, ihm noch Truppen zuzuschicken, und traf selbst am Strymon Vorkehrungen zum Bau von Kriegsschiffen. Die Lakedämonier zeigten sich ihm jedoch nickt willfährig, theils weil die ersten Männer unter ihnen auf jenen neidisch waren, theils auch, weil sie mehr daran dachten, ihre Leute oon der Insel (Sphakteria) zurückzuerhalten und dem Krieg ein Ende zu machen.

  51. 4.109.1

    In demselben Winter nahmen die Megarer ihre langen Mauern wieder, welche die Athener besetzt hielten, und rißen sie bis, auf den Grund nieder, und Brasidas zog nach der Einnahme von Amphipolis mit den Bundesgenossen gegen die sogenannte (Halbinsel) Akte. Dieselbe erstreckt sich von dem Kanäle des Königs Ho) an einwärts (d. h. südlich), und der Athos, ein hoher Berg auf derselben, fällt in das Aegäische Meer hinaus ab. Von Städten sind dort Sane, eine Pflanzung der Andrier, am Kanale selbst liegend und gegen das Euböische Meer hingewendet, und außerdem Thyssos, Kleonä, Akrothooe, Olophyxos und Dion, deren Bewohner aus verschiedenen barbarischen Völkerschaften, welche beide Sprachen (barbarisch und hellenisch) reden, gemischt sind. Auch etwas Ehalkidisches Blut iii unter ihnen, meist aber sind es Pelasger vom Stamme der Tyrsener, welche früher einmal auch Lemnos und Athen besaßen, oder Bisalter und Krestoner und Edoner; die Städtchen aber, in denen sie wohnen, sind unbedeutend. Die Mehrzahl derselben nun trat zu Brasidas über, Sane und Dion aber leisteten Widerstand, weßhalb er mit seinem Heere dort stehen blieb und daS Gebiet verwüstete.

  52. 4.110.1

    Da sie aber im Widerstand verharrten, wendete er sich plötzlich gegen das Chalkidische Torone, welches die Athener besetzt hielten. Eine kleine Zahl Bürger, welche ihm die Stadt in die- Hände zu spielen bereit waren, riefen ihn herbei. Er kam an, als es noch dunkel war, aber der Morgen schon grauen wollte, und lagerte sich mit dem Heere bei dem Tempel der Dioskuren, der von der Stadt ungefähr drei Stadien entfernt ist. Die übrigen Bürger in Torone und die Athener der Besatzung merkten davon Nichts; von denen aber, die mit ihm unter der Decke spielten und von seinem Anmärshce wußten, waren Einige heimlich hinausgegangen und hielten ihm den Zugang offen, und als sie ihn bereits angekommen sahen, brachten sie von-seinen Leuten sieben Mann Leichtbewaffnete mit Dolchen in die Stadt hinein — denn nur so viele von den zuerst dazu bestimmten zwanzig Mann fürchteten sicd nicht hineinzugehen; Lysistratos, der Olynthier, befehligte sie. Diese schlichen sich durch die dem Meere zugekehrte Verschanzung ein, erstiegen — die Stadt ist nämlich an einem Hügel'hinausgebaut — den höchsten Punkt derselben, unbemerkt von der hier aufgestellten Wachmannschaft, stachen diese nieder und öffneten die Mauerpforte gegen Kanasträon hin.

  53. 4.111.1

    Brasidas, der indessen etwas näher vorgerückt war, hielt sich mit dem übrigen Heere ruhig und sandte nur hundert leichte Schildträger vor, damit diese, wenn ein und das andere Thor geöffnet und das verabredete Zeichen gegeben würde, zuerst eindringen sollten. Diese waren, während zu ihrer Verwunderung längere Zeit verstrich, allmälig bis nahe an die Stadt gekommen. Indessen waren jene Toronäer in der Stadt mit den Eingedrungenen nicht unthätig, und als jenes Pförtchen geöffnet und auch das Stadtthor beim Markte vermittelst Durchhauung deS Querbalkens gesprengt war, brachten sie zuerst einige um die Mauer herum durch das Pförtchen herein, damit sie durch ihr plötzliches Erscheinen im Rücken und auf beiden Seiten die Nichts ahnenden Toronäer in Verwirrung setzten; danach gaben sie das Feuerzeichen, wie verabredet war, und ließen nun auch die übrigen leichten Schildträger durch das Marktthor herein.

  54. 4.112.1

    Als Brasidas das Zeichen sah, setzte er sein Heer in Bewegung und ließ es im Laufschritt unter allgemeinem Geschrei anstürmen, so daß die in der Stadt in die höchste Bestürzung geriethen. Einige drangen sogleich durch das Thor ein, Andere mit Hülse der viereckigen Balken, welche zufällig an den eingefallenen und in der Ausbesserung begriffenen Mauerstellen zum Hinaufbringen der Steine angelehnt waren. Brasidas und die Meisten mit ihm wendeten sich , sogleich auswärts nach den höheren Theilen der Stadt, um dieselbe ganz und zuverlässig in ihre Gewalt zu bekommen.. Der übrige Hause vertheilte sich gleicher Weise nach allen Richtungen.

  55. 4.113.1

    Bei diesem Ueberfall ihrer Stadt gerieth die Mehrzahl der Toronäer, welche um Nichts gewußt hatten, in große Verwirrung; die aber, welche das Ganze eingefädelt hatten, und die, welchen das Ereigniß sonst nach Wunsch kam, machten sogleich mit den Eingedrungenen gemeinsame Sache. Von den Athenern aber — denn es übernachteten zufällig grade gegen fünfzig Schwerbewaffnete auf dem Markte — fielen einige im Handgemenge, und die übrigen, als sie merkten, was vorging, flohen theils zu Land, theils aus die Schiffe, deren zwei auf Wache standen, und retteten sich in das Kastell Lekythos, welches sie im alleinigen Besitz hatten, und das nach der Meerseite hin auf einem hohen Punkte der Stadt gelegen und durch eine fchmale Landenge von derselben getrennt war. Hieher flüchteten sich zu ihnen auch diejenigen Toronäer, welche zu ihnen in näherer Beziehung standen.

  56. 4.114.1

    Als es heller Tag geworden und Brasidas bereits im sicheren Besitze der Stadt war, ließ er den mit den Athenern geflüchteten Toronäern durch deu Herold sagen, wer wolle, der könne in sein Eigenthum zurückkehren und ohne Furcht in der Stadt wohnen; zu den Athenern aber sandte er einen Herold und forderte sie auf, Le-' > kythos unter dem Schutze eines Vergleiches und mit all ihrer Habe zu verlassen, denn es gehör? den Chalkidiern. , Die aber sagten, sie würden nicht weggehen, und verlangten, er solle ihnen einen Tag Waffenstillstand gewähren,, damit sie ihre Todten abholen.könnten. - Brasidas nun gewährte ihnen zwei Tage. Unterdessen befestigte er die .nahe liegenden Häuser, und ebenso thaten die Athener aus ihrer Seite.

