Geschichte des Peloponnesischen Kriegs
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Sechstes Kriegsjahr: 426-25. Kapitel I.XXXIX—LXVl.
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Kap. 89. Erdbeben und Überschwemmungen. — 90. Des Lach es Eroberungen auf Sicilien. — 91. Sieg der Athener bei Tanagra. — 92—93. Heraklea, neue Pflanzstadt der Lakedämonier. — 94. Demosthenes auf Leukadien.— 95—98. Unglücklicher Feldzug desselben gegen die Aetoler. — 99. Landung der attischen Schiffe im italischen Lokris. — 100 — 102. Die Lakedämonier unter Eurylochos in Aetolien und gegen Naupaktos — 103. Ereignisse auf Sicilien. — 104. Die Athener reinigen Delos. — 105— 114. Die Amprakioten von den Akarnanern und Athenern zweimal geschlagen. — 115. Weitere attische Schiffe nach Sicilien. — 116. Ausbrüche des Aetna.
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Des folgenden Sommers fielen die Peloponnesier und ihre Bundesgenossen zur Zeit, da das Getreide in Blüthe stand, mit Heeresmacht in Attika ein und verwüsteten das Land, nachdem sie ein Lager geschlagen. Anführer war der Lakedämonier-König Archidamos, des Zeuxidamos Sohn. Wie sie auch früher gewohnt waren, machten ^ die athenischen Reiter Ausfälle, wenn es thunlich schien, und verhinderten so wenigstens den großen Haufen der Leichtbewaffneten, sich vom Lager zu entfernen und in der Nähe der Stadt Schaden zu thun. Die Feinde blieben so lange im Lande stehen, als die Lebensmittel ausreichten, zogen sich dann zurück und gingen ein Jeder in seine Heimath.
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Gleich nach diesem Einfalle der Peloponnesier fiel Lesbos mit Ausnahme der Stadt Methymne') von den Athenern ab, was sie schon vor dem Kriege hatten thun wollen; aber die Lakedämonier nahmen sie damals nicht an. Auch dieses Mal waren sie genöthigt, den Abfall früher in's Werk zu setzen, als sie zu thun im Sinne hatten; denn sie hatten warten wollen, bis die Häfen abgedämmt, die Mauern ausgebaut und die Ausrüstung der Schiffe vollendet und Alles angelangt wäre, was aus dem Pontos Euxinos kommen sollte, Bogenschützen , Getreide und was sie sonst von dort erwarteten. Aber die Tenedier^), die ihnen gram waren, wie auch die Methymnäer und selbst eine Partei unter den Mytilenäern, Gastfreunde der Athener, hatten in Folge eines Zwistes unter den Bürgern den Athenern die Anzeige gemacht, das; jene mit Gewalt alle Bewohner der Insel nach Mytilene verpflanzen wollten, und daß sie mit Beihülfe der Lakedämonier und der Böotier, die ihnen blutsverwandt waren, sich eifrig rüsteten, um in Bälde abzufallen, und wenn man nicht zuvorkomme, so würde Lesbos verloren gehen.
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.Die Athener aber, die sowohl von der Seuche bedrängt waren, als auch von dem Kriege, der eben recht in Gang kam und mit Anstrengung betrieben wurde, dachten, es sei eine schlimme Sache, wenn auch noch die Lesbier mit ihrer Flotte und ihrer ungeschwächten Macht auf die Seite ihrer Feinde treten sollten. Deßhalb mochten sie Anfangs jenen Anklagen keinen Glauben schenken, und weil sie nicht wünschten, daß sie wahr seien, so trösteten sie sich eines großen Theiles damit, daß sie wohl auch wirklich nicht begründet seien. Als sie aber dann durch abgeordnete Gesandte die Mytilener nicht dahin vermögen konnten, mit der Verpflanzung der Einwohner und den Kriegsrüstungen auszuhören, so wurden sie wirklich besorgt und beschlossen ihnen zuvorzukommen. Sie schickten also schleunigst vierzig Schiffe, die fertig gerüstet lagen , um nach dem Peloponnes unter Segel zu gehen, dorthin ab. Kle'ippides, des Deinias Sohn, befehligte sie selbdritt. Es war ihnen nämlich gemeldet worden, daß das Fest des Apollo Maloeis") bevorstehe, welches die Mytilenäer insgesammt außerhalb der Stadt feierlich zu begehen pflegten, - und wenn die Fahrt beschleunigt würde, so könne man sie vielleicht unvermuthet übersallen. Der Versuch könne wohl gelingen. Gelänge er aber nicht, so solle an die Mytilenäer die Aufforderung ergehen, ihre Schiffe auszuliefern und die Mauern niederzureißen, und wollten sie sich darein nicht fügen, so solle der Krieg beginnen. Diese Schiffe beeilten nun ihre Fahrt. Die zehn Dreiruderer der Mytilenäer aber, welche dem Bundesvertrag gemäß als Hülfsgeschwader bei ihnen lagen, hielten die Athener zurück und brachten die Bemannung in festen Gewahrsam. Den Mytilenäern aber that ein MannH der von Athen nach Euböa übersetzte, dort zu Lande bis nach Geraistos ging, von hier mit einem glücklicher Weise angetroffenen Frachtschiff absegelte und so in drei Tagen von Athen nach Mytilene kam, Meldung von der ansegelnden Flotte. Diese nun unterließen den Auszug nach Maloeis und hielten im Uebrigen gut Wache, nachdem sie um die unvollendeten Theile der Häfen und der Mauern Verfperrungen angelegt hatten.
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Als nun nicht lange danach die Athener auf ihren Schiffen kamen und dieß sahen, so ließen deren Befehlshaber jenen zu wissen thun, was ihnen besohlen sei, und da die Mytilenäer kein Gehör gaben , so schickten sie sich an die Feindseligkeiten zu beginnen. Nun wagten zwar die Mytilenäer, ungerüstet wie sie waren, nnd ganz wider Erwarten zum Kriege gezwungen, mit ihren Schiffen eine kurze Strecke weit aus dem Hasen herauszufahren wie zur Seeschlacht/ da sie aber von den athenischen Schiffen zurückgejagt wurden, so erboten sie sich gegen die Feldherrn zu Unterhandlungen, mit' dem Gedanken sich womöglich die Schiffe durch einen glimpflichen Vergleich für jetzt vom Halse zu schaffen. Die Athenischen Befehlshaber waren dazu auch willig, da sie selbst sich nicht im Stande glaubten, den Kampf mit ganz Lesbos aufzunehmen. Nachdem so eine Waffenruhe zu Stande gekommen war, schickten die Mytilenäer Gesandte nach Athen, nnd darunter neben andern auch einen ihrer Ankläger, der seinen Schritt jetzt schon bereute. Die sollten die Athener bereden, ihre Schiffe zurückzuziehen, da sie selbst keinerlei Neuerungen im Sinne hätten.
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Zu gleicher Zeit aber schickten sie auch auf einem Dreiruderer Gesandte nach Lakedämon, ohne daß die athenischen Schiffe, die nordwärts der Stadt bei Malea vor Anker lagen, etwas davon merkten; denn sie hatten kein Vertrauen, daß sie bei den Athenern etwas ausrichten würden. Diesen letzteren spielte auf der Fahrt die See übel mit, doch kamen sie nach Lakedämon und setzten so viel durch, daß ihnen Hülse werden solle.
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Da nun die Gesandten aus Athen wirklich zurückkamen, ohne etwas vermocht zu haben, so schickten sich die Mytilenäer und das übrige Lesbos, allein Methymne ausgenommen, zum Kriege an; denn diese, wie auch die Jmbrier und Lemnier und einige wenige der übrigen Bundesgenossen waren mit ihren Hülfsgeschwadern zu den Athenern gestoßen. Die Mytilenäer mit ihrem gesammten Volke machten einen Ausfall gegen das Lager der Athener, und es entspann sich dabei eine Schlacht, in welcher die Mytilenäer zwar nicht zurückgeworfen wurden, aber doch weder die Nacht über das Schlachtfeld behaupteten, noch auch sonst Selbstvertrauen genug hatten, um nicht sogleich den Rückzug anzutreten. Und seitdem verhielten sie sich ruhig in der Absicht später wieder einen Kampf zu wagen, wenn ihnen Zuzug aus dem Peloponnes oder ihrer Rüstung sonstwie ein Zuwachs gekommen wäre. Und in der That kamen jetzt auch der Lakonier Meleas und Hermäondas, der Thebaner, zu ihnen, welche schon vor dem Abfalle abgeschickt worden waren, jedoch den ansegelnden Athenern nicht hatten zuvorkommen können, und so sich erst nach der Schlacht auf einem Dreiruderer einstahlen. Diese forderten auf, nochmals ein Schiff mit Gesandten abgehen zu lassen, und das geschah auch.
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Den Athenern war unterdessen wegen der Unthätigkeit der Mytilenäer der Muth wieder gewachsen, und sie riefen ihre Bundes- genossen herbei, die sich um so schneller einstellten, da sie sahen, daß von den Lesbiern nichts Zuverlässiges zu erwarten sei. Dieselben mm legten sich an der Nordseite der Stadt hin vor Anker, schlugen zwei feste Lager, auf jeder Seite der Stadt eines, und legten den Verschluß vor beide Hafen. So sperrten sie zwar die Mytilenäer von der See ab, sonst aber waren zu Lande diese die Meister sammt den übrigen Lesbiern, die bereits zu ihnen gestoßen waren. Auch beherrschten die Athener in der Umgebung ihrer Lager nicht viel Land, weßhalb auch ihre Hauptstation für die Proviantschiffe und der Markt bei Malea waren. Auf diese Weise wurde der Krieg vor Mytilene geführt.
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Desselbigeu Sommers und um dieselbe Zeit schickten auch die Athener dreißig Schiffe nach dem Peloponnes unter dem Befehle des Asopios, des Sohnes Phormio's, denn die Akarnaner hatten sie gebeten , ihnen entweder einen Sohn oder einen Verwandten des Phormio 6) als Feldherrn zu schicken. Diese Schiffe kreuzten eine Zeit lang und verwüsteten die Küste Lakonika's, dann schickte Asopios die Mehrzahl derselben wieder nach Hause zurück, er selbst aber ging mit zwölfen nach Naupaktos. Darauf rief er das gefammte Volk der Akarnaner unter die Waffen und zog gegen Oeniadä, indem er mit den Schiffen den Acheloos befuhr, während die übrigen Truppen das Land verwüsteten. Da sich aber jene nicht ergaben, so entließ er das Landheer; er selbst segelte gen Leukas, und unternahm eine Landung auf Nerikon, wurde aber auf dem Rückzüge von dem zu Hülfe eilenden Landvolke und den wenigen Besatzungstruppen sammt einem Theile seines Heeres niedergehauen. Später holten die Athener, nachdem sie sich mit ihren Schiffen von der Küste entfernt hatten, unter dem Schutze eines Vertrags ihre Todten von den Leukadiern ab.
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Die mit dem ersten Schiffe abgegangenen Gesandten der Mytilenäer begaben sich nach Olympia, da die Lakedämonier sie auf« gefordert hatten, dorthin zu gehen, damit auch die anderen Bundesgenossen sie anhören und danach Beschluß fassen könnten. Es war dieß die Olympiade, in der Dorieus aus Rhodos zum zweiten Male den Siegerpreis gewann ?). Nachdem nun die Festlichkeiten vorüber waren, traten sie auf und redeten also:
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„Was unter den Hellenen feststehender Grundsatz ist, ihr Lakedämonischen Männer und ihr Bundesgenossen, das wissen wir wohl. Wer in Kriegszeiten abfällt und seine frühere Bnndesgenossenschaft fahren läßt, den nimmt man zwar auf, aber man schätzt ihn nur insofern, als er zu nützen vermag, hält ihn für einen Verräther und setzt ihn denen nach, die bereits vordem Freunde waren. Dieser Grundsatz ist in der That nicht unrichtig, sofern nur die Abfallenden und die, welchen sie absagen, in Gesinnung und Neigung wie in Rüstung und Kriegsmacht einander gleichstanden, und kein billiger Grund zum Absalle vorhanden ist. Zwischen uns aber und den Athenern stehen die Dinge nicht so, und wir werden deßhalb Niemanden mit Recht schlechter scheinen, wenn wir, obgleich im Frieden von ihnen geehrt ^), zur Zeit der Gefahr uns von ihnen lossagen."
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„Von der Gerechtigkeit unserer Sache und unserer Rechtlichkeit wollen wir also zuerst reden, zumal wir die Bundesgenossenschaft mit euch wünschen; denn wir wissen, daß weder zwischen einzelnen Männern feste Freundschaft, noch auch zwischen Staaten zu irgend welchem Zwecke Gemeinschaft bestehen kann, wenn nicht beide Theile mit wirklicher Rechtlichkeit gegen einander verfahren und sie auch sonst gleicher Denkart sind; denn in einer Verschiedenheit der Meinung ist die Verschiedenheit der That schon inbegriffen Unsere Bundesgenossenschast mit den Athenern nahm damals ihren Ursprung,- als ihr von dem medischen Kriege zurücktratet, sie aber noch aushielten, um zu Ende zu führen, was noch zu thun übrig war. Wir wurden aber nicht ihre Bundesgenossen, um auf die Hellenen das Joch der Athener legen zu helfen, sondern um vom medischen Joche die Hellenen zu befreien. Und so lange sie bei ihrer Führung das gleiche Recht Aller geachtet haben, sind wir ihnen mit allem Eifer gefolgt. Als wir aber sahen, wie sie in ihrer Feindschaft gegen die Meder nachließen und dafür auf Unterjochung ihrer Bundesgenossen lossteuerten, da war es mit unserem Vertrauen zu Ende. Es war aber wegen der Vielköpfigkeit der Bundesgenossen unmöglich, daß sie unter einander eins geworden wären, und so wurden sie unterjocht, uns und die Chier ausgenommen; denn wir behielten unsere eigenen Gesetze und folgten ihrer Kriegsführung, dem Namen nach als freie Leute. Da uns aber das bereits Geschehene ein warnendes Beispiel war, so konnten wir auf die Athener als Anführer kein Vertrauen mehr setzen; denn es war nicht denkbar, daß sie die unterjochten, welche mit uns ihre Bundesgenossen geworden waren, und den noch frei gebliebenen nicht bei guter Gelegenheit dasselbe anthun sollten."
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„Wären wir Alle jetzt noch unabhängig, so dürften wir wohl mehr darauf vertrauen, daß sie an keine Aenderung des Verhältnisses dächten. Da sie aber bereits die Mehrzahl-sich unterworfen haben, mit uns aber wie mit ihres Gleichen verkehren müssen, so wird es ihrem Stolze natürlich um so empfindlicher sein, daß wir allein sogar jetzt noch auf gleichem Rechte mit ihnen stehen, nachdem bereits die Mehrzahl sich ihnen untergeordnet Hai, und das um so mehr, je mächtiger sie selbst dadurch geworden und je vereinsamter wir sind. Die Furcht aber, den Gegner gleich stark zu finden, ist das einzige feste Band der Bundesgenossenschaft; denn wenn sich auch Einer noch so gern überheben möchte, so läßt er sich doch durch den Gedanken zurückhalten, daß er nicht mit überlegener Kraft angreifen kann. Daß uns aber die Unabhängigkeit gelassen wurde, hat keinen andern Grund, als daß es ihnen zur Gewinnung der Oberherrschast förderlicher schien, bei Vermehrung ihrer Macht immer nur mit einem scheinbaren Rechtsgruude und mehr mit Staatsklugheit vorzugehen als mit Gewalt. Zugleich hatten sie so auch einen Beweisgruud für die Gerechtigkeit ihrer Sache, da sie sagen konnten, daß Bundesgenossen mit gleichem Stimmrecht wohl nicht wider ihren Willen mit ihnen zu Felde ziehen würden, wenn der von ihnen angegriffene Feind nicht im Unrecht wäre. Zugleich aber auch sind sie zuerst mit Hülfe der Stär keren gegen die Schwächeren vorgegangen und haben sich die andern bis znletzt aufgespart, um dann an ihnen schwächere Gegner zu finden als die übrige ihnen bereits unterworfene Macht. Hätten sie aber den Anfang mit uns gemacht, zur Zeit da Alle noch ihre unabhängige Macht besaßen und Jeder wußte, auf welche Seite er zu treten habe, so wäre es mit dem Unterwerfen nicht so leicht gegangen. Außerdem war es auch unsere Flotte, was sie scheuten, denn hätte sich diese mit euch oder einem Andern in voller Schiffszahl vereinigt, so konnte sie gefährlich werden. Zum Theil blieben wir auch deßhalb verschont, weil wir sowohl ihrem Gemeinwesen gegenüber als auch gegen ihre ersten Staatsmänner 9) uns immersort dienstbeflissen zeigten. Wir hätten uns aber wohl nicht mehr lange aufrecht erhalten können, wäre nicht der jetzige Krieg ausgebrochen; das ließ sich am Beispiele der Andern abnehmen." ,
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„Was ist das also für eine Freundschaft, und wie fest ist die Freiheit begründet, in welcher wir einander freundlich und beflissen begegneten, während es uns beiden ganz anders um's Herz war? Im Kriege haben jene aus Furcht uns den Hof gemacht, im Frieden thaten wir dasselbe ihnen gegenüber. Während bei Andern gegenseitiges Wohlwollen das Vertrauen vorzüglich kräftigt, war es bei uns die Furcht, was unser Verhältniß zusammenhielt. Mehr durch Furcht als durch Freundschaft zurückgehalten, blieben wir ihre Bundesgenossen, und wer zuerst von uns beiden in seiner Sicherheit den Muth dazu gesunden hätte, der würde auch zuerst bereit gewesen sein das Verhältniß zu brechen. Wenn also Einer glaubt, wir seien im Unrecht srüher abzufallen, weil jene noch zögerten die uns zugedachten Feindseligkeiten zu eröffnen, und wir hätten vielmehr abwarten sollen, bis wir gewiß wußten, daß von ihrer Seite etwas drohe, — der urtheilt nicht richtig. Denn wären wir in der Lage gewesen, im Besitze gleicher Mittel, ihren Anstalten unsere Anstalten, ihrer Zögerung unsere Zögerung entgegenzustellen, so hätten wir uns allerdings ganz nach ihrem Benehmen richten müssen. Da aber jene die Möglichkeit hatten zu jeder Zeit anzugreifen, so muß es auch uns freistehen, uns im Voraus sicher zu stellen."
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„Das sind die Gründe und Ursachen, ihr Lakedämonier und ihr Bundesgenossen, die uns zum Abfall bewogen, einleuchtend genug, um Jeden, der uns anhört, zu überzeugen, daß wir recht gethan haben, und triftig genug, um unsere Besorgnis; zu wecken und uns zur eigenen Sicherstellung aufzufordern. Und das wollten wir damals schon, als wir noch mitten im Frieden des Abfalls wegen Gesandte zu euch schickten; da ihr uns aber abwieset, so blieb unsere Absicht unerfüllt. Jetzt aber sind wir der Aufforderung der Böotier allsogleich gefolgt und wir denken, daß es mit unserem Abfall seine zwei Seiten hat: von den hellenischen Bundesgenossen trennen wir uns, um nicht im Bündniß mit den Athenern ihnen Unrecht zu thun, sondern um an ihrer Befreiung mitzuhelfen, und von den Athenern fallen wir ab, um nicht in nächster Zukunft durch sie zu Grunde gerichtet zu werden, sondern ihnen selbst zuvorzukommen. Unser Abfall ist aber etwas schnell und unvorbereitet eingetreten, und um so mehr müßt ihr uns als Bundesgenossen aufnehmen und uns schleunigst Hülfe senden, damit ihr euch als Männer zeiget, die helfen, wo es Noth thut, und gleichzeitig auch dem Feinde zu schaden wissen.. Dazu aber ist jetzt ein so günstiger Zeitpunkt, wie früher nie. Die Athener sind durch die Seuche wie durch Geldausgaben zu Grunde gerichtet; von ihren Schiffen befindet sich ein Theil in euren Gewässern, und ein Theil ist gegen uns aufgestellt; sie können also unmöglich eine hinreichende Zahl von Schiffen haben, wenn ihr noch in diesem Sommer mit der Flotte und dem Landheere einen zweiten Einfall macht, sondern entweder können sie sich der angreifenden Schiffe nicht erwehren, oder sie müssen die ihrigen von beiden Punkten wegziehen. Denke aber Keiner, daß er dabei eines fremden Landes wegen sein eigenes der Gefahr preisgebe. Wer glaubt, daß Lesbos allzuweit entfernt sei, der wird schon sehen, daß es in seiner Nähe Nutzen gewähre. Denn der Krieg wird nicht in Attika geführt werden, wie vielleicht Einer glauben könnte, sondern da, wo Attika seinen Nutzen her zieht. Ihre Geldeinkünfte aber kommen von ihren Bundesgenossen, und diese werden noch größer sein, wenn sie uns erst unterjocht haben; denn ein Anderer wird dann nicht mehr abzufallen wagen, und die Einkünfte von uns kommen hinzu; trotzdem aber würden wir dann mehr zu . leiden haben, als die vor uns unterworfenen. Wenn ihr uns aber< kräftig zu Hülfe kommt, so werdet ihr einen Staat gewinnen, der eine bedeutende Seemacht hat, woran es euch gerade fehlt, und der Athener werdet ihr um so leichter Herr werden, da ihr die Bundesgenossen von ihnen abzieht; denn jeder Andere wird sich euch mit viel größerem Vertrauen zuwenden, und des Vorwurfs, der aus euch lastet, daß ihr den zum Abfalle Bereiten nicht zu Hülfe kommt, werdet ihr ledig. Tretet ihr aber als Befreier auf, so wird in eurer Hand die stärkere Kriegskraft sein."
