Geschichte des Peloponnesischen Kriegs
- 2.17.1
Als sie nun in die Stadt zusammenströmten, gab es nur für sehr Wenige Wohnungen oder eine Zuflucht bei Freunden und Verwandten, Die Mehrzahl suchte also ein Unterkommen aus den unbebauten Plätzen der Stadt oder in den Tempeln und Kapellen, allein ausgenommen die Akropolis und das Eleusiuion, und was sonst durchaus abschließbar war. Sogar das Pelasgikon '') am Fuße der Burg, das zu bewohnen ein Fluch verbot, — woraus sich auch die letzte Zeile einer pythischen Weissagung bezieht, deren Worte sind:
- 2.17.2
Besser ist auch, das Pelasgikon bleibt unbewohnt — wurde gleichwohl unter dem Zwange der augenblicklichen Umstände ganz zu Wohnungen verwendet. Mit dieser Weissagung scheint es mir die umgekehrte Bewan'otniß zu haben, als wie man sie auszulegen pflegte. Nicht durch die gesetzwidrige Benützuug zu Wohnungen wurde das Unheil über die Stadt gebracht, sondern durch den Krieg entstand die Nothwendigkeit, das Feld zu Wohnungen zu verwenden. Diesen hat freilich das Orakel nicht genannt: es wußte eben vorher, daß es nie zu einer guten Stunde zu Wohnungen werde benutzt werden können. Viele richteten sich auch in den Thürmen der Stadtmauer ein, und wo sonst grade Einer konnte, denn die Stadt faßte nicht die zusammenströmende Menschenmenge; ja später wurden sogar die langen Mauern und der größere Theil der Mauern des Piräeus zu Wohnungen vertheilt.
- 2.17.3
Zu gleicher Zeit dachte man auch an die Kriegsbereitschaft, zog die Bundesgenossen zusammen und rüstete ein Geschwader von hundert Schiffen zur Unternehmung gegen den Peloponnes. — So stand es hier mit den Rüstungen.
- 2.18.1
Das Heer der Peloponnesier rückte auf seinem Marsche in Attika zuerst vor Oenoe, in welcher Gegend sie den Einfall machen wollten. Dort lagerten sie und trafen Vorbereitungen, um mit Sturmmaschinen und in anderer Art gegen die Befestigungen vorzugehen; denn das auf der Gränze zwischen Attika und Böotien gelegene Oenoe hatte Mauern, und die Athener hielten zu Kriegszeiten dort eine Besatzung. Die Vorbereitungen zum Sturm wurden langsam betrieben, und auch sonst ging die Zeit unbenutzt hin, und hieraus entstand gegen den Archidamos kein geringer Verdachtgrund, denn schien er schon in den Zurüstungen zum Kriege unentschlossen und den Athenern förderlich zu sein, indem er nicht entschieden für den Krieg stimmte, so schadete ihm jetzt, als das Heer beisammen war, die auf dem Jsthmos eingetretene Verzögerung und die Langsamkeit im weiteren Vorgehen noch mehr, vorzüglich aber der Aufenthalt vor Oenoe, denn unterdessen brachten die Athener Alles ein, und es schien, als ob die Peloponnesier bei schnellem Vor-dringen noch Alles hätten außerhalb überraschen können, hätte nicht des Archidamos Zögerung dies verhindert. Deshalb zürnte ihm das Heer wegen dieses Aufenthaltes. Er aber hielt zurück, wie man sagt, in der Meinung, daß die Athener doch in etwas nachgeben und sich besinnen würden, ihr Land der Plünderung preiszugeben.
- 2.19.1
Nachdem sie nun Oenoe berannt und den Ort auf jede Weise zu nehmen vergeblich sich bemüht hatten, die Athener aber sich keineswegs zu Unterhandlungen herbeiließen, so zogen sie von dort ab, ungefähr am achtzigsten Tage nach dem Einfall der Thebaner in Platäa, — zur Sommerszeit, da die Feldfrncht in Blüthe stand, — und fielen in Attika ein. Archidamos, des Zeuxidamos Sohn, König der Lakedämonier, befehligte. Und nachdem sie ein Lager geschlagen, verheerten sie zuerst Eleusis und die thriasische Ebene und gewannen auch in der Nähe der sogenannten Rheiloi einen Vortheil über einen Haufen athenischer Reiter. Daraus drangen sie, das ägaleische Gebirg zur rechten Hand lassend, durch Kropeia weiter vor, bis sie nach Acharnä kamen, unter den attischen Gemeinden, den sogenannten Deinen, der größten. Dort schlugen sie ein Lager, und eine geraume Zeit sitzen bleibend, verheerten sie das Land.
- 2.20.1
Dabei nun, daß Archidamos zur Schlackt bereit in der Gegend von Acharnä stehen blieb und bei diesem Vorrücken nicht gleich in die Ebene hinabstieg, soll sein Gedanke der gewesen sein: die Athener, welche an junger Mannschaft Ueberfluß hatten und wie nie zuvor zum Kriege gerüstet waren, würden wohl ausfallen und nicht ruhig zusehen, wie ihr Gebiet verwüstet werde; da sie ihm aber weder bei Eleusis noch auf der thriasischen Ebene entgegenrückten, so versuchte er, sie durch das Lager bei Acharnä herauszulocken; denn es schien ihm der Platz zu einem Lager sehr geeignet; und dann glaubte man auch von den Acharnern, welche einen großen Theil der Stadtbevölkerung ausmachten, — sie stellten nämlich dreitausend Schwerbewaffnete, — sie würden die Verheerung ihres Eigenthums nicht ruhig mit ansehen, sondern auch die Uebrigen zum Kampfe anspornen. Sollten aber die Athener auch bei diesem Einfalle nicht aus der Stadt rücken, so könne er sür die Zukunft um so furchtloser die Ebene verwüste« und der Stadt selbst sich nähern; denn die ihres Eigenthums beraubten Acharner würden nicht sehr geneigt sein, sich wegen Anderer Gut der Gefahr auszusetzen, und es werde dann Uneinigkeit eintreten. Solche Gedanken bestimmten den Archidamos, bei Acharnä stehen zu bleiben.
- 2.21.1
So lange nun das Heer bei Eleusis und in der thriasischen Ebene stand, hatten die Athener noch einige Hoffnung, daß der Feind nicht wagen würde, weiter vorzugehen; denn sie erinnerten sich, daß auch der lakedämonische König Pleistoanax, des Pausanias Sohn, als er vierzehn Jahre vor diesem Krieg mit einem peloponnesischen Heere in Attika einfiel, bis nach Eleusis und Thria vordrang, dann aber wieder zurückzog, ohne weiter vorzugehen, weshalb er auch aus Sparta verbannt wurde, da er im Verdacht stand, durch Gold bestochen den Nuckzug augetreten zu haben. Als aber die Athener das Heer bei Acharnä, 60 Stadien vor ihrer Stadt, sahen, so glaubten sie nicht länger mehr an sich halten zu dürfen, sondern, da das Land — wie natürlich — vor ihren Augen verwüstet wurde, was die Jüngeren noch gar nicht gesehen hatten, und auch die Aelteren nur im Perserkriege, so schien ihnen das schrecklich, und auch die Andern nicht weniger, vorzüglich aber die Jüngeren, nieinten, man müsse dem Feind entgegen- rücken und nicht länger mehr zusehen. Nun ließen sich aber verschiedene Ansichten hören, und es entstand ein Streit, da die Einen einen Ans- fall verlangten, die Andern aber davon zurückhielten. Die Wahrsager ließen Sprüche allerlei Art hören, die sich ein Jeder auslegte, wie grade seine Wünsche ihn antrieben. Die Acharner aber, die sich nicht der kleinste Theil von Athen zu sein dünkten, drangen , da sie ihr Land verwüsten sahen, am meisten auf einen Ausfall, und so war die Stadt in allgemeiner Aufregung, zürnte auf den Perikles und vergaß ganz und gar, was er früher angerathen hatte. Sie schalten ihn, daß er als Feldherr dem Feinde nicht entgegen gehe, und erklärten ihn für die Ursache aller Uebel, die sie betroffen.
- 2.22.1
Perikles sah, daß sie den gegenwärtigen Stand der Dinge ungeduldig ertrugen und daß ihre Gedanken nicht die heilsamsten seien, vertraute aber, daß seine Ansicht in Betreff eines Ausfalls die richtige sei, und ließ weder eine Volksversammlung, noch sonst eine Zusammen- kunst veranstalten, damit nicht eine solche Versammlung, mehr der Leidenschaft als ruhiger Einsicht Raum gebend, Fehler begehe. Die Stadt ließ er wohl bewachen und hielt sie so ruhig, als eben möglich. Reiterei sandte er ununterbrochen aus, damit nickt Streistruppen des feindlichen Heeres in die nahe bei der Stadt gelegenen Gründe einfielen und Schaden anrichteten, und es kam auch bei Phrygioi zwischen einer atheniensischen Reiterabtheilung, bei welcher auch Thessaler waren, und der böotischen Reiterei zu einem kleinen Gefecht, in welchem die Athener und Thessaler nicht im Nachtheil waren, bis sie sich zurückzogen, als die Schwerbewaffneten den Böotiern zu Hülfe eilten. Hiebei verloren die Thessaler und Atheuer einige Leute, die sie jedoch noch au demselben Tage, ohne daß deshalb ein Waffenstillstand eintrat, abholten. Des folgenden Tages stellten die Peloponnesier ein Siegeszeichen auf. — Diese Hülfeleistung der Thessaler geschah zusolge eines alten Waffenbündnisscs mit den Athenern, und es waren ihrerseits Larisäer, Pharsalier, Kranonicr, Pyrasier, Gyrtonier und Pheräer gekommen. Ihre Anführer waren: aus Larisa Polymedes und Aritsonus, jeder von seiner Partei geschickt, aus Pharsalos Menon und so noch Andere, sür jeden Staat besonders.
- 2.23.1
Da nun die Athener nicht zur Schlacht ausruckten, so brachen die Peloponnesier ihr Lager bei Acharnä ab und verwüsteten einige andere Gemeindebezirke zwischen dem Parnes und dem Brilessischen Gebirge.^ Während sie aber noch im Lande waren, schickten die Athener die Hundert Schiffe, die sie ausgerüstet hatten, mit Tausend Schwerbewaffneten und vierhundert Bogenschützen in die peloponnesischen Gewässer. Anführer waren Karkinos, des Xenotimos Sohn, Proteas, Sohu des Epikles, und des Antigenes Sohn Sokrates. Mit dieser Bemannung ging die Flotte unter Segel und kreuzte. Die Peloponnesier aber, nachdem sie so lange in Attika verweilt hatten, als die Vorräthe ausreichten, zogen sich durch böotisches Gebiet, nicht auf dem Wege, auf dem sie gekommen waren, zurück, und bei Oropos vorüberziehend verwüsteten sie den sogenannten grajischen Bezirk, wo die Oropier, athenische Unterthanen, wohnen. Nach der Ankunft im Peloponnes wurde die Armee aufgelöst, und Jeder ging nach seiner Hcimath.
- 2.24.1
Nach dem Abzüge der Feinde stellten die Athener zu Land und zu Wasser Wachtposten aus, sowie sie dieselben während des ganzen Krieges beibehalten wollten. Dann nahmen sie von dem Geld auf der Burg tausend Talente ") und beschlossen dasselbe ans die Seite zu legen und nicht anzugreisen, sondern die Kriegskosten vom Uebrigen zu bestreiten; Wenn aber Einer davon spräche oder seine Stimme dahin abgäbe, diese Gelder zu einem andern Zwecke zu verwenden, — ausgenommen den einen Fall, daß eine feindliche Flotte gegen die Stadt ansegle, und man sich dagegen vertheidigen müsse, — der solle mit dem Tod bestraft werden. Zugleich sollten auch Hundert Dreiruderer ausgesondert werden, jedes Jahr die besten und die dazu gewählten Schiffsbefehliger "), — in der Absicht, sich dieser Fahrzeuge ebenso wie jener Geldsummen zn keinem anderen Zwecke zu bedienen, als nur in derselben Gefahr, wenn die Noth dazu zwänge.
- 2.25.1
Die Athener in den peloponnesischen Gewässern nun, ans ihren Hundert Schiffen, und die zur Bundeshülse mit ihnen vereinigten Kerkyräer ans fünfzig Schiffen, dazu auch noch einige andere der dasigen Bundesgenossen, landeten, nachdem sie an der Küste kreuzend schon manchen Schaden gethan hatten, bei Methone (Modon) in Lakonika und griffen die schwach befestigte und durch geringe Mannschaft vertheidigte Stadt an. Nun stand in der Nähe der Spartaner Brasidas, Sohn des Tellis, als Befehlshaber eines Wachpostens, und als er hievon hörte, so eilte er denen in der Stadt mit Hundert Schwerbewaffneten zu Hülse, und mitten durch das Heer der Athener durchbrechend, während diese auf dem Lande zerstreut und ihr Augenmerk aus die Wälle der Stadt gerichtet war, gelangte er nach Methone und entsetzte den Platz mit einem sehr geringen Verluste an Mannschaft, und in Folge dieses Wagestückes war er der Erste in diesem Kriege, der zu Sparta belobt wurde. Die Athener hoben jetzt die Belagerung ans, segelten nach Pheia in Elis und verheerten das dortige Gebiet zwei Tage lang, schlugen auch drei Hundert Mann ausgewählter Truppen aus dem eleischen Thallande und der umliegenden Landschaft, die zur Hülse herbeigeeilt waren. Da sich aber ein großer Sturm erhob, und sie an dieser hafenarmen Küste vom Unwetter litten, so gingen die Meisten wieder an Bord und segelten um das Vorgebirge Jchthys in den Hafen von Pheia, während die Mefsenier, und wer sonst noch die Schiffe nicht hatte gewinnen können, zu Lande marschirten und Pheia wegnahmen. Später nahmen die kreuzenden Schiffe diese Truppe wieder auf und gingen, Pheia verlassend, auf's hohe Meer. Auch war von den Eleern unterdessen schon ein zahlreiches Heer zur Hülse herbeigeeilt. Die Athener aber fuhren fort zu kreuzen und andere Küstenstriche zu verwüsten.
- 2.26.1
Um dieselbe Zeit schickten die Athener auch dreißig Schiffe in die Gewässer von Lokris und nm Euböa zn decken. Kleopompos, des Kleinias Sohn, befehligte sie. Derselbe unternahm einige Landungen , verheerte hie und da die Küste und nahm Thronion weg. Von dieser Stadt ließ er sich Geißeln stellen und schlug eine zur Hülfe herbeigeeilte Schaar Lokrer in einem Gefechte bei Alope.
- 2.27.1
Im selben Sommer trieben die Athener auch die Aegineten von ihrer Insel, Alle, sammt Weib und Kind. Sie gaben ihnen nämlich Schuld, daß sie nicht die geringste Ursache dieses Krieges seien. Auch glaubten sie, daß die dem Peloponnes naheliegende Insel Aegina für sie sicherer sei, wenn sie selbst dorthin Ansiedler sendeten, und so schickten sie denn auch nicht lange danach Kolonisten dorthin. Den ausgetriebenen Aegineten aber gaben die Lakedämonier Thyrea zum Wohnsitz nnd das umliegende Land zum Anbau, einmal aus Haß gegen die Athener, und dann auch, weil sie sich zur Zeit des Erdbebens und des Heloten-Aufstandes um sie verdient gemacht hatten. Das thyreatische Land liegt aus der Gränze zwischen Argos und Lakonika und reicht bis an's Meer. Ein Theil nun von ihnen siedelte sich dort an, die Andern zerstreuten sich im übrigen Hellas.
- 2.28.1
In demselben Sommer, zu einer wirklichen Neumondszeit '^), — wo es auch allein möglich zu sein scheint, wurde nach Mittag die Sonne verfinstert und nahm dann wieder ihre volle Gestalt an, nachdem sie zuvor wie die Mondsichel erschienen und einzelne Sterne sichtbar gewesen waren.
- 2.29.1
In demselben Sommer machten auch die Athener den Nymphodoros, des Pythes Sohn aus Abdera, zu ihrem Gastfreund, — dessen Schwester an Sitalkes verheirathet war, und bei welchem er darum viel vermochte. Früher hatten sie ihn als ihren Feind angesehen, jetzt aber ließen sie ihn nach Athen kommen, weil sie wünschten, daß er den Thrakerkönig Sitalkes, Sohn des Teres, zu ihrem Bundesgenossen mache. Dieser Teres, des Sitalkes Vater, war es, der den Odrysern zuerst die vorwiegende Herrschaft gegenüber den andern Thrakern verschaffte, denn es ist auch ein großer Theil der Thraker frei und selbständig. Mit dem Tereus, welcher die Prokne, des Pandion Tochter, ans Athen, zum Weib hatte, steht dieser Teres in keinerlei Verwandtschaft, und jener war auch nicht einmal ans demselben Thra kien. sondern Tereus wohnte in Daulia, der Landschaft, welche jetzt Phokis heißt und damals von Thrakern bewohnt war. Dort verübten jene Weiber auch die That an Jtys, nnd bei vielen Dichtern, wo sie der Nachtigall Erwähnung thun, heißt dieser Vogel der daulische Auch leuchtet es ein, daß Pandion eher in so geringer Entfernung eine Verbindung durch seine Tochter angeknüpft habe, wegen des Nutzens für beide Theile, als auf eine Entfernung von vielen Tagereisen zu den Odrysern. Teres hingegen, dessen Namen auch nicht einmal gleichlautet, war der erste Odryser-König, der zu Macht und Ansehen gelangte. Dessen Sohn nun, den Sitalkes, wollten die Athener zu ihrem Bundesgenossen, in der Meinung, daß er ihnen die an Thrakien stoßenden Landschaften und den Perdikkas unschädlich machen solle. Wirklich kam auch Nymphodoros nach Athen, brachte die Bundesgenossenschast mit Sitalkes zu Stande und ließ dessen Sohn Sadokos unter die athenischen Bürger aufnehmen. Den Krieg in den thrakischen Gewässern versprach er zu Ende zu bringen, indem er den Sitalkes bewegen wolle, ein thrakisches Heer von Reitern und Leichtbewaffneten den Athenern zu Hülfe zu schicken. Er brachte aber auch eine Aussöhnung zwischen Perdikkas und den Athenern zu Stande und bewog diese, Therme an jenen zurückzugeben , und sogleich vereinigte sich Perdikkas mit den Athenern und dem Phormio gegen die Chalkidenser. So wurde Sitalkes, des Teres Sohn, König der Thraker, der Athener Bundesgenosse, und mit ihm Perdikkas, Sohn Alexanders, König der Makedonier.
- 2.30.1
Die Athener aber, welche noch auf den hundert Schiffen in den Peloponnesischen Gewässern kreuzten, nahmen Solion weg, ein Korinthisches Städtchen, und gaben von den Akarnanern allein den Paläreern Land und Stadt zum Wohnsitz. Auch Astakos, wo Euarchos als Tyrann herrschte, nahmen sie mit Gewalt, vertrieben jenen und zogen die Stadt in ihre Bundesgenossenschaft. Dann schifften sie gegen die Insel Kephallenia und wurden ihrer ohne Schwertstreich Herr. Kephallenia liegt in der Gegend von Akarnanien und Lenkas und hat vier Städte, die der Palenser, Krämer, Samäer und Pronnäer. Nicht lange danach fuhren die Schiffe nach Athen zurück.