  57. 4.114.2

    Darauf hieß Brasidas die. Toronäer zusammenkommen, und redete zu ihnen Aehnliches wie in Akanthos: es wäre ungerecht, wenn sie diejenigen, welche ihm.die Einnahme der Stadt möglich gemacht hätten, deßhalb für schlechter oder für Verräther halten wollten, — -denn sie hätten nicht, um die Stadt in Knechtschaft zu bringen, noch auch durch Geld bestochen jenes gethan, sondern in guter Absicht und um der Stadt die Freiheit zu geben, — sie sollten aber auch nicht glauben, daß diejenigen, welche sich daran nicht betheiligt, nun nicht auch gleiche Ansprüche hätten, denn er sei nicht gekommen, um irgend eine Stadt oder einen Bürger in's Unglück zu bringen. Und er habe deßhalb auch den zu den Athenern Geflüchteten den Antrag machen lassen, weil er glaube, daß sie trotz der Freundschaft mit jenen nicht schlechtere Bürger seien; auch würden jene, — glaube er — wenn sie erst die Lakedämonier aus Erfahrung kennen gelernt, keine geringere Neigung zu ihnen selbst fassen, vielmehr eine noch größere, je mehr sie ja auch selbst sich der Gerechtigkeit in höherem Grade befleißigten (als die Athener); jetzt aber seien sie geschreckt, weil sie sie noch nicht kennen gelernt hätten. Alle aber, verlangte-er, sollten sich bereit halten, sich als zuverläßige Bundesgenossen zu zeigen; denn von jetzt an würde ihnen bereits jedes Vergehen zur Anschuldigung gereichen. Durch das, was vergangen sei, wären sie, die Lakedämonier, nicht beleidigt worden, vielmehr sie, die Toronäer selbst, durch andere Mächtigere, und worin sie allenfalls den Lakedämonier» entgegengehandelt, das sei verziehen.

  58. 4.115.1

    Durch solche Reden ermuthigte er sie, und als der Waffenstillstand vorüber war, unternahm er den Sturm auf Lekythos; die Athener aber wehrten sich aus ihrer schlechten Verschanzung und den Häusern, welche Brustwehren erhalten hatten. Und den ersten Tag hindurch trieben sie auch die Angriffe ab; Tags daraus aber, als seitens der Feinde eine Maschine gegen sie geführt werden sollte, von welcher maii Feuer an ihre hölzernen Wehren zu bringen gedachte, und das Heer schon im Anmarsch war, errichteten sie da, wo nach ihrer Meinung jene ihre Maschine zuvörderst anwenden würden und der Platz am leichtesten anzugreifen war, auf einem Unterbau einen hölzernen Thurm, trugen viele Eimer und Fässer Wasser's und große Steine hinauf und erstiegen ihn auch selbst in großer Anzahl. Da aber der Bau eine zu große Belastung erhalten hatte, so brach er plötzlich unter großem Gekrache zusammen, was bei den Athenern, die in der Nähe tsanden und Alles sehen konnten, mehr Aerger als Furcht erregte; die aber etwas entfernter und besonders die, welche am weitesten abstanden, glaubten dabei, der Platz sei schon genommen und wendeten sich fliehend dem Meere und den Schiffen zu.

  59. 4.116.1

    Als nun Brasidas sah, wie sie die Brustwehren verließen, und erkannte was vorging, griff er sogleich mit dem Heere an, nahm l die Verschanzung und hieb nieder, was er darin traf. Die Athener, welche auf die angegebene Art auf Last- und Kriegsschiffen den Platz verlassen hatten, wurden nach Pallene geführt. Brasidas aber, der beim Beginne deS Sturmes zufällig durch den Herold hatte ausrufen lassen, daß, wer zuerst die Mauer ersteige, von ihm dreißig Silberminen erhalten solle, glaubte jetzt, daß die Einnahme auf andere Art als durch menschliche Kraft erfolgt sei, und da auf Lekythos ein Tempel der Athene steht, so legte er die dreißig Minen als Geschenk für die Göttin in dem Heiligthum nieder, ließ die Verschanzungen abtragen, Alles aufräumen und weihte das Ganze zu einem heiligen Bezirke. — Was vom Winter noch übrig war, verwendete er zur Einrichtung der Plätze, die er bereits besaß, und traf Anstalten gegen die noch übrigen. — Mit diesem Winter ging auch das achte Jahr dieses Krieges zu Ende.

  60. 4.117.1

    Sogleich mit Frühlingsanfang des folgenden Jahres schloßen Lakedämonier und Athener einen Waffenstillstand auf ein ganzes Jahr; die Athener, weil sie dachten, Brasidas könne ihnen so weiter keine Städte mehr zum Abfall bewegen, bis sie sich in Ruhe gerüstet hätten; und wenn sie sich so in eine günstige Lage versetzt, würden sie auch weitere Friedensvereinbarungen treffen können; die Lakedämonier aber dachten sich, daß die Athener eben dergleichen Befürchtungen hegten, wie sie deren wirklich hatten, und wenn sie erst von Knegsübeln und Mühseligkeiten einige Ausrast verschmeckt hätten, würden sie sich noch mehr nach Frieden sehnen und unter Auslieferung ihrer Leute auch aus längere Zeit einen Vertrag schließen. Sie wünschten nämlich dringender ihre Leute zurückzuerhalten, während Brasidas noch in glücklichem Fortschreiten begriffen war, denn hätte er erst noch Größeres erreicht und den Athenern gegenüber wieder ein vollständiges Gleichgewicht hergestellt, so würden sie gewiß jener Leute verlustig gehen, und dann sei bei weiterem gefahrvollem Kampf mit beiderseits gleicher Macht der Sieg doch noch ungewiß. Es wurde also zwischen den beiden Parteien und ihren Bundesgenossen folgender Waffenstillstand abgeschlossen:

