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Geschichte des Peloponnesischen Kriegs

Perseus Greek · Perseus Greek · 2,508 sections

  1. front.1.1

    Dieser neuen Uebersetzung des großen Geschichtschreibers wünscht der Verdentscher, daß sie ihr bescheidenes Theil beitragen möge, den Schatz politischer Weisheit und richtiger Beurtheilung menschlicher Dinge, welche das Bnch auszeichnen und es zu „einem Besitzthum für alle Zeiten" mahcen, mehr und mehr auch in den Besitz unseres Volks zu bringen. Die Aehnlichkeit der Zustände in geistigen und politischen Dingen im damaligen Hellas und im heutigen Deutschland ist zwar nicht so groß, wie Viele glauben und fürchten, aber doch immer groß genug, um für unsere Gegenwart reiche Belehrung und Zurechtweisung zu bieten, und das Geschichtswerk des Thukydides ist das Buch, welches solche am reichlichsten enthält.

  2. front.1.2

    Dieser Uebersetzung liegt vorzugsweise der Text und die Texterklärung der Krüger'schen Ausgabe zu Grunde, die wohl lange Zeit ein Muster für Herausgeber griechischer Schriftsteller bleiben wird. Auch ist eine gute Zahl Anmerkungen mit hernbergenommen worden. Ueber meine Auffassung einiger schwierigen Stellen werde ich mich an einem anderen Orte aussprechen.

  3. front.1.3

    Wien, im September 1864.

  4. front.1.4

    Der Ueberjetzer.

  5. front.2.1

    Thukydides, Sohn desOlvroS, ist nach der wahrscheinlicheren Angabe im Jahr 456, nach einer andern schon 471 v.Chr. in der attischen GemeindeHalimns, Stamm Leontis, geboren. Er war vornehmer Abkunft, denn sein Vater stammte von dem Thrakerkönig Oloros ab, und demselben Geschlecht gehörte auch seine Mutter Hegesipyle an. Es ist wahrscheinlich, daß diese eine Tochter des Miltiades war, der eine Tochter des Königs Oloros zur Frau hatte, und in diesem Falle war Thukydides ein Enkel des Siegers von Marathon. Nahe verwandt mit dem Hause des Miltiades war er jedenfalls, da seine Asche im Familienbegräbnisse des Kimon beigesetzt wurde. Erzählt wird, als Knabe sei Thukydides mit seinem Vater zn Olympia gewesen und habe dort seinen Vorgänger in der Geschichtshcreibung, Herodot, das Buch vom Perserkrieg vorlesen hören. Darüber sei er begeistert in Thränen ausgebrochen, und Herodot habe zum Vater gesagt: „Oloros, die Natur deines Sohnes schwillt von Wissenstrieb." Doch wird diese Erzählung von Neueren nicht für hinreichend verbürgt gehalten. Glanblich ist, daß der Philosoph Anaxagoras sein Lehrer gewesen sei, und auch Autiphon könnte ihn wohl in der Redekunst unterwiesen haben, wie Einige berichten. Man glaubt eben Grund zu der Annahme zu haben, daß ein Schriftsteller von so gebildetem Geiste und so großer Kunst der Darstellung auch die ersten Männer seiner Zeit zu Lehrern gehabt haben müsse.

  6. front.2.2

    Gleich mit dem Beginne des Kriegs fing Thukydides an, dessen Geschichte anfzuzeichueu. Von der Pest wurde auch er befallen, als diese in den ersten Kriegsjahren Athen heimsuchte. Im achten Jahre des Kriegs wurde er Feld Herr und lag mit sieben Schiffen bei der Insel ThasoS, als Amphipolis vom Lakedämonier Brasidas bedroht wurde. An der Thrakischen Küfte zu Skapte Hyle besaß er Goldbergwerke und gehörte deßhalb zu den einflußreichsten Männern jener Gegend. Da nun die athenische Partei in Amphipolis, mehr von seinem Einflüsse auf die umwohnenden Thraker, als von seiner geringen Sckiffszahl Hülfe erwartete, so rief sie ihn herbei. Er leistete schleunigst Folge, kam aber nur eben noch zeitig genug, um wenigstens den Hafenort Eion zu retten, denn Amphipolis war bereits übergegangen. Dieser Mangel glückliches Erfolgs wurde von den Athenern mit der Verbannung bestraft, in welcher er zwanzig Jahre meist in Ländern des peloponnesischen Bundes verlebte, wohl aber auch zeitweilig in Skapte Hyle, wo später eine Platane gezeigt wurde, in deren Schatten er an seinem Geschichtswerke gearbeitet haben sollte. Aus Skapte Hyle war auch seine Frau, eine reiche Besitzerin, gebürtig.

  7. front.2.3

    Die Muße dieser Verbannung benutzte er, um den nöthigen Stoff zu seinem Geschichtswerke zu sammeln, wohl auch schon zur völligen Ausarbeitung einzelner Theile desselben. Die letzte Üeberarbeitnng kann es aber erst nach seiner Rückkehr in die Vaterstadt erhalten haben, die im I. ^04 v. Chr. in Folge eines besonderen Nückberufnngsbeschlusses stattfand. Er lebte wohl noch bis 396 v. Chr., wo ihn — wahrscheinlich zu Skapte Hyle — die Hand eines Mörders traf. Leider war damals sein Werk noch unvollendet, denn wie es uns vorliegt, umfaßt es nur die ein und zwanzig ersten Kriegsjahre. Das achte und letzte Buch ist weniger ausgearbeitet, als die früheren, weßhalb von Einigen seine Tochter als Verfasserin desselben angesehen ward").

  8. 1.0.1

    Einleitung. Kap. 1—23. Große Bedeutung des peloponnesishcen Krieges 1. — Aelteste Zustände der Hellenen und Fortschritt zur Cultur 2-8. — Trojanischer Krieg und seine Folgen 9—12. — Aufschwung des Seewesens 13. 14. — Landkriege 15. — Die Perser kommen auf. Kyros und Dareios 16. — Tyrannen in Hellas 17. — Perserkriege 18. — Verhältniß zwischen Sparta und Athen 19. — Mängel der früheren Geschichtschreibung und besonderer Charakter dieses Werkes 20—22. — Wichtigkeit und Hauptursache dieses Krieges 23.

  9. 1.0.2

    Besondere Veranlassungen zum Ausbruch des Krieges. Kap. 23—66. Krieg zwischen den Kerkyräern und Korinthern wegen Epidamnos 24—31. — Rede der Kerkyräer zu Athen 32—36. — Gegenrede der Korinther 37—43. — Athen schickt den Kerkyräern Hilfe 44. 45. — Die beiden feindlichen Flotten 46—48. — Seeschlacht und deren Folgen 49—55. — Abfall Potidäa's und Kämpfe um dasselbe 56—66.

  10. 1.0.3

    Die Lakedämonier beschließen für sich den Krieg. Kap. 67—87. Versammlung der Bundesgenossen zu Sparta 67. — Rede der Korinther 68—71. — Gegenrede der Athener 72 — 78. — Rede des Königs Archidamos 79—85. — Rede des Ephoren Sthenelaides 86. — Sparta beschließt den Krieg 87.

  11. 1.0.4

    Die eigentliche Ursache des Kriegs ist die Eifersucht Sparta's gegenüber der wahcsenden Macht Athens. Wie Athen seine Macht allmälig erwei tert hat. Kap. 88—118. Sparta's Eifersucht 88. — Athen setzt den Kampf gegen die Perser fort und wird auf des Themistokles Antrieb befestigt 89—93. — Die Bundesgenossen gehen zu Athen über 94—96. — Weitere Unternehmungen Athens gegen Eion, Skyros, Karystos, Naxos 97. 98. — Verfahren gegen seine Bundesgenossen 99. — Schlacht am Eurymedon. Thrakien 100. — Dritter messenischer Krieg 101. 102. — Megara geht zu Athen über 103. — Athener in Aegypten 104. — Krieg mit Korinth 105. 106. — Schlacht bei Tanagra 107. —Böotien, Aegina und der Peloponnes 108. — Aegypten 109. 110. — Unternehmungen Athens gegen Thessalien, Kypros, Böotien, Euböa 111—114. — Samos 115—117. — Eifersucht der Lakedämonier 118.

  12. 1.0.5

    Der Peloponnesische Bund beschließt den Krieg. Kap. 119—125. Versammlung zu Sparta 119. — Rede der Korinther 120—124. — Der Krieg wird beschlossen 125.

  13. 1.0.6

    Gegenseitige Beshcwerdeführungen. Kap. 126 bis 138. Wegen des Kylonischen Frevels 126. 127. — Wegen des Pausanias; dessen Verrath und Ende 128—134. — Wegen des Themistokles; dessen letzte Schicksale 135—138.

  14. 1.0.7

    Die Athener beschließen den Krieg. Kap. 139 bis 145. Forderungen der Lakedämonier 139. — Rede des Perikles 140—144. — Abfertigung der Lakedämonier 145. — Schluß. Kap. 146.

  15. 1.1.1

    Thukydides, Bürger von Athen, hat den Krieg der Peloponnesier und Athener beshcrieben, wie ihn beide Theile gegen einander geführt, und hat das Werk gleich beim Ausbruch des Kriegs begonnen, weil er voraussah, daß derselbe sehr bedeutend und viel merkwürdiger als alle früher geführten werden müsse ^). Er schloß dies aber, weil er Augenzeuge war, wie beide Theile, als sie ihn begannen, in den Kriegsmitteln aller Art das Höchste leisteten -), und weil er sah, daß auch alle übrigen Hellenischen Staaten sich entweder der einen oder der andern Partei bereits anschlössen, oder doch im Sinne hatten, es zu thun ^). Und in der That ist dieser Krieg für die Hellenen und einen Theil der barbarischen Völker, ja man kann fast sagen, für einen sehr großen Theil der gesamten Menschheit zu der gewaltigsten Erschütterung geworden^). Zwar war es mir wegen der Länge des Zeitraums unmöglich, eine deutliche Vorstellung von den Begebenheiten zu gewinnen, welche sich vor diesem Krieg und in noch früherer Zeit ereignet haben, aber ich schließe doch aus gewissen Anzeichen, die ich bei meinen sehr weit in die Vergangenheit zunicksteigenden Forschungen als zuverlässig erkannt habe, daß in früherer Zeit weder im Kriege, noch sonstwie Großes geschehen ist.

  16. 1.2.1

    Denn es ist offenbar noch nicht so gar lange her, daß das Land, welches jetzt unter dem Namen Hellas begriffen wird, festansäßige Bewohner hat; vielmehr zeigen sich häufige Veränderungen des Wohnsitzes: ein Jeder trennte sich leicht von seinem Wohnplatz, wenn überlegene Zahl ihn drängte. Handel nämlich gab es nicht, und weder zu Land noch zur See verkehrten die Menschen friedlich mit einander; Jeder zog nur, wessen er zum Leben nicht entrathen konnte, und suchte weder Vermögen zu erwerben, noch wandte er große Sorgfalt auf die Bebauung des Bodens; denn er konnte nicht wissen, ob nicht ein Stärkerer kommen und ihn des Seinigen berauben werde, was ohne große Mühe geschehen mochte, da die Wohnplätze nicht befestigt waren. Was er aber zur täglichen Nothdurft brauchte, durfte er hoffen sich überall leicht zu verschaffen, und so kam es ihn nicht schwer an, seinen Wohnsitz zu wechseln. Zum Besitz größerer Städte oder sonstwie zu Macht und Bedeutung konnten sie es deshalb nicht bringen. Der häufige Wechsel der Bewohner traf aber gerade immer das vorzüglichste Land, — so die Landschaften, welche jetzt Thessalien und Böotien heißen, auch den größten Theil des Peloponnes, mit Ausnahme Arkadiens ^), und wo sonst die besten Ländereien waren. Wegen der Trefflichkeit des Bodens nämlich erhoben sich Einige zu besonderem Wohlstand, und dieser erzeugte wiederum innere Unruhen, die Schwächung mit sich brachten, und zugleich fand auch die Begierde feindlicher Stämme sich besonders gereizt. Hingegen blieb Attika von der ältesten Zeit her seines geringeren Bodens wegen ohne innere Umwälzungen und behielt immer dieselben Bewohner ^). Und hierin liegt nicht der schwächste Beweis für die Behauptung, daß die übrigen griechischen Staaten grade der Wohnungsveränderungen wegen nicht zu gleicher Blüte gelangten. Wenn nämlich aus dem übrigen Hellas durch Krieg oder Aufruhr ein Theil der Einwohner vertrieben wurde, so wende- ten sich schon von Alters her grade die Ansehnlichsten unter diesen nach Athens, weil sie die dortigen Zustände für sicher hielten, nnd vermehrten als nene Bürger die Bewohnerzahl der Stadt in dem Maße, daß man später, als Attika nicht mehr ausreichte, Kolonien nach Jonien schickte ^).

  17. 1.3.1

    Auch in dem Folgenden liegt kein schwacher Beweis für die Kleinlichkeit der früheren Verhältnisse. Vor dem Trojanischen Kriege nämlich hat Hellas nichts Gemeinsames unternommen, ja es scheint mir sogar, daß dieser Gesamtname für das Vaterland noch gar nicht in Brauch war, und daß derselbe vor dem Hellen, dem Sohne des Deukalion, überhaupt nicht vorkam, sondern daß die andern Völkerschaften, vornehmlich aber die Pelasger "), dem Lande nach ihren eigenen Stammnamen Benennungen gaben. Als aber Hellen und seine Söhne IV in Phthiotis zu Macht und Ansehen gelangt waren, und auch andere Stämme sie zur Hilfeleistung in ihre Städte beriefen, so wurden auch diese letzteren für sich im gemeinen Verkehr schon mehr mit dem Namen Hellenen benannt, doch währte es freilich wohl geraume Zeit, bis er alle übrigen gänzlich verdrängen konnte. Beweis dafür ist besonders Homer. Er hat um vieles später, selbst als der Trojanische Krieg, gelebt, und doch gebraucht er den Namen Hellenen nirgends als Gesamtbezeichnnng II und legt denselben auch sonst Niemanden bei als denen, welche mit Achilleus aus Phthiotis gekommen waren ^), und die in der That mich zuerst den Namen Hellenen geführt hatten. Die Gesamtheit nennt er in seinen Gesängen bald Danaer, bald Argiver oder Achaer. Ja sogar auch das Wort Barbaren hat er nicht und zwar, wie mir scheint, eben aus dem Grunde, weil der Gegensatz zu diesem Worte, nämlich der Gesamtname Hellenen, sich noch nicht gebildet hatte.

  18. 1.3.2

    Die Hellenen nun, wie sie eben städteweise oder später auch Alle, soweit sie die gemeinsame Sprache redeten^), mit jenem Gesamtnamen bezeichnet worden sind, haben vor dem Trojanishcen Krieg aus Unmacht und ihrer Vereinzelung wegen nichts Gemeinsames unternommen, und auch diesen Zug erst gewagt, nachdem sie im Seewesen schon mehr Erfahrung gewonnen.

  19. 1.4.1

    Der Erste nämlich, von dem uns gemeldet wird, daß er eine Motte besaß, war Minos. Dieser beherrschte den größten Theil des jetzt sogenannten Hellenischen Meeres und die Kykladischen Inseln, deren Mehrzahl er auch zuerst durch Ansiedelungen bevölkerte, nachdem er die Karer vertrieben und seine eigenen Söhne zu Oberhäuptern bestellt hatte. Auch tilgte er in diesen Meeren, wie natürlich, das Seeräuberhandwerk so viel als möglich aus, damit ihm die Abgaben nm so sicherer zufließen konnten.

  20. 1.5.1

    Die alten Hellenen nämlich und wer von den Barbaren auf dem Festland die Meeresküste oder die Inseln bewohnte, nachdem sie erst einmal angefangen hatten, über See häufiger mit einander zu verkehren, verlegten sich dann auf Seeräuberei. Dabei übernahmen die Mächtigeren die Anführung, sowohl in der Absicht, sich selbst zu bereichern, als auch um den Aermeren ihren Unterhalt zu schaffen. Sie überfielen die unbefestigten, aus einzelnen Ortschaften zusammengesetzten Städte ^), raubten sie aus und zogen so aus diesem Handwerk ihren Hauptunterhalt, ohne daß übrigens auf demselben irgend ein Schimps gehaftet hätte, vielmehr war dabei eher Ruhm zu gewinnen. Dasselbe ist noch jetzt bei einigen Bewohnern des Festlandes der Fall, die einen Ruhm darein setzen, dergleichen Unternehmungen geschickt auszuführen, und auch die alten Dichter lassen überall an landende Seefahrer die Frage stellen, ob sie Räuber seien, so daß weder die, welche gefragt werden, diesen Beruf in Abrede stellen, noch auch die Fragenden einen Schimpf dareinlegen 2"). Aber auch aus dem Festland raubten sie einander aus, und bis aus den heutigen Tag noch wohnt man in vielen Gegenden Griechenlands ans die alte Weise, — so im Lande der Ozolischen Lokrer, der Aetoler und Nkarnanier nnd in den angrenzenden Theilen des Festlandes, wie denn mich den Bewohnern dieser Gegenden von dem alten Räuberhandwerk her noch die Sitte geblieben ist, in Waffen zu gehen 21).