- 2.31.1
Nach diesem Sommer, zur Zeit des Spätherbstes, fielen die Athener insgesammt und mit ihnen ihre Beisitzer in Megaris ein, unter Anführung des Perikles, des Aanthippos Sohn. Auch die Athener vom Peloponnes, welche auf den hundert Schiffen nach Hause segelten und grade auf der Höhe von Aegina angekommen waren, als sie erfuhren, daß die ans der Stadt mit ihrer gefammten Macht in Megaris stünden, schifften hin und vereinigten sich mit ihnen, und so war dies Heer das größte, welches die Athener zusammengebracht haben, so lange die Stadt noch in Blüthe stand und noch nicht durch die Krankheit gelitten hatte. Denn der Athener selbst waren nicht weniger als zehn Tausend Schwerbewaffnete, und außer diesen hatten sie noch drei Tausend IV) in Potidäa stehen; von den Beisitzern aber waren nicht weniger als drei Tausend Schwerbewaffnete mit ihnen ausgefallen, und dazu kam noch der übrige Haufe von Leichtbewaffneten, nicht gering an Zahl. Nachdem sie nun den größten Theil der Landschaft verwüstet hatten, kehrten sie zurück. Aber auch noch später in diesem Kriege geschahen jährlich Einfälle der Athener in das Gebiet von Megara, theils mit der Reiterei, theils mit der Gefammtmacht, bis Nisäa von ihnen genommen wurde.
- 2.32.1
Gegen Ende dieses Sommers wurde von den Athenern auch Atalante befestigt, um eine Besatzung auszunehmen, — eine srüher unbewohnte Insel, der Küste der opnntischen Lokrer gegenüber gelegen. Dies geschah in der Absicht, daß nicht von Opus und dem übrigen Lokris auslausende Seeräuber Euböa beunruhigen möchten. Das Alles fielin diesem Sommervor, nach dem Abzug derPeloponnesier aus Attika.
- 2.33.1
Im folgenden Winter beredete der Akarnanier Euarchos, um Astokos wieder in seine Gewalt zu bekommen, die Korinther, daß sie ihn zur See mit vierzig Schiffen und fünfzehn Hundert Schwerbewaffneten zurückführen sollten. Dazu hatte er selbst einige Hülssvölker gemiethet. Anführer des Zugs waren Euphamidas, des Aristo nymos Sohn. Timoxenos, Sohn des Timokrates, und Eumachos, Sohn des Chrysis. Und wirklich führten sie ihn mit ihren Schiffen zurück. Sie dachten aber auch noch andere Plätze an der akarnanishcen Küste in ihre Gewalt zu bringen und machten auch Versuche dazu; aber es gelang nicht, und so schifften sie nach Hause zurück. Auf der Heimfahrt hielten sie bei Kephallenia an und machten eine Landung auf das Gebiet der Krämer, ließen sich aber durch die Vorspiegelung, als wolle man mit ihnen ein gütliches Uebereinkommen treffen, täuschen und verloren einige Leute durch einen unerwarteten Ueberfall der Kranier, und so unsanft zurückgewiesen eilten sie nach Hause zu kommen.
- 2.34.1
In diesem Winter feierten nach väterlicher Weise die Athener öffentlich das Leichenbegängniß der zuerst in diesem Kriege Gefallenen. Hiebei wurde es so gehalten: Drei Tage vorher wird ein Zelt aufgeschlagen, und darin die Gebeine der Gebliebenen zur Schau ausgestellt, und ein Jeder bringt seinem Todten eine Gabe, wenn er will. Wenn uuu die Gebeine hinausgesührt werden, so kommen Wagen mit Särgen von Cypressenholz, Einem für jede Gemeinde, lind die Gebeine eines Jeden kommen in den Sarg seiner Gemeinde. Ein gepolstertes Todtenbett wird leer nachgetragen für die Vermißten, welche man nicht finden und aufheben konnte. Mit dem Zuge kann aber Jeder gehen, wer will, sei er Bürger oder Fremder, und auch die verwandten Frauen sind bei dem Begräbniß, zur Wehklage. Darauf nun setzt man sie in dem öffentlichen Grabmale bei, welches in der schönsten Vorstadt Athens ist, — und hier begräbt man immer die im Kampfe Gefallenen; ausgenommen sind nur die von Marathon; denn da die Athener deren Tapferkeit für hell vorleuchtend erklärten, so gaben sie ihnen auch ihr eigenes Grab. Wenn nun die Erde sie bedeckt hat, so hält ein von der Stadt gewählter Mann, der für einsichtig gilt nnd an Ansehen vor-ragt, ihnen die geziemende Lobrede. Danach gehen sie auseinander. Dies ist die Art und Weise ihres Begräbnisses, und den ganzen Krieg hindurch, so oft es vorkam, hielt man sich an diese Sitte. Für diese Ersten nun wurde Perikles, des Xanthippos Sohn, zum Reden gewählt, und als der Augenblick dazu gekommen war, trat er von dem Grabmal auf eine hohe Bühne, die man dazu errichtet hatte, damit er weithin durch die ganze Versammlung gehört werde, und redete so:
- 2.35.1
„Die an diesem Orte vor mir gesprochen, haben meist Dem eine Lobrede gehalten, der zu dem gesetzlichen Brauche noch diese Art von Rede hinzugefügt hat, weil es für ihre eigene Person ihnen ehrenvoll schien, zum Preise der im Kampfe Gefallenen zu sprechen. Mir aber schien es zu genügen, wenn tapferer Männer Thaten auch nur durch eine That geehrt werden, — durch eine Handlung, meine ich , wie ihr sie hier zu diesem Begräbnis; aus öffentlichem Wesen in's Werk gesetzt seht, — und nicht sollte von Einem Manne die Tapferkeit vieler Männer Gefahr fürchten müssen; denn, wem ihr Lob anvertraut wird, kann vielleicht gut reden, aber vielleicht auch schlecht. Im Reden das rechte Maß halten, ist schwer, und kaum wird auch durch dasselbe eine richtige Anschauung von der Wahrheit hervorgerufen. Denn wer von den Zuhörern die Thaten selbst mit angesehen hat, und sosern er ein wohlwollender Mann ist, wird leicht die Schilderung unter seiner eigenen Erwartung und seiner Kenntniß finden. Wer aber des Vorgefallenen unkundig ist, wird Manches für übertrieben erachten, weil sich in ihm der Neid regt, wenn er von Dingen hört, die über seine Kräfte gehen. Denn bis zu dem Punkte ertragen die Menschen wohl Lobsprüche auf Andere, so lange Jeder glaubt, selbst solcher Thaten fähig zu sein, wie er sie da mit anhört. Was aber darüber hinausgeht, dem schenkt man keinen Glauben, weil sich dann der Neid regt. Weil es aber denen vor uns als löblicher Gebrauch ershcienen ist, so muß auch ich mich in das Gesetz schicken und muß streben, Euer Aller Wunsch und Meinung zu genügen, so gut ich's kann."
- 2.36.1
„Beginnen aber will ich mit unseren Vorfahren , denn wir sind damit nur gerecht gegen sie, und zugleich geziemt es sich bei solcher Gelegenheit, daß ihnen diese Ehre der Erinnerung gegeben werde. Denn nie wollten sie dies Land mit einem andern vertaushcen, und so, von Geschlecht zu Geschlecht es fortvererbend, haben sie es uns durch ihre Tapferkeit als freien Boden überliefert. Und verdienen sie darum Lob, so sind unsere Väter dessen noch würdiger; denn über das hinaus, was sie empfingen, haben sie die Macht, die wir jetzt besitzen, nicht ohne Mühe auf uns gebracht. Das größte Wachsthum des Staates aber haben wir selbst, wir Genossen der Gegenwart, und besonders wir, die wir jetzt im besten Mannesalter stehen, zu Wege gebracht. Wir haben die Stadt in allen Stücken in den Stand gesetzt, daß sie im Kriege wie im Frieden sich selbst ganz und gar genügt. Wie dies Alles durch Kriegsthaten erworben worden ist, und wie nur selbst oder unsere Väter in tapferer Abwehr gegen Barbaren wie Hcllenen es geschirmt haben, darüber mag ich unter Männern, die es selbst wissen, nicht lange reden. Wie aber und durch welches Streben wir so weit gekommen sind, und durch welche Staatseinrichlungen und Grundsätze wir diese Größe erreicht haben, darüber will ich zuerst reden und dann zum Lobe dieser Todten übergehen; denn ich glaube, daß über jenes zu reden bei dieser Gelegenheit nicht ungeziemend ist, und daß diese ganze Versammlung, Städter wie Fremde, es mit Nutzen anhören werden."
- 2.37.1
„Wir haben eine Verfassung, welche die Gesetzgebung anderer Staaten nicht nachahmt, im Gegentheile sind wir selbst viel mehr Andern zum Muster, als daß wir Auswärtige nachahnitet. Und mit Recht wird sie, weil nicht bei Wenigen, sondern bei der großen Menge die Gewalt ist, Volksherrschaft genannt. Es hat nämlich in eigenen Sachen Jeder gleiches Recht mit dem Andern, nnd was Staatswürden anlangt, so wird nicht bevorzugt, wer einer besonderen Kaste angehört, sondern Jeder, je nachdem er gerade in irgend einem Fache Werthschätzung genießt oder Tüchtigkeit zeigt. Und auch nicht der Armuth wegen, wenn er nur dem Staate irgendwie nützen kann, legt Einem die Unscheinbarkeit seines Standes ein Hindernis; in den Weg. Mit Freiheit behandeln wir unsere Staatsangelegenheiten und eben so frei das bei den Gelegenheiten des täglichen Verkehrs leicht entstehende Mißtrauen gegen einander; wir sind auf den Nachbar nicht erbost, wenn er seiner Lust einmal die Zügel schießen läßt, und verhängen keine Ahndüngen, wie Andere (die Lakedämonier) pflegen, die zwar dem Geldbeutel nicht wehe thun, aber dem Auge mit anzusehen empörend sind. Im täglichen Umgang bewegen wir uns frei von Härte und Sauersthen, und doch überschreiten wir dem Staate gegenüber die Vorschriften nie, aus Scheu und Ehrfurcht vorzüglich, indem wir ans die jedesmaligen Obrigkeiten und die Gesetze hören , und vorzüglich aus die, welche zum Schutze der Beeinträchtigten bestehen und die, zwar ungeschrieben, doch in der allgemeinen Denkart dem Uebertreter Schande drohen."
- 2.38.1
„Und auch von Müh' und Arbeit haben wir dem Geiste zahlreiche Erholungen bereitet, durch gesetzliche Kampfspiele und die im Jahre wiederkehrenden Opferfeste; dann auch durch gefällige Ein« richlung des häuslichen Lebens, deren täglicher Genuß die Schwermuth verbannt. Es kommen aber wegen der Größe unserer Stadt aus allen Ländern uns alle Erzeugnisse zu, und was bei uns das Land Gutes hervorbringt, können wir nicht in höherem Grade als unser Eigenstes genießen, als was von andern Völkern zu uns kommt."
- 2.39.1
„Wir untershceiden uns aber auch in Handhabung des Kriegswesens von unseren Gegnern darin, daß wir den Zutritt zu unserer Stadt freigeben, und es kommt nicht vor, daß wir durch Fremdcnaustreibung irgend Jemanden am Lernen oder Beshcauen hindern, damit nicht etwa Einer unserer Feinde nicht verborgen Gehaltenes sehe und daraus Nutzen ziehe; denn wir vertrauen weniger auf Nnstwerk und Kniffe, als auf unsere eigene Thatenlnst und Tapferkeit. In der Jugenderziehung suchen jene schon von klein auf durch mühevolle Uebungen Mannhaftigkeit zu erwerben, wir aber gehen, wenn auch viel gemächlicher lebend, doch nicht weniger entschlossen in den Kampf ungewisser Entscheidung gegen den gleichstarken Feind. Beweis dafür ist, daß die Lakedämonier nicht nur mit ihrer eigenen Macht, sondern mit allen möglichen Bundesgenossen gegen unser Land zu Felde ziehen. Wenn aber wir selbst in auswärtiges Gebiet einfallen, so gewinnen wir auf fremdem Boden und im Kampfe gegen solche, welche ihr Eigenthum vertheidigen, meist den Sieg. Unsere Gesammtmacht aber hat noch kein Feind sich gegenüber gesehen, weil wir auch zugleich immer die Flotte bedenken und unsere Landmacht selbst auf viele Punkte vertheilen. Wenn sie aber mit einem Bruchtheil unserer Macht zusammengestoßen sind und den Sieg davon getragen haben, so prahlen sie, sie hätten unsere Gesammtheit geworfen; sind aber sie besiegt worden, so heißt es, sie wären unserer gesammten Macht gegenüber in Nachtheil gewesen. Und wenn wir auch wirklich mehr ans leichtem Blute als in Folge mühseliger Gewöhnung, und weniger in Folge einer tapferen Gesetzgebung als ans angeborner Tapferkeit die Gefahr des Kampfes lieben, nun so sind wir im Vortheil, denn wir sind nicht im Vorans durch Mühsal ermattet und zeigen uns doch bei der That nicht weniger kühn als die, welche ihr Leben lang sich abmartern."
- 2.40.1
„Hierin ist unsere Stadt der Bewunderung würdig: aber nicht minder in anderen Stücken. Denn wir sind Freunde des Schönen, ohne im Auswande das Maß zu überschreiten, und pflegen der Wissenschaft, ohne uns verweichlichen zu lassen. Aus unserem Reich- thum machen mir eine Gelegenheit zur That, nicht zur Prahlerei imt c Worten, und zu gestehen, daß Einer arm sei, gereicht ihm nicht zur Schande; viel schimpflicher ist's, die Armuth durch Fleiß nicht fern zu halten. Ein und dieselben Männer widmen sich den eigenen Angelegenheiten und den Aemtern des Staates, und die Andern, die dem Landban und den Gewerben obliegen müssen, haben deshalb keinen schlechten Verstand in Staatsdingen; denn allein bei uns wird Einer, der von Staatssachen sich ganz fern hält, nicht für einen Ruheliebenden, sondern für einen unnützen Menschen angesehen. Auch sind wir es, welche die Verhältniss; auf die richtige Weise beurtheilen, oder doch wenigstens in Erwägung ziehen, denn wir sind nicht der Ansicht, daß durch das Reden die Thaten Schaden leiden, sondern im Gegentheil dadurch, wenn man an die That geht, ohne vorher durch die Rede belehrt worden zu sein. Denn auch das ist ein großer Vorzug, den wir vor Andern voraus haben, daß muthiges Wagen und bedächtige Ueberlegung dessen, was wir unternehmen wollen, bei uns vereinigt sind, während bei Andern nur Unkenntniß der Gefahr Kühnheit erzeugt, Ueberlegung aber Zagheit. Für die tapfersten Seelen werden aber mit Recht wohl die gehalten, welche das Schreckliche wie das Angenehme genau kennen und dabei doch vor Gefahr nicht zurückshceuen."
- 2.40.2
„Und auch von der Tugend des Wohlthnns denken wir anders als die meisten; denn nicht durch Empfangen, sondern durch Wohlthaten erweisen erwerben wir uns Freunde. Beständiger ist ja die Gesinnung des Wohlthäters, der das schuldige Dankgefühl durch fortgesetztes Wohlwollen bei dem Empfänger zu erhalten bemüht ist. Der zum Dank Verpflichtete ist schon weniger eifrig, da er nicht um freie Gunst zu erweisen, sondern um eine Schuld abzutragen, das empfangene Gute erwidern muß. Wir allein sind es, die weniger aus Berechnung des Nutzens als aus edlem Vertrauen einer freien Denkart Andern Wohlthaten erweisen, ohne Undank zu fürchten."
- 2.41.1
„Und um es mit Einem Worte zu sagen, so behaupte ich, daß unsere Stadt eine Bildungsschnle für ganz Griechenland sei, und daß Mann für Mann bei uns sich Jeder den meisten Anforderungen mit größter Anmuth und Gewandtheit gewachsen zeige. Und daß dies Alles nicht für diese Gelegenheit erfundener Redeprunk, sondern die Wahrheit der Dinge selbst ist, davon ist Beweis die Macht des Staates , die wir eben durch jene Eigenschaften erworben haben. Denn hervorragend über Alles, was bis jetzt erhört worden ist, geht er der Erprobung seiner Kraft entgegen, und er allein erregt weder dem angreifenden Feinde Entrüstung, daß er von Solchen Ungemach erleide, noch Tadel bei dem Unterworfenen, als ob er von Unwürdigen beherrscht werde. Unter großen redenden Beweisen und gewißlich nicht unbezeugt haben wir unsere Macht entfaltet und werden darum von den Lebenden und den Zukünftigen bewundert werden, und wir bedürfen weder eines Homer als Lobredners, noch sonst eines Andern, der mit seinen Gesängen zwar für den Augenblick ergötzt, aber bald wird die Wirklichkeit seine Anschauung der Dinge Lügen strafen, sondern zu allem Land und Meer hat unsere Kühnheit sich den Weg gebrochen, überall sich unvergängliche Denkmale im Guten und Bösen gründend. Für eine solche Stadt nun sind die hier im tapferen Kampfe gefallen, entschlossen, sich ihrer nicht berauben zu lassen, und von den Ueberlebenden ist Jeder mit Recht bereit, um dieser Stadt willen Mühen und Gefahren zu erdulden."
- 2.42.1
„Deshalb habe ich mich auch länger bei der Schilderung unseres Staates verweilt, um zu zeigen, daß wir und Andere, die Nichts dem Geschilderten Aehnliches besitzen, nicht um gleichen Preis kämpfen, und zugleich um die Ruhmwürdigkeit dieser hier, um deren willen ich jetzt rede, in deutlichen Beweisen vor Augen zu stellen. Denn was ich eben an unserer Stadt Lobwürdiges erwähnt, damit haben dieser Männer und ihres Gleichen Tugenden sie geschmückt, und sürwahr nicht bei vielen Hellenen möchte ein solcher Ausspruch, wie bei diesen, die Thaten nicht zu überbieien scheinen. Ein solches Ende aber, wie Diese es erlangten, scheint mir als erstes Probestück Mannestapferkeit zu bekunden, und als letztes sie zu besiegelte. Denn auch bei Solchen, die in andern Dingen sich schlechter gezeigt, wäre es billig, daß die für das Vaterland im Kampfe gegen den Feind bewiesene Tapferkeit über jenes hinaus hoch angerechnet werde; denn indem sie durch ihre Tapferkeit die Erinnerung an das Schlechte austilgten, haben sie dem Gemeinwesen mehr genützt, als im Einzelnen geschadet. Von diesen hier aber hat weder Einer, den Genuß vorziehend, im Reichthums sich verweichlicht, noch auch in der Hoffnung, der Armuth zu entgehen lind Reichthümer zu erwerben, es hinausgeschoben, sich der Gefahr zu stellen; vielmehr schien ihnen Rache an den Feinden süßer, und indem sie die Gefahr des Todes für die schönste erachteten, wollten sie mit ihr an diesen sich rächen und jene Güter erringen. Den ungewissen Erfolg überließen sie der Hoffnung, im Handeln aber um da?, was sichtbar vor Augen lag, glaubten sie sich selbst vertrauen zu müssen, und indem sie lieber kämpfen und leiden wollten als weichen und gerettet werden, entgingen sie schimpflicher Nachrede; die That aber bestanden sie mit ihrem Leibe, und im kurzen Schicksalsaugenblicke, von höchsten Ruhmes Odem, nicht von Furcht umflossen, sind sie geschieden."