  61. 4.118.1

    „In Betreff des Tempels und Orakels des Pythischen Apollo schlagen wir vor, daß Jeder, der da will, ohne Furcht und Gefahr nach der Weise der Väter daselbst Zutritt haben soll. Den Lakedämoniern dünkt dieß also genehm,-und so auch den anwesenden Bundesgenossen. Die Böoter und Phokier eben dazu durch Herolde zu vermögen, versprechen sie nach Möglichkeit. In Betreff des Tempeleigenthums werden wir nach Pflicht und Recht Sorge tragen, daß wir ausfindig machen, die daran gefrevelt haben, sowohl wir als auch ihr, und wer sonst von den Andern will, Alle nach den väterlichen Gesetzen. In Betreff der jetzigen Verhältnisse hat den Lakedämoniern und den andern Bundesgenossen genehm geschienen: wenn die Athener den Waffenstillstand eingehen, so sollen sich beide Theile innerhalb des Gebietes halten, welches sie jetzt besitzen, die Athener einerseits bei Koryphasion innerhalb Buphras und Tomeus, anderseits auf Kythera, ohne sich in die Bundesgenossenschaft einzumischen, weder wir in die ihrige, noch sie in die unsrige; — und die, welche bei Nisäa und Minoa stehen, sollen die Straße nicht überschreiten, welche von-dem Thore neben dem Nisostempel nach dem Heiligthum des Poseidon und von hier gerade auf die Brücke von Minoa zuführt; — aber auch die Megarer und ihre Bundesgenossen sollen die Straße nicht überschreiten; — und die Insel (Minoa), welche die Athener genommen haben, sollen sie behalten, ohne daß sich einer von beiden Theilen nach der andern Seite einmischt; — ebenso auch Alles, was sie jetzt im Trözenischen Gebiete besitzen, in der Art und Meise, wie die Trözenier mit den Athenern vereinbart haben. Und zur See sollen sie sich in ihrem und ihrer Bundesgenossen Gebiet frei bewegen, die Lakedämonier aber und ihre Bundesgenossen sollen nicht mit Kriegsschiffen ausfahren, sondern allein mit Lastschiffen, die nur von Rudern getrieben werden und bis fünfhundert Talente führen. Für Herolde und Gesandtschaften mit ihrem Gefolge, so viel dessen nöthig dünkt, zum Zwecke der Beendigung des Krieges und der Rechtsentshceidungen, sowohl nach dem Peloponnes, als nach Athen, soll freier Ab- und Zugang fein, sowohl, zu Land, als zu Wasser. Ueberläuser sollen während dieser Zeit nicht angenommen werden, weder ein Freier, noch ein Sklave, weder von unserer, noch von eurer SeiteRechtsentscbeidnngen aber sollt ihr sowohl uns, als wir euch > gegenüber nach hergebrachter Weise obwalten lassen, so daß Streitigkeiten nach dem Recht ohne Kampf entschieden werden.- Dieß ist's, was die Lakedämonier und ihre:Bundesgenossen vorschlagen..Wenn ihr aber etwas Besseres und Gerechteres wißt als dieß, so kommt nach Lakedämon und theilt es mit; denn Nichts, was immer Gerechtes ihr vorbringen möget, werden sie abweisen, weder die Lakedämonier, noch ihre Bundesgenossen. Wer aber kommt-soll mit Vollmacht kommen, wie auch ihr von uns verlangt. i Der Waffenstillstand soll aber ein Jahr dauern." —

  62. 4.118.2

    „Beschlossen hat das Volk (der Athener); der Akamantische Stamm führte den Vorsitz; Phainippos war Schreiber; NikiadeS war Vorsteher. LacheS stellte den Antrag ^): möge es Glück bringen den Athenern! — es, solle der Waffenstillstand abgeshclossen.werden unter den Bedingungen, welche die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen eingeräumt haben. Das Volk hat genehmigt, daß der Waffenstillstand ein Jahr dauern soll; ansangen aber soll er am heutigen Tage, am vierzehnten des Monats Elaphebolion In­ dessen sollen Gesandte und Herolde zwischen ihnen bin und hergehen und unterhandeln, wie dem Krieg ein Ende 'gemacht werden könne! Die Feldherrn und Prytanen sollen-eine Versammlung berufen-und mit den Athenern zuerst ierat hen, unter welchen-Bedingungen eine Ge! sandtschaft wegen Friedensschlusses zulässig sei. Die anwesenden Gesandten.aber sollen sogleich vor dem Volke inter den heiligen Gebräuchen beschwören, daß sie-den einjährigen Waffenstilltsand-trVu^ lich halten wollen."

  63. 4.119.1

    Ueber diese Punkte vereinigten sich die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen mit den Athenern und deren Bundesgenossenschaft, und sie beschworen dieselben am zwölften des lakedämonischen Monats ^Gerastios. - Es verabredeten und beschworen den Vertrag Seitens der Lakedämonier diese: TauroS, Sohn des EcketimidaS,"AtbenaioS, Sohn des Perikleidas, Philocbaridas, Sohn deS Eryxida'l'das; SeitcnS der Konntder: Lineas, Sohn des^OkytoS/ EuphamidaS, Sohn des Aristonyinos;' Seitens der Sikyonier: ^DamotimoS, Sohn des Nankrates, Öuajunos, Sohn des Megäkles; von Seiten der MegarerNikasos^ des Kekalos Sobn, Menekiates, des,Ämphidoros Sohn; Seitens der Epidauriier:' Amphias / Sohn des Eupa'l'das; — von Seiten der Athener aber die Feldherrn Nikostratos, Sohn des DiitrepheS, Nikias, Sohn des Nikeratos^Autokles, Sohn 'des Tolmäos. — Dieß'also war der Waffenstillstand, welcher zu''Stande kam, und während desselben unlerdandelten sie ununterbrochen durch Gesandtschaften wegen eines Hauptfriedensschlusses.

  64. 4.120.1

    Um dieselbe Zeit, als in jenen Tagen die Gesandten zusammentraten, fiel Skione. eine Stadt auf Pallene, von den Athenern zum Brasidas ab. Die Skionäer sagen, sie seien Palleneer aus dem Peloponnes, und ans der Rückfahrt von Troja seien ihre Alten durch jenen Sturm, welcher die Achaier'übcrfiel, an dieß Land verschlagen wörd.en'und, hätten sich da angebaut. Da sie abfallen wollten, fuhr BrasidaS zur Nachtzeit nach Stione hinüber, indem ein befreundetes Kriegsschiff voraussegelte, welchem er selbst auf einem Boote in einiger Entfernung folgte, damit, wenn er auf ein feind-< liches Schiff stoßen sollte, welches größer als sein Boot sei, daS Kriegsschiff ihn schütze; würde aber ein anderer Dreiruderer von gleicher Stärke wie das Kriegsschiff sich zeigen, so dachte er, werde derselbe nicht auf sein kleines Fahrzeug loSgehen, sondern auf daS große Schiff, und unterdessen könne er sich retten. Er kam übrigens hinüber, ließ die Skionäer zusammen kommen und sagte ihnen dasselbe; wie in AkanthoS und Torone, indem er hinzufügte, „daß sie ihm'des größten Lobes würdig erschienendenn obgleich Pallene bei der Landenge abgesperrt.sei, weil die Athener Potidäa im Besitz hätten, und sie demnach sich in Nichts von Inselbewohnern unterschieden, seien sie doch aus freier Bewegung der Freiheit beigetreten und hätten nicht in feiger Unthätigkeit abgewartet, bis ein ihnen offenbar zukommendes Gut mit Gewalt ihnen aufgenötbigt würde, und daS sei ein Beweis, daß sie auch unter anderen Umständen die größten Gefahren mannhaft bestellen würden. Wenn erst ihre Verhältnisse ganz nach ihren Wünschen geordnet seien, so werde er sie in Wahrheit für die treuesten Freunde der Lakedämonier halten und sie auch im Uebrigen zu ehren wissen."