  21. 1.6.1

    Man trug nämlich in ganz Hellas allgemein Waffen, weil die Wohnsitze unbefestigt und Weg und Steg unsicher waren, und ging darum, wie die Barbaren, auch für gewöhnlich bewaffnet. Wenn noch hent zu Tage in jenen Theilen Griechenlands dieselbe Sitte herrscht, so ist das Beweis dafür, daß in alter Zeit die gleiche Gewohnheit allgemein herrschend war. Die, welche zuerst die Waffen abgelegt und in minder strenger Lebensweise sich einer größeren Bequemlichkeit zugewendet haben, sind die Athener, und es ist nicht so gar lange her, seit in den reicheren Ständen die älteren Leute wieder aufgehört haben, aus Hang zur Weichlichkeit leinene Untergewänder zu tragen und den Haarwuchs in einem Wulst mittels goldener, als Heushcrecke» geformter Nadeln auf dem Scheitel festzuhalten^'). Bei den stammver­ wandten Jonern hat sich diese Tracht unter den älteren Leuten sehr lange erhalten. Erst die Lakedämonier führten geringere Kleidung nach jetziger Sitte ein, und bei ihnen haben sich auch in anderer Beziehung die Reichen zur Lebensweise der großen Menge bequemt^). Auch waren sie die ersten, die sich zu den Leibesübungen ganz entblößten und vor den Augen der Zuschauer entkleideten und mit Oel salbten, während früher auch bei den Olympischen Spielen die Athleten mit einem Gurt um die Schamtheile wettkümpften, und es ist erst kurze Zeit her, daß diese Sitte aufgehört hat Bei den Barbaren, und besonders den Asiaten, wenn im Faust- und Ringkamps ein Preis ausgesetzt wird, kämpfen sie auch jetzt noch mit dem Gurt bekleidet ^), wie denn Einer die Punkte, in welchen die alten Hellenen mit den Barbaren von heute gleiche Sitte und Gewohnheit hatten, leicht noch um viele vermehren könnte.

  22. 1.7.1

    Die zuletzt gegründeten Städte aber, deren Erbauer schon der Schisssahrt kundiger und an Geld und Gut reicher waren, wurden dicht am Meere angelegt und durch Mauern geschützt. Auch Landengen wählte man gern, sowohl der Leichtigkeit des Verkehrs wegen, als um den Nachbarn gegenüber möglichst im Vortheil zu sein. Hingegen sind die alten Städte wegen der Seeräuber großentheils weit vom Meer entfernt angelegt, nnd zwar sowohl die auf den Inseln, als die des Festlandes, — denn man plünderte sich gegenseitig aus, vorzüglich aber die, welche ohne Schiffsahrt zu treiben an der Küste wohnten —, und so sind sie bis auf den heutigen Tag tief im Lande gelegen.

  23. 1.8.1

    Der Seeräuberei waren aber wohl noch mehr die Inselbewohner, meist Karer und Phöniker, zugethan; denn daß diese Stämme sich auf den meisten Inseln niedergelassen haben müssen, zeigte sich, als die Athener im Verlaufe dieses Krieges die Reinigung von Delos vornahmen ^). Als man nämlich die Todtensärge von der Insel wegschaffte, fand sich, daß mehr als die Hälfte Karer gewesen seien, was an der Gestalt der mitbegrabenen Waffen und an der Begräbnißart, wie sie noch jetzt bei ihnen üblich, zu erkennen war

  24. 1.8.2

    Als aber des Minos Seemacht emporkam, hob sich auch der Verkehr zur See, denn jenes Räuber-voll räumte vor ihm die Inseln, die er meist mit Ansiedlern besetzte. Die Seeanwohner, die schon mehr Geld und Gut erwarben, wechselten jetzt auch weniger ihre Wohnsitze; einige, die reicher geworden, schützten sie sogar durch Mauern. Man strebte nach Gewinn, und deshalb begaben sich die Aermeren in den Dienst der Reicheren, und die Mächtigen, welche überlegenes Vermögen hatten, machten die geringeren Städte sich unterwürfig 27*). und dies war schon mehr der Zustand, in welchem sich die Hellenen befanden, als sie dann den Zug gegen Troja unternahmen.

  25. 1.9.1

    Auch Agamemnon scheint mir vielmehr durch seine überlegene Macht die Andern zu jenem Zuge gebracht zu haben, und nicht sowohl als der Vornehmste unter den Freiern der Helena, welche ein Eid dem Tyndareos verpflichtet hielt ^). Es erzählen nämlich auch die, welche als der durch Bekanntschaft mit der Ueberlieferung der Alten über die Peloponnefifchen Dinge am besten unterrichtet sind, daß der Ursprung der Macht des Pelops in den: Geldreichthmn zu suchen sei, mit welchem er aus Asien zu den dürftigen Eingebornen herübergekommen, und daß er eben deshalb, obgleich ein Fremder, zu der Ehre gelangte, dem Lande den Namen zu geben ^). Noch viel glücklicher seien aber seine Nachkommen gewesen. Enrystheus nämlich, der in Attika durch die Heraklideu seinen Tod fand, habe, als er in den Krieg zog, die Stadt Mykene und die Regierung der nahen Verwandtschaft wegen dem Atreus, seiner Mutter Bruder, anvertraut, welcher damals grade wegen der Ermordung des Ehrysippos vor seinem Vater flüchtig war; und da nun Eurystheus nicht mehr zurückkehrte, habe Atreus die Herrschaft über Mykene und alle Besitzungen des Eurystheus, und zwar mit der Mykener Zustimmung, an sich genommen, denn diese fürchteten die Herakliden, ihn selbst aber, der überdies dem Volke zn gefallen verstand, hielten sie für stark genug, und so seien die Pelopiden mächtiger geworden als die Abkömmlinge des Perfens Das Alles nun hat sich, wie mir scheint, auf Agamemnon vererbt, und da er überdies auch durch eine mächtige Flotte den Andern überlegen war, so hat er dieselben wohl mehr durch die Furcht, die er einflößte, zu jener Unternehmung vereinigt, als daß sie es ihm zu Liebe gethan hätten 21); denn es zeigt sich, daß er für seine eigene Person mit der größten Anzahl von Schiffen erschien und überdies noch den Arkadiern solche gestellt hat ^-). So erzählt nämlich Homer, — wenn dieser überhaupt als Gewährsmann gelten kann. Auch läßt er ihn an der Stelle, wo von der Vererbung des Scepters die Rede ist (Jl. II, 108): „Inseln viele beherrschen und sämtliche Gaue von Argos." Als festlandischer Fürst kann er aber nicht wohl über die wenigen zunächst gelegenen hinaus auch noch andere Inseln beherrscht haben, wenn er nicht im Besitz einer Flotte war. Und nach diesem Kriegszug muß man sich auch ein Bild von den vorangegangenen Zuständen machen.

  26. 1.10.1

    Wollte man aber blos aus dem Umstände, daß Mykene eine kleine Stadt war^), und daß die eine oder andere der damaligen Ortschaften jetzt nicht mehr nennenswerth ist, schließen, jener Zug sei nicht so bedeutend gewesen, wie die Dichter ihn schildern, und wie die Sage von ihm annimmt, so würde diese Ungläubigkeit aus sehr schwachen Gründen beruhen; denn nehmen wir den Fall, Lakedämon sei zerstört worden, und Nichts davon übrig geblieben als die Tempel und die Fundamente des Baurisses, so möchten wohl nach Verlauf längerer Zeit spätere Geschlechter die Erzählung vom Ruhme der Lakedämonier sehr, ungläubig aufnehmen, und doch besitzen sie zwei Fünftheile des Peloponnes und haben die Oberleitung des Ganzen und vieler auswärtigen Bundesgenossen 34). Nichtsdestoweniger möchte aber ihre Stadt ziemlich ärmlich ershceinen, da sie weder zusammenhängend gebaut ist, noch durch Tempel und kostspielige Anlagen sich auszeichnet, sondern nach alter hellenischer Art des Städtebau's aus einzelnen Dorsschasten zusammengesetzt ist^). Wenn hingegen dasselbe den Athenern geschehen sollte, so müßte man nach dem, was von ihrer Stadt zu sehen wäre, ihre Macht doppelt so groß schätzen, als sie in der That ist. Man darf also hier nicht ungläubig sein und mehr nach dem Aussehen der Städte, als nach der wirklichen Macht urtheilen wollen, sondern wir müssen annehmen, daß jener Kriegszug alle früheren an Großartigkeit übertroffen habe, hinter den jetzigen aber allerdings zurückbleibe. Darf man der Schilderung Homer's auch hierin Glauben schenken, obgleich es selbstverständlich ist, daß er als Dichter die Dinge in's Größere und Schönere ausmalt, so erscheint selbst unter dieser Voraussetzung der Zug ziemlich ärmlich. Homer erzählt nämlich, daß von den zwölfhundert Schiffen die Böotischen je hundert und zwanzig Mann führten, und die des Philoktet je fünfzig ^), wodurch er, wie mir scheint, das größte und das kleinste Maß anzeigen will; denn von der Bemannungsstärke der übrigen ist im Verzeichnis; der Schiffe keine Rede. Daß aber die ganze Bemannung der Schiffe Ruderer und streitbare Männer zugleich gewesen sind, geht aus dem hervor, was er bei Gelegenheit der Schiffe des Philoktet sagt, indem er nämlich alle Ruderer zu Bogenschützen macht. Die Zahl der außerdem Mitschiffenden war aber wohl nicht sehr groß, wenn man von den Königen nnd Kriegsbeamten absieht; denn sie interna hmen ja die Seefahrt mit vielem Ballast von kriegerischem Rüstzeug, und überdies führten ihre Schiffe kein Verdeck, sondern waren nach Art der alten Seeräuberschiffe offen gebaut. Nimmt man also das Mittel zwischen den größten und den kleinsten Schiffen, so kommt für das ganze Heer keine eben sehr große Zahl heraus, in Anbetracht daß ganz Hellas dasselbe gemeinsam stellte.

  27. 1.11.1

    Die Ursache hievon ist aber nicht sowohl im Menschen- mangel, als vielmehr in Geldarmuth zu suchen, denn wegen der schwie- rigen Beschaffung der Lebensmittel mußten sie auch die Heereszahl schwächer nehmen und konnten nur so viel Mann überführen, als sie hoffen durften, trotz dem Kriege dort erhalten zu können. Nachdem sie aber gleich nach der Landung eine Schlacht gewonnen hatten^) — und das muß geschehen sein, denn sonst hätten sie ihr Lager nicht mit einer festen Mauer umgeben können —, so zeigt sich selbst dann noch, daß sie nie mit ihrer Gesamtmacht auftraten, sondern sie beschäftigten sich zugleich auch mit dem Landbau auf dem ^thrakischen^ Chersonnes 38) und mit Seeräuberei, eben aus Mangel an Lebensmitteln. Wegen dieser Zersplitterung der Kräfte widerstanden die Trojaner um so leichter die zehn Jahre hindurch, indem sie es mit den jedesmal Zurückgebliebenen wohl aufnehmen konnten. Hätten jene aber hinreichende Vorräthe an Lebensmitteln gehabt, und hätten sie, ohne Seeraub und Landbau zu treiben, beständig mit ihrer ganzen Macht den Krieg fortgeführt, so wären sie leicht durch einen Sieg in offener Feldschlacht der Stadt Meister geworden, da sie ja auch, ohne vollzählig zu sein, mit dem grade anwesenden Theil des Heeres erfolgreichen Widerstand leisteten; und hätten sie sich zur Belagerung herbeigelassen, so würden sie in kürzerer Zeit und mit noch weniger Mühe Troja genommen haben. Allein eben des Geldmangels wegen war nicht nur Alles früher Geschehene von keiner Bedeutung gewesen, sondern selbst noch diese Unternehmung, obgleich bei Weitem namhafter als alle früheren, zeigt sich in der Wirklichkeit viel unbedeutender, als wozu der Ruf und die in unserer Zeit verbreitete dichterische Sage sie machen.

  28. 1.12.1

    Aber auch nach dem Trojanischen Kriege kommen in Hellas noch Wechsel der Wohnsitze und neue Gründungen vor, so daß sich das Land nicht ruhig und gedeihlich entwickeln konnte. Denn da die Rückkehr der Hellenen aus Troja sich verzögerte, so ereigneten sich viele Veränderungen und Ausstände in den Städten, und die Vertriebenen gründeten neue Städte. So haben z. B. die Böotier, im sechzigsten Jahre nach der Einnahme Jlions durch die Thesfaler aus ^dem thessalischen^ Arne vertrieben, das jetzige Böotien in Besitz genommen, welches vorher den Namen des Kadme'i'shcen Landes geführt hatte. Ein Böotier-Stamm war aber auch schon früher im Besitze dieses Landes gewesen und hatte sich zum Theil dem Zuge gegen Jlion angeschlos- sen 38 *). Ebenso haben im achtzigsten Jahre die Dorier, mit den Herakliden verbündet, den Peloponnes in Besitz genommen. Nachdem so Hellas nur mühevoll und nach langer Zeit zur- Ruhe und stätigen Verhältnissen gelangt war, ohne weitere Umwälzungen zu erfahren, konnte es Kolonien aussenden. Durch solche haben die Athener das Ionische Gebiet und die Mehrzahl der Inseln bevölkert, die Peloponnesier aber den größten Theil Italiens und Siciliens und einige Landschaften in anderen Theilen von Hellas. Alle diese Neugründungen aber haben erst nach dem Trojanischen Krieg stattgesunden.

  29. 1.13.1

    Von jetzt an mehrte sich der Wohlstand in Hellas, und da der Gelderwerb in größerem Maße stattfand als früher, und auch die Staatseinnahmen bedeutender wurden, so entstandest in der Mehrzahl der Städte Gewaltherrschaften der Tyrannen, — früher aber war die erbliche Königswürde, verbunden mit bestimmten Ehrengaben, herrschend gewesen^). Jetzt baute man auch Flotten in Hellas und wid- mete sich mehr dem Seewesen. Die Ersten, welche durch Umbildung des Schiffbaues der jetzigen Art und Weise am nächsten kamen, sollen die Korinther gewesen sein, und auch die Dreiruderer seien von ganz Hellas zuerst in Korinth gebaut worden. Bekannt ist auch, daß Ameinokles aus Korinth, der Schiffsbauer, den Samiern vier Schiffe gebaut hat^"); von dem Zeitpunkt aber, da dieser zu den Samiern kam, bis zum Ende dieses Krieges ^') sind ungefähr dreihundert Jahre verflossen. Die älteste Seeschlacht, von der wir wissen, lieferten die Korinther den Kerkyräern ^), und bis zu demselben Zeitpunkt sind seitdem ungefähr zweihundert und sechzig Jahre verflossen.

  30. 1.13.2

    Da nämlich die Stadt der Korinther auf einer Landenge lag, so war dort von jeher Handel und Verkehr gewesen ^), weil die Hellenen, die früher mehr zu Land als zur See verkehrten, und zwar sowohl die aus dem Peloponnes, als die aus den andern Landestheilen, alle über Korinth mußten, um zu einander zu kommen. Daher besaßen die Korinther große Reichthümer, wie auch aus den alten Dichtern erhellt, welche ihr Land „das reiche" nennen^). Als nun die Hellenen sich mehr auf das Seewesen verlegten, so säuberten die Korinther mit ihren Schiffen das Meer von Räubern, und da ihre Stadt schon eine Handelsstadt war, so wurde sie immer reicher, indem nun auf beiderle Wegen Geld zufloß.

  31. 1.13.3

    Auch die Joner hatten in späterer Zeit, unter dem ersten Perserkönig Kyros und seinem Sohne Kambyses, eine starke Flotte^) und waren während des Krieges mit Kyros eine Zeit lang Herren der dortigen Gewässer. Auch Polykrates, der zur Zeit des Kambyses die Zwingherrschast über Samos besaßt), war durch seine Flotte mächtig und eroberte viele Inseln, worunter auch Rheneia, das er dem Apollo von Delos weihte. Endlich haben auch die Phokäer, als sie Massalia Marseilles gründeten, die Karthager in einer Seeschlacht besiegt ^).

  32. 1.14.1

    Dies waren nämlich die vornehmsten Seemächte. Allein auch bei diesen, obgleich sie um viele Menscheualter nach dem Trojanischen Krieg fallen, gab es nur erst wenige Schiffe mit drei Reihen von Rudern, sondern man führte, wie zu jener Zeit, meist noch Fünfzigruderer und lange Fahrzeuge. Kurz vor den Perserkriegen aber und dem Tode des Dareios, welcher dem Kambyfes als König der Perser gefolgt war, besaßen die sieilischen Tyrannen^) und auch die Kerkyräer schon eine große Zahl solcher Dreiruderer. Diese beiden waren nämlich in der letzten Zeit vor dem Heereszuge des Xerxes die bedeutendsten Seemächte unter den Hellenen; denn die Aegineten und die Athener nnd die wenigen Andern besaßen nur schwache Flotten und meist nur Fiinszigruderer; ja selbst später noch, als Themistokles die Athener beredete, für den Krieg mit den Aegineten und wegen des erwarteten Barbarenzuges die Schiffe zu bauen, mit denen sie auch wirklich die Seeschlachten lieferten, hatten selbst diese noch kein vollständiges Verdeck.

  33. 1.15.1

    Das also war der Zustand des Hellenischen Seewesens in den ältesten und den folgenden Zeiten; gleichwohl erwarben die, welche ihm oblagen, theils durch deu Geldzufluß, theils auch durch Ausbreitung ihrer Herrschaft keine geringe Macht. Sie griffen nämlich die Inseln an und unterwarfen sie, besonders wenn das eigne Gebiet sie nicht mehr ausreichend nährte. Zu Lande aber ereignete sich kein Krieg, welcher eine Vergrößerung der Macht hätte zur Folge haben können, und wenn solche etwa vorkamen, so wurden sie immer nur gegen die eigenen Gränznachbarn geführt; aus weite Heereszüge in fremde Länder aber und zur Unterwerfung Anderer gingen die Hellenen nicht aus, denn es gab weder Unterworfene, welche den mächtigen Städten ^durch gezwungene Beistandleistung^ solche Unternehmungen hätten erleichtern können, noch auch wurden gemeinsame Heereszüge mit gleichem Recht für Alle unternommen. Unter einander ^d. h. ohne Bundesgenossen^ aber führten sie wohl Krieg, ein Jeder mit seinem Nachbar. Am meisten noch fand eine allgemeinere Parteinahme in dem alten Kriege zwischen den Chalkidiern und Eretriern Statt, wo auch das übrige Griechenland auf der einen oder der andern Seite mitkämpfte^).