- 2.43.1
„Als so tapfere Männer also haben sieh diese erwiesen, wie es ihre Pflicht.g^en die Stadt war. Die Ueberlebenden nun mögen zwar die Götter um ein ungefährdetes Leben bitten, aber es auch für Pflicht halten, nicht minder kühne Gesinnung gegen den Feind zu hegen. Den Nutzen derselben sollt ihr aber nicht blos durch Worte euch anschaulich machen, die Einer gar weitschweifig machen könnte, indem er euch vorhält, was Alles für gute Dinge von Abwehr der Feinde abhängen, ohne daß ihr es darum nicht auch schon vorher gewußt hättet; vielmehr sollt ihr die Kräfte des Staates täglich euch vor Augen stellen und ihn liebgewinnen, und wenn euch seine Macht groß zu sein dünkt, so bedenkt, daß kühne Männer, die wußten, was Noth thut, und die im Kampfe aus die Stimme der Schaam und der Ehre hörten, jene Macht erworben haben, — die, wenn ihnen auch einmal ein Unternehmen fehlschlug, darum nicht gleich dem Staate ihre Tapferkeit entziehen wollten, sondern für ihn sich selbst als schönstes Opfer Hingaben. Gemeinsam mit den Andern haben sie ihr Leben blosgestellt. und für sich haben sie unsterbliches Lob errungen und das schönste Grab, nicht nur das, in welchem sie ruhen, sondern das vielmehr, in welchem in der Brust eines jeden Mannes bei jedem Anlaß der Rede oder der That unvergessen ihr Ruhm lebt. Berühmter Männer Graberde ist jedes Land, und nicht mir die Inschrift einer Säule in der eigenen Heimath bezeichnet sie, sondern auch im fremden Lande lebt in Jedem ungeschrieben das Gedächtniß mehr ihres Muthes als ihrer That. Diese also ahmet nach und suchet das Glück in der Freiheit, die Freiheit aber im eigenen Muthes, und übersehet nicht die vom Feinde drohende Gefahr. Denn nicht die, welche ein elendes Dasein führen, und die keine Hoffnung auf Besseres haben, werden mehr Ursache haben, ihr Leben in die Schanze zu schlagen, sondern die, welche Gefahr lausen, einen Umschwung des Glückes zum Unglück zu erleben, und bei denen nachher der Unterschied sehr groß ist, wenn ein Unfall sie betroffen hat. Denn viel empfindlicher trifft einen Mann, der hochherzig denkt, die durch Feigheit herbeigeführte Schmach als Tod, der nicht empfunden wird, bei unerschrockener Tapferkeit und begeisterter Aussicht auf die Größe des Vaterlandes."
- 2.44.1
„Deshalb will ich euch Aeltern der Gefallenen, soviel eurer anwesend sind, nicht beklagen, sondern vielmehr nur trösten. Denn ihr selbst wißt, in wie vielfachem Wechsel des Glückes ihr gelebt habt, und daß glücklich sein nur dem zu Theil wurde, der einen so ruhmvollen Tod erlangt wie diese, und eine so ruhmvolle Trauer wie ihr, und dem es zugemessen wurde, in Dem auch seinen Tod zu finden, was das Glück seines Lebens ausmachte. Ich weiß wohl, daß es schwer ist, euer Gemüth zu überreden, da ihr ost Anlaß zur Erinnerung an jene haben werdet, wenn ihr Andere in einem Glücke seht, dessen ihr euch selbst einst erfreutet. Auch betrübt man sich ja nicht um Güter, durch deren Verlust unsere Zukunft keines gewohnten Genusses beraubt wird, sondern um solche, an deren Genuß man gewöhnt war. Aber auch in der Hoffnung auf andere Kinder sollen die ihr Gemüth auf« richten, die noch in dem Alter sind, Nachkommen zu erzielen; denn im eigenen Hause werden die Neugeborenen den Schmerz heilen um die, die nicht mehr sind, und dem Staate wird es doppelter Vortheil sein, nicht arm zu werden an Bürgern und an Sicherheit zuzunehmen. Denn es ist nicht möglich, daß Einer in recht gleicher Denkart mit den. Andern an den Berathungen um das Gemeinwohl theilnehme, wenn er nicht, wie die Andern, Kinder daran zu wagen hat. Ihr aber, die ihr über jenes Alter hinaus seid, sollt es als Gewinn betrachten, daß ihr den längeren Theil eures Lebens in Glück verbracht habt, und daß das Uebrige nur noch kurz sein wird; und an dem Ruhme dieser Todten möget ihr euer Gemüth heben, denn die Ehre allein ist nicht alternd, und in den Jahren unnützlicher Schwäche ist es nicht Geldgewinn, was am meisten erfreut, wie Viele sagen, sondern Ehre zu genießen."
- 2.45.1
„Euch Söhnen aber und Brüdern der Gefallenen, sopiel Euer anwesend sind, seh ich großen Wettjamps bevorstehen. Denn wer nicht mehr unter den Lebenden ist, den lobt Jeder; ihr aber werdet es auch durch ein Uebermaß von Tapferkeit nicht erreichen, diesen gleich- geachtet zu sein, sondern immer noch um etwas tiefer angesetzt werden. Denn die Lebenden verläßt nicht der Neid gegen den Nebenbuhler, wer aber nicht mehr im Wege ist und durch keinen Wetteifer hemmt, der wird wohlwollend geehrt. — Soll ich aber nun auch noch der weiblichen Tugend derer Erwähnung thun, die nun als Wittwen leben werden, so will ich in kurzem Ermunterungswort Alles sagen. Euch wird groß der Ruhm sein, wenn ihr eurer weiblichen Art treu bleibt, und wenn unter Männern in Lob oder Tadel von Einer am wenigsten die Rede ist."
- 2.46.1
„So habe denn auch ich, dem Gesetze gehorchend, was ich zu sagen wußte, in der Rede vorgebracht; durch die That sind die Be> grabenen schon geehrt. Ihre Kinder aber wird die Stadt von jetzt an bis zur Mannesreife auf öffentliche Kosten erziehen, und damit fetzt sie diesen Todten wie den Ueberlebenden einen nützlichen Siegerkranz als Kampfpreis aus. Denn die Bürgerschaft wird die tapfersten Männer zählen, in welcher die Tapferkeit der höchste Preis erwartet. Nun aber weihet Jeder den Seinigen dieTodtenklage, nnd dann gehet nach Hause."
- 2.47.1
So wurde die Grabfeier in diesem Winter abgehalten, und mit ihm war auch das erste Jahr dieses Krieges abaelanfen. Sobald aber der Sommer seinen Ansang genommen hatte, fielen allsogleich die peloponneper und ihre Bundesgenossen mit zwei Drittheuen ihrer Heeresmacht in Attika ein, wie auch das erste Mal. Anführer war Archidamos , des Zeuxidamos Sohn, König der Lakcdämonier. Sie schlugen ein Lager und fingen dann an das Land zu verwüsten. Noch waren sie erst wenige Tage in Attika, da sing zuerst die Seuche an sich unter den Athenern zu zeigen, und sie soll zwar, wie erzählt wird, schon früher zu mehreren Malen auf Lemnos und auch ander, wärts ausgebrochen sein, aber seit Menschengedenken war keine solche Pest und kein solches Sterben irgendwo vorgekommen. Denn auch die Aerzte vermochten Anfangs Nichts auszurichten, da sie die Krankheit behandelten, ohne sie zu kennen, sondern grade sie starben am häufigsten weg, da sie ja auch am meisten mit ihr in Berührung kamen. Und auch keine andere menschliche Kunst wollte helfen. Alles Beten in den Tempeln, Orakelbefragen und dergleichen war Alles nutzlos, und endlich, vom Uebel ganz bewältigt, unterließ man auch das.
- 2.48.1
Zuerst soll sie sich, wie erzählt wird, in Aethiopien jenseits AegMen gezeigt haben, dann stieg sie nachAegypten und Libyen hinab und in viele Länder des persischen Königs. In die Stadt der Athener aber kam sie ganz plötzlich, und zwar befiel sie zuerst die Leute im Piräeus, so daß unter diesen sich Stimmen vernehmen ließen, als hätten die Pcloponnesier Gift in die Cisternen geworfen, — denn Brunnen gab es damals dort noch nicht. Bald kam sie aber auch in die obere Stadt, und es starben nun schon viel mehr Menschen daran. Mag nun aber über die Krankheit, wo sie wahrscheinlich ihren Ursprung genommen, und über die Ursachen, die eine so große Veränderung zu bewirken die Kraft hatten, Jeder reden, wie er denkt, sei er Arzt oder Laie, — ich will hier nur erzählen, wie sie sich gezeigt hat, und will sie so schildern, daß Einer, wenn sie einmal wiederkommen sollte, genug von ihr wisse, um sie nicht zu verkennen; denn ich selbst habe sie über« standen uud habe auch Andere gesehen, die daran Niederlagen.
- 2.49.1
Wie einstimmig anerkannt wurde, war das Jahr in Bezug auf sonstige Krankheiten ein vorzüglich gesundes, und wenn Einer an sonst etwas litt, so schlugen alle Uebel in dies Eine um. Die Andern aber ergriff ohne irgend welche Veranlassung, sondern ganz plötzlich und in voller Gesundheit, zuerst eine starke Hitze im Kopfe und Nöthe und Entzündung der Augen. Die innern Theile, Schlund und Zunge, unterliefen dann sogleich mit Blut, und der Athem wurde schlecht und übelriechend; dann folgten Niesen und Heiserkeit, und binnen Kurzem stieg das Uebel in die Brust hinab, unter starkem Husten, und wenn es sich aus den Magen gesetzt hatte, kehrte es diesen um, und es erfolgten nach einander alle die Entleerungen der Galle, wie sie von den Aerzten mit Namen ausgezählt werden , und zwar unter großen Schmerzen. Die Meisten befiel ein leeres Schluchzen und dics verursachte einen heftigen Krampf, der bei den Einen bald, bei den Andern aber erst nach langer Zeit nachließ. Aeußerlich war der Körper nicht sehr heiß zum Anfühlen nnd auch nicht blaß, sondern geröthet und in's Blcisarbige spielend, uud in kleine Blasen und Geschwüre aufgefahren. Innerlich aber litt man solchen Brand, daß man nicht einmal die Bedeckung ganz leichter Gewänder oder der feinsten Leinwand ertragen und nur völlige Nacktheit leiden mochte; am liebsten hätte man sicb in kaltes Wasser gestürzt, und das thaten auch Viele von denen, deren Niemand Acht hatte, indem sie in die Brunnen sprangen, von unauf- hörlichem Durste gequält. Und es war ganz gleichgültig, ob Einer viel trank oder wenig. Ruhelosigkeit und Mangel an Schlaf quälten unaufhörlich. Der Körper selbst, wie lange auch die Krankheit schon währte, welkte nicht, sondern leistete über Erwarten dem Verderben Widerstand, so daß die Meisten erst am neunten oder siebenten Tag an innerem Brande starben, obgeich sie sonst noch bei Kräften waren, oder — wenn sie hier entrannen, so stieg die Krankheit in den Unterleib hinab, und dann bildeten sich große Geschwüre, und nichtzustillender Durchsall trat ein, in dessen Folge die Meisten später aus Entkräftung zu Grunde gingen. Denn den ganzenKörper durchlief das Uebel, anfangend beim Kopfe, wo es sich zuerst festsetzte; und wenn Einer über das Schlimmste hinausgekommen war, so zeigte sich dies an, indem das Uebel die äußersten Körpertheile befiel; denn es ergriff die Scham- theile und die Finger und die Zehen, und Viele kamen mit dem Verluste dieser Gliedmaßen davon, Manche aber verloren auch die Augen. Einige ergriff, nachdem sie Alles überstanden, augenblicklich Vergessen» heit aller Dinge, und sie kannten sich selbst und ihre nächsten Angehörigen nicht mehr.
- 2.50.1
Daß die Besonderheit dieser Seuche über alle Beschreibung geht, zeigt sich schon darin, daß sie den Einzelnen mit einer Gewalt anfiel, welche die menschliche Natur nicht zu ertragen vermochte; daß sie aber etwas ganz Unerhörtes war, beweist das Folgende. Von den Vögeln und Vierfüßlern, welche sonst von Leichnamen fressen, rührte keiner die vielen unbegrabenen Todten an, oder wenn das Thier davon sraß, so verendete es selbst. Beweis dafür ist das unzweifelhafte Verschwinden von dergleichen Vögeln, und man sah weder sonstwo einen, noch auch in der Nähe der Leichnam. Am deutlichsten war diese Wirkung bei den Hunden wahrzunehmen, weil sie in Gesellschaft der Menschen leben.
- 2.51.1
Dies war im Ganzen die Art der Krankheit, um von vielen andern seltsamen Dingen zu schweigen, die dabei vorzugsweise dem Einen oder dem Anderen zustießen. Zu gleicher Zeit hatte man von den sonst gewöhnlichen Krankheiten Nichts zu leiden, und wenn etwas der Art vorkam, so schlug es in jene um. Es starben aber wie die, denen es an Pflege mangelte, so auch die mit aller Sorgfalt Gevflea« ten. Es gab auch nicht cm besonderes Heilmittel, von dem man sagen konnte, daß sein Gebrauch hätte nützen müssen; denn was dem Einen nützte, erwies sich dem Andern schädlich. Die Leibesbeschaffcnheit für sich genommen, war es ganz gleichgültig, ob Einer kräftig war oder schwächlich, sondern Alles ohne Unterschied raffte die Seuche dahin, ob sich nun Einer so oder so behandeln ließ. Das Furchtbarste dabei war aber die Muthlosigkeit, wann sich Einer von dem Uebel ergriffen fühlte, — dein dann überließ man sich allsogleich der Hoffnungslosigkeit, gab sich über Gebühr selbst auf und leistete keinen Widerstand, — und daß, Einer durch die Pflege des Andern angesteckt, die Menschen dahinstarben wie die Schafe. Das war es, was den stärksten Verlust verursachte. Denn wenn man aus Furcht sich den Andern zu nähern vermied, so gingen diese in ihrer Verlassenheit zu Grunde, wie denn viele Häuser aus Mangel an Wärtern ganz ausgestorben waren. Wer aber sich jenen näherte, ging auch zu Grunde, und besonders die, welche den Tugendpflichten ein Genüge leisten wollten; denn aus Scham schonten sie sich selbst nicht und besuchten ihre Freunde, da auch die nächsten Anverwandten, überwältigt von dem endlosen Elende, des Klagens über die Gestorbenen müde wurden. Größeres Mitleid aber, mit den Gestorbenen sowohl wie mit den noch Leidenden, hatten die Geretteten, weil sie das Uebel kannten und sich selbst bereits in Sicherheit wußten. Denn zum zweiten Male befiel Keinen die Krankheit so, daß er daran gestorben wäre. Und die Andern und sie selbst priesen sich glücklich, vor großer Freude über die Gegenwart sowohl, als auch weil sie der Hoffnung lebten, daß ihnen nun vielleicht keine Krankheit mehr tödtlich werden könnte.
- 2.52.1
Es bedrängte sie aber zudem vorhandenen Elend mehr noch der Zusammenfluß von Menschen vom Lande nach der Stadt, und nicht weniger litten dadurch die Ankömmlinge selbst. Denn da die Häuser für sie nicht hinreichten, sondern sie sich zur Sommerszeit in dumpfigen Hütten aushalten mußten, so gingen sie in wüstem Unwesen zu Grunde, ja sogar aus und über einander starben sie dahin und blieben als Leichen liegen, oder sie wälzten sich auf den Straßen und um alle Brunnen, halbtodt aus Begierde nach Wasser. Die Tempel, in denen sie ein Unterkommen gesucht hatten, waren gestillt mit Leichen, da sie an heiliger Stelle dahin starben. Denn ganz überwältigt von dem Elend wußten die Menschen nicht, was da noch werden sollte, < und fingen an sich nm göttliche wie um menschliche Dinge nicht mehr zu kümmern. Alle gesetzlichen Gebräuche, die man früher bei Begräbnissen beobachtet hatte, wurden vernachlässigt, und Jeder begrub seine Todten, wie er eben konnte. Viele ans Mangel an den nöthigen Erfordernissen, da ihnen schon zu Viele gestorben waren, wurden so schamlos, daß sie ihre Todten auf fremde Scheiterhaufen legten und diese in Brand steckten, ehe noch die dazu kommen konnten, welche sie ausgerichtet hatten, oder auch warfen sie ihren mitgebrachten Leichnam aus den ersten besten brennenden Scheiterhaufen und machten sich davon.
- 2.53.1
Auch in andern Dingen war die Seuche für die Stadt der Anfang vermehrter Gesetzlosigkeit. Denn womit Einer früher geheim gethan hatte, darin ließ er jetzt schon mit größerer Frechheit seiner Lust die Zügel schießen, weil er sah, wie schnell ein Glückswechsel eintrat, wie die Reichen plötzlich dahinstarben, und solche, die früher Nichts besessen, jener Hab und Gut in Besitz nahmen. So trachteten sie also ihre Genüsse zu beschleunigen und deren Süßigkeit zu erhöhen, denn Leib und Gut sahen sie beides gleich schnell vergänglich. Und um des Guten und Rühmlichen wegen sich einer Mühe zu unterziehen, war Keiner geneigt, da er es für ungewiß hielt, ob er nicht zu Grunde gehen werde, bevor er das Ziel erreicht habe. Was aber schon an sich selbst angenehm war oder irgendwie dem Genuß förderlich schien, das galt auch sür schön und nützlich. Weder Furcht der Götter noch menschliches Gesetz hielt da Einen zurück, denn weil man Alle in gleicher Weise umkommen sah, so urtheilte man auch, daß es gleichgültig sei, ob man die Götter fürchte oder nicht fürchte, und Keiner hoffte so lange zu leben, bis er wegen seiner Verbrechen vor Gericht gestellt und gestraft würde; vielmehr sah er eine bereits fest verhäugte und viel größere Strafe über seinem Haupte schweben, und bevor diese hereinbreche, sei es doch billig, daß man seines Lebens noch in etwas genieße.
- 2.54.1
In solchem Elend lebten die bedrängten Athener: in der Stadt starben die Menschen dahin, und draußen wurde ihnen das Land verwüstet. In dieser Noth erinnerten sich auch, wie leicht zu denken, die älteren Leute des Wahrspruchs, der vor Zeiten sollte gegeben worden sein:
- 2.54.2
430 v. „Kommen wird einstmals dorischer Krieg lind mit ihm die Seuche." Hierüber entstand nun ein Streit unter den Leuten, es habe in dem von den Alten überlieferten Wahrspruch nicht geheißen „die Seuche" (loimos), sondern „der Hunger" (liinos); unter den gegenwärtigen Umständen siegte aber natürlich die Meinung, es habe geheißen, „die Seuche." Denn das Gedächtnis; der Menschen war willig, sich nach tem gegenwärtigen Leiden zu richten, und ich glaube, wenn später wieder einmal ein dorischer Krieg käme und dabei eine Hungersnoth ansbräche, so würde man ganz gewiß die Weissagung danach zustutzen. Wem aber die Sache bekannt war, der erinnerte sich auch des den Lakedämoniern gegebenen Götterspruches, als ihnen damals, da sie den Gott befragten, ob sie den Krieg anfangen sollten oder nicht, zur Antwort wurde: wer mit Macht den Krieg betreibe, dessen werde der Sieg sein, und dem werde auch der Gott selbst beistehen; — und diese urtheilten nun, daß das Eingetroffene der Weissagung ganz entspreche, denn gleich nach dem Einfalle der Peloponnesier fing auch die Seuche an, und im Peloponnes trat sie nicht so auf, daß es der Rede werth gewesen wäre, sondern wüthete grade am ärgsten in Athen, und dann später auch in den volkreichsten anderen Städten. Das ist's, was von der Pest zu berichten war.
- 2.55.1
Die Peloponnesier nun, nachdem sie das flache Land verwüstet, zogen sich nach der Landschaft, welche das Seeland genannt wird, bis nach Laurion hinab, wo die Athener ihre Silbergruben haben, und verheerten zuerst die Seite, welche gegen den Peloponnes hin schaut, und dann die, welche gegen Enböa und Andros gekehrt ist. Perikles aber, der auch für dies Jahr Feldherr war, blieb bei seiner Meinung, daß die Athener nicht aus der Stadt gehen dürften, um jene anzugreifen, wie auch während des ersten Einsalles.
- 2.56.1
Während jene aber noch in der Ebene lagen, und bevor sie sich nach dem Seelande gezogen hatten, rüstete er eine Flotte von hundert Schiffen zum Augriff auf den Peloponnes, und als sie nun bereit war, ging er unter Segel. Aus diesen Schiffen führte er 4000 athenische Schwerbewaffnete und drei Hundert Reiter auf Fahrzeugen, die damals aus alten Schiffen zum ersten Male für Pferde eingerichtet worden waren. Die Chier und Lesbier schifften mit fünfzig Segeln mit. Als diese Unternehmung der Athener abging, ließ sie die Pelo ponnesier im Küstengebiet von Attika zurück. Im Peloponnes lan deten sie bei Epidauros und verheerten weithin das Land, griffen auch die Stadt an, und es hatte zwar den Anschein, als ob sie dieselbe würden nehmen können, aber es gelang ihnen nicht. Von Epidauros schifften sie weiter und verheerten das Gebiet von Tränen, Halias und Hermione, lauter Städte, an der peloponnesischen Küste gelegen. Von da gingen sie wieder unter Segel und kamen nach Pyrajla, einem Lakedämonischen Seestädtchen, verwüsteten das Land, nahmen das Städtlcin und zerstörten es. Nachdem sie dies ausgerichtet, kehrten sie nach Hause zurück, trafen aber die Peloponnesier nicht mehr ans attischem Boden, sondern bereits abgezogen.