  65. 4.121.1

    Durch solcherlei Reden fühlten sich die Skionäer aufs Höchste-geshcmeichklt, und. Alle insgesammt, selbst auch die, welchen Anfangs die Unterhandlungen nicht behagt hatten, faßten Muth und gedachten den Krieg mit ausdauerndem Eifer zu tragen, und wie sie den Brasidas auch sonst ehrenvoll aufgenommen, so setzten sie ihm auch aus gemeinem Wesen einen goldenen Kranz au?, als dem, der Hellas befreie, und auch aus eigener Bewegung besuchten ihn die Bürger und ehrten ihn mit Kränzen und Binden, wie einen Sieger im Wcttkampf. Er aber ließ ibnen für den Augenblick einige Mannschaft als Besatzung zurück und ging wuder weg; bald danach kam er mit zablieicheren Tiurpen wieder, um vereint mit jenen eimn Versuch aus Mente und Potidäa zu machen; denn er dachte, daß die Athener der iniulaiischcn Lage wegen wohl mit einem Hülfeheere dorthin eilen winden, und er wollte idnen zuvorkommen; auch knüpfte er in diesen Städten Unterhandlungen wegen verräterischer Uebergabe derselben an.-

  66. 4.122.1

    Und eben war er im Begriff, einen Handstreich auf diese Städte auszuführen, da kamen auf einem Dreiruderer diejenigen zu ihm, welche die Meldung vom Waffenstillstände überall hinzubringen hatten. Seitens der Athener Aiistonymos und von den Lakedämoniern Athenäos. Diese setzten den Brasidas in Kenntniß von dem Vergleiche, und sein Heer ging nun wieder nach Torone zurück. Auch alle Bundesgenossen der Lakedämonier in den Thrakischen Gränzgebieten nahmen den Vertrag an. Aristonymos erklärte sich damit in Betreff aller Uebrigen einverstanden, die Skionäer aber, sagte.er, könnten in den Vertrag nicht mit eingeschlossen sein, denn durch Berechnung der Tage hatte er gefunden, daß sie erst später abgefallen seien. Brasidas aber sprach Vieles dagegen und behauptete, eS sei früher geschehen, und gab die Stadt nicht heraus. Als nun Aristonymos hierüber Meldung nach Athen machte, waren die Athener sogleich bereit, gegen Skione zu Felde zu ziehen. Die Lakedämonier schickten nun Gesandte und ließen sagen, daß sie damit den Vertrag brechen würden, und hielten die Stadt fest, weil sie dem Brasidas Glauben schenkten; doch waren sie bereit, sich deßhalb einem Schiedsrichterspruch zu unterwerfen. Jene aber wollten es nickt erst auf einen NechtSspruch ankommen' lassen, sondern so schnell als möglich zu Felde ziehen, höchst erzürnt, daß nun schon sogar die auf den Inseln von ihnen abzufallen Lust hätten, im Vertrauen auf die hier doch ganz nutzlose Landmacht der Lakedämonier. Es war aber auch in Betreff der Zeit des Abfalls das Reckt in Wahrheit mehr auf Seiten der Athener, da die Skionäer zwei Tage später übergegangen waren. Von Kleon überredet, faßten sie also sogleich den Beschluß, Skione zu zerstören und die Einwohner zu todten; und hiezu rüsteten sie sich auch, indem sie alles Uebrige ruhen ließen.

  67. 4.123.1

    Unterdessen fiel aber auch Mende von ihnen ab, eine Stadt auf Pallene und Pflanzort der Eretrier, und Brasidas nahm sie an, ohne damit Unrecht zu thun, wie er glaubte, da sie während deS Waffenstillstandes ganz offen zu ihm übertraten, und dann rückte er auch selbst den Athenern einige Punkte vor, worin sie den Vertrag gebrochen hätten. Um so eher wagten eS deßhalb auch die Mendäer, da sie den Brasidas ganz entschlossen und bereit fanden und sich auch damit rechtfertigen konnten, daß er ja auch Skione nicht herausgebe, und dann gab es auch hier Verräther, die nur in geringer Zahl waren und, was sie einmal gewagt, nicht wollten rückgängig werden lassen, vielmehr aus Furcht, daß ihre Schuld an'S Licht kommen werde, die Mehrzahl gegen ihre Ueberzeugung mit ihnen zugehen zwangen. Die Athener, welche dieS sogleich erfuhren, gerietben nun noch mehr in Zorn und rüsteten gegen beide Städte. Brasidas aber, in Erwartung ihreS Ansegelns, brachte Weiber und Kinder der Skionäer und Mendäer nach dem Ehalkidischen Olymbos und sandte ihnen selbst fünfhundert xeloponnesische Schwerbewaffnete und dreihundert ChaZkidische leichte Schildträger zu, Alle unter dem Befehle des Polydamidas; und diese trafen nun bei sich, in Erwartung daß die Athener bald erscheinen würden, gemeinsam Anstalten zur Vertheidigung...

  68. 4.124.1

    Unterdessen zogen Brasidas und PerdikkaS vereint zum zweiten Mal nach Lynkos gegen den Arrhibäos. Der Eine führte die Macht der Makedonier in's Feld, über die er herrschte, nebst Schwerbewaffneten auS den dort wohnenden Hellenen: jener aber außer den ihm übrig gebliebenen Peloponnesiern noch Chalkidier und Akanthier und aus den übrigen Städten nach Verhältniß ihrer Macht. Im Ganzen betrugen die schwerbewaffneten Truppen der Hellenen ungefähr dreitausend; Reiter seitens der Makedonier und Chalkidier zogen im Ganzen nahe an tausend Mann mit, und außerdem ein zahlreicher Haufe Barbaren. Im Gebiet des Arrhibäos eingedrungen fanden sie die Lynkester bereits zu ihrem Empfange bereit im Feld stehen und schlugen selbst ihnen gegenüber ein Lager. Von beiden Seiten hatten die Fußvölker Hügel besetzt, zwischen denen eine Ebene lag. In diese ritt zuerst die Reiterei beider Theile hinab und lieferte sich ein Reitertressen, und als dann zuerst die Lynkestischen Schwerbewaffneten ihrer Reiterei nach vom Hügel herab eilten und sich zum Gefecht bereit zeigten, führten auch Brasidas und Perdikkas ihnen ihre Leute entgegen, stießen mit ihnen zusammen nnd trieben die Lyn-, kester in die Flucht, von denen sie viele niederhieben; die Uebrigen flüchteten auf die Anhöhen und verhielten sich dort ruhig. Danach errichteten jene ein Siegeszeichen und blieben zwei oder drei Tage- ruhig liegen, wartend auf die Jllyrier, welche, vom Perdikkas um Sold gedungen, noch kommen sollten; daraus wollte Perdikkas gegen die Dörfer des Arrhibäos ziehen und nicht mehr unthätig sitzen bleiben; Brasidas aber, der um Mende besorgt war, daß es, wenn die Athener zur See dort früher erschienen, unterliegen möchte, bezeigte dazu keine Lust, zumal auch die Illyrier nicht kamen, und wollte lieber zurückziehen.