  34. 1.16.1

    Doch stellte sich den Einen dies, den Andern jenes Hinderniß in den Weg und hielt ihr Wachsthum zurück. So den Jonern zu einer Zeit, da ihre Macht schon hochgestiegen war, die neue Persische Macht des Kyros, welcher den Krösos niederwarf und alles Land zwischen dem Flusse Halys und dem Meere mit Krieg überzog und die Städte des Festlandes unterjochte, dann später Dareios) welcher mit Hilfe der phönikischen Flotte auch die Inseln botmäßig machte 5°).

  35. 1.17.1

    Die Tyrannen, so viele ihrer in den Hellenischen Städten aufkamen, bedachten alle nur sich selbst, die eigne Sicherheit und die Vergrößerung ihrer Familienmacht Sicherheitsmaßregeln waren das Hauptaugenmerk ihrer politischen Verwaltung; irgend ein erwähnenswerthes Unternehmen aber wurde von ihnen nicht ausgeführt, höchstens Kriege gegen ihre Nachbarn; nur die in Sicilien brachtenes zu einer sehr bedeutenden Macht ^ ^). Auf diese Weise ist Hellas lange Zeit her durch Einflüsse aller Art niedergehalten worden, so daß weder gemeinsam irgend eine glänzende That ausgeführt wurde, noch auch die einzelnen Staaten für sich Unternehmungsgeist zeigten^*).

  36. 1.18.1

    Endlich wurden die Tyrannen in Athen und in den vielen andern hellenischen Staaten, die schon vorher in den Händen von Gewaltherrschern waren, mit Ausnahme derer in Sicilien durch die Lakedämonier gestürzt. Lakedämon war nach der Ankunft der jetzt dort wohnenden Dotter, so viel wir wissen, die meiste Zeit von inne-« ren Unruhen bewegt^), und erfreut sich doch seit sehr langer Zeit trefflicher Gesetze^) und ist immer frei von Tyrannen geblieben. Denn bis auf das Ende dieses Krieges sind ungefähr vierhundert Jahre verflossen und etwas darüber, seitdem die Lakedämonier dieselbe Verfassung unverändert beobachten und eben dadurch stark genug wurden, auch in andern Staaten als Ordner aufzutreten.

  37. 1.18.2

    Nachdem nun die Tyrannen vom Hellenischen Boden vertrieben waren, fand nicht lange danach bei Marathon die Schlacht zwischen Persern und Athenern Statt. ^m zehnten Jahre danach kam dann der Barbar wieder mit jenem grossen Heereszug, um Hellas in die Knechtschaft zu zwingen. Da nun diese große Gefahr über Aller Häuptern schwebte, stellten sich die Lakedämonier, durch ihre Macht vorragend, an der mitkämpfenden Hellenen Spitze, und die Athener entschlossen sich beim Herannahen der Meder, die Stadt zu verlassen und mit ihrer Habe zu Schiff zu gehen, und wurden so Seeleute. Als sie darauf mit gemeinsamer Anstrengung den Barbaren zurückgewiesen hatten, währte es nicht lange, so spalteten sich die vom großen König abgefallenen Hellenen und die in jenem Kriege mitgekämpft hatten, und hielten sich ein Theil zu den Athenern, ein Theil zu den Lakedämoniern; denn diese beiden waren an Macht die hervorragendsten, die Einen zu Lande, die Andern zur See. Zwar dauerte die Kampfgenossenschaft noch einige Zeit, dann aber zerfielen die Lakedämonier und Athener unter einander und bekriegten sich, indem jedem Theile die Bundesgenossen zur Seite standen; und wo sonst unter den andern Hellenen irgend Feindschaft bestand, schloß man sich seitdem an eine dieser beiden Parteien. So hatten sie seit der Zeit des Persereinfalls bis zum jetzigen Kriege ununterbrochen bald Waffenstillstand, bald kämpften sie entweder unter einander, oder gegen ihre abgefallenen Bundesgenossen, brachten aber dabei ihr Kriegswesen zu einer gewissen Vollkommenheit und wurden darin, indem sie unter Gefahren sich übten, immer kundiger.

  38. 1.19.1

    Die Lakedämonier verwalteten die Anführerfchaft, ohne von ihren Bundesgenossen Steuern zu nehmen, und waren nur darin aus sich selbst bedacht, daß sie ihnen oligarchische Verfassungen gaben ^). Die Athener hingegen zogen mit der Zeit die Schiffe der verbündeten Staaten an sich, nur die der Chier und Lesbier ausgenommen, und besteuerten alle; und doch ist zu dem gegenwärtigen Kriege ihre Rüstung noch viel großartiger gewesen, als da sie zur Zeit der unge­ schwächten Bundesgenossenschaft in der vollen Blüte ihrer Macht standen.

  39. 1.20.1

    Das ist's, was ich über die älteren Zeiten gefunden habe. Man darf aber den einzelnen Zeugnissen, wie sie sich der Reihe nach darbieten, nur schwer Glauben schenken; denn die Menschen nehmen die Erzählungen von dem, was sich früher ereignet hat, ohne alle Prüfung von einander an, auch wenn es ihr eigenes Vaterland betrifft^). So ist z. B. unter dem Volke zu Athen der Glaube verbreitet, daß Hipparchos in der Eigenschaft als Tyrann durch Harmodios und Aristogeiton ermordet worden sei, und sie wissen nicht, daß die Herrschaft in den Händen des Hippias lag, als des ältesten unter den Söhnen des Peifistratos, und daß Hipparchos und Theffalos nur dessen Brüder waren. Da aber an jenem Tage und im entscheidenden Augenblick Harmodios und Aristogeiton vermutheten, Hippias sei durch einen Mitverfchwornen gewarnt, so legten sie nicht Hand an diesen, weil sie ihn eben schon für unterrichtet hielten; sie wollten aber vor ihrer Gefangennehmung doch auch etwas gethan haben, und da sie zufällig auf den Hipparchos trafen, welcher in der Nähe des sogenannten Leokorions den Festzug der Panathenäen ordnete, so ermordeten sie diesen^). Aber auch über viele andere Dinge und auch solche, die noch in der Gegenwart bestehen und nicht durch die Länge der Zeit in Vergessenheit gerathen sein können, haben auch die übrigen Griechen unrichtige Vorstellungen, wie z. B. daß jeder der beiden Lakedämonischen Könige nicht Eine Stimme abgebe, sondern zwei, und daß sie dort eine gewisse Schaar, genannt die Pitanaten, hätten, die es doch gar nie gegeben hat ^). So fahr- ässig sind die Menschen, die Wahrheit zu untersuchen, und sie nehmen viel lieber das an, was ihnen gerade zu Gehör kommt.

  40. 1.21.1

    Trotzdem möchte Einer nicht seht gehen, wenn er zumeist das für wahr hält, was ich nach den angeführten Beweisgründen mitgetheilt habe, und weder dem mehr Glauben schenkt, was die Dichter in's Großartige ausschmückend davon gesungen haben, noch auch dem, was die Sagenschreiber 5 9) darüber aufgezeichnet, mehr mit Rücksicht auf das der Einbildungskrast Schmeichelnde als aus die Wahrheit, Unerweisliches nämlich und unter dem Einfluß der Zeit in's Unglaubliche und Fabelhafte Umgebildetes; er soll vielmehr glauben, daß mein Befund den glaubwürdigsten Zeugnissen entspreche und so treu sei, wie es bei Dingen aus so alter Zeit eben möglich ist. Was aber den hier erzählten Krieg selbst betrifft, so wird man finden, daß er sich durch die Thatsachen selbst als viel bedeutender erweist als alle früher geführten, obwohl die Menschen immer den für den wichtigsten ansehen, in welchem sie gerade begriffen sind, nach seiner Beendigung aber wieder zur Bewunderung des Alten zurückkehren.

  41. 1.22.1

    Was die Reden angeht, welche die Betreffenden theils noch vor dem Kriege gehalten haben, theils auch während der Führung desselben, so wäre es mir unmöglich gewesen, die wirklich gesprochenen Worte mit Genauigkeit wiederzugeben, und zwar betrifft dies nicht weniger die, welche ich selbst mit angehört habe, als auch die mir von anderer Seite mitgetheilt worden sind. Es wird aber in meinem Buche so geredet, wie mir die Einzelnen den Umständen gemäß am passendsten zu sprechen schienen, indem ich mich dabei so eng als möglich an die Hauptgedanken der wirklich gehaltenen Reden anschloß. Was aber die im Kriege vorgefallenen Thatsachen betrifft, so hielt ich nicht für erlaubt, sie so auszuzeichnen, wie ich sie vom Ersten Besten erzählen hörte, und auch nicht nach meinem eigenen Gutdünken, sondern wie ich theils durch eigene Anshcauung, theils durch möglichst genaue Erkundigung bei Anderen über jedes Einzelne mich unterrichtet habe. Doch war es schwierig, die Wahrheit auszufinden, weil diejenigen, welche den einzelnen Begebenheiten als Augenzeugen beigewohnt hatten, sie doch nicht auf dieselbe Weise erzählten, sondern wie grade einen Jeden sein Wohlwollen für den einen oder andern Theil oder fein Gedächtnis; anleitete. Dem Ohre nun wird diese Geschichte, weil sie nichts Sagenhaftes erzählt, zwar weniger vergnüglich erscheinen, wenn aber diejenigen dies Werk nützlich finden, welche die geschehenen Dinge kennen lernen wollen, wie sie wirklich waren, und wie auch die Zukunft sie immer auf dieselbe oder auf ähnliche Weise wiederholen wird, weil es eben die menschliche Natur so mit sich bringt, so wird das genug sein. Es ist mehr geschrieben, um ein Besitzthum für alle Zeiten zu sein, und buhlt nicht als Redeprunkstück dem Augenblick zu gefallen.

  42. 1.23.1

    Von den früheren Ereignissen ist der Perserkrieg das bedeutendste, und doch fand auch dieser in zwei See- und zwei Landschlachten eine schnelle Entscheidung^*)! der gegenwärtige Krieg aber hat sich sehr in die Länge gezogen und über Hellas Leiden gebracht, wie solche in einem gleichen Zeiträume sich sonst nie gehäuft haben; denn es wurden früher weder so viele Städte eingenommen und verwüstet, sei es nun durch die Barbaren 6") oder durch die kriegführenden Parteien selbst ° >), und viele wurden auch nach ihrer Einnahme mit andern Einwohnern besetzt^). Nie mußten so viele Menschen ihr Vaterland verlassen, und nie haben so viele ihr Leben verloren, sei es durch den Krieg selbst, sei es durch inneren Aufruhr. Was in früherer Zeit nur vom Hörensagen bekannt war, in der Wirklichkeit selbst aber nur selten erfahren wurde, fand nun thatsächliche Bestätigung, so z. B. Erdbeben, welche sich über einen großen Theil der Erde erstreckten und zugleich von außerordentlicher Heftigkeit waren, ferner Sonnenfinsternisse, welche häufiger stattfanden, als es von früheren Zeiten erzählt wird, dann auch häufige Dürre und in ihrer Folge Hungersnoth 6 2), und endlich, was nicht am wenigsten Schaden gethan und eine große Zahl von Menschen getödtet hat, die Pest. Das Alles kam während dieses Krieges vereint vor. — Es begannen ihn aber die Athener und Peloponnesier, nachdem sie den dreißigjährigen Vertrag gebrochen hatten, welcher nach der Einnahme Euböa's zwischen ihnen geschlossen worden war^).

  43. 1.23.2

    Damit aber künftighin Niemand fragen dürfe, aus welchen Ursachen sich ein so bedeutender Krieg zwischen den Hellenen entspannen habe, so erzähle ich zuerst seine Veranlassung und die Zerwürfnisse, welche die Lösung jenes Waffenstillstandes herbeiführten. Für die eigentliche, in den Urtheilen der Menschen aber am wenigsten hervorgezogene Ursache halte ich, daß die Athener in ihrer Macht- entwickelung den Lakedämoniern Furcht einflößten und sie auf diese Weise zum Kriege nöthigten6°). Die Ursachen aber, welche jede der beiden Parteien als Grund anführte, daß sie den Waffenstillstand lösten und zum Kriege schritten, sind die folgenden.

  44. 1.24.1

    Epidamnos ist eine Stadt, welche zur Rechten liegen bleibt, wenn man in den Ionischen sadriatischen^ Meerbusen einfährt. Sie ist rings von Taulantiern umwohnt, Barbaren Jllyrischer Abkunft, und ist eine Pflanzstadt der Kerkyräer. Ihr Gründer war Phalios, des Eratokleides Sohn, ein Korinther aus dem Stamm der Herakliden, welcher der alten Sitte gemäß aus der Mutterstadt berufen worden war 66). Es waren auch einige Korinther und Andere Dorischer Abkunft mit ausgewandert. Im Verlaufe der Zeit nun wurde die Stadt der Epidamnier groß und volkreich; sie lebten aber dann, wie erzählt wird, viele Jahre lang in inneren Zwistigkeiten und erlitten in deren Folge durch einen Krieg mit den benachbarten Barbaren große Verluste, und ihre Macht gerieth in Verfall. Zuletzt, unmittelbar vor dem Beginn dieses Krieges, jagte das Volk die Aristokraten aus der Stadt. Diese schlossen sich an die Barbaren an und übten mit deren Hilfe an denen in der Stadt Räubereien zu Land und zn Wasser. Da nun die in Epidamnos in die Enge geriethen, so schickten sie Gesandte nach Kerkyra, ihrem Mutterstaat, mit der Bitte, doch ihrem Verderben nicht zusehen zu wollen, sondern zwischen ihnen und den Ausgetriebenen zu vermitteln und dem.Krieg mit den Barbaren ein Ende zu machen. Dies Anliegen trugen sie sitzend im Tempel der Hera als Schutzflehende vor ^); die Kerkyräer aber gaben ihrer Bitte nicht Statt, sondern ließen sie nnverrichteter Sache wieder abziehen.

  45. 1.25.1

    Die Epidamnier sahen nun, daß ihnen von Kerkyra aus keine Hilfe werde, und waren sehr in Bedrängniß, wie sie ihre Lage bessern sollten. Sie schickten nach Delphi, den Gott zu fragen, ob sie ihre Stadt nicht den Korinthern als den ersten Gründern übergeben und versuchen sollten, diese zur Hilfe zu bewegen. Der Gott befahl ihnen, sich den Korinthern zu ergeben und sie zu Anführern zu machen. Die Epidamnier kamen nun nach Korinth und übergaben dem Orakelspruch gemäß ihre Pslanzstadt, indem sie erinnerten, daß ihr Gründer aus Korinth gewesen sei, und den Spruch des Gottes mittheilten. Sie baten auch, man möge ihrem Verderben nicht ruhig zusehen, sondern helfen. Die Korinther übernahmen, wie es Recht war, die Hilfeleistung, da sie glaubten, daß die Pflanzstadt nicht weniger ihnen gehöre als den Kerkyräern, zugleich aber auch aus Haß gegen die Kerkyräer, weil diese, obgleich eine Korinthische Pflanzstadt, ihnen doch keinerlei Aufmerksamkeit erwiesen. Denn sie ließen ihnen weder bei allgemeinen Versammlungen die gewöhnlichen Ehrenbezmgungen zu Theil werden, noch auch gestatteten sie den Vortritt bei den Opfern einem Korinther, wie es die Sitte der Pflanzstädte war 6 6), sondern behandelten sie übermüthig. Auch konnten sich in der That die Ker- kyräer sowohl an Geldmacht mit denen messen, welche damals unter den Hellenen die reichsten waren, als sie auch an Kriegsmacht unter den Uebrigen vorragten und sich zu gewissen Zeiten sogar rühmen durften, durch ihre Flotte alle Andern weit zu übertreffen. Im Seewesen war nämlich Kerkyra noch von den Zeiten der Phäaken her berühmt, welche früher dort gewohnt hatten. Deshalb verlegten sich die Kerkyräer auch vorzüglich aus den Schiffsbau, und ihre Seemacht war nicht gering, denn als sie den Krieg begannen, besaßen sie hundert und zwanzig Dreiruderer

  46. 1.26.1

    In all diesen Umständen lagen für die Korinther Gründe zu Beschwerden, und deshalb waren sie gern bereit, den Epidamniern Hilfe zu senden, hießen auch Jeden, der wollte, als Ansiedler mitgehen und schickten Amprakiotische, Leukadische^) und eigene Truppen mit. Diese nahmen ihren Marsch zu Lande über Apollonia, eine Korinthische Pflanzstadt, aus Furcht, die Kerkyräer könnten ihre Ueberfahrt zur See verhindern. Diese aber, als sie die Ankunft der neuen Ansiedler und der Truppen in Epidamnos erfuhren und zugleich die Uebergabe ihrer Kolonie an die Korinther, waren sehr erbittert. Schnell erschienen sie mit fünfundzwanzig Schiffen, denen später noch ein zweites Geschwader folgte 7"), und stellten unter übermüthigen Drohungen die Forderung, daß man die Vertriebenen wieder aufnehme, — die Epidamnifchen Flüchtlinge waren nämlich nach Kerkyra gekommen und hatten sie bei den Gräbern der Vorfahren ^ und bei der Stammesverwandtschaft beschworen, sie zurückzuführen, — die Korinthische Besatzung aber und die neuen Ansiedler müßten weggeschickt werden. Die Epidamnier gaben jedoch in keinem Punkte nach. Nun kamen die Kerkyräer mit vierzig Schiffen und den Vertriebenen, welche sie zurückführen wollten, nachdem sie sich vorher auch die Jllyrier verbündet hatten. Sie blokirten die Stadt, indem sie es den Epidamniern und den Fremden frei stellten, dieselbe zu verlassen; wollten sie das nicht, so würden sie als Feinde behandelt werden. Da jene nicht nachgaben, so begannen die Kerkyräer die Stadt, die aus einer Landenge liegt, zu belagern.