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„Achtet also die Hoffnungen, die Griechenland aus euch setzt, und ehret den olympischen Zeus, in dessen Heiligthum wir als Schutzflehende ershceinen: Helfet den Mytilenäern, nehmet sie zu Bundesgenossen an und laßt uns jetzt nicht im Stich, wo wir selbst Leib und Leben wagen, der Vortheil bei glücklichem Erfolge aber Allen gemeinsam sein wird, noch gemeinsamer aber der Schaden, wenn ihr euch nicht erbitten lasset uud wir dann unterliegen. Zeiget euch als solche Männer, für die die Hellenen euch halten, und wie unsere Furcht euch wünscht!"
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So sprachen die Mytilenäer. Die Lakedämonier aber und ihre Bundesgenossen, da sie jene angehört hatten, zeigten sich ihren Vorstellungen geneigt und nahmen die Lesbier in die Bundesgenossenschaft aus, und um den Einfall nach Attika in's Werk zu setzen, befahlen sie den Bundesgenossen mit zwei Dritteln ihrer Mannschaft nach dem Jsthmos zu marschiren. Auch waren sie selbst dort die ersten am Platz und richteten aus der Landenge die Maschinen her, um die Schiffe von der korinthischen Seite nach dem -attischen Meere hinüberzuziehen '"), und mit Schiffen und Fußvolk waren sie auch bei der Hand. Sie also zeigten sich hierin sehr eifrig, die andern Bundes genossen aber kamen nur langsam zusammen, denn sie waren gerade mit dem Einbringen der Feldsrucht beschäftigt und unlustig zu einem Feldzug.
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Da nun die Athener merkten, daß jene aus Geringschätzung ihrer Schwäche solhce Rüstungen betrieben, so wollten sie ihnen doch zeigen, daß sie sich in ihrem Urtheil getäuscht hätten, und daß sie selbst wohl im Stande seien, sich der vom Peloponnes ansegelnden Flotte zu erwehren, auch ohne ihre Schiffe von Lesbos wegzuziehen. Sie bemannten also aus ihrer eigenen Bürgerschaft, die Ritter und Pentakosiomedimnen ausgenommen, und aus ihren Beisitzern '') hun der! Schiffe, gingen damit unter Segel und zeigten sich beim Isthmos und landeten am Peloponnes, wo es ihnen beliebte. Da sahen diel Lakedämonier, wie sehr sie sich getäuscht hatten, und meinten nun, die Lesbier hätten ihnen die Wahrheit nicht gesagt, nnd da sie die Sachlage für sehr schwierig hielten, so kehrten sie nach Hause zurück, zumal auch die Bundesgenossen nicht zur Stelle waren und überdies; gemeldet wurde, daß auch.die in den peloponnesischen Gewässern befindlichen dreißig Schiffe der Athener die Landschaften in der Nähe ' ihrer Stadt verheerten. Später rüsteten sie dann eine Flotte, um sie nach Lesbos zu schicken, und schrieben bei den Städten eine Anzahl von vierzig Schiffen ans und machten den Alkiadas zum Admiral über dieselben, der die Fahrt dorthin unternehmen sollte. Inzwischen waren auch die Athener mit ihren Schiffen nach Hause gegangen, da sie auch jene hatten abziehen sehen.
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Um die Zeit, als diese Schiffe auf die Fahrt gingen, . hatten die Athener die größte Anzahl trefflicher Fahrzeuge zugleich in Thätigkeit, obwohl zu Anfang des Krieges eine nahezu gleiche, wenn nicht eine größere Zahl vorhanden war Denn Attika und Euböa und Salamis wurden durch hundert Fahrzeuge bewacht, und in den peloponnesischen Gewässern kreuzten andere hundert, und außerdem waren noch die bei Potidäa und an andern Punkten aufgestellten vorbanden, so daß in dem einen Sommer im Ganzen nicht weniger als zweihundertundsünszig Schiffe im Dienst waren und dieser Umstand vorzüglich und die Belagerung von Potidäa waren es, was den Schatz angriff; denn vor Potidäa wurde der-Dienst durch Schwerbewaffnete versehen, welche Tag für Tag zwei Drachmen Löhnung empfingen, eine für den Mann selbst, die andere für seinen Diener. Und dieser waren Anfangs dreitausend, die auch in gleicher Anzahl bis zu Ende der Belagerung blieben, und dazu noch die sechszehn- hundert bei Phormio, welche früher abzogen. Auf sämmtlichen Schiffen wurde aber dieselbe Löhnung gezahlt. Die Gelder also wurden gleich Anfangs auf diese Weise in Anspruch genommen, und an Schiffen war das die größte Zahl, welche je von ihnen bemannt wurde.
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Um dieselbe Zeit, da die Lakedämonier bei dem Jsthmos standen, unternahmen die Mytilenäer zu Lande einen Zug gegen Methymne, mit eigener Bürgerschaft und mit Hülfstruppen, in Erwartung , daß die Stadt ihnen durch Verrath übergeben werde. Da aber bei ihrem Angriff die Sachen nicht so gut gingen, wie sie erwartet hatten, so zogen sie nach Antissa und Pyrrha und Eresos, gaben den Verhältnissen in diesen Städten eine ihrer Sicherheit gemäßere Gestalt, verstärkten die Befestigungen und gingen dann schleu nigst wieder nach Hause. Nach ihrem Rückzüge unternahmen aber auch die Methymnäer ihrerseits einen Zug gegen Antissa; bei einem Ausfalle aber wurden sie von den Antissäern und deren Hülsstruppen geschlagen und verloren viele von ihren Leuten; die Uebrigen zogen in aller Eile ab. Als nun die Athener von diesen Ereignissen erfuhren, und daß die Mytilenäer zu Lande freie Hand hätten, und ihre eigenen Soldaten zur Einschließung nicht genügten, so schickten sie, als bereits der Herbst eingetreten war, den Paches, des Epikuros Sohn, als Feldherrn, und mit ihm tausend Schwerbewaffnete aus ihrer eigenen Mitte. Diese versahen auf der Fahrt auch den Ruderdienst auf den Schiffen selbst II) und schlossen nach ihrer Ankunft Mytilene mit einer einfachen Mauer ein. Hie und da an den beherrschenden Punkten wurden auch Werke aufgeführt. So war Mytilene mit Macht von beiden Seiten eingeschlossen, wie zu Wasser so zu Lande, und, darüber war der Winter herbeigekommen.
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Da nun die Athener noch mehr Geld brauchten um die Belagerung fortzusetzen, so legten sie sich damals zum ersten Mal eine außerordentliche Steuer auf, die sie bis auf zweihundert Talente brachten, und schickten auch zwölf Schiffe aus um bei den Bundesgenossen Geld einzutreiben. Auf diesen befehligte selbfünft Lysikles. Der nun, umherfchiffeud, betrieb sowohl anderwärts die Geldsammlung, und landete auch in Karien und zog in der Ebene des Mäander auswärts bis zum Sandischen Hügel. Die Karer und Ana'e'ter aber griffen ihn an und er selbst fiel, und mit ihm auch ein großer Theil seiner Leute.
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Desselbigen Winters litten die Platäer sehr durch Mangel an Nahrung-Mitteln, denn sie wurden immer noch von den Peloponnesiern und Böotiern belagert. Nun war auf Hülfe von Athen keine Hoffnung, noch zeigte sich sonst eine Rettung, und darum beschlossen sie selbst und die, welche von den Athenern mit ihnen die Belagerung aushielten, zuerst in Gesammtheit die Stadt zu verlassen und die Mauer der Feinde zu übersteigen, wenn sie es zwingen könnten. Den Anschlag dazu gaben ihnen Theänetos, des Telmides Sohn, ein Wahrsager, und Eumolpides, Sohn des Daimachos, der auch den Oberbefehl bei ihnen führte. Später aber wurde die Hälfte von ihnen wieder unentschlossen, weil sie die Gefahr für zu groß hielten, und es blieben nur ungefähr zweihundertnndzwanzig Mann freiwillig bei dem Entschlüsse und führten denselben also aus. Sie machten Leitern von gleicher Höhe mit der Mauer der Feinde. Das Maß dazu nahmen sie an den aufeinanderliegenden Schichten der Ziegelsteine, an einer Stelle, wo die ihnen zugewandte Mauer nicht überkleidet war. Es zählten nämlich mehrere von ihnen zugleich diese Schichten, und hätte auch der Eine oder Andere sich geirrt, so konnte sich doch die Mehrzahl in der richtigen Zählung nicht täuschen, zumal sie auch öfter zählten und die Mauer überdies; nicht weit entfernt war, sondern die Stelle derselben, die sie brauchten, ziemlich genau gesehen werden konnte. Auf diese Weise nahmen sie das Maß zu den Leitern, indem sie nach der Dicke der einzelnen Steine die nöthige Länge bestimmten.
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Die Mauer der Peloponnesier war aber auf folgende Weise gebaut. Sie bestand aus zwei Ringmauern, deren eine gegen Platäa gerichtet und die andere für den Fall berechnet war, wenn allenfalls von Athen aus aus die äußere Seite ein Angriff geschähe. Diese beiden Ringmauern waren ungefähr sechszehn Fuß von einander entfernt. Der Zwishcenraum war zu Hütten für die Besatzung vertheilt und ganz ausgebaut. Das ganze Werk war nirgends unterbrochen , so daß es wie eine einzige dicke Mauer ershcien, die nach beiden Seiten Brustwehren hatte. Jedesmal nach der zehnten Brustwehr kam ein großer Thurm, von gleicher Breite wie das Werk, so daß dieselben auf der einen Seite bis an die innere, und auf der ander« Seite bis an die äußere Ringmauer reichten und man nicht an ihnen vorüberkommen konnte, sondern durch sie hindurch gehen mußte. Ju Nächten nun, wenn das Wetter stürmisch und feucht war, ließeu sie die Brustwehren unbesetzt und versahen die Wache von den Thürmen herab, die nicht weit von einander abstanden und oben überdacht waren. So war die Mauer eingerichtet, mit der sie die Platäer umschlossen hielten.
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Diese nun, nachdem sie mit ihren Vorbereitungen zu Ende gekommen, nahmen einer mondlosen Nacht wahr, da es unter Stürmen regnete, und verließen die Stadt. Anführer dabei waren dieselben, die auch zu dem Versuche gerathen hatten. Zuerst überschritten sie den Graben, der die Stadt umschloß, dann kamen sie bis an die Mauer der Feinde, unbemerkt von den Wachen, die in der Dunkelheit weder weit vor sich hin sahen, noch auch das Geräusch der Herankommenden hören konnten, da der Sturm ihnen in's Gesicht schlug. Auch hielten sich jene weit auseinander entfernt, damit nicht ihre Waffen an einander anklirren und sie verrathen möchten. Sie waren auch nur leicht gerüstet und nur am linken Fuße beschuht, um in dem Kothe sicher auftreten zu können, Sie näherten sich nun in dein Zwishcenranme zwischen zwei Thürmen den Brustwehren, weil sie dieselben unbesetzt wußten. Zuerst kamen die Leiterträger und legten diese an; dann stiegen zwölf Leichtbewaffnete mit Dolch und Brustpanzer hinauf, welche Ammeias, des Koröbos Sohn, führte, der anch als der Erste die Mauer erstieg. Von denen, welche nach ihm hinaufkamen, wandten sich je sechs gegen einen der beiden Thürme. Dann nach diesen kamen andere Leichtbewaffnete mit kurzen Spießen, hinter denen drein Andere die Schilde nachtrugen, damit sie um so leichter hinaufkämen. Die Schilde sollten sie dann an jene abgeben, wann sie nah an den Feind gekommen wären. Als aber schon eine größere Zahl hinaufgekommen war, bekamen die Wachen auf den Thürmen Wind; denn Einer von den Platäern hatte beim Festhalten an der Brustwehr einen Stein losgelassen, der beim Herunterfallen Geräusch machte, worauf die Wache sogleich rief. Die Besatzung eilte nach der Mauer, ohne in der finsteren, stürmischen Nacht zu wissen, was der Lärm bedeute, und gleichzeitig machten auch die in der Stadt zurückgebliebenen Platäer einen Ausfall gegen eine Stelle der feindlichen Mauer, gerade entgegengesetzt derjenigen, wo ihre Leute dieselbe überstiegen, um die Aufmerksamkeit der Feinde ganz von derselben abzuziehen. Diese blieben nun aus Verwirrung jeder auf seinem Platze stehen uud Keiner wagte von seinem Posten aus den Andern zu Hülfe zu eilen, sondern Alle standen unschlüssig, wie sie sich den Vorfall deuten sollten. Die dreihundert Mann von ihren,. welche vorkommenden Falls für eine nöthige Hülfeleistung bestimmt waren, eilten auf den Ruf der Wache außerhalb der Ringmauer, und nach der Seite von Theben hin wurden Lärmfeuer angezündet. Nun zündeten aber auch die Platäer in der Stadt auf ihrer Mauer Lärmfeuer in Menge dagegen an, die schön früher zu diesem Zweck in Bereitschaft gesetzt worden waren, damit die Feinde sin Thebens in Verlegenheit wären, was sie aus den Feuerzeichen machen sollten und auf eine andere Vermuthung, als den wirklichen Vorfall kämen, während unterdessen ihre eigenen Leute aus der Stadt sich durchschlügen und einen sicheren Vorsprung gewännen.
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Unterdessen erstieg ein Theil der Platäer die Mauer, und so wie die Vordersten hinaufgekommen waren, bemächtigten sie sich der beiden ^nächsten) Thürme, indem sie die Wachen daselbst tödteten, und besetzten dann selbst die Durchgänge unter den Thürmen, um zu verhindern, daß da Keiner zu Hülfe kommen könne. Dann legten sie von der Mauerhöhe Leitern an die Thürme, hießen eine Zahl Männer hinaufsteigen und konnten nun vom Fuß der Thürme wie von oben herab heranrückende Feinde durch Schießen abwehren. Unterdeß hatte aber auch der große Haufe der Platäer viele Leitern zugleich angelegt, rissen die Brustwehren ab und setzten zwischen den beiden Thürmen über die Mauer. War einer glücklich hinübergekommen, so stellte er sich am Rand des Grabens auf, und so schossen und schleuderten sie von dort aus, wenn Einer etwa längs der säußeren) Mauer herankäme, das Uebersteigen zu hindern. Als nun auch die von den Thürmen alle herabgekommen waren, gelangten die, welche zuletzt nieder- stiegen, nur noch mit Mühe bis an den Graben, denn jetzt stießen die dreihundert auf sie mit Fackeln. Die Platäer nun, die am Rand des Grabens im Dunkeln standen, konnten jene viel besser sehen und zielten mit Pfeilen und Wurfspießen nach den unbedeckten Körpertheilen; sie selbst aber, wie sie im Finstern standen, konnten wegen des Fackelscheins nicht so leicht gesehen werden. So kamen denn auch die Letz« ten der Platäer rechtzeitig über den Graben, wenn auch mit Mühe nnd Gefahr; denn es hatte zwar Eis drüber gefroren, aber nicht stark genug, um Menschen zu tragen, sondern mehr wässerig,. da grade Nord- oder Nord-Ost-Wind blies. Dieser Wind hatte in der Nacht auch Schnee gebracht und das Wasser im Graben so geschwellt, daß beim Uebersetzen kaum noch die Köpfe hervorragten. Doch wurde ihnen auch die Flucht um so leichter bei so stürmischem Wetter. l
- 3.24.1
Nun wandten sich die Platäer von dem Graben weg und schlugen alle zu Haus den Weg ein, der nach Theben führt, rechter Hand lassend die Kapelle des Heros Androkrates denn sie glaubten , daß jene am allerwenigsten vermuthen würden, sie hätten diese Richtung nach dem feindlichen Land hinein genommen; auch sahen sie sogleich, wie die Peloponnesier mit Fackeln zu ihrer Verfolgung die Straße einschlugen, die zum Kithäron und nach Dryoskephalä und so nach Athen führt. Bei sechs oder sieben Stadien weit hielten sich die Platäer auf der Straße nach Theben, dann schlugen sie sich seitwärts nach dem Gebirge zu, auf die Straße nach Erythrä und Hysiä, und gewannen so den Kamm des Gebirgs und entkamen nach Athen, ihrer zweihundertundzwölf Mann von den Ausgefallenen; denn einige von diesen waren wieder umgekehrt in ihre Stadt hinein, noch vor der Mauer, und Einer, ein Bogenschütze, war bei dem auswendigen Graben von den Feinden gefangen worden. Unterdessen waren die Peloponnesier wieder in ihre Lagerung zurückgezogen, absehend vom Nachsetzen. Die Platäer in der Stadt aber wußten von dem Ausgang der Sache nichts, weil die Zurückgekehrten gemeldet hatten, Niemand wäre am Leben geblieben; drum schickten sie, da der Tag angebrochen, einen Herold hinaus und verlangten Waffenruhe, ihre Todten zu begraben. Als sie aber die Wahrheit erfuhren, ließen sie es dabei. So haben die platäifchen Männer die Mauer überstiegen und sich gerettet.
- 3.25.1
Aus Lakedämon aber wurde zu Ende desselben Winters Saläthos, ein Lakedämonier, mit einem Dreiruderer gen Mitylene geschickt. Der fuhr denn auch bei Pyrrha an, schlich sich von da zu Lande weiter und durch das Bett eines Waldstroms über die Verschanznng (der Athener), die an dieser Stelle zu passiren war, und gelangte so nach Mytilene und sagte den Häuptern der Stadt, daß ein Einfall auf das Gebiet von Attika unternommen werde und zugleich auch die vierzig Schiffe ershceinen sollten, die zu ihrem Entsatz bestimmt seien. Er selbst aber sei eben dieser Dinge wegen voraus gesandt und zugleich auch um sonst Nöthiges vorzukehren. Da gewannen nun die Mytilenäer frischen Muth und waren jetzt weniger bedacht, sich mit den Athenern zu vergleichen. So ging dieser Winter zu Ende und damit das vierte Jahr dieses Kriegs, den Thukydides beschrieben hat.
- 3.26.1
Des folgenden Sommers, nachdem die Peloponnesier die zweiundvierzig Schiffe nach Mytilene gesandt hatten, unter Führung des Alkidas, der bei ihnen Flottenführer war und den sie nun zum Befehlshaber setzten, fielen sie selbst und ihre Bundesgenossen in Attika ein, damit die Athener ans zwei Seiten zu wehren hätten und um so weniger gegen die Schiffe ausziehen sollten, die gen Mytilene fuhren. Bei diesem Einfall befehligte Kleomenes in Vertretung des unmündigen Königs Panfanias, des Pleistoanax Sohn '?), dem er Vatersbruder war. Sie verheerten die auch früher schon verwüsteten Striche von Attika, was etwa wieder aufgeschossen und was bei den früheren Einfällen vershcont geblieben war, und dieser Einfall wurde nächst dem zweiten den Athenern der empfindlichste; denn die Feinde, immer in Erwartung, etwas von Lesbos zu hören, daß ihre Schiffe nämlich glücklich gelandet und etwas ausgeführt hätten, verblieben im Lande und zogen sengend bald hier- bald dorthin. Da es ihnen aber nicht nach Wunsche ausging und zuletzt die Lebensmittel fehlten, . so zogen sie wieder ab und zerstreuten sich in ihre Städte.