  69. 4.125.1

    Als sie nun hierüber nickt einig werden konnten, wurde gemeldet, daß auch die Illyiier den PerdikkaS verrathen und sich mit Arrhibäos vereinigt hätten, und nun hielten eS beide für daS Beste, den Rückzug anzutreten, weil sie jene als streitbare Manner fürchteten; doch wann man aufbrechen sollte, wurde ihrer Uneinigkeit wegen nicht ausgemacht, und als die Nackt einbrach, überfiel die Makedonier und die große Menge der Barbaren ein plötzlicher Schrecken, — wie es ja oft bei großen Heeren zu geschehen vflegt, daß sie ohne greifbaren Grund in panischen Schrecken gerathen — und im Glauben, daß ihrer eine vielfach größere Zahl heranziehe, als wirklich gekommen waren, und daß sie jeden Augenblick über sie herfallen würden, suchten sie auf der Stelle das Weite und eilten der Heimatd zu; und so wurde auch Peidikkasder Anfangs davon Nichts merkte, als er dann erfuhr, waS vorging, genöthigt noch früher abzuziehen, als er den Brasidas sprechen knurrte, denn beide Lager waren durch einen weiten Zwischenraum getrennt. Als Brasidas dann mit Tagesanbruch die Makedonier schon vorausgeeilt sah, und daß die Jllyrier und Arrhibäos sich zum Angriff anschickten, zog auch er seine Schwerbewaffneten in eine viereckige Ausstellung zusammen, nahm den leichten Haufen in die Mitte und gedachte so seinen Rückzug fortzusetzen. Um zur Abwehr auszufallen, wenn die Feinde wo angreifen sollten, bestimmte er die Jüngsten, und er selbst mit dreihundert Mann ausgewählter Truppen wollte als der hinterste aus dem Rückzug den vordersten Feinden, wenn sie angreifen würden. Widerstand leisten und sie-zurückweisen. Und bevor noch die Feinde sich in der Nähe zeigten, sprach er seinen Soldaten mit solchen Worten Zuversicht ein:

  70. 4.126.1

    „Wenn ich nicht vermuthen müßte, ihr peloponnesilchen Männer, daß ihr in Bestürzung seid, weil die Bundesgenossen euch im Stich gelassen haben und die Angreifer Barbaren und sehr zahlreich sind, so würde ich nicht, indem ich euch Muth einspreche, euch auch zugleich zu belehren suchen. So aber will ich in Anbetracht, daß unsere Beistände aufgerissen sind und die Menge der Feinde groß ist,'in kurzer Erinnerung und Ermunterung das Wichtigste euch vor-l zuhalten suchen. Tapfer zu sein im Kampfe, geziemt euch.nicht wegen jeweiliger Anwesenheit von Bundesgenossen, sondern wegen der angestammten Mannhaftigkeit; und ihr'dürst euch vor keiner Menge Fremder fürchten, denn ihr kommt ja auch nicht auS solchen Staaten wie diese, vielmehr aus solchen, in denen nicht Viele über Wenige herrshcen, sondern Wenige über Viele, und, auf keine andere Weise haben diese- Wenigen solche Herrschaft erlangt, als durch Sieg in der Schlacht."

  71. 4.126.2

    „Was aber diese Barbaren betrifft, die ihr jetzt aus Unkunde fürchtet, so solltet ihr aus den Kämpfen, die ihr bereits mit barbarischen Makedoniern bestanden habt, wissen? daß sie unS nicht furchtbar werden können, und ich habe auch sonst Ursachen dieß zu schließen und weiß es auch von Ändern. Und wenn ein.Feind in der That Schwächen besitzt, welche den Anschein der Stärke haben, so wird Belehrung, welche über ihn die Wahrheit mittheilt, den Muth derer erhöhen, welche sich seiner erwehren sollen; ist aber der Feind in der That tapfer, so geht man ihm wohl kühner zu Leibe, wenn man es nicht vorher weiß. Bei diesen nun ist ihre Erscheinung vor dem Angriff den Unkundigen furchtbar. Denn schon ihre Zahl ist dem Auge schreckhaft, und das Getöse ihres Schlachtgeschrei's ist entsetzlich, und das eitle Schwenken ihrer Waffen hat etwas furchtbar Drohendes. Im Handgemenge aber mit denen, welche jenes Alles aushalten, sind sie nicht mehr dieselben; denn sie halten keine Linie ein und finden keine Schande darin, gegenüber der Gewalt vom Platz zu weichen, und da Flucht und Angriff bei ihnen gleicherweise rühmlich sind, so bleibt ihre Mannhaftigkeit unerwicsen. Eine Kampfweise, wobei Jeder auf eigene Faust handelt, bietet wohl leicht einen ehrenhaften Vorwand, sich durch Flucht zu retten. Und sie halten es für sicherer, euch aus gefahrloser Entfernung Furcht einzujagen, als mit euch handgemein zu werden; denn sonst würden sie wohl dieses vor jenem thun: So seht ihr denn klar, daß der Schrecken, der vor ihnen hergeht, in der That nur kurze Zeit taueit und nur Aug und Ohr trifft. Wenn ihr aber den Anprall dieser furchtbaren Dinge aushaltet und dann wieder zu rechter Zeit.euch in fester Ordnung langsam zurück­ zieht, , daß dergleichen ungeordnete Haufen denen, welche den ersten Anprall aushalten, anstatt sie anzugreifen, nur durch prahlerische Drohungen aus der Ferne ihre Tapferkeit zeigen, denen aber, welche vor ihnen weichen, auf den Fersen hitzig folgend ihren Muth beweisen, indem sie selbst in Sicherheit ifnd."

  72. 4.127.1

    Als Brasidas dieß zur Ermunterung gesprochen, ließ er das Heer den Rückmarsch antreten. Die Barbaren aber, da sie dieß sahen, drangen unter großem Geschrei und Lärm an, im Glauben, daß er fliehe und sie nur über ihn herzufallen brauchten um ihn zu vernichten. Da aber dort, wo sie angriffen, die Ausfallenden ihnen die Stirne boten und Brasidas selbst mit seinen aueerlesenen Leuten ihrem Andrang Stand hielt, so wurde ihr erster Anprall wider Erwarten abgeschlagen, und auch weiter hin empsing man sie, wenn sie wieder angriffen, und wies sie zurück ; verhielten sie sich aber ruhig, so wurde der Rückzug fortgesetzt. Da ließ die Mehrzahl der Barbaren von den Hellenen des Brasidas in der Ebene ab, und es blieb nur eine Abtheilung zurück, um ihnen zu folgen und sie zu beunruhigen, die Uebrigen aber setzten im Lauf den flüchtigen Makedonien nach, erschlugen was sie noch erreichen konnten und besetzten vorauseilend den Paß, der als enge Straße zwischen zwei Bergen in das Land des Arrhibäos einführt; denn sie wußten, daß Brasidas keine andere Straße zum Rückzug habe; und als er sich bereits der schwierigen Stelle des Passes näherte, suchten sie ihn zu umringen, um ihn so abzufangen.

  73. 4.128.1

    Er aber merkte ihre Absicht und befahl seinen dreihundert Mann, den Hügel, welchen er vornehmlich besetzen zu müssen glaubte, im Laufund ausgelöster Ordnung, so schnell Jeder könne, zu ersteigen und die schon gegen denselben anrückenden Barbaren wo möglich herabzuwerfen, ehe noch die zu ihrer Umzingelung bestimmte Mann-' schast heranrücke. Diese nun stürmten den Hügel hinauf und warfen die oben Stehenden, so daß das hellenische Heer seinen Marsch nach demselben leichter fortsetzen konnte; denn die Barbaren waren durch ihre Vertreibung von der Anhöhe in Schrecken versetzt worden und folgten ihrem Marsche nicht weiter, zumal sie auch jene schon auf den Grenzen angekommen und in Sicherheit glaubten. Brasidas aber, nachdem er erst die Höhen erreicht hatte, marschirte nun in größerer Sicherheit weiter und gelangte noch desselben TagS auf dem Gebiete, des Perdjlk.is zuerst nach Anissa. Seine Soldaten, selbst erzürnt über den voreiligen Rückzug der Makedonier, wann sie unterwegs deren Nindcrgespanne antrafen oder herausgefallene Gepäckstücke, wie. eS ja bei einem nächtlichen Rückzug, den der Schreck veranlaßt hat, nothwendig vorkommen muß, so spannten sie jene auS und hieben sie nieder, und eigneten sich diese als gute Beute an. Diese Vorfälle waren die erste Veranlassung, daß Perdikkas den Brasidas seitdem als seinen Feind ansah und von da an gegen die Peloponnesier einen Haß hegte, der seinen Absichten und seinem Verhältnisse zu den Athenern durchaus nicht entsprechend war; und im Widersprüche mit dem, was seine dringendsten Vortheile geboten, trachtete er, sich so geschwind als möglich mit Athen auszusöhnen und die Peloponnesier sich vom HalS zu schaffen.