- 2.57.1
Während der ganzen Zeit, als die Peloponnesier auf attischein Gebiet waren und die Athener aus den Schiffen, würgte die Seuche die Athener sowohl ans der Flotte als in der Stadt, so das; auch behauptet wurde, die Peloponnesier hätten das Land schneller geräumt aus Furcht vor der Krankheit, deren Austreten in der Stadt sie durch Ueberläufer erfuhren, während sie auch selbst die mit dem Begraben Beschäftigten sehen konnten. Doch waren sie bei dem diesjährigen Einfalle die längste Zeit im Land geblieben, denn ihr Aufenthalt auf attischem Boden hatte ungefähr vierzig Tage gewährt.
- 2.58.1
Noch in demselben Sommer nahmen Hagnon, Sohn des Nikias, und Theopompos, des Kleinias Sohn, die Mitseldherrn des Perikles, dieselben Schiffe, mit welchen dieser seine Unternehmungen ausgeführt hatte, und zogen gegen die Chalkidier an der thrakifchen Gränze und gegen Potidäa, das immer noch belagert wurde. Als sie gelandet waren, ließen sie ihr Sturmzeug gegen Potidäa spielen und suchten die Stadt ans jegliche Weise zu nehmen. Aber es gelang ihnen weder die Einnahme derselben, noch hatten sie sonst einen Erfolg, der ihre Rüstung gelohnt hätte. Denn die mitgebrachte Krankheit bedrängte hier die Athener aus's Aergste und lichtete ihre Reihen, ja auch die alten Belagerungstrnppen, die bis dahin gesund gewesen waren, wurden durch die Mannschaft des Hagnon angesteckt. Phormion mit seinen sechzeynhundert Mann stand nicht mehr im Gebiet der Chalkidier. So kehrte nun Hagnon mit den Schissen nach Athen zurück, nachdem er in ungefähr vierzig Tagen von vier Tausend Schwerbewaffneten fünfzehn Hundert durch die Seuche verloren hatte. Die 430 v. Chr. alte Truppe aber bli.b am Platz, die Belagerung von Potidäa fortzusetzen.
- 2.59.1
Nach dem zweiten Einfalle der Peloponnesier fingen die Athener an, anderes Sinnes zu werden, da ihr Land nun schon zum zweiten Male verheert worden war, und mit dem Kriege auch die Seuche sie bedrängte. Sie klagten den Perikles an, daß er sie zum Kriege beredet habe, und durch sein Verschulden sei so viel Unglück über sie gekommen; und mit den Lakedämoniern hätten sie sich gerne verglichen. Auch schickten sie wirklich Gesandte dahin, aber ohne etwas auszurichten. Jetzt waren sie durchaus unschlüssig und hörten nicht aus dem Perikles zuzusetzen. Da er nun sah, wie sie die gegenwärtige Lage unwillig ertrugen, und sich ganz so benahmen, wie er es im Voraus vermuthet hatte, so berief er eine Versammlung, — denn er war noch Feldherr, — um ihnen Muth einzusprechen, ihren Unwillen abzuleiten und sie gemäßigter und vertrauensvoller zu stimmen. Er trat also auf, und redete wie folgt:
- 2.60.1
„Euer Unwille gegen mich kommt mir nicht unerwartet, denn ich kenne dessen Ursachen, nnd deshalb habe ich die Volksversammlung berufen, um euch zur Rede zu setzen nnd zurechtzuweisen, wenn ihr mir mit Unrecht zürnt oder feige vor dem Mißgeschick weichet. Denn ich bin der Meinung, daß ein Staat, der im Ganzen sich wohlbefindet, den einzelnen Bürgern viel mehr zu nützen vermag, als ein solcher, dessen einzelne Bürger alle wohlhabend sind, mit dem es aber im Ganzen schlecht steht Denn geht es auch dem einzelnen Manne für sich noch so gut, so ist er beim Untergange des Vaterlandes doch mit verloren, geht es ihm aber schlecht, so hat er in einem glücklichen Staate viel mehr Gelegenheit sich aufzuhelfen. Wenn nun also der Staat im Stande ist, das Unglück Einzelner zu übertragen, jeder Einzelne aber für sich unfähig ist. das des Staates zu übertragen, sollen dann nicht Alle für ihn einstehen und das vermeiden, was ihr jetzt thut, daß ihr euch durch häusliches Unglück so weit verwirren lasset, das gemeinsame Wohl ganz außer Augen zu lassen, und auf mich, der ich den Krieg veranlaßt habe, und auf euch selbst, die ihr mit dafür gestimmt habt, unwillig zu sein? Und einem Manne zürnet ihr, der doch in Erkenntnis; dessen, was nöthig ist, und in der Kunst, es auseinanderzusetzen, Niemanden nachsteht, der sein Vaterland liebt und über Gewinnsucht erhaben ist! Denn wer zwar Einsicht hat, aber Andere nicht belehren kann, der ist gerade so gut, als wenn er kein Verständnis; hätte; wer aber beides hat und dabei dem Staate nicht treugesinnt ist, der kann wohl auch nichts Vortheilhaftes vorbringen ; und wer auch das Dritte noch dazu besitzt, vom Gelde aber bestochen wird, der würde für dies Eine Alles Andere zu verkaufen bereit sein. Wenn ihr also damals meiner Aufforderung zum Kriege nachgabt, weil ihr der Ansicht wart, daß ich jene Eigenschaften auch nur in mäßig höherem Grade als Andere besitze, so kann ich jetzt wohl eure Beschuldigungen als ein Unrecht gegen mich zurückweisen."
- 2.61.1
„Wenn Einer, der sonst im Glücke ist, die freie Wahl hat, so ist es eine große Thorheit, den Krieg zu wählen; wenn aber keine andere Wahl da ist, als durch Nachgeben sich dem Fremden zu unterwerfen oder mit der Gefahr des Kampfes den Sieg zu suchen, so ist der, welcher die Gefahr meidet, schlechter als wer sich ihr stellt. Ich für mein Theil bin derselbe geblieben und ändere meine Grundsätze nicht, ihr aber wechselt eure Gesinnungen; denn als ihr im Glücke wäret, ließt ihr euch von mir überreden, und nun, da ihr Verluste erlitten habt, wandelt euch Neue an, und nur in eurer eigenen Gesinnungsschwäche erscheint euch meine Ansicht als unrichtig, weil für Verluste Jeder im Augenblicke Empfindung hat, Alle zusammen aber keine Vorstellung von dem zukünftigen Nutzen. Tritt ein bedeutender Umschwung ein, und dazu noch plötzlich, so ist eure Denkart zu niedrig, als daß ihr aus dem beharrtet, was ihr für gut erkannt habt. Denn was plötzlich und unvorhergesehen und ganz und gar gegen alle Erwartung eintritt, das beugt den Muth nieder; und das ist euch, wie bei andern Dingen, so auch vorzüglich bei der Pest geschehen. Und doch solltet ihr, als Bürger einer großen Stadt und in den entsprechenden Gesinnungen auferzogen, auch den größten Unfällen die Stirne bieten und eure Würde nie verläugnen, — denn mit gleichem Rechte tadeln die Menschen denjenigen, der aus Feigheit hinter ererbtem Ruhme zurückbleibt, als sie den hassen, der frechmüthig nach dem Ruhme greift, der ihm nicht gebührt. Ihr solltet also eigene Unfälle verschmerzen und nur das Ganze zu retten streben."
- 2.62.1
„Was aber die Anstrengungen des Krieges wegen betrifft, von denen ihr besorgt, daß sie zu groß für uns werden, und wir vielleicht doch nicht Sieger bleiben möchten, so muß euch das genügen, wodurch ich euch schon früher ost gezeigt habe, daß eure Furcht ungegründet ist. Ich will aber jetzt den Punkt aushellen, den ihr mir weder selbst jemals recht zu bedenken schienet, nämlich die Größe eurer wirklichen Macht, und über den auch ich in meinen früheren Reden nicht gesprochen habe. Und auch jetzt würde ich ihn nicht hervorziehen, da es zu sehr den Anschein der Prahlerei hat, wenn ich euch nicht ganz über alle Gebühr niedergeschlagen sähe. Ihr glaubet nämlich, daß ihr nur über eure Bundesgenossen herrschet; ich aber sage, daß von den zwei Gebieten, auf denen man sich bewegen muß, Land und Meer nämlich, ihr das eine ganz und gar bherrschr, so weit ihr bis jetzt reicht, und noch weiter, wenn ihr nur wollt. Es gibt heute Niemanden, der eurer jetzigen Flotte die See wehren könnte, weder einen König noch auch sonst ein Volk. Es kommt also die Benutzung der Häuser und der Ländereien, mit denen ihr so gar viel verloren zu haben glaubt, neben dieser eurer Macht gar nicht in Betracht. Und es ist nicht in der Ordnung, daß ihr diesen Verlust so gar schwer empfindet; vielmehr solltet ihr dergleichen gering achten, wie allenfalls ein Gärtchen oder ein Prunkstück des Reichthums, und denken, daß die Unabhängigkeit, wenn wir an ihr festhaltend den Kampf überdauern, uns leicht dergleichen wiederbringen wird, daß aber, wenn wir erst Anderen gehorchen, auch der frühere Besitz seinen Werth verliert. Wir dürfen in beiden Dingen nicht schlechter fein als unsere Väter, die jenes unter Mühe und Anstrengung erworben, nicht von Andern ererbt, festgehalten und glücklich auf uns gebracht haben. Es ist aber viel schimpflicher, sich nehmen zulassen, was man hat, als beim Versuche es zu erwerben unglücklich zu sein. Und unseren Feinden müssen wir nicht nur mit hochherziger Unerschrokceuheit, sondern sogar mit Verachtung entgegen gehen. Prahlen kann auch einmal ein Feiger, wenn er, ohne die Gefahr kennen gelernt zu haben, glücklich gewesen ist, verachten aber nur der, der an einsichtigem Muthe den Feind zu übertreffen sich bewußt ist; und das ist bei uns der Fall. Auch die Kühnheit wird bei gleichem Glücke durch das Bewußtsein, auf den Gegner herabsehen zu können, sicherer gemacht; auf die Hoffnung baut das Bewußtsein weniger, denn deren Kraft zeigt sich nur in ganz un- gewisser Lage, wohl aber auf den Muth, der sich faus Kenntnis; der vorhandenen Mittel gründet, in deren vorsorglicher Beischaffung die eigentliche Kraft liegt."
- 2.63.1
„Es versteht sich aber von selbst, daß ihr die Ehre, welche unserer Stadt aus der Herrschaft erwächst, und mit der ihr alle großthut, nicht im Stiche lassen dürfet, und keine Mühe scheuen, wenn ihr nicht überhaupt das Streben nach Ehre ausgeben wollet. Auch deutet nicht, daß es bei diesem Kampfe sich nur um Eines drehe, eigene Abhängigkeit oder Unabhängigkeit, — nein, es handelt sich auch um den Verlust der Herrschaft über Andere und um die Gefahren, die der Haß mit sich bringt, welchen unsere Herrschaft uns zugezogen hat; und diese aufzugeben, dazu ist jetzt gar keine Zeit mehr, wenn es auch vielleicht unter den gegenwärtigen Umständen Einer aus Furcht und aus biedermännischer Liebe zur Unthätigkeit thun möchte. Denn eure Herrschaft ist bereits eine Zwangsherrschaft geworden, und solche an sich zu reißen gilt zwar für Unrecht, allein sie aufzugeben ist gefahrvoll. Dergleichen Leute, wenn sie irgendwo nach ihrer Weise ein freies Staatswesen hätten und ihre Mitbürger mit ihren Meinungen ansteckten, sollten ihren Staat bald zu Grunde gerichtet haben! Denn solche Unthätigkeit kann die Freiheit des Staates nicht erhalten, wenn nicht eine rührige Thatkraft daneben steht; und nicht in einem herrshcenden Staate, sondern in einem unterworfenen ist gefahrlose Dienstbarkeit von Nutzen."
- 2.64.1
„Ihr aber laßt euch von so denkenden Mitbürgern nicht zum Narren halten und hegt keinen Unwillen gegen mich, — denn ihr selbst habt mit mir den Krieg beschlossen, — wenn auch die Feinde eingefallen sind und gethan haben, was zu erwarten stand, da ihr ihnen einmal nicht nachgeben wolltet. Es ist aber über unsere Erwartung auch noch diese Seuche hinzugekommen, das Einzige, was uns in schrecklicherer Art betroffen hat, als wir Alle voraussehen konnten; und ich weiß, daß ich von einem Theil eben deshalb noch mehr gehaßt werde; aber nicht mit Recht, ihr müßtet denn auch das mir zuschreiben, wenn euch gegen Erwarten irgend ein Glück zu Theil wird. Was von den Göttern kommt, muß man mit Ergebenheit, was von den Feinden kommt, mannhaft ertragen. So wenigstens war es früher in dieser Stadt Sitte, und ihr wollt es doch nicht ab« stellen? Bedeutet, daß sie unter allen Menschen den größten Namen hat, weil sie dein Unglücke nie gewichen ist; daß sie im Kriege an Menschenleben und Anstrengungen die größten Opfer gebracht hat, und bis auf diesen Tag eine Macht erworben, deren Andenken bei den Nachkommenden nie erlöschen wird, auch wenn mir jetzt einmal etwas zurückgehen sollten, denn Alles, was entstanden ist, muß ja auch einmal niedergehen. Wir sind es, die unter den Hellenen über die größte Zahl von Hellenen geherrscht und in den schwersten Kriegen der Gesammtheit wie den Einzelnen widerstanden haben, und so haben wir diese Stadt, die wir bewohnen, in allen Stücken zur blühendsten und größten gemacht. Das Alles mag freilich der tadeln, der die Thätigkeit für den Uebel halt; wer aber etwas ausrichten will, der wird uns selbst nacheifern, und wer im Erwerben nicht so glücklich ist, der wird uns beneiden. Daß wir aber gehaßt und scheel angesehen werden unter den jetzigen Umständen, das ist das Loos noch Aller gewesen, die je über Andere zu herrschen wünshcten. Wer aber um die größten Dinge Neid auf sich nimmt, der hat das Rechte gewählt; denn Haß dauert nicht lange aus, der gegenwärtige Glanz aber und der zukünftige Ruhm lebt ewig im Gedächtniß der Menshcen. Ihr also bedenket voraus, was in der Zukunft euch Ruhm und für die Gegenwart keine Schande bringt, und nach beiden strebet jetzt schon mit allem Eifer. Mit den Lakedämoniern fanget keine Unterhandlungen an, noch dürst ihr zeigen, daß die gegenwärtigen Unfälle euch niederdrücken; denn wer vom Unglück den Muth sich am wenigsten bengen läßt und ihm mit der That am kräftigsten widerstrebt, die sind unter Staaten und unter Bürgern die besten."
- 2.65.1
Durch solcherlei Reden suchte Perikles den Unwillen der Athener gegen sich zu entkräften und ihre Gedanken von den augenblicklichen Uebeln abzuleiten. In den öffentlichen Angelegenheiten nun folgten sie seinen Worten und schickten nicht weiter mehr zu den Lakedämoniern, sondern rüsteten sich noch eifriger zum Kriege; für sich aber blieb jeder von seinen eigenen Leiden niedergedrückt: das gemeine Volk, weil es nur Weniges besessen nnd auch das noch verloren hatte, die Reichen, weil sie sich ihrer schönen Besitzungen, ihrer Häuser auf dem Lande und der kostbaren Einrichtungen beraubt sahen, und, was von Allem das Wichtigste, weil sie Krieg hatten anstatt des Friedens. Und in der That hörten sie insgesammt nicht eher aus, ihn mit ihrem Unwillen zu verfolgen, als bis sie ihn um eine Summe Geldes gestraft hatten. Wie es aber der große Haufe zu machen pflegt, so wählten sie ihn nicht lange danach wieder zum Feldherrn und übertrugen ihm alle Staatsgeschäfte; denn über das, was Jeder in seinem Häuslichen zu leiden hatte, dachten sie bereits milder, den Bedürfnissen des Staates aber glaubten sie, sei er am besten gewahcsen. Und in der That, so lange er im Frieden dem Staate vorstand, lenkte er ihn mit Mäßigung und bewahrte ihn mit sicherer Hand vor Unheil, und unter seiner Regierung erreichte er seine größte Macht. Als aber der Krieg eintrat, so zeigte es sich, daß er auch hierin die Kräfte des Staates vorher richtig geschätzt hatte. Er lebte aber während desselben noch zwei Jahre und sechs Monate, und als er gestorben war, da wurde seine Voraussicht in Betreff des Krieges erst recht erkannt; denn er hatte behauptet, wenn die Athener sich sonst ruhig verhielten, nur auf die Flotte Bedacht nähmen, während des Krieges ihre Herrschaft nicht weiter ausbreiten und die Stadt selbst keiner Gefahr aussetzen wollten, so würden sie Sieger bleiben. Sie aber wendeten dies Alles in's Gegentheil um und unternahmen aus persönlichem Ehrgeize und um des eigenen Aortheils willen andere Dinge, die mit diesem Kriege gar nicht im Zusammenhang standen, zu ihrem eigenen und ihrer Bundesgenossen Unglück, — Dinge, die, wenn sie gelangen, den Einzelnen zwar Ehre und Nutzen mehren konnten, wenn sie aber mißlangen, dem Staate für den Verlauf des Krieges zum Schaden gereichten. Die Ursache davon war, das; jener, an Ansehen und Einsicht hervorragend, unbestechlich war wie kein Anderer und die Menge durch seinen Freimuth im Zaume hielt. Er wurde nicht von jener gelenkt, sondern lenkte sie vielmehr selbst, weil er nicht durch unerlaubte Mittel zu seiner Macht gelangt war und ihnen deshalb nicht zu Gefallen reden mußte, sondern sich das Recht nahm, ihnen auch mit Leidenschaft zu widersprechen. Wenn er nun merkte, daß sie zur unrechten Zeit aus Uebermuth waghalsig werden wollten, so schlug er durch seine Reden ihre Stimmung bis zur Zaghaftigkeit nieder, und sah er sie in übertriebener Furcht, so richtete er sie wieder zur Kühnheit auf. So gab es dem Namen nach eine Volksherrschaft, in der That aber ging vom ersten Manne die Herrschaft aus. Die aber nach ihm kamen, mehr Einer mit dem Andern gleiches Ranges waren und doch Jeder der Erste werden wollten, fingen an dem Volke zu Gefallen ihm die Staatsangelegenheiten in die Hände zu geben, weshalb, wie es in einem großen und Andere beherrshcenden Staate natürlich ist, sowohl viele andere Fehler begangen wurden, als auch besonders die Seeunternehmung gegen Sicilien. Bei dieser lag aber der Fehler nicht sowohl in der Absicht rücksichtlich derer, gegen welche der Zug unternommen wurde, als vielmehr darin, daß die Unternehmer hinterher die Sache des abgegangenen Heeres nicht im Auge behielten, sondern unter lauter Ränken der Einzelnen um den Vorrang beim Volke die Kraft des Heeres todt legten und wegen der Staatsangelegenheiten zuerst unter sich selbst in Zerwürsniß geriethen. Obgleich sie nun in Sicilien sowohl ihre übrige Kriegsrnstung als auch den größten Theil der Flotte einbüßten, und auch bereits zu Haus unter ihnen Zwiespalt herrschte, so widerstanden sie doch noch drei Jahre ihren früheren Feinden und den Sikelioten noch dazu, während gleichzeitig auch die meisten ihrer Bundesgenossen zu jenen übergegangen waren und auch des Perserkönigs Sohn, Kyros, sich denselben angeschlossen hatte, der den Peloponnesiern Geld zu einer Flotte gab. Und nicht eher gaben sie nach, als bis sie durch ihre eigenen Zwistigkeiten ganz und gar herabgekommen waren. Soweit war Penkles damals noch unter der Wirklichkeit zurückgeblieben, als er voraus berechnete, daß sie im Kriege gegen die Pcloponnesier allein sehr leicht den Sieg behalten würden.