- 3.27.1
In Mytilene inzwischen, da die Schiffe vom Peloponnes noch nicht gekommen waren und immer noch säumten, und auch das Getreide schon fehlte, wurden die Bürger gezwungen, sich mit den Athenern zu vergleichen, und zwar aus solche Veranlassung. Saläthos, der jetzt auch selbst schon die Schiffe nicht mehr erwartete, gab dem Volk, das früher nur leicht bewaffnet war, schwere Rüstung, weil er einen Ausfall gegen die Athener thun wollte. Da diese nun solche Bewaffnung hatten, so hörten sie nicht mehr auf ihre Oberen, rotteten sich zusammen und verlangten, die Reichen sollten ihre Getreidevorräthe herausgeben und unter die gesammte Bürgerschaft vertheilen, oder sonst, so sagten sie, wollten sie selbst sich mit den Athenern ver- gleichen und ihnen die Stadt übergeben.
- 3.28.1
Da nun die am Ruder waren wohl sahen, daß sie nicht im Stande wären jenes zu hindern, und daß sie große Gefahr liefen, wenn sie von dem Vergleiche ausgeschlossen würden, so schlossen sie im Namen des ganzen Gemeinwesens einen Vertrag mit Paches und dem Heere unter solchen Bedingungen, daß es den Athenern anheimgestellt sein sollte, über die Mytilenäer zu verfügen, wie es ihnen gutdünkc. Inzwischen wollten sie das Heer in die Stadt aufnehmen und eine Gesandtschaft nach Athen schicken, dort ihre eigene Sache zu vertreten. Bis diese wieder zurückgekommen, dürfe Paches keinen Mytilenäer weder in das Gefängniß werfen, noch in die Knechtschaft verkaufen, noch tödten. Also lautete der Vergleich. Die aber von den Mytilenäern am meisten zu den Lakedämoniern gehalten hatten, waren nun sehr in Furcht, und als das Heer einzog, trauten sie nicht, sondern flüchteten gleichwohl noch vorher zu den Altären. Paches aber bewog sie, herauszutreten, indem er versprach, sie nicht zu kränken, und verwahrte sie auf Tenedos, bis die Athener Beschluß gefaßt hätten. Er schickte aber auch nach Antissa Dreiruderer und erzwang die Uebergabe, und schaltete auch im Uebrigen mit der Flotte, wie es ihm gutdünkte.
- 3.29.1
Die Peloponnesier aber auf den vierzig Schiffen, die in aller Eile hätten herankommen sollen, säumten sich schon in den Peloponnesischen Gewässern, und auch aus der weiteren Fahrt rückten sie nur langsam vorwärts. Die Athener in der Stadt erhielten nicht eher Kenntniß von ihnen, als bis sie sich bei Delos zeigten. Als sie von da weiter nach Ikaros und Mykonos kamen, erhielten sie zuerst die Nachricht, Mytilene sei genommen. Da sie aber Gewißheit haben wollten, so segelten sie nach Embaton im Erythräischen ^am Vorgebirge Kara Burun vor dem Busen von Smyrna^. Sieben Tage ungefähr waren seit der Einnahme Mytilene? verflossen, als sie bei Embaton landeten. Da erhielten sie denn Gewißheit und beriethen nun, was unter diesen Umständen zu thun sei, und Teutiaplos, ein Mann aus Elis, sprach zu ihnen also:
- 3.30.1
„Alkidas und ihr andern Heerführer der Peloponnesier, soviel unserer hier sind! Mir scheint, wir sollten ungesäumt auf Mytilene lossegeln, bevor wir noch ausgekundschaftet werden. Wir wer- den gewiß die Feinde, die eben erst die Stadt eingenommen haben, in großer Sorglosigseit überraschen, zumal auf der See, von woher jene am allerwenigsten das Erscheinen des Feindes erwarten, und aus der wir ihnen jetzt grade überlegen sind. Gewiß sind auch ihre Landtruppen , wie es beim Sieger natürlich ist, sorglos durch die Häuser zerstreut. Wenn wir also unversehens und zur Nachtzeit über sie herfallen, so ist Hoffnung, daß wir mit Hülfe derer in der Stadt, wenn überhaupt noch Einer von unserer Partei übrig ist, das Ganze wieder an uns reißen. Zaudern wir also nicht vor der Gefahr, sondern glauben wir, daß dieß eben ein solcher Ueberrashcungssall im Kriege ist, wie ihn ein Feldherr wohl bei sich selbst verhüten soll, den er aber, am Feinde bemerkt, allsogleich benutzen muß, will er anders großen Erfolg haben."
- 3.31.1
So redete dieser, gewann jedoch den Alkidas nicht. Da forderten ihn denn einige Andere von den Ionischen Flüchtlingen und mitsegelnden Lesbiern auf, wenn er schon diese Gefahr fürchte, so möge er eine der Ionischen Städte wegnehmen oder das Aeolische Kyme, damit sie an einer solchen Stadt einen Ausgangspunkt hätten, um Jonien zum Abfall zu bringen. Dazu sei Hoffnung vorhanden; denn sie seien keinem unerwünscht hierher gekommen. Sie sollten also diese bedeutendste Einnahmsquelle der Athener ihnen wegnehmen, und wenn dieselben dann zu einer Blokade schritten, so würde ihnen dadurch noch obendrein Aufwand abgenöthigt. Auch seien sie der Meinung, man könne den Pissuthnes sden persischen Satrapen^ wohl überreden, sich ihrer Kriegführung anzuschließen. Alkidas aber ging auch darauf nicht ein, sondern dachte nur, da er bei Mytilene schon einmal zu spät gekommen war, so bald als möglich den Peloponnes wieder zu gewinnen.
- 3.32.1
Er ging also von Embaton wieder unter Segel, schiffte an der Küste hin und landete bei Myonnesos, das den Tejern gehört, und ließ die Mehrzahl der Kriegsgefangenen, die er unterwegs gemacht hatte, abschlachten. Als er darauf bei Ephesos vor Anker ging, kamen Gesandte der Samier aus Auäa und sagten ihm, das sei nicht die Art, wie man Hellas frei mache, wenn er Leute todte, die keine Hand zur Gegenwehr aufgehoben und nicht ein- mal feindlich gesinnt' seien, sondern nur gezwungen auf Selten der Athener stünden. Wenn er so fortfahre, so werde er wenige von der feindlichen Seite zu Freunden gewinnen, wohl aber viel mehr von den freunden zu feinden machen. Er ließ sich denn auch überzeugen und entließ Leute der Chier, die er noch mitschleppte, und auch einige Andere. Wann nämlich die Leute der Schiffe ansichtig geworden waren, liefen sie gar nicht davon, sondern näherten sich vielmehr, in der Meinung, es seien Attische Fahrzeuge; denn sie hatten auch nicht die mindeste Hoffnung, daß sich bei der Obmacht der Athener zur See Peloponnesische Schiffe nach Jonien hcrüberwagen würden.
- 3.33.1
Von Ephesos aber machte sich Alkidas mit der Flotte in aller Eile auf und davon. Er war nämlich, als er noch bei Klaros vor Anker lag, von der „Salamina" und der „Paralos" '^) entdeckt worden, die gerade von Athen aus ansegelnd in Sicht kamen, und aus Furcht verfolgt zu werden, suchte er nun die offene See, in der Absicht, ohne Noth nirgends anders zu landen, als im Peloponnes. - Nun kam dem Paches und den Athenern auch von Erythräa und sonst überallher Botschaft; denn da Jonien unbefestigt war, so war die Besorgniß sehr groß, die Peloponnesier möchten aus ihrer Kreuzung, wenn sie auch nicht gerade sich festzusetzen im Sinne hätten, so doch gelegentlich landen und die Städte plündern. Dazu meldeten nun die „Paralos" und die „Salamina", daß sie selbst den Feind bei Klaros in Sicht gehabt hätten. Paches lief nun mit vollen Segeln zur Verfolgung aus und setzte sie auch bis auf die Höhe der Insel Patmos fort; da er aber dann sah, daß er sie nicht mehr einholen könne, so kehrte er wiederum und erachtete es nun, da er sie schon einmal auf hoher See nicht mehr getroffen, für Gewinn, ihnen nirgendwo ^an der Küste) begegnet zu sein, wodurch jene zur Ver schanzung in einem Schiffslager und er selbst zur Ueberwachung und Blokade gezwungen worden wäre
- 3.34.1
Als er nach der Umkehr an der Küste hinfuhr, landete er auch bei Nation, der Stadt der Kolophonier ^'), wo sich Kolophonier aus der weiter landeinwärts gelegenen Stadt angebaut hatten, nachdem diese von Jtamenes und den Barbaren genommen war, die eine aufständische Partei in der Stadt selbst herbeigerufen hatte. Diese Wegnahme war ungefähr um dieselbe Zeit vorgefallen, als die Peloponnesier das zweite Mal in Attika einfielen. In Notion nun waren die dorthin geflüchteten Ansiedler auch hier wiederum unter sich zerfallen, und die Einen hatten sich vom Pissuthnes Arkadische und Barbarische Hülfsvölker geben lassen und hielten sich in einem besonders ummauerten Stadttheil. Die medisch Gesinnten aus der landeinwärts gelegenen Stadt der Kolophonier vereinigten sich hier mit ihnen und hatten da ihr Wesen; die andere Partei aber, die hatte weichen müssen und flüchtig geworden war, sührte nun den Paches herbei. Dieser lud den Hippias, den Befehlshaber der Arkader in der Befestigung, zu einem Zwiegespräch mit dem Versprechen, ihn wieder heil und gesund in die Festung zu bringen, wenn seine Vorschläge nicht annehmlich sein sollten. Der kam nun auch heraus, Paches aber gab ihn zur Ueberwachung, ließ selbst ganz unvermuthet gegen die Festung Sturm laufen und nahm sie auch, da jene ganz unvorbereitet waren. Die Arkader und Barbaren von der Besatzung ließ er niederhauen; den Hippias selbst ließ er seinem Versprechen gemäß später in die Festung führen, als er aber innerhalb der Mauern war, ihn wieder ergreifen und mit Pfeilen niedershcießen. Notion gab er den Kolophoniern, mit Ausschluß der medisch Gesinnten, zurück. Später schickten die Athener neue Stadtvorstände hin und richteten Notion nach ihren Gesetzen ein, nachdem sie dort alle Kolophonier zusammengezogen hatten, wie sie irgendwo in den Städten zerstreut waren.
- 3.35.1
Da Paches nach Mytilene zurückgekommen war, eroberte er noch Pyrrha und Eresos, bekam auch Saläthos, den Lakedämonier, gefangen, der sich in der Stadt versteckt gehalten hatte, und sandte ihn nach Athen, wie auch diejenigen der Mytilenäer, die er auf Tenedos verwahrt hatte, und wenn ihm sonst Einer an dem Abfall Mitschuld zu haben schien. Auch den größeren Theil des Heeres entließ er; mit den Uebrigen blieb er und traf für Mytilene und das übrige Lesbos Verfügungen, wie es ihm gutdünkte.
- 3.36.1
Als diese Männer und Saläthos angekommen waren, ließen die Athener den Saläthos sogleich hinrichten, obwohl er manche Versprechungen machte, neben Anderem auch, daß er die Peloponnesier zum Abzug von Platäa bewegen wolle; denn diese Stadt wurde immer noch belagert. Wegen der Mytilenäer aber berathschlagten sie erst, und in ihrer Erbitterung faßten sie Beschluß, nicht nur die nach Athen Gebrachten, sondern Alles in Mytilene, was die mann- baren Jahre erreicht habe, hinzurichten, Weiber und Kinder aber zu Sklaven zu machen. Dabei machten sie ihnen nicht nur zum besondern Vorwurf, daß sie überhaupt abgefallen, obfchon sie die Herrschaft der Athener nicht in der Art wie die Uebrigen zu ertragen hatten ^), sondern es war besonders das Erscheinen der peloponnesischen Schiffe in den Ionischen Gewässern, was ihre Aufregung vermehrte, die auf eigene Gefahr es gewagt hätten, jenen zu Hülfe zu kommen 23). Denn daraus schien hervorzugehen, daß der Abfall von langer Hand vorbereitet sei. Zur Uebermachung des Beschlusses schickten sie dann einen Dreiruderer an den Paches und befahlen ihm, mit den Mytilenäern so rasch wie möglich ein Ende zu machen. Am folgenden Tage schon faßte sie indeß eine gewisse Reue, und sie besannen sich, es sei doch ein unmenschlicher Beschluß und es wolle viel heißen, eine ganze Stadt zu verderben und nicht die Schuldigen allein. Als dieß die anwesenden Gesandten der Mytilenäer und ihre Freunde unter den Athenern merkten, so bearbeiteten sie die Staats- beamten, die Sache nochmals zur Abstimmung bringen zu lassen, und sie überredeten sie dazu um so leichter, da es auch ihnen selbst deutlich geworden war, daß es die Mehrzahl der Bürger gern sehe, wenn ihnen jemand die Möglichkeit biete, die Sache nochmals zu berathen. Als nun die Volksversammlung allsogleich zusammenberufen worden und Verschiedene, ein Jeder seine Meinung darlegten, so trat auch Kleon, des Kleänetos Sohn, wieder auf, der schon das erste Mal das Todesurtheil durchgesetzt hatte, übrigens auch sonst der Gewaltthätigste unter den Bürgern war und das Vertrauen des Volks wie kein Anderer damals besaß, und redete also:
- 3.37.1
„Schon oft habe ich auch bei andern Gelegenheiten einen demokratishcen Staat als unfähig erkannt, über Andere zu herrschen, nie aber deutlicher als heute, wo euch der Mytilenäer wegen Reue ergriffen hat. Weil ihr euch nämlich im täglichen Verkehr unter einander selbst furcht- und arglos benehmt ^), so zeigt ihr euch euren Bundesgenossen gegenüber ebenso, und wenn ihr hierin irgend eine Thorheit begeht, sei es nun, daß ihr euch von ihnen beschwatzen laßt, oder daß ihr eurem eigenen Mitleiden den Gesallen thut, so bedenkt ihr nicht, daß eure Weichmüthigleit weder für euch selbst gefahrlos sei, noch euch den Dank der Bundesgenossen erwerben könne. Ihr bedenkt nicht, daß eure Herrschaft eine Gewaltherrschaft ist, daß eure Unterthanen Ränke gegen euch schmieden und euer Joch widerwillig tragen. Sie werden euch nicht etwa in dem Maße lieber gehorchen, als ihr euch zu eurem eigenen Schaden ihnen gefällig erzeiget, sondern in dem Maße, als ihr eure Herrschaft über sie mehr ans eure Uebermacht, als auf ihr Wohlwollen gründet. Das Unglückseligste aber ist es, wenn Nichts von dem, was wir einmal beschlossen haben, in Kraft verbleibt, und wenn wir nicht lernen wollen, daß ein Staat, der zwar schlechtere, aber unwandelbare Gesetze beobachtet, mächtiger ist, als wenn er bei vortrefflichen Gesetzen sie nicht zur Ausführung bringt; daß geringer Verstand bei Selbstbeschcidung nützlicher wirkt als große Geschicklichkeit bei zügellosem Wankelmuth, und daß ungebildetere Leute mit ihrem Gemeinwesen meist besser zurechtkommen als gebildetere 22). Denn diese wollen weiser ershceinen als die Gesetze und immer noch Klügeres missen als das, was zum Besten des Gemeinwesens bereits gesagt worden ist, als ob es keine trefflichere Gelegenheit gäbe, ihr Licht leuchten zu lassen, und grade durch solches Benehmen bringen sie die Staaten in's Unglück. Die Andern aber in ihrem Mißtrauen in die eigene Einsicht bescheiden sich, nicht so weise zu sein wie die Gesetze und unfähig, an der Rede eines Mannes Ausstellungen zu machen, der Treffliches vorgebracht hat, und grade weil sie mehr unparteiische Richter als Parteikämpfer sind, so treffen sie meist das Richtige. So müssen auch wir es machen und nicht im Eifer, gegen Andere unsere Redetüchtigkeit und unsern Scharfsinn geltend zu machen, uns hinreißen lassen, gegen die eigene Ueberlegung euch zu irgend etwas zu bereden." '
- 3.38.1
,Ich meines Theils bleibe bei meiner Meinung, und kann mich nur wundern über die, welche die Angelegenheit der Mytilenäer noch einmal zur Sprache bringen und damit einen Zeitverlust herbeiführen, der nur den Schuldigen zu Gute kommt. Denn dadurch wird nur der Zorneifer abgeschwächt, mit welchem der Beschädigte gegen den Schädiger vorgehen sollte, während doch nur die Rache, die der Beleidigung aus dem Fuße folgt, mit gleicher Wage die gerechte Wiedervergeltung übt. Es soll mich aber auch wundern, wer mir hierin zu widersprechen sich herausnehmen wird, und zu beweisen, daß die Verbrechen der Mytilenäer für-uns nutzbringend seien, unser Vortheil aber für die Bundesgenossen Nachtheil einschließe. Ein solcher müßte doch im Vertrauen auf seine Rednergabe den Gegenbeweis zu führen streben, nicht das Allgemein Anerkannte sei zum Beschlusse erhoben worden, oder er müßte durch Geld bestochen sein, euch durch Redekunst, die den Schein der Wahrheit borgt, hinter's Licht zu führen. Der Staat aber läßt die Siegespreise solcher Wettkämpfe Andern zukommen ; er selbst behält nur die Gefahren für sich. Und die Schuld hiervon tragt ihr, als schlechte Kampfrichter, denn euer Augenmerk richtet ihr nur auf die Reden, die Thatsachen aber hört ihr nur so nebenher mit an, und künftige Unternehmungen beurtheilt ihr nach denen, die schöne Worte darüber machen, wie leicht sie auszuführen seien, — was aber bereits geschehen ist, nach denen, die mit schönen Worten Ausstellungen zu machen wissen: nnd ihr solltet doch bedenken, daß man sich bei geschehenen Dingen besser auf seine eigenen Augen verläßt , als auf fremdes Gerede. Durch unerwartete Neuheit der Rede euch hinter's Licht führen zu lassen, versteht ihr vortrefflich, und ebenso auch, der überzeugenden Bewährtheit eines Vorschlags eure Ohren zu verschließen; denn ihr seid Sklaven des Außerordentlichen und Verächter des Gewöhnlichen. Jeder will nur selbst zum Reden kommen, und wenn nicht das, so doch mit denen, die solcherlei vortragen, wie im Wettkampf ringen, um den Schein zu vermeiden, als käme seine eigene Einsicht nur so hinterdrein, oder auch um schnell noch die eigene Ansicht auszusprechen, bevor jener noch geredet. Ihr seid ebenso flink, voraus zu errathen, was gesagt werden wird, als schwerfällig, die Folgen desselben vorauszusehen. Ihr sucht, so zu sagen, ganz andere Dinge herbeizuführen als die Zustände, in denen wir leben, und seid doch nicht einmal im Stande, die gegenwärtige Lage vernünftig zn beurtheilen, und kurz, ihr seid immer Sklaven des Ohrenkitzels, und ihr gleicht eher den müsftgen Gaffern auf den Bänken der Sophisten 26), als Männern, die über das Staatswohl berathen."