  74. 4.129.1

    Als Brasidas nach dem Rückzug aus Makedonien nach Torone kam, traf er die Athener bereits im Besitze von Mende, und da er sich nun nicht mehr für stark genug hielt nach Pallene überzusetzen und Hülfe zu gewähren, so blieb er in Torone ruhig liegen um diese Stadt zu decken. Um dieselbe Zeit nämlich mit den Ereignissen in LynkoS waren die Athener, wie sie sich ja auch hiezu gerüstet hatten, gegen Mende und Skione mit fünfzig Schiffen ausgesegelt, wovon zehn den Chiern gehörten. AuS ihrer Bürgerschaft führten sie mit sich tausend Schwerbewaffnete, dazu sechshundert Bogenschützen, tausend geworbene Thraker und leichte Schildträger auS den dortigen Bundesgenossen. Feldherrn waren Nikias, Sohn deS Nikeratos, und ' Nikostratos, des DiitrepheS Sohn. Von Potidäa mit den Schiffen in See g'hend landeten sie beim Heiligthum des Poseidon und marschirten gegen die Mendäer. Diese aber mit den dreihundert zu ihrer Hülfe anwesenden Skionäern und den Pelovonnesischen Hulsstruppen — im Ganzen siebenhundert Schwerbewaffnete — hatten sich außerhalb der Stadt unter ihrem Anführer Polydamidas auf einem Hügel festgesetzt, der eine starke Stellung gewährte. Ihnen suchte Nikias mit hünderlundzwanzig Leichtbewaffneten aus Methone nebst sechzig ausgewählten athenischen Geharnischten und sämmtlichen Bogenschützen auf einem Bergpfad beizukommen, wurde aber verwundet und konnte sie nicht bewältigen. Nikostratos erstieg mit dem gesammten übrigen Heere aus einem anderen Zugang und weiteren Umwege den äußerst schwer zugänglichen Hügel, wurde jedoch auch ganz in Unordnung gebracht; und wenig fehlte, so bätte das ganze.Heer der-Athener eine Niederlage erlitten. Für diesen Tag nun, da die Mendäer und ihre Bundesgenossen nickt wichen, zogen sich die Athener zurück und schlugen ein Lager, und die Mendäer gingen in der folgenden Nacht wieder nach ihrer Stadt.

  75. 4.130.1

    Tags daraus segelten die Athener nach der Landschaft von Skione, nahmen die Vorstadt und verheerten den ganzen Tag über das Gebiet, während Niemand gegen sie auszog, da auch in der Stadt etwas von Unruhen stattfand ; jene dreihundert Skionäer zogen auch in der. folgenden Nacht nach Hause ab. Tags darauf suchte Nikias mit der Hälfte des Heeres die Gränzgebiete der Skionäer heim und verwüstete zugleich das Land; Nikostratos aber mit den übrigen Truppen lagerte sich dicht vor dem oberen Stadtthore (von Mende), da, wo man nach Potidäa zugeht. Polydamidas nun — denn an derselben Seite innerhalb der Mauer standen die Mendäer und ihre Hülfstruppen zufällig auch Gewehr bei Fuß — stellte die Mendäer in Schlachtordnung und forderte sie auf auszurücken und jene anzugreifen. Da ihm aber Einer aus der Volkspartei widersprach — denn auch hier herrschte inneres Zerwürfniß und sagte, er werde nicht ausrücken und er ivisse nicht, weßhalb er kämpfen solle — so packte ihn jener mit der Hand und rüttelte ihn durcheinander. Da gerieth das Volk in Muth, ergriff die Waffen und fiel über die Peloponnesier und seine Gegner her, die es mit jenen gehalten hatten. Und im ersten Anfall schlugen sie sie in die Flucht, theils weil der Angriff ganz unerwartet kam, theils auch weil'jene darüber in Schrecken geriethen, daß den Athenern die Thore geöffnet wurden; denn sie glaubten jetzt, man habe sie einer Verabredung gemäß überfallen. Wer von ihnen nicht auf dem Flecke niedergehauen wurde, flüchtete nach der Burg, die sie auch vorher schon besetzt gehalten hatten. Alle Truppen der Athener aber — denn auch.Nikias war wieder zur Stadt zurückgekehrt, drangen jetzt in Mende ein, dessen Thore nicht in Folge eines Vergleiches geöffnet worden waren, und plünderten, als ob sie die Stadt im Sturm genommen hätten; und» nur mit Mühe hielten die Feldherrn ihre Leute gzurück, daß sie nur der Menschenleben schonten. Danach erlaubten sie den Mendäern, den. Staat wieder nach hergebrachter Weise zu.ordnen und unter sich selbst zu Gericht zu sitzen, wenn sie den Einen oder den Andern als Ursache des Abfalls betrachteten. Die in der Burg aber sperrten sie ein, indem sie von beiden Seiten bis zum Meere hin eine Mauer zogen.und eine Trurpe zur Ueberwachung ausstellten. Nachdem iseMende so wieder gewonnen, zogen sie gegen Skione.

  76. 4.131.1

    Die Skionäer aber und die Peloponnesier zogen ihnen selbst aus der Stadt entgegen und besetzten einen.vor derselben gelegenen starken Hügel, welchen die Gegner durchaus nehmen mußten, wenn sie die Stadt rings umschanzen wollten. Die Athener griffen hier kräftig an, warfen die ihnen entgegenrückenden Feinde fechtend herab, schlugen dann ein Lager, und nachdem sie ein Siegeszeichen errichtet, schickten sie sich an, rings um die Stadt Schanzen auszuwerfen. Nicht lange danach, als sie bereits an der Arbeit waren, erschienen die in der Burg von Mende belagerten peloponnesischen Hülsstruppen, welche trotz der Beobachtungstruppen sich zur. Nachtzeit am Meere hin den Durchweg erzwungen hatten, kamen auch meist glücklich durch das Belagerungsheer vor Skione und gelangten in die Stadt.