  47. 1.27.1

    Die Korinther, als zu ihnen aus Epidamnos Boten mit der Nachricht von der Belagerung kamen, rüsteten zu einem Heereszuge und ließen zugleich eine Ansiedelung für Epidamnos ausrufen. Jeder, wer wolle, könne sich unter gleichem Recht für Alle anschließen^), und wenn Einer für den Augenblick nicht mitzuschisfen gesonnen sei und doch bei der Ansiedelung sich betheiligen wolle, der könne in Korinth zurückbleiben gegen Erlegung von fünfzig Drachmen ^). Sowohl der Mitschiffenden, als auch derer, welche die Summe einzahlten, sanden sich Viele. Sie baten auch die Megarer, sie mit ihrem Schiffsgeleit zu verstärken, sür den Fall daß sie von den Kerkyräern zur See behindert werden sollten. Diese machten sich bereit, sie mit acht Schiffen zu begleiten, ebenso die Paleer aus Kephallene mit vieren. Auch an die Epidaurier wandten sie sich, und diese stellten fünf Schiffe, ferner die Hermioneer eines, die Trözener zwei, die Leukadier zehn und die Amprakioten acht. Die Thebaner und Phliafier ersuchten sie um Geldbeiträge, die Eleer um leere Schiffe und Geld. Aus eigenen Mitteln aber rüsteten die Korinther dreißig Schiffe und dreitausend Schwerbewaffnete.

  48. 1.28.1

    Als die Kerkyräer von diesen Rüstungen erfuhren, kamen sie im Geleit Lakedämonischer und Sikyonischer Gesandten nach Korinth und forderten, die Korinther sollten ihre Tnlppen und die neuen Ansiedler aus Epidamnos wegziehen, da sie auf diese Kolonie kein Recht hätten. Glaubten sie aber doch Gegenansprüche machen zu dür- fen, so seien sie bereit, die Angelegenheit denjenigen peloponnefischen Städten zur Entscheidung vorzulegen, über welche sich beide Theile vorher geeinigt haben würden. Wem von ihnen beiden die Kolonie dann zugesprochen werde, der solle Sieger sein. Auch dem Delphischen Orakel wollten sie die Entscheidung anheimstellen^*), nnr möge man keinen Krieg anfangen; denn sonst seien auch sie gezwungen, zu ihrer Unterstützung sich andere Bundesgenossen zu erwerben als die, welche sie jetzt hätten, und zwar solche, welche den Korinthern nicht angenehm wären, obgleich sie selbst dazu nöthigten Die Korinther gaben zur Antwort: wenn jene erst ihre Schiffe und die Barbaren von Epidamnos zurückgezogen hätten, seien sie zu Unterhandlungen bereit, vorher aber wolle es ihnen nicht wohl anstehei, daß die in Epidamnos belagert würden, und sie hier Verhandlungen Pflögen. Hieraus erwiderten die Kerkyräer, sie wären damit einverstanden, wenn auch jene ihre Leute Epidamnos wollten räumen lassen; auch wäre es ihnen Recht, wenn beide Parteien in ihren gegenwärtigen Stellungen verblieben und einen Waffenstillstand schlößen, bis der Rechtsspruch erfolgt sei.

  49. 1.29.1

    Hierin aber gaben die Korinther in keinem Punkte nach, sondern als ihre Schiffe gerüstet und ihre Bundesgenossen bereit waren, schickten sie vorher einen Herold ab, um den Kerkyräern den Krieg anzusagen, und segelten dann mit fünfundsiebenzig Schiffen und zwei Tausend Schwerbewaffneten nach Epidamnos, um gegen die Kerkyräer den Kampf entscheiden zu lassen Anführer der Schiffe waren Aristeus, Sohn des Pellichas, Kallikrates, des Kallias, und Timanor, des Timanthes Sohn; die Landtruppen befehligten Archetimos, Sohn des Enrytimos, und Jsarchidas, Sohn des Jsarchos. Als sie bei Aktion auf Anaktorifchem Gebiete, dort wo der Tempel des Apollo steht, nahe an der Mündung des Amprakischen Meerbusens angekommen waren, schickten ihnen die Kerkyräer ein Boot mit einem Herold entgegen, der sie aufforderte, nicht weiter gegen sie vorzurücken. Zu gleicher Zeit bemannten sie ihre Schiffe, gaben den alten neue Querdecke, so daß sie die See halten konnten, und machten die andern segelfertig. Der Herold brachte von den Korinthern keine friedliche Antwort, und da ihre Schiffe die Besatzung aufgenommen hatten, — es waren deren achtzig: vierzig andere nämlich hielten Epidamnos blokirt^), — so fuhren sie auf die hohe See jenen entgegen, stellten sich in Schlachtordnung auf, und die Seeschlacht begann. Es trugen aber die Kerkyräer einen entschiedenen Sieg davon und vernichteten den Korinthern fünfzehn Schiffe. An demselben Tage hatten auch die, welche Epidamnos entschlossen, das Glück, die Stadt durch Uebergabe in ihre Hand zu bekommen, unter der Bedingung, daß die Fremden verkauft, die Korinther aber gefangen gehalten werden sollten, bis anders entschieden sei.

  50. 1.30.1

    Nach der Seeschlacht errichteten die Kerkyräer auf Leukimme [Lefkimo], dem Vorgebirge von Kerkyra, ein Siegeszeichen und tödteten die [znr See] gemachten Gefangenen mit Ausnahme der Korinther, welche sie in Fesseln behielten; und als die Korinther und ihre Bundesgenossen nach der Niederlage mit ihren Schiffen nach Hause zurückgekehrt waren, blieben die Kerkyräer Herren aller jener Gewässer. Sie segelten gen Lenkas, eine Pflanzstadt Korinths^), und verheerten das Land; auch steckten sie Kyllene, die Schiffswerft der Eleer, in Brand, weil diese den Korinthern Schiffe und Geld geliefert hatten. Die längste Zeit nach jener Seeschlacht blieben sie Herren des Meeres 7 s), suchten die Bundesgenossen der Korinther heim und fügten ihnen Schaden zu, bis die Korinther gegen Ende des Sommers Schiffe und Truppen aus-schicken, da ihre Bundesgenossen zu sehr litten. Sie lagerten bei Aktion nnd in der Nähe von Cheimerion im Gebiete der Thefproter, um Leukas und die andern befreundeten Städte zu schützen. Die Kerkyräer hingegen nahmen mit der Flotte und den Landtruppen Stellung bei Leukimme. Zur Seeschlacht kam es jedoch nicht, sondern sie blieben den ganzen Sommer ruhig einander gegenüber stehen, und als der Winter bereits hereingebrochen war, kehrten beide Theile nach Hause zurück.

  51. 1.31.1

    Die Korinther, durch den Verlauf des Krieges mit den Kerkyräern auf's Höchste gereizt, beschäftigten sich das ganze Jahr nach der Seeschlacht und das darauf folgende mit dem Schiffsbau und rüsteten mit aller möglichen Anstrengung eine Flotte^). Ruderer verschafften sie sich um hohen Lohn aus dem Peloponnes selbst und aus dem übrigen Hellas. Als die Kerkyräer von diesen Rüstungen .hörten, geriethen sie in Furcht, und da sie mit keinem der Hellenischen Staaten verbündet waren und sich auch weder in den Athenischen, noch in den Lakedämonischen Bund eingeschrieben hatten, so beschlossen sie nach Athen zu schicken und sich diesen als Bundesgenossen anzutragen, um zu versuchen, ob sie hier Unterstützung fänden. Die Korinther nun, als sie dies erfuhren, schickten auch ihrerseits Gesandte nach Athen, damit nicht die Vereinigung der Kerkyräifchen und der Attischen Flotte es ihnen unmöglich mache, den Krieg nach Wunsch zu beendigen. Eine Volksversammlung wurde anberaumt, und beide Theile kamen zur Rede und Gegenrede. Die Kerkyräer nun sprachen folgendermaßen So):

  52. 1.32.1

    „Von denjenigen, ihr Athener, die Andere um Hilfe angehen, ohne sich auf früher geleistete Dienste oder vorangegangene Bundesgenossenschaft berufen zu können, wie eben wir jetzt in dem Falle sind, von denen wird billig der Beweis verlangt, vor Allem, daß ihr Gesuch ein vortheilbringendes, oder, wenn das nicht, doch wenigstens nicht mit Nachtheil verknüpft sei, und dann, daß man bei ihnen auf Dankbarkeit sicher rechnen dürfe. Gelingt es ihnen nicht, diese Punkte außer Zweifel zu stellen, so sollen sie sich nicht beschweren, wenn sie keinen Erfolg haben. Die Kerkyräer nun haben uns mit der Bitte um Bundesgenossenschaft an Euch abgesandt, und sie vertrauten, Euch hierüber alle Sicherheit geben zu können. Unser bisheriges Gebahren freilich ist wohl der Art gewesen, daß es uns weder euch gegenüber zur Sache empfehlend ist, noch auch uns selbst in unserer jetzigen Lage irgendwie Vortheil bringt. Denn wir sind früher niemals gern eines Andern Bundesgenosse geworden, und kommen nun doch zu Fremden, um die Bundesgenossenschaft nachzusuchen, und zugleich stehen wir für diesen Krieg mit den Korinthern ganz verlassen da, und was an uns früher Klugheit schien: nie durch fremde Bundesgenossenschaft die Gefahren fremden Beginnens theilen zu wollen, erscheint jetzt umgekehrt als Unberathenheit und Schwäche. In der Seeschlacht, die vorgefallen ist, haben wir uns zwar allein der Korinther erwehrt, jetzt aber, da sie mit größerer Rüstung vom Peloponnes und dem übrigen Hellas gegen uns heranziehen, und wir uns zu schwach fühlen, um mit der eigenen Macht allein obzusiegen, und da auch die Gefahr groß ist, wenn wir unterliegen sollten, so sind wir gezwungen, euch und jeden Andern um Hilfe zu bitten; und wenn wir jetzt etwas unternehmen, was zu unserer früheren Unthätigkeit nicht stimmt, so möge uns zur Entschuldigung dienen, daß wir nicht aus böser Absicht, sondern aus irriger Einsicht gehandelt haben."

  53. 1.33.1

    „Euch aber, wenn ihr uns willfahrt, wird der Zufall, der uns als Hilfsbedürftige zu euch führt, in mancher Hinsicht Vortheil bringen. Für's Erste werdet ihr Unrechtleidenden Hilfe leisten und nicht solchen, welche Anderen Schaden zufügen; dann bietet ihr eure Hand solchen, die um ihre höchsten Güter kämpfen, und werdet sie euch in unauslöschlicher Dankbarkeit verbinden, und endlich besitzen wir eine Flotte, die außer der eurigen jede andere übertrifft. Ueberleget, ob es einen selteneren und euren Feinden unerwünschteren Glücksfall geben kann, als wenn eine Macht, die ihr gern mit viel Geld und Gunst auf eure Seite gezogen hättet, ganz aus eigenem Antrieb und ohne alle Gefahren und Kosten euerseits sich anbietet, die noch dazu vor der Welt eure edle Gesinnung in's Licht stellt, euch die Dankbarkeit derer sichert, denen eure Hilfe wird, und eure eigene Macht vergrößert. So viel Gutes vereint ist zu jeder Zeit nur Wenigen zu Theil geworden, und selten bringen die, welche um Bundesgenossenschaften bitten, denen, welche sie darum angehen, die gleiche Sicherung ihrer Macht und des guten Rufes zu, die sie selbst von jenen zu empfangen gekommen sind. Wenn aber Jemand glaubt, daß der Kriegsfall nicht eintreten werde, für welchen wir euch von Nutzen sein könnten, so irrt er sich und merkt nicht, wie die Lakedämonier aus Furcht vor Ench bereits auf Krieg sinnen, und daß die Korinther, die eure Feinde sind, bei jenen aber viel vermögen, vorerst mit uns fertig zu werden wünschen, um dann gegen euch loszugehen, damit wir nicht in gemeinsamer Feindschaft gegen sie zusammenstehen, und damit sie von Zweien wenigstens Eins erreichen, nämlich entweder uns Schaden zuzufügen, oder ihre eigene Macht zu vermehren. Unsere ^gemeinsames Sache nun ist es, ihnen den Vorsprung abzugewinnen, indem wir euch die Kampfgenossenschaft antragen, und ihr sie annehmt, um dann selbst mit dem Angriff zuvorzukommen, anstatt hinterher auf Vertheidigung zu denken."

  54. 1.34.1

    „Wenn sie aber behaupten, daß ihr Unrecht thnt, eine ihrer Pflanzstädte aufzunehmen, so mögen sie erst lernen, daß jede Pflanzstadt ihre Mutterstadt ehrt, so lange sie gut behandelt wird, daß sie sich aber abwendet, wenn sie Ungerechtigkeiten zu erdulden hat. Denn Kolonisten werden nicht ausgesandt, um der Zurückbleibenden Knechte zu werden, sondern um ihres Gleichen zu bleiben. Daß sie uns aber Unrecht zugefügt haben, ist deutlich; denn als sie von uns wegen der Epidamnischen Sache zur Ausgleichung aufgefordert wurden, wollten sie die Beschwerden lieber durch Krieg zur Entscheidung bringen, als sie nach dem Recht beilegen lassen. Und wie sie gegen uns, ihre Blutsverwandten, handeln, das möge Euch zur Warnung sein, daß ihr euch weder durch ihre Hinterlist täuschen lasset, noch auch dem, was sie offen verlangen, willfahret. Denn der steht wohl am sichersten, der es am wenigsten bereuen muß, seinen Feinden gefällig gewesen zu sein."

  55. 1.35.1

    „Auch brecht ihr nicht die Verträge mit den Lakedämoniern ^ durch unsere Aufnahme, denn wir gehören noch zu keiner der beiden Bundesgenossenschasten, und es heißt ja in jenem Vertrag, daß es den Hellenischen Staaten, die noch auf keiner Seite mitkämpfen, frei stehe, sich nach Gefallen an einen der beiden Theile anzuschließen. Und es stünde auch sehr schlimm, wenn es jenen erlaubt sein sollte, ihre Schiffe nicht nur mit Bundesgenossen zu bemannen, sondern auch aus den andern snicht verbündeten^ griechischen Staaten und sogar aus solchen, die euch Unterthan sind, und wenn sie uns von der bestehenden Bundesgenossenschaft ausschließen und verbieten wollten, auch anderswo uns Hilfe zu suchen, und wenn sie auch euch ein Verbrechen daraus machen wollten, unsere Bitte zu gewähren. Viel mehr Ursache hätten wir, uns über euch zu beklagen, wenn ihr uns kein Gehör schenken wolltet, denn damit würdet ihr Solche von euch stoßen, die in Noth nnd Gefahr schweben und eure Feinde nicht sind; jene aber, die eure Feinde sind und euch zu Leibe gehen, hindert ihr nicht nur auf keine Weise, sondern laßt sie auch aus eurem eigenen Gebiet ihre Kriegskraft verstärken, und das ist nicht Recht, sondern entweder müßt ihr in eurem Gebiete die Werbungen jener untersagen, oder auch uns Hilfe schicken, unter welchen Bedingungen es euch nun am besten dünken mag. Ein offenes Bündnis; und der Beistand eurer Waffen wäre aber das Entsprechendste. Für diesen Fall gewähren wir große Vortheile, wie wir schon Anfangs gesagt haben. Der bedeutendste liegt darin, daß wir beide dieselben Feinde haben, was ja das stärkste Band treuen Zusammenhaltens ist, und zwar keine schwachen, sondern die wohl im Stande sind, euch zu züchtigen, wenn ihr von uns zurücktretet ^Auch ist es nicht gleichviel, das Bündnis; mit einer Seemacht von der Hand weisen, oder das mit einer Landmacht, was wir nicht sind. Eigentlich solltet ihr nach Kräften verhindern, daß ein Anderer überhaupt eine Flotte besitze; wenn aber das schon einmal unmöglich ist, solltet ihr wenigstens danach streben, die mächtigste Seemacht auf eurer Seite zn haben."

  56. 1.36.1

    „Und wenn Einer in dem Vorgebrachten zwar wirklich: Vortheile erkennt, aber doch ihretwegen die Verträge zu lösen fürchtet, der möge wissen, daß, wenn er bei seiner Scheu auch Macht besitzt, er beim Gegner noch größere Scheu erwecken wird, — daß es aber als Schwäche erscheint, wenn er sein Vertrauen darauf setzt, uns nicht ausgenommen zu haben, und daß er deshalb einem mächtigen Feind um so weniger Furcht einflößen wird. Und es handelt sich ja auch zugleich nicht in höherem Grade um das Wohl Kerkyra's als um das Athens, und es heißt nicht das Beste dieses Staates im Auge haben, wenn man bei einem bevorstehenden Kriege, der schon so gut als wirklich da ist, nicht über den Augenblick hinausdenkt und noch lange ansteht, sich einen Staat zu verbinden, dessen Freundschaft oder Feindschaft sehr schwer in die Wagschale fällt. Denn Kerkyra hat eine höchst günstige Lage für die Ueberfahrt nach Italien und Sicilien, und es vermag ebensowohl eine von dort ansegelnde Flotte zu verhindern, daß sie gegen den Peloponnes darbringe, als es Schiffe von hier dorthin geleiten kann, und noch in vielen anderen Beziehungen bietet es große Vortheile. Um uns aber ganz kurz zu fassen und Alles samt und sonders nur in der Hauptsache auszusprechen, so erfahrt denn, warum ihr uns nicht ohne Hilfe lassen dürfet. Es gibt unter den Hellenen drei nennenswerthe Seemächte, die einige, die unsere und die der Korinther. Wenn ihr es nun geschehen lasset, daß zwei davon in Eine zusammenschmelzen, indem die Korinther uns vorwegnehmen, so habt ihr nachher mit der vereinigten Seemacht der Kerkyräer und der Peloponnesier zu kämpfen. Nehmet ihr hingegen uns zu Verbündeten an, so werdet ihr den Kampf gegen jene führen, euerseits um die Zahl unserer Schiffe verstärkt."