- 3.39.1
„Davon nun möchte ich euch abbringen, und deßhalb weise ich euch nach, wie sehr diese Eine Stadt der Mitylenäer sich an euch versündigt hat. Für solche, die nicht im Stande waren, die Forderungen eurer Herrschaft zu befriedigen, oder die von den Feinden gezwungen wurden, und so abgefallen sind, für die habe auch ich Verzeihung. Bewohner einer Insel aber, und zwar einer befestigten Insel, die nur von der Seeseite her einen Angriff unserer Feinde'zu fürchten gehabt hätten — und selbst für diesen Fall waren sie durch eine Zahl ausgerüsteter Dreiruderer nicht ohne Schutz — Leute, die nach ihren eigenen Gesetzen lebten und von uns auf's Höchste geehrt wurden, — wenn die solches thaten, haben sie damit etwas Anderes gethan, als aus uns einen Angriff gemacht? Und ist das nicht eher ein Anfall als ein Abfall zu nennen? Denn Abfall findet doch nur bei denen Statt, die vergewältigt worden. Und haben sie nicht im Bunde mit unseren ärgsten Feinden uns zu verderben gesucht? Und das ist doch viel verbrecherischer, als wenn sie mit eigener Macht, dafern sie diese besessen hätten, kriegführend gegen uns ausgetreten wären. Weder haben sie sich das Unglück der Andern zum warnenden Beispiel dienen lassen, die bereits früher ihren Abfall von uns mit der Niederlage gebüßt haben, noch auch gab ihnen ihr gegenwärtiger Wohlstand Grund zur Besinnung, daß sie sich nicht in'S Verderben stürzten, vielmehr forderten sie die Zukunft mit großer Keckheit heraus, und geschwellt von Hoffnungen, die eben so weit über ihre Kräfte hinausgingen, wie sie noch hinter ihren Wünschen zurückblieben, haben sie den Krieg gewählt und sich nicht besonnen, Gewalt vor Recht gehen zu lassen; denn unter Umständen, wo sie glaubten, mit uns fertig werden zu können, haben sie uns angegriffen, ohne beleidigt worden zu sein. So pflegen sich ja meist die Staaten zum Uebermuth zu wenden, welchen in kurzer Zeit und unerwartet großer Wohlstand zu Theil geworden ist. Gewöhnlich ist aber das Glück, wenn es dem Menschen nach dem gemeinen Gang der Dinge zu Theil wird, beständiger, als wenn es unerwartet.gekommen ist; und man darf wohl auch sagen, daß es leichter ist, ein Unglück fern zu halten, als das Glück sich auf die Dauer zuzugesellen. Wir hätten aber den Mytilenäern schon längst nicht vor allen Andern solche Ehre erweisen sollen, so hätte ihr Uebermuth nicht so ausgeartet; denn der Mensch ist nun-einmal von solcher Art, daß er den verachtet, der ihm den Hof macht, und sich vor dem beugt, der feste Haltung zeigt. So sollen sie denn nun auch bestraft werden, wie sie es verdienen, und nicht etwa dürft ihr nur der Minderzahl die Schuld beimessen, und den großen Haufen laufen lassen. Denn Alle mit einander haben sie uns angegriffen. Hätten die Andern zu uns gehalten, so könnten sie jetzt weiter ihren Staat in Unabhängigkeit regieren; aber sie haben eben das Wagestück der Minderzahl für weniger bedenklich gehalten und sind mitabgefallen. Und wenn ihr von euren Bundesgenossen diejenigen, die freiwillig abgefallen sind, nur mit derselben Strafe belegt, wie diejenigen, die vom Feinde dazu gezwungen wurden, wer, glaubt ihr, werde dann nicht die Gelegenheit zum Abfall vom Zaun brechen, da ihm im Fall des Gelingens die Freiheit winkt, und wenn die Sache schief geht, ihn eben keine sonderliche Strafe trifft? Da wird sofort unser Vermögen und Leben von jeder einzelnen Stadt be droht sein. Und wenn ihr im günstigen Fall eine Stadt zu Grunde gerichtet habt, wo bleiben da für die Zukunft die Steuern und Einkünfte, auf denen unsere Macht beruht? Bleiben wir aber im Nachtheil, so haben wir uns zu unsern dermaligen Feinden noch neue aus den Hals gezogen, und die Zeit über, da wir unsern jetzigen Feinden Widerstand leisten sollten, werden wir uns mit unseren eigenen Bundesgenossen herumzuschlagen haben."
- 3.40.1
„Wir dürfen ihnen also weder Hoffnung machen, daß sie durch Ueberredung, noch auch, daß sie durch Geld sich Verzeihung erwirken werden und Nachsicht, als hätten sie nur "menschlich gefehlt. Denn es war ihr eigener Wille, uns zu schaden, und mit Wissen haben sie zu unserem Verderben gearbeitet. Verzeihung verdient aber nur, was ohne böse Absicht geschah. Was ich also das erste Mal verfochten habe, dafür stehe ich auch jetzt ein und sage, daß ihr den bereits gefaßten Beschluß nicht abändern dürft, und daß euch die drei Dinge, die für jede Herrschaft das Gefährlichste sind, Erbarmung, Reiz der Rede und glimpfliche Nachsicht, uicht zu einem Mißgriff verleiten sollen. Mit mitleidigem Erbarmen soll man die Gesinnung Gleichfühlender belohnen und es nicht gegen die verschwenden, die kein Gegenerbarmen fühlen, sondern nothwendig immer uns feindselig sein werden. Und die Redner, die euch durchaus mit schönen Worten eine Freude machen wollen, mögen sich bei minder erheblichen Dingen eine Gelegenheit zum Wettkampf suchen, und nicht da, wo die Stadt einen kurzen Ohrenkitzel schwer wird büßen müssen, während ihnen selbst ihre schönen Worte schöne Summen einbringen^). Glimps- liche Nachsicht aber ist mehr gegenüber Solchen am Platz, die sich uns auch in der Zukunft voraussichtlich ergeben bezeigen werden, als gegen solche, die nichts destoweniger unsere Freunde bleiben. Kurz, wenn ihr mir folgt, so handelt ihr gerecht gegen die Mytilenäer und zugleich zu eurem Vortheil; beschließt ihr aber anders, so werdet ihr euch nicht nur den Dank Jener nicht verdienen, sondern auch euch selbst das Verdammungsurtheil sprechen. Denn thaten jene Recht, abzufallen, so käme es euch ja nicht zu, die Herrschaft zu führen. Wollt ihr diese aber, auch wenn sie ungebührlich ist, trotzdem festhalten, so müßt ihr natürlich entweder euren Vortheil wahren und jene bestrafen, oder eure Herrschaft niederlegen und in Frieden und Ruhe die Biedermänner spielen. Entschließt euch also, das euch Zugedachte als Wiedervergeltung gegen sie zu wenden, und zeigt euch, an denen die Gefahr vorübergegangen ist, nicht weniger empfindlich als die, die euch so Schlimmes zugedacht. Bedenkt doch, wie sie ganz gewiß gegen euch verfahren hätten, wenn sie Sieger geblieben wären, zumal sie selbst mit dem Unrecht begonnen haben. Denn wer ohne gerechte Ursache einem Andern Böses anthut, der ruht erst mit dessen Vernichtung, weil er wohl sieht, welche Gefahr ihm droht, so lange der Feind noch auf den Füßen steht, und mit Recht, denn wer nur aus Uebermuth unnöthigerweise mißhandelt wurde, ist, wenn er der Gefahr entgangen ist, viel erbitterter als der Feind gegenüber dem offenen Feinde. Werdet also nicht Verräther an euch selbst! Bringt euch die Vorstellung möglichst nahe, was ihr hättet zu leiden gehabt, und wie ihr eure letzten Kräfte aufgeboten haben würdet, ihrer Meister zu werden. Uebt nun die Wiedervergeltung, laßt euch nicht von diesem Augenblicke weich machen, und vergeßt nichts wie nahe das Unheil über euren Häuptern schwebte. Züchtiget diese nach Verdienst und stellt sie den andern Bundesgenossen als deutliches Beispiel vor Augen, daß, wer immer abfällt, den Tod leiden muß. Wissen sie das einmal, so werdet ihr euch nicht mehr so oft mit den eigenen Bundesgenossen herumshclagen müssen, während eure Feinde gute Ruhe haben" A).
- 3.41.1
So redete Kleon. Nach ihm aber trat Diodotos, des Eukrates Sohn auf, der auch bei der ersten Versammlung am stärksten dafür gesprochen hatte, die Mytilenäer lieber nicht hinzurichten und redete also:
- 3.42.1
„Gegen die, welche die Sache der Mytilenäer zu einer zweiten Abstimmung gebracht haben, kann ich ebensowenig einen Tadel finden, wie Lob für die, welche es rügen, daß über so außerordentlich wichtige Dinge mehrmals berathschlagt werde. Vielmehr muß ich glauben, daß Eile und leidenshcaftliche Stimmung die größten Feinde eines klugen Beschlusses seien; denn die eine pflegt aus Unverstand, die andere aus Ungezogenheit und Kurzsichtigkeit zu entstehen. Und wer gar dafür einsteht, daß die Rede nicht die Lehrerin des Handelns sei, der besitzt entweder keine Vernunft, oder er hat irgend einen eigennützigen Hintergedanken. Unvernünftig ist er, wenn er sich einbildet, auf irgend eine andere Weise über das belehren zu können, was noch in der Zukunft und im Dunkel liegt. Seinem Eigennutz aber dient er, wenn er im Bewußtsein der Absicht, zu Schmählichem überreden zu wollen, sich nicht zutraut, über Unschönes schön reden zu können, und dafür nun durch dick aufgetragene Verleumdung die Gegner auf der Rednerbühne und die Zuhörer zu verwirren sucht. Die Gefährlichsten aber nun sind die, welche auch noch die Beschuldigung hinzufügen, als ob die Andern durch Geld bestochen schöne Reden hielten. Denn wenn sie nur die Anklage des Unverstandes erheben möchten, so würde Einer, wenn er mit seiner Ansicht nicht durchdringt, zwar den Ruf der Unverständigkeit, aber doch nicht den der Ungerechtigkeit davontragen. Wird ihm aber Un- ehrlichkeit vorgeworfen, so wird er auch, wenn er seine Ansicht durch setzt, verdächtig, nnd setzt er sie nicht durch, so scheint er unverständig' und unehrlich zugleich. Mit dergleichen wird aber dem Staat schlecht gedient, denn die Furcht beraubt ihn seiner Rathgeber. Aber sehr wohl würde er sich befinden, wenn er solche Bürger von der Rednerbühne ausschließen möchte, denn dann wäre die mindeste Gefahr vorhanden, sich zu Schlechtem verleiten zu lassen. Der gute Bürger muß sich nicht durch Abschrecken seiner Gegner als den besseren Redner zeigen wollen, sondern dadurch, daß er sie sich selbst gleichstellt. Auch soll ein Staat, in dem es vernünftig hergeht, demjenigen, der die meisten guten Rathschläge gibt, deßhalb zwar nichts an Ehre zulegen, ihm jedoch auch nicht die Ehre kürzen, und den, der mit seiner Meinung nicht durchdringt, soll er nicht nur nicht strafen, sondern nicht einmal seine Ehre antasten. Dann würde, wer Erfolg hat, gewiß nicht, um größerer Auszeichnung gewürdigt zu werden, manches auch gegen bessere Einsicht und nach Gunst reden, und wer durchgefallen ist, würde ebenso wenig, um derselben Ehre theilhaftig zu werden, die Menge zu gewinnen streben."
- 3.43.1
„Von dem aber thun wir das Gegentheil; ja sogar noch mehr: wenn Einer im Verdacht steht, durch Geld bestochen gleichwohl das Beste zu rathen, so lassen wir aus Neid wegen dieses Geldgewinns, von dem doch nur eine unsichere Vermuthung besteht, den offenbaren Vortheil des Staates dahinsahren. Es ist nun einmal so: das Gute ohne Umschweife gerade heraus gesagt wird nicht weniger verdächtigt, als das Schlechte; die Folge davon ist: wie der schlimmste Rathgeber die Menge durch Betrügereien gewinnen muß, ebenso muß der, welcher zum Besseren räth, sich erst durch Flunkern Vertrauen gewinnen. Und so ist es denn bei uns, in Folge der Ueberklugheit, unmöglich, dem Staate durch grades Vorgehen und ohne Schliche einen Nutzen zu erweisen. Denn wer offenkundig dem Staate Gutes thut, dem wird mit dem Verdachte gelohnt, daß er im Geheimen irgendwie einen noch größeren Gewinn dabei in Aussicht habe. Gleichwohl müssen wir, trotz diesen Zuständen, wo es sich um die höchsten Dinge handelt, in dem, was wir reden, weiter sehen, als ihr Kurzsichtigen, zumal wir für unsere Vorschläge verantwortlich sind, ihr aber als Zuhörer unverantwortlich. Wenn der Ueberredende und der Zustim- mende gleicher Gefahr ausgesetzt wären, so möchtet ihr in eurem Urtheil wohl bedächtiger sein. So aber straft ihr in eurer Hitze beim ersten besten Mißlingen einzig und allein die eine Abstimmung dessen, der euch überredet hat, und nicht eure eigenen, wenn sie auch in großer Zahl mitgesündigt haben."
- 3.44.1
„Ich bin aber jetzt weder aufgetreten, um der Mytilenäer wegen irgend Jemandem zu widersprechen, noch auch um sie anzuklagen. Denn uns, wenn wir anders klug sind, handelt es sich nicht darum, ob jene Unrecht gethan haben, sondern darum, daß wir einen klugen Entschluß sassen. Denn selbst wenn ich nachgewiesen hätte, daß sie uns tödtlich beleidigt haben, würde ich deßhalb noch nicht auch für die Hinrichtung stimmen, wenn diese uns nicht vortheilhast wäre, und ebenso wenig würde ich, wenn sie irgendwie Nachsicht verdienten, diese gewähren, wenn es mir nicht vortheilhaft für den Staat schiene. Ich meine, wir sollten unsern Beschluß mehr mit Berücksichtigung der Zukunft als der Gegenwart fassen; und hier bin ich grade in dem Punkte, worauf Kleon das meiste Gewicht legt, daß nämlich das Verhängen der Todesstrafe uns für die Zukunft von Vortheil sei, weil Abfall so leichter verhütet werde, grade der entgegengesetzten Meinung, obgleich ich eben so gut wie er dabei unser künftiges Wohl im Auge habe. Ich wünschte nicht, daß ihr zu Liebe der scheinbaren Richtigkeit seines Vorschlags den Nutzen von euch stießet, den der meinige bietet. Denn da eurer leidenschaftlichen Erregtheit gegen die Mytilenäer seine Meinung auf Gerechtigkeit gegründet scheint, so kann sie euch wohl leicht mitreißen. Aber wir haben ja keinen Rechtshandel gegen sie durchzufechten, wobei es sich um Recht oder Unrecht handelte, sondern wir berathen uns, auf welche Art wir ihre Sache am meisten zu unserm Vortheil austragen können."
- 3.45.1
„In den Staatsverfassungen ist ans vielerlei Dinge die Todesstrafe gesetzt, auch auf solche, die dem vorliegenden Verbrechen nicht gleichkommen, sondern dahinter zurückbleiben. Gleichwohl lassen sich die Menschen durch die Hoffnung anreizen, es immerhin zu wagen ; und nie hat sich Einer in diese Gefahr begeben, der sich nicht getraut hätte, mit seinem schlimmen Wagniß durchzudringen. Und ist jemals eine abtrünnige Stadt an die Ausführung gegangen, welche die Zurüstung, sei es nun eigene oder durch Anderer Kampfgenossenis schaft dargebotene, nach eigener Schätzung für unzureichend hielt? Es liegt in aller Menschen Natur, daß sie sowohl in Privatverhältnissen, als auch gegen den Staat sündigen, und es gibt kein Gesetz, das sie davon zurückhalten kann. Sind ja die Menschen bereits durch alle Abstufungen der Strafen, sie immer steigernd, hindurchgegangen, um so vielleicht die Zahl der Verbrechen und die Menge des Uebels zu mindern. Denn gewiß standen vormals auf den größten Verbrechen mildere Strafen; da aber immerfort Uebertretungen Statt fanden, so verschärften sich die meisten im Laufe der Zeit bis zur Todesstrafe, und trotzdem achtet man auch dieser nicht. Entweder also muß man etwas noch Abschreckenderes ausfindig machen als diese, oder es gibt überhaupt nichts, was da Einhalt thun kann. Und so ist es in der That; denn einmal ist's die Armuth, 5ie durch Noth Kühnheit gebiert und zum Wagniß treibt, das andere Mal der Reichthum, der in Uebermuth und Hochmuth Habsucht erzeugt, und so auch die andern durch Leidenschaft herbeigeführten menschlichen Zustände, die alle unter dem Einfluß irgend einer unwiderstehlichen höhern Macht stehen, überall aber die Hoffnung, die Begierde. Diese macht die Führerin, jene geht mit. Diese sinnt den Anschlag aus, jene spiegelt den Beistand eines freundlichen Glückes vor, und so richten beide den größten Schaden an, und obwohl unsichtbar, sind sie doch mächtiger als Martern, die mit Augen zu sehen sind. Dazu kommt noch das Glück, das auch nicht weniger aufmunternd mitwirkt. Denn wider Erwarten gesellt es sich manchmal zu der geringeren Kraft und verleitet Einen zum Wagniß, und mehr noch ganze Staaten, da es sich da ja um die größten Dinge handelt, um Freiheit und Herrschaft über Andere, und weil jeder Einzelne, wenn er im großen Haufen mitläuft, seine eigene Kraft blindlings überschätzt. Kurz, wer mit der Gewalt der Gesetze oder durch sonst ein anderes Schreckmittel die Menschen hindern zu können glaubt, wenn die eigene Natur sie zu irgend einer That fortreißt, der glaubt das Unmögliche und beweist große Einfalt."
- 3.46.1
„Wir dürfen also nicht im Vertrauen darauf, daß die Todesstrafe jede Bürgschaft gewähre, einen nachtheiligen Entschluß fassen, noch auch den Abtrünnigen jede Hoffnung benehmen, daß es eine Möglichkeit gibt, von ihrem Fehl wieder umzukehren und ihn in möglichst kurzer Frist wieder vergessen zu machen. Ueberlegt doch, daß bei solchem Verfahren eine abtrünnige Stadt, wenn sie die Aussicht auf Erfolg geshcwunden sieht, gewiß zu einem Vergleiche bereit sein wird, so lange sie noch im Stande ist, die Kriegskosten zu erstatten und sonst ihre Steuern zu zahlen. Welche Stadt aber, glaubt ihr wohl, werde sich bei jenem andern Verfahren nicht noch viel stärker rüsten als sonst und eine Belagerung bis zum Aeußersten aushalten, wenn es für sie ganz dieselben Folgen hat, ob sie sich vorher oder nachher ergibt? Wie aber soll für uns kein Schaden daraus erwachsen, wenn wir die Kosten einer langen Belagerung tragen müssen, weil wir jede Aussöhnung zurückweisen, und wenn wir im Fall der Einnahme eine zerstörte Stadt in die Hände bekommen und für die Zukunft ihrer Steuerzahlungen verlustig sind? Und auf diesen beruht doch unsere Kraft gegenüber dem Feinde! Wir dürfen also nicht uns selbst den größern Schaden zufügen, indem wir als Richter über die Verbrecher die Sache zu genau nehmen, sondern vielmehr darans sehen, daß wir bei mäßiger Ahndung für die Zukunft in der Lage bleiben, Städte unter uns zu haben, die zahlen können, und müssen uns selbst nicht mit der Strenge der Gesetze, sondern durch Sorgfalt unserer Vorkehrungen Sicherheit zu schaffen suchen. Thun wir aber davon nicht das Gegentheil, wenn wir einen sonst freien und mit Gewalt bezwungenen Staat, der einem natürlichen Zuge folgend durch Abfall seine Unabhängigkeit herzustellen strebt, wieder unterworfen haben und dann meinen, wir müßten ihn streng bestrafen? Freie Männer muß man nicht, wenn sie abgefallen sind, scharf züchtigen, sondern bevor sie noch abfallen , muß man scharfes Augenmerk haben und seine Vorsichtsmaßregeln ergreisen, daß sie nicht einmal auf den Gedanken kommen; hat man sie aber wieder einmal durch Waffen zum Gehorsam bringen müssen, so soll man sie die Schuld so wenig als möglich empfinden lassen."