  77. 4.132.1

    Während noch an-der Einschließung von Skione gearbeitet wurde, sandte Perdikkas Herolde zu den athenischen Feldherrn und schloß einen Vertrag mit den Athenern ab, aus Haß gegen den Brasidas wegen des Rückzuges aus Lynkos, unmittelbar nach welchem er auch die Unterhandlungen begonnen hatte. Damals sollte nämlich auch der Lakedämonier Ischagoras dem Brasidas zu Lande ein Heer zuführen^ Perdikkas aber, von Nikias nach dem Abschlüsse des Vertrags aufgefordert, den Athenern des Vertrauens halber,einen Beweis seiner Freundschaft zu geben, zugleich aber auch aus eigener Bewegung, da >er keine Peloponnesier mehr in seinem Lande sehen wollte, stiftete feine Gastfreunde in Thessalien, zu denen er nur die Mächtigsten im Lande wählte, dazu an, Heer und Rüstzeug der Peloponnesier nickt durch ihr Land zu lassen, so daß jene nicht einmal einen Versuch gegen die thessalische Gränze machten. ZschagöraS aber und Ameinias und Aristeus kamen indessen selbst zum Brasidas, in Sendung der Lakedämonier, um die dortigen Verhältnisse in Augen­ schein zu nehmen, und brachten aus Sparta, — was eigentlich gegen ihr Gesetz ist — jüngere Männer mit, um sie als Oberbeamte über die Städte zu setzen 25) und diese nicht dem Ersten Besten anvertrauen zu müssen. Auch setzte Brasidas wirklich den Klearidas, Sohn deS KleonymoS, über Amphipolis, und den Pafitelidas, des HegesandroS Sohn, über Torone.

  78. 4.133.1

    sIm selben Sommer rissen die Thebaner die Mauern der Thespier nieder unter dem Vorwurf, daß diese zu Athen hinneigten. Sie hätten dieß gern schon längst gethan, jetzt aber hatten sie dazu gute Gelegenheit, weil in der Schlacht gegen die Athener die Blüthe der jungen Thespier gefallen war 56).

  79. 4.133.2

    In demselben Sommer brannte auch der Heratempel in Argos nieder, da die Priestenn ChryfiS ein brennendes Licht in die Nähe der Kränze gestellt hatte und dabei eingeschlafen war, so daß Alles unbemerkt in Brand gerieth und von den Flammen verzehrt wurde. Chryfis selbst floh noch in derselben Nacht aus Furcht vor den Argivern nach Phlius, und jene ernannten dem Gesetze gemäß eine andere Priesterin NamenS PhaeiniS. Von diesem Kriege hatte Chrysis, als sie entfloh, acht Jahre erlebt und das neunte zur Hälfte 57).

  80. 4.133.3

    Als der Sommer schon zu Ende ging, war die Einschließung von Skione ganz vollendet, und die Athener zogen, nachdem sie eine Besatzung dort zurückgelassen, mit dem übrigen Heere ab.

  81. 4.134.1

    In dem nun folgenden Winter fiel des Waffenstillstandes wegen zwischen Athenern und Lakedämoniern Nichts vor; die Mantineer und Tegeaten^) aber und ihre beiderseitigen Bundesgenossen lieferten sich eine Schlacht bei Laodikion in der Landschaft OresthiS, in welcher der Sieg unentshcieden blieb; denn beide Theile hatten einen der gegenüberstehenden Flügel in die Flucht geschlagen; auch errichteten beide Theile Siegeszeichen und sandten Waffenbeute nach Delphi. Nachdem nämlich aus beiden Seiten Viele gefallen waren und die Schlacht noch unentschieden geblieben, da die Nacht dem Kampf ein Ende machte, hatten die Tegeaten das Schlachtfeld die Nacht über behauptet und sogleich ein Siegeszeichen aufgestellt, die Mantineer aber hatten sich nach Bukolion zurückgezogen und errichteten erst später ein Siegeszeichen.

  82. 4.135.1

    Zu Ende desselben Winters und schon gegen Frühlings- ansang machte Brasidas auch einen Versuch auf Potidäa Er näherte, sich nämlich der Mauer und legte eine Leiter an, was soweit unbemerkt blieb; denn wahrend die Glocke umgetragen wurde 69), und ehe der Soldat, der sie weiter zu geben hatte, wieder zurück kam, war bei dem leeren Posten die Leiter angelegt worden. Da man sie aber dann sogleich bemerkte, noch bevor sie die Mauer erstiegen hatten, führte er sein Heer alsbald in Eile zurück und wartete nicht, bis es Tag geworden. So ging der Winter zu Ende und mit ihm das neunte Jahr des Krieges, den Thukydideö beschrieben hat.

  83. 5.0.1

    Zehntes Kriegsjahr: 422 — 21. Kap. 1—20.

  84. 5.0.2

    Die Athener vertreiben die Bewohner von Delos: Kap. 1. — Kleon erobert Torone und zieht gegen Amphipolis: 2. 3. — Athen versucht ohne Erfolg den Leontinern Hülfe gegen Syrakns zu bringen: 4. 5. — Schlacht bei Amphipolis. Kleon fällt; Brasidas siegt und stirbt an seinen Wunden: 6 — 11. — Lakedämonische Verstärkung, nach Thrakien bestimmt, kehrt in Thessalien wieder um: 12. 13. — Stimmung zum Frieden auf beiden Seiten: 14. 15. — Pleistoanax in Sparta und Nikias in Athen betreiben denselben: 16. 17. — Abschluß und Urkunde des Friedens: 18—20.

  85. 5.0.3

    Elftes Kriegsjahr: 421-20. Kap. 21-39.

  86. 5.0.4

    Die Lakedämonischen Bundesgenossen weigern sich dem Frieden beizutreten: 21. 22. — Schntzbüudniß zwischen Athen und Sparta: 23. 24. — Dessen Bestimmungen werden nicht eingehalten: 25. 26. — Korinther, Mantineer, Eleer und Chalkidier schließen mit Argos ein Gegenbündniß. Argos strebt nach der Vorsteherschaft: 26—32. — Wachsende Spannung zwischen Athen und Sparta: 33—35. — Sparta schließt einen Bund mit Böotien: 36—39.

  87. 5.0.5

    Zwölftes Kriegsjahr: 420 — 19. Kap. 40—51.

  88. 5.0.6

    Die Argiver suchen Verbindung mit Sparta: 40. 41.— Alkibiades bewirkt einen Bund zwischen Athen und Argos: 42—46. — Urkunde desselben: 47. — Streit zwischen Elis nnd Sparta wegen Lepreons: 48—50. — Die Trachinischen Herakleoten von den Barbaren besiegt: 51.

  89. 5.0.7

    Dreizehntes Kriegs-saht: 419—18. Kap. 52—56.

  90. 5.0.8

    Die Böotier nehmen Heraklea. Alkibiades in Achaia: 52. — Krieg zwischen Argos und Epidauros: 53. — Die Lakedämonier ziehen gegen Leuktra: 54. — Verhandlungen zu Mantinea: 55. — Epidaurische Angelegenheiten: 56.

  91. 5.0.9

    Vierzehntes Kriegsjahr: 413—17. Kap. 57—81.

  92. 5.0.10

    Die Lakedämonier und Verbündete ziehen vor Argos. Die beiderseitigen Feldherrn schließen ein friedliches Uebereinkommen ab: 57—60. — Die Argiver und Verbündete billigen dasselbe nicht und nehmen Orchomenos: 61. — ziehen gegen Tegea: 62. — Die Lakedämonier ziehen Tegea zu Hülfe und siegen bei Mantinea: 63—74. — Die Argiver müssen, einen Vertrag und dann einen Waffenbund mit Sparta eingehen: 75—80, welches nun in Sikyon und Argos eine oligarchische Verfassung herstellt: 81.