  57. 1.36.2

    So redeten die Kerkyräer. Nach ihnen aber die Korinther, wie folgt:

  58. 1.37.1

    „Da die Kerkyräer in ihrer Rede nicht bei dem Ansuchen um eure Bundesgenossenschaft stehen geblieben sind, sondern auch behauptet haben, daß wir hart und ungerecht gegen sie verfahren, und daß sie selbst gegen alles Recht mit Krieg überzogen werden, so müssen auch wir uns zuerst über diese beiden Punkte auslassen, ehe wir zum eigentlichen Zweck unserer Rede kommen, damit ihr von vorn herein deutlich seht, was wir wollen, und damit wir euch triftige Gründe an die Hand geben. Dieser Ansuchen zurückzuweisen. Wie sie sagen, hätte sie die Klugheit bewogen, sich mit Niemanden in ein Bündniß einzulassen, aber das ist nur aus bösem Willen, nicht aus rühmenswerther Gesinnung geshcehen. Sie konnten zu ihren Schändlichkeiten keine Gehilfen und keine Zeugen brauchen und wollten sich durch Zuziehung Anderer keiner Beschämung aussetzen. Auch gibt ihnen die Lage ihres Inselstaates eine unabhängige Stellung und gestattet ihnen, in eigener Person über Diejenigen Richter zu sein, denen sie selbst Unrecht zufügen, ohne sich an Verträge binden zu müssen. Denn sie selbst besuchen mit ihren Schiffen Niemanden, wohl aber sind Andere oft genöthigt, bei ihnen Zuflucht zu suchen ^). Das ist der Grund ihrer gerühmten Zurückhaltung von fremder Bundesgenoffenschast. Sie wollen nicht, wie sie vorschützen, an fremdem Unrecht unbetheiligt bleiben, sondern auf eigene Rechnung Unrecht ausüben und, wo sie die Macht dazu in Händen haben, Gewalt brauchen, wo es aber heimlich geschehen kann. Andere Übervortheilen; in jedem Fall aber wollen sie keiner Beschämung ausgesetzt sein, wenn sie irgendwo Raub verübt haben. Wären sie rechtliche Leute, wie sie sich rühmen, so könnten sie durch Rechtgeben und Nehmen ihre Tugend um so Heller leuchten lassen, je unangreifbarer ihre Stellung nach Außen ist.

  59. 1.38.1

    „Aber sie haben sich gegen Andere so wenig, wie gegen uns so gezeigt. Obgleich sie ein Pflanzvolk von uns sind, haben sie sich gänzlich von uns losgesagt, und jetzt führen sie Krieg gegen uns und sagen, sie seien nicht deshalb als Ansiedler ausgesandt worden, um sich Unrecht gefallen zu lassen. Wir aber sagen: wir haben sie nicht ausgesandt, um von ihnen eine übermüthige Behandlung zu erfahren. sondern um als ihr Oberhaupt betrachtet und nach Gebühr geehrt zu werden. Auch schätzen uns ja die übrigen Kolonien, und wir erfahren von unseren Ansiedlern die größte Anhänglichkeit. Wenn nun die Mehrzahl mit uns zufrieden ist, so ist es klar, daß diese allein keinen genügenden Grund zur Unzufriedenheit haben, und wir selbst führen auch keinen so auffälligen Krieg, ohne auffällig beleidigt worden zu sein. Aber selbst wenn wir gefehlt hätten, wäre es für sie schicklich gewesen, unserer Gereiztheit nachzugehen, und uns würde es dann zur Schande gereicht haben, ihrer Mäßigung gegenüber mit Anwendung von Gewalt zu verfahren. Sie haben aber in ihrem Uebermuthe und im Trotz auf die Macht ihres Geldes sich auch noch anderweitig viel an uns vergangen, und auch Epidamnos, das uns gehört, und wonach sie nie Verlangen getragen haben, so lange die Stadt in Noth war, haben sie mit Gewalt in Besitz genommen, als wir zur Hilfeleistung unterwegs waren."

  60. 1.39.1

    „Sie behaupten zwar auch, vorher ein Schiedsgericht vorgeschlagen zu haben. Aber ein solches Anerbieten darf doch nicht von Seiten Desjenigen als redlich gemeint angesehen werden, der sich bereits im Vortheil befindet ^)und aus seiner sicheren Stellung heraus eine Entscheidung verlangt, sondern nur von denen, welche sich in Wort und That mit den Andern auf gleichen Fuß stellen, bevor sie es noch zum Kampfe kommen lassen. Diese aber sind mit dem berufenen Vorschlag des Schiedsgerichtes nicht etwa ausgetreten, bevor sie noch jenen Platz belagerten, sondern als sie schon sicher waren, daß wir nicht mehr ruhig zusehen würden. Und nun kommen sie daher und haben noch nicht genug daran, daß sie dort Unrecht gethan, sondern wollen auch euch noch zu Bundesgenossen, d. h. zu Genossen ihres Frevels, und wünshcen, daß ihr sie bei ihrer Feindschaft mit uns in euren Schutz nehmet. Damals hätten sie kommen sollen, als sie noch Nichts zu fürchten hatten, nicht aber jetzt, da wir von ihnen beleidigt sind, und sie eben deshalb Gefahr lausen, so daß ihr ihnen also jetzt eure Hilfe würdet zu Theil werden lassen, ohne früher ans ihrer Macht Vortheil gezogen zu haben. Ohne an ihren Vergehungen betheiligt zu sein, würdet ihr euch damit doch dieselben Vorwürfe unserer Seits zuziehen; aber nur, wenn ihr früher den Mitgenuß ihrer Macht gehabt hättet, wäret ihr jetzt verbunden, die Folgen gemeinsam zu tragen."

  61. 1.40.1

    „Es ist nun klar, daß wir selbst mit gerechten Beshcwerden vor euch auftreten, diese aber gewaltthätige Räuber sind; wir müssen mm noch zeigen, daß ihr Unrecht thun würdet, sie als Bundesgenossen auszunehmen. Wenn es nämlich in den Vertragsbestimmungen heißt, daß es den nicht eingeschriebenen Städten freistehen solle, sich an die eine oder die andere Partei nach Belieben anzuschließen, so hat diese Übereinkunft nicht auf diejenigen Anwendung, welche darauf aus sind. Andern Schaden zuzufügen, sondern nur aus den, welcher fremde Hilfe sucht, ohne sich selbst seinen Verpflichtungen gegen Andere entziehen zu wollen, und der denen, welche ihm Schutz gewähren sollen, wenn diese anders vernünftig sind, nicht statt des Friedens den Krieg zubringt. Allein in diesen Fall würdet ihr kommen, wenn ihr uns nicht folgtet; denn ihr würdet nicht nur diese beschützen, sondern auch uns selbst aus Vertragsgenossen Feinde werden. Natürlich! denn wenn ihr mit jenen geht, können wir uns jener nicht erwehren, ohne uns zugleich gegen euch zu wenden. Gerecht handeln werdet ihr aber nur dann, wenn ihr entweder beide Theile für sich gewähren lasset, oder wenn ihr mit uns gegen diese zu Felde zieht. Denn mit uns Korinthern seid ihr durch Verträge verbündet, mit den Kerkyräern aber habt ihr niemals auch nur einen Vertrag auf kurze Zeit geschlossen. Fangt nicht damit an, die abgefallenen Bundesgenossen Anderer aufzunehmen; denn auch wir haben damals, als die Samier von euch abgefallen sind, und die übrigen Peloponnesier getheilter Meinung waren, ob man sie unterstützen solle, nicht gegen euch gestimmt, sondern offen erklärt, daß es einem Jeden zustehen müsse, seine Bundesgenossen selbst zu bestrafen. Denn wenn ihr jetzt diesen gewaltthätigen Leuten Aufnahme und Hilfe gewähren wolltet, so würde es bald geshcehen, daß nicht minder auch eure Bundesgenossen zu uns übertreten, und ihr hättet dann diese Handlungsweise mehr zu eurem eigenen als zu unserem Schaden eingeführt."

  62. 1.41.1

    „Das sind die Rechtsgründe, mit denen wir euch gegenüber unsere Sache stützen, und nach Hellenischen Begriffen sind sie voll giltig. Wir besitzen aber noch ein anderes Mittel, euch für uns zu stimmen, und Anspruch auf euren Dank, dessen Abstattung wir unter den jetzigen Umständen von euch verlangen, nicht in feindlicher Absicht, als ob wir euch schaden wollten, und auch nicht wie manche Freunde in der Absicht, euch zu mißbrauchen. Als ihr nämlich damals in euren Händeln mit den Aegineten — noch vor den Perserkriegen — nicht genug lange Schiffe hattet, habt ihr von den Korinthern zwanzig zu leihen genommen ^), und diese Gefälligkeit und die andere in Betreff der Samier, als sich nämlich die Peloponnefier durch uns von der Hilfeleistung abmahnen ließen, hat euch den Sieg über die Aegineten und die Züchtigung der Samier möglich gemacht^). Und das geschah unter solchen Verhältnissen, in denen die Menschen, im Eifer den Sieg über die zu erringen, welche sie angreifen, alles Andere zu übersehen und zu vergessen Pflegen. Denn in einem solchen Augenblick hält man den für einen Freund, der sich dienstbeflissen zeigt, auch wenn er früher ein Feind gewesen wäre, und den für einen Feind, der sich hinderlich erweist, auch wenn er sonst cm Freund wäre; ja man vernachlässigt der augenblicklichen Streitsache wegen sogar die Regelung der eigenen inneren Verhältnisse."

  63. 1.42.1

    „Das ruft euch in's Gedächtniß zurück, und die Jüngeren unter euch mögen es sich von den Aelteren erzählen lassen, und so entschließt euch, uns Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Möge Niemand glauben: was wir verlangen, sei zwar gerecht, allein der Vortheil erheische für den Fall des Krieges etwas Anderes; der günstigste Erfolg wird Einem in den Dingen zu Theil, darin man am wenigste,! gegen die Gerechtigkeit verstoßen hat. Die zukünftige Wendung des Krieges, mit welcher die Kerkyräer euch Furcht einzujagen suchen, um euch zur Ungerechtigkeit zu verleiten, liegt noch im Dunkel, und es wäre nicht recht, wenn ihr euch durch diese Rücksicht bewegen ließet, euch die offene und nicht erst künftig eintretende Feindschaft der Korinther zuzuziehen. Klüger wäre es, die wegen Megara noch aus frü- hercr Zeit her obwaltende Spannung^) zu beseitigen, denn noch in: letzten Augenblick kann selbst eine minder wichtige Gefälligkeit, wenn sie nur den Umständen zu Hilfe kommt, auch eine bedeutende Schwierigkeit heben. Laßt euch auch nicht dadurch hinreißen, daß sie euch die Unterstützung einer großen Flotte gewähren. Denn es liegt eine dauerhaftere Macht darin, seines Gleichen nicht Unrecht zu thun, als wenn man sich durch die scheinbare Gunst des Augenblicks hinreißen läßt, einem Gefahr bringenden Gewinn nachzujagen."

  64. 1.43.1

    „Unsere Lage ist nun dieselbe wie die eure damals, als wir in Lakedämon erklärten^), daß Jeder seine eigenen Bundesgenossen zu züchtigen das Recht habe, nnd wir erwarten nun von euch dasselbe Benehmen, und daß ihr uns durch eure Entscheidung nicht in dem gleichen Fall schadet, in welchem wir durch die unsere euch genützt haben. Vergeltet Gleiches mit Gleichem und bedenket, daß eben die jetzige Lage wieder eine solche ist, in welcher derjenige der beste Freund ist, der sich dienstbeflissen zeigt, und der ein Feind, der sich hinderlich erweist, und nehmt nicht die Kerkyräer uns zum Trotz als Bundesgenossen an, noch leistet ihrem ungerechten Treiben Vorschub. Wenn ihr so handelt, werdet ihr Recht thun und das beschließen, was auch für euch selbst das Nutzbringendste ist."

  65. 1.44.1

    So sprachen die Korinther. Nachdem nun die Athener beide Theile angehört nnd sogar nach einander zwei Volksversammlungen abgehalten hatten, so fanden die Korinther in der ersten nicht geringe Beistimmung, in der folgenden aber siegte eine andere Meinung, und sie beschlossen, zwar nicht mit den Kerkyräern ein Schutzund Trutzbündniß in der Art einzugehen, daß die Feinde jener auch ihre Feinde, und jener Freunde auch ihre Freunde sein sollten, — denn wenn die Kerkyräer sie diesfalls aufgefordert hätten, mit ihnen gegen Korinth in See zu gehen, so wäre dadurch der mit den Peloponnesiern geschlossene Waffenstillstand von ihrer Seite gebrochen worden, — sondern sie schlossen ein Schutzbündniß zur gegenseitigen Vertheidigung für den Fall, daß Einer Kerkyra oder Athen oder beider Bundesgenossen angreifen sollte. Der Krieg mit den Peloponnesiern schien ihnen nämlich ohnehin nicht zu vermeiden, und sie wollten Kerkyra mit seiner bedeutenden Seemacht nicht den Korinthern in die Hände liefern, wünschten aber doch, daß beide Theile so hart als möglich aneinander gerathen möchten, damit sie selbst mit einem schon geschwächten Feinde zu thun hätten, wenn es zum Krieg mit Korinth oder einer andern Seemacht kommen sollte. Zugleich schien ihnen die Insel für die Ueberfahrt nach Italien und Sicilien sehr günstig gelegen.

  66. 1.45.1

    Diese Ueberlegungen also veranlaßten die Athener, die Kerkyräer in ihren Bund aufzunehmen, und bald nachdem sich die korinthischen Gesandten entfernt hatten, schickten sie ihnen zehn Schiffe zu Hilfe 89). Das Geschwader befehligten Lakedämonios, Sohn des Kimon, Diotimos, Sohn des Strombichos, und Proteas, des Epikles Sohn. Diese nahmen jedoch den Befehl mit, sich zur See mit den Korinthern in keinen Kampf einzulassen, außer im Fall, daß diese gegen Kerkyra segelten und dort oder auf einem dazu gehörigen Gebiete landen wollten. Hieran sollten sie sie jedoch nach Kräften verhindern. Diese Weisung gab man ihnen mit, um den Friedensvertrag nicht zu brechen. Jene Schiffe kamen denn auch glücklich bei Kerkyra an.

  67. 1.46.1

    Die Korinther nun, nachdem sie ihre Rüstungen vollendet hatten, gingen mit hundert und fünfzig Schiffen gegen Kerkyra unter Segel. Zehn davon hatten die Eleer gestellt, zwölf die Megarer, die Leukadier zehn, die Amprakioten siebenundzwanzig, und Eines die Anaktorier, die Korinther selbst aber neunzig. Jede der einzelnen Städte hatte auch ihre besonderen Anführer mitgesandt; Befehlshaber der Korinther war nebst vier andern Xenokleides, des Euthykles Sohn. Als sie Kerkyra gegenüber in die Nähe des Festlands gekommen waren, warfen sie von Leukas ansegelnd bei Cheimerion ^Varlam bei Arpitza^ im Lande der Thesproter Anker. So heißt nämlich der Hafen, und über demselben, etwas weiter vom Meere entfernt, liegt in dem eläatischen Bezirke von Thefprotien die Stadt Ephyra. In der Nähe mündet der Acherusische See in's Meer. Der Acheronfluß, wel­ cher Thesprotien durchströmt, ergießt sich in diesen See und gibt ihm auch seinen Namen. Es fließt dort auch, an der Gränze von Thesprotien und Kestrine, der Fluß Tbyamis, und zwischen diesen beiden Flüssen erhebt sich das Vorgebirge von Cheimerion, bei welchem die Korinther vor Anker gingen und auf dem Festland ein Lager schlugen.

  68. 1.47.1

    Als ihre Annäherung den Kerkyräern bekannt wurde, bemannten diese hundert und zehn Schiffe unter den Befehlen des Mei- Rades, Aefimides und Eurybatos, und stellten sich bei einer der Inseln auf, welche den Namen Sybota ^S. Nikolo diSivota^ führen. Auch die zehn athenischen Schiffe befanden sich bei ihnen. Ihr Landheer stand aus dem Vorgebirg Leukimme ^Lefkimo^, verstärkt durch tausend schwerbewaffnete Zakynthier. Auch zu den Korinthern waren auf dem Festland zahlreiche Barbaren gestoßen, denn die Bewohner des Festlands in der dortigen Gegend find ihnen von jeher befreundet.

  69. 1.48.1

    Nachdem die Korinther ihre Vorbereitungen getroffen und für drei Tage Lebensmittel eingenommen hatten, segelten sie bei Nacht vom Vorgebirge Cheimerion ab, um eine Seeschlacht zu wagen, und mit der Morgenröthe sahen sie der Kerkyräer Schiffe auf hoher See gegen sich ansegelnd. Nachdem auch jene sie wahrgenommen, stellten sie sich gegen einander in Schlachtordnung auf. Den rechten Flügel der Kerkyräer nahmen die Athenischen Schiffe ein, ihre eigenen, in drei Geschwader unter AnfüHrung ihrer drei Feldherrn abgetheilt, den linken. Dies war die Aufstellung der Kerkyräer. Aus Seiten der Korinther bildeten die Megarischen und Amvrakiotischen Schiffe den rechten Flügel, im Mitteltreffen standen die andern Bundesgenos» sen der Reihe nach, und den linken Flügel hatten mit ihren besten Schiffen die Korinther selbst inne, gegenüber den Athenern und dem rechten Flügel der Kerkyräer.