- 3.47.1
„Nun bedenkt aber auch, wie sehr ihr euch in folgender Rücksicht verfehlen möchtet, wenn ihr dem Kleon folgt. Jetzt noch ist euch in allen Städten die Volkspartei freundlich gesinnt und betheiligt sich entweder nicht an dem Abfall der vornehmen Minderzahl, oder, wenn sie dazu gezwungen wird, verharrt sie gegen die Abtrünnigen in offener Feindschaft, und kommt es dann eurerseits zum Kriege, so habt ihr in der feindlichen Stadt die große Menge zum Bundes genossen. Wenn ihr nun aber das Volk der Mytilenäer hinrichtet, das nicht nur keinen Antheil am Abfall genommen hat, sondern, so- i bald es nur gerüstet und bewaffnet war, allsogleich die Uebergabe der Stadt bewirkte, so vergeht ihr euch einmal, weil ihr eure Wohlthäter tödtet, und dann gebt ihr ja den Vornehmen grade die Waffe in die Hände, die sie am heißesten wünschen; dein wenn sie eine Stadt zum Abfall bringen wollen, so werden sie sogleich das Volk aus ihrer Seite haben, da ihr bereits ein Beispiel gegeben habt, wie ihr Schuldig und Unschuldig mit gleicher Strafe belegt. Aber selbst wenn das Volk euch beleidigt hätte, dürftet ihr euch nichts merken lassen, damit die einzige Partei, die noch zu euch steht, nicht in einen Feind verwandelt werde. Und ich halte es überhaupt zur Behauptung der Herrschaft für viel nützlicher, wenn wir eine Beleidigung ertragen, als wenn wir nach dem Buchstaben des Gesetzes die vernichten, die wir nicht vernichten dürfen. Und was Kleon meint, daß bei dieser Strafart dem Recht und dem Vortheil gleiche Rechnung getragen sei, das sieht Jeder ein, kann man nicht bei einander haben."
- 3.48.1
„Ihr also seid überzeugt, daß meine Ansichten richtiger sind, und gebt weder dem Mitleiden noch auch der Nachsicht zu viel Raum; denn auch ich will nicht, daß ihr euch durch sie bestimmen lasset; sondern den Gründen zu Liebe, die ich vorgebracht, folget mir: diejenigen Mytilenäer, welche Paches als die Gefährlichen hieher geschickt hat, die richtet in aller Ruhe, und die übrigen lasset im Besitze ihrer Stadt. Das verbürgt Nutzen für die Zukunft und ist abschreckend genug für unsere Feinde. Denn wer vernünftig zu Rathe geht, ist stärker dem Feind gegenüber, als wer zwar mit kräftiger That, jedoch ohne alle Vernunft auf ihn losgeht."
- 3.49.1
So sprach Diodotos. Da diese Vorschläge so ziemlich mit gleicher Stärke unterstützt, sich einander die Wage hielten, so geriethen die Athener gleichwohl noch in einen Meinungskampf, und bei der Abstimmung waren beide Parteien nahezu gleich stark; doch siegte die des Diodotos. Sie sandten nun sogleich einen zweiten Dreiruderer ab mit dem Befehl zur Eile, damit der erste nicht früher ankomme und sie die Stadt bereits vernichtet fänden, denn jener hatte einen Vorsprung von nahezu einem Tag und einer Nacht. Da nuu die Mytilenäischen Gesandten das Schiff mit Wein und Mehl versahen und große Versprechungen machten, wenn sie jene überhalten, so wurde diese Fahrt mit solchem Eifer beschleunigt, daß die Mannschaft aß, ohne das Ruder ruhen zu lassen, Brod nämlich mit Wein und Oel eingerührt, und während eine Abtheilung der Ruhe genoß ruderten die Andern. Da nun glücklicher Weise kein widriger Wind blies und das erste Schiff mit seinem empörenden Austrage sich nicht beeilte, das andere jedoch sich also sputete, so war jenes nur um so viel srüher angekommen, daß Paches eben erst den Volksbeschluß gelesen hatte und im Begriffe war, an die Ausführung zu schreiten, als das spätere Schiff danach einlief und die Vernichtung der Stadt verhinderte. So nahe ist die höchste Gefahr an Mytilene vorübergegangen.
- 3.50.1
Die übrigen Männer indessen, welche Paches, als am Abfalle zumeist schuldig, geschickt hatte, ließen die Athener auf Kleon's Vorschlag hinrichten; es waren ihrer aber einige über tausend. Auch rissen sie der Mytilenäer Mauern nieder und nahmen ihre Schiffe weg. Späterhin legten sie zwar den Lesbiern keine weiteren Steuern auf, theilten aber all ihr Land, nur das Gebiet der Methymnäer ausgenommen , in dreitausend Ackerloose. Davon schieden sie dreihundert aus und heiligten sie den Göttern, aus die übrigen aber schickten sie als Loosherren diejenigen aus ihrer Mitte, die das Loos getroffen hatte Diesen mußten die Lesbier, die das Land selbst zu bebauen hatten, für jedes Ackerloos einen jährlichen Zins von zwei Minen [zu sammen 48 Thlr. 6 Ggr.^ entrichten. Auch die kleinen Städte nahmen die Athener weg, welche die Mytilenäer auf dem Festlande besessen hatten, und dieselben gehorchten seitdem den Athenern. Diesen Ausgang nahmen die Sachen mit Lesbos.
- 3.51.1
Desselbigen Sommers nach der Einnahme von Lesbos unternahmen die Athener unter Führung des Nikias, des Sohnes des Nikeratos', einen Zug wegen der Insel Minoa, welche vor Megara liegt. Auf derselben hatten die Megarenser einen Thurm gebaut und bedienten sich ihrer anstatt eines Vorwerks. Nikias dachte aber, die Athener könnten auf derselben einen Wachposten halten, der ihnen näher gelegen sei als Budoron und Salamis, damit die Peloponnesier nicht mehr, wie früher geschehen war, mit ihren Dreiruderern oder Kaperschiffen von dort unbemerkt auslaufen könnten , und ihnen auch die Zufahrt nach Megara abgeschnitten wäre. Er warf also zuerst mit seinem Sturmzeug vom Meere aus zwei vorspringende Thürme von Nisäa nieder, machte darauf die Einfahrt in den Raum zwischen der Insel und dem Festlande frei , und sperrte dann die dem Festlande gegenüberliegende Seite der Insel durch eine Mauer ab, da man hier der vom Lande nicht weit abliegenden Insel vermittelst einer über die Untiefen geschlagenen Brücke zu Hülse kommen konnte. Nachdem er dieß in wenigen Tagen ausgeführt und auf der Insel noch eine Verschanzung sammt Besatzung zurückgelassen hatte, zog er mit dem Heere wieder ab.
- 3.52.1
Um dieselbe Zeit in diesem Sommer gaben sich auch die Platäer, die keine Nahrungsmittel mehr hatten und der Belagerung nicht mehr widerstehen konnten, in die Hände der Peloponnesier. Dabei war es so zugegangen. Diese machten einen Sturm auf die Mauer und jene konnten sich nicht mehr vertheidigen. Da nun der Lakedämonische Feldherr ihre Entkräftung sah, so wollte er die Stadt nicht mit Gewalt nehmen, denn es war ihm von Lakedämon aus befohlen worden, so zu verfahren, daß, wenn einmal mit den Athenern Friede geschlossen würde nnd beide Theile dahin übereinkämen, die im Kriege eroberten Plätze beiderseits herauszugeben, Platäa als freiwillig übergetreten nicht zurückgegeben werden dürfe. Deßhalb schickt er einen Herold zu ihnen und läßt verkünden, wenn sie ihre Stadt freiwillig den Lakedämoniern übergeben wollten und diese als Richter anerkennen, so werde er die Schuldigen zwar strafen, Niemanden aber gegen Recht und Gesetz. Das richtete der Herold aus, und jene, die schon im Zustand der äußersten Schwäche waren, übergaben ihre Stadt. Die Peloponnesier nun reichten den Platäern einige Tage lang Speise, bis dann die fünf Richter aus Lakedämon ankamen. Als diese aber angelangt waren, wurde keine förmliche Anklage gegen sie aufgestellt, sondern man forderte sie vor und fragte nur, ob sie in diesem gegenwärtigen Kriege den Lakedämoniern oder deren Bundesgenossen sich irgendwie dienstlich erwiesen hätten. Diese aber verlangten, sich eines Weiteren anslassen zu dürfen, und stellten aus ihrer Mitte den Astyemachos, Sohn des Afopolaos, und den Lakon, des Aeimnestos Sohn, der ein Gastfreund der Lakedämonier war, als ihre Fürsprecher ans, und diese traten hin und redeten also:
- 3.53.1
„Unsere Stadt haben wir euch übergeben, ihr Lakedämonier, weil wir auf euer Wort hin vertrauten, nicht vor einem solchen Gerichte stehen zu müssen, sondern daß es gesetzlicher ausfallen werde, und wir nahmen eure Bedingungen an, um vor keinen anderen Richter gestellt zu werden, als vor euch selbst, wie dieß jetzt auch wirklich der Fall ist, weil wir glaubten, bei euch das billigste Urtheil zu finden. Nun aber fürchten wir, daß wir uns in Beidem betrogen haben, denn wir müssen mit Recht argwöhnen, daß es sich hier um das Schrecklichste handle, und daß ihr nicht den Ruhm billiger Richter davontragen werdet. Wir schließen das, weil von euch keine Voranklage gestellt worden ist, gegen die wir uns zu rechtfertigen hätten, sondern wir selbst haben um die Erlaubniß zum Reden bitten müssen, und eure Frage ist so kurz, daß unsere Antwort, wenn sie der Wahrheit gemäß ist, uns verurtheilt, und wenn sie unwahr ist,- leicht widerlegt, werden kann. So sehen wir nach keiner Seite einen Ausweg und sind genöthigt, von einer Rede unsere Rettung zu hoffen, was auch das Geziemendste zu sein scheint; denn wer in einer solchen Lage zu reden unterläßt, zieht sich wohl den Vorwurf zu, daß eine Rede ihn hätte retten können. Zu dem Andern, was uns bedrückt, fühlen wir aber nun auch,- wie schwer es uns fallen wird, euch zu überreden. Denn wären wir einander unbekannt, so könnten wir Beweisgründe beibringen, die euch fremd wären, und so vielleicht Rettung finden; nun aber wird Alles, was wir vorbringen, euch bereits bekannt sein, und wir fürchten nicht sowohl, daß ihr schon im Voraus das Urtheil gefällt habet, unsere Verdienste seien geringer als die eurigen, und daß ihr uns eben daraus ein Verbrechen machet, sondern vielmehr, daß ihr uns andern zu Gefallen vor ein Gericht stellt, welches sein Urtheil schon gesprochen hat."
- 3.54.1
„Gleichwohl wollen wir vorbringen, was wir an Rechts- gründen in Betreff unserer MißHelligkeiten mit den Thebanern haben, und die Erinnerung an das wachrufen, was wir euch und den andern Hellenen Gutes gethan, und eben damit wollen wir euch zu überreden versuchen. Auf eure kurze Frage, ob wir in dem gegenwärtigen Kriege um die Lakedämonier und ihre Bundesgenossen uns ein Verdienst erworben, geben wir zur Antwort: Fragt ihr uns als Feinde, so ist euch von uns kein Unrecht geschehen, wenn ihr nichts Gutes von uns empfangen habt; laßt ihr uns aber als Freunde gelten, so habt ihr das größere Unrecht begangen, da ihr uns mit Krieg überzöget. Sowohl im Frieden als auch im Kampfe gegen die Meder haben wir uns als wackere Männer erzeigt, denn den Frieden haben wir jetzt nicht zuerst gebrochen, und damals haben wir allein von allen Böotiern zur Befreiung von Hellas die Waffen mit euch vereinigt. Denn obwohl wir Festlandsbewohner sind, haben wir doch zur See bei Artemision mitgekämpft, und in der Schlacht, die hier auf unserem eigenen Boden geliefert wurde, haben wir bei euch und dem Pausanias gestanden, und wenn damals noch sonst etwas Anderes sich ereignete, woher den Hellenen Gefahr drohte, so haben wir über Vermögen an Allem uns betheiligt, und euch insbesondere, ihr Lakedämonier, als damals die größte Gefahr Sparta umdrohte, da nach dem Erdbeben die Heloten aufstanden und sich nach Jthome warfen, haben wir den dritten Theil unserer eigenen Bürgermannschaft zur Hülfe gesandt ^'). Unrecht ist es, das zu vergessen."
- 3.55.1
„In den großen Ereignissen der alten Zeit haben wir uns also als solche Männer zu zeigen getrachtet; eure Feinde aber sind wir erst später geworden, und davon trüget ihr die Schuld; denn da wir um eure Bundesgenossenschast nachsuchten, weil uns die Thebaner zu vergewaltigen trachteten, habt ihr uns zurückgewiesen und gerathen, uns an die Athener zu wenden, da diese näher bei uns, ihr aber zu weit entfernt wohntet. In diesem Kriege aber habt ihr von uns nichts Sonderliches zu leiden gehabt, noch durftet ihr es überhaupt erwarten. Wenn wir trotz eures Befehles von den Athenern nicht abfallen wollten, so haben wir damit kein Unrecht gethan, denn auch jene haben uns gegen die Thebaner beigestanden, als ihr uns von der Hand wieset. Sie zu verrathen wäre nicht schön gewesen, zumal wir von ihnen nur Gutes empfangen und sie durch unsere eigenen Bitten zu Bundesgenossen gewonnen und an ihrem Bürgerrecht Theil erlangt haben. Vielmehr war es selbstverständlich, daß wir ihren Befehlen eifrig nachkamen. Was aber ihr beiden ^Lakedämonier und Atheners als Führer euren Bundesgenossen vorshcriebet, davon fällt keine Schuld auf die, welche euch folgten, wenn ihr irgend ein Unrecht beginget, sondern auf euch selbst, die ihr zum Unrecht Anleitung gabt." <
- 3.56.1
„Die Thebaner haben uns aber gar viele Beleidigungen zugefügt, und die letzte kennt ihr selbst, in deren Folge wir eben dieß jetzige Unglück leiden. Denn sie haben unsere Stadt mitten im Frieden und dazu noch am Neumondsfeste überrumpelt, und wir haben sie nach gutem Rechte dafür gestraft und nach dem Gesetze, das für Alle gilt, daß es erlaubt und Pflicht ist, sich des angreifenden Feindes zu erwehren; und es wäre Ungebühr, sollten wir jetzt dafür büßen: denn wenn ihr zu eurem und jener augenblicklichem Vortheil das Recht nach eurer feindseligen Gesinnung schöpfen wollt, so werdet ihr nicht als wahrhafte Richter nach Recht und Billigkeit dastehen, sondern als Diener eures Vortheils. Und wenn ihr nun wirklich denkt, daß die Thebaner euch nützlich sind, so waren wir und die andern Hellenen es doch in höherem Grade damals, als ihr in größerer Gefahr schwebtet. Denn jetzt seid ihr Andern furchtbar, gegen die ihr zu Felde zieht, damals aber, als der Barbar Allen die Knechtschaft brachte, standen diese auf seiner Seite. Und wenn nun schon von uns gefehlt sein soll, so ist es billig, daß ihr diesen Fehl mit unserem damaligen Eifer aufwägt, und ihr werdet finden, daß dieser überwiegt, zumal in Anbetracht der Zeit, wo es unter den Hellenen ein großes Ding war, wenn Einer seine Tapferkeit der Macht des Xerxes entgegenstellte, und die noch höheres Lob gewannen, welche beim Anzug der Barbaren nicht für sich selbst Vortheil und Sicherheit erseilschten, sondern lieber unter Gefahren die edelsten Güter daran setzen wollten. Unter diesen waren auch wir, und damals auf's Höchste geehrt, müssen wir nun wegen derselben Denkart unsern Untergang fürchten, weil wir es vorzogen, lieber nach Recht und Billigkeit zu den Athenern, als um unseres Vortheils willen zu euch zu stehen. Und doch sollte man sich als solcher zeigen, der über dieselben Dinge auch immer dasselbe Urtheil fällt. Und man sollte doch nichts Anderes für wahrhaft nützlich erachten, als wenn man einen Vortheil, den die Gelegenheit bietet, mit treuer Dankbarkeit gegen rechtschaffen Bundesgenossen vereinigen kann."
- 3.57.1
„Bedenket auch, daß ihr jetzt bei der Mehrzahl der Hellenen als Muster der Bravheit geltet, wenn ihr aber entscheidet über uns, was sich nicht gebührt, — und eure Entscheidung kann nicht unbe- kannt bleiben, denn euer Lob ist in Aller Munde und auch uns nennt man nicht mit Tadel, — so seht zu, wie es nicht Mißbilligung finden soll, daß über brave Männer ihr, die Braveren, Ungebührliches beschlossen habet, und daß in die gemeinsamen Heiligthümer Raub von uns, den Wohlthätern Griechenlands geweiht werde. Erschrecklich wird es scheinen, das; Lakedämonier Platäa zerstört, daß die Vorfahren den Namen unserer Stadt ihrer Tapferkeit zum Preis aus den Dreifuß in Delphi-gesetzt haben, ihr aber sie aus dieser Gemeinschaft des ganzen Hellenenthums zu Lieb den Thebanern austilgen wolltet. So hoch ist unser Unglück gestiegen! Damals haben uns die Meder zu Grunde gerichtet, als sie unser Land in der Hand hatten, und nun unterliegen wir um der Thebaner willen durch euch, die ihr sonst uns so freundlich gesinnt wäret. Und zweimal sind wir vor dem Aeußersten gestanden: vor kurzem drohte uns Hungertod, wenn wir die Stadt nicht übergeben, und jetzt werden wir auf den Tod gerichtet. Aus Allen sind wir Platäer allein ausgestoßen, die doch über Vermögen für die Hellenen eingetreten sind, jetzt verlassen und ohne Freund. Denn von unsern damaligen Bundesgenossen steht keiner zu uns, und von euch Lakedämoniern, unserer einzigen Hoffnung, besorgen wir, das; ihr nicht standhaft bleibt."
- 3.58.1
„Doch bitten wir euch bei den Göttern, bei denen wir einst unseren Waffenbund beshcwuren, und bei unserem Verdienst um die Hellenen: lasset euch bewegen und ändert euren Entschluß, wenn ihr den Thebanern bereits schon ein Versprechen gegeben habt. Wir fordern als Belohnung unseres Verdienstes, daß ihr nicht solche tödtet, die zu tödten sich nicht geziemet, und daß ihr lieber um einen Dank werbt, der mit der Ehre besteht, als um einen, der Schimpf bringt. Wollet nicht Andern ein Vergnügen machen, indem ihr selbst Unehre auf euch nehmet! Unsere Leiber sind wohl schnell abgethan, schwer aber ist es, Schande vergessen zu machen. Denn ihr werdet an uns keine Feinde bestrafen, was ganz nach Recht geschähe, sondern freundlich Gesinnte, die nur die Noth zwang zu den Waffen zu greifen. Nach Recht also würdet ihr entscheiden, wenn ihr uns des Lebens sichertet und bedenken wollt, daß wir freiwillig und mit aufgehobenen Händen flehend zu euch gekommen sind — und die Hellenen haben unter sich das Gesetz, daß solche nicht getödtet werden dürfen — und bedenket, daß wir uns allerwege euch freundlich erwiesen haben. Schauet her auf diese Gräber eurer Väter, die gegen die Meder gefallen sind und von uns begraben wurden. Wir haben sie Jahr um Jahr aus öffentlichem Wesen geehrt, mit schöner Gewandung und wie es sonst Sitte ist, und von Allem, was im Jahreslauf die Erde hervorbringt, haben wir ihnen die Erstlinge dargebracht, ihrer als Männer aus befreundetem Lande freundlich gedenkend, wie Bundesgenossen der Waffenbrüder. Davon würdet ihr nun das Gegentheil thun, wenn ihr jetzt nicht nach Gebühr entschiedet. Denkt doch, Pausanias hat diese hier begraben, weil er sie in freundlicher Erde und neben freundlich gesinnten Männern zu betten glaubte. Wenn ihr aber nun uns tödten und das Platäifche Land zu Thebanischem machen wollt, was thut ihr da anders, als daß ihr eure Väter und Blutsverwandte in feindlichem Boden und bei ihren eigenen Mördern und beraubt der Ehrengaben zurücklaßt, die sie jetzt noch genießen? Zudem gebt ihr die Erde, auf welcher die hellenische Freiheitsschlacht geschlagen wurde, in die Knechtschaft, und die Heiligthümer der Götter, zu denen betend jene über die Meder gesiegt haben, laßt ihr wüst und öde, und die Gründer und Stifter beraubt ihr der Opfer, die unsere Väter brachten."