  93. 5.0.11

    Fünfzehntes Kriegsjahr: 417 — 16. Kap. 82. 63.

  94. 5.0.12

    Umwälzung in Argos; die Volkspartei behält die Oberhand.

  95. 5.0.13

    Sechzehntes Kriegsjahr: 416—15. Kap. 64—116.

  96. 5.0.14

    Unternehmung der Athener gegen Melos: 84. — Verhandlungen zwischen Athenern und Meliern: 85—113. — Die Stadt der Melier wird genommen; die Melier geschlachtet oder geknechtet. Melos wird Athenische Kolonie: 114—116.

  97. 5.1.1

    Im folgenden Sommer war der auf ein Jahr abgeschlos- sene Vertrag erloshcen und galt nur noch für die Tage des Pythischen Festes'). Noch während des Waffenstillstandes hatten die Athener die Delier von ihrer Insel abziehen heißen, weil sie dieselben irgend einer alten Schuld wegen nicht für rein genug hielten, dem Gotte geweiht zu bleiben. Dieß, dachten sie, fehle noch zu jener Reinigung, bei der sie mit Wegschaffung der Todtenfärge genug gethan zu haben glaubten, wie ich früher erzählt habe 2). Die Delier nun siedelten sich, sowie Einer nach dem Andern von dort ausgebrochen war, in Atramyttion in Asien an, welches ihnen Pharnakes angewiesen hatte.

  98. 5.2.1

    Kleon aber hatte die Athener zu einem Zuge gegen die Thrakischen Gränzlande beredet und, nachdem der Waffenstillstand abgelaufen, segelte er dahin ab mit zwölfhundert Schwerbewaffneten und dreihundert Reitern aus den Athenern und einer noch größeren Zahl von Bundesgenossen, auf dreißig Schiffen. Zuerst landete er bei Skione, das noch belagert wurde, verstärkte aus den dortigen Belagerungstruppen seine Schwerbewaffneten und segelte dann nach dem Hasen der Kolophonier, der von der Toronäer Stadt nicht weit abliegt. Als er da von Ueberläufern erfuhr, daß weder Brasidas in Torone anwesend sei, noch auch die drinliegende Besahung den Kampf mit ihm wagen könne, so marschirte er mit dem Heere zu Land gegen die Stadt und ließ zehn Schiffe um den Hafen kreuzen. Zuerst nun stieß er auf die Mauer, welche Brasidas um die Vorstadt gebaut hatte, um auch diese mit einzubeziehen; und da er zugleich auch den Theil der alten Mauer niedergerissen hatte, so war eine zusammenhängende Stadt hergestellt worden.

  99. 5.3.1

    Diese Mauer nun zu vertheidigen eilten Pasitelldas, Anführer der Lakedämonier, und die noch anwesende Besatzung herbei und suchten die Athener abzuwehren. Da sie aber hart bedrängt wurden und auch die zur Kreuzung ausgesandten Schiffe im Hafen ershcienen, so fürchtete Pasitelidas, die Schiffe möchten ihm zuvorkommen und die unbesetzte Stadt wegnehmen, und er selbst könnte bei der Erstürmung der neuen Mauer mit gefangen werden; deßhalb gab er diese auf und eilte im Laufschritt der Stadt zu. Derweilen hatten aber die Athener von den Schiffen Torone schon im ersten Anschrei genommen, und zugleich drang das nachrückende Fußvolk da ein, wo die alte Mauer niedergerissen war. Einen Theil der Peloponnesier und Toronäer tödteten sie im Handgemenge sogleich, die Andern nahmen sie gefangen und darunter Pasitelidas, den Anführer. Indeß rückte Brasidas zum Entsatz von Torone heran; da er aber unter» wegs die Einnahme der Stadt erfuhr, so zog er sich wieder zurück; er war aber nur um etwa vierzig Stadien zu weit entfernt,^ sonst hatte er die Eroberung noch hindern können. Kleon aber und die Athener stellten zwei Siegeszeichen auf, das eine beim Hafen, das andere an der neuen Mauer, und der Toronäer Weiber und Kinder machten sie zu Sklaven, sie selbst aber und die Peloponnesier und den einen oder anderen Chalkidier, die dabei waren, im Ganzen ihrer sieben Hundert, schickten sie nach Athen. Was von Peloponnesi ern darunter war, ging später beim Abschlüsse des Vertrags wieder in die Heimat, die Uebrigen wurden von den Olynthiern Mann gegen Mann ausgetauscht und heimgeführt. — Um dieselbe Zeit nahmen auch die Böotier die athenische Gränzfestung Panakton durch Verrath. — Kleon nun, nachdem er in Torone eine Besatzung zurück­ gelassen, ging wieder unter Segel und umschiffte den Athos, in der Absicht, Amphipolis wiederzugewinnen. c

  100. 5.4.1

    Um dieselbe Zeit ging auch Phäax, des Erasisiratos Sohn, in See, den die Athener stlbdritt als Gesandten für Italien und Sicilien mit zwei Schiffen abschickten. Es hatten nämlich, als damals nach dem Vertragsschluß die Athener aus Sicilien abgezogen waren, die Leontiner viele neue Bürger gemacht, und das Volk dachte das Land unter sich neu auszutheilen. Wie aber die Reichen das merkten, riefen sie die Syrakusier herbei und trieben die Volkspartei ' aus der Stadt. Diese nun zerstreuten sich über das Land, der Eine dahin, der Andere dorthin; die Reichen aber trafen einen Vergleich mit den Syrakusiern, wonach sie ihre Stadt öde und leer ließen und sich mit dem Bürgerrecht in Syrakus ansiedelten. Nicht lange Zeit danach aber zogen Einige wieder aus Syrakus weg, weil es ihnen dort nicht gefiel, und besetzten Phokää, einen Platz dieses Namens im Stadtgebiet der Leontiner, und Brikinniä, eine Festung im Leontinischen. Da kamen nun zu ihnen die Meisten von der Volkspartei, die damals ausgetrieben worden war, und führten aus diesen festen Stellungen Krieg ^gegen die Syrakusier^. Das hatten die Athener erfahren und schickten nun den Phäax hin, ob sie wohl ihre dortigen Bundesgenossen und wo möglich alle Sikelioten dazu bewegen könnten, insgemein gegen die Syrakusier zu Felde zu ziehen, weil diese die Obmacht anstrebten, und ob sie die Volkspartei der Leontiner auf diese Weise retten könnten. Nachdem Phäax dort angekommen war, gewann er für sich die Kamarinäer und Akragantiner, da er aber in Gela Hindernisse fand, so ging er weiter nicht zu den Andern, denn er merkte, daß sie sich nicht würden bereden lassen, sondern nahm den Rückweg durch das Land der Sikuler^) nach Katana, und nachdem er im Vorbeireisen auch Brikinniä besucht und denen dort Muth eingesprochen hatte, schiffte er wieder heimwärts.

← Previous · Next → — showing 501600 of 2,508

Perseus Greek. CTS URN tlg0003.tlg001.1st1K-ger2. Via the Perseus Digital Library / Open Greek and Latin TEI corpora. Licence: CC BY-SA 4.0. Source.