  70. 1.49.1

    Als auf beiden Seiten die Zeichen gegeben waren 2°), trafen die Flotten auf einander. Beide aber waren mehr nach alter Art und in unvollkommener Weise gerüstet und hatten viel Schwer- bewaffnete auf dem Verdeck, auch viele Bogenschützen und Lanzenträger, und so kämpften sie. Die Seeschlacht war erbittert, aber dem Eifer glich nicht die Geschicklichkeit, und so hatte eS mehr das Ansehen einer Landschlacht. Denn wenn Schiffe auf einander gestoßen waren, so konnten sie sich wegen der Menge und des Gedränges der Fahrzeuge nicht leicht von einander losmachen. Auch erwartete man den Sieg eher von den Schwerbewaffneten auf dem Verdeck, die festen Fußes stehend kämpften, während die Schiffe ruhig lagen. Die Schlachtlinien zu durchbrechen unternahm man nicht ^), sondern Muth der Einzelnen und persönliche Stärke thaten in diesem Seekampf mehr, als Erfahrung und Geschicklichkeit, und überall war großer Lärm und wirres Geschrei. Die Athenischen Schiffe ließen sich nirgends erster Hand in den Kampf ein, sondern wo irgend die Kerkyräer bedrängt wurden, da stellten sie sich ihnen zur Seite und schreckten die Gegner nur zurück, denn die Anführer scheuten sich, der Athener Verbot zu übertreten. Am meisten gerieth der rechte Korinthische Flügel in die Enge, denn die Kerkyräer zwangen ihn mit zwanzig Schiffen zum Wenden, setzten den zerstreuten und gegen das Festland flüchtenden nach und segelten bis dicht an ihr Lager, wo sie an's Land stiegen und die leeren Zelte in Brand steckten und plünderten. Hier also zogen die Korinther und ihre Bundesgenossen den Kürzeren, und die Kerkyräer waren im Vortheil. Wo aber die Korinther selbst standen, aus dem linken Flügel, hatten sie bei Weitem den Vortheil, denn den Kerkyräern, die ohnedies in der Minderzahl waren 22), gingen die zwanzig verfolgenden Schiffe ab. Da nun die Athener, welche vorher sich gehütet hatten handgemein zu werden, die Noth der Kerkyräer sahen, segelten sie unbedenklich zur Hilfe heran, und als die Flucht entschieden war und die Korinther nachsetzten, da legte Jeder der Athener Hand an's Werk, und man konnte keinen Unterschied mehr machen, sondern die Gefahr wurde so groß, daß Korinther und Athener mit einander handgemein wurden.

  71. 1.50.1

    Als die Feinde sich zur Flucht gewandt hatten, nahmen die Korinther die von ihnen etwa leck gemachten Schiffe nicht in's Schlepptau, sondern kehrten sich gegen die Bemannung, und zwischen den feindlichen Schiffen durchsegelnd gingen sie mehr darauf aus zu morden, als Gefangene zu machen. Daß sie aber auf ihrem rechten Flügel selbst geschlagen waren, wußten sie nicht, und es geschah ihnen daher auch, daß sie aus ihre eigenen Freunde einHieben, denn es war nicht leicht, in dem Getümmel Sieger und Besiegte von einander zu unterscheiden, weil aus beiden Seiten die Zahl der Schiffe groß war und eine weite Fläche des Meeres bedeckte. Denn in Bezug auf die Schiffszahl war diese Schlacht die bedeutendste, in welcher Griechen noch gegen Griechen gekämpft hatten.

  72. 1.50.2

    Nachdem nun die Korinther die Kerkyräer bis an's Land verfolgt hatten, wandten sie ihre Aufmerksamkeit ihren eigenen Schiffstrümmern und Todten zu, wurden auch der meisten habhaft und brachten sie nach Sybota, wo das Hilfsheer der Barbaren stand. Dies Sybota ist ein verlassener Hafen Thesprotiens ^gegenüber den gleichnamigen Inseln^. Nachdem also dies verrichtet war und sie sich wieder gesammelt hatten, rückten sie von Neuem gegen die Kerkyräer an. Diese aber segelten mit ihren noch seetüchtigen Fahrzeugen, worunter auch die bei den Athenischen Schiffen zurückgebliebenen waren, ihnen selbst entgegen, aus Furcht, der Feind möchte eine Landung wagen. Es war bereits spät am Tag, und schon war der Schlachtgesang zum Vorgehen angestimmt 93), da fingen die Korinthischen Schiffe plötzlich an, rückwärts zu rudern^). Sie hatten nämlich zwanzig attische Schiffe heransegeln sehen, welche die Athener später zur Unterstützung der zehn ersten abgeschickt hatten, aus Besorgniß, die Kerkyräer möch- ten, was auch wirklich eingetroffen war, geschlagen werden, und die zehn Schiffe möchten zu ihrem Schutze zu schwach sein.

  73. 1.51.1

    Diese Schiffe also erblickten die Korinther zuerst, und weil sie vermutheten, daß sie von Athen kämen und ihrer vielleicht noch mehr seien als die, welche eben in Sicht waren, so nahmen sie den Rückzug. Die Kerkyräer sahen aber diese Schiffe nicht, — denn sie kamen von einer Seite, wo jene sie nicht so leicht wahrnehmen konnten,— und wunderten sich sehr, daß die Korinther rückwärts ruderten,, bis endlich Einige der Schiffe ansichtig wurden und ihr Ansegeln verkündeten. Da zogen auch sie sich zurück, denn es dunkelte schon und die Korinther waren bereits weit weg. So also hatte der Zusammenstoß geendet und die Nacht die Seeschlacht abgeschnitten. Die Kerkyräer nahmen nun bei Leukimme eine Aufstellung, und jene zwanzig Athenischen Schiffe, geführt von Glaukon, des Leagros', und von Andokides, des Leogoros' Sohn, fuhren mitten durch Schiffstrümmer und Leichen auf die Kerkyräer los und kamen, nicht lange nachdem sie zuerst bemerkt worden waren, bei ihrem Standort an. Es war schon dunkele Nacht, und die Kerkyräer hatten gefürchtet, es möchten feindliche Schiffe sein; jetzt aber erkannte man sie, und jene gingen vor Anker.

  74. 1.52.1

    Tags darauf segelten die dreißig attischen Schiffe und so viele von den Kerkyräischen noch seetüchtig waren, auf den Hafen Sybota los, um zu sehen, ob die Korinther, welche dort vor Anker lagen, einen Seekampf wagen würden. Diese stießen auch wirklich vom Lande und stellten sich auf hoher See in Schlachtordnung, aber sie verhielten sich ruhig und zeigten keine Neigung, ihrerseits den Kampf zu eröffnen, da sie die von Athen frisch angekommenen Schiffe sahen, und da auch sie selbst sich in mancher Verlegenheit befanden, theils wegen Überwachung der Gefangenen, die sie auf den Schiffen hatten, theils auch weil die wüste Gegend keine Möglichkeit die Schiffe auszubessern darbot. Wie sie nach Hause zurückschiffen könnten, lag ihnen viel mehr am Herzen; denn sie fürchteten, die Athener möchten den Vertrag für gebrochen erachten, weil es ohnehin schon zum Handgemenge gekommen sei, und möchten sie an der Heimfahrt hindern.

  75. 1.53.1

    Sie hielten es nun für rathsam, einige Männer aus einem Boot und ohne einen Heroldsstab zu den Athenern zu schicken, um ihre Gesinnung zu erproben. Diese sollten Folgendes sagen: „Ihr thut Unrecht, Männer von Athen, daß ihr den Krieg ansangt und den Frieden brechet. Denn ihr stellt euch bewaffnet uns in den Weg, während wir beschäftigt sind, unsere Feinde zu bestrasen. Habt ihr aber die Absicht, uns zu hindern, ob wir nun gegen Kerkyra, oder irgend sonst wohin schiffen wollen, und wenn ihr die Verträge zu brechen entschlossen seid, so ergreift zuerst uns, wie wir da sind, und behandelt uns als Feinde." Das richteten denn jene auch aus. Das Heer der Kerkyräer aber, so viele ihrer hatten zuhören können, schrieen, man solle sie nur gleich ergreifen und niederhauen; allein die Athener gaben folgende Antwort: „Wir fangen weder den Krieg an, ihr Peloponncfischen Männer, noch brechen wir die Verträge; wir sind nur den Kerkyräern da zu Hilfe gekommen, weil sie unsere Bundesgenossen sind. Wollt ihr irgend anderswohin schiffen, so hindern wir euch nicht, wenn ihr aber gegen Kerkyra segelt oder ein dazu gehöriges Gebiet, so werden wir das nach Möglichkeit hintertreiben."

  76. 1.54.1

    Auf diese Antwort der Athener rüsteten die Korinther zur Heimfahrt und errichteten auf dem festen Lande bei Sybota ein Siegeszeichen. Die Kerkyräer aber sammelten die Schiffstrümmer und Leichname, welche Wind und Wellen an's User geworfen.hatten; denn während der Nachd hatte ein Sturm sie nach allen Seiten zerstreut; und dann errichteten auch sie ein Siegeszeichen zu Sybota aus der Insel, gleich als ob sie die Schlacht gewonnen hätten. Daß aber beide Theile sich den Sieg zuschrieben, geschah aus folgenden Gründen. Die Korinther waren in der Seeschlacht bis zum Anbruche der Nacht im Vortheil gewesen, weßhalb sie auch die meisten Schiffs, trümmer und Leichen sammelten; dann waren ihnen auch nicht weniger als tausend Kriegsgefangene in die Hände gefallen, und Schiffe hat- ten sie siebenzig versenkt. Aus diesen Gründen errichteten sie ein Siegeszeichen. Die Kerkyräer aber thaten dasselbe, weil sie an dreißig Schiffe vernichtet und nach der Athener Ankunft ihre Schiffstrümmer und Todte gesammelt hatten, dann auch, weil die Korinther beim Anblick der Attischen Schiffe zuerst vor ihnen rückwärts gerudert und den Rückzug genommen hatten und nach Ankunft der Athener ihnen nicht mehr von Sybota aus entgegen gefahren waren. So legten sich beide Theile des Sieges Ehre bei.

  77. 1.55.1

    Die Korinther aber nahmen auf der Heimfahrt durch Lift Anaktorion, an der Mündung des Amprakiotischen Meerbusens, in Besitz, welches bis jetzt ihnen und den Kerkyräeru gemeinsam gehört hatte. Hier ließen sie Korinthische Ansiedler und kehrten dann nach Hause zurück. Von den Kerkyräern verkauften sie achthundert, welche Unfreie waren; zweihundert und fünfzig behielten sie als Gefangene, behandelten sie jedoch rücksichtsvoll, damit dieselben nach ihrer Heimkehr Kerkyra ihnen zuwenden möchten, denn zufällig gehörte die Mehrzahl derselben zu den Mächtigeren ^Aristokraten^ in jenem Staate.

  78. 1.55.2

    Auf diese Weise also hatte Kerkyra den Krieg mit den Korinthern siegreich bestanden, und die Schiffe der Athener kehrten nach Hause zurück. Das aber wurde die erste Veranlassung zum Kriege zwischen Korinthern und Athenern, daß diese während deS Waffenstillstandes in Verbindung mit den Kerkyräern an dem Seekampfe gegen sie Theil genommen hatten.

  79. 1.56.1

    Sehr bald aber kamen auch noch die folgenden Zwistigkeiten zwischen Athenern und Peloponnesiern als neue Veranlassung zum Kriege hinzu: da die Korinther auf Rache sannen, und die Athener diese feindliche Gesinnung bei ihnen auch voraussetzten, so befahlen diese ihren Bundesverwandten und Zinsholden, den Potidäern, — dem Ursprung nach Korinthische Pflanzer, auf der Landenge von Pallene angesessen —, ihre Mauern gegen Pallene hin niederzureißen, außerdem Geißeln zu stellen und die Beamten (Epidemiurgen) wegzuschicken, welche die Korinther alljährlich dorthin zu senden pflegten, und auch keine neuen mehr aufzunehmen. Sie fürchteten nämlich, jene möchten sich von Perdikkas und den Korinthern zum Abfall bereden lassen und durch ihr Beispiel auch die übrigen Thrakischen Bundesgenossen nachziehen.

  80. 1.57.1

    Diese Vorsichtsmaßregeln trafen die Athener sogleich nach der Seeschlacht bei Kerkyra, denn die Korinther waren nun schon so gut wie erklärte Feinde, und Perdikkas 97), des Alexandros' Sohn und König von Makedonien, früher Bundesgenosse und Freund, war ebenfalls zum Feind geworden, weil die Athener sich mit seinem Bruman sieht doch ein, daß sie ganz direkt großen menschlichen Culturzwecken dienen und gegen die sittlichen Forderungen nicht verstoßen? der Schwächere wird zum Anschluß oder zur Unterwerfung aufgefordert, mit der KriegSandrohiing. Er weiß, was ihm im Weigerungsfälle bevorsteht, und der Mächtigere ist deßhalb ihn zu bekämpfen gezwungen, weil in den meisten Fallen ein zweiter Mächtiger auf der andern Seite steht, welcher durch Einverleibung des Schwächeren an Macht so überlegen zu werden droht, daß eben daS Gebot der Selbsterhaltung ihm zuvorzukvminen nöthigt. Hierbei wird weiter kein Recht verletzt, als das Existenzrecht des schwächeren Staates, das in jedem Fall nur ein temporäres und von den größeren Verhältnissen (die nicht von uns, sondern von der Gottheit abhängen) n»r in so lange garantirteS ist, als die umliegenden Staaten von ziemlich gleicher Macht sind. Welcher von diesen Gleichen unter Gleichen sich zuerst zu größerer Macht emporschwingt, kann dies aber nur durch höhere sittliche Anstrengung erreichen, womit eben den höchsten Zwecken der Menschheit und der Gottheit gedient ist. Daher kommt >eS, daß z. B. das Schauspiel der ausstrebenden Römischen Macht ein sittlich erhebendes ist. denn es wird hier gezeigt, was virtus des Menschen vermag. Ganz anders ist es aber, wenn politische Schwäche um jeden Preis zur Macht gelangen will. „Es ist gewiß sehr in der Ordnung und ein natürliches Verlangen, daß man sich zu vergrößern wünscht: und immer werden diejenigen, welche es thun, wofern sie es nur zu thun vermögen (d. h. die ausreichende Macht dazu besitzen), darum belobt, oder doch nicht getadelt werden. Wenn sie eS aber nicht vermögen und doch auf alle Weise thun wollen, da liegt der Tadel und der Fehler. (Machiavell, Fürst, Kap. Z am Schluß.) Machiavell sieht hier nur Machtsragen. Macht und Moralität gehen auch heutzutage noch nicht ganz zusammen, aber wir glauben, es ist nicht zu leugnen, daß heutzutage das moralische Bewußtsein der Volks-nassen doch schon eine ansehnliche Macht geworden ist (in Folge der Erfindung GuttenbergS), mit welcher in der Politik der Neugestaltungen gerechnet werden muß. Da nun politische Schwäche, so gut wie individuelle, sich hauptsächlich unmoralischer Mittel «Zweideutigfett, Lüge, Betrug» bedienen muß, wenn sie rasch emporkommen will, so beleidigt sie dadurch die Macht des sittlichen Bewußtseins der Nationen, und es scheint, daß dieses heutzutage nicht mehr ertragen kann, unmoralisches Verfahren mit großem dauernden Erfolg gekrönt zu sehen. Wir wollen demnach gern glauben, daß Machiavell nicht mehr ganz Recht hätte, wenn er heute schriebe, was er im Fürsten zu Anfang des IS. Kap. sagt: „Wie man wirk» lich lebt, und wie man leben sollte, liegt in meinen Augen so weit von einander ab, daß derjenige, welcher um dessentwillen, was eigentlich geschehen sollte, das verabsäumt, was wirklich geschieht, eher seinen Untergang, als seine Errettung erleben wird, insofern ein Mensch (und ein Staat), der der Philippos 98) und dem Derdas, die sich gemeinsam gegen ihn empörten, verbündet hatten. Zn seiner Furcht suchte er durch eine Gesandtschaft nach Lakedämon den Athenern einen Krieg mit den Peloponnesiern auf den Hals zu ziehen, und die Korinther brachte er wegen des Abfalls von Potidäa auf seine Seite ^). Auch die Chalkidäer und Bottiaer auf der Thrakischen Gränze suchte er abtrünnig zu machen, in der Meinung, daß er in Verbindung mit diesen seinen Gränznachbarn den Krieg leichter werde durchführen können. Die Athener aber merkten dies, und um dem Abfall der Städte zuvorzukommen, so gaben sie den Anführern der Flotte, welche unter Archestratos, des Lykomedes' Sohn, und noch zehn Anderen auf dreißig Fahrzeugen tausend Schwerbewaffnete gegen den Perdikkas führen sollte, und die eben zum Auslaufen bereit lag, den Auftrag, von den Potidäern Geißeln zu nehmen, ihre Mauer niederzureißen und aus die benachbarten Städte ein wahcsames Auge zu haben, um ihren Abfall zu verhindern.