- 2.66.1
Die Lakedämonier aber und ihre Bundesgenossen gingen desselbigen Sommers mit Hundert Schiffen unter Segel gegen Zakynlhos, der Insel gegenüber von Elis. Es wohnen dort Ansiedler aus den Peloponnesischen Achaiern, und damals hielten diese zu den Athenern. Die Lakedämonische Flotte führte Tausend Schwerbewaffnete, und der Spartaner Knemos hatte den Oberbefehl. Sie stiegen an's Land und verheerten weithin die Insel; da aber jene nicht nachgaben, so schifften sie nach Hause zurück.
- 2.67.1
Gegen Ende desselben Sommers wollten Aristeus, der Korinther, und von den Lakedämoniern als Abgesandte Aneristos und ^^ikolaos und Stratodemos und der Tegeate Timagoras und mit ihnen anS persönlicher Bewegung Es auch der ArgiverPolliszum Könige nach Asien reisen, ob sie ihn vielleicht bewegen möchten, Hülfsgelder zn zahlen und mit ihnen am Kriege theilzunehmen. Auf dem Wege dahin gingen sie zuerst nach Thrakien zum Sitalkes, dem Sohne des Teres, um ihn wo möglich zu überreden, daß er von der Bundes- genostenschast mit den Athenern abfalle und ein Heer nach Potidäa schicke, wo noch die Belagerungstruppen der Athener standen. Von hier ans wollten sie dann durch jenes Vermittelung über den Hellespont zum Pharnakes, des Pharnabazos Sohn, gelangen, der sie dann weiter zum Hofe des Königs befördern sollte. Es waren aber auch gerade Gesandte der Athener bei dem Sitalkes, Learchos nämlich, Sohn des Kallimachos, und Ameiniades, des Philemon Sohn, und diese überredeten den Sohn des Teres, Sadokos, der athenischer Bürger geworden war, ihnen jene Männer in die Hände zu liesern, damit sie nicht zum Könige gelangen und der Stadt Schaden zufügen möchten , die ja zum Theil auch für ihn Vaterstadt sei. Dieser ließ sich überreden und jene aus der Reise durch Thrakien zu dem Schiffe, welches sie über den Hellespont bringen sollte, bevor sie sich einschiffen konnten, festnehmen, indem er dem Learchos und dem Ameiniades Leute mitgab, welche den Befehl hatten, ihm jene Männer auszuliefern. Tiefe nahmen die Gefangenen und brachten sie nach Athen. Als sie dort ankamen, ließen die Athener aus Furcht, Aristeus möge, wenn er ihnen entkäme, ihnen noch weiteren Schaden zufügen, — denn in der That hatte es sich gezeigt, daß er vordem wegen Potidäa's und Thrakiens Alles eingefädelt hatte, — noch an demselben Tage Alle unangehört hinrichten, obwohl sie Einiges vorbringen wollten, und in Gruben werfen. Hierdurch wollten sie das mit Gleichem vergelten, womit die Spartaner den Anfang gemacht hatten, indem sie die Kauflente von den Athenern und ihren Bundesgenossen, die mit ihren Lastschiffen die peloponnesishcen Gewässer befuhren, ergriffen, tödteten und in Gruben warfen. Und in der That hatten zu Anfang des Krieges die Lakedämonier Alles, was sie auf dem Meere ergriffen, als Feinde umgebracht, mochten sie nun Kampfgenossen der Athener sein, oder zu keinem von beiden Theilen stehen.
- 2.68.1
Uni dieselbe Zeit, gegen Ende des Sommers, zogen auch die Amprakioten mit eigener Macht und mit vielen Barbaren, die sie ausgeboten hatten, gegen das amphilochische Argos und die übrig? Landschaft Amphilochia zu Felde. Der Anfang ihrer Feindschaft gegen die Argiver hatte diese Veranlassung. Das amphilockische Argos und den ganzen Staat Amphilochia gründete nach seiner Rückkehr von Troja, da er an den Zuständen von Argos keinen Gefallen fand, Amphilochos, des Amphiaraos Sohn, am Meerbusen von Amprakia und gab ihm nach seiner Vaterstadt den gleichen Namen Argos. Diese Stadt war die größte in Amphilochia und hatte auch die reichsten Einwohner. Um viele Geschlechter später aber geriethen sie durch Unglückssälle in Bedrängniß und luden ihre amprakischen Nachbarn ein, sich unter ihnen niederzulassen, und damals lernten sie ihre jetzige hellenische Sprache von den Amprakioten, die sich unter ihnen ansiedelten; die übrigen Amphilochier aber sind Barbaren. Nach einiger Zeit nun trieben die Amprakioten die Argiver aus und nahmen die Stadt selbst in Besitz, worauf sich die Amphilochier den Akarnanern ergaben und beide die Athener zu Hülfe riefen, die ihnen den Feldherrn Phormio mit dreißig Schiffen zusandten. Nach Phormio's Ankunft nahmen sie die Stadt Argos mit Gewalt und verkauften die Amprakioten in die Sklaverei, und seitdem bewohnten Amphilochier und Akarnaner die Stadt gemeinsam. Danach kam zuerst die Bundesgenossenschast zwischen Athenern und Akarnanern zu Stande. Seiden, aber damals ihre Leute als Sklaven verkaust worden waren, nährten die Amprakioten Haß gegen die Argiver, und später unternahmen sie in diesem Kriege den eben erwähnten Zug mit eigener Macht und mit Hülsstruppen der Chaoner und anderer benachbarter Barbaren. Sie rückten vor Argos und machten sich des Landes Meister, die Stadt aber konnten sie trotz ihrer Bestürmung nicht nehmen, und so zogen sie wiederum ab und gingen ein jeder Stamm in seine Heimath. Das war es, was in diesem Sommer geschehen ist.
- 2.69.1
In dem nun folgenden Winter schickten die Athener zwanzig Schiffe in die peloponnesischen Gewässer unter Anführung des Phormio, der sich bei Naupaktos aufstellte und Wache hielt, daß von Korinth und dem Krisäischen Meerbusen weder Jemand aus- noch einsegeln konnte. Andere sechs Schiffe sandten sie unter dem Ober befehl des Melesander nc^ch Karten und Linien, damit sie in jenen Gegenden Geld eintreiben und Acht haben sollten, daß peloponnesiscke Kaperschiffe sich nicht festsetzten, um von dort aus die Fahrt der Kausmannsschiffe von Phaselis und Phönikien und dem dasigen Festlande zu beunruhigen. Als aber Melesander mit der Besatzung der athenischen Schiffe und mit Truppen der Bundesgenossen einen Einsall in die lykische Landschaft machte, so fiel er selbst, und mit ihm ging ein Theil des geschlagenen Heeres zu Grunde.
- 2.70.1
In demselben Winter vermochten die belagerten Potidäer sich nicht mehr zu halten, da die Einfälle der Peloponnesier in Attika ihnen keineswegs die Athener vom Hals schafften, ihnen selbst vielmehr die Nahrungsmittel ausgingen, und außer andern Dingen, welche die Noth zu genießen zwang, Einige sogar schon Menschensleisch gegessen hatten. Deshalb boten sie den gegen sie aufgestellen Feldherren der Aihener, Aencphon, dem Sohne des Euripides, Hestiodoros, dem Sohn des Aristokleides, und dem Phanomachos, des Kallimachos Sohn, die Hand zu einem Vergleiche. Und diese zeigten sich dazu auch willig, da sie sahen, wie ihre Truppen in der rauhen Gegend litten, und der Staat überdies schon zwei Tausend Talente auf die Belagerung ausgegeben hatte. Sie kamen nun dahin nberein, daß sie selbst mit Weib und Kind, sowie auch ihre Bundesgenossen, Jeder mit einer Gewandung, die Weiber aber mit zweien ausziehen sollten, und ein festgesetztes Stück Geld zur Wegzehrung durften sie auch mitnehmen. Unter dem Schutze dieses Vertrages nun zogen sie gegen Ehalkidike, oder wie es grade Einer einrichten konnte. Die Athener aber waren ungehalten über ihre Feldherrn, daß sie aus eigene Hand den Vertrag geschlossen, denn sie glaubten, die Stadt hätte sich doch auf Gnade oder Ungnade ergeben müssen. Später sandten sie Ansiedler aus ihrer Mitte nach Potidäa und besetzten damit die Stadt für sich.
- 2.70.2
Das ist's, was in diesem Winter geschah, und damit ging das zweite Jahr des Krieges zu Ende, welchen Thukydides beschrieben hat.
- 2.71.1
Im nächstfolgenden Sommer nun machten die Peloponnesier und ihre Bundesgenossen keinen Einfall nach Attika, sondern wendeten sich gegen Platäa. Es befehligte aber Archidamos, des Zeuxidamos Sohn, König der Lakedämonier. Tiefer ließ das Heer ein Lager schlagen und schickte sich an das Land zu verwüsten. Da sandten die Platäer allsogleich Abgeordnete an ihn und ließen ihm sagen:
- 2.71.2
„Archidamos und ihr Lakedämonier! Ihr handelt nicht recht, noch euer und der Väter, von denen ihr abstammt, würdig, indem ihr gegen das Gebiet der Platäer zu Felde zieht. Denn als Pansanias, des Kleombrotos Sohn, der Lakedämonier, Hellas von den Medern befreit hatte, im Bunde mit den Hellenen, die mit ihm die Gefahr der Schlacht theilen wollten, welche unter unsern Mauern vorfiel, brachte er auf dem Markte der Platäer dem Zeus Befreier ein Opfer, und nachdem er alle Bundesgenossen zur Zeugenschaft herbeigerufen, übergab er den Platäern ihr Land und ihre Stadt als freie unabhängige Männer zu bewohnen, und niemals sollte sie Einer ungerechter Weise, oder um sie in Botmäßigkeit zu bringen, mit Krieg überziehen; wenn es aber doch geschähe, so sollten alle die gegenwärtigen Bundesgenossen nach Kräften abwehren. Dies Vorrecht haben uns eure Väter ertheilt zur Belohnung der Tapferkeit und des Eifers, welche wir in jenen Gefahren bewiesen; ihr aber thut nun davon das Gegentheil; denn im Bunde mit den Thebanern, unseren ärgsten Feinden, kommt ihr nun, uns in Knechtschaft zu zwingen. So rufen wir denn zur Zeugenschaft die eidbewachenden Götter von damals, die Gottheiten eurer Väter und unsere heimischen und ermähnen euch, das Gebiet von Platäa nicht zu schädigen, noch die Eidschwüre zu verletzen, sondern uns unabhängig hier wohnen zu lassen, wie Pausanias uns zugestanden hat."
- 2.72.1
Auf diese Rede der Platäer antwortete Archidamos: „Was ihr sagt, ist recht, ihr Männer von Platäa, wenn nur eure Thaten zu den Reden stimmen. Wie euch Pausanias verstattet hat, möget ihr in Unabhängigkeit leben! Aber helft auch die Andern befreien, welche damals mit euch die Gefahr getheilt und den Schwur mitgeleistet haben und nun von den Athenern unterjocht sind. Ihretwegen und zur Befreiung der Uebrigen ist auch diese große Rüstung und der Krieg unternommen, und nur wenn ihr mit daran Theil nehmt, bleibt ihr recht eurem Schwüre getreu. Wollt ihr das nicht, so fordern wir euch auf, wie wir schon früher gethan: haltet euch ruhig, regiert euch selbst, stehet aber zu keinem von beiden Theilen, sondern gestattet beiden als Freundes: den Eintritt, zu Kriegszwecken aber keinem von beiden. Damit werden wir zufrieden sein."
- 2.72.2
So antwortete Archidamos. Da nun die Platäischen Abgesandten ihn angehört hatten, gingen sie in die Stadt zurück, und nachdem sie ihren Bürgern jene Worte mitgetheilt, gaben sie ihm zur Antwort, es wäre ihnen unmöglich, zu thun was er begehre, ohne die Athener zu befragen; denn ihre Weiber und Kinder wären bei jenen. Auch seien sie in Furcht wegen ihrer Stadt selbst, ob nicht etwa nach dem Abzüge der Lakedämonier die Athener kämen und ihren Schritt nicht guthießen, oder ob nicht die Thebaner wieder einen Versuch machen würden, sich ihrer Stadt zu bemächtigen unter dem Vorwande, daß sie in Betreff der Ausnahme beider Theile auch mit in den Eidvertrag eingeschlossen seien. Darauf hieß sie Archidamos gutes Muthes sein und sagte: „Uebergebt ihr nur eure Stadt und die Landhäuser uns Lakedämoniern, zeigt uns die Gränzen eurer Gemarkung, und die Bäume, und was sich sonst von eurem Besitze zählen läßt, das zählt uns zu. Ihr selbst mögt dann hinziehen und wohnen, wo ihr wollt, so lange der Krieg währt. Ist er dann zu Ende, so werden wir euch wiedergeben, was wir übernommen haben. Bis dahin werden wir es als Pfand behalten, euer Land bebauen lassen und euch einen Ertragsantheil zuwenden, von dem ihr leben könnet."
- 2.73.1
Mit dieser Antwort kehrten jene wieder in die Stadt zurück, beriethen sich mit der Bürgerschaft und sagten ihm dann, sie wollten sein Begehren zuerst den Athenern mittheilen, und wenn diese dazu riethen, so wollten sie ihm willfahren. Bis dahin, baten sie, möge er ihnen Waffenruhe gewähren und ihr Land nicht verwüsten. Er gab ihnen nun so viel Tage Waffenstillstand, als nöthig schien, um hin und her zu kommen, und verheerte ihr Land nicht. Nachdem aber die platäischen Abgesandten zu den Athenern gekommen waren und sich mit ihnen berathen hatten, kamen sie zurück und meldeten denen in der Stadt Folgendes: „Weder vordem, ihr Männer von Platäa, seit wir ihre Bundesgenossen geworden, — so sagen die Athener, — hätten sie euch in irgend einem Dinge beleidigen lassen, noch auch würden sie jetzt ruhig zusehen, sondern nach Kräften zu Hülfe ziehen. Sie ermähnen euch bei den Eiden, die unsere Väter geschworen haben, an der Bundesgenossenschaft Nichts zu ändern."
- 2.74.1
Aus diese Meldung der Boten hin faßten die Platäer Beschluß, sie wollten die Athener nicht ausgeben, sondern sich lieber auch die Verheerung ihres Landes gefallen lassen, wenn es sein müßte, und auch sonst mit ansehen und dulden, was kommen sollte; hinausgehen aber dürfe Keiner mehr, sondern von der Mauer herab wolle man antworten, daß es unmöglich sei zu thun, wie dieLakedämonier begehrten. Als sie nun diese Antwort ertheilt hatten, so rief König Archidamos die Götter und Helden des Landes zu Zeugen aus und sprach: „Ihr Götter alle, die ihr im Land der Platäer waltet, und ihr Herden, wisset, daß diese zuerst den beshcwornen Bund verlassen haben, und wir im Anfang darum nicht Unrecht thaten, als wir in dies Land kamen, in welchem auch unsere Väter zu euch gebetet und über die Wieder gesiegt haben, indem ihr gewährtet, daß es für die Hellenen ein glückbringendes Schlachtfeld sei; noch auch werden wir Unrecht thun, was wir nun weiter unternehmen; denn wozu wir sie ost und nach Billigkeit aufgefordert, konnten wir nicht erlangen. So gewähret nun, daß das Unrecht an denen gestraft werde, die es begonnen, und daß die Genugthuung finden, welche nach dem Gesetze zur Ahndung schreiten."
- 2.75.1
Nachdem er so die Götter angerufen hatte, schritt er mit dem Heere zum Beginn der Feindseligkeiten und umschloß die Stadt zuerst mit einem Pfahlwerk aus abgehauenen Bäumen, daß keiner mehr heraus könne. Dann schütteten sie einen Wall gegen die Stadt auf, in der Hoffnung, die Stadt werde bald genommen sein, da ihrer im Heere so viele Arbeiter seien. Dann hieben sie Bäume aus dem Kithäron und verbauten damit den Wall auf beiden Seiten, indem sie statt Manerwänden kreuzweis durch einander gebogenes Holzwerk anbrachten, damit nicht zu viel Erde abrutsche. Auch Reisig, Steine, Erde und was sonst förderlich sein konnte, wurde zugetragen. Sie arbeiteten aber an diesem Wall siebenzig Tage und Nächte ununterbrochen, indem sie sich zur Ausrast ablösten, so daß die Einen zutrugen, während die Andern Schlaf und Speise genossen. Die lakedämonischen Anführer der Bundestrnppen standen aber auch dabei und trieben mit zur Arbeit. Wie nun die Platäer sahen, das; der Wall immer höher emporstieg, setzten sie ein hölzernes Thurmgestell zusammen, stellten es auf die Mauer, da wo der Wall gegen dieselbe aufgeschüttet wurde, und bauten es mit Ziegeln aus, die sie von den in der Nähe niedergerissenen Häusern nahmen. Das Holzwerk daran erhielt den Bau bei gehöriger Festigkeit, so daß das Ganze trotz seiner Höhe nicht zu schwach wurde. Als Schutzdecken erhielt es Felle und Häute, so daß die Arbeiter sowohl wie das Holzwerk sicher waren, nicht von Brandpfeilen getroffen zu werden. Es erhob sich aber dieser Thurm zu bedeutender Höhe, doch nicht »nissiger stieg auch der Wall dagegen empor. Da verfielen die Platäer auf eine List: sie machten in ihre Manet, da wo der Wall an sie stieß, ein Loch und schafften die Erde vom Walle in ihre Stadt.
- 2.76.1
Als die Peloponnesier dies merkten, so faßten sie Lehm in Rohrkörbe und warfen diese in die entstandene Lücke, damit diese Masse nicht wieder durchrutschen und wie die Erde weggeschafft werden könnte. Jene, denen also hier ein Riegel vorgeschoben war, hörten damit auf, gruben aber nun einen unterirdischen Gang aus der Stadt heraus, und als sie nach ihrer Berechnung sich unterhalb des Walles befanden, so schafften sie wieder den Schutt von unten hinweg nach ihrer Seite hin. Hievon merkten die draußen lange Zeit Nichts, so daß ihr Aufschütten wenig nützte, da von unten die Masse des Walles weggeschafft wurde, und derselbe sich gegen die Lücke zu immerfort senkte. Da die Platäer aber fürchteten, bei ihrer geringen Zahl auch so Nichts gegen die Menge ausrichten zu können, so ersannen sie dazu noch Folgendes. An dem großen Thurme gegenüber dem Walle hörten sie auf zu bauen und fingen an von beiden Seiten desselben, von der niedrigen Mauer an einwärts in die Stadt eine halbmondförmige Mauer aufzuführen, damit, wenn die große Mauer genommen wäre, diese neuen Widerstand leiste, und die Feinde gegen sie einen neuen Wall aufschütten müßten und so beim weiteren Vordringen doppelte Mühe hätten, während sie überdies mehr als früher von zwei Seiten beschossen werden könnten. Zugleich mit dem Wallbau führten die Peloponnesier auch ihre Maschinen gegen die Stadt. Eine derselben wurde auf dem Walle gegen das große Thurmbauwerk aufgestellt und erschütterte dasselbe gewaltig, so daß die Platäer in Schrecken geriethen; andere arbeiteten gegen andere Punkte der Mauer; es gelang aber den Platäern, deren Stoßbalken mit Stricken aufzufangen und durch Anziehen den Stoß zu brechen. Auch befestigten sie große Balken an beiden Enden mit langen eisernen Ketten an zwei über die Mauer gelegte und über dieselbe hervorragende andere Balken und zogen sie dann nach Einer Seite schräg in die Höhe. Wenn dann der Sturmbock irgendwo angreifen wollte, so ließen sie den Balken an der lockeren Kette aus der Hand los, der dann mit großer Gewalt herabfiel und den Kopf des Stnrmbalkens abschlug.