- 3.59.1
„Es will sich zu eurem Ruhme nicht schicken, ihr Lakedämonier, weder daß ihr so am hellenischen Recht und an euren Vorfahren sündigt, noch daß ihr eure Wohlthäter fremdem Haß zu Liebe, und ohne daß ihr selbst beleidigt wäret, dem Verderben übergebt. Ihr solltet uns schonen und die Härte eure? Herzens brechen, indem ihr mitleidig, wie es geziemt, nicht nur die Furchtbarkeit des Schicksals bedenkt, das wir leiden sollen, sondern auch, Männer welcher Art es sind, die solches dulden müssen, und wie unberechenbar es ist, wie viele das Verderben unschuldig trifft. Und wir, wie es uns geziemt und die Noth uns zwingt, nahen euch als Bittende, indem wir aufrufen zu den Göttern, die auf gleichen Altären von allen Hellenen verehrt werden , daß sie euren Sinn uns gnädig stimmen ; wir halten euch die Eide vor, die eure Väter geschworen, und bitten euch flehentlich, nicht zu vergessen der Gräber eurer Väter, und bei diesen Todten rufen wir euch an: gebt uns nicht in die Hände der Thebaner und überliefert die euch so freundlich Gesinnten nicht ihren bittersten Feinden! An jenen Tag, da wir mit diesen Todten die glänzendsten Thaten ausführten , erinnern wir euch an dem Tag, da wir in Gefahr sind, das Schrecklichste zu erleiden. Was nun fein muß und doch sehr schwer fällt für Leute in unserer Lage, der Rede nämlich ein Ende zu machen, weil mit ihm auch die Gefahr des Todes herantritt, das thun wir jetzt und erinnern euch nur noch, daß wir nicht den Thebanern die Stadt übergeben haben, denn dem hätten wir den schmählichsten Tod, Hungers zu sterben, vorgezogen, — sondern euch haben wir uns mit Vertrauen überliefert. Es ist also gerecht, wenn ihr euch schon nicht erbitten laßt, daß ihr uns in unsere vorige Lage zurückversetzt und es uns überlastet, welche Gefahr wir vorziehen. Und zugleich beshcwören wir euch, daß ihr uns Platäer, die aus's eifrigste für die hellenische Sache gekämpft und jetzt als Schutzflehende zu euch gekommen sind, ihr Lakedämonier, nicht aus euren Händen und eurem Schutze den Thebanern, unsern ärgsten Feinden, überliefert. Werdet unsere Retter, und während ihr die andern Hellenen frei macht, wollet uns nicht vernichten!"
- 3.60.1
So redeten die Platäer. Die Thebaner aber, aus Furcht, die Lakedämonier möchten auf die Rede jener weich werden, traten auch vor und sagten, sie selbst wollten auch eine Rede halten, da auch jenen wider ihr Erwarten länger das Wort gestattet worden sei, als zur Beantwortung der Frage nöthig war. Als jene nun sie reden hießen, so sprachen sie wie folgt:
- 3.61.1
„Wir hätten nicht verlangt, eine Rede halten zu dürfen, wenn auch jene aus die gestellte Frage in Kürze geantwortet und nicht, gegen uns sich wendend, Anklagen erhoben und von der Sache abschweifend sich selbst vertheidigt hätten, wo Niemand sie anklagte, und gelobt, wo Niemand sie getadelt hat. Wir haben nun dem Einen zu widersprechen und den Ungrund des Andern zu beweisen, damit weder unsere angebliche Bosheit ihnen zu Statten komme, noch auch ihre hohe Einbildung von sich selbst, sondern ihr über beides die Wahrheit höret und danach entscheidet. Wir geriethen mit ihnen zuerst damals in Zwist, als wir nach dem Anbau des ganzen übrigen Böotiens Platäa gründeten und zugleich damit auch einige andere Plätze, die wir in Besitz genommen, nachdem wir die Bewohner, Leute aus allerlei Volk zusammengelaufen 32), ausgetrieben hatten. Da wollten nun diese nicht, wie es zuerst ausgemacht worden war, sich unserer Ober-i leitung unterwerfen, sondern mit Verachtung der väterlichen Weise sich von den andern Böotiern gesondert halten, und als dann Zwang angewendet wurde, traten sie zu den Athenern über und haben uns vielen Schaden zugefügt, der ihnen dann auch wieder heimgegeben wurde."
- 3.62.1
„Zur Zeit aber, als der Barbar gegen Hellas heranzog, sagen sie, hätten von allen Böotiern sie allein es nicht mit den Medern gehalten, und damit brüsten sie sich selbst am meisten und machen uns eine Schande daraus. Freilich nun, geben wir zur Antwort, hielten sie nicht mit den Medern, weil eben die Athener es auch nicht thaten; dafür haben sie aber, als später auf dieselbe Weise die Athener gegen die Hellenen auszogen, von allen Böotiern allein es mit den Athenern gehalten. Und nun überlegt einmal, in welcher Versassung unsere beiden Staaten waren, als der eine und der andere jenes thaten! Unsere Stadt wurde damals weder oligarchisch mit sonst gleichen Rechten für die Bürger regiert, noch auch in demokratishcer Weise, sondern es lenkten, was von einem gesetzlichen nnd maßvollen Zustande am weitesten abliegt und der Tyrannis am nächsten steht, wenige Männer mit gewaltsamer Herrschaft die Regierung. Und diese hofften zu eigenem Vortheil die Zügel noch stärker fassen zu können, wenn erst der Meder gesiegt hätte, und darum führten sie ihn in's Land herein, indem sie das Volk mit Gewalt im Zaum hielten. Es war also nicht die Gesammtheit der Bürger, die dieß thaten, denn es fehlte die freie Selbst- bestimmung; und es ist nicht Recht, ihnen daraus einen Vorwurs zu machen, da doch nur während eines gesetzlosen Zustandes der Fehler begangen wurde. Vielmehr muß man untersuchen, wie wir uns später benahmen, als dann der Meder abzog und wir unsere gesetzmäßige Verfassung wieder erhielten. Als da die Athener heranzogen und wie das übrige Hellas so auch unser Land zu unterwerfen versuchten, und sie bei dem herrschenden Parteizwist auch schon einen großen Theil desselben genommen hatten, haben wir da nicht bei Koronea mit ihnen gekämpft und sie geschlagen und so Böotien frei gemacht? Und helfen wir jetzt nicht eifrig zur Befreiung der Andern mit und stellen Reiter und Kriegsrüstung, wie sonst keiner der Bundesgenossen?"
- 3.63.1
„So viel sei zu unserer Rechtfertigung gesagt, warum wir auf Seiten der Perser standen. Jetzt aber wollen wir zu beweisen suchen, daß ihr Platäer den Hellenen viel größeres Unrecht zugefügt habt und jede noch so harte Züchtigung viel eher verdient als wir. Um euer Recht gegen uns zu wahren, so sagt ihr, wäret ihr Bundesgenossen und Bürger^) der Athener geworden. Nun, dann hättet ihr sie ja nur gegen uns zu eurer Hülfe herbeiziehen dürfen, und nicht mit ihnen gegen Andere zu Felde ziehen; denn dieß stand ja in eurem Belieben, auch sofern ihr von den Athenern gegen euren Willen wozu gezwungen werden solltet, da ja bereits der Lakedämonische Waffenbund gegen den Perser vorhanden war, auf den ihr euch in eurer Vertheidigung immer beruft. Denn derselbe genügte, euch vor unserem Angriffe zu schützen und, was da? Bedeutendste ist, euch Sicherheit der freien Berathung und Entschließung zu gewähren. Aber freiwillig und nicht mehr gezwungen habt ihr lieber die Partei der Athener gewählt. Nun sagt ihr weiter, es sei schimpflich, seine Wohlthäter zu verrathen; ja, aber viel schimpflicher und ungerechter war es, die Gesammthellenen zu verrathen, zu denen ihr doch geschworen hattet, als die Athener allein, denn diese wollen Hellas knechten, jene aber es frei machen. Sodann ist die Art, wie ihr eure Dankbarkeit zeigt, der Natur der Wohlthat nicht entsprechend, denn ihr habt sie zu Hülfe gernfen, wie ihr sagt, weil euch selbst Unrecht geschah, und doch habt ihr jenen selbst mitgeholfen, Andern Unrecht anzuthun. Oder ist es etwa schimpflicher, einen entsprechenden Dank gar nicht abzustatten, als einen solchen, den man zwar um der Sache der Gerechtigkeit willen schuldig geworden ist, aber nur unter Verletzung der Gerechtigkeit abstatten kann?"
- 3.64.1
„Dadurch habt ihr gezeigt, daß ihr auch damals nicht der Hellenen wegen allein nicht zu den Medern gehalten habt, sondern nur < weil auch die Athener es nicht gethan haben; ihr wolltet eben dasselbe thun wie diese und das Gegentheil von jenen. Jetzt aber verlangt ihr, daß auch von diesen hier die Tapferkeit belohnt werde, die ihr Andern zu Liebe gezeigt habt. Das ist nicht in der Ordnung. Habt ihr die Partei der Athener vorgezogen, so theilt jetzt mit ihnen auch die Gefahr und beruft euch nicht immer auf jenen Bundesfchwur, als ob euch der jetzt Rettung bringen sollte. Ihr seid längst davon zurück- getreten und seid ihm untreu geworden, denn ihr habt die Aegineten und andere Eidgenossen lieber unterwerfen helfen, als daß ihr es gehindert hättet, und das aus ganz freier Wahl und indem ihr eure freie Verfassung hattet, wie sie noch jetzt ist, und Niemand euch zwang, wie es uns geschah. Habt ihr doch noch die letzte Aufforderung vor eurer Einschließung, daß ihr euch ruhig verhalten solltet und keiner von beiden Parteien zu helfen brauchtet, zurückgewiesen! Wen träfe nun der Haß aller Hellenen gerechter als euch, die ihr zum Verderben jener eure Tapferkeit gezeigt habt? Und wenn ihr einmal Bravheit an den Tag gelegt habt, wie ihr sagt, so habt ihr jetzt gezeigt, daß das nicht eure eigentliche Natur war; wonach aber diese immer begehrte, das ist nun in seiner wahren Gestalt an's Licht gebracht; denn ihr seid mit den Athenern den Weg der Ungerechtigkeit gewandelt. Was es mit unserer unfreiwilligen Perser- und eurer freiwilligen Athenerfreundfchaft für eine Bewandtniß hat, haben wir hiemit dargethan."
- 3.65.1
„Was nun unser letztes Unrecht gegen euch betrifft, daß ihr nämlich sagt, wir seien wider alles Recht mitten im Frieden und zur Zeit des Neumondfestes gegen eure Stadt gezogen, so glauben wir auch hierin nicht schuldiger zu sein als ihr selbst. Sind wir aus eigenem Antriebe fechtend gegen eure Stadt gerückt und haben, wie Feinde zu thun pflegen, euer Land verwüstet, so sind wir schuldig; wenn aber Männer, die durch Reichthum und Geschlecht unter euch die ersten waren, in der Absicht, euch von dem auswärtigen Waffenbündniß abzubringen und zum gemeinsamen Bunde der Gesammtböoten zurückzuführen, uns aus freiem Antrieb ihrerseits herbeigernsen haben, worin besteht dann unser Unrecht? Da ist doch die Schuld eher auf Seiten der Führer als bei denen, die nur folgen. In der That aber haben nach unserem Urtheil weder jene gefehlt, noch auch wir. Sie waren Bürger so gut als ihr und haben mehr als ihr auf's Spiel gesetzt, als sie uns die Thore öffneten. Und indem sie uns in freundlicher , nicht in feindlicher Absicht in eure Stadt brachten, wollten sie nur die Schlechteren unter euch hindern, noch schlechter zu werden, und die Besseren in die verdienten Rechte einsetzen. Sie wollten eure Einsicht zur Vernunft lenken und die Stadt keineswegs ihrer Bürger berauben, sondern sie nur der eigenen Stammverwandtshcaft zurückgeben und euch mit Niemanden verfeinden, sondern mit allen Parteien gleich freundlich stellen."
- 3.66.1
„Daß wir aber nicht als Feinde aufgetreten sind, zeigt unser Benehmen: Nicht nur daß wir Niemanden ein Leids angethan, haben wir vielmehr von vorn herein verkündet, wer eine Staatsverfassung nach der väterlichen Weise aller Böotier wolle, der möge zu uns treten. Ihr fügtet euch dem auch ganz willig, gingt einen Vergleich mit uns ein und verhieltet euch anfangs ruhig; dann aber, als ihr merktet, daß unser nur Wenige seien, da, anstatt Gleiches mit Gleichem zu vergelten — obgleich unser Verfahren allerdings etwas aufdringlich war, da wir nicht mit Bewilligung der Menge in die Stadt gekommen waren — und anstatt uns gütlich zum Abzug zu bereden, seid ihr plötzlich zu Thätlichkeiten geschritten, habt uns dem Vergleiche zuwider angegriffen und im Handgemenge Viele von uns getödtet. Und das könnten wir noch leichter vershcmerzen, denn jene haben in gewissem Sinne Gerechtes erlitten. Daß ihr aber die Andern, welche die Hände flehend emporstreckten und die ihr auch gefangen nahmt, eurem Versprechen, Keinen mehr zu tödten, zum Trotz hinterdrein dennoch hingerichtet habt, ist das nicht eine gottlose That? Und damit habt ihr euch in einer kurzen Spanne Zeit dreifach verfehlt, durch den Bruch des Vergleichs, durch die nachherige Hinrichtung der Männer, und dann, weil ihr uns mit dem Versprechen hintergangen habt, sie nicht tödten zu wollen, wenn wir euch an eurem Besitz auf dem Lande nicht schädigten. Und trotzdem behauptet ihr noch, wir seien die Schuldigen, und verlangt, für euer Theil, von aller Sühne losgesprochen zu werden. Nein, das wird nicht geschehen, wenn anders diese Männer hier ein gerechtes Urtheil fällen. Ihr sollt für Alles zumal büßen."
- 3.67.1
„Ueber diese Dinge, ihr Lakedämonier, haben wir uns deßhalb und sowohl euret- als unsertwegen ausgelassen, damit ihr wisset, daß ihr sie mit vollem Recht zum Tode verurtheilen werdet, und daß wir mit noch heiligerem Rechte Rache an ihnen gesucht haben. Laßt euer Ohr nicht rühren durch Tugenden einer vergangenen Zeit, wenn dergleichen je wirklich vorhanden waren. Solche sollen den Bedrückten zu Statten kommen, denen aber, die schändlich handeln, müssen sie Verdoppelung der Strafe wirken, weil sie sich in einer Weise vergangen haben, wie es ihrer Art nicht geziemte. Auch ihr Winseln und Wehklagen darf ihnen nichts nützen, noch daß sie ein Geschrei anheben von den Gräbern eurer Väter und der Verödung ihrer Stadt. Wir weisen dagegen auf die Blüthe unserer Bürger hin, die viel Schrecklicheres leiden und von der Hand dieser den Tod nehmen mußten. Das waren diejenigen, deren Väter theils bei Koronea fielen, indem sie Böotien euch zubrachten, theils nun, alt und verlassen im verödeten Haus, mit viel mehr Recht euch flehend nahen, ihnen an diesen hier Rache zu, schaffen. Des Mitleids sind würdiger die, welche Unverdientes leiden mußten; wen aber die Gerechtigkeit schlägt, wie diese hier, verdient im Gegentheil eher, daß man sich darüber freue. Ihre jetzige Verlassenheit haben sie nur sich selbst zuzuschreiben; denn sie haben freiwillig die besseren Bundesgenossen von sich gestoßen. Ohne vorher beleidigt zu sein, haben sie widerrechtlich gegen uns gehandelt und dabei mehr ihrem Hasse als der Billigkeit Gehör gegeben, so daß ihre Strafe jetzt kaum ihrem Verbrechen gleichkommen wird. Denn sie werden nach dem Gesetze leiden und nicht, wie sie sagen, als solche, die im Kampfe die Hände flehend emporgehoben, sondern die sich unter der Bedingung ergeben haben, nach dem Gesetze gerichtet zu werden. Schaffet nun auch, ihr Lakedämonier, Sühnung dem Gesetze der Hellenen, das von diesen übertreten wurde, und uns, die wir wider alles Recht gelitten, stattet den schuldigen Tank ab für den Eifer, den wir gezeigt haben. Laßt unsere Sache in eurem Urtheil nicht durch dieser Leute Redekünste aus dem Feld schlagen, sondern gebt den Hellenen ein Beispiel, daß ihr nicht Wettkämpfe der Worte wollt, sondern die Thaten. Sind diese brav, so genügt kurze Meldung, faulen Thaten freilich müssen kunstvoll geschlungene Reden einen Schleier umhängen. Wenn ihr aber als Häupter des Bundes, wie jetzt, so in jedem Falle euer Urtheil nach den entscheidenden Thatsachen kurz fällt, so wird es Einer künftig eher bleiben lassen, zur Beschönigung ungerechter Thaten schöne Worte zu suchen."
- 3.68.1
So redeten die Thebaner. Die Lakedämonier aber als Richter glaubten, sie hätten die Frage bereits richtig gestellt, ob sie nämlich während der Dauer dieses Krieges irgend einen Dienst von jenen erfahren hätten — weil sie nämlich schon in der Zeit vor diesem Kriege das Ersuchen an sie gestellt hätten, sich gemäß dem Bunde, den Pausanias nach der Besiegung der Meder mit ihnen geschlossen hatte, ruhig zu verhalten, und weil jene auch später die Anträge, die ihnen vor der Einschließung ihrer Stadt gemacht wurden, nämlich sich jenem Bunde gemäß neutral zu verhalten, nicht angenommen hätten. Demnahc glaubten die Lakedämonier, daß jene wegen Nichterfüllung dieser gere chten Forderung schon nicht mehr als Verbündete zu betrachten seien und überdies; ihnen bereits Schaden zugefügt hätten. Sie ließen also jeden einzeln vorführen und fragten ihn nochmals, ob er den Lakedämoniern und ihren Bundesgenossen während dieses Krieges irgend einen Dienst erwiesen habe, und wie er dieß verneinte, wurde er abseits geführt und hingerichtet. Verschont aber wurde nicht Einer. So starben von den Platäern selbst nicht weniger als zweihundert und dazu sünsuudzwanzig Athener, welche die Belagerung mit ausgehalten hatten; die Weiber verkauften sie als Sklavinnen. Die Stadt selbst gaben die Thebaner ungefähr ein Jahr lang Bürgern von Megara-^) zu bewohnen, die in Folge innerer Zwiste waren ausgetrieben worden, wie auch denjenigen Platäern, die zu ihrer Partei gehalten und noch am Leben waren. Später aber machten sie die ganze Stadt dem Boden gleich und bauten neben dem Tempel der Hera eine Her- berge von zweihundert Fuß Länge, rings herum und unten und oben mit Gemächern, und verwendeten dazu die Dächer und Thürpfosten der Platäer. Von dem Uebrigen, was sich an Erz und Eisen in der Stadt fand, machten sie Ruhebetten und weihten sie der Hera und bauten dieser auch einen steinernen Tempel von hundert Fuß Länge. Grund und Boden erklärten sie für Gemeindeland und verpachteten es auf zehn Jahre, wovon der Nutzen den Thebanern zufiel. Wie denn wohl auch überhaupt der Thebaner wegen sich die Lakedämonier so hart gegen die Platäer gezeigt haben, weil sie glaubten, jene würden ihnen in dem gegenwärtigen Kriege von Nutzen sein. Dieß Ende nahm es mit Platäa im drei und neunzigsten Jahre, seitdem sie Bundesgenossen der Athener geworden waren (519 v. Chr. G.)>
- 3.69.1
Die vierzig Schiffe der Peloponnesier indessen, welche den Lesbiern zu Hülfe gekommen waren, wurden damals auf ihrer Flucht auf der hohen See von einzelnen athenischen Schiffen verfolgt. Dann trieb sie ein Sturm an die Küste von Kreta und von hier gelangten sie einzeln nach dem Peloponnes, wo sie bei Kyllene dreizehn Dreiruderer der Leukadier und Amprakioten antrafen und dabei des TelliZ Sohn Brasidas, der dem Alkidas als Mitberather an die Seite gegeben, worden war. Als die Lakedämonier nämlich ihre Unternehmung auf Lesbos gescheitert sahen, so wollten sie ihre Flotte vermehren und nach dem von innern Unruhen heimgesuchten Kerkyra segeln, da die Athener nur mit 12 Schiffen bei Naupaktos standen; und sie wollten sich damit beeilen, damit nicht früher noch eine athenische Flotte zu Hülfe kommen könnte. Und hiezu nun rüsteten Brasidas und Alkidas.