  81. 1.58.1

    Die Potidäer schickten nun Gesandte nach Athen und ver. suchten eS, diese neuen Maßregeln gegen sie durch Bitten abzuwenden; doch gingen sie auch mit den Korinthern nach Lakedämon, um für den Fall der Noth sich eine Unterstützung zu sichern. Da sie nun bei den Athenern trotz langer Mühe und Geduld Nichts ausrichteten, sondern deren Schiffe gegen sie selbst ebenso wie gegen Makedonien bestimmt wurden, die Lakedämonische Regierung ihnen aber versprach, in Attika einzufallen, wenn die Athener gegen Potidäa etwas unter, nehmen sollten, so fielen sie mit den Chalkidiern und Bottiäern, ihren EideSgenossen, ab. Gleichzeitig beredete Perdikkas die Chalkidier, ihre Städte am Meere zu verlassen und zu zerstören, um sich weiter im Lande in Olynthos niederzulassen und nur diese Stadt zur gemeinsamen Festung zu machen. Diesen Auswanderern gab er ein Stück seines Gebietes in der Landschaft Mygdonia am See Bolbe für so lange zur Benützung, als der Krieg mit den Athenern dauern würde. Diese zerstörten denn auch ihre Städte, siedelten sich landeinwärts an und rüsteten zum Krieg.

  82. 1.59.1

    Die dreißig Schiffe der Athener kamen nun in die Thrakischen Gewässer und fanden Potidäa und die andern Plätze bereits abgefallen, und da es die Anführer für unmöglich hielten, mit der ihnen zu Gebote stehenden Macht den Perdikkas und die abgefallenen Städte zugleich zu bekämpfen, so wandten sie sich gegen Makedonien, wozu sie auch anfänglich ausgeschickt worden waren, und nachdem sie eine feste Stellung genommen, begannen sie den Krieg in Gemeinschaft mit Philippos und den Brüdern des Derdas, welche aus dem Inneren mit Heeresmacht zur Küste gekommen waren.

  83. 1.60.1

    Unterdessen schwebten die Korinther, weil Potidäa abgefallen war und die Athenischen Schiffe sich in den makedonishcen Gewässern befanden, wegen jenes Platzes in Furcht, und da sie die Gefahr als ihre eigene betrachteten, so schickten sie aus ihrer Stadt Freiwillige und Söldlinge aus dem übrigen Peloponnes, im Ganzen sechzehnhundert Schwerbewaffnete und vierhundert Leichtbewaffnete, ab. Anführer war Aristeus, des Adeimantos Sohn, und vorzüglich aus Freundschaft für diesen hatten sich die meisten korinthischen Freiwilligen angeschlossen, denn er stand von jeher mit den Potidäern in genauer Verbindung. Vierzig Tage nach dem Abfall Potidäa's landeten diese an der Küste des Thrakischen Gränzgebietes.

  84. 1.61.1

    Auch den Athenern kam schnell Nachricht vom Abfall der Städte zu, und als sie hörten, daß auch die Truppe des Aristeus zu jenen gestoßen sei, so schickten sie zweitausend Schwerbewaffnete und vierzig Schiffe gegen die Abgefallenen. Anführer war Kallias, des Kalliades Sohn, mit noch vier Anderen. Bei der Ankunft in Makedonien trafen sie die ihnen vorangegangenen tausend Mann schon im Besitze des eben eroberten Therme ^Thessalonich^ und Pydna belagernd; sie lagerten also auch vor Pydna und halfen die Stadt einschließen. Bald aber gingen sie nothgedrungen einen Vergleich und Bundesgenossenschast mit dem Perdikkas ein, wie denn die Rücksicht aus Potidäa und des Aristeus Ankunft sie wirklich dazu zwangen. Nunmehr räumten sie Makedonien und zogen gegen Beröa s^Veria oder Karaveria^ und von da gegen Strepsa ; nachdem ihr Versuch diese Stadt zu nehmen mißlungen war, richteten sie ihren Zug mit dreitausend Schwerbewaffneten aus der eigenen Bürgerschaft, ungerechnet die Menge der Hilfstruppen, und mit sechshundert makedonischen Reitern unter Philippos und Pausanias zu Lande gegen Poti­ däa, während die Flotte, siebzig Segel stark sie begleitend an der Küste hinfuhr. In kurzen Märschen gelangten sie am dritten Tage nach Gigonos ^nächst Potidäa^ und schlugen daselbst ein Lager.

  85. 1.62.1

    Die Potidäer aber und die Peloponnesier unter Aristeus lagerten in Erwartung der Athener auf der Seite ^ihrer eigenen Stadt^ gegen Olynthos zu auf der Landenge und hatten deßhalb auch einen Markt für die Lebensmittel errichtet ^). Zum Anführer sämtlicher Fußtruppen hatten die Verbündeten den Aristeus gewählt und für die Reiterei den Perdikkas; denn dieser war sogleich wieder vom Bündniß mit den Athenern abgefallen und focht auf Seiten der Potidäer, nachdem er den Jolaos zu seinem Stellvertreter in der Regierung gemacht hatte. Es war nun der Plan des Aristeus, mit seiner eigenen Abtheilung einen Angriff der Athener auf der Landenge abzuwarten, während die Chalkidier und die Bundesgenossen außerhalb der Landenge mit den zweihundert Pferden des Perdikkas bei Olynthos stehen bleiben, und wenn die Athener ihn selbst angreifen würden, denselben zu seiner Unterstützung in den Rücken fallen und so die Feinde in die Mitte nehmen sollten. Auf der andern Seite schickte Kallias, der Anführer der Athener, und seine Mitfeldherrn die Makedonischen Reiter und eine kleine Zahl Bundesgenossen gegen Olynthos, um es jenen unmöglich zu machen, von dort aus zu Hilfe zu kommen; sie selbst aber brachen aus dem Lager auf und marfhcirten aus Potidäa los. Als sie nun bei der Landenge anlangten und die Feinde in Schlachtordnung aufgestellt sahen, nahmen auch sie ihre Aufstellung, und es dauerte nicht lange, so kam es zum Handgemenge. Der Flügel des Aristeus selbst, und was an auserlesener Mannschaft der Korinther und der Andern bei ihm stand, schlugen die ihnen Gegenüberstehenden in die Flucht und verfolgten sie ein gutes Stück; das übrige Heer der Potidäer und Peloponnesier aber wurde von den Athenern geschlagen und flüchtete in die Stadt.

  86. 1.63.1

    Als sich nun Aristeus von der Verfolgung zurückwendete und das übrige Heer geschlagen war, so war er verlegen, nach welcher Seite er es wagen solle sich durchzuschlagen, gegen OlynthoS oder gegen Potidäa, entschloß sich jedoch, seine Truppen so eng als möglich zusammenzuziehen und im Eilschritt den Durchmarsch auf Potidäa zu erzwingen, und wirklich gelangte er über den steinernen vom Meere überflutheten Schutzdamm dahin, beschossen zwar und unter vieler Mühseligkeit und auch einigem Verluste, doch war die Mehrzahl gerettet. Die aber von Olynthos aus den Potidäern zu Hilfe kommen sollten — Olynthos ist ungefähr sechzig Stadien entfernt und kann noch gesehen werden — , rückten beim Beginn des Kampfes, und als die Feldzeichen sichtbar wurden, eine kleine Strecke vor, um Hilfe zu leisten, und die makedonishcen Reiter stellten stch gegenüber auf, um sie daran zu hindern. Als sich aber der Sieg so schnell für die Athener entschied und die Zeichen wieder verschwanden, kehrten sie wieder nach der Stadt zurück und die makedonishcen Reiter zum Heere der Athener, und so war auf keiner von beiden Seiten die Reiterei zum Treffen gekommen. Nach der Schlacht stellten die Athener ein Siegeszeichen auf und gaben unter sicherem Geleit den Potidäern ihre Todten heraus Es waren aber von diesen und ihren Bundesgenossen etwas unter dreihundert Mann gefallen, auf Seiten der Athener von ihren eigenen Bürgern hundert und fünfzig und darunter ihr Anführer KalliaS.

  87. 1.64.1

    Allsogleich führten nun die Athener gegenüber der Stadt- seite, welche der Erdenge zugekehrt war, eine Mauer zur Sperre auf und bewachten dieselbe; die Seite gegen Pallene hin blieb jedoch ohne eine solche Mauer; denn sie hielten sich nicht für stark genug, die Landenge durch eine Besatzung zu decken und zugleich nach Pallene überzusetzen, um sich auch dort zu vershcanzen, da sie fürchteten, die Potidäer und Bundesgenossen möchten eine solche Theilung ihrer Truppen zu einem Ueberfall benutzen. Als aber die Athener zu Hause vernahmen, daß Pallene nicht durch eine Mauer gesperrt sei, schickten sie bald darauf sechzehnhundert eigene Schwerbewaffnete ab. Anführer war Phormion, deS Afopios Sohn. Da dieser auf Pallene gelandet war, ließ er von Aphytos aus sein Heer langsam gegen Potidäa vorrücken, indem er zugleich die Gegend verheerte, und als sich Niemand zeigte, um eine Schlacht anzunehmen, so sperrte er die Stadt- seite gegen Pallene hin durch eine Mauer, und so war also Potidäa von beiden Seiten streng eingeschlossen, während die Seeseite durch die Flotte gesperrt wurde.

  88. 1.65.1

    Als nun Aristeus nach Einschließung der Stadt keine Hofsnung auf Rettung mehr hatte, außer wenn vom Peloponnes oder sonst woher wider Erwarten Hilfe käme, so rieth er, daß Alle bis auf Fünfhundert einen günstigen Wind zum Auslaufen benutzen sollten, damit die Lebensmittel um so länger ausreichen könnten, und er selbst erbot sich unter den Bleibenden zu sein. Da er aber kein Gehör fand und doch das zur Erhaltung des Platzes Erforderliche vorzukehren und zugleich auch die Dinge auswärts möglichst günstig zu gestalten bedacht war, so ging er in See, als er es unbemerkt von den Wach­ Posten der Athener thun konnte, landete auf Chalkidike und führte im Verein mit den dortigen Bundesgenossen verschiedene Kriegsthaten aus, wie er denn unter andern den Sermyliern durch einen bei ihrer Stadt gelegten Hinterhalt viele Leute tödtete. Zugleich verkehrte er wegen Hilfeleistung mit dem Peloponnes. Phormion aber verheerte nach der Einschließung Potidäa's mit seinen sechzehnhundert Mann Chalkidike und Bottiäa und nahm auch einige kleine Städte.

  89. 1.66.1

    Das also waren die noch hinzugekommenen gegenseitigen Klagpunkte zwischen Athenern und Peloponnesiern: seitens der Korinther, daß jene ihre Pflanzstadt Potidäa und in derselben korinthische und peloponnesische Männer belagerten; seitens der Athener gegen die Peloponnesier, daß sie eine verbündete und zinspflichtige Stadt zum Abfall verleitet und mit den Potidäern ganz offen gegen sie zu Felde gezogen seien. Doch war hiemit der Krieg noch nicht förmlich ansgebrochen, sondern man hielt von beiden Seiten noch zurück, da die Korinther bis jetzt nur auf eigene Faust gehandelt hatten.

  90. 1.67.1

    Da aber nun Potidäa belagert wurde, so hatten sie nicht Ruhe und Rast, weil von ihren Leuten dort lagen und sie auch den Verlust des Platzes befürchteten. Deßhalb beriefen sie sogleich die Bundesgenossen nach Lakedämon und verklagten dort die Athener mit großem Geschrei, daß sie die Verträge gebrochen hätten und gegen den Peloponnes Ungerechtigkeit verübten. Auch die Aegineten halfen den Krieg eifrigst betreiben, zwar nicht in offener Gesandtschaft, sondern aus Furcht vor den Athenern heimlich, indem sie klagten, daß man sie den Verträgen zuwider sich nicht ihrer eigenen Gesetze bedienen lasse. Die Lakedämonier nun beriefen auch die übrigen Bundesgenossen und wer sonst von den Athenern Unrecht zu leiden glaubte, und nachdem sie ihre gewöhnliche Volksversammlung I veranstaltet hatten, hießen sie jene reden. Da traten außer den Andern, welche der Reihe nach ihre Beschwerden erhoben, auch die Megarer auf und brachten neben vielen andern Klagepunkten vorzüglich den vor, daß sie gegen die Verträge von den Häscn auf athenischem Gebiet und von dem attischen Markte ausgeschlossen seien Zuletzt traten die Korinther aus, und nachdem sie die Andern erst die Lakedämonier hatten aufreizen lassen, machten sie mit folgender Rede den Schluß:

  91. 1.68.1

    Eure Rechtlichkeit in den eigenen StaatSgeschäften und in eurem Verkehr unter einander macht euch, ihr Lakedämonier, mißtrauisch gegen uns Andere, wenn wir einmal etwas vorzubringen haben, und ihr könnt euch darum zwar eurer Mäßigung rühmen, aber ihr seid dafür auch über auswärtige Angelegenheiten sehr schlecht unter- richtet ' Wir haben euch oft vorausgesagt, was uns von den Athenern Schlimmes drohe, aber ihr habt euch in keinem einzigen Falle über die Wahrheit dessen, was wir vorbrachten, unterrichten mögen, sondern hattet uns im Verdacht, als ob wir nur unseres eigenen Vortheils wegen redeten, und so habt ihr denn auch jetzt die Bundesgenossen hier versammelt, nicht vor erlittenem Schaden, sondern da wir schon tief darin stecken. Unter den Bundesgenossen steht es aber vor Allen uns zu, das Wort zu führen, da wir durch der Athener Uebermuth und eure Vernachlässigung das Schwerste zu leiden haben. Wenn nun die Ungerechtigkeiten der Athener gegen das gesammte Hellas im Verborgenen geschähen, so bedürstet ihr als dessen Unkundige der Belehrung; was braucht's aber jetzt einer langen Rede, da von denen, die ihr vor euch seht, die Einen ' schon unterjocht sind, den Andern aber und vorzüglich unseren Bundesgenossen dasselbe Schicksal bereitet wird, und da ihr jene seit langer Zeit gerüstet wisset für den Fall, daß sie ja einmal ^von euch^ wirklich bekriegt werden sollten. Denn wie hätten sie uns Kerkyra mit Gewalt wegnehmen und Potidäa belagern können, von denen dieses zur Benutzung gegen Thrakien die günstigste Lage hat, nnd jenes den Peloponnesiern leicht eine sehr starke Flotte hätte stellen können?

  92. 1.69.1

    Und dafür trifft die Verantwortung euch, denn ihr habt sie nach dem persischen Kriege zuerst ihre Stadt befestigen und dann die langen Mauern aufführen lassen, und so habt ihr bis auf den heutigen Tag nicht nur die jenen Unterworfenen ihrer Freiheit beraubt gehalten, sondern sogar auch eure eigenen Bundesgenossen: denn nicht der, welcher knechtet, sondern der, welcher dem wehren könnte und es unterläßt, wird mit mehr Recht als der eigentliche Thäter betrachtet, zumal wenn er den Ehrennamen des Befreiers von Hellas trägt ' Kaum haben wir es selbst jetzt zu einer Versammlung bringen können, und selbst jetzt noch nicht so, als ob wir bereits im Klaren wären' Denn man sollte jetzt nicht mehr untersuchen, ob uns Unrecht geschieht, sondern wie wir das Unrecht von uns abwehren; denn die Angreisenden gehen rasch und entschlossen gegen die Unentschlossenen vor und werden sich nicht erst lange besinnen. Wir wissen ja, mit welchen Mitteln und wie die Athener Schritt für Schritt gegen die Andern vorgeben. So lange eure stumpfe Gleichgiltigkeit sie in dem Glauben erhält, daß ihre Handlungen unbemerkt bleiben, sind sie weniger kühn und schnell; sehen sie aber erst, daß ihr sie durchschaut und doch zu ihrem Vorgehen schweiget, so werden sie uns ganz anders zusetzen. Denn von allen Hellenen, ihr Lakedämonier, überlaßt ihr allein euch der Ruhe, gleich als ob ihr durch Unentschlossenheit den Feind abwehren könntet, anstatt durch Kraftanstrengung, und ihr allein denkt die Macht des Feindes nicht in ihrem Beginnen zu unterdrücken, sondern wenn sie ihre Kräfte bereits verdoppelt hat'Man rühmt zwar daß ihr verläßlich seiet, aber hierin bleibt euer Thun hinter dem Rufe zurück; denn wir wissen ja noch selbst, daß der Meder sAerxes^, der doch von den Gränzen der Erde herkam, damals viel früher gegen den Peloponnes im Anmarsch ershcien, als ihr nnterdeß Zeit gefunden hattet, euch gegen ihn geziemend in Bereitschaft zu sehen; und grade so sorglos seid ihr auch jetzt den Athenern gegenüber, die nicht fern wohnen wie jene, sondern ganz in der Nähe, und anstatt sie anzugreifen, wollt ihr sie lieber herankommen lassen und euch nur abwehrend verhalten. Einem viel mächtigeren Feind gegenüber wollt ihr eure Sache der Gunst des Glücks anheimstellen, obfchon ihr wohl wisset, daß, gleichwie der mächtige Barbar selbst meist nur durch seine eigenen Fehler zu Schaden kam, so auch wir über die Athener fast immer mehr durch ihre eigenen Versehen Vortheile gewinnen konnten, als durch Hilfe, die von euch kam. Fürwahr, das Vertrauen auf euch hat schon Manchen zu Grunde gerichtet, der sich eben deshalb nicht selbst gehörig vorsah, weil er sich auf euch verließ. Und glaube Keiner von euch, daß wir dies mehr aus Feindseligkeit gegen Euch sagen, als aus gegründeter Ursache zur Beschwerde; denn gegen befreundete Männer, wenn etwas versehen worden ist, findet Beschwerde Statt, Anklage nur gegen Feinde und Unterdrücker.