- 2.77.1
Die Peloponnesier nun, da ihre Maschinen Nichts ausrichteten, und auch ihr Wall die Gegenbefestigung hervorgerufen hatte, wurden jetzt der Meinung, daß es mißlich sei, mit den vorhandenen Mitteln die Stadt zu nehmen, und schickten sich darum an, sie nur einzuschließen. Zuerst wollten sie es aber noch mit Feuer versuchen, — ob sie die Stadt, die nicht gar groß war, bei günstigem Winde in Brand stecken könnten. Denn sie sannen auf jedes Mittel, ohne große Kosten und ohne regelmäßige Belagerung die Stadt in ihre Gewalt zu bekommen. Sie trugen also Holzbüudel zusammen und warfen dieselben von ihrem Walle herab zuerst in die Vertiefung zwischen der Wallausschüttung und der Mauer, und, da diese durch die vielen Hände bald angefüllt war, auch sonst weiter an der Stadtmauer hin, so weit sie von der Höhe ihres Walles eben reichen konnten. Dann warfen sie oben darauf Feuerbrände mit Schwefel und Pech und zündeten so die Holzmasse an. Nun entstand eine solche Flamme, wie man bis dahin nie eine von Menschenhänden angelegt gesehen hatte. Denn daß die Bäume im Wald, vom Winde bewegt, sich an einander rieben und so von selbst in Flammen geriethen, ist freilich fch^n vorgekommen. Dies Feuer aber war furchtbar, und es fehlte nur wenig, so Hütten die Platäer, die allem Andern glücklich entgangen waren, durch dieses ihren Untergang gefunden. Denn es war eine große Strecke in der Stadt, der man nicht nahe kommen konnte, und hätte sich dazu noch ein ungünstiger Wind erhoben, woraus sich die Feinde auch Rechnung gemacht hatten, so wären sie ihrem Verderben nicht entgangen. Nun aber, heißt es, habe sich zum Glück ein Gewitter erhoben, mit starkem Regenguß, der die Flamme löschte, und so seien sie der Gefahr entronnen.
- 2.78.1
Die Peloponnesier nun, da ihnen auch dies fehlgeschlagen hatte, entließen die Mehrzahl ihrer Truppen und behielten nur einen Theil derselben zurück, um die Stadt rings herum durch eine Mauer einzuschließen, indem sie die Arbeit an der ganzen Länge derselben unter die einzelnen Städte vertheilten. Innerhalb wie außerhalb derselben wurde ein Graben gelassen, aus dem sie die Backsteine gewannen. Als dann der ganze Bau vollendet war, zur Zeit, wo der Arktur sim Sternbild des großen Bären^s in der Frühe sichtbar wird 2°), ließen sie eine Truppe zur Bewachung der halben Mauer zurück, — die andere Manerhälfte bewachten die Böotier, — zogen mit dem Heere ab und gingen dann aus einander, jeder in seine Heimat. Die Platäer hatten ihre Weiber und Kinder, die ältesten Leute und die ganze Masse des unnützen Volkes schon früher nach Athen gebracht, und von ihnen selbst hielten die Belagerung zurückgebliebene vier Hundert Mann aus, dabei achtzig Athener, und Hundert und zehn Weiber, um das Essen zu bereiten ^'). Das war ihre Gesammtzahl zur Zeit, als die Belagerung begann, und sonst befand sich Niemand in ihren Mauern, weder ein Sklave, noch ein Freier. So wurde die Einschließung von Platäa bewirkt.
- 2.79.1
Im selben Sommer und gleichzeitig mit dem Unternehmen gegen Platäa zogen die Athener mit zwei Tausend ihrer Schwerbe» waffneten und zwei Hundert Reitern zu Felde gegen die Chalkidier an der thrakischen Gränze und die Bottiäer, als eben die Halmfrucht in Blüthe stand. Xenophon, des Euripides Sohn, befehligte selbdritt. Sie rückten vor die Stadt Spartolos im Bottiäer-Lande und verwüsteten die Getreideflur. Man hatte Hoffnung, daß eine Partei in der Stadt ihnen dieselbe in die Hände liefern werde. Da aber die Andern, die das nicht wollten, sich an Olynthos gewendet hatten, so kamen von dort Schwerbewaffnete, und was sonst noch zu einem Heere gehört, und besetzten die Stadt. Dies Heer rückte jetzt aus Spartolos zur Schlacht aus, und gegen sie stellten sich die Athener auf, nahe bei den Mauern der Stadt selbst. Die chalkidischen Schwerbewaffneten nun und einige Hülfsvölker, die bei ihnen standen, wurden von den Athenern besiegt und zogen sich nach Spartolos zurück; allein die Reiter der Chalkidier und ihre Leichtbewaffneten schlugen die beritte» nen und leichten Truppen der Athener. Jene hatten nämlich eine kleine Abtheilung leichter Schildträger aus der sogenannten Krusischen Landschaft bei sich. Eben hatte man aufgehört zu kämpfen, da kamen noch andere Leichtbewaffnete aus Olynth zu Hülfe, und als die leichten Trnppen von Spartolos dies sahen, erhöhte sich ihr Muth, sowohl wegen dieses Zuzugs, als auch weil sie eben glücklich gekämpft hatten, und griffen mit den chalkidischen Reitern und den neu angekommenen Hülfsvölkern die Athener von Neuem an. Diese zogen sich auf die beiden Abtheilungen zurück, welche sie bei dem Gepäck gelassen hatten. So oft nun die Athener von hier aus sich zum Angriff wendeten, wichen jene; zogen sich aber die Athener zurück, so blieben sie ihnen ans den Fersen und schleuderten Wurfspieße in ihre Reihen. Die chalkidischen Reiter blieben ihnen zur Seite und sprengten an, so oft es die Gelegenheit gab, und sie vorzüglich brachten die Athener in Verwirrung, trieben sie zur Flucht und verfolgten sie eine gute Strecke. Die Athener flohen nach Potidäa, brachten später unter dem Schutze eines Vertrages ihre Todten ein und kehrten dann mit dem Reste des Heeres nach Athen zurück. Gefallen waren von ihnen vier Hundert und dreißig und darunter die sämmtlichen Oberfeldherrn. Die Chalkidier aber und Bottiäer errichteten ein Siegeszeichen, sammelten ihre Todten und zerstreuten sich dann in ihre Städte.
- 2.80.1
Im Laufe desselben Sommers, nicht lange nach diesen Vorfällen, wollten die Amprakioten und Chaoner ganz Akarnanien sich unterwerfen und den Athenern abwendig machen und überredeten die Lakedämonier, aus Bundesmitteln eine Flotte zu rüsten und Tausend Schwerbewaffnete nach Akarnanien zu werfen. Wenn die Spartaner, sagten sie, mit Landtrnppen und mit Schiffen kämen, so daß dadurch die Akarnanier des Binnenlandes verhindert wären, zu Hülfe zu kommen, so könnten sie leicht Akarnanien besetzen und von hier aus auch die Inseln Zakynthos (Zante) und Kephallenia in ihre Gewalt bekommen, und dann könnten auch die Athener nicht mehr wie früher den Peloponnes umschiffen; vielleicht könne man sogar Naupaktos wegnehmen. Die Lakedämonier ließen sich bereden und schickten den Knemos, der noch Befehlshaber der Flotte war, und die Schwerbe waffneten auf wenigen Schiffen sogleich ab; der Flotte befahlen sie allsogleich nach vollendeter Ausrüstung gen Leukas zu segeln. Den meisten Eifer für die Amprakioten zeigten die Korinther, deren Pslanzvolk jene waren. Die Schiffe von Korinth nun und Sikyon und den andern dortigen Plätzen waren noch m der Ausrustung begriffen, die von Leukas aber und Anaktorion und Amprakia waren schon am Platze und warteten bei Leukas. Knemos und seine Tausend Schwerbewaffneten waren übergefahren, ohne daß Phormio, Befehlshaber der zwanzig attischen Schiffe, die bei Naupaktos aus Wache standen, es bemerkt hätte, und trafen nun sogleich ihre Anstalten zum Landfeldzuge. Bei ihm waren von Hellenen Amprakioten, Leukadier und Anaktorier und die Tausend Peloponnesier, die er selbst führte; von Barbaren Tausend Chaoner, welche keinen König haben; ihre Anführer, welche immer auf ein Jahr aus dem herrschenden Geschlecht gewählt werden, waren Photyos und Nikanor. Mit den Chaonern zogen auch Thesproter zu Felde, die ebenfalls nicht unter königlicher Herrschast stehen. Die Molofser und Atintaner führte Sabylinthos, Vormund des Königs Tharyps, der noch ein Kind war; die Paraväer ihr König Oroidos; Tausend Orestier, deren König Antiochos ist, standen mit des Antiochos Erlaubniß mit den Paraväern unter den Befehlen des Oroidos. Auch Perdikkas hatte, ohne daß die Athener es merkten, Tausend Makedonier abgeschickt, die aber zu spät kamen.
- 2.80.2
Mit diesem Heere setzte sich Knemos in Marsch, ohne die Flotte von Korinth abzuwarten. Durch ^das amphilochische^ Argos ziehend, verwüsteten sie den offenen Flecken Limnäa. Dann zogen sie gegen Stratos, die größte Stadt Akarnaniens, in der Meinung, daß Alles übrige ihnen leicht zufallen würde, wenn sie erst diese genommen hätten.
- 2.81.1
Als die Akarnanier erfuhren, daß ein starkes Landheer eingefallen und auch eine feindliche Flotte zu erwarten sei, eilten sie sich einander nicht zu Hülfe, sondern vertheidigten eine jede Gemeinde sich selbst und sandten indessen zu Phormio mit der Bitte, er möge zu Hülse kommen. Dieser aber ließ sagen, er könne jetzt unmöglich Naupaktos unbeschützt lassen, da eine Flotte von Korinth abzusegeln im Begriffe sei. Die Peloponnesier nun und ihre Bundesgenossen marschirten in drei getrennten Abtheilungen gegen die Stadt der Stratier, um in der Nähe ein Lager zu schlagen und, wenn dieselben nicht gütlich mit sich reden ließen, die Festigkeit ihres Ortes ernstlich zu erproben. In der Mitte marshcirten die Chaoner und die übrigen Barbaren, rechts von ihnen die Leukadier, Anaktorier und wer mit ihnen war, und links Knemos mit den Peloponnesiern und Amprakioten. Diese Abtheilungen trennten große Zwishcenränme, und manchmal konnten sie sich einander gar nicht sehen. Die Hellenen nun marshcirten in Reih und Glied und mit aller Vorsicht, <>is sie an einem geeigneten Orte ihr Lager geschlagen haben würden. Die Chaoner aber, voller Selbstzuversicht, wie sie denn auch unter den dortigen Festländern für die streitbarsten gehalten werden, brachten es nicht über sich, erst ein Lager zu schlagen, sondern stürzten mit den andern Barbaren eiligst vorwärts, in dem Glauben, sie würden die Stadt im ersten Anschrei nehmen und sie allein den Ruhm davon haben. Die Stratier aber erhielten davon Wind und dachten, wenn sie über diesen vereinzelten Haufen gesiegt hätten, so würden die Hellenen nicht mehr gleich muthig gegen sie vorgehen. Deshalb legten sie in der Umgebung der Stadt Hinterhalte, und als jene nahe genug waren, rückten sie zu gleicher Zeit aus der Stadt heran und brachen aus den Hinterhalten hervor. Da hiedurch die Chaoner in Verwirrung geriethen, so verloren sie viele von ihren Leuten, und als die andern Barbaren sie weichen sahen, so hielten sie nicht mehr Stand, und Alles wandte sich zur Flucht. Von diesem Gefechte hatte keine der beiden hellenischen Abtheilungen etwas gemerkt, weil die Barbaren zu sehr vorausgeeilt waren nnd die Hellenen glaubten, jene beeilten sich, um ein Lager zu schlagen. Da aber jetzt die Barbaren fliehend herbeistürzten, so nahmen sie dieselben aus, vereinigten ihr Lager und blieben den Tag über ruhig an jenem Orte stehen, da die Stratier nicht mit ihnen handgemein wurden, weil die übrigen akarnanischen Hülsstruppen noch nicht zu ihnen gestoßen waren. Doch beunruhigten jene sehr durch Schleuderwürfe aus der Ferne und brachten sie dadurch in große Verlegenheit, da sie ohne volle Waffenrüstung sich nicht vom Fleck entfernen dursten. Denn die Akarnanier werden für die geschicktesten Schleuderer gehalten.
- 2.82.1
Als es Nacht geworden war, zog sich Knemos in aller Eile mit dem Heere auf den Fluß Anapos zurück, der von Stratos achtzig > Stadien entfernt ist. Die Todten ließ er des folgenden Tags unter dem Schutze eines Waffenstillstands abholen, und da die Oiniaden als Freunde zu ihm gestoßen waren, so zog er sich aus ihr Gebiet zurück, bevor noch die Verstärkung der Akarnaner eingetroffen war; und von da aus gingen sie auseinander, Jeder in seine Heimat. Die Stratier aber errichteten ein Siegeszeichen wegen des Gefechtes mit den Barbaren.
- 2.83.1
Die Flotte von Korinth und den übrigen Bundesgenossen im krisäischen Busen, welche hätte zu Knemos stoßen sollen, damit die vom Meere landeinwärts wohnenden Akarnanier nicht zu Hülfe kommen konnten, war nicht eingetroffen, sondern in denselben Tagen mit dem Gefecht bei Stratos wurde sie zu einem Seekampfe mit Phormio und den zwanzig athenischen Schiffen gezwungen, welche bei Naupaktos aus Wache standen. Denn Phormio lauerte den an der Küste Einshciffenden außerhalb des Meerbusens auf, um sie auf offener See anzugreisen. Die Korinther aber und ihre Bundesgenossen waren bei dieser Fahrt aus einen Seekampf gar nicht gefaßt, sondern in ihrer Ausrüstung mehr auf das Land-Unternehmen gegen Akarnanien bedacht gewesen, und es war ihnen auch nicht eingefallen, daß die Athener mit ihren zwanzig Schiffen eine Seeschlacht gegen ihre sieben und vierzig wagen würden. Sie bemerkten aber jener Ansegeln erst, als sie selbst noch an der peloponnesischen Küste hinschifften, und da sie die Athener von Chalkis und dem Euenos-Flusse her in dem Augenblicke auf sie lossteuern sahen, als sie gerade im Begriffe waren, von Paträ in Achaja nach Akarnanien überzufahren, auch nicht durch die Wahl ihres Ankerplatzes während der Nacht der Aufmerksamkeit jener entgehen konnten, so wurden sie gezwungen, mitten auf der Ueberfahrt eine Seeschlacht anzunehmen^). Sie hatten je nach den Städten, die zu dem Geschwader mitgerüstet, besondere Anführer; die Korinther selbst befehligten Machaon, Jsokrates und Agatharchidas. Die Peloponnesier stellten ihre Schiffe in einem Kreise auf, den sie ausdehnten, so weit es möglich war, ohne dem Feinde das Durchsegeln zu gestatten, die Schnäbel auswärts, die Hintertheile einwärts gekehrt; ihre leichten Schiffe, die mitfuhren, stellten sie in die Mitte und dazu die fünf besten Segler, die zum Ausfall aus geringer Entfernung bei der Hand sein sollten, wenn der Feind an irgend einem Punkt angriffe.
- 2.84.1
Die Athener aber stellten ihre Schiffe in Einer Linie hintereinander und segelten im Kreise um jene herum und drängten sie so auf einen engen Raum zusammen, indem sie jene im Vorbeifahren fast streiften und immerfort Miene zum Angriff machten. Phormio hatte aber besohlen nicht anzugreisen, bevor er nicht das Zeichen gegeben habe, denn er hoffte, daß jene ihre Stellung nicht würden einhalten können wie ein Landheer, sondern daß die Kriegsschiffe eines an das andere anstoßen und auch die Lastschiffe sie belästigen würden, und wenn erst der Wind aus dem inneren Meerbusen herausblase, in dessen Erwartung er eben die Feinde umsegelte, und der sich gegen Sonnenaufgang zu erheben pflegte, so würden sie keinen Augenblick mehr Ruhe und Ordnung bewahren können; auch stehe es, glaubte er, bei ihm, anzugreifen, wann er wolle, da seine Schiffe bessere Segler seien, und jener Augenblick würde dazu der glücklichste sein. Wie mm der Wind sich erhob, und die Schiffe, die ohnedies schon beengt waren, von beiden, dem Winde und den Lastschiffen, zu gleicher Zeit bedrängt wurden, ein Fahrzeug an das andere anlief, und sie durch Stangen auseinander gestoßen werden mußten, so entstand ein großes Geschrei und vor lauter Habt-Acht!-rufen und Schelten hörten sie weder die Befehle, noch die eigenen Bootsleute. Auch waren ihre ungeübten Leute nicht im Stande, im Wellenschlage die Ruder zu handhaben, so daß die Schiffe dem Steuerruder noch weniger gehorchen konnten. Da nun gab Phormio das Zeichen, die Athener griffen an und versenkten zuerst eines der Admiralschiffe und machten danach alle andern seeuutüchtig, aus die sie nur stießen. Jene kamen in ihrer Verwirrung zu keinem Widerstande mehr, sondern flohen nach Paträ und Dyme in Achaia. Die Athener aber verfolgten sie, nahmen ihnen noch zwölf Schiffe und tödteten die Mehrzahl der Mannschaft. Dann segelten sie gen Molykrion, errichteten auf dem Vorgebirge Rhion ein Siegeszeichen, und nachdem sie dem Neptun noch ein Schiff zum Weih« gescheut gebracht, kehrten sie nach Naupaktos zurück. Auch Adie Pelo- ponnesier segelten mit dem Reste ihrer Schiffe längs der Küste aus Dyme und Paträ nach der Eleischen Schiffswerft Kyllene, und auch Knemos mit den dortigen Schiffen, welche sich mit dieser Flotte Hütten vereinigen sollen, kamen nach dem Gefecht bei Stratos nach Kyllene.
- 2.85.1
Nun schickten die Lakedämonier dem Knemos als Beistände auf die Schiffe den Timokrates, Brasidas und Lykophron mit dem Befehl, ein zweites, glücklicheres Seetreffen zu veranstalten und nicht vor so wenigen Schiffen die See zu räumen. Denn sowohl aus andern Gründen, als auch weil sie sich jetzt zum erstenmale in einem Seekampfe versucht hatten, schien ihnen das Ganze höchst ausfallend, und sie glaubten nicht sowohl, daß ihre Flotte eben deswegen den kürzeren gezogen, sondern weil Feigheit im Spiele gewesen sein müsse; die vieljährige Erfahrung der Athener gegenüber ihrer eigenen Unersahrenheit bei ihrer geringen Uebung brachten sie nicht in Anschlag. In ihrem Unwillen also schickten sie jene ab. Nach ihrer Ankunft bei Knemos legten sie den einzelnen Städten eine Schiffslieserung auf und ließen die bereits vorhandenen zum Seekampf tüchtig machen. Es sandte aber auch Phormio nach Athen sowohl die Meldung von den Rüstungen jener, als auch den Bericht über seinen Seesieg und bat, ihm in Bälde eine möglichst große Zahl von Schiffen zu senden, da er jeden Tag einer Seeschlacht gewärtig sein müsse. Diese schickten ihm auch zwanzig Schiffe, gaben aber ihrem Anführer den Befehl, erst aus Kreta zu landen. Ihr Gastfreund, der Gortynier Nikias auf Kreta, nämlich hatte sie überredet, eine Landung gegen Kydonia zu unternehmen, mit dem Versprechen, diese ihnen feindlich gesinnte Stadt ihnen in die Hände zu liefern. In der That aber veranlaßte er sie hiezu den Polichnitern zu gefallen, den Gränznachbarn der Kydonier. Jener Anführer nun kam mit den zwanzig Schiffen nach Kreta und verheerte im Vereine mit den Polichnitern das Gebiet der Kydonier, mußte aber dann wegen der Stürme und Unsee geraume Zeit da« selbst verweilen.
- 2.86.1
Die Peloponnesier in Kyllene nun hatten, während die Athener auf Kreta zurückgehalten wurden, ihre Rüstungen zu einer Seeschlacht vollendet und segelten jetzt nach Panormos in Achaia, wohin bereits das peloponnesische Landheer zu ihrem Beistande marschirt war. Auch Phormio segelte nach dem molykrifchen Rhion und ging außerhalb desselben mit den zwanzig Schiffen vor Anker, mit denen er auch die erste Seeschlacht geliefert hatte. Dies Rhion war nämlich das den Athenern freundlich gesinnte; das andere liegt grade gegenüber im Peloponnes. Die Entfernung zwischen beiden zur See betrügt ungefähr sieben Stadien, und hier eben ist die Mündung des krisäischen Meerbusens. Bei dem achäifchen Rhion also, das von Panormos, wo ihr Landheer stand, nicht weit entfernt ist, gingen die Peloponnesier mit sieben und siebzig Schiffen vor Anker, da sie die Athener dasselbe thun sahen. So blieben sie sechs oder sieben Tage einander gegenüber liegen, sich unterdessen zur Seeschlacht übend und vorbereitend. Die Einen gedachten ihrer früheren Niederlage und wollten sich nicht aus den beiden Rhien hinaus aus die offene See wagen, und die Andern wollten nicht in den engen Busen einfahren, in der Ueberzeugung, daß ein Kampf auf beengtem Raume jenen günstig sei. Knemos und Brafidas aber und die übrigen Feldherrn der Peloponnesier wollten die Seeschlacht so bald als möglich liefern, bevor noch Hülfe von den Athenern kommen könne: deshalb riefen sie zuerst die Soldaten zusammen, und da sie sahen, daß die Mehrzahl derselben sich vom Schrecken der ersten Niederlage noch nicht erholthatten und sich keineswegs kampfes« muthig zeigten, so suchten sie sie aufzumuntern und redeten sie also an:
- 2.87.1
„Wenn sich wegen der früheren Seeschlacht, ihr Peloponnesier, Einer von euch vor der bevorstehenden fürchtet, so hat er darin gar keinen gerechten Grund zur Furcht. Denn damals war unsere Rüstung mangelhaft, wie ihr wißt, und wir segelten nicht in Erwartung einer Seeschlacht, sondern vielmehr eines Kampfes auf dem Lande. Zufällig waren uns auch einige Glücksumstände nugünstig, und auch unsere Erfahrung reichte wohl für den Seekampf nicht aus. Von unserer Seite ist also keineswegs Feigheit an der Niederlage Schuld gewesen, und es wäre Ungerechtigkeit gegen uns selbst, wenn unser Muth, der doch keineswegs vor der Tapferkeit der Feinde gewichen ist, sondern noch viele Rechtsertigungsgründe für sich hat, sich durch das eingetretene Unglück würde Herabdrücken lasten. Vielmehr muß man glauben, daß derMensch durch die Verhängnisse des Schicksals wohl einmal unglücklich sein kann, aber deshalb, was seinen Muth angeht, doch nach wie vor mit Recht für einen tapfern Mann gehalten werde, und daß Einer bei tapferer Gesinnung aus seiner Unerfahrenheit keinen Entschuldigungsgrund der Verzagtheit machen dürfe. Ihr aber steht nicht einmal wegen mangelnder Erfahrung so weit hinter jenen zurück, als ihr sie an Kühnheit übertrefft. Die Erfahrung jener, die ihr so sehr fürchtet, wird nur, wenn sie mit Tapferkeit verbunden ist, Beisnnung genug haben, um in der Gefahr das anzuwenden, was sie gelernt hat. Ohne Muth aber ist keine Kunst m der Gefahr etwas nütze; denn Furcht benimmt die Besinnung, und Geschicklichkeit ohne Tapferkeit vermag Nichts. Setzet also der größeren Erfahrung jener euerseits kühneren Muth entgegen, und eurer Furcht wegen der früheren Niederlage den Gedanken, daß wir damals ungerüstet waren. Auch kommt euch die größere Schiffszahl zu Statten, und daß ihr an der eigenen Küste in der Nähe eurer Schwerbewaffneten die Seeschlacht liefert. Meist gehört ja der Sieg der Mehrzahl und den besser Gerüsteten. So könnten wir also auch nicht einen einzigen Grund finden, weshalb wir wahrscheinlicher Weise den Kürzeren ziehen sollten. Was wir früher schlecht gemacht haben, das kommt uns jetzt als erworbene Belehrung zu Statten. So seid also gutes Muthes, ihr Steuermänner und Schiffleute! Thue Jeder das Seine und weiche nicht von dem Platze, wohin er gestellt worden ist. Wir aber werden nicht schlechter als die vor uns Anführer gewesen sind, den Angriff leiten und werden Keinem einen Vorwand lassen, sich feig zu zeigen. Wenn es aber dennoch Einer thun wollte, so wird ihn die geziemende Strafe treffen; die Braven aber werden mit dem verdienten Lohn der Tapferkeit geehrt werden."
- 2.88.1
Solches redeten zu den Peloponnesiern ihre Anführer, ihnen Muth einzusprechen. Aber auch Phormio seinerseits, da er bemerkte, daß seinen Soldaten der Muth sank, und daß sie unter einander zusammentraten und wegen der Zahl der Schiffe Besorgniß äußerten, berief eine Versammlung, um ise.aufzurichten und sie anzueifern, den gegenwartigen Umständen die Stirne zu bieten. Denn auch schon früher pflegte er immer so zu reden und sie so zu stimmen, als ob keine Zahl von feindlich heransegelnden Schiffen so groß fein könne, daß sie ihr nicht gewachsen wären; und auch die Soldaten hatten seit langem ein solches Vertrauen zu sich selbst gefaßt, daß sie als Athener vor keiner noch so großen Zahl peloponnesischer Schiffs weichen zu müssen glaub- ten. Da er sie nun aber wegen dessen, was sie sahen,"doch entmukyi^gt fand, so wollte er ihnen die Zuversicht wieder wach rufen, rief sie also zusammen und sprach so:
- 2.89.1
„Weil ich sehe, ihr Soldaten, daß ihr euch vor der Menge der Gegner fürchtet, so habe ich euch zusammengerufen; denn ich bin der Meinung, daß, was nicht furchtbar sei, auch nicht gefürchtet werden darf. Jene haben, weil sie zuerst von uns besiegt worden sind, und weil sie sich selbst nicht zutrauen, uns gewahcsen zu sein, diese große Zahl von Schiffen ausgerüstet, denn sie wollen nicht als Gleicher, dem Gleichen gegenüberstehen; und wenn sie scheinbar im Vertrauen daraus gegen uns heranrücken, als ob der Muth überhaupt ihnen angeboren und natürlich sei, so hat ihr Muth keine andere Quelle, als weil sie wegen ihrer Erfahrung im Landkriege in demselben meist glücklich sind, und darum glauben sie, daß sie auch zur See dasselbe leisten werden. Wenn sie aber auch in jenem voran sind, so dürfen wir doch jetzt mit Fug den Vortheil aus unserer Seite suchen; denn an Muth übertreffen sie uns nicht, sondern weil wir beide, die einen in diesem, die andern in jenem erfahrener sind, sind wir beide auch zuversichtsvoller. Auch haben die Lakedümonier, welche bei der Führung ihrer Bundesgenossen nur ihren eigenen Ruhm berücksichtigen, . die meisten von ihnen nur wider ihren Willen in diese Gefahr geführt, denn einmal so tüchtig geschlagen, würden diese nie wieder eine zweite Seeschlacht gewagt haben. Fürchtet also ihre Kühnheit nicht. Eine viel größere Fnrcht flößet ihr jenen ein, und auch mit mehr Grund, denn ihr habt zuerst gesiegt, und sie können sich nicht vorstellen, daß ihr ihnen die Stirne bieten werdet ohne die feste Zuversicht, etwas Hervorragendes zu leisten. Denn die Meisten, wenn sie dem Gegner gewachsen sind, wie diese hier, gehen mehr im Vertrauen auf ihre Macht als auf ihren Muth dem Feinde entgegen; wer dies aber mit viel geringerer Macht thut und ohne gezwungen zu sein, der wagt die Gefahr mit großer Mutheszuversicht. Das überlegen diese wohl und fürchten uns mehr wegen des unerwarteten Auftretens als wegen der verhältnis;müßigen Rüstung. Schon manches Heer ist aus Unersahrenheit einem weniger zahlreichen unterlegen, manches auch aus Feigheit. Uns dahier fällt keines von beiden zur Last. Ich bin aber gar nicht gewillt, die Schlacht innerhalb des Meerbusens zuliefern, und werde auch nicht hineinsegeln, denn ich'sehe ein, daß es einer Ueberzahl ungeübter Schiffe gegenüber kein Vortheil für wenige, aber geübte und besser' segelnde Schiffe ist, auf engem Raum zu kämpfen. Denn man könnte weder, wie es nöthig ist, zum Anlauf mit dem Schiffsschnabel kommen, da man wegen der weiten Entfernung nicht das gehörige Absehen auf den Feind hätte, noch auch sich zurückziehen, wenn man in die Enge käme. Die feindliche Linie zu durchbrechen wäre auch nicht möglich, und ebensowenig die Wendungen, worin ja der Vortheil guter Segler besteht, sondern man müßte nothgedrungcn aus der Seeschlacht ein Fußtruppengefecht machen lassen, und dann wäre die Mehrzahl der Schiffe im Vortheil. Dem angemessen werde ich also nach Möglichkeit die nöthigen Vorkehrungen treffen. Ihr aber haltet euch auf den Schiffen in bester Ordnung und thut genau, was euch befohlen wird, zumal der Angriff aus der Nähe geschieht, und während des Kampfes selbst haltet auf's Aeußerste ans Ordnung und Stille. Beides ist auch sonst im Kriege von Nutzen, bei einem Seekampf aber ganz besonders. Nun also wehrt euch gegen diese, wie es eurer früheren Thaten würdig ist. Um große Dinge dreht sich der Kampf: es handelt sich darum, ob ihr die Hoffnung der Peloponnesier auf eine Seemacht zu Schanden machen, oder den Athenern die Furcht um ihre Meeresherrschaft näher rücken werdet. Nochmals erinnere ich euch, daß ihr die Mehrzahl dieser eurer Gegner schon besiegt habt; der Muth geschlagener Männer aber will sich gegenüber denselben Gefahren nicht mehr zu gleicher Höhe heben."
- 2.90.1
Solche Worte sprach auch Phormio zur Ermuthigung. Die Peloponnesier aber, da die Athener nicht nach ihrem Wunsche in den Meerbusen und die Enge einsegelten, wollten sie auch gegen ihren Willen hineinbringen lind fuhren deshalb mit der Morgenröthe, je vier Schiffe in Einer Linie, an ihrer Küste hin, einwärts gegen den Meerbusen , den rechten Flügel voran, wie sie auch vor Anker gelegen waren. Aus diesen Flügel hatten sie ihre zwanzig besten Segler gestellt, damit, — wenn vielleicht Phormio in der Vermuthung, daß sie gegen Naupaktos segelten, um dieser Stadt zu Hülfe zu kommen, selbst nahe an ihnen vorübersahren sollte, — die Athener nickt über diesen Flügel hinauskommen und so ihren Angriff vermeiden könnten, sondern sich von eben diesen Schiffen müßten einschließen lassen. Wie nun jene erwartet halten, so fing Phormio, da er sie einwärts segeln sah, an, für den unbeschützten Ort zu fürchten, ließ widerwillig und in aller Eile seine Leute sich einschiffen und fuhr an der Küste hin, während das mefsenische Heer am Lande neben Herzog. Als nun die Peloponnesier sie Schiff hinter Schiff in Einer Linie auf ihren Flügel zusteuern sahen, und schon innerhalb des Meerbusens und nahe an der Küste, grade wie sie es gewünscht hatten, so machten auf ein gegebenes Zeichen alle Schiffe linksum und fuhren so schnell als möglich grade auf die Athener los, in der Hoffnung, so sämmtliche Schiffe abzufangen. Von diesen waren aber die eilf voransegelnden Schiffe bereits über den Flügel der Peloponnesier hinaus und vor dessen Wendung in die offenere See gekommen, die andern aber schnitten sie ab, trieben sie fliehend vor sich her nach dem Strand, richteten sie zu Grunde und tödteten die Athener auf ihnen, die sich nicht durch Schwimmen retten konnten. Einige von diesen Schiffen nahmen sie leer in's Schlepptau, und eines eroberten sie sammt der Bemannung. Nun eilten aber die Messenier herbei, sprangen in voller Rüstung in's Meer, erstiegen die Schiffe und vom Verdecke fechtend entrissen sie ihnen einige, die bereits im Schlepptau gingen.
- 2.91.1
Hier also siegten die Peloponnesier und gewannen die attischen Schiffe; jene zwanzig Schiffe aber, die auf ihrem rechten Flügel standen, verfolgten die eilf attischen Schiffe, welche noch vor der Wendung in die offenere See entkommen waren. Außer Einem Fahrzeuge behielten diese auch den Vorsprung nnd flüchteten in den Hafen von Naupaktos. Beim Apollotempel aber machten sie Halt, kehrten ihre Schnäbel gegen den Feind und schickten sich zur Abwehr an, wenn jene landwärts gegen sie einsegeln sollten. Etwas später kamen auch die peloponnesischen Schiffe, im Rudern den Siegesgesang anstimmend, als ob sie bereits gesiegt Hütten, und ein den andern weit vorausgeeiltes leukadisches Schiff war hinter dem Einen zurückgebliebenen der Athener her. Nun lag zufällig ein Frachtschiff auf der Höhe des Hafens vor Anker; um dieses fuhr das attische Schiff, welches den Vorsprung hatte, herum, faßte das verfolgende leukadifche Schiff in der Mitte und bohrte es in den Grund. Dieser unvorhergesehene und ganz unerwartete Vorfall machte die Peloponnesier stutzig, und da sie zugleich wegen des Sieges in aufgelöster Ordnung verfolgten, so senkten einige der Schiffe die Ruder und hielten ihren Lauf ein, was doch sehr am unrechten Orte war, da der Feind aus geringer Entfernung den Anlauf gegen sie nehmen konnte. Sie wollten nämlich die andern Schiffe erwarten; aber auch von diesen geriethen einige aus Unkunde der Oertlichkeit auf Sandbänke.
- 2.92.1
Die Athener aber, als sie dies sahen, erfüllte neuer Muth, und auf ein Zeichen stürmten sie mit einstimmigem Geschrei auf jene los. Diese aber hielten wegen der begangenen Fehler und wegen der augenblicklichen Unordnung nur kurze Zeit Stand, dann wandten sie sich zur Flucht nach Panormos, woher sie abgesegelt waren. Die Athener verfolgten und nahmen sechs der nächsten Schiffe und gewannen auch die ihrigen wieder zurück, welche jene anfangs am Strande kampfunfähig gemacht und ins Schlepptau genommen hatten. Von der Bemannung tödteten sie einen Theil und nahmen auch einige gefangen. Auf dem leukadifchen Schiffe, welches bei dem Frachtschiff versenkt worden war, befand sich auch der Lakedämonier Timokrates. Dieser erstach sich selbst, als er das Schiff untergehen sah, und sein Leichnam wurde in den Hasen von Naupaktos getrieben. Die Athener aber kehrten nun zurück und errichteten dort ein Siegeszeichen, von wo sie zum Siege ausgefahren waren, dann sammelten sie ihre Todten und die Schiffstrümmer an ihrer Küste und gaben unter einem Vertrage auch den Gegnern die ihrigen heraus. Es stellten aber auch die Peloponnesier ein Siegeszeichen auf, als ob sie gesiegt hätten, wegen der Flucht der Schiffe, die sie an der Küste kampfunfähig gemacht hatten, und auch das Eine Schiff, welches sie genommen hatten, stellten sie auf dem achäifchen Rhion neben dem Siegeszeichen auf. Darauf segelten aus Furcht vor der Hülfsflotte der Athener Alle außer den Leukadiern bei Nacht in den Krisäischen Busen und nach Korinth, und nicht lange nach dem Rückzüge dieser Schiffe kamen auch die zwanzig attischen Schiffe aus Kreta nach Naupaktos, welche dem Phormio noch vor der Seeschlacht hätten zu Hülfe kommen sollen. — Damit war dieser Sommer zu Ende.
- 2.93.1
Ehe aber die Bemannung der Flotte, welche sich nach Korinth und dem Krisäischen Meerbusen zurückgezogen hatte, aus einander ging, wollten Knemos und Brasidas und die übrigen Feldherrn der Peloponnesier zu Winters Anfang, von den Megarensern berathen. einen Versuch aus den athenischen Hafen Piräeus wagen. Derselbe war nämlich unbewacht und unvershclossen, wie leicht zu erklären, da die Athener zur See entschieden in der Uebermacht waren. Und zwar wurde beschlossen, jeder Schiffssoldat solle sein Ruder, das Bankpolster und den Ruderring nehmen und zu Fuß nach dem jenseitigen Meere gehen; dann wollten sie in aller Eile nach Megara und von dem Werst zu Nisäa vierzig Megarensische Schiffe, die eben daselbst lagen, in's Meer ziehen und sogleich nach dem Piräeus fahren; denn es stand dort weder eine Flottenabtheilung auf Wache, noch fiel es irgend Jemanden ein, die Feinde könnten so ganz unerwartet heransegeln, denn weder könnten sie, dachte man, einen offenen Angriff unbehelligt unternehmen, noch auch könnte es unbemerkt bleiben, wenn sie wirklich darauf sännen. Wie nun beschlossen worden war, so machten sie sich auch allsogleich auf den Marsch, kamen noch bei Nacht an und zogen zu Nisäa die Schiffe in's Meer, fuhren aber nicht gleich, wie sie beabsichtigt hatten, auf den Piräeus los, denn sie fürchteten Gefahr, und auch der Wind soll sie daran verhindert haben, sondern nach der Spitze von Salamis, welche gegen Megara hinschaut. Auf derselben war eine Befestigung und dabei ein Posten von drei Wachschiffen, damit die Megarenser weder aus- noch einfahren könnten. Die Befestigung nahmen sie und schleppten die leeren Dreiruderer mit sich; das übrige Salamis aber, wo sie ganz unerwartet einfielen, verheerten sie.
- 2.94.1
Nach Athen aber meldeten Feuerzeichen die Ankunft von Feinden, und es entstand darüber eine Bestürzung, nicht geringer als irgend eine während des Krieges. Denn die in der Stadt glaubten, der Feind sei schon in den Piräeus eingesegelt, und die im Piräeus dachten, Salamis sei schon genommen, und die Feinde würden nun ohne Weiteres heransegeln, was diese auch sehr leicht hätten thun können, wenn sie nicht gezaudert hätten; der Wind würde sie wohl nicht gehindert haben. Mit Tagesanbruch aber eilten die Athener insgesammt nach dem Piräeus, zogen die Schiffe in's Waffer, bestiegen sie in aller Hast und unter großem Lärm und segelten nach Salamis, nachdem sie die Fußtruppen zur Bedeckung des Piräeus aufgestellt hatten. Die Peloponnesier aber, die auf Salamis fast Alles durch- sucht und Menschen und Leute mitgeschleppt hatten, als sie die zum Entsatz Herankommenden wahrnahmen, gingen mit den drei Fahr zeugen von der Verschanzung Budoron unter Segel und fuhren eiligst gen Nisäa; denn auch ihre Schiffe, me erst seit langer Zeit wieder einmal in See gelassen worden waren und Wasser zogen, flößten ihnen Besorgniß ein. In Megara angekommen, marschirten sie wieder zu Fuß nach Korinth. Die Athener aber, da sie jene bei Salamis nicht mehr antrafen, kehrten auch zurück und sorgten von nun an besser für die Sicherheit des Piräeus, indem sie die Häfen sperrten und die sonstigen Vorsichtsmaßregeln anwendeten.
- 2.95.1
Um dieselbe Zeit, zu Winters Anfang, zog der Thrakerkömg Sitalkes, des Teres Sohn, der Odrysier, zu Felde gegen den Makedonierkönig Perdikkas, den Sohn Alexanders, und zugleich gegen die Chalkidier an der thrakischen Gränze; und dies that er sowohl um die Erfüllung einer ihm gemachten Zusage zu erzwingen, als auch um ein Versprechen zu erfüllen, das er selbst gegeben hatte. Denn Perdikkas hatte ihm eine Verheißung gemacht für den Fall, daß er ihn, der zu Anfang des Kriegs in Bedrängniß war, mit den Athenern aussöhne und seinen ihm feindlich gesinnten Bruder Philipp nicht als König in's Land zurückführe. Was er aber damals versprochen, hatte er nicht gehalten. Gegen die Athener anderseits hatte er bei Schließung des Bündnisses mit ihnen sich anheischig gemacht, den Chalkidischen Krieg an der thrakischen Gränze zu Ende zu bringen. Aus beiden Ursachen also unternahm er diesen Zug und führte Philipp's Sohn Amyntas mit sich, um ihm die Herrschaft über die Makedonier zu vershcaffen. Auch die athenischen Gesandten, die eben dieser Angelegenheit wegen bei ihm waren, und der Feldherr Hagnon begleiteten ihn. Denn auch die Athener sollten mit Schissen und möglichst viel Landtruppen gegen die Chalkidier mitwirken.
- 2.96.1
Zu diesem Zuge aus dem Odryserlande hatte er zuerst von den Thrakern diejenigen in die Waffen gerufen, welche zwischen dem Hämos ^Balkan^s und dem Rhodope-Gebirge ^Despoto-Dag^ wohnen, soweit sie eben unter seiner Herrschaft standen, hinüber bis zum Meere, dem Euxinos ^schwarzen Meeres nämlich und dem Hellespont ^Straße der Dardanellen). Darauf auch die Geten jenseits des Hämos und die übrigen Völker, so viele ihrer diesseits des Jster ^Donau^ weiter gegen den Euxinos hin wohnen. Die Geten und die Anderen in jenen Gegenden sind aber Gränznachbarn der Skythen und haben dieselbe Bewaffnung, denn Alle sind Bogenschützen zu Pferde. Auch von den freien Thrakern im Gebirge, welche Schwerter tragen und unter dem Namen der Dier meist den Rhodope bewohnen, rief er Viele zu sich. Die Einen hatte er um Sold gedungen, Andere aber gingen als Freiwillige mit. Auch die Agrianer und Lääer und die übrigen Päonischen Völker, die unter ihm standen und die Gränze seiner Herrschaft bildeten, bis zu den Graäischen Päoniern und dem Strymon-Flusse [Jskar] , der vom Skomischen Gebirge ^Witoscha^ herab durch das Gebiet der Graäer und Lääer fließt, wo schon die Gränze seiner Herrschaft gegen das Land der freien Päonier hin war. Gegen die Triballer hin, welche ebenfalls unabhängig sind, bildeten die Trerer und Tilatäer die Gränze. Diese wohnen nämlich vom Skomischen Gebirge nordwärts und erstrecken sich gegen Sonnenaufgang bis zum Oskios-Fluffe ^Jskru^. Dieser kommt aber von demselben Gebirge, auf welchem auch der Nestos ^Karasu^ und der Hebros Wariza^ entspringen. Dies Gebirg ist unbewohnt und dehnt sich weit hin, denn es schließt sich an den Rhodope an.
- 2.97.1
Es erstreckte sich aber die Herrschaft der Odryser ihrer Ausdehnung nach auf der Seeseite hin von der Stadt Abdera an bis in den Pontos Euxinos hinein und an diesem bis zur Mündung des Jster-Flusses. Diese ganze Strecke läßt sich auf dem kürzesten Wege und bei immer günstigem Winde von einem Lastschiff in vier Tagen und ebensoviel Nächten zurücklegen; zu Lande aber könnte ein Mann, der gut zu Fuße ist, aus dem kürzesten Wege von Abdera in eilf Tagen zum Jster gelangen. Das war die Erstreckung an der Seeküste; landeinwärts aber ist von Byzanz bis zu den Lääern und dem Strymonflusse, denn das ist vom Meere an gerechnet die größte Entsernung, für einen guten Fußgänger ein Weg von dreizehn Tagen. Die Steuern, welche von dem gesammten barbarischen Lande wie auch von den hellenischen Städten unter der Regierung des Seuthes bezahlt wurden, der dem Sitalkes in der königlichen Würde gefolgt war und die Abgaben auf'» Höchste gesteigert hatte, betrugen ungefähr vierhundert Silbertalente und gingen in Gold und Silber ein. Und nicht weniger als dies wurde in Geschenken an Gold und Silber gebracht, ungerechnet die Gewebe und die schlichte Leinwand und sonstiges Geräthe, und dergleichen wurde nicht nur dem Könige, sondern auch den großen Vasallen und den Adeligen der Odryser geboten. Denn diese, wie auch die übrigen Thraker, haben in ihrem Lande die persische Sitte umgekehrt, das heißt sie nehmen lieber als sie geben, und es zog dem mehr Haß zu, welcher eine Forderung zurückwies. als es dem schimpflich war, der seine Bitte verfehlte. Doch zog Einer aus dieser Sitte um so mehr Nutzen, je mehr er in Ansehen stand, denn es war gar nichts auszurichten, ohne daß man Geschenke brachte. So gelangte dies Königthum zu großem Wohlstande, denn von allen europäischen Staaten, welche zwischen dem ionischen Busen ^adriat. Meer^ und dem Euxinos liegen, war dieser an Geldeinkünften und sonstigem Reichthum der bedeutendste, obwohl er an Kriegskraft und Heereszahl den Skythen bei weitem nachstand. Denn diesen sind nicht nur die europäischen Völker nicht zu vergleichen, sondern auch in Asien gibt es kein Volk, welches einzeln für sich sämmtlichen Skythen widerstehen könnte, wenn sie unter einander einig wären. Doch halten sie in Bezug auf Einsicht und verständige Einrichtungen in den Dingen des Lebens mit Andern keinen Vergleich aus.
- 2.98.1
Als Herrscher über ein so großes Land nun rüstete Sitalkes seine Heeresmacht, und als sie nun bereit stand, brach er auf gegen Makedonien, indem er zuerst durch eigenes Gebiet und dann über das wilde Kerkine-Gebirge ^Argentaro^ zog, welches auf der Gränze der Sinter und der Päonier liegt. Durch dasselbe zog er auf der Straße, die er selbst früher durch Aushaunng des Waldes angelegt hatte, als er gegen die Päonier Krieg führte. Indem sie vom Odryser-Lande aus über dies Gebirg zogen, hatten sie zur rechten Seite die Päoniei-, zu ihrer Linken aber die Sinter und Müder. Nachdem sie es überschritten, kamen sie in die Päonische Stadt Doberos. Auf diesem Marsche hatte er keinen Abgang an Mannschaft, außer was twae Krankheit wegraffte; im Gegentheil erhielt er Zuwachs, denn von den freien Thrakern schlossen sich Viele ungerusen aus Beutelust seinem Heere an, so daß dessen Gesammtzahl aus nicht weniger als 150,000 Mann angewachsen sein soll. Davon war die Mehrzahl Fußvolk und vielleicht ein Drittheil Reiter, deren größte Zahl die Odryser selbst und nächst ihnen die Geten stellten. Vom Fußvolke waren die Schwertträger die streitbarsten, die aus dem freien Rhodope-Gebirge herabgestiegen waren; der übrige gemischte Haufe war mehr durch seine Zahl furchtbar.
- 2.99.1
In Doberos also sammelten sie sich und schickten sich an, vom Gebirge herab in das tiefer liegende Makedonien einzufallen, über welches Perdikkas herrshcte. Denn zu den Makedoniern gehören auch die Lynkester und die Elimioten und die andern Völker im Binnenlande, welche diesen verbündet und tributpflichtig sind, dabei aber ihre eigenen Fürsten haben. Das jetzige Makedonien an der Seeküste aber hatten des Perdikkas Vater Alexandros und dessen Vorsahren, ursprünglich Temeniden aus Argos, erworben und ihrer Herrschaft unterworfen, indem sie durch Waffengewalt aus Pieria die Pierer vertrieben, welche sich später am Fuße des Pangäos hin jenseits des Strymonflufses in Phagres und anderen Platzen ansiedelten, — und noch jetzt wird das Land, welches vom Fuß des Pangäos sich gegen das Meer hin erstreckt, der Pierische Grund genannt. Aus der sogenannten Landschaft Bottia aber verjagten sie die Bottiäer, welche jetzt neben den Chalkidiern wohnen. Von Päonien erwarben sie den schmalen Strich, welcher sich am Axiosflusse ^Vistritza^ auswärts bis Pella und zum Meere erstreckt, und jenseits des Axios bis zum Strymon hin besitzen sie die sogenannte Landschaft Mygdonia, aus welcher sie die Edoner ausgetrieben haben. Sie haben aber auch aus dem Gau, der jetzt Eordia heißt, die Eorder verjagt, deren Mehrzahl dabei umkam, und nur ein kleiner Theil von ihnen hat sich in der Gegend um Physka wieder angesiedelt. So auch aus Almopia die Almoper. Aber auch noch andere Landschaften haben sich diese Makedonier unterworfen, die sie jetzt noch besitzen, wie Anthemus, Grestonia und Bisaltia und viele Gaue der eigentlichen Makedonier. Das Alles nun wird Makedonia genannt, und darüber war Perdikkas, des Alexander Sohn, König, als damals Sitalkes seinen Feldzug unternahm.
- 2.100.1
Diese Makedonier nun waren nicht im Stande, sich der heranrückenden großen Heeresmacht entgegenzustellen, und zogen sich deshalb in die Burgen und festen Plätze zurück, so viele deren im Lande waren. Ihre Zahl war aber nicht gar groß, sondern erst später hat Archelaos, des Perdikkas Sohn, nachdem er König geworden, die jetzigen Festungen im Lande gebaut, grade Straßen angelegt und die sonstigen, das Kriegswesen fördernden Maßregeln getroffen, wie er denn in Verbesserung der Reiterei, der Bewaffnung und der Ausrüstung überhaupt mehr gethan hat als alle acht Könige vor ihm. — Das Heer der Thraker nun fiel aus Doberos zuerst in die Landschaften ein, welche früher die Herrschaft des Philippos gebildet hatten, und nahmen Eidomene mit Gewalt; Gortynia aber und Atalante und einige andere Plätze ergaben sich aus Zuneigung zu dem mitziehenden Amyntas, dem Sohne des Philippos, durch gütlichen Vergleich. Europos belagerten sie, konnten es aber nicht nehmen. Darauf drangen sie weiter in das übrige Makedonien vor, welches links von Pella und Kyrrhos sich erstreckt; diesseits dieser Plätze aber, nach Bottiäa und Pieria kamen sie nicht, sondern verheerten nur Mygdonia, Grestonia und Anthemus. Die Makedonier konnten gar nicht daran denken, ihnen Fußvolk entgegenzustellen, sondern nahmen Reiter von ihren binnenländischen Bundesgenossen, die bei guter Gelegenheit in geringer Zahl in den großen Heerhaufen der Thraker einbrachen, und wo sie anstürmten, konnte den tapferen Panzerreitern Nichts widerstehen; da sie aber umringt werden konnten, so geriethen sie dem vielfach überlegenen Haufen gegenüber oft in große Gefahr, so daß sie endlich Ruhe gaben, weil sie sich nicht stark genug glaubten, den Kampf mit der Mehrzahl zu wagen.
- 2.101.1
Sitalkes knüpfte nun mit Perdikkas Unterhandlungen an wegen der Dinge, die ihn zum Kriege veranlaßt hatten, und da die Athener mit der Flotte nicht ershcienen waren, weil sie nicht geglaubt hatten, daß er mit dem Heere kommen werde, sondern nur Gesandte mit Geschenken an ihn schickten, so entsandte er einen Theil seines Heeres gegen die Chalkidier und Bottiäer, trieb sie hinter ihre Mauern und verwüstete das Land. Während er nun in diesen Gegenden stand, so fürchteten die nördlichen Thessaler, die Magneter und die andern thessalischen Unterthanen und die Hellenen bis zu den Thermopylen hin, der Zug möge vielleicht auch ihnen gelten, und hielten sich deshalb gerüstet auf ihrer Hut. Es fürchteten sich aber auch die Thraker jenseits des Strymon, welche die gegen Norden sich dehnende Ebene bewohnen, Panäer und Odomunter, Droer und Dersäer; denn diese alle sind noch unabhängig. Auch bei den den Athenern feindlich gesinnten Hellenen erregte er die Besorgniß, ob er nicht, von jenen bewogen, gemäß des Bundes- vertrages gegen sie heranziehen werde. Er aber hielt unterdessen das Chalkidische und Bottische Gebiet und Makedonien besetzt und verheerte das Land, und da er Nichts von dem durchzusetzen vermochte, weshalb er den Krieg unternommen, auch sein Heer keine Nahrungsmittel mehr sand und überdies von der Kälte litt, so ließ er sich von seines Bruders Spardakos Sohn, dem Seuthes, der nach ihm der machtigste Mann war, überreden schleunig abzuziehen. Den Seuthes hatte aber heimlich Perdikkas gewonnen, indem er ihm seine Schwester mit großer Mitgift zu geben versprach. Jener also ließ sich überreden und zog, nachdem er dreißig Tage im Lande gestanden, wovon acht bei den Chalkidiern, mit dem Heere schleunig nach Haus zurück. Perdikkas aber gab später seine Schwester Stratonika wirklich dem Seuthes, wie er versprochen hatte. — Diesen Verlauf hatte der Feldzug des Sitalkes genommen.
- 2.102.1
Die Athener in Naupaktos aber unternahmen, nachdem die Flotte der Peloponnesier sich aufgelöst hatte, im Laufe des Winters unter Anführung des Phormio zur See einen Zug nach Astakos, landeten, drangen mit vierhundert athenischen Schwerbewaffneten von den Schiffen und vierhundert Mesfeniern in das Innere des Landes, trieben in Stratos, Koronta und den andern Plätzen diejenigen Bürger aus, denen sie nicht trauen zu dürfen glaubten, und kehrten dann, nachdem sie den Kynes, des Theolytos Sohn, nach Koronta zurückgeführt hatten, wieder auf ihre Schiffe zurück. Gegen Oiniadä nämlich, welches allein unter allen Akarnanern ihnen immer feindselig gewesen war, schien ein Zug des vorgerückten Winters wegen nicht mehr thunlich. Denn der Acheloos-Fluß, der vom Pindos herab durch Dolopia, das Gebiet der Agräer und Amphilocher und die Akarnanische Ebene fließt, dann seinen Lauf an der Stadt Stratos vorüber nimmt und bei Oiniadä sich in's Meer ergießt, indem er rings um die Stadt Seen bildet, macht des Wassers wegen einen Winterfeldzug schwierig. Es liegen auch von den Echinadischen Inseln die meisten Oiniadä grade gegenüber, dicht vor den Mündungen des Acheloos, so daß der Fluß, wenn das Wasser groß ist, fort und fort Land anschwemmt, und einige dieser Inseln sind bereits zum Festlande geworden, und wahrscheinlich wird es in nicht langer Zeit allen übrigen ebenso gehen. Denn die Strömung ist mächtig, wasserreich und schlammig, die Inseln aber liegen dicht bei einander und halten zusammen das angeschwemmte Erdreich auf, so daß es sich nicht zerstreuen kann, weil sie quer vor dem Flusse und nicht in einer Linie mit demselben liegen und dem Wasser keinen graden Weg in's Meer lassen. Sie sind aber unbewohnt und von geringem Umfange. Es wird auch erzählt, daß Apollo dem Alkmäon, dem Sohne des Amphiaraos, als er nach dem Morde seiner Mutter umherirrte, durch einen Orakelspruch befohlen habe, dieses Land zu bewohnen; denn, sagte er, keine Heilung seiner Gewissensqual gäbe es, bevor er sich nicht ein Land zur Wohnung gefunden, welches noch nicht von der Sonne beschienen worden und noch nicht Land gewesen sei, als er die Mutter tödtete; alle übrige Erde sei durch ihn verunreinigt. Er aber in seiner Drangsal, erzählen sie, fand nur mit Mühe diese Anschwemmung des Acheloos, und es schien ihm, seitdem er nach dem Morde der Mutter so lange umhergeirrt, genug Land angewahcsen zu sein, um als einzelner Mann darauf wohnen zu können. So siedelte er sich denn an und gewann die Herrschaft über die Gegend um Oiniadä und hinterließ von seinem Sohne Akarnan dem Lande die Benennung. So wird uns die Sage vom Alkmäon überliefert.
- 2.103.1
Die Athener unter Phormio aber kehrten von Akarnauien nach Naupaktos zurück und fuhren dann mit Frühlingsanfang nach Athen, mitführend die Freigeborenen, die sie in den Seeschlachten zu Gefangenen gemacht, und die nun Mann gegen Mann ausgewechselt wurden, und mit den Schiffen, die sie genommen hatten. So hatte dieser Winter geendet, und mit ihm war auch das dritte Jahr dieses Krieges zu Ende gegangen, den Thukydides beschrieben hat.
- 2.103.2
Druck von C. Hoffmann in Stuttgart.
- 3.0.1
Viertes Kriegsjahr: 423—27. Kapitel I—XXV.
- 3.0.2
Kap. 1. Dritter Einfall der Peloponnesier in Attika. — 2 — 6. Abfall der Insel Lesbos und Maßnahmen der Athener unter Paches. — 7. Unternehmung gegen Oeniadä und Nerikon. — 8—15. Die Mytilenäer bewegen die Peloponnesier, ihnen eine Hülfsflotte zu senden. — 16—17. Thätig- keit der attischen Flotte. Seemacht der Athener. — 18. Absperrung von Mytilene. — 19. Des Atheners Lysikles Niederlage in Karien. — 20—24. Ein Theil der belagerten Platäer schlägt sich nach Athen durch. — 25. Der Spartaner Saläthos kommt nach Mytilene.
- 3.0.3
Fünftes Kriegsjahr: 427—26. Kapitel XXVI—I^XXXVIII.
- 3.0.4
Kap. 26. Vierter Einfall der Peloponnesier in Attika. — 27 — 28. Mytilene an die Athener übergeben. — 29 — 33. Der peloponnesischen Flotte unter Alkidas vergebliche Ausfahrt. — 34. Die Athener nehmen Notion. — 35 — 36. Die Athener verurtheilen alle Mytilenäer zum Tode. Reue deßhalb. — 37 — 40. Rede Kleon's für die Hinrichtung. — 41—48. Rede des Diodotos gegen dieselbe. — 49. Mytilene gerettet. — 50. Die Atheuer senden Kleruchen nach Lesbos. — 51. Niki as erobert und befestigt Minoa. — 52. Die Platäer ergeben sich an die Lakedämonier. — 53 — 59. Vertheidigungsrede der Platäer. — 60 — 67. Der Thebaner Gegenrede. — 68. Hinrichtung der Platäer und Zerstörung ihrer Stadt. — 69. Anschlag der Lakedämonier aus Kerkyra. — 70—75. Innere Zerwürfnisse auf Kerkyra. — 76—80. Die peloponnesische Flotte vor Kerkyra. — 81. Grausamkeiten der Kerkyräer gegen einander. — 82 — 85. Allgemeine politische und sittliche Zerrüttung Griechenlands. — 86. Attische Schiffe nach Sicilien. — 87. Die Seuche abermals in Athen. — 88. Gescheitertes Unternehmen der Athener gegen Lipara.
← Previous · Next → — showing 201–300 of 2,508
Perseus Greek. CTS URN tlg0003.tlg001.1st1K-ger2. Via the Perseus Digital Library / Open Greek and Latin TEI corpora. Licence: CC BY-SA 4.0. Source.