- 3.70.1
Die Kerkyräer nämlich waren unter sich uneins geworden, nachdem die in den Seeschlachten wegen Epidamnos gemachten Kriegsgefangenen wieder zurückgekommen waren, freigegeben von den Korinthern , wie es hieß, weil sich die Staatsgastfreunde mit einer Summe von achthundert Talenten für sie verbürgt hätten, in der That aber, weil sie sich von den Korinthern hatten bereden lassen, ihnen Kerkyra wieder zuzuwenden. Und in diesem Sinne wirken sie auch, indem sie die einzelnen Bürger angingen, um sie zum Abfall von den Athenern zu bereden. Als nun sowohl ein attisches, als auch ein korinthisches Schiff Gesandte brachten und diese redend aufgetreten waren, so beschlossen die Kerkyräer, den Athenern zwar dem Vertrage gemäß Bundesgenossen zu bleiben, sich aber auch zu den Peloponnesiern so freundlich zu stellen, wie früher. Nun war dort Peithias, der aus eigenem Antrieb Gastfreund der Athener geworden war und damals zu den Volksvorstehern gehörte. Den führten jene Männer vor Gericht, indem sie behaupteten, er wolle Kerkyra den Athenern unterthänig machen. Er wurde aber freigesprochen und stellte nun seinerseits die fünf reichsten unter jenen Männern vor Gericht, mit der Beschuldigung, daß sie aus dem heiligen Haine des Zeus und des Alkinoos Wein- pfähle gehauen hätten. Jeder Pfahl aber sollte nach dem Gesetz mit einem Stater gebüßt werden. Als nun jene verurtheilt' wurden und wegen der hohen Strafsumme sich als Schutzflehcnde in die Heiligthümer begaben, um zu erlangen, daß sie in selbstgewählten Fristen abzahlen dürften, so setzte es Peithias durch, daß nach der Strenge des Gesetzes verfahren werden sollte, denn er saß auch mit im Rathe. Nach dem Buchstaben des Gesetzes aber durfte ihnen dieß nicht erlaubt werden, und als sie nun auch erfuhren, daß Peithias, so lange er noch im Rathe sitze, das Volk dahin stimmen wolle, der Athener Freunde und Feinde auch für ihre Freunde und Feinde zu erklären, so ermannten sie sich, drangen mit Dolchen bewaffnet plötzlich in die Rathsver« sammlung und stießen den Peithias nebst andern Rathsherrn, wie auch einige sechzig Bürger nieder. Einige wenige von der Partei des Pei» < thias flüchteten sich auf den attischen Dreiruderer, der noch im Hafen lag.
- 3.71.1
Nachdem jene diese That verübt hatten, riefen sie die Kerkyräer zusammen und hielten ihnen vor, daß das der beste Zustand für sie sei und daß sie so am wenigsten Gefahr liefen, in athenische Knechtschaft zu gerathen: für die Zukunft sollten sie keine der beiden kriegführenden Parteien bei sich aufnehmen, außer wenn sie mir mit einem Schiffe kämen und sich ruhig verhielten; wer mit größerer Macht käme, der solle als Feind behandelt werden. Nachdem sie in diesem Sinne gesprochen, nöthigten sie sie auch, ihren Vorschlag zum Beschlusse zu erheben. Sogleich schickten sie aber auch nach Athen Gesandte, welche theils über das Vorgefallene einen Bericht erstatten sollten, so wie ihn ihr Vortheil erheischte, theils auch die dorthin Geflüchteten überreden, nichts Feindliches zu unternehmen, damit nicht neues Unheil über die Stadt komme.
- 3.72.1
Als diese nun angekommen waren, so nahmen die Athener wie die Gesandten selbst, so auch diejenigen, welche sich von ihnen hatten umstimmen lassen, als Aufrührer fest und brachten sie nach Aegina. Unterdessen machten sich die, welche in Kerkyra die Oberhand behaupteten, die Ankunft eines korinthischen Dreiruderers und lakedämonischer Gesandten zu Nutz, fielen über die Volkspartei her und besiegten sie im Kampfe. Mit Einbruch der Nacht aber zog sich das Volk nach der Burg und den hoch gelegenen Theilen der Stadt, sammelte sich daselbst und setzte sich fest, bemächtigte sich auch des hylläischen Hafens. Jene aber hielten den Markt besetzt, wo auch die Mehrzahl von ihnen wohnte, und den anstoßenden Hafen, der gegen das Festland zu liegt.
- 3.73.1
Des folgenden Tags fanden einige Plänkeleien Statt, während beide Theile auf dem Lande umherschickten, um die Sklaven durch Verheißung der Freiheit auf ihre Seite zu bringen. Die Mehrzahl der Sklaven nun trat auf die Seite des Volks, hingegen stießen zu jenen achthundert Mann Hülfsvölker vom Festlande.
- 3.74.1
Ein Tag verging dazwischen ruhig, dann erhob sich wieder der Kamps und es siegte das Volk, weil es durch seine Stellung stärker und auch an Menge überlegen war. Auch die Weiber halfen bei . ihnen tapfer mit, denn sie warfen von den Häusern herab mit Ziegelsteinen und hinten den Lärm ganz wider die weibliche Natur muthig aus. Als aber am späten Abend die Gegner weichen mußten, so fürchteten diese in ihrer Minderzahl, das Volk möchte im ersten Anlauf sich des Schiffswerftes bemächtigen, ihnen auf den Leib rücken und sie alle niederhauen, und darum steckten sie die Familienhäuser rings um den Markt her und die Zinshäuser in Brand, damit jenen der Weg versperrt sei, und sie schonten dabei weder eigenes, noch fremdes Gut, so daß auch viele Waaren der Kaufleute mit verbrannten und die ganze Stadt Gefahr lief, in Asche gelegt zu werden, hätte sich ein Wind erhoben, der die Flamme gegen die Stadtseite hintrieb. Nach Beendigung des Kampfes überließen sich beide Theile der Ruhe und blieben die Nacht über auf ihrer Hut. Das korinthische Schiff aber machte sich, da das Volk gesiegt hatte, in der Stille davon, und auch die Mehrzahl der Hülfsvölker setzte unbemerkt nach dem Festlande über.
- 3.75.1
Des folgenden Tags kam Nikostratos, des Diitrephes Sohn, der Athener Feldherr, von Naupaktos aus zu Hülse mit zwölf Schiffen und fünfhundert meffenifchen Schwerbewaffneten. Dieser suchte einen Vergleich zwischen ihnen zu Stande zu bringen und überredete sie, sich unter einander dahin zu einigen, daß sie die zehn schuldigsten Männer, die ohnedieß schon geflüchtet waren, verurtheilen, sonst aber sich unter einander verpflichten wollten, jeden andern ruhig da wohnen zu lassen, und gegen die Athener Feind und Freund mit ihnen gemeinsam zu haben. Da er dieß nun zu Wege gebracht hatte, so wollte er wiederum absegeln; aber die Vorsteher des Volkes beredeten ihn, von seinen eigenen Schiffen ihnen fünf da zu lassen, damit sich die Gegner um so weniger rühren möchten; sie wollten ihm dafür eben so viel von ihren eigenen bemannen und mitgeben. Als er nun seine Einwilligung gab, so wählten sie die Bemannung der Schiffe auS ihren Gegnern. Diese fürchteten jedoch, sie möchten nach Athen geschickt werden, und setzten sich als Schutzflehende in den Tempel der Dioskuren. Nikostratos hieß sie aufstehen und gutes Muthes sein, da sie sich aber nicht zureden ließen, so griff das Volk zu den Waffen mit dem Vorwand, daß sie nichts Gutes im Sinne haben könnten, wenn sie sich so mißtrauisch weigerten, mitzusegeln. Sie nahmen ihnen ihre eigenen Waffen aus den Hänsern weg, und würden auch Einige von ihnen, die ihnen grade unterkamen, getödtet haben, hätte nicht Niko- stratos dem gewehrt. Da nun me Uebrigen sahen, was geschah, so nahmen sie ihre Zuflucht zum Tempel der Hera als Schutzflehende, und eS waren deren nicht weniger als vierhundert. Das Volk fürchtete aber, sie möchten irgend ein Unheil anrichten, brachte sie durch glückliches Zureden aus dem Tempel und schaffte sie auf die Insel, welche vor dem Heratempel liegt, wohin ihnen auch alles Nöthige geschickt wurde.
- 3.76.1
Bis zu diesem Grade war der Bürgerzwist gestiegen, da erschienen am vierten oder fünften Tage, nachdem jene Männer auf die Insel gebracht worden waren, die Schiffe der Peloponnesier von Kyllene, welche seit ihrer Abfahrt von Jonien daselbst vor Anker gelegen waren, drei und fünfzig an der Zahl. Alkidas befehligte dieselben, wie auch früher, und Brasidas schiffte als Rathgeber mit. Im Hafen von Sybota am Festlande legten sie bei und segelten dann mit Tagesanbruch auf Kerkyra los.
- 3.77.1
Dort nun waren Alle in der größten Bestürzung, da sie ebenso sehr die Gegenpartei in der Stadt, wie auch den ansegelnden Feind zu fürchten hatten. Gleichwohl machten sie sechzig Schiffe seefertig und ließen sie gegen den Feind auslaufen, so wie immer eines nach dem andern bemannt war, obgleich die Athener ihnen riethen, sie selbst zuerst auslaufen zu lassen und dann mit allen Schiffen zusammen nachzukommen. So wie nun ihre Schiffe sich dem Feinde vereinzelt näherten, gingen sogleich zwei zu ihm über, auf andern ge-rieth die Bemannung unter einander in Streit, und nirgends geschah etwas nach der Ordnung. Da nun die Peloponnesier die Verwirrung sahen, so stellten sie zwanzig von ihren Schiffen gegen die Kerkyräer aus und wandten sich mit den übrigen gegen die zwölf Schiffe der Athener, unter denen auch die „Salaminia" und die „Paralos" waren.
- 3.78.1
Die Kerkyrärer nun, welche ungeschickt und in kleinen Abtheilungen angriffen, geriethen auf ihrer Seite sehr in's Gedränge. Die Athener aber, welche die Ueberzahl und Umzingelung fürchteten, griffen nicht in geschlossenem Geschwader an, noch auch faßten sie die feindliche Lchiffsaufstellung in der Mitte, sondern fielen den Flügel an und versenkten ein Schiff. Und als dann jene einen Kreis geschlos- . sen hatten, umruderten sie denselben und suchten ihn in Verwirrung zu bringen. Da dieß diejenigen gewahr wurden, die den Kerkyräern gegenüberstanden, so fürchteten sie, es möchte gehen wie bei Naupaktos, und eilten zur Hülfe herbei, und so ruderte nun die gesammte Flotte auf die Atheuer los. Diese ruderten nun rückwärts ohne umzuwenden ^ >) und waren zugleich bedacht, daß die Schiffe der Kerkyräer auf ihrer Flucht einen möglichst großen Vorsprung gewännen, während sie selbst langsam zurückwichen und sämmtliche Gegner gegen sie gewendet wären.
- 3.79.1
Mit diesem Verlaufe endete die Seeschlacht gegen Sonnenuntergang. Die Kerkyräer nun, aus Furcht, die Feinde möchten als Sieger gegen die Stadt heransegeln und die Leute von der Insel aufnehmen oder ihnen sonst einen Streich spielen, brachten jene von der Insel wieder in das Heraheiligthum und bewachten ihre Stadt wohl. Der Feind wagte es jedoch nicht, gegen die Stadt anzurudern, sondern begnügte sich mit den dreizehn kerkyräischen Schiffen und fuhr nach der Gegend des Festlands zurück, woher sie ausgelaufen waren ^Sybota). Am folgenden Tage wagten sie eben so wenig die Fahrt gegen die Stadt, obgleich dort große Verwirrung und Furcht herrschte und auch Brasidas, wie erzählt wird, dazu aufforderte. Seine Stimme hatte jedoch nicht gleiche Geltung mit der des Alkidas ^). Sie machten dafür eine Landung beim Vorgebirge Leukimne und verwüsteten das Land.
- 3.80.1
Unterdessen war das Volk zu Kerkyra in äußerster Furcht, die Schiffe möchten heransegeln, und ließen sich deßhalb mit den Schutzflehenden und den übrigen (Vornehmen) in Verhandlungen ein, wie die Stadt gerettet werden könnte. Auch überredeten sie wirklich einige derselben, mit ihnen die Schiffe zu besteigen; sie hatten nämlich indessen gleichwohl dreißig Segel bemannt. Die Peloponnesier aber fuhren wieder davon, nachdem sie bis um die Mittagszeit das Land verwüstet hatten, und gegen Einbruch der Nacht wurde ihnen durch Feuerzeichen gemeldet, daß sechzig athenische Schiffe von Leukas an segelten. Diese hatten nämlich die Athener auf die Nachricht von dem Aufstande und das; die Schiffe unter Alkidas die Bestimmung gegen Kerkyra hätten, unter Anführung des Eurymedon, des Thukles' Sohn, abgesandt.
- 3.81.1
Die Peloponnesier nun machten sich trotz der Nacht allsogleich auf die Rückfahrt nach Hause, indem sie an der Küste hinruderten, und kamen auch glücklich an, nachdem sie bei Leukas ihre Schiffe über die Landenge hatten bringen lassen, um nicht bei der Umschiffnng derselben entdeckt zu werden. Die Kerkyräer aber, als sie das Ansegeln der attischen Schiffe und die Flucht der feindlichen wahrnahmen, zogen sogleich die Messenier in die Stadt, welche früher außerhalb gelagert hatten, befahlen die Schiffe, welche sie bemannt hatten, nach dem Hylläischen Hafen hinüber zu führen, und tödteten auf dieser Fahrt wen sie von ihren Feinden trafen. Auch diejenigen, welche sie die Schiffe zu besteigen beredet hatten, schifften sie aus und tödteten sie, dann drangen sie in das Heraheiligthum und überredeten ungefähr fünfzig der Schutzflehenden, sich dem gesetzlichen Spruche zu unterwerfen , und verurtheilten sie dann Alle zum Tod. Die Mehrzahl der Schutzflehenden aber, die sich nicht hatten bereden lassen, als sie sahen, was geschah, tödteten sich im Heiligthum selbst Einer den Andern; Einige erhängten sich an den Bäumen, die Andern nahmen sich das Leben, wie sie eben konnten. Und die sieben Tage hindurch, welche Eurymedon seit seiner Ankunft mit den sechzig Schiffen dort stehen blieb, mordeten so die Kerkyräer diejenigen unter ihren Mitbürgern, die sie für ihre Feinde hielten, indem sie ihnen Schuld gaben, daß sie Staatsfeinde seien; Mancher fand aber auch den Tod aus Privathaß und wieder Andere durch ihre Schuldner, die von ihnen Geld entlehnt hatten. Da war jegliche Todesart zu sehen, und was sonst bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt, das kam Alles auch hier vor und wurde noch überboten. Denn der Vater tödtete den Sohn, und von den Altären wurden die Menschen weggerissen und neben ihnen geschlachtet. Einige sogar wurden im Heiligthum des Dionysos eingemauert und fanden so ihren Tod. Bis zu solcher Grausamkeit verstieg sich die Parteiwuth, und der Eindruck war um so furchtbarer, weil es einer der ersten Fälle der Art war.
- 3.82.1
Denn später wurde, so zu sagen, das ganze Hellenenthum in Ausregung versetzt, da überall Zerwürfniß herrschte und die Häupter der Volkspartei die Athener herbeizuführen strebten, die Vornehmen aber die Lakedämonier. Und wenn sie bei Fortdauer des -Friedens auch weder Veranlassung noch Neigung gehabt haben würden, jene herbeizurufen, so doch jetzt, wo beide in Krieg verwickelt waren. Und weil jede der kriegführenden Parteien, wie zur Schwächung des Gegners so zur eigenen Verstärkung Bundesgenossen wünschte, so war es denen, welche in den Städten Neuerungen wünschten, leicht, die Zusendung von Hülfstruppen zu erwirken. Und in diesem Ansruhr trafen die einzelnen Städte viele schwere Ereignisse, wie sie noch vorkommen und immer vorkommen werden, so lange die menschliche Natur dieselbe ist, bald härter, bald gelinder, und verschieden an Art, je nachdem die äußeren Zufälle wechseln. Denn im Frieden und unter bequemen Verhältnissen pflegen die Staaten sowohl wie die Bürger vernünftigere Gesinnung zu hegen, weil die gebieterische Nothwendigkeit sie noch nicht angefallen hat; der Krieg aber, der die gewohnte alltägliche Gemächlichkeit entzieht, ist ein gewaltsamer Lehrmeister und stimmt die Leidenschaften der Menge nach der jeweiligen Beschaffenbeit der Laae.
- 3.82.2
So herrschte also Zerwürfniß in den Städten, und wo solches erst später eintrat, da brachte die Kunde von dem, was anderwärts bereits früher geschehen war, ein höheres Maß der Verderbtheit der Gesinnung zu Wege, wie sie sich in der Verschmitztheit persönlicher Angriffe und in unerhörter Art der Rache zeigte. Ja sogar die gewohnte Bedeutung der Worte, wie sie zur Würdigung der Thaten dienen, änderte man nach Belieben. Tobsüchtige Verwegenheit galt als treufreundliche Tapferkeit; in wohlüberlegter Bedächtigkeit sah man Beschönigung der Feigheit, und besonnenes Maßhalten erschien als Vorwand der Unmännlichkeit, und wer überall vernünftig handeln wollte, galt überall als schlafsüchtig; für ein Stück Männlichkeit aber hielt man es, wenn Einer aufbrauste wie ein Wahnsinniger. Wer vorsichtig mit sich zu Rathe gehen wollte, schien nur einen anständigen Vorwand zu suchen, sich ganz aus der Sache zu ziehen. Wer recht schimpfen konnte, der galt überall als ein zuverlässiger Mann, wer ihm aber widersprach, der wurde verdächtig. Hatte Einer den Andern listig zu Fall gebracht, so galt er für klug, für noch tüchtiger aber - der, reicher rechtzeitig Lunte gerochen hatte. Wer aber von vorn herein seine Sache so gestellt Halle, deß er nichts dergleichen bedürfte, i von dem hieß es, er störe die Freundschaft -und fürchte die Gegner. Ueberhauvt wurde den: Beifall geschenkt, der den: Andern zuror^m, wenn dieser ihn: einen Sn^eich svielen sollte, und der Andere eben dazu aufstachelte, die keine seine Rase hauen. P^arteigenoisenschasi nxir ein engeres Band, als Verrvandtshc^st, n?ei! jene bereite: war, rücksichtslos mitzurvagen- denn nicht zum Schirm der Gesetze wurden dergleichen Verbindungen eingegangen, sondern zum eigenen Vortheil aus Kosten der bestehenden Einrichtungen, und an die Eide, die sie unter einander geleistet, banden sie sich nich: sowohl an- Scheu ro: den: göttlichen Gesetz, als vielmehr im Beivußtsein gemeinsamer Verbrechen.
- 3.82.3
Von feindlicher Seite nahn: man versöhnliche Antrage an, n?enn jene etnxi in: Vortheil waren und man thaisächlich gegen sie gedeckt wurde, aber nicht ans Vertrauen und Großmuth. Hinterher Rache zu nehmen galt mehr als sich vorher vor Leid geschützt zu haben. Versöhnungseide , wenn sie et^ann vorkamen, galten nur für den Augenblick, als von beiden Seiten nur im Zwange der Umstände gegeben, und nur so lange, als kein Zuivach- an Mach: andersn-oher kommen r?oll:e. Wem aber die Gunst des Augenblicks zuerst mieder größeres Vertrauen auf seine Kraft gab, der nahm, wenn er den Gegner ungedeckt sand, gerade seines Vertrauens wegen. mit viel größerer Lust an ihm Rache, als im offenen Kampfe, und er bedcch:e dabei nicht minder die größere Sicherheit des Gelingens, als das Lob der Klugheit, das ihm als Sieger durch List zu Theil würde. Lassen sich doch die meisten Menschen viel liebe? gewiegte Schelme nennen, als gutmüthig und einfältig, denn dieses Lobes schämen sie sich, mit jenem aber thun sie groß.