  93. 1.70.1

    Einen Andern zu tadeln glauben wir aber so gut berechtigt zu sein, wie irgend Jemand, denn die Dinge, um die es sich handelt, sind von der größten Wichtigkeit. Ihr jedoch scheint davon gar nichts zu merken und niemals überlegt zu haben, was für Leute ihr in den Athenern zu bekämpfen habt, und wie sehr und wie ganz und gar sie euch überlegen sind. Denn sie sinnen immer auf Neues und sind rasch bei der Hand, Pläne zu entwerfen und dem Entschluß die That folgen zu lassen; ihr aber denkt nur daran, das Bestehende zu erhalten und nichts Neues hinzuzuthun, und führt nicht einmal das Nothwendige durch die That aus. Hinwieder sind jene über Vermögen unternehmend, und ihre Tollkühnheit geht noch über ihre eigenen ersten Entschlüsse hinaus, und grade im Unglück sind sie erst recht voller Hoffnung; euch hingegen zeichnet es aus, daß eure Thaten hinter den Kräften zurückbleiben, daß ihr nicht einmal a'üs die zuverlässigsten Umstände einen Entschluß bauet, und niemals glaubt ein Unglück zu überstehen. Jene sind rastlos thätig, ihr seid Zauderer; sie sind immer außer Landes, ihr sitzt immer sein zu Hause; denn sie glauben durch Abwesenheit von der Heimath ihren Besitz zu mehren, ihr fürchtet durch Unternehmungen gegen Außen euren Besitz zu schädigen Wenn jene über ihre Feinde einen Sieg errungen haben, so beuten sie ihn aus's Gründlichste aus; werden sie aber besiegt, so machen sie sich sehr wenig daraus. Ihre Leiber geben sie für den Staat dahin, als wenn deren Besitz das Gleichgiltigste wäre; den Geist aber, insofern sie mit ihm für jenen wirken, halten sie für ihr eigentlichstes Besitztum, und wenn sie einen Plan nicht durchführen können, so glauben sie an ihrem Vermögen Schaden zu leiden; was sie aber durch eine Unternehmung gewonnen haben, dünkt ihnen gering gegen das, was sie noch durch ihre Thätigkeit zu erreichen hoffen. Und wenn ihnen einmal ein Anschlag mißlingt, so richten sie ihre Hoffnung auf etwas Anderes und thun sich damit ein Genüge; denn sie sind die einzigen Menshcen, bei denen die Hoffnung schon so viel wie der wirkliche Besitz dessen ist, worauf sie sinnen, weil ihrem Entschluß rasch die Ausführung folgt. Und so zerarbeiten sie sich ihr ganzes Leben hindurch unter Mühsal und Gefahren und genießen ihres Besitzes sehr wenig, da sie immer nur auf neuen Erwerb sinnen, und sie kennen kein anderes Fest, als thätige Erfüllung ihrer Pflicht, und unthätige Ruhe halten sie für kein geringeres Uebel als mühselige Arbeit, so daß Einer, der sie mit wenigen Worten schildern wollte, in Wahrheit von ihnen sagen könnte, sie seien da, um weder selbst Ruhe zu haben, noch auch Andere in Ruhe zu lassen."

  94. 1.71.1

    „Obwohl euch also ein solcher Staat feindlich gegenübersteht, ihr Lakedämonier, so zaudert ihr noch und wollt nicht glauben, daß nur diejenigen auf die Dauer sich der Ruhe erfreuen, welche zur Abwehr gerüstet zwar Gerechtigkeit üben, aber auch sich sichtlich entschlossen zeigen, kein Unrecht gegen sich zuzulassen; aber ihr glaubt das Rechte zu thun, wenn ihr Andern kein Leids zufügt und euch nur dann vertheidigt, wenn es ohne jede Gefahr für euch geschehen kann. Das möchte euch jedoch selbst dann kaum zu Theil werden, wenn ihr einen gleichgesinnten Staat zum Nachbar hättet. Für die jetzigen Verhältnisse aber sind eure Grundsätze gegenüber jenen ganz veraltet, wie wir bereits gezeigt haben. Wie aber in Künsten und Gewerben immer das Neue den Sieg davon trägt, so ist es auch hier. Zwar ist es einem Staate in den Zeiten der Ruhe das Beste, an seine Gesetze nicht zu rühren; wenn aber die Umstände zu allerlei Unternehmungen zwingen, so muß man sich auch in der Gesetzgebung zu manchen Neuerungen bequemen, weßhalb denn auch die Verfassung der Athener, die so Manches versucht haben, weit mehr als die eurige abgeändert wurde. So laßt es jetzt einmal eurer Langsamkeit genug sein, und kommt, wie den Andern, so auch den Potidäern, wie ihr versprochen habt, schleunigst zu Hilfe, indem ihr in Attika einfallet, damit ihr nicht schuldig werdet, befreundete und stammverwandte Männer ihren erbittertsten Feinden preisgegeben zu haben, und damit ihr uns Uebrige nicht nöthiget, in Mutlosigkeit unS einer anderen Bundesgenossenschaft zuzuwenden. Und damit würden wir fürwahr weder vor den eidbewachen den Göttern, noch vor verständigen Menschen Unrecht begehen; denn nicht die brechen den Bund, welche aus Verlassenheit sich Andern zuwenden, sondern die den Bundesgenossen die zugeschworne Hilfe nicht leisten. Wollt ihr uns aber Gehör geben, so bleiben wir bei euch; denn dann würden wir nichts den Göttern Wohlgefälliges thun, wenn wir die Bundesfreunde wechseln, und könnten auch keine anderen finden, die in der Gesinnung mehr zu uns stimmten. Darüber nun berathet wohl und seid bedacht, daß ihr den Peloponnes unter eurer Anführung nicht schwächer werden lasset, als die Väter ihn euch übergeben haben."

  95. 1.72.1

    So redeten die Korinther. Es waren aber schon vorher auch Athenische Gesandte anderer Geschäfte halber nach Lakedämon gekommen, und als diese von jenen Reden hörten, glaubten sie auch vor den Lakedämoniern auftreten zu müssen, nicht um sich gegen die Beschwerden zu rechtfertigen, welche die Städte erhoben hatten, sondern um im Allgemeinen ihre Meinung dahin abzugeben, daß die Lakedämonier nickt vorschnell einen Entschluß fassen, sondern reiflichen Einblick in die Verhältnisse nehmen möchten, und zugleich wollten sie ihnen einen Begriff von der Macht ihres Staates geben und die Aelteren unter ihnen an das erinnern, was sie selbst noch erlebt hätten, die Jüngeren aber über das belehren, wovon sie noch keine Kenntniß hatten, in der Meinung, die Lakedämonier würden sich durch solche Reden eher bewegen lassen, Frieden zu halten, als den Krieg zu beschließen. Sie kamen also und erklärten den Lakedämoniern, daß auch sie vor dem Volke zu reden wünschten, wenn dem Nichts im Wege stehe. Diese hießen sie auftreten, und so hielten die Athener folgende Rede:

  96. 1.73.1

    „Der Zweck unserer Gesandtschaft ist nicht, dem zu wider- sprechen, was eure Bundesgenossen vorgebracht haben, sondern die Besorgung der Angelegenheiten unseres Staates, mit denen wir betraut sind; da wir aber gehört haben, daß kein kleines Geschrei gegen uns erhoben worden sei, so sind wir hiemit aufgetreten, nicht um die Beschwerden der Städte zu widerlegen, — denn ihr wäret ja auch nicht die Richter, vor welchen in diesem Falle wir und jene zu reden hätten, — sondern damit ihr in so wichtigen Dingen euren Bundesgenossen nicht allzuleicht Glauben schenken und etwas Nachtheiliges beschließen möget. Zugleich wollen wir aber auch gegenüber all dem Gerede, das ihr angehört habt, zeigen, daß unser. Besitz nicht unrechtmäßig erworben ist, und daß unser Staat seinerseits wohl auch Berücksichtigung verdient. Von den ältesten Zeiten reden wir gar nicht, denn wir müßten uns dabei mehr auf die Zeugenschaft der Sage berufen, als ans die eigene Anschauung unserer Zuhörer; von den Perserkriegen aber und von dem, was ihr selbst noch miterlebt habt, müssen wir wohl reden, wenn es vielleicht auch lästig sein sollte, da ihr es euch bei jeder Gelegenheit müßt vorrücken lassen. Als wir jene Thaten ausführten, unterzogen wir uns der Gefahr des allgemeinen Vortheils halber, und da auch ihr von diesem thatsächlich mitgenvssen habt, so wollen wir uns wenigstens nicht die Erlaubniß nehmen lassen, davon zu reden, wenn es Vortheil bringen kann. Wir werden aber das nicht vorbringen, um uns in ein günstiges Licht zu stellen, sondern mehr um euch ein Beispiel und einen Beweis zu geben, mit wem ihr es zu thun haben werdet, wenn ihr nicht den rechten Entschluß faßt. Wir sagen also, daß bei Marathon wir allein US) es waren, die für die Andern gegen den Barbaren gekämpft haben; und als er zum zweiten Male kam, und wir nicht stark genug waren, ihm zu Lande entgegenzutreten, so sind wir bis auf den letzten Mann zu Schiffe gegangen, um bei Salamis mitzukämpfen, und das allein war eS, was die Perser gehindert hat, von einer Stadt zur andern zu schissen und den Peloponnes zu verwüsten; denn ihr wäret dann nicht im Stande gewesen, gegen so viele Schiffe euch einander zu Hilfe zu kommen. Den deutlichsten Beweis davon aber hat der Barbar selbst gegeben, denn als er in der Seeschlacht besiegt war, hat er, als ob er nun nicht mehr gleich mächtig sei, mit dem größeren Theile seines Heeres den Rückzug angetreten."

  97. 1.74.1

    „Dieser Verlauf der Ereignisse zeigt aber deutlich, daß die Rettung für Hellas in der Flotte lag, und dabei sind wir selbst mit den drei wichtigsten Dingen eingestanden: mit der größten Zahl der Schiffe, dem einsichtigsten Feldherrn und mit der entschlossensten Hingebung. Denn von den vierhundert Schiffen ' haben wir nicht viel weniger als zwei Drittel gestellt, und den ThemistokleS als Anführer, der am meisten daraufdrang, daß die Seeschlacht in der Meerenge ^bei Salamis^ geliefert werde, was eben den glücklichen AuSgang herbeigeführt hat. Auch habt ja ihr selbst von allen Fremden, die je zu euch kamen, ihn am meisten geehrt Aber wir haben auch die entschlossenste Aufopferung gezeigt. Denn da uns zu Lande Niemand zu Hilfe kam, weil alle bis auf euch schon unterworfen waren, so haben wir nicht angestanden, unsere Stadt zu verlassen und unsern Besitz dem Verderben preiszugeben, um die gemeinsame Sache der Bundesgenossen nicht im Stich zu lassen; und um durch unsere Zerstreuung nicht nutzlos zu werden, haben wir uns aus die See gewagt, ohne auf euch erzürnt zu sein, daß ihr uns nicht rechtzeitig zu Hilft gekommen wäret. Wir behaupten daher, euch nicht weniger genützt zu haben, als ihr uns. Denn ihr zogt damals aus euren bewohnten Städten aus, und zwar eben nur, um auch ferner noch darin wohnen zu können, weil ihr euretwegen, weniger unsertwegen besorgt wäret. Denn so lange Athen noch unbeschädigt stand, wäret ihr nicht zu sehen. Wir aber sind aus einer Stadt ausgezogen, die nicht mehr war, und haben den Kampf gewagt um sie, obgleich ihre Wiedergewinnung nur auf schwacher Hoffnung beruhte, und doch haben wir, wie uns selbst, so zum Theil auch Euch mit gerettet. Wären wir aber aus Furcht um unser Land zu den Persern übergetreten, wie die Andern, oder hätten wir uns später verloren gegeben und nicht mehr gewagt die Schiffe zu besteigen, so konntet ihr euren Seekampf nur bleiben lassen, denn ihr hattet ja zu wenig Schiffe, und der Barbar hätte dann in aller Bequemlichkeit die Dinge nach Wunsch durchgeführt."

  98. 1.75.1

    „Verdienten es also, ihr Lakedämonier, unsere Hingebung und unsere einsichtigen Anschläge nicht, daß die Herrschaft, welche wir jetzt besitzen, für die Hellenen kein Gegenstand solchen Neides wäre? Wir haben sie ja nicht mit Gewalt an uns gerissen, sondern sie nur übernommen, da ihr, was gegen den Barbaren noch zu thun übrig blieb, nicht zu Ende führen wolltet, und weil die Bundesgenossen uns von freien Stücken angingen und baten, die Anführung zu übernehmen. Weiterhin sind wir aber durch die Umstände selbst gezwungen worden, diese erst überkommene Macht auf den jetzigen Stand zu bringen, vornehmlich aus Besorgniß um unsere eigene Sicherheit, dann auch, um unsere Ehre zu wahren, und endlich, weil es unser Vortheil erheischte. Denn da wir den Meisten verhaßt, Einige auch schon von uns abgefallen und mit Gewalt zur Unterwerfung gebracht waren, so schien es nicht mehr mit unserer Sicherheit verträglich, durch Aufgeben der Herrschaft über sie uns neue Gefahren zu erwecken '), da auch ihr gegen uns nicht mehr gleich freundliche Gesinnung trüget, sondern bereits Mißtrauen und Zwist zwischen uns getreten war; denn es wären dann Alle euch zugefallen. Es sollte aber gegen Niemanden Neid erwecken, wenn er im Angesicht der größten Gefahren seinen Vortheil zu sichern sucht."

  99. 1.76.1

    „Ihr Lakedämonier führt ja auch die Oberleitung so, daß ihr den peloponnesischen Städten Verfassungen gebet, wie sie eurem Vortheil entsprechen Wäret ihr nun damals in der Oberansührung geblieben und dabei verhaßt geworden, wie wir, so wissen wir wohl, daß ihr den Bundesgenossen nicht weniger lästig gefallen wäret und auch nur die Wahl gehabt hättet, entweder die Herrschaft kräftig zu handhaben, oder selbst Gefahr zu laufen. So haben denn auch wir nichts Verwunderliches noch Unmenschliches gethan, da wir die angebotene Herrschaft annahmen und im Zwang der mächtigsten Triebfedern, der Ehre, der Sicherheit und des Vortheils, die Zügel nicht erschlaffen ließen. Auch sind wir ja nicht die Ersten, die ein solches Betragen einführen, sondern es war immer die Ordnung, daß der Schwächere von dem Stärkeren eingeschränkt wurde UND. Auch schienen wir unS selbst dieser Stellung würdig, und euch ebenfalls, bis ihr jetzt, euren Vortheil bedenkend, das Wort Gerechtigkeit in den Mund nehmt, welcher doch noch Niemand den Vorzug gegeben und sich von der Erweiterung seines Besitzes hat abhalten lassen, wenn die Gelegenheit eS gestattete, durch Gewalt etwas zu erwerben. Lob verdienen diejenigen, welche der menschlichen Natur gemäß sich der Herrschaft über Andere erfreuen und sich dabei gerechter zeigen, als es bei ihrer Macht nothwendig wäre. Wir glauben, wenn Andere an unserer Stelle wären, so würden diese selbst den besten Beweis liefern, ob wir mit Maß zu Werke gehen; uns selbst aber ist aus unserer Mäßigung ungerechter Weise mehr Verläumdung erwahcsen, als Lob

  100. 1.77.1

    „Obgleich wir unserer Machtstellung schon etwas vergeben, wenn wir die Streitsachen mit unseren Bundesgenossen vor dieSchiedsgerichte bringen lassen, und obgleich wir ihnen in unseren eigenen Gerichten völlige Rechtsgleichheit mit uns zu Theil werden lassen, so wird doch behauptet, daß wir streitsüchtig seien. Es fällt aber Keinem ein, daran zu denken, warum denn Andere nicht getadelt werden, die auch auswärtige Besitzungen haben und sich gegen ihre Unterthanen mit viel weniger Mäßigung benehmen, als wir. Wer Gewalt brauchen kann, dürfte nicht erst vor Gericht gehen. Jene aber sind gewohnt, mit uns unter völliger Rechtsgleichheit zu verkehren, und wenn ihnen durch einen Rechtsspruch oder in Folge einer Regierungsmaßregel durch Zwang etwas noch so Geringfügiges entzogen wird, was ihnen nicht in den Kopf will, so wissen sie uns gar keinen Dank, daß wir ihnen immer noch viel mehr gelassen haben, sondern sie erbittern sich über den kleinen Verlust mehr, als wenn wir uns von vorn herein über alles Gesetz hinausgesetzt und der Habgier ganz offen gestöhnt hätten. Und wären wir so verfahren, so würden sie wohl auch selbst nicht die Einrede gebraucht haben, daß der Schwächere dem Stärkeren nicht nachgeben müsse. Denn es scheint, als ob die Menschen sich mehr erzürnen, wenn ihrem Recht ein geringer Abbruch geschieht, als wenn sie mit Gewalt ganz darnieder gehalten werden. Das erste nennt man: von seines Gleichen betrogen werden, das andere: dem Mächtigeren nachgeben IV). Da sie von dem Perser ganz andere Dinge erdulden mußten, ertrugen sie es ruhig; unsere Herrschaft scheint ihnen drückend. Ganz natürlich: denn immer ist dem Unterworfenen die Gegenwart eine Bürde. Was nun euch betrifft, so möchtet ihr, wenn es euch gelingen sollte, uns zu stürzen und an unser Statt zu herrschen, wohl sehr bald die Gunst wieder verloren haben, die man jetzt aus Furcht vor uns euch zuwendet, wenn ihr anders noch ähnliche Grundsätze habt, wie ihr damals während eurer kurzen Oberanfnhrung gegen die Meder IV sie zeigtet. Denn was bei euch Gesetz und Sitte ist, ist es nicht bei den Andern, und noch schlimmer wird dies dadurch, daß Jeder von Euch, wenn er hinaus kommt VI sich so wenig nach Jenem richtet, wie nach dem, was bei den andern Hellenen Brauch ist."

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