- 3.82.4
Von Allem dem aber lag die Schuld in dem habsüchtigen und ehrgeizigen Regiment und in Folge deisen in dem leidenschaftlichen Eifer der Männer, die sich in die Kämpfe der Ehrsucht eingelassen hatten. Denn die Regierungshäupler in den einzelnen Städten, und zwar von beiden Parteien, indem sie der Sache einen schönen Hainen gaben, jenachdem sie und der bürgerlichen Gleichheit des ganzen Volkes, oder einer maßvollen Staatslenkung der Vornehmen den Vorzug schenkten, schienen nur die Hebung des Gemeinwohls zum Preise ihres Wettkampfs zu machen, in der That aber rangen sie nur auf jede Weise Einer des Andern Meister zu werden, indem sie dabei die äußersten Mittel wagten nnd sich einander mit immer empfindlicheren Strafen belegten, die sie nicht nach der Gerechtigkeit und dem Staatsvortheil abmaßen, sondern nach dem schadenfrohen Belieben der Parteien bestimmten, und so waren sie immer fertig, entweder durch ungerechte Verurtheilung mittels Abstimmung, oder durch das Uebergewicht der Fäuste sich den Sieg zu verschaffen und so für den Augenblick ihr Müthchen zu kühlen. Auf Furcht der Götter sah Niemand mehr, sondern wem es gelingen mochte, durch schönllingende Worte etwas Unerhörtes durchzusetzen, der wuchs dadurch nur an gutem Rufe. Wer aber von den Bürgern es mit keinem Theil hielt, der wurde von beiden tödtlich verfolgt, entweder weil sie im Kampfe nicht zu ihnen standen, oder aus Neid, daß sie allein glücklich davon kommen sollten.
- 3.83.1
So riß jede Art der Lasterhaftigkeit in Folge der Parteikämpfe unter den Hellenen ein, und die Sitteneinfalt, welche am Adel der Gesinnung so großen Theil hat, wurde verlacht und verschwand. Mißtrauischen Sinns feindlich einander entgegenzustehen wurde vorherrschend. Versöhnliche Gesinnung zu wirken, war weder ein Wort zuverlässig, noch ein Eid furchtbar genug. Ueber dergleichen waren Alle in ihrer Denkweise hinaus, so daß sie überhaupt an Treue und ' an Zuverlässigkeit nicht mehr zu glauben wagten, und Alle dachten eher daran, sich selbst vor Schaden zu hüten, als daß sie Einem hätten vertrauen können. Männern geringerer Einsicht blieb gewöhnlich der Sieg. Denn weil sie wegen ihrer eigenen Unzulänglichkeit und der überlegenen Einsicht der Gegner zu fürchten hatten, daß sie selbst, wenn es zum Reden käme, unterliegen würden, und jene bei ihrer Geistesgewandtheit ihnen mit irgend einer List zuvorkommen könnten, so gingen sie rasch entschlossen zu Thätlichkeiten. Jene aber, die in ihrem Hochmuth glaubten, sie würden schon Alles vorhermerken und es bedürfe für sie der Gewaltthat nicht, wo List auch zum Zweck führe, fanden, da sie sich nicht schützten, um so leichter den Untergang ^).
- 3.84.1
Die meisten dieser Thaten nun sind zuletzt in Kerkyra vor- gekommen, und darunter Alles, was nur immer von Solchen, die früher, mehr mit Uebermuth als mit Mäßigung beherrscht wurden, aus Rache geschehen sein mag, wenn Jene Gelegenheit, an ihnen Rache zu nehmen, darboten, — oder was Andere thaten, um langgetragener Armuth sich zu entziehen, oder mehr noch , was Solche widerrechtlich beschlossen, die von leidenschaftlicher Gier nach dem Gute Anderer getrieben werden, — wie auch endlich Solche, die nicht aus Habsucht, sondern bei fast gleichen Vermögensverhältnissen Andere angreifen, und weil sie meist nur durch rohe Leidenschaft hingerissen werden, grausam und erbarmungslos darauf losgehen. Wie für jene Zeit in der Stadt alle Verhältnisse des Lebens zerrüttet waren, so zeigte sich hier recht klar, wie die Natur des Menshcen, die auch sonst gegen die bestehenden Gesetze fehlt, hier aber der Gesetze bereits Meister geworden war, unfähig ist, die Leidenschaft zu beherrschen, sich hinwegsetzend über das, was gerecht ist, und alles Hervorragende anfeindend. Denn sonst würden sie nicht die Rache der Gesetzlichkeit und die Selbftbereicherung der Rechtlichkeit deßhalb vorgezogen haben, weil der bloße Neid unter den jetzigen Umständen die Kraft zu schaden verloren hatte. Die Menschen ziehen es eben vor, die auch durch solche Zustände geltende Gesetze, welche ja auch ihnen selbst für den Fall des Unterliegens Hoffnung auf Rettung gewähren, aufzuheben, um nur an Andern ihre Rachsucht zu befriedigen, und sie lieber nicht bestehen zu lassen, auch für den Fall, daß sie selbst einmal in Gefahr gerathen und ihres Schutzes bedürfen könnten*). , .
- 3.85.1
Das also war der erste Ausbruch der Leidenschaften, welche die Kerkyräer in der Stadt gegen einander zum Blutvergießen trieben. Eurymedou und seine Athener gingen danach wieder mit den Schiffen unter Segel. Später aber nahmen die Flüchtlinge der Kerkyräer — denn es hatten sich ihrer gegen Fünfhundert gerettet — einige ver schanzte Werke auf dem Festlande weg und machten sich zum Herrn des der Insel gegenüber liegenden und ihr zugehörigen Landes, und von hier aus unternahmen sie dann Raubzüge gegen die Insel und richteten großen Schaden an; so daß auch in der Stadt eine große Hungersnoth entstand. Auch schickten sie Gesandte nach Lakedämon und nach Korinth und baten, sie in die Heimath zurückzuführen. Da sie aber hier Nichts ausrichteten, so verschafften sie sich nach einiger Zeit Schiffe und Hülfstruppen und setzten nach der Insel über, in Allem ungefähr sechshundert Mann stark, und nachdem sie die Schiffe verbrannt hatten, damit ihnen jede andere Hoffnung, als die in der Eroberung'des Landes für sie lag, abgeschnitten sei, erstiegen sie den Berg Jstone, erbauten daselbst eine Verschanzung und fügten von hier aus denen in der Stadt großen Schaden zu und machten sich zu Herren des offenen Landes.
- 3.86.1
Gegen Ende desselbigen Sommers sandten die Athener zwanzig Schiffe nach Sicilien unter Anführung des Laches, des Sohnes Melanopos', und des Charöades, des Euphiletes' Sohn. Die Syrakufaner nämlich und die Leontiner waren unter einander im Kriege begriffen. Es standen aber auf Seiten der Syrakufaner außer den Kamarinäern alle anderen dorifchen Städte, welche schon von vorn herein beim Beginn des Krieges zur lakedämonischen Bundesgenossenschaft getreten waren, jedoch sich nicht am Kampfe betheiligt hatten; den Leontinern halfen die chalkidischen Städte und Kamarina. Vom italischen Festland waren'die lokrer Bundesgenossen der Syrakusaner, die Rheginer hingegen standen der Blutsverwandtschast wegen bei den Leontinern. Die leontinische Bundesgenossenschaft nun schickte nach Athen und mit Berufung auf ihren alten Waffenbund, und weil sie auch Jonier seien, überredeten sie die Athener, ihnen eine Flotte zu senden; denn die Syrakusaner hatten ihnen Land und See abgesperrt. Die'Athener sandten denn auch die Schiffe ab, indem sie die Verwandtschaft zum Vorwande nahmen, in der That aber, weil sie weitere Zufuhr von Lebensmitteln von dort aus nach dem Peloponnes verhindern und einen Vorversuch machen wollten, ob es vielleicht möglich-wäre, Sicilien in Abhängigkeit von sich zu bringen. Nachdem sie sich nun in Rhegium auf dem italischen Festland festge setzt hatten, führten sie von hier aus den Krieg sammt ihren Bundes- genossen 44). So ging der Sommer zu Ende.
- 3.87.1
Im folgenden Winter kam die Seuche zum zweiten Mal über die Athener. Ganz hatte sie zwar nie aufgehört, jedoch war eine Art Stillstand eingetreten. Das zweite Mal dauerte sie nicht weniger als ein Jahr. Das erste Mal aber hatte sie gar zwei Jahre gewährt, so daß nichts Anderes die Macht der Athener mehr geschwächt hat. Denn von den im Kriege verwendeten Truppen starben daran nicht weniger als viertausend vierhundert Schwerbewaffnete und dreihundert Reiter, des übrigen Volks aber eine unzählige Menge. Damals fanden auch die vielen Erdbeben statt, in Athen, auf Euböa und in Böotien, sonderlich aber im böotischen Orchomenos.
- 3.88.1
^n demselben Winter segelten die Athener in Sicilien und die Rheginer mit dreißig Schiffen gegen die Inseln, die des Aeolo s heißen ^); denn zur Sommerszeit war es wegen der seichten Anfuhr nicht möglich, sie anzugreifen. Es bebauen dieselben Liparäer, Absendlinge der Knidier, und sie wohnen nur auf einer dieser Inseln, die auch nicht eben groß ist und Lipara genannt wird. Den Anbau der andern Inseln, Didyme und Strongyle und Hiera, betreiben sie von dieser aus. Die Leute dort glauben, daß Hephästos auf Hiera seine Schmiede habe, weil man in der Nacht einen großen Feuerschein aufsteigen sieht und des Tags über Rauch. Es liegen aber diese Inseln dem Lande der Sicilier und Messenier gegenüber, und sie waren den Syrakusanern verbündet. Als die Athener das Land verwüstet hatten und jene ihnen nicht entgegenrückten, so fuhren sie wieder nach Rheginm zurück. So ging der Winter zu Ende und damit das fünfte Jahr des Krieges, den Thukydides beschrieben hat.
- 3.89.1
Im folgenden Sommer wollten die Peloponnesier und ihre Bundesgenossen wieder in Attika einfallen und waren schon unter Führung deZ Lakedämonierkönigs Agis, des Sohnes Archidamos; bis zum Jsthmos gekommen; da aber viele Erdstöße eintraten, so wen- deten sie wieder um und der Einfall fand nicht statt. Um eben die-, selbe Zeit, da die Erde erbebte, drang in Enböa bei Orobiä das Meer von der damaligen Küste landeinwärts, und hoch schwellend flnthete es über einen Theil der Stadt und schlang zum Theil die Erde.ein, zum Theil aber kehrte es wieder zurück, und jetzt ist dort an einer Stelle das Meer, wo früher Land war. Auch Menschen verschlang es, Alle, die nicht schnell genug nach den Anhöhen fliehen konnten. Auch bei der Insel Atalante in der Gegend der opuntischen Lokrer geschah eine ähnliche Ueberschwemmnng und riß einen Theil der athe- nischen Verschanzung weg und zerbrach von zwei an das Land gezo- genen Schiffen das eine. Auch bei Peparethos sPalanisi^ zeigte sich ein Zurücktreten des Meeres, aber ohne daß Uebersluthung folgte, und ein Erdstoß warf ein Stück der Stadtmauer um, wie auch das Prytaneum und etliche andere Gebäude. Für die Ursache davon halte ich, daß, wo der Erdstoß am stärksten war, er dort das Meer zurückstaute und dann es plötzlich wieder heranzog und um so gewaltsamer übersluthen ließ. Ohne ein Erdbeben aber glaube ich nicht, daß etwas der Art hätte eintreten können.
- 3.90.1
Zur selbigen Sommerzeit kämpften sowohl die Andern, wie es sich gerade Jedem schickte, als auch auf Sicilien die Sicilianer selbst unter einander und auch die Athener mit ihren Bundesgenossen. Was nun Erwähnenswerthes die Verbündeten mit den Athenern ausführten, oder auch die gegen die Athener fochten, das will ich hier aufzählen. Da Charöades, Feldherr der Athener, damals schon im Kampfe gegen die Syrakusier gefallen war, so zog Laches, der nun den Oberbefehl über sämmtliche Schiffe hatte, mit den Bundesgenossen gegen Mylä, die Stadt der Messenier. Es lagen aber in Mylä zwei Bürgerabtheilungen der Messenier als Besatzung, die denen von den Schiffen auch einen Hinterhalt legten. Die Athener jedoch und die Bundesgenossen schlugen die in dem Hinterhalt in die Flucht, tödteten ihnen viele Leute, und gegen den Wall stürmend nöthigten sie sie vergleichsweise die Burg zu übergeben und mit ihnen gegen Messens zu Felde zu ziehen. Und auch die Messenier, als dann die Athener mit den Verbündeten heranrückten, glichen sich mit ihnen aus, indem sie Geißeln stellten und auch sonst Bürgschaft gewährten.
- 3.91.1
In demselben Sommer schickten die Athener dreißig Schiffe nach dem Peloponnes, auf denen befehligten Demosthenes, Sohn des Alkisthenes, und Prokles, des Theodoros Sohn, und sechzig andere Fahrzeuge mit zweitausend Schwerbewaffneten gegen Melos sMilo) ^). Diese führte Nikias, des NikeratoS Sohn. Sie wollten nämlich die Melier, die auf einer Jnfel wohnten und ihnen weder gehorchen noch auch ihrem Waffenbunde beitreten wollten, mit Gewalt zwingen. Da sich diese aber, nachdem ihr Land verwüstet worden, doch nicht fügten, so gingen sie von Melos aus wieder unter Segel und schifften nach Oropos sNordgränze von Attika^s an der jenseitigen Festlands- küste. Dort landeten sie bei Nacht und sogleich marshcirten die Schwergerüsteten von den Schiffen zu Lande gegen Tanagra in Böotien. Die Athener in der Stadt mit gesammter Macht, befehligt von Hip-ponikos, Kallias'Sohn, und Eurymedon, dem Sohne des Thukles, rückten auf ein gegebenes Zeichen auf dem Landwege eben dahin und stießen zu jenen. An diesem Tage schlugen sie ein Lager bei Tanagra 46), verheerten das Land und übernachteten im Lager. Am folgenden Tage schlugen sie in einem Gefechte die gegen sie ausgerückten Leute der Tanagräer, denen auch einige Thebaner zu Hülfe gekommen waren, erbeuteten die Waffen der Gebliebenen nnd stellten ein Siegeszeichen auf. Dennoch zogen sie ab, die Einen nach der Stadt zurück, die Andern auf die Schiffe. Darauf kreuzte Nikias in den Gewässern von Lokris, verwüstete die Küstenstriche und kehrte dann nach Hause zurück.
- 3.92.1
Um diese Zeit gründeten die Lakedämonier im Trachinischen Lande die Ansiedelung Heraklea in der Absicht, wie folgt. Der Melier insgesammt sind drei Stämme: die Paralier, Hiereer und Trachimer. Von diesen wurden die Trachinier durch die gränzanwohnenden Oetäer in kriegerischen Anfällen fast vernichtet und wollten sich nun zuerst unter den Schutz der Athener stellen, dann aber fürchteten sie, diesen doch nicht trauen zu dürfen, und schickten darum nach Lakedämon , zum Gesandten wählend den Tisamenos. Mit ihnen ging auch eine Gesandtschaft der Dorier aus dem spartanischen Mutterlands, mit demselben Anliegen, denn auch sie wurden von den Oetäern hart bedrängt. Als die Lakedämonier sie angehört, faßten sie Beschluß, dort eine Pflanzstadt zu gründen, um den Trachiniern und den Doriern Sicherheit zu vershcaffen. Zugleich schien es ihnen, daß es für den Krieg mit den Athenern sehr passend sei, die Stadt dort anzu legen, denn man könne dort eine Flotte gegen Euböa ausrüsten und auf kurzem Wege überfahren, und man habe dort auch zum eigenen Vortheil den Weg nach Thrakien in der Hand. Kurz, es trieben sie viele Gründe, sich im Lande anzusiedeln. Zuerst nun fragten sie den Gott in Delphi, und da dieser ermunterte, schickten sie Ansiedler aus ihrer eigenen Mitte und aus ihren Beisitzern und forderten auch von den andern Hellenen zum Anschluß auf, wer wolle, ausgenommen die Jonier und Achäer und einige andere Völkerschaften. Als Gründer standen an der Spitze drei Lakedämonier, Leon und Alkidas und Damagon. Die also setzten sich dort fest und gaben der Stadt neue Mauern. Jetzt heißt sie Heraklea und liegt von den Thermopylen ungefähr vierzig Stadien weit ab und vom Meere zwanzig. Schiffswerften legten sie auch an und begannen damit im Engpaß der Thermopylen selbst, damit sie um so leichter zu vertheidigen wären ^).
- 3.93.1
Die Athener nun hatten zuerst große Furcht, als. diese Stadt gegründet wurde, und glaubten, daß ihre Anlage besonders gegen Euböa gerichtet sei, weil die Ueberfahrt nach Kenäon auf Euböa nur kurz ist. Später aber verlief sich das Ganze gegen ihre Befürchtung, denn es geschah von dort aus Nichts Gefährliches. Ursache davon waren die Thessaler, welche die dortigen Plätze in ihrer Gewalt hatten, und die, auf deren Gebiet die Ansiedelung stattfand. Diese fürchteten, ihre neuen Nachbarn da möchten mit großer Kraft unter ihnen auftreten, und darum schädigten sie sie und bekriegten unaufhörlich die neuen Ansiedler, bis sie ganz aufgerieben waren, obwohl ihre Zahl Anfangs sehr groß war; denn da die Lakedämonier als die Gründer dastanden, so trat Jeder voll Zuversicht bei, da er die Zukunft der Stadt gesichert glaubte. Aber auch die Anführer, die von den Lakedämoniern selbst gekommen waren, waren nicht die geringste Ursache, denn sie. verdarben das Ganze und brachten die Einwohner an Zahl herab, weil sie eine Schreckensregierung gegen die Menge führten und kaum irgend eine gute Maßregel trafen, so daß die Umwohner ihrer um so leichter Meister wurden.
- 3.94.1
Im selben Sommer und zu derselben Zeit, als die Athener auf Melos standen, hatten die Athener auf den dreißig Schiffen in den peloponnesischen Gewässern zuerst bei Ellomenos in Leukadien Leute von der Besatzung in einem Hinterhalt erschlagen, dann zogen sie mit größerer Mannschaft gegen Leukas, nämlich mit allen Akarnanern, die mit ihrer Gesammtmacht — nur die Oeniader ausgenommen, — sich angeschlossen hatten, mit den Zakynthiern und Kephalle-nern und fünfzehn Schiffen der Kerkyräer. Die Leukadier nun, da ihr Land außer und inner der Landenge, auf der die Stadt Leukas selbst und das Heiligthum des Apollo liegen, hielten sich ruhig, von der Menge gewältigt, die Akarnaner aber baten Demosthenes, den athenischen Feldherrn, er solle sie durch Verschanzungen absperren, denn sie glaubten, die Eroberung sei leicht und so würden sie einer Stadt ledig, die ihnen immer feindlich gesinnt gewesen. Demosthenes ließ sich aber damals von den Messeniern bereden, weil schon ein so großes Heer versammelt wäre, so schicke es sich ihm, die Aetoler anzugreifen, die Naupaktos' Feinde seien, und wenn er erst über diese gesiegt habe, so könne er leicht auch den Athenern zuwenden, was sonst noch dort das Festland bewohnt. Denn das Volk der Aetoler sei zwar zahlreich und streitbar, aber sie wohnten in offenen Dörfern, die überdies; noch weit von einander lägen, und man habe dort nur leichte Rüstung; so sei es nicht schwer, bewiesen sie, sie zu unterwerfen, bevor sie sich zur Abwehr vereinigt hätten. Zuerst solle er die Apodoter angreifen, dann die Ophioneer und nach diesen die Eurytaner, welche den zahlreichsten Theil der Aetoler ausmachen, aber eine ganz unverständliche Sprache reden und das Fleisch roh'essen, wie behauptet wird.' Seien die erst niedergeworfen, so würden die Andern leicht nachkommen